samstag, 8. Dezemvtzr » 'WA 1923 — Nr. 49 Das Gebet. Don Alexander Puschkin"). haben keusche Fraun und fromme Klausner-Greise, älm aufzuschwingen sich in unsichtbare Kreise. Zu stärken sich das Herz im irdschen Kumpfgewühl, Gebete viel verfaßt voll innigem Gefühls Doch fernes macht mir so das Herz vor Rührung schlagen, Wie dieses, welches in den trauervollen Tagen Des großen Fastens stets der Geistliche inacht kund, kommt mir öfter noch, als alle in den Mund, alnd wunderbar die Kraft, die ich davon empfange: nicht, o Herr, den Geist der Herrschsucht, jener Schlange, Die lauert im Versteck, den Geist, der töricht spricht, Besagter Trägheit Geist gib meiner Seele nichtI Doch meine Sündeii laß, o Gott, mich immer sehen, □lat meinem Bruder laß nie ins Gericht mich gehen, alnd es belebe mir im Herzen deine Huld Den Geist der Demut, Lieb' und Keuschheit und Geduld!" Russische Musik in Deutschland. Don Professor Dr. Adolf Weihman n"). Es ist kaum ein Menschenalter her, daß die russische Musik als neue Macht in die Welt trat. Heute ist sie als die große Offenbarung einer anderen Volksseele, eines anderen Schauens fruchtbar geworden. Bon dem Augenblick an, toj der russische Musiker flügge wewen wollte, richtete er seinsnB'ich nach Deutschland. Deutschland galt als das Land der □RuftE; es hatte den Klassizismus und die Romantik in sich wachsen sehen: blickte aus eine tangfamt gewachsene Kultur zurück. Eben diese Kultur zu erwerben und damit die eigenen Kräfte 8u entwickln: das war der Ehrgeiz bei russischen Musikers. 3m Grund: gab es ja nichts dergleichen. Eine ungeheure Menge eir^eborener Musik ruhte, gärte in dem unermeßlichen Rußland. Alle Empfindungen waren mit Musik verknüpft: verlangten den Musikalischen Ausdruck. Denn das Ohr des Russen ist gierig im Auf saugen des Klanges und bereit, ihn schöpferisch zu bereichern' Seme Seele aber, zwischen leidenschaftlichem Ungestüm und hoffnungslosem Zusammeiisinken schwankend, will sich rein in seiner I Musik spiegeln. Der Schah einer Volkskunst, in Danz und Lied, ist da. Sie v?1 i.vren eigenen Rhythmus, eine ganze eigene Sehnsucht nach I »arbigfeit, die sich in seltsamen Schritten der Harmonie ausspricht. Aber der russische Dilettant, der so viel Reichtum in sich fühlt, braucht den Anschluß an Westeuropa. Er verehrt den deutschen I Musiker, er blickt zu ihm als zu seinem Meister auf. Der Deutsche aber, den neuen Klang vernehmend, empfindet j wS Starke, den Urlaut einer neuen Welt. Er hat sich seine | öorm .aus der Tiefe gebildet, er hat sich den Zug zum Jenseits m der Polhphonie von Johann Sebastian Bach aus bewahrt, j me Sonate neu geschaffen, die bürgerlich-romanische Musik eines | IKobert Schumann ist aus der Poesie der kleindeutschen Welt 8 geboren, und nun kommt Richard Wagner, die Romantik zu dem | ar an dieser Stelle schon eingehend gewürdigten Klassiker- I •4u«9abe &eg Bibliographischen 3 nstituts entnommen. | / Dem Sonderheft „Rußland" der Deutschen Gesellschaft für j AuSlandsbuchhandel" entnommen. I Dau des Musikdramas zusammenfassend: trotz alledem I erschließt swy der Deutsche der russischen Farbigkeit. Das Aa° I t'vnale in der Musik, seine Möglichkeiten für die Entwicklung j dm er Kunst, werden stärker noch a ls von Tschechen und □tot- | toegern, von »den Russen der allgemeinen Erörterung unter» I ^rettet. Die Quellen fliehen hier reich: r als anderswo. I _ . -Nan hat nun erlebt, wie der russische Musiker, der in dev I Heinmt keine Schulen vorfand, sich zunächst in die Lehre des I Deutschen begab, um ein vollwertiger Vertreter seiner Kunst zu I tverden: inan hat Michael Glinka sich dem trockenen deutschen I Kontrapunktiker Dehn anvertrauen sehen, um seine nationale I Oper schaffen zu können. Mit fieberhaftem Eifer lernten sie alle: I die Borodin, Cui, Rimskij-Korsakoff, die sich um Balakirew I scharten. Sie alle wollten auf die Kulturhöhe des musikalischen I Europaertums, zumal des Deutschtums, gelangen, ohne die Gefahr | »u. ahnen die ihnen drohte. Denn Schumann, Liszt, Wagner I waren wohl imstande gewesen, die Eigenart der russischen Musik I S" uickeiJraben. Glücklicherweise geschah dies nur selten. Das | russische Vobstam erwies sich stark genug, um der Verwässerung 3u entgehen. Immerhin wissen wir. wie sehr etwa Schumann« Romantik auf die russischen Musiker gewirkt Hut. Wir spüren es in Nicolaus Medlner, in Sergej Rachmaninow, und nicht zum wenigsten in Tschaikowskij, dem es zum ersten Male gelang, die deutsche Welt ganz zu erobern mit Sinfonien, die leicht gebaut doch diese» Zusammenfliehen zweier Welten, der bürgerlich- \ romantischen deutschen und der in gegensätzlichen Stimmungen schwelgenden russischen glänzend vertreten. Und hier ist selbstverständlich der □tarne Arthur Rikisch zu nennen, Ser mit künstlerischem Einfühlungsvermögen diese beiden Welten unter seinem Zauberstabe zusammenkl'ingen ließ. Das Werk gegenseitigen Verständnisses zwischen Deutschland und Rußland, das der deutsche Dirigent förderte, wurde durch Rikisch vollendet. * Dun aber, nach dem Kriege, sind die musikalischen Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland in ein neue« Stadium getreten. Die Wirkungen der russischen Revolution machen sich auch für die Musik fühlbar. War das kaiserliche Rußland enger mit Paris verknüpft als mit Berlin, so drückte sich das auch in der Musst! aus. Das russische Ballett fühlte sich vor allem in Paris heimisch, und ein Igor Strawinskij, der mit dem Dallettschöpfer Diaghileff arbeitete, atmete gern in der Pariser Luft. Auch dies hatte übrigens feine Vergangenheit. Der französische Meister Claude Debussy hatte sich aus dem Reiche Wagners, dem er sich ganz hingegeben hatte, zu dem russischen Volkstum gewandt und aus ihm frische Kraft für seine Kunst der Reflexe zu schöpfen geglaubt. Mussorgskij hatte dem französischen Impressionismus die feste Stütze geliehen, Strawinskij nun, der von der russischen Heimat seinen Rhythmus und älrklang mitgebracht und in der Pariser Luft die verfeinerte Zivilisation des Impressionismus erworben hat, gibt von beiden die berauschende Synthese im „Sacre du Prin» temps", einem Werk, in dem sich. Barbarentum und Verfeinerung in merkwürdigster Art verknüpfen. Deutschland hatte bis zum Kriege Tschaikowskij kennen und lieben gelernt, aber von den Einflüsien der beiden Russen Mus» forgskij und Strawinskij, deren Klang die gesamte auherdeutsche Welt erfüllte, mir wenig erfahren. □tun aber, durch die Revolution und ihre Folgen, ist dies 51,ai «I* »«««* Wt von einem deutschen Künstler zum gestaltendeii Rhychmus umge D^d^^blMNa in'mev die Eigentüml^eit deutscher W I DSk Waldteufel. &fa&ei,kor bat in einem Haus um Unterkunft, bann 111 einem Aus neuen Briefen Turgenjews. Unteren. aber schließlich hörte er zubitten auf Ersahdaß et^in " ,“ " i€to der große russische Dichter, war eine faszi- niemand auch nur eine Spur Mitleid erregte, unb wußte, daß nieÄ ÄÄit’ die & in ihren Briefen mit aller UnE^- er dies^ch vottau^vertont hatte. £eine Schuld -» -* - - ”* fcSäeaÄg 5t. Berlin herausgegeben wird Uchä Bild seiner Persönlichkeit, m der sich westliche Kultur Mit I echt russischer Ursprünglichkeit mischte. Der Dichter ber mit Pietsch, 1 tai Mannten Zeichner und Schriftsteller eine innige Freundschaft I schlossen hatte, äußert sich hier in seiner ganzen liebenswur- dwe>l Herzlichkeit und entrollt vor uns sein Zusammenleben nut 1 ber genialen Sängerin und Komponistin Pauline D1 ar bot 1 Garcia deren Haus in Baden-Baden der Mittelpunkt kunst- I irischer Geselligkeit war. Pietsch hat biese inteiessante Gessllchaft um Turgenjew in reizenden Zeichnungen festgehalten, die das Buch I schmücken' Bei aller bunten Leichtigkeit mit. der der zum guten i^rvpäer gewordene Russe Menschen und Dinge behandelt lfegt aber MH über seinen Briefen ein eigsntumllcher ^uch herbstlichei Schwerinut, ziigleich Mitgift seines Bockes und Gigebnis seiner I pessimistischen Lebensanschauung. BewuiideruiigswurMg ist es wie I Turgenjew in diese-i Briefen die deutsche Sprache beherrschst umso staunenswerter als er neben seiner Muttersprache zugleich auch 1 noch französisch wie ein Pariser sprach. Aiemals hätteer in einer I anderen Sprache als der russischen gedichtet. Man hat dies oft I von ihm behauptet aber er weist das entrüstet zuruck. „Wie kon- 1 ven Sie Stal baß ich eine Rotole in irgend einer anton Sprache als der meinigen — der russischen schreiben weide? I fragt er Pietsch, und ein andermal: „Was? Sie alter Freund unb | Gönner können glauben, ich hätte je eine Zeile m einer an , deren Sprache als der.russisch«'. S^'ebm?! Diese Schmach tun auch S ie mir an?! Ein Kerl, der sich als Schriftste»^ 8eric^unb in mehr als in einer - seiner Mutteilprache nämlich J^mbst ist meines Erachtens ein Lump und «n msteiables talentlos^ Schwein." Auch Turgenjews L i e be z u D eu t s chl a n d. wo er so viele Jahre verbrachte, ist cmgezweifett worden, sieaber hell aus seinen Briefen von 1870, in benen er über die ^iedeilage Aapoleons jubelt. „Was mich betrifft." schreibt er am 9. September 1870, „so bin ich, wie Sie wohl wissen, ganz und gar deutsch - schon darum, weil bet .Sieg Frankreichs der Freiheit Untergang gewesen toäre . . . Daß jener elende Schuft endlich samt semei ganzen Clique in die Kloake herabstürzte, dies erlebt zu haben, ist doch ein wahtes Glück." , „ »..r Diel Interessantes erfahren wir über das Schassen des Dlch^ ters Er klagt immer wieder darüber, daß er „ein sehr faules iier fei. „Je älter man wird, je schneller gleitet einem dms Leben unter den Fingern weg, unb man findet Zeit zu nichts obschon man eigentlich gar nichts tut.“ Trotzdem ist et beim Arbeiten Mit ganzer Seele dabei' „Ich habe einen großen Roman bet tot Römern angepackt," schreibt er am 21. Dezember I8S0, „weiß aber gar nicht, ob ich das Tier bewältigen werde Ich habe solange nichts geschrieben unb fühle eine innere — ich will nicht sagen Rtüdig- feit — aber doch Schlaffheit, die sich nur langsam verlierst Vielleicht geht es. doch, denn manchmal kommt es mir vor, ich konnte doch noch etwas sagen. Sv ein Glaube ist notwendig, obschon ein bischen einfältig.“ Hat er ein Werk vollendet, dann ist eß ihm gleichgültig. Rur nach tot Angriffen, die wegen seines Romans ^Däter und Söhne" gegen ihn in Rußland gerichtet wurden, bittet er Pietsch um etwas Reklame! „Sie schreiben mir, Sie müs- sen Rezensionen über „Väter und Söhne" machen. Gut! Machen Vie eine kühl unb streng, drücken Sie aber darin Ihre Befreun- — 195 Dem Alten begrub man hinter dem Kirchhof, da er verwerflich gelebt und ohne Deichte gestorben war, sein Töchterchen aber vernäh man ein wenig . . . Allerdings für kurze Zeit, im ganzen viel- wicht für einen Monat, aber als man sich einen Monat später an sie erinnerte, war sie nirgends zu finden. Man konnte aber annehmen, dah die Waise in eine andere Stadt gelaufen war oder in den Dörfern um Almosen bettelte. Mel interessanter war, dah mit dem Verschwinden der Waise ein anderer" seltsamer .Umstand zusammenfiel: bevor man nämlich- noch an das Mädchen dachte, bemerkte man, dah auch der Brezelbäcker Sseliwan spurlos verschwunden war. Gr verschwand so unerwartet und dazu so unüberlegt, wie es vor ihm sicher noch kein Flüchtling getan hatte. Sseliwan hatte entschieden von niemand etwas mitgenommen, selbst alle Brezeln, die man ihm zum Verkaufen mitgegeben hatte, lagen noch auf dem Brett, und ebenso unangetastet fand man auch das ganze Geld vor, das er für das Verkaufte eingenommen hatte; er selbst aber kehrte nicht mehr nach Hause zurück. Die beiden Waisen galten volle drei Jahre als spurlos verschollen. Da kam aber einmal der Kaufmann, dem der längst verödete Gasthof „am Kreuzweg" gehörte, auf den Jahrmarkt gefahren und erzählte, dah ihm ein Unfall geschehen sei: auf dem Knüppelweg habe er so ungeschickt kutschiert, dah ihn das umgestürzte Fuhrwerk schier erdrückt hätte, aber ein unbekannter Landstreicher habe ihn gerettet. Später aber erkannte er den Landstreicher, und es stellte sich heraus, dah es niemand anders als Sseliwan war. Der Kaufmann, den Sseliwan gerettet hatte, war keiner von denen, die gegen einen erwiesenen Dienst unempfänglich sind; um nicht dereinst beim Jüngsten Gerächt wegen Undankbarkeit zur Rechenschaft gezogen zu werden, wollte er dem Landstreicher etwas Gutes tun. „Ich will dich glücklich machen," sagte er zu Sseliwan. „Ich habe am Kreuzweg einen leeren Gasthof; geh hin, werde dort Wirt und verkaufe Hafer und Heu. Mir zahlst du im ganzen hundert Rubel Pacht im Jahr." Sseliwan wuhte, dah an der verödeten Strahe, sieben Werst vom Städtchen entfernt, nicht der richtige Platz für einen Gasthof tvar und er dort keine Reisenden zu erwarten hatte; aber es war das erstemal, dah man ihm einen eigenen Winkel anbot, und so erklärte er sich einverstanden. Der Kaufmann lieh ihn ein. 3. K a p i t e l. . Sseliwan kam mit einem kleinen, einrädrägen Mistwägelchen auf dm Hof; auf dem Wägelchen befanden sich seine Habseligkeiten, und auf diesen lag, den Kopf zurückgelehnt, eine kranke Frau in elen- dm Lumpen. Die Leute fragten Sseliwan: „Wer ist denn das?" Er antwortete: „Das ist meine Frau." „Woher stammt sie denn?" Sseliwan erwiderte kurz: „Aus Gottes Welt." „Was fehlt ihr?" „An den Füßen leidet sie." „Woher kommt denn das?" Sseliwan runzelte die Stirn und stietz hervor: „Von der irdischen Kälte." Weiter sprach er kein Wort, sondern hob den kranken Krüppel aus und trug ihn in die Hütte. Sseliwan war weder gesprächig noch überhaupt ein angenehmer Gesellschafter. Er wich den Menschen aus und schien sie sogar zu ürchten. In der Stadt zeigte er sich auch nicht, und seine Frau ah niemand mehr feit der Zeit, als er sie auf dem Mistwägelchen Üerhergebrächt hatte. Aber seitdem dies geschehen war, waren 'chon viele Jahre verflossen — die damals jungen Leute fingen chon an alt zu werden, und der Hof am Kreuzweg wurde immer baufälliger und unwirtlicher, aber Sseliwan und der hilflose Krüppel lebten noch- immer dort und zahlten sogar den Erben des Kaufmanns zum allgemeinen Erstaunen etwas für die Pacht. Wo nahm nur dieser Kauz das Geld her, das er für seine eige- Um Bedürfnisse brauchte und das er für den ganz verfallenen Hof zahlen muhte? Jeder wuhte, dah niemals ein Durchreisender dort hineinschaute, und dah kein Fuhrnrann dort seine Pferde fütterte; doch Sseliwan lebte zwar ärmlich, starb aber immerhin nicht vor Hunger. Das war die Frage, die übrigens die Dauern in der Umgegend nicht sehr lange quälte. Bald wuhten nämlich alle, dah Sseliwan es mit Leit unsauberen Mächten hielt . . . Diesen unsauberen Mächten hatte er recht vorteilhafte, für gewöhnliche Menschen sogar unmögliche Geschäftchen zu verdanken. Es ist bekannt, dah der Teufel rind seine Gehilfen die gröhte Lust daran haben, den Menschen alles Ueble anzutun; besondere Freude macht es ihnen aber, den Menschen die Seele so unerwartet zu nehmen, dah sie sich nicht mehr durch Buhe entsünöigen kön- Wer von den Menschen diese Ränke unterstützt, denr erweist e gesamte unsaubere Gesellschaft, als da sind Waldteufel, Wassergeister und Hexen, gern verschiedene Gefälligkeiten, wenn auch unter sehr schweren Bedingungen. Der Gehilfe der Teufel muh ihnen selber in die Hölle folgen — früher oder später, aber unweigerlich. Sseliwan befand sich in dieser verhängnisvollen Lage. •Um in seinem, zerstörten Häuschen leben zu können, hatte er schon lange seine Seele gleich mehreren Teufeln auf einmal verkauft, die ihm seit der Zeit mit allen Mitteln Reisende auf den Hos trieben. Aber niemand kam aus seinem Hofe wieder heraus. Dies geschah auf die Weise, dah sich die Waldteufel mit den Hexen verabredeten und plötzlich bei einbrechender Rächt Stürme und Schneegestöber erhoben, in denen sich der Reisende verirrte und sich beeilte, sich vor den lvsgelassenen Elementen ganz gleich wo zu verbergen. Sseliwan wars dann sogleich seine Schlingen aus: er stellte ein Licht in sein Fensterchen, und auf dieses Licht kamen zu ihm Kaufleute mit dicken Geldkatzen, Adelige mit geheimen Schatullen im Wagen und Pvpeir mit dreiklappigen Pelzmützen, die innen in ihrer ganzen Weite mit Geldscheinen ausgelegi sind. Das war seine Falle. Aus Sseliwans Tor kam keiner von denen, die hineingegangen waren, wieder heraus. Was Sseliwan mit ihnen tat, wuhte niemand. Wenn Großvater Ilja in seiner Erzählung an diese Stelle kam, fuhr er bloh mit der Hand durch, die Luft und erklärte eindringlich: „Die Eule fliegt — der Uhu zieht — nichts ist zu sehen: Sturm und Schneetreiben und . . . Mütterchen Rächt macht alles glatt." Um nicht in der Meinung Grohvater Iljas zu sinken, stellte ich mich so, als verstünde ich, was das bedeutete: „die Eule fliegt, der Uhu zieht", aber ich verstand nur das eine, dah Sseliwan ein Waldteufel sei, dem zu begegnen au heroröentlich gefährlich war. . . Möge Gott jeden davor behüten. Im übrigen bemühte ich mich, die schrecklichen Erzählungen über Sseliwan durch Umfragen bei anderen Leuten nachzuprüfen, aber alle sagten mir genau das gleiche. Alle betrachteten Sseliwan als einen schrecklichen Waldteufel, und alle trugen mir, wie Grvh- vater Ilja, aufs strengste auf, „zu Haufe niernand etwas über Sseliwan zu sagen". Auf den Rat des Müllers befolgte ich dieses Gebot der Bauern bis zu einem besonderen, schrecklichen Vorfall, als ich nämlich selbst in Sseliwans Klauen geriet. 6. Kapitel. 3m Winter, als man im Hause die Doppelfenster einhängte, konnte ich nicht mehr so oft wie bisher mit Grohvater Ilja und den anderen Bauern zusammenkommen. Man lieh mich nicht in den Frost, sie aber hörten auch bei der Kälte nicht zu arbeiten auf, wobei sich mit einem von ihnen eine unangenehme Geschichte ereignete, die Sseliwan wieder auf die Szene brachte. Ganz zu Anfang des Winters ging der Bauer Ritolai, ein Reffe Iljas, an seinem Ramenstag nach Kromh auf Besuch und kehrte nicht mehr zurück. Zwei Wochen später sand man ihn am Saume von Sseliwans Wald. Nikolai sah auf einem Baumstumpf, stützte sich mit dem Kimi auf einen Stock und hatte offensichtlich, als er sich ausruhte, nicht gemerkt, dah ihn das Schneegestöber bis über die Knie einschneite. Die Füchse hatten ihm schon Rase und Wangen abgenagt. Offenbar war Rikolai vom Wege abgeirrt, war müde geworden und erfroren. Aber alle mußten, daß dies nicht so einfach und nicht ohne Sseliwans Schuld geschehen sei. Ich erfuhr es durch die Mädchen, die in unserem Hause sehr zahlreich waren und fast alle Ännuschka heihen. Es gab da eine große Annuschka, eine kleine Annuschka, eine blatternarbige Annuschka und eine runde Annuschka und dann noch eine Annuschka mit dem Beinamen „die Flinke". Diese letztere war bei uns eine Art Reporter und sorgte auch für das Feuilleton. Ihrem lebhaften und mutwilligen Charakter hatte sie auch ihren Rufnamen zu verdanken. Rur zwei Mädchen hiehen nicht Annuschka — nämlich Revnila und Rastja, die eine gewisse Sonderstellung einnahmen, tveil sie in dem damaligen Orjoler Modenmagazin der Madame Morosowa eine besondere Erziehung erhalten hatten. Außerdem befanden sich drei Laufmädchen im Hause — Osjka, Mosjka und Rvsjka. Der Taufname der einen war Matrjona, der aridere Rajissa, wie aber Osjka in Wirtlichkeit hieh, weih ich nicht mehr. Mosjka, Osjka und Rosjka teuren noch minderjährig und wurden deshalb ziemlich wegwerfend behandelt. Sie liefen noch, barfuß herum und hatten nicht das Recht, aus Stühlen zu sitzen, sondern mußten unten auf den Fuh- bänkcken kauern. Ihre Pflichten bestanden in allerlei erniedrigenden Obliegenheiten, wie Tassen spülen, Waschbecken hinaustragen, die Zimmerhündchen spazieren führen und schnelle Gänge für das Küchenpersonal ins Dors machen. 3n den Heutigen Gutsbesitzer- Häusern kennt man einen solchen unnötigen Menschenüberfluh nicht mehr, aber damals erschien er ununtbehrlich. Selbstverständlich wuhten alle unsere Mägde und Mädchen viel über den schrecklichen Sseliwan, bei dessen Hof der Bauer Nikolai erfroren war. Anläßlich dieses Vorfalles erinnerte man sich auch wieder an alle seine alten Schelnrenstücke, die ich bisher noch nicht gekannt hatte. Jetzt kam eS auch, auf, daß der Kutscher Konstantin, als er einmal um Fleisch, zu holen in die Stadt gefahren war, aus dem Fenster: von Sseliwans Hütte ein klägliches Stöhnen und die Worte gehört hatte: „Ach, mein Händchen schmerzt, ach, er schneidet mir die Finger abl" Ein Mädckren, die große Annuschka, erklärte das so, dah Sseliwan während eines großen Schneegestöbers einen ganzen herrschaftlichen Kutschschlitten mit einer ganzen adeligen Familie zu sich gebracht hatte und den atellgen Ämtern langsam Finger für Finger abschnttt. Diese furchtbare Barbarei erschreckte mich entseh- lich. Daraus hatte ter Schuhmacher ein noch schrecklicheres und Lazu unerklärliches Abenteuer. Als man ihn einmal in die Stadt schickte, um Leder zu kaufen, verspätete er sich ein wenig und machte sich erst am späten Abend auf Den Heimweg. Bald erhob sich ein kleines Schneegestöber, was für Sseliwan ein Hauptvergnügen bedeutete. Er Pflegte dann gleich aufzustehen und aufs Feld hinauszugehen, um im Bebel mit den Waldteufeln und Hexen nach Herzenslust 311 kreisen. Der Schuhmacher wühle das und nahm sich in acht, aber das nützte ihm nichts. Sseliwan sprang direkt vor seiner Aase heraus und versperrte ihm den Weg . . . Das Pferd blieb stehem Zn sei- nem Glück aber war der Schuhmacher von Aatur aus kühn und sehr findig. Er trat anscheinend ganz freundlich an Sseliwan heran und sagte: „Guten Tag?" Aber gleichzeitig stach er ihn aus dem Aermel heraus mit einer großen, spitzen Ahle mitten in den Bauch. Das ist nämlich der einzige Ort, wo man einen Zauberer tödlich verwunden kann. Sseliwan aber rettete sich dadurch, daß er sich unverzüglich in einen dicken Werstpfahl verwandelte, in dem das scharfe Instrument des Schusters so fest stecken blieb, daß er es durchaus nicht mehr heransziehen konnte und sich von ihm trennen mußte, während es ihm doch ganz unentbehrlich war. Dieser letzte Vorfall war sogar eine kränkende Verhöhnung ehrenwerter Menschen und überzeugte alle davon, daß Sseliwan in ter Tat nicht nur ein großer Äebeltäter und hinterlistiger Zauberer. sondern auch ein frecher sserl war, dem man kein Pardon geben durfte. Man 'beschloß, ihm eine strenge Lektion zu erteilen. Aber Sseliwan wußte Bescheid und lernte neue Listen. Er fing an, sich zu verwandeln, b. h. er wechselte bei der geringsten Gefahr, ja sogar bei jeder Begegnung seine menschliche Gestalt und verwandelte sich mit einemmal vor aller Augen in belebte oder unbelebte Gegenstände. Freilich hatte Sseliwan, dank ter allgemeinen Erregung gegen ihn, trotz seiner großen Gewandtheit, doch auch ein wenig zu leiden. Ihn ganz auszurotten, wollte aber doch nicht gelingen. Der Kampf mit ihm nahm hin und wieder einen sogar etwas lächerlichen Charakter an, was alle noch mehr kränkte und aufbrachte. Nachdem z. B. der Schuhmacher aus aller Kraft nach ihm mit der Ahle gestochen, und Sseliwan sich nur dadurch gerettet hatte, daß es ihm gelungen war, sich in einen Werstpfahl zu verwandeln, sahen einige Menschen diese Ahle im richtigen Werstpfahle stecken. Sie versuchten sogar, sie herauszuziehen, aber die Ahle brach ab, und sie brachten dem Schuhmacher nur den zu nichts brauchbaren Holzgrifs. Sseliwan spazierte auch nach dieser Begebenheit im Walte umher, als hätte niemand nach ihm gestochen, und verwandelte sich in ein so echtes Wildschwein, daß er sogar mit Vergnügen Eicheln fraß, als ob ihm diese Frucht wirklich schmeckte. Am häufigsten jedoch flog er in Gestalt eines roten Hahns auf sein schwarzes, zerzaustes Dach hinauf und schrie von dort: „Kikeriki!" Alle wußten, daß es ihm nicht um das „Kikeriki" zu tun war, sondern daß er Ausschau hielt, ob nicht jemand komme, gegen den es sich lohnte den Waldteufel und die Hexe aufzuhehen, damit sie einen schönen Sturm erheben und ten Wanderer zu Tote zerren. Mit entern Wort, die Ehristemnenschen errieten alle seine Listen so gut. daß sie dem älebeltäter nie in die Falle gingen und sich sogar an Sseliwan für seine Hinterlist ordentlich rächten. Als er sich einmal in ein Wildschwein verwandelt hatte, begegnete er dem Schmied Ssawelij, ter zu Fuß aus Kromy von einer Hochzeit heimkehrte: zwischen ihnen gab es einen offenen Kmnpf, In dem ter Schmied ater Sieger blieb, weil er zu seinem Glück einen schweren Eichenprügel in ter Hand hatte. Der Werwolf tat so, als schenke er dem Schmied nicht die geringste Aufmerksamkeit: er grunzte laut und kaute an seinen Eicheln. Der Schmied ater hatte sein Vorhaben scharfsinnig durchschaut: das Tier wollte ihn nämlich torteifaff en, um ihn dann von hinten zu überfallen, umzuwerfen und samt den Sicheln zu fressen. Der Schmied entschloß sich, ter Gefahr zuvor- zufammen; er schwang seinen ^Knüppel hoch über dem Kopfe und ließ ihn mit solcher Wucht auf die Schnauze des Wildschweins nietersausen, daß es kläglich winselte, umfiel und nicht mehr aufstand. Als ater ter Schmied eilig davonging, nahm Sseliwan gleich wieder sein menschliches Aussehen an und schaute dem Schmied ton seinem Treppchen aus lange nach, offenbar in ter unfreundlichsten Absicht. Aach dieser schrecklichen Begegnung befiel den Schmied ein Schüttelfrost, vor dem er sich einzig dadurch rettete, daß er das Ehininpulver, das man ihm aus dem Herrenhause zum Sinnehmen schickte, zum Fenster hinaus in ten Wind strebte. Der Schmied galt als sehr einsichtig und wußte, daß Chinin und alle andere Apotheken-Ärznei gegen Zauberer nichts aus- richwn können. Er überstand also die Krankheit, band dann in einen rauhen Faden einen kleinen Knoten und ließ ihn im Misthaufen verfaulen. Damit war alles erledigt, denn sobald Knoten und Faden verfaulten, war auch Sseliwans Macht zu Ente. Und so geschah es auch. Sseliwan verwandelte sich nach diesem Vorfall nie mehr in ein Schwein: jedenfalls sah ihn niemand mehr in dieser unsauteren Gestalt. Degen den Schabenrack Sseliwans in Gestalt eines roten Hahns war man noch erfolgreicher: wider ihn erhob sich ter scheläugige Tchriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Müllersknecht Ssawka, ein kühner Bursche, ter am Weitschauente ft en und flinksten ton allen hantelte. Als man ihn einmal in die Stadt auf ten Markt schickte, ritt er ein sehr faules und eigensinniges Pferd. Ssawka kannte die Gemütsart seines Gauls und nahm heimlich aus alle Fälle ein tüchtiges Birkenscheit mit, mit dem er seinem melancholischen Buze- pHalus ein Souvenir in die Rippen zu schreiben gedachte. Etwas in der Art hatte er bereits getan und damit den Charakter seines Gauls soweit bezwungen, daß jener schließlich die Geduld verlor und ein to-enig zu springen begann. Sseliwan, der nicht erwartet hatte, daß Ssawka so gut bewaffnet war, flog bei seinem Herannahen sofort als Hahn aufs Dach begann sich zu drehen, nach allen Seiten zu schauen und sein „Kikeriki" zu krähen. Ssawka bekam vor dem Zauberer keine Angst sontern er sagte ihn vielmehr: „He, Bruder, du bist an ten Unrechte geraten, du entkommst mir nicht!" Ohne lang nachzutenken schleuderte er sein Scheit so geschickt nach ihm, daß ter Hahn nicht einmal fein „Kikeriki" zu Ente krähen konnte und tot herunterfiel Zum -Unglück fiel' er aber nicht aus die Straße, sondern auf den Hvf. wo er nur Die Erde zu berühren braicchte, um seine natürliche Menschengestalt wieder zu erhalten. Er wurde wieder Sseliwan lief heraus und verfolgte Ssawka mit demselben Scheit in ter Hand, mit dem ihn Ssawka traktiert hatte, als er als Hahn auf dem Dache krähte. Wie Ssawka erzählt, war Sseliwan diesmal so wütend, daß et «hm nur knapp entrinnen konnte: ater Ssawka war ein erfindungsreicher Butsch und wußte einen vortrefflichen Streich. Er wußte daß sein fauler Gaul mit eimnmal feine Faulheit vergaß, wenn rmn ihn dem Haufe, ter Krippe zuwandte. Das tat er nun- 2113 ofeHiüan, mit dem Scheit bewaffnet, gegen Ssawka losging, lenkte ssawka das Pferd sofort auf ten Heimweg und verschwand Er galoppierte außer sich tot Angst nach Hause und erzählte erst am anderen Tag ton ter schrecklichen Geschichte, die sich mit ihm begeben hatte. Und Gott sei Dank, daß er zu sprechen anfing: man tottc schon gefürchtet, daß er aus immer stumm bleiben werte. r.Kapitel An Stelle tes erfchreckten Ssawka wurde ein kühnerer Bot« ausgesandt, der Kromh auch erreichte und wohlbehalten wieder zurückkehrte. Ater auch dieser erklärte, als er die Reise hinter sich hatte, daß er lieber in die Erde versinken wolle, als an Sseli- wairs Hof torüberkommen. Auch die anderen fühlten das gleiche' die Furcht wurde allgemein; dafür wurde freilich Sseliwan von allen in verstärktem Äfaße beobachtet. Abo und in was er sich auch verwandelte, man entdeckte ihn immer und überall und suchte seine verderbliche Existenz in jeglicher Gestalt zu vernichten. Ob Sseliwan vor feinem Hof als Schaf ober Kalb erschien, man er« bannte ihn sogleich und schlug ihn, und in keiner Gestalt gelang es ihm, sich zu verbergen. Als er einmal sogar in der Gestalt eines neuen, frisch geteerten Wagenrades auf die Straße hinausrollte und sich zum Trocknen in die Sonne legte, wurde auch diese List entdeckt, und finge Leute zerschlugen es in kleine Stücke, so daß Achse und Speichen nach verschiedenen Richtungen auseinanter- flogen. Don all diesen Vorkommnissen, die die heroische Epopöe meiner Kindheit ausmachen, erhielt ich immer rechtzeitlg schnelle und glaubwürdige Kunde. Zur Geschwindigkeit ter üfachrichten trug diel bei, daß sich auf unserer Mühle stets ein wechselndes her gefahrenes Publikum befand, das zum Mahlen herkam. 'Während die Mühlsteine das mitgebracht Korn mahlten, mahlte der Mund ter Mahl- gäste mit noch größerem Eifer allen möglichen Ülnfinn. Von dort brachten die Mädchen Mofjka und Aosjka alle interessanten Geschichten mit, die darauf in verbesserter Redaktion mir mttgeteilt wurden. Ich dachte dann nächtelang über sie nach und schuf für mstch uirtz Sseliwan die fesselndsten Situationen, da ich zu ihm, trotz der Diirge, die ich über ihn hörte, in ter Tiefe meiner Seele eine starke, herzliche Zuneigung hegte. Ich glaubte fest daran, daß die Stunde kommen werte, in der ich mit Sseliwan auf eine ungewöhnliche Weise zusammentreffen müßte, und daß wir einander sogar noch viel mehr lieben würden, als ich den Großvater Ilja liebte, an tem mir mißfiel, daß eins feiner Augen, namentlich das linke, immer ein wenig lachte. Ich konnte durchaus nicht länger glauben, daß Sfeliwan seine übernatürlichen Wundertaten in böser Absicht tue; ich dachte sehr gerne an ihn, und sobald ich einfchlief, erschien er mir gewöhnlich still und gütig und sogar etwas gekränkt im Traume. Ich hatte ihn noch nie gesehen und koimte mir sein Gesicht nach den entstellenden 'Beschreibungen ter Erzähler nicht torsteilen, aber seine Augen sah ich, sobald ich meine eigenen zumachte; es waren große sehr tiefe und gütige Augen. Während ich schlief, befand ich mich mit Sseliwan im besten Einvernehmen; vor uns öffneten sich im Walde diele verborgene Höhlen, wo wir viel Brot und Fleisch und warme Schafspelze für Kinder versteckt hatten, die wir hervorhvlten, schnell zu den uns wohlbekannten Hütten im Dorfe trugen und vors Dachfenster rügten; wir klopften an, damit jemand herauS- schaue, und liefen selbst eilig davon. _ _______________________(Fortsetzung folgt.)_______________________ Brühlfchen Univ.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen-