Samsrag, 8. September 1923 — Nr. 36 ML Ilgggk MUiM WS &ä ®g W '•<■. . ■ ■ HB Irin :iSS?S MM WO Dürfen wir verzagen? Von Ernst Moritz Arndt. „toJ^ toerben bie Watten and Feigen kommen, die ohne Arbeit Mcklich und ohne Blut frei fern wollen, diese werden sprechens " 1 s ^5 putschen Landes genug, das andere kostet zuvrel Gefayr und Blut, darum mögen wir es den Franzosen lassen. Diesen sollst du nicht glauben; denn wenn du nicht wieder- Mwumst was des deutsHeri Landes jenseits des A Heines liegt so yast du diesen großen Krieg umsonst begonnen und geführt. Zug von zwei, manchmal drei Wagen, die durch ein unterirdisches Kabel getrieben wurden; das Publikum in diesem Stadtteil war vornehm, und ich mußte meine Fünfer in Handschuhen einsam- Zum Ersatz fehlte hier alle Spannung, und man wurde es '?ude, diese Villenmenschen anzusehen und anzuhören. , 7tn Hetncä Erlebnis war mir dann doch Vorbehalten für Weih- nagten 1887. 2lm ^eUigen Abend fuhr ich am Vormittag meinen Wagen zur Stadt hinein; ich hatte damals Tagesdienst. Ein Herr steigt auf und fangt ein kleines Gespräch mit mir an,; mutzte ich in dis Wagen Hinern, so wartete er, bis ich auf die hinterste Plattform, wo mmn Platz war, zurückkam, und nahm dann das Gespräch wieder auf Er war um die dreißig herum, blaß, trug «einen Schnurr- b-art und war sehr vornehm gekleidet. „Ich bin von Hause fortgefahren, wie ich ging und stand." fagte er. „Jet) wollte meiner Frau zuvorkommen." „Weihnachtsgeschenke," bemerkte ich. „Ganz recht!" antwortete er und lächelte Es war aber ein seltsames Lächeln, eine Grimasse mit dem Munde, em nervöses Feixen. „Wieviel verdienen Sie?" fragte er. Es ist das keine ungewöhnlich: Frage im Bankeelande, und ich gab also an, wieviel ich verdiente. „Wollen Sie zehn Dollar extra verdienen?" fragte er Ich sagten „3a.“ , ^5 nahm sein Taschenbuch heraus und reichte mir ohne wei- reifes bie -Banfnote. (§r 6-emerfte, er her große Pat jedoch verlangsamte die Fahrt nicht. Ich rief ihm zu, es seien Menschen in dem Bassin — keine Aenderung. Wir sahen jetzt deutlich den Kopf, es war der tolle lange Bursch, fet) tn seinem Loch stand, das Gesicht uns zugekehrt. Da setzte ich die Pfeife an den Mund und stieß ein starres Haltsignal hinein; Pat fuhr mit gleicher Geschwindigkeit; in einer Viertelminute mußte ein Unglück geschehen. Ich schlug an die Glocke, sie läutete, und dann sprang ich-nach vorn und ergriff die Bremse. Doch es war zu spät, kreischend fuhr der Zug über das Bassin, bevor er zum Stehen kam. ’ , „ . „ . ., , , Ich sprang ab; ich war verstört und besann mich nur daraus, daß ich einen Mann angreifen sollte, der Widerstand leisten würde. Aber ich bestieg gleich wieder The grip und hatte überhaupt an keinem Fleck Ruhe. Auch der Führer war wie verstört, er fragte ohne Sinn und Verstand, ob Leute in dem Bassin gewesen seren, und wie es habe kommen können, daß er nicht anhielt. Die lungg Dame rief: „Fürchterlich! Fürchterlich!" Ihr Gesicht war blutlos, und krampfhaft hielt sie sich am Sitze fest. 2lber sie wurde nicht ohnmächtig, und kurz Mrtraf stieg sie ab und ging iprer CßScgc. Es sammelten sich viele Leute an; wir fanden den Kopf des Verunglückten unter dem hintersten Wagen, fein Leib stand noch in dem Bassin; die Gabel der Maschine hatte ihn unter dem Kinn erfaßt und seinen Kopf mitgerissen. Wir schafften den Toten vom Geleise weg, es kam ein Konstabler hinzu, der ihn fvrtbrrngen sollte Der Konstabler schrieb auch viele Aamen auf, und mir konnten alle Passagiere bezeugen, daß ich geläutet und gepfiffen und zuletzt zur Bremse gegriffen hatte, Aebrigens hatten wir Straßenbahnleute selbst unferm Bureau Rapport zu erstatten. Der große Pat bat mich um mein Messer. Ich verstand ihn falsch und sagte, das Unglück sei ohnehin groß genug. Da lächelte der große Pat und zeigte mir seinen Revolver zum Zeichen, daß es ihm an einer Waffe nicht fehle, und daß er das Messer, zu keinen Dummheiten brauchen wolle, sondern zu ganz andern Dingen. Als er das Messer erhielt, sagte er mir Lebewohl: nun könne er nicht länger im Dienst bleiben; es tue ihm leid, aber ich müsse selber meinen Zug bis zur Endstation führen, da werde man mir einen andern Fahrer geben. And er erklärte mir, wie ichs anzufangen habe. Das Messer müsse ich ihm überlassen, sagte er, er wolle in einen ruhigen Hausflur gehen und da seine Aniformknöpfe abschneiden. Damit ging er. Es war nichts zu machen, ich mußte selbst zur Station fahren; es standen jetzt mehrere Züge hinter mir, die nur darauf warteten, daß ich von der Stelle komme. Hnt> da ich von früher ein bißchen Hebung mit der Maschine hatte, lief es ohne Anfall ab . . . Eines Abends zwischen Weihnachten und Reujahr war ich dienstfrei und schlenderte durch die Stadt. Als ich an einen Bahnhof kam, trat ich einen Augenblick ein, um mir den gewaltigen Verkehr da drinnen anzusehen. Ich ging bis ganz auf einen der Perrons hinaus und schaute mir einen Zug an. der abfahren sollte. Plötzlich ertönte mein Rame, ein lächelnder Mann steht auf einem Wagentritt und ruft mich an. Es war der große Pat. Es dauerte eine Weile, bis ich ihn erkannte, er steckte in /feinen Kleidern und hatte sich den Bart abnehmen lassen. Mir entfuhr ein kleiner, erstaunter Schrei. „Pst, nicht so laut! Wie ist die Affäre eigentlich abgelaufen? fragte Pat. e „Wir sind vernommen worden. Man sucht dich. Pat sagte: „Ick- reise in den Westen. Was hat man hier vom Leben? Sieben, acht Dollar in der Woche, aber davon viere zum Anter- halt. Ich- nehme mir Land, ich werde Farmer. Versteht sich, ich habe das Geld dazu. Wenn du mitkommen willst, wollen wir uns drüben bei Frisco Land suchen." „Ich kann nicht weg." ___ „Eben denk ich dran: hier ist dein Messer. Schonen wank. Rein, siehst du, das Straßenbahnleben hat keine Zukunft. Ich hab drei Jahre gedient und bis jetzt nie Gelegenheit gehabt, £»e Sache an den Ragel zu hängen." Der Zug pfiff. „Ja, Adieu," sagte Pat. „Hör mal, wieviel hast du von dem Mann bekommen, der überfahren wurde?" „Darüber bekomme ich telephonische Rachricht. Ich habe Lmite, die ihre Schritte lenken. Meine Frau wird ein braunes Pelzkostum tragen, Sie können Sie leicht erkennen - ste ist sehr schon. Wenn sie rchnmächtig werden sollte, so schaffen Sie ste ut die Apotheke nen vor, an denen man das Ringen des Bildners um dih endgültige Fassung spürt. Es handelt sich nach alledem um B r v n z e g ü s s e b o n W a ch s m v d e l l e n deren je- weiliger Zustand festgehalten wurde, weil der weiche Arbeitsstvff in dem heitzen Klima des Laiides seine Form bald verlor, um eine Anzahl von plastischen Mustern, die verschiede« verwandt werden sollten. Diese Muster waren bestimmt, in Gold oder Silber ausgeführt zu werden. Der Künstler erweist sich als ein Juwelier, der Radeln Armbänder und Schmuckplatten mit figürllcheni Zierrat herstellte; mit Hilfe feiner fertigen Dronzemodelle war er imstande, ! das Bedürfnis des Publikums nacf) Abwechselung zu befriedigen. I So erfahren wir aus der kostbaren Reuerwerbung des Hildesheimer i Museums nicht nur allerlei Ateliergowohnheiten eines griechischen | Kunstgewerblers, nicht nur belauscheii wir ihn fei seiner Arbeit, sondern auch seine Einstellung auf Käufer oder Käuferinnen wird uns lebendig. In der Heide beim FunAenturm. Bon H. W i s l i c e n h. Irgendwo in, Heidemoor ragt er auf, der spitze, luftige Eisens türm. Reugierig streckt er seine äußerste Spitze bis in das Bereich der Wolken hinauf. In solcher luftigen Hohe ist er Mlemherrscher über ein weites Gebiet; sein Horizont ist werter gesteckt als der unzähliger kleiner Menschenkinder. Schon diele Meilen weit sieht man den Radio tü rm von Eilvese. Man erblickt ihn vom Steinhuder Meer her und zahllose Wanderer der Weserberge, des Süntels und Deisters freuen fick des Anblicks der feinen Linie, wenn ihnen eine freie Hohe over ein Aussichtsturm einen klaren Fernblick gestattet. ^"dieser weiten Entfernung sieht man allerdings nur den ck-urrn selbst, noch, euer seine kleineren und noch feineren Begleiter mit besten zusammen der Hauptturm eckst das funkentelegraphische System auhersich tragt. Uin so mehr lockt aber die Ferne, den Turm und seine nächste Am- gebvng einmal in nächster Rähr zu schauen. Kann es dazu eine pasiendere Zelt als die fetzige geben, als die j eckige Zeit der Heideblüte? Spät kam sie in diesem Jahre, tote alles Manzen Wachstum, hingehalten durch den langenultenund nassen Frühsommer. Run aber, m der zwei en Augusthalf.e, holt sie das Bersäumte nach, und bis in den September hinein ^irb ißre diesmalige Dlütenpeinvde reichen. Im Moore rührt sich dieHeife zuerst; da röten sich die dichten Büsche schneller «ls auf sandigem Heideboden. Rie erlangt der Strauch hier eine solche Hofe und Äeppigkeit als int feuchten Moore. Hier wird das Heidekraut zum Heifebusch und Heidestrauch; der hochragenfe, oft fetomiiniu bot) Stenael ist stark verholzt und kräftig, die richtige Besenheide, und überreich ist das Moorrevier an Beeren aller Art:Hmdelbeerblstche, DrÄtzelfee en ' Moosfeere.i, Rauschbeeren, alle die DacciNium- Arten wackfen hier in üppigster Fülle. Änd das S°ch"i7diewm beberilcken vorwiegend Wollgras und Torfmoos. Aber in diesem Wa^ifereich wech sich doch vor allem bas Heidekraut Geltung zti vm-schaffen. allerlei Kräutern urwüchsigen Moorbirken und^Mvvrkiefern erhebt sich der Funkenturm von Eilnese einige Kilometer nördlich vom Steinhuder -tiiet. Ore näckstaelegene Stadt ist Reustadt am Rüfenferge. In wunderbarer Einsamke^ steht das sonderbare Gebilde aus Menschenhand da. Es summt in der Luft.' Woher der Ton? Es kommt aus dem Ma- sckinenhause und stimmt in seiner langen Monotonie so prächtig in diese Landschaft. Höchstens das) ihm im Heidekraut summende Immen die jetzt ihre feste Erntezeit haben, Konkurrenz machen. Das Moor — es hat mancherlei Ramen in seinen einzelnen Teilen: Totes Moor, Weißes Moor ufto.*— dehnt sich in unheimliche Weiten. Ein rechtes, echtes Torfmoor mit dem üblichen Birken- und Kiefeimanflug. Reben tiefbraunen Kolken, in denen das Waster ‘ scheinbar pechschwarz wie eine feste Masse liegt, stehen Tvrfhaufen die uralten Slratzennamen ermöglichen es dem Kenner, die i ganze Geschichte dieser Stadt aus ihnen abzulesen. Wenn wir | jetzt so viel Trauriges von den Zerstörungen in Tokio hören, | fo schwirren auch viele merkwürdige Ramen an unser Ohr, und I w wird es getoih interessieren, im Spiegel dieser merkwürdigen I Straßennamen sich ein Bild der Entwicklung der Hauptstadt auf- | zubauen. Tokio, das heiht „Hauptstadt des Ostens" erhielt diesen Ramen und diese Bedeutung erst 1868, als der Kaiser Mutsuhtto | feine Residenz von Kyoto hierher verlegte und die Dörfer j der ehemaligen f Fischerstadt B-do zu einer Riesenstadt verschmolz die heute fast drei Millionen Einwohner zahlt, afer m ihrer Ausdehnung noch sehr viel größer ist als andere Großstädte, da sich die einstöckigen Häuser von Rordost nach Sudwest 15 Kilometer und 10 Kilometer in der gar zu senkrechten Richtung ! ausdehnen. Schon einmal war Mdo Hauptstadt des japanischen Reiches gewesen, nämlich am Ende des 16. Jahrhunderts unter I her Schogundhna stie der Tokugawa. Damals stand von dem | heutigen Tokio nicht viel mehr als die Burg, hie dann spater I zu dem jetzt ebenfalls zerstörten kaiserlichen Palast umgebaut | wurde; an der sumpfigen Ebene der Bucht, die heute nach der Hauptstadt genannt ist, dehnten sich einsame Fischerdörfer. Bon I diesen mittelalterlichen Zuständen erzählen noch heute die I Straßennamen. So führt eine ganze Reihe der Tokioter Straßen 1 den Ramen alter japanischer Provinzen wie fee Surugastraße^ die Mikawastraße, die Isestraße u. a. Andere Straßen sind nach | Städten genannt oder auch nach Personen da viele Familien- i namen in Japan auf Ortsnamen zuruckgehen. Einige Straßen heißen nach berühmten Tempeln der Götter, so fee Hamman- I praße nach dem Kriegsgott des Shintoglaubens, fee Denten- straße nach der buddhistischen Göttui der Liebe und Schönheit. Rameii von Bügeln und Tieren erinnern daran, daß auf dem Grunde des heutigen Tokio vor noch nicht allzu langer Zeit Wäder standen und Jäger dem Weidwerk oblagen, z. B. fee Fasanenstraße, die Affenstraße, die Dachshohle u-. a., fee Fatt-n- straße erinnert an die hohe Blüte, die die Jagd mit Falken im ganzen japanischen Mittelalter genoß. Die alte Zunftemtellung nach der bestimmte Handwerke in einzelnen Straßen vereinigt waren, spiegelt sich in den Straßen, die Ramen von mittel- alterlichen Waffen führen, wie der Dogenstraße, Panzerstraße, I Helmstraße, Speerstraße. Bon friedlicheren Handwerken erzählen fee Porzellan-, Färber-, Holzhauer-Straße. Erneu eigenartigen Stand enthüllt fee Kleiderauffewahrer-Straße, fee öon fern niedrigen Samurai bewohnt wurde, die fee Sorge für fee Gcafe-- rvbe ihrer Herren trugen. Biele Straßen Hetzen nach Kucyen- geräten tote die Pfannen- oder die Rapfstraße. Mehrere Dutzend der Tokioter Gassen führen den Ramen „ Fust-schau-Straßen weil man von ihnen aus den berühmten heiligen Berg Japans sehen kann. Einer der wichtigsten Stadtteile, der ganz zerstört zu sein scheint und in dem viele Gesandtschaften untergebracht waren hat seinen Ramen nach der Hefestraße, die früher der Sih der Sakebrauerei war, bei der tote bet unserem Bier fee SsJe eine große Rolle spielt. Das Auswärtige Amt siegt in der Straße Kasitmigaseki, d. h. Refeltorstratze Dort stand früher «ns der großen Tore,, die der Fremde beim Emtritt tn fee Festung atefe passieren mußte. Die Japaner, sprechen von ihrem Ais- wärtiaen Amt wie wir von der „Wilhelmstraße als von dem Rebeltor" womit natürlich auch manch spöttische Bemerkung verknüpft ist. Der vielgenannte Hibijapark führt fernen 2iaineit Don dem alten Dorf, an dessen Stelle er liegt; der Hügel Kudan- iaki d h Reunstockhügel, auf dem das Kriegsmuseum um der Ätwel für die Seelen der Kriegsgefallenen lagen, fuhrt seine Benemrung nach einer neunstöckigen Pagode du- da Kandew Die Achtiändbänkestraße, eine der wichtigsten Geschäftsstraßen ^M»s mit glänzenden Geschäftspalästen, erzählt von fei Zeit, viertel, die Stätte der Geishas und der Lustfetrkeiten, beißt nach der Schilfwiese", die hier einst lag. Die Hauptstraße —okros, öle Ginzct d h. Silbersitz, heißt nach der Silbermunze der Schogune, die 1612 nach Pedo verlegt wurde. Modells eines griechischen Goldschmiedes. Bon Dr. Karl Anton Reugebauer, Kustos an den Staatlichen Museen zu Berlin. Bon jeher sind unter den Werken der bildenden Künstler auch ihre Entwürfe, und zwar von den raschen Aufzeichnungen des ersten Einfalles an, einem besonderen Interesse begegnet. Dich! nur wird die unmittelbare Frisch- einer Sfl^ ^0{|^t^'3^13^er’ den, sondern wir verlangen auch, je bedeutender sönlichkeiten oder Epochen sind, umso ungestümer nach^Er^en rn die Borgänge ihres Schaffens Rur selten kann der Ansikenfreund diesen Wunsch erfüllt sehen, denn zetchnettsch. Sktzgen tote, bild baneritcke Modelle des klassischen Altertums sind uns nur IN ge- ein ganz einzigartiger Brvnzefund, ver kürzlich tn das Beit zaeus-Museum zu Hildesheim gekommen und tn einer vorsiefflichen Arbeit von A lbert Appel, von Galjub", bekannt gemacht wirb. Wieder Einmal ist es der Boden des Wunderlandes am Ril der uns Schatz bescher. hack In einem Dörflein nördlich von Kairo soll eine Hausrmne den einfachen Topf enthalten haben, der fee Bronzen barg. Ob diese — 144 — zum Trocknen bereit. Aber man findet tn höheren Lagen unzählige trockne Stellen, von Heidekraut überwuchert, wo man prächtig lagern kann; nur darf man die Sonne und die Mücken nicht fürchten. Den Blick auf den Funkenturm gerichtet, kann man hier tvvhl etliche Stunden, in Ruhe geborgen und dem Weltenlärm entrückt, zubringen. Jeht erkennt man erst — trotz der noch immer achtunggebietenden Entfernung von etlichen hundert Metern — die Einzelheiten der ganzen Anlage: die Gebäude mit den elektrischen und sonstigen Maschinen, 6en Hauptturm und seine sechs Heineren Trabanten, alle festverankert und von besonderen Pardunen und Stahltrossen gehalten. Die Türme ragen trotz ihrer festen, starren Eisengefügs wie feine Filigranwerke m die luftige Höhe. Es ist, als ob sie bei dem Würde leise schwankten. Und von ihnen aus wob ein geheimnisvoller Meister ein Aetz von Drähten, durch deren Mund wir zu der ganzen Welt sprechen können. Das ist doch etwas höchst Eigenartiges, schier Rätselhaftes. Wellenbewegung ist alles. Der Mensch ist die Welle, das Ereignis ist die Welle — aber wer und was bringt die Wellen in Bewegung ? Der Wille, das Gehirn des Denkers und Erfinders. Er erkannte, bändigte und bezwang die Kraft: aber richtig begreifen und fassen kann er sie doch nicht. Er nannte sie mit einem fremdsprachigen Wort, kann heute alles damit machen, und doch ist Elektrizität nur ein Ausdruck, ein Wort. Das Wesen selbst bleibt uns ein Rätsel. Vielleicht liegt es ganz tief im Moor vergraben; im Schob der Aatur, von der es kommt und deren Bestandteil diese „Kraft" ist. Inmitten der .Urnatur, dieser eigenartigen, den Funkenturm umgebenden Landschaft, müssen unwillkürlich solche Gedanken kommen. Es sind keine Gegensätze, das wilde Heidemoor und das stolze Gebilde von Menschenhand! AeutzerliH zwar kontrastierend, ist doch beides auf die gliche Einheit zurückzuführen: Aatur und Naturwirken. Sv schreite ich sinnend durch das Heidemoor. Strengt man die Augen und Gedanken an, findet man manches. Wie hier z. B. zwischen Erika versteckt, die immergrünen Rosmarinheide (Andromeda), die im Mai in so herrlich zarten Glöckchen blüht, oder an anderer Stelle die insektenfressende, so unscheinbare, kleine Pflanze Sonnentau (Drosera). Eine kleine, rötlich glitzernde, feinhaarige Avsette, aus deren Mitte der Blütenstiel aufragt. Sv unscheinbar das Pflänzchen, so verhängnisvoll war es manchem Insekt, mancher Fliege, mancher Mücke, die der Sonnentau mit „Haut und Haaren" verspeiste. .------ Neuss 00m Mars. Der englische Astronom T. M. R h v e s, der seit mehr als einem Hahr den Planeten Mars durch ein Niesenfernrvhr auf Teneriffa, einer der kanadischen Inseln, aus einer Höhe von 8000 Fuß beobachtete, hat neue, aufsehenerregende Beobachtungen über Veränderungen auf diesem meistbesprochenen Stern in englischen Blättern veröffentlicht. Er schreibt darüber: „Der Mars erscheint weit davon entfernt, als ob er eine tote Welt sei. Gr zeigt deutliche Spuren von Beränderungen. Einige davon, die auf Teneriffa beobachtet wurden, sind die folgenden: Die dunkle Stelle, die nach ihrer Gestalt Shrtis Major genannt wird und jedem Marsbeobachter geläufig ist, hat ein Anhängsel erhalten: es ist ein Auswuchs an der Seite, der die ganze Erscheinung verändert und ihr eine fast viereckige Form gibt. 3m Jahre 1909 war noch keine Spur davon zu sehen. In der Periode von 14 Jahren haben sich mehr als 100 000 englische Quadratmeilen Land, die früher durch ihre fahlgelbe Färbung als „Wüste" charakterisiert wurden, tn ein dunkles Braun verändert. Bon den sog. „Seen" sind einige ungewöhnlich dunkel geworden und während einiger Monate so geblieben, besonders Lacus Solls, der vor einigen Jahren "fast unsichtbar geworden war. Gr zeigt sich nun als ein äußerst dunkler Fleck von etwa 400 Meilen Durchmesser. Einige der „Kanäle" haben sich verändert, merkwürdige Entwicklungen sind hier zu beobachten. Ein breiter „Kanal", der den 140. Meridian entlang läuft, wurde entdeckt; dieser ist entweder neu oder ein Wiedererfcheinert des „Kanals" Aethiops, der verschwunden war. Die meisten „Kanäle" sind sehr breit und haben grade oder gekrümmte Richtung: einige sind dunkel und ganz deutlich, andere trüber und schwerer zu entdecken. Die von Teneriffa aus aufgenommenen Marsskizzen zeigen nicht das weite und komplizierte Netzwerk wie die Kartmr von Pros. Lewell, aber die „Kanäle" sind doch auch hier deutlich eingezeichnet. Leuchtende kleine Flecken von fahlem Gelb wurden beobachtet und ebenso rosa Flecken in den „Wüsten". Diese Mrbungen mögen vulkanischen Ursprungs sein. Etwas, was Reif oder Schnee ähnelt und das am Morgen Verschwand, ist auf dem Mars festgestellt worden, so daß man auf Anzeichen von Frost schließen kann." Ueber die Möglichkeit des Lebens auf dem Mars äußerte sich Rhves dahin,,daß er an die Bewohnbarkeit des Planeten glaube. Rund um jeden der beiden Pole enthüllte das Fernrohr einen leuchtenden, runden, weißen Fleck, der im Marswinter zunahm und beim Herannahen des Warssommers sich verringerte. Daß diese weißen Flocken Polarschnee darstellen, wird allgemein angenommen.. Wenn aber Schnee an den Polen ist, so gibt es auf dem Mars nicht nur Wasser, sondern auch Luft, und da sich der Schneebereich der Marspvle etwa ebensoweit ausdehnt wie bei den Polarkreisen der Grd«, so kann man schließen, daßdas Klima Schriftleitung: Dr. Stiebt. Wilh. Lange. — Druck und Verlag de ähnlich ist wie bei uns. Die Veränderungen der Wrbung, die auf dem Mars beobachtet wurden, lassen sich am ungezwungensten erklären, wenn man sie mit Pflanzenleben in Zusammenhang bringt. Ein Beobachter, der aus dem Weltraum auf die Erde blicken würde, mühte ähnliche Veränderungen feststellen. Er würde die Steppmr im Frühjahr grün werden sehen, dann gelb werden durch Korn oder trockenes Gras und dann im Herbst braun werden. Sv ist also die Schlußfolgerung gestattet, daß der Mars Luft besitzt, Wasser, Wärme und eine beträchtliche Vegetation. Der Werdegang der Tapete. Die Tapete ist heute zu einem unentbehrlichen Teil unserer Einrichtung geworden, die viel zur Wohnlichkeit unserer Räume beiträgt und bei der man mehr als früher auf die Wahl einer warmen, stimmungsvollen Farbe Wert legt. Die Einbürgerung der Papiertapete ist aber kaum älter als ein Jahrhundert, und frühere Zeiten haben sich» mit anderen Wandbehängen und Wandbespannungen beholfen. Die interessante Geschichte der Tapete hat kürzlich der Stuttgarter Kunsthistoriker Prof. Gustav E. Pazau - r e k in einem bei Walter Hädecke zu Stuttgart erschienenen reich illustrierten Buch Largestellt. „Tapete", Teppich", „Tapisserie" — diese drei Worte gehen alle auf dieselbe Wurzel zurück, Las lateinische tapetum, das zunächst eine Decke, einen Fußbodenbelag bedeutete. In der Spätzeit der Antike kannte man auch schon gewebte Wandbehäuge, die an die Stelle der ursprünglichen Tierfelle traten, und seitdem waren lange Zeit „Tapisserien", d. h. solche gewebte Wai'.dbehänge, üblich. Doch nicht nur die Textilkunst sorgte für die Wandbekleidung, sondern daneben auch das Holz mit seinen geschnitzten und eingelegten Vertäfelungen, das Leder mit seinen Tapeten, die Keramik mit ihren bunten Fliesen, BergoIbeteS Metall, Glas mA seinen großen Spiegeln und sogar der Bernstein. Die frühesten Tapeten, die nicht mehr auf die Wand gespannt, sondern geklebt wurden, bestanden aus Seinen, Baumwolle Seide, Pergament und wurden durch Len Zeugdruck mannigfach geschmückt, der bis ins 18. Jahrhundert vorherrschte. Das Papier, das man hie und La schon seit dem 16. Jahrhundert verwendet hatte, konnte erst in Aufnahme kommen, als gegen Ende des 18. Jahrhunderts verschiedene Erfindungen gemacht wurden. Die bereits 1699 erfundene Walzendruckmaschine wurde durch Oberkampf 1785 verbessert, und 1798 ließ sich Louis Robert die Papier-Schüttelmafchine patentieren, die bald an Stelle der kleinen Papierbogen die endlosen Papierrollen setzte, die erst die Herstellung von Tapeten in unserem Sinne ermöglichten. In England wurden Papiertapeten in großem Maßstabe schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hergestellt, aber diese hochentwickelte englische Tapetenindustrie kam infolge der Revolution der napoleonischen Kontinentalsperre nicht recht nach Lein Kontinent, fand früher in Amerika Aufnahme Papiertapeten waren gegen Ende des 18. Jahrhunderts in^Deutschland noch eine Seltenheit, und als Goethe 1797 auf feiner Schweizer Reise im Gasthof „Zur Sonne" in Heilbronn abstieg, notierte er sich ausdrücklich: „Die Zimmer sind geschmackvoll und artig mit französischem Papier ausgeschmückt." Noch auf lange hin litt die ästhetische Entwicklung der Tapete darunter, daß man mit ihr frühere Wandverkleidungen nachzuahmen suchte. Die Tapetenmuster stellten Steinarten da, textile Gewebe aller Art, auch Nachahmungen von Holz, wie Täfelungen unb1 Bambusstäbe. 1835 kamen die ersten abwaschbaren Tapeten auf, aufdringlich glänzende Papiere, die alte Lackmalereien ober Holzbretter imitierten. Der höchste Schmuck der Papiertapete des Biedermeiers bestand in gotischen Ruinen, in Sandschaftsmalereien oder anderen Darstellungen, die den geschlossenen Raum aufhoben, indem sie eine offene Weite vortäufchten, und meistens farblos in Grifaille gehalten waren. Die erste Farbigkeit brachte bunte Blumenmuster: daneben gaben sich alle möglichen Kunststile hier ein Stelldichein, und man brachte sogar mit Wolle bestäubte Tapeten auf den Markt, die ein Textilmuster naturgetreu nachahmen sollten und einen höchst ungesunden .Unterschlupf für Ungeziefer gewährten. Erst spät kam die Erkenntnis, daß die Tapete den Raum abschließen soll, daß sie deshalb eines möglichst unauffälligen Flächenmusters bedarf und ihre schönste Zierde in der Farbe zu suchen ist. Die Neuschöpfer des englischen und des modernen Kunstgewerbes überhaupt, die Moris und Orane, verwendeten als Ornament stllisierte Pflanzen, die zum erstenmal dem Charakter des Papiers angepaßt waren. Die Bedeutung der Farbe für die Einrichtung der Wohnräume hat schon Goethe in seiner Mrbenlehre betont: er ließ, da ihm farbige Tapeten noch nicht zur Verfügung standen, die Wände seiner Zimmer einfach gelb oder lichtblau tönen. Der Wille zur Farbe spricht sich bei ihm zum erstenmal deutlich aus, und erst 100 Jahre später haben unsere neuesten Tapetenkünstler diese Farbigkeit ausgenommen, nachdem auch nunmehr die Industrie die Sichtechtheit und Waschechtheit der Papiertapete in vollendeter Weise gesichert hat. Die Aerzte erkannten den wohltätigen Einfluß bestimmter Farben auf die Gemütsstimmung, und dieser „sinnlich-sittliche" Wert der Farbe, der durch die Tapete in unsere Wohnung getragen wird, dürfte uns in den nächsten Jahren besonders wichtig fein, denn die Farbe wird, wie Pazaurek sagt, „in unserer politisch, sozial und wirtschaftlich schweren Zeit Las hauptsächlichste Element der Lebensfreude zu vertreten haben". Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.