Samstag, io, M8rz i&Qi Rh 1923 — Nr» 10 MLZM' WW M Wie Fichte seine Reden an die deutsche Nation hielt. Uchte« Heldengrvhe und Willenskraft macht feine Persönlichkeit wenso zu ernem hohen Vorbild, wie es feine Philosophie für »a« heutige Geschlecht darstellt. Dieser einzigartige Mensch, „mit Jerner Granitstirn und Aase, so knochig und feifern wie die wenigen cNefichter, die alles ändern, nur nicht sich", tote Jean Paul ihn genannt hat, stand in Deutschlands schwerer Zeit vor 100 Jahren, oa soviel« schwankten, unerschütterlich und ehern fest, etn mannhafter, fortreißender Führer zum Glauben an Deutschlands Zu- ^nft und an den Sieg der gerechten Sache. Dieses stolze Wesen Fichtes uns Heutigen tn ähnlicher Lage besonders teuer — tritt unei mit lebendigster Anschaulichkeit entgegen aus einem bei Z 8«essel in Leipzig erschienenen Werk „Fichte in vertraulichen »ttefcn feiner Zeitgenossen", in dem Prof. Hans Schulz Briefe, Tagebücher und Selbst auf zeichnungen der Männer und Frauen gesammelt hat, die F. persönlich kannten. Aeben den ©roßen der Zeit neben Kant und Goethe, Schiller und Wilhelm v. Humboldt, neben Hölderlin und Avvalis sprechen die Genossen des Alltags und fluchtige Besuche. Alle ihre Aeufterungen spiegeln die außerordentliche Wirkung wider, die der Philosoph auf seine Umgebung Am stärksten ergreift uns heute die heroische Haltung &je Fichte in der Franzofenzeit. da Prechen von fremden Eroberern besetzt und unterdrückt war, gezeigt hat. und diese Hal° mng fand ihren fchönslen Ausdruck in seinen „Reden an die deutsche Ration , die zu und mit dem vollen Klang gegenwärtigen Erlebens fprechen. Obwohl er damals bereits ein kranker und gebrochener Jpat1. wurde er doch zum Bekenner und zum Wegweiser Ijiic "sOikes. lieber den Eindruck, den seine Reden hervvrriefen, schreibt Bornhagen: „Der treffliche Mann sprach mit kräftiger Be- getsteNmg dem gebeug'en und irrezewordenen Vaterlandssinn Mut und Vertrauen zu, schilderle ihm die Gröhe der Vorzüge, die sich Deutsche durch Unachtsam leit und Entartung habe rauben basten die er aber gleichwohl jeden Augenblick als fein unser- austerltches Eigentum wieder ergreifen könne, ja solle und müsse und führte dafür als das tvahre, einzige und unfehlbare Hilfsmittel EE von Grund aus neuzugestaltende und folgerecht durch- zufuhrende VEserziehung an. Sein strenger Geist ging auf vollständige Umschaffung unserer Zustände aus, wobei er nichts weiter Kargte, als dah überall das Wesentliche im Sittlichen wie im Geistigen gefördert und ausgebildet, das Scheinsame und Hohle oagegen aufgegeben und seinem eigenen Absterben überlassen te«ö)e. bann, meinte er, werde sich ohne gewaltsame Umkehr, durch viohe Entwicklung aus dem Vorhandenen und Bestehenden die ganze Kraft und Herrlichkeit, deren die Nation seufzend entbehre, unmerklich und unverhinderlich von selbst hervorbilden." Jedermann empfand den Wagemut, der in diesen Reden lag «Sein geistig bedeutendes, mit aller Kraft der innigsten Ueber- #eugung mächtig ausgefproch-mes Wort," sagt Bornhagen, „wirkte besonders auch durch den auherordentlichen Mut. mit welchem ein deutscher Professor im Angesichte der französisch^ Kriegsgewalt. deren Gegenwart durch die Trommeln vorbeiziehender Truppen («eknwte dem Vortrag unmittelbar hemmend und aufdringlich tnahnend wurde, die von dem Feinde umgeworfene und nieder» Seyalteiie Fahne deutschen Volkstums auspflanzte und ein Prinzip verkündigte, welches tn feiner Entfaltung den fremden Gewalt» m. öen Sieg wieder entreißen und ihre Macht vernichten sollte, der Gedanke an das Schicksal des Buchhändlers Palm war noch ganz lebendig, und machte manches Herz für den unerschrockenen "Mann zittern, dessen Freiheit und Leben an jedem feiner Worte wie an einem Faden hing, und der durch die von vielen Seiten an ihn gelangenden Warnungen, durch die Bedenklichkeiten der preußischen Unterbehörden, welche Verdruß und Schaden für sich von den Franzosen befürchteten, io wenig wie selbst durch den Anblick eingedrungener französischer Besucher, sich tn dem begonnenen Werke stören lieft. Man konnte sie nicht ohne Ergriffenheit und Begeisterung anhören." Ueber die Sorgen der Seinen um Fichte in dieser Zeit schreibt seine Frau an Schillers Witwe: Dah Ihnen die „Reden an die Deutschen" gefallen, ist mir ein rechter ~r°i*£ oas Buch hat mir viel Angst gekostet, indem mir immer die Behandlung des. unglücklichen Palm dabet vorschwebte. So konnte ich keine Nacht ruhig schlafen, folange die Fremden da waren, dre hier viele Menschen beispiellos geängstigt haben. Das Buch ist mit inniger Liebe, dem dringendsten Pflichtgefühl und Ergebung geschrieben: denn daß man Gefahr lief, wußte der Verfasser wohh und ich danke Gott mit gerührtem Herzen, daß alle Ungetoitter glücklich vorüberzogen." 1813 im Morgenrot des Befreiungskampfes hielt dann Fichte noch seine Vorlesungen „Ueber die Bedeutung des wahrhaften Krieges", über die ein Student schreibt: »Diese Worte werden endlich die Welt überzeugen, daft die Philosophie nicht ein so leeres Hirngespinst ist, wie man gewöhnlich glaubt: diesmal geht sie aus den Mann und erdrückt ihren Gegner, wie Herkules den Antäus in den Lüften. Auch Napoleon hat sich immer auf bte Seite des gemeinen Bewusstseins gestellt und mit Verachtung von den „Ideologen" gesprochen. Dun aber haben llch die Idee und der Logos verbündet, und kündigen ihm den Krieg an; wer aus diesem Kampfe als Sieger Hervorgehen mutz, kann nicht zweifelhaft sein." Das Land der armen Lente. Von Wilh. Heinrich Riehl. (Wuft.) Gerade der Teil de« Wefierwaldes, der keine industrielle Geschichte leimt. Hat eine industrielle Zukunft, weil hier die Naturschätze nicht „nesterweis" liegen, wie auf der Rhön, sondern in großen Masten und Gruppen beisammen, rmd weil sie eine harte, mager lohnende Betriebsamkeit, dem Charakter von Land und Leuten entsprechend, voraussetzen. Ein merkwürdiges Beispiel: Es galt einen ganz eigentümlichen Industriezweig wieder zu erwecken, welcher der südwestlichen Ecke des Westerwaldes geradezu geschenkt ist durch die unerschöpflichen Lager des trefflichen plastischen Tones, aus denen man das sogenannte „steinerne Geschirr", die Mineral» wasterkrüge und dergleichen, fertigt. Die sämtlichen Mineralquellen des Taunus und der Lahn Hängen in diesem Stücke ab von den Westerwälder Krugbäckereien. Der Verbrauch ist aufterordentlich. Selters und Fachingen allein brauchen jährlich über zwei Millionen Stück solcher Krüge. Bis in weite Ferne werden Wester- Wälder Gefäfte fett alter Zeit verführt. Im Mittelalter mußten an diesen Tonlagern gelegene Gehöfie ihre Abgaben nicht in Geld, sondern tn Schüsseln an den Kurfürsten von Trier zahlen Ein ganzer Hof zahlte 600 Schüsseln und ein halber 300. Liefen die Abgaben dem Kurfürsten richtig ein, dann konnte er alljährlich einen ganz anständigen Schüsselmarkt tn Trier abhalten. Aber trotz dem vierhunderljährtgen Stammbaum dieses Jndustriecwetges lieft man ihn verkümmern bis auf die neueste Zeit. Die rohen Tonblöcke toanberten großenteils ins ferne Ausland, nach Belgien, Holland und Frankreich, um dort verarbeilel zu werden! Den Fährlohn, den man erhielt, die Blöcke zur Verladung an den Rhein zu schissen, nahmen viele als den höchsten für die Gegend aus dem edlen Rohstoff zu erzielenden Gewinn. AlS vor Jahren von Staats wegen eine Musteranstalt für die Verarbeitung des Tones, namentlich für die mehr künstlerische zu feineren Gesäßen, errichtet werden sollte, sträubte man sich dagegen, weil man den Frachtgewinn für die rohen Blöcke einzubüßen fürchtete! Erst als zuletzt der rechte Mann kam und ben Leuten aus dem Krugbäckerlande fast täglich ins Gewissen hinein predigte, das) nicht in der Ausfuhr des Rohstoffes, sondem in der möglichst verfeinerten Verarbeitung desselben der beste Gewinn für die Gegend liege, raffte man sich aus. Die Krugbäcker einten sich zu freien Innungen, die fröhlich gedeihen, warfen sich auf feinere, kunst- mähigere Arbeiten, die sich zusehends einen immer gröberen Markt erobern, so daß man jetzt dieses Handwerk nur noch künstlerisch etwas reicher befruchten mühte, um die alte hohe Westerwälder Krugbäckerei in eine Kunstindustrie zu verwandeln, die für den Westerwald ebenso bedeutsam werden könnte, wie die Hhren- macherei für den Schwarzwald. Aus dem hohen Westerwald brauchen die Kirschen zwei Jahre Zeit, um reis zu werden. 3m ersten Jahre nämlich wird die Frucht auf dem einen Backen rot und im folgenden aus dem andern. Mit diesem kleinen Zug hat der Volkswitz die ganze Obstkultur des Landstrichs meisterhaft gezeichnet. Man kann in minder Durch- schnittssumme rechnen, dah hier auf 4000 Morgen Landes etwa drei Morgen Gartenland kommen. Dem A tge des R x?i iländers macht es einen sibirischen Eindruck, dah längs der Landstraßen Ebereschen und in den Gärten wohl gar Tannen statt der Obstbäume stehen. Der Boden ist großenteils ausgezeichnet, aber der jähe Windstrom, welcher durchs ganze Jahr lie kahle Hochebene fegt, läht keinen Obstbau aufkommen, und die Näste die'es Rebel- unb Regenlandes hat selbst die edleren Getreidearten verbannt. „Rvrdteeststurm und aller Weiber Gegreine hat nimmer ein Ende." Das Register der vornehmsten Westerwälder Ackervslanzen läht sich leicht auswendig behalten: Kartoffeln, Hafer und Gerste. Gesottene Kartoffeln, Kartosselbrot und Kartrf elbranntwein sind der tägliche Küchenzettel gar manches HaiiSbal.S. Dazu streift morgens, mittags und abends der Kafseerefsel, der hier ganz in die häuslich gemütlichen Rechte des Teekessels der Küstenländer eingetreten ist. • Sowie der südliche Abhang des Westerwaldes eine selbständige Gewerbeblüte gewönne — und die Ratur hat so vielen Anhalt dazu gegeben — würde er aushören, ein vorgeschobener Posten Westfalens zu fein. Er würde aus dem verö'e en Grenzwnll ein wichti« er streitiger Grenzgau werden, auf welche > Nieder deutsches und mtmeldeutsches Kulturleben mindestens gleichen Anspruch erheben könnten. Auf der Rhön kreuzen sich die Heberlieferungen uralter Ar- mut mit denen früherer Gewerbsblüte. Die historische Armut haftet dort mehr an den einzelnen Tälern und Hochlagen als am ganzen Gebirg, Schon eine Menge Ortsnamen bezeugen dann als epigrammatische Geschichtsurkunden aus grauer Vorzeit, dah von Anbeginn Armut, Oebe und Düsterheit das Grundwese i solcher Striche gewesen sei: Sparbrod, Wüstensachsen, Kal ennordheim, Wildflecken, Schmalenau, Dürrhos, Dürrfeld, Todtemann. RabenstÄn, Rabennest, Teufelsberg, Mordgraben usw. 3m Geiste der E y- mvlogie des 18. Jahrhunderts leitete man den Rainen der Rhön selbst frischweg von „rauh" ab. Die Armut, wo sie von einer kargen Ratur ausgedrungen wird, erhält bis zu einem gewissen Grade das Volk hart und kraftvoll: die Armut der Zivilisation mach! das Geschlecht siech und elend. Der Westerwälder, ob er gleich wenig Fleisch isset, ist doch ein starker Mann. Die Weiber sind meist massiver von Knochen und Muskeln, als der Begriff weiblicher Schönheit verträgt. Die Wucht einer Westerwälder Faust, wenn sie Schläge austeilt, hat historischen Ruf. Jene deutschen Heerscharen, deren Blut den alten Oraniern die Freiheit der Riederlande erobern half, bestanden wohl großenteils aus Westerwäldern. Ja die alten kraftvollen oranischen Fürsten selber mögen zu den Westerwäldern gezählt werden: ihre Burg stand auf den Vorbergen unsres Gebirges, und die heimatliche Linde, worunter Wilhelm der Verschwiegene mit den holländischen Gesandten Rats gepflogen haben soll, ist ein Westerwälder Baum. And unvergessen ist noch immer die Kunde der glorreichen oranischen Vorzeit auf dem Westerwald. Es gibt heute noch alioranisch gesinnte Westerwälder genug, denen das Herz ausgeht, wenn sie die Volkslieder von den Heldentaten in Holland hören. Wer sich überzeugen will, dah die Geschichte Hollands ein Stück deutscher Geschichte ist, der möge die Heber« lieferungen des ehemals oranischen Westerwaldes ausforschen. Holland hat ein kürzeres Gedächtnis gehabt, als das deutsche Volk. Die Linde des Oraniers auf den Dorbergen des Westerwaldes hot, länger standgehalten, als die Erkenntlichkeit Riederlands gegen Deutschland. Solange es Volksgruppen gibt, deren volle jugendliche Triebkraft noch halb im Schlummer liegt, gleich der Triebkraft ihres heimischen, vom Anbau noch nicht ausgesogenen Bodens, Volksgruppen, die noch in den Flegeljahren ihrer Kulturgeschichte stecken. wie die Westerwälder Dauern, solange soll man noch nicht vom Ende Deutschlands reden. Wenn die Mittagssonne der Zivilisation die Ebenen bereits versengt hat, dann wird von den kultur- armen Berg- und Hochländen, der Odem eines ungebrochenen naturfrischen Volksgeistes wie Waldesluft wieder neu belebend über sie hinwehen. Man muh den Raturzuständen im Volksleben wieder gerecht werden und zwar nicht bloß in den Romanen, sondern auch in der wirklichen Welt. 3d) mochte, dah jede Seite dieses Buches für diesen meinen Glaubensar.iiel predigte, und wenn das vielleicht in Einseitigkeit geschieht, da in geschieht es doch jedenfalls auS begeisterter Hcberzeugung. Darum nehme ich den Wald in Schutz gegen baS Feld, baS Land gegen die Stadt, daS rohe, aber stark- und frohgemute jugendliche stcaturleben des Volkes gegen greisenhaft altklugen Sittenschlisf: und die Politit, welche solchergestalt mit der Erkenntnis von Land und Leu en anheb!, müßte eine färben- und gestaltenreiche f öhliche Kunst und Wissenschaft werden, nicht eine dürre, graue Kathederlehre. 3n den Proletariervierteln der Großstädte wohnt bas sieche, hektische, absterbende Volksle. en. 3n den abgelegenen Winkeln unsrer öden Gebirge dagegen, wo auch die armen Leute Hausen, ist der Kern deS Volkes noch immer kräftig und unverdorben, trotz der jahrhundertealten Oe.ßel von Hunger, Elend und Seuchen. Wie die Entartung untrer verbreitetsten Nutzpflanzen nicht vom mageren Boden, sondern von den fetten Fluren auSgega ig?n ist und sich von da eHidemisch als ein Fluch der HeoerfuLur über alleS Land verbreitet hat, so droht es auch mit der Entartung und Erkrankung beS Volkslebens zu gehen. Je e Ra ion. die nicht mehr eine gewisse Masse rohen Raturvoltes in ihren Ges amt kreis einschließt, ist ihrem Untergänge nahe. Kann sie sich ans sich selbst nicht mehr verjüngen, dann werden andre Völ e ü ’e; sie strömen, um sie wieder jung zu machen — aber freilich aus Kosten ihrer teuersten Besitztümer, ihres Stammes, ihrer Sprache, ihrer Sitte. Der halbgebildet Städter dünkt sich hoch erhaben über den ungefügen, weltfremden Dauern des Ge irgs, verspottet den einfältigen Mann und merkt nicht, daß ihn beriet;e seinerseits hinter« drein auslacht. Der wahrhaft Ge il ete dagegen er. e int und ehrt die Raturkraft und sittliche Tüchtig eit grat jener veri,samten Volksgruppen, die den härtesten Kam's ums Dn ein führen und denen dieser Kamps eine stählende Schule ist, wenn sie auch sonst blutwenig geschult sein mögen. Wer den Westerwald, den DogelSle g und die Rhön in ihrer schärfsten Eigenart beobachtet, wer den Eindruck von die ei Höhen alS „dem Leib deS VolkSgeisteS" mitnehmen will, der muß sie im Winter durchwandern, im Winter, wo der Siez der sp ö ei, unwirtlichen Ratur hier am vollkommensten erscheint und das Ringen und die Rot des Menschenba eins am schneidendsten sich dagegen abhebt. Kein andres deutsches Ge'ürg von g'- i h mäßiger Höhe wie der Westerwald sammel ein: s l he Hnmifi: toi Schnee auf seinem Rücken. An den Häusern, deren Strohdach ans der W-etterseite fast bis zur Erde herabzeht, wird der Schier vom Sturm oft dergestalt zusammwwefegt, daß man, von de - Weier« feite kommend, einen Hügel, nicht ein Ha is zu sehen glaubt. Der scharfe, weithin die L ft du H ringende G-ruch ' e aus st en Schornsteinen q''atmenben B mnnk 's len a che' macht, daß der Wanderer die verschneiten, in Rebel gehüllten Dörfer oft leichter auffinbet, trenn er der Rase, als wenn er dem Auge nachgeht. Der Fall, daß einer ein Dorf in der Ferne sucht, während er — auf der Wetterseite — unmittelbar vor den Häusern steht, ist in harten Wintern auf dem hoben Westerwald nichts Seltnes. Oft genug werden die niete-et Hütten derart verschneit, daß Jdea Insassen das Tageslicht ausgeht, und daß Stollen und Gewölbe durch den Schnee von einer Haustür zur aide m ge traben werden müssen, um den Verkehr mit den Ra chbant wie erher,u st eilen. Wird der Arzt aus ein Dorf gerufen, da tn muß ec nicht fei en vorerst Mannschaft aufbieten, die vor ihm her den Weg auffchguselt. Würde der Wald noch in größeren Massen ge' egt, dann wäre auch die Zwingherrschaft der Schneestürme zur Hälf e ce' rochen. Die vereinzelten Wälder erscheinen hier oben In ihrer schönsten BSenkung: als die Schuhhegen ter Landeskultur, als die Wälle und Vorburgen der Gesittung. Man fühlt da erst, was der Wald teert ist, wenn man, stundenlang vom Winde gezaust, plötzlich in seinen heiligen Frieden eintritt. Aus dem hohen Westerwalde hat man die Kirchhöfe fast überall am Waldsaume angelegt, selbst wenn man sie darum über die Gebühr vom Orte entfernen mußte. GS ruht eine dichterische Weihe auf dem Gedanken, baß die Leute ihre Toten vor dem Streit der Elemente in den schirmenden Burgfrieden beS Waldes geborgen haben. Der getealtije Schneefall mit seinem Gefolge von Unfairen und Abenteuern bat für Rhön. Westerwald und V ^elsbe-J zu einem ganz eigenen volkstümlichen Geschichten- und (Sage, if reue den reichen Stoss gegeben. ES liegt aber eine fiese Versöhnung mit dem Geschick in dein Hmflanbe, baß fast alle biefe Schneegeschichten, wie man sie sich hier in den Bauernstuben am Kachelofen, der „Hitze speien" muß, erzählt, einen humoristischen Grundzug haben. Der Schnee ist recht eigentlich der böse Dämon des Landes, und doch faßt ihn der Volkswitz am liebsten als den luftigen Kobold, der die Leute neckt linb anführt. Heber nichts wird den Fremden so viel vorgelogen und ausgeschnitten als über den ungeheuren Schnee. Es ist vorzeiten — 39 — fcn Schwaben nachgesagt worden, daß sie den Schnee zu rösten versuch! Hüsten, um ihn in Salz zu DertixmMn. Die Rhöner und Westerwälder aber wissen das Salz im Schnee zu finden, auch ohne daß sie ihn zum Rösten aus den Ofen streuen. Münchhausens Abenteuer vom verirrten Reiter, der des Rachts sein Pferd an ein aus dem Schneeseld einsam aufragendes Kreuz bindet, und des andern Morgens bei eintretendem Tauwetter entdeckst dah er es an das Kirchenturmkreuz eines eingeschneiten Dorfes gebunden habe, ist aus diesen Basaltbergen gewachsen und längst volkstümlich gewesen, ehe es in das Anekdotenbuch kam. Im Schnee liegt die Poesie dieser Gegenden, der liebe Gott hat sie nun einmal als Winkerlandschasten angelegt, und der Schnee verleiht ihnen den Silberschein des Absonderlichen, des Romantischen und Abenteuerlichen. Das ahnen die armen Leute, die in ihrer Art auch wissen, was Romantik heisst, und erzählen uns darum ihre Schneegeschich- ten mit demselben stolzen Behagen, mit welchem der Matrose die Fährlichkeiten des Meeres schildert, und einer will immer tiefer im Schnee gesteckt haben als der andere. Wer aber nicht selbst zum öftern mit darin gesteckt hat, der hält gar manches für Sage, was in der Tat strenge geschichtliche Wahrheit ist. Als ich am Ende des März die höchste Spitze der Rhön, den Kreuzberg erstieg, sand ich an vielen © eilen kleine Zweige, wie von niedern ©tauben aus dem Schneeseld aufragend; wagte ich's aber, mich ihnen zu nähern, bann brach ich bis an die Brust ein, und es waren stattliche Büsche gewesen, deren äußerste Wipsel nur noch zutage standen. Der Pater Guardian des Klosters zum heiligen Kreuz erzählte mir, dast er an ähnlichen Stellen wenige Tage vorher noch bis übers Gesicht versunken, und nur durch die angestrengteste Beihilfe seines Führers wieder herausgezogen wor- jden sei. Und in dieser Region ist die Bevölkerung noch größten* teils auf den Ackerbau angewiesen! Der Fuldaer Arzt Dr. Schneider erzählt in,seiner Beschrei- bung der Rhön, baß er einst im halben März zu einem Kranken in Rengersfeld gerufen worben sei, wobei er durch das Dach in das gänzlich verschneite Haus einft eigen mußte. Bei demselben Rengersfeld, einem in schauerlicher Wildnis gelegenen Dorf, fand ich im Frühjahr die meisten Feldwege zu den nächsten Dörfern über die Höhen noch ganz unbrauchbar für Reiter oder Fuhrwerk. Aus die Schneemassen hatte es kurz vorher geregnet, und so waren die Fahrgeleise wie die Tritte der Menschen und Pferde gleichsam in Eis eingegossen, darüber aber hatte stch inzwischen wieder eine neue leichte Schneedecke gelagert. Bei jedem Schritt gerät nun selbst der Fußgänger in Gefahr, in diese berbecf'en, fest ausgefrorenen Geleise und Löcher zu treten und den Faß zu verletzen, so daß ein jeder vorzieht, sich trotz deut seitab liegenden Steingeröll einen neuen Weg zu bahnen. Bei den steten Schneewehen kommt aber solchergestalt ein eigentlicher leitender Psad gar nicht wieder zustande, die Gegend wird geradezu weglos, und der Wanderer muß, tote man zu sagen pflegt, lediglich der Aase nachgehen. An den Südabhängen vieler Berge findet man den Schnee infolge vorher» gegangener warmer Tage mit einer festen, spiegelglatten Eiskruste überzogen Dies wiederholt sich in solchen Gegenden fast alljährlich; es ist der Ruin der Obstbäume wie der Wälder. Selbst das Wild geht durch diese den Frühling verkündende Metamorphose des Schnees vielfach jugrunbe. Rainen!lich brechen die Rehe mit ihren spitzen Klauen leicht in der Eiskruste ein und können sich bei den manchmal viele Fuß tief locker darunter angehänften Schneewehen nicht wieder herausarbeiten. Sv fand ich im Frühjahr 1845, welches durch die Eiskruste Über einer gewaltigen Schneedecke den Forsten besonders verderblich geworben war. an den steilen Derghängen des Westerwaldes, als der Schnee verging, zahlreiche von den Füchsen halbaufgefressene Körper von Rehen, die unzweifelhaft auf die beschriebene Art zugrunde gegangen waren. Wenn aber auch die warme Frühlingssvnne den Schnee ost genug und langsam wegzuschmelzen vermag, dann ist der Früh- ltngsdrang der Pflanzenwelt dennoch mächtiger als der Schnee. Man sieht dann wohl den Haselstrauch in voller Blüte aus dem Schnee aufragen und seinen gelben Blü'enstaub weithin über die starre weiße Fläche streuen. Ich toüß'e kein deutungsvvlleres Sinnbild für das gesamte Kulturleben jener Basaltgebirge als diese selbst im Schnee zur Blüte sich emporringenden Lenzesbvten. Aus der hamburgischen Seeschiffahrt. Don Rauticus. Hamburg. Es ist wieder das gewohnte Bild, das heute Hamburgs Hafen bietet Die Werften find in voller Tätigkeit, Schiffe kommen und gehen und bringen und holen, zahllose Kräne greifen In die tiefen Laderäume und über die weiten Kaistrecken rollen die Güterwagen in ununterbrochener Folge, ileberatl herrscht emsige Geschäftstätigkeit Etwas aber hat sich geändert. Schau nach dem Bug der Schiffe! Fremde Ramen in der Aeberzahl! Das ist die große Wandlung, die Hamburg die Auslieferung der Handelsflotte gebracht hat And dennoch zeigt sich auch heute schon wieder etwas Erfreuliches: Schisse, die der Auslieferung verfallen waren und unter fremder Flagge und fremdem Ramen fuhren, sind zurückgekauft worden und neue Schiffe haben die Heiligen deutscher Wersten verlassen. Sie tragen wieder die Ramen deutscher Länder, deutscher Städte und Rutscher Wälder und ihre Zahl wächst to steter Folge. And mit ihnen wächst und verbreitet sich das Retz der Aeberseelinien unter deutscher Flagge. Ein getreues Abbild dieser Aufbauentwicklung bietet Hamburgs größte Schiffahrtsgesellschaft, die Hamburg-Amerika-Linie, die heute bereits wieder nach Rord-, Mittel- und Südamerika, nach Ostasien, Afrika und der Levante regelmäßige Dienste unterhält. Raturgemäß war es das nordamerikanische Geschäft, das von der Gesellschaft zuerst wieder aufgenommen und in Gemeinschaft mit dem befreundeten Harriman-Konzern innerhalb kurzer Zeit am weitesten ausgebaut wurde, denn hier vollzog sich von jeher die Hauptverkehrsarbeit der Hapag. In dem anfangs nur mit Schiffen der ilniteb American Lines unterhaltenen Fracht- und Pafsagierverkehr zwischen Hamburg und Reuyork konn en 1921 die deutschen Dampfer „Bayern" und „Württemberg", Spezialschiffe für die Beförderung von Passagieren dritter Klasse, und ein 16 000= Dr.-Rg.-Tonner, der Kajülspassagierdampfer „Hansa" in Fahrt gesetzt werden. Eine bedeutsame Steigerung wird die Indienststellung der im Dau befindlichen, je 22 000 Br.-Rg -Tonnen großen Pastagierschnelldampfer „Albert Ball in" und „Deutschland", und der beiden neuen Kajülspassagierdampser „Th-uringia" und „Westphalia" von je 11 600 Dr.-Rg.-Tonnen. bringen, die schon in diesen Monaten ihre Fahrten auf der Reuhork-Route aufnehmen. Reben- bem wird mit einer Anzahl eigener und gecharterter Schiffe auch nach anderen novdamerikanischen Häfen, Boston, Baltimore und Philadelphia, ein regelmäßiger Frachtdienst unterhalten. Dem Verkehr nach Mittelamerika stellt die Gesellschaft heute schon wieder mehrere Linien zur Verfügung; eine Passagi rverbin- dung nach Cuba-Mexiko, in der die Doppelschraubendampfer „Hol» fatia“ und „Toledo", Schiffe mit Einrichtungen für Fahrgäste aller Klassen, Verwendung finden, eine Frachtlinie mit den Dampfern „Sachsenwald", „Schwarzwald", „Riederwald" und „Ciguria" und eine dritte Linie, der eigentliche Westindiendienst, auf dem zur Zeit die Frachtdampfer „Eupatoria", „Antiochia", „Adalia" und „Amas- fia" beschäftigt werben. An dem lebhaft entwickelten Verkehr nach der Ostküste Südamerikas ist die Hamburg-Amerika-Linie mit einer Passng er- und Frachtdampferlinie beteiligt. Die in dieser Dienst eingefHl en Passagierdampfer „Teutonia", „Rugia", „Galicia" und „Drden", ein Einheitsschifs für die B förberung von Dritterklassen-Passagiere, dem sich im kommenden Frühjahr auch die Schwesterschisse „Bayern" und „Württemberg" zugesellen werden, sind neben ihrer eigentlichen Bestimmung, der Fahrgastbeförderung, sämtlich auch in der Lage, Ladungen mitzunehm-n. Vier Frachtdampfer, „Sachsen", „Hessen", „Steigerwald" und „Fürst Bülow" erhöhen die Zahl der in diesem Dienst beschäftigten Schiffe auf zehn, Io daß von Hamburg vierzehntäglich eine Abfahrt nach der südamerikanischen Ostküste statt» finben kann. Auch mit der Westküste Südamerikas wird nach mehr als Zjähriger Anterbrechung wieder seit kurzem eine direkte Schiffsverbindung mit Hapagschiffen unterhalten. Der Dienst dorthin ist mit der Abfahrt des Dampfers „ Frankenwald" am 12. Dezember eröffnet worden. In monatlichen Abständen folgen die Dampfer „Westerwald", „Wasgenwald", „Altmark" und die Motorschiffe „Spreewald" und „Odenwald", die zur Zeit ihrer Vollendung entgegengehen. Die Schiffe sind zwar vorwiegend für den Frachtverkehr bestimmt, doch bieten sie auch einer beschränkten Anzahl Kajütspas sagieren Gelegenheit zur Aeberfahrt. Der besonderen CBebcutung entsprechend, die dem deutschen Handel nach dem Osten zukommt, sind Anfang dieses Jahres in ben bisher von englischen Reebereien allein unterhaltenen Dienst auch deutsche Schiffe eingestellt worden. 3m Gemeinfchaftsdienst englischer und deutscher Reedereien sandte die Hamburg-Amerika- Linie eine Anzahl wertvoller Reubauten nach Ostasien, nämlich die Motorschiffe „Havelland", „Münflerland", „Rheinland", „Erm- land" und den Dampfer „Preußen", sämtlich Frachtschiffe, die auch eine kleine Zahl Kajütspafsagiere Mitnahmen und von allen Freunden des Deutschtums freudig begrüßt wurden. Rach Afrika hat sich trotz Verlustes unseres wertvollen Kolonialbesitzes der Schiffsverkehr wieder überraschend entwickelt. Die in diesem Dienst vereinten Reedereien, die Woermann-Linie, die Deutsche Ostafrika-Linie, die Hamburg-Dremer-Afrika-Linie und die Hamburg-Amerika-Linie unterhalten einen regelmäßigen Post-, Passagier- und Frachtverkehr zwischen Hamburg und Madeira, den kanarischen Inseln, der Westküste Afrikas, Angola ©ilbteeft- ©üft- und Ostafrika. Reben den zurückgekauften Dampfern „Afat> und Otavi" Schiffen, die vorwiegend dem Frachtverkexr dienen, hat die Hamburg-Amerika-Linie jüngst den neuen Passagierdampfer Tanganjika" nach den afrikanischen Kaphäfen gesandt. Schließlich besteht auch wieder nach dem nahen Orient ein lebhafter Verkehr der von der Hamburg-Amerika-Linie übernommenen Deutschen Levante-Linie. 23 Reubauten sind in dieser Fahrt beschäftigt und bedienen in regelmäßigen Abständen die Häsen der Levante, Rordaf rikas, Kleinasiens, der Adria und des Schwarzen Meeres. Reben den Aeberseelinien wurde von der Hapag eine Reihe kleinerer, für die Schiffahrt unerläßlicher Zubringerdienste eingerichtet, so die Petersburger, Rigaer und Rheinhäfen-Llnie. Weiter sind in jüngster Zeit zur Erleichterung des Verkehrs mit den Verladern in größeren Städten Schiffsfrachtenkontore der Hamburg-Amerika-Linie eingerichtet worden. Sie sollen die bin* nenländischen Verlader durch rasche. zuverlässige und eingehende Auskunftserteilung über die Verlademöglichkeiten über See unterrichten, ohne sich selbst mit Speditionsgeschäften zu beschäftigen Auch die weitverzweigte Organisation der Hapag-Reisebureaus an allen grvheren Plätzen wurde weiter ausgebaut, so daß es dem Fahrgast, der eine Schiffsreise unternehmen will, in den meisten Fällen möglich ist, alle Auskünfte in feinem Heimatort zu erhalten. Ein gewisses Wiederaufbaustadium ist erreicht. Die wichtigsten Linien, die vor-dem Kriege von Schiffen der Hamburg-Amerika- Linie befahren wurden, sind wieder eingerichtet worden, wenn auch die Zahl der Schiffe, verglichen mit der Vorkriegszeit, gering ist. Leben ist überall zurückgekehrt, in den Kontoren an der Wasserkante und über See. Es wäre vermessen, wollte man deshalb bereits heute von einem Aufblühen der deutschen Schiffahrt reden. Der Verlust der gesamten Aeberseeflotte war zu gewaltig, und die Entschädigung, die das Reich in seiner Finanznvt den Reedern bieten konnte, viel zu gering. Auch ist die Schiffahrt ein zu wichtiges Glied der Wirtschaft grober Rationen, als dab die allgemeine Wirtschaftslage nicht auch aus sie zurückwirkte. Immerhin aber kann das bisher im Wiederaufbau der hamburgischen Seeschiffahrt Erreichte, nach all der Rot der Vergangenheit und in «ll der Rot der Gegenwart, die unsere Wirtschaft erschüttert, mit Freude erfüllen und Hoffnungen wecken auf eine bessere Zukunft. Goethe und Schiller im Verkehr. (Sine zeitgenössische Schilderung.) Der Geislesbund zwischen Goethe und Schiller, der den Höhepunkt unserer klassischen Dichtung darstellt, tritt uns aus ihrem Briefwechsel am großartigsten entgegen und wird auch in so manchen Berichten der Zeitgenossen lebendig. Aber während fast immer der hohe Flug des Ideals diese Bilder in eine gewisse unwirkliche Seine rückt, gibt es nur wenige Schilderungen, die den Verkehr der beiden Dioskuren in den alltäglichen Rahmen nüchterner Wirklichkeit stellen. ®in solches wenig beachtetes, aber durch seinen Realismus besonders wichtiges Zeugnis bietet ein Bckef von K. D. Funk an Schillers Freund C. G. Körner, der in dem bei R. Olden- dourg in München von A. Enzinger und W. Hausmann herausgegebenen Werk „Aus Deutschlands Vergangenheit" mitgeteilt wird. Es sind hier Stücke meist dichterischer Erzählkunst zu einer außerordentlich farbigen Geschichte der deutschen Kultur vereinigt, und unter dem vielen vergessenen und doch wertvollen Stoff, der hier neue Wirkung gewinnt, ist dieser Brief ein besonders interessanter Fund. „Schiller lebt ein sonderbares Leben," erzählt Funk. „Ausgemacht scheint es mir indessen, dab gerade diese Art von Existenz ihm möglich war, um das zu leisten, was er in den letzten drei Jahren geleistet hat,' aber ich fürchte, er wird dabei zjugrunde gehen. Ganz abgesondert von aller Gesellschaft lebt er in feiner eigenen Welt. Es kommt oft in mehreren Monaten nicht aus dem Zimmer, natürlich macht ihm nun schon die blohe Luft einen unangenehmen Eindruck. Doch würde ihn das nicht abhalten, zum Genuß der wirklichen Ratur und des geselligen Lebens zurückzu- kehren, wenn er da irgendeinen Ersatz für den hohen Genuh, den ihm seine Abgezvgenheit gewährt, finden konnte. Sein niedlicher wilder (junge macht seine einzige Unterhaltung mit der Welt, und gerade war auch die Baterliebe das einzige Bind, welches ihn. ohne irgendeine Art von Sinnlichkeit ernzumischen. doch vor Strenge und dem menschenfeindlichen Wesen eines Einsiedlers bewahren konnte. . . Goethe ist der einzige, der die Zeit, wo er in Jena ist, viel mit Schillern lebt; er kommt alle Rachmittage um 4 Uhr und bleibt bis nach denr Abendessen. Gewöhnlich tritt er schweigend herein, setzt sich nieder, stützt den Kopf auf, nimmt auch wohl ein Bach oder einen Bleistift und Tusche und zeichnet. Die stille Szene unterbricht etwa der wilde Junge einmal, der Goethen mit der Peitsche ins Gesicht schlägt, dann springt dieser auf, zaust und schüttelt das Kind, schwört, daß er ihn einmal wurzeln oder mit feinem Kopf Kegel schieben müsse, und ist nun, ohne zu wissen wie, in Bewegung gekommen. Auf alle Fälle taut er beim Tee auf, wo er eine Zitrone und ein Glas Arrac bekommt und sich Punsch macht. Schiller selbst wandelt, ja, man möchte sagen, rennt unaufhörlich im Zimmer herum, sehen darf er sich garnicht. Oft sieht man ihm sein körperliches Leiden an, besonders, wenn ihn die Erstickungskrämpfe anwandeln. Wenn es zu arg ist, geht er hinaus und braucht irgendein Besänftigungsmittel. Kann man ihn in solchen Momenten in eine interessante Unterredung ziehen, kann man besonders etwa einen Sah hinwerfen, den er auffaßt, zerlegt und wieder zusammensetzt, so verläßt ihn sein liebel wieder, um sogleich zurückzu.kommen, wenn an dem Sah nichts mehr zu erörtern übrig ist. Ueberhaupt sind ihm anstrengende Arbeiten das sicherste Mittel für den Augenblick. Man sieht, in welcher ununterbrochenen Spannung er lebt unb wie sehr der Geist bei ihm den Körper tyrannisiert, weil jeder Moment geistiger Erschlaffung bei ihm körperliche Krankheit hervorbringt." Die DreihAndertjahrfeier Von „Shakespeares Werken". Die angelsächsische Welt rüstet sich zu großen Feiern, in denen die 300. Wiederkehr des Jahres begangen wird, in dem „Shakespeares Werke" das Licht der Welt ervlickten. In einem Folio- bande, der bei seinem Erscheinen mit 1 £ bezahlt wurde, wurden, im Jahre 1623 herausgegeben: „Mr. William Shakespeares Komödien, Historien und Tragödien. Veröffentlicht gemäß den treuen Originalkopien, London. Gedruckt bei Isaak Jaggard und Eduard Blount 1623.“ Es ist dies die berühmte erste Folioausgabe von der gegenwärtig noch etwa 100 Exemplare überall in der Welt verstreut sind und die, wenn ein Stück auf den Markt kommt, je nach dem Zustand der Erhaltung viele Taufende Pfund erzielen. Die „First Folio" ist zweifellos nicht nur eines der seltensteq und kostbarsten, sondern auch eines der wichtigsten Werke, die je erschienen sind. Durch diese Ausgabe wurde erst Shakespeare der Welt geschenkt: vor ihr nimmt nicht nur die ganze Shake'peare- Wissenschaft, sondern fast unsere ganze Kenntnis des größ'ei Dramatikers der Weltliteratur ihren Ausgang. Zwei alte Buhnen- kameraden des ehemaligen Schauspielers und Theaterdirektvrs, Hemminge und Condell, brachten sieben Jahre nach dem Tode des Derfafsers diese Ausgabe heraus, die eine besondere Ehrung darstellte, wie sie damals nur Chaucer und Spencer, den beiden größten englischen Dichtern, zuteil geworden war. Hemminge, der erste Darsteller des Falstaff, der damals Direktor der von Shakespeare begründeten Truppe war, ging voran; er unterzeichnete an erster Stäle. Condell, der seit 1610 als Mitbesitzer des Globe» Theaters ihm gleich stand, folgte bescheiden hinterdrein, wie es auch bei der Aufzählung der Mitglieder der Truppe in amtlichen Akten geschieht. Mer Buchhändler teilten sich in das gefchäf lichr Wagnis, und sie sprachen am Ende der letzten Seite des Buches in diesem Sinne ihre Bedenken und Hoffnungen bei der Herausgabe aus. Als Schmuck war dem Werke ein Stich des Holländers Martin Drveshut vorangesetzt, der durch einige Verse Den Johnsons als ähnlich gepriesen wurde. Dann kam eine Widmung an zwei besondere Gönner der Bühne, an das „höchst edle und unvergleichliche Brüderpaar, die Grafen von Pembroke und Montgomery. „Eure Lordschaften," heißt es darin, „fanden so viel Gefallen an den einzelnen Stücken, da sie aufgeführt wurden, als dieser Bund, ehe die Stücke veröffentlicht wurden. Verlangen trag, Euch anzuhören. Wir haben sie nur gesammelt und dem Verstorbenen einen Dienst erwiesen, indem wir seinen Waisen Vormünder verschafften; weder Ruhen noch Ruhm für uns streben wir dabei an, nur das Airdenken eines so würdigen Freundes und Kameraden, wie unser Shakespeare war, wollen wir lebendig erhalten, indem wir Eurem höchst edlen Schutze demütig seine Spiele darbringen." In der dann folgenden Vorrede wenden sich die beiden. Her- tausgeber „an das große gemilchte Publikum" und baten es, doch Sa das Buch recht eifrig zu kaufen. „Diese Stücke," sagen sie, „bieten sich jetzt geheilt und mit ganzen Gliedern Eurem Anblick dar. Er, der ein so glücklicher Aachahmer der Ratur war, war auch ein höchst holder Dolmetscher derselben. Geist und Hand vereinigten sich bei ihm, und was er dachte, sprach er mit solcher Leichtigkeit aus, daß in seinen Manuskripten kaum eine Korrektur sich findet." Sie sind stolz auf ihre Leistung gegenüber den „gestohlenen und unechten Kopien, die vom Betrage und der Raubsucht unredlicher Fälscher verstümmelt und entfernt waren." Wirkstch haben sie sich auch mit der Textherstellung die größte Mühe gegeben, wofür wir ihnen gar nicht genug dankbar fein können, denn wenn wir ihnen überhaupt den größeren Teil der Werke allein verdanken, so besäßen wir die ändern ohne sie doch nur in verstümmelter Form, Mur 17 von Shakespeares Dramen waren bei seinen Lebzeiten gedruckt worden. Die beiden Herausgeber brachten 36 zusammen, wobei sie eine Anzahl unter seinem Ramen erschienener Stücke als unecht ausschlvssen. Rur bei 6 Dramen legten sie den Text der früheren Raubdrucke ihrer Ausgabe z:'.gründe; im übrigen benutzten sie die Theaterhawdschriften, die durch die große Feuersbrunst von 1866 alle vernichtet wurden. Die Forschung hat erwiesen, daß sie wirklich vollständige und zuverlässige Texte geboten haben und daß jede Reuausgabe von ihrer Leistung ausgehen muß. Mit besonderer Sorgfalt ordneten sie die Stücke an, nahmen als „Historien" nur die Dramen auf, die aus der englischen Geschichte geschöpft waren, während sie den „Trvilus" nur anhangsweise dieser Abteilung anschlossen. Ein Fehler ist ihnen nur passiert, daß fte „Gymbeline" unter die Tragödien rückten, obwohl die Stimmung des ganzen Werkes es mehr den Komödien nähert. Mit einem feinen Gefühl für die Wirkung stellte^sie die bedeutendsten Werke am Anfang und Ende jeder Abteilung und sorgten auch sonst für Abwechslung. Der Erfolg belohnte ihre Mühe. Die Ausgabe wurde soviel gekauft, daß sie 1632, 1633 und 1683 neu aufgelegt werden mußte. Der grimmige Theaterfeind William Prynne eiferte darüber, daß „Shakespeares Stücke auf dem besten Kronenpavter gedruckt sind, auf weit besserem als die meisten Bibeln", und ein Prediger klagte, die Leute lesen Shakefpeare mehr als die Bibel, Schriftleitung: August Goetz. — Druck und tBerUj d»- Brühlschen Univ.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange. Gießen.