1923 NÄechaltllkKblMMMHwrAnzeizerMenemI-AnMers. lZRS «fe.;»kflE7TS — 106 — We Stadt mtt stürmender Hanv entreißen, fte aber 1366 beim Frie- densschluh ohne Entschädigung zurückgeben. Bald nach dem Tode dieses kühnen und unbeugsamen Mannes sank der Stern des salkenstemischen Hauses. Bon seinen beiden Söhnen starb der eine frühzeitig und kinderlos, der andere war Erzbischof Werner von Trier, der noch einmal das ganze fallen- steinische Gebiet in seiner Hand vereinigte. Ms auch Werner (1419) ins Grab gesunken war, ging das Erbe, genau wie nach dem Aussterben des Hauses Münzenberg, an die weiblichen Linien über, und Lich gelangte nach mehreren Zwischenstadien 1420 an die Brüder Bernhard und Johannes von Solms und endlich 1436 in den Mleinbesitz Johannes', des Stifters der Linie Solms-Lich. Der bedeutendste Mrst dieser Linie war Graf Reinhard, der Feldhauptmann Kaiser Karls V., der erbitterte Gegner Philipps des Großmütigen von Hessen, dessen Festung Gießen er auf Befehl seines Herrn schleifte, als der große Landgraf durch List und Tücke in die kaiserliche Gefangenschaft geraten war, der Erbauer der Festung Ingolstadt, dem König Ludwig I. von Bayern dort über dem Kreuztor ein Reiterstandbild nach dem jetzt in der Halle des fürstlichen Schlosses stehenden Modell errichtete., Anter der Regierung dieses Mannes erhielt Lich das Aussehen, kms es in seinen älteren Teilen heute noch bewahrt. Der Ausbau der von seinem Bater 1510 begonnenen neuen Stiftskirche wurde fvrtgesührt. An die Stelle der alten Befestigungen der Stadt traten neue, der Zeit entsprechende Werke, von denen die mächtigen Wälle leider nur noch in Resten erhalten sind und bald ganz verschwinden sollen. Für den Kunstsinn und die Pietät Reinhards zeugen gleichermaßen die sechs Statuen, die er gemeinsam mit Graf Friedrich Magnus in der Stiftskirche durch den Mainzer Bildhauer Schrohe aufstellen ließ. Die äußeren Schicksale der Stadt in den unruhigen Zeiten des 17. und 18. Jahrhunderts unterscheiden sich nicht von denen der Ämgegend. Die Stürme des 30jährigen Krieges sind über sie hingebraust wie über ihre Rachbarstädie. Oft suchte das Landvolk Schuh hinter ihren Mauern. Anter den enge zusammengepferchten Menschen forderte die Pest zahllose Opfer. In den , ersten acht Monaten des Jahres 1635 starben 1225 Personen an dieser furchtbaren Krankheit. Am die Truppendurchzüge an der Stadt, vorbeizuführen, verkaufte 1644 Graf Ludwig der Stadt auf Wiederkauf einen Weg durch den Garten. Dies ist der Beginn der Oefs- nung des Schloßparks für die Oeffentlichkeit, ein Recht, das der Stadt indessen wieder verloren gegangen ist. Die jüngere Linie Hohensolms, die seit 1718 in der Herrschaft gefolgt war, wurde mit dem Grafen Karl Christian 1792 in den Reichsfürstenstand erhoben. Aber Lich sollte sich nicht mehr lange des Glanzes einer fürstlichen Haupt- und Residenzstadt erfreuen. Durch die Rheinbundsakte wurde es im Jahre 1806 zu einer hessischen Landstadt. « Lich als Hauptort einer großen, mehrere Dörfer umfassenden Mark, war Sitz eines Gerichtes. Schon lange vor der Verleihung der Stadtrechte, im Jahre 1247, treffen wir Schöffen und Centgraf und eine feierliche Gerichtsverhandlung unter freiem Himmel, in der der Landesherr, Alrich von Münzenberg, selbst den Vorsitz führt. Der Schultheiß als Vorsitzer erscheint erst unter den Falkensteinern. Sein Amt und seine Befugnisse gleichen den Verhältnissen im benachbarten Hessen, wo die Aemier des Schultheißen und Amtmannes bald eins, bald getrennt sind. Amtsträger sind meist Angehörige des Adels, oft längere Zeit hindurch einer und derselben Familie. Am die Mitte des 14. Jahrhunderts war es die Familie von Bellersheim. Ms .Unterbeamten erscheinen der Keller und der Centgraf. Das Schöffenkollegium wird aus den angesehenen Ortsbürgern gebildet. Schon im 13. Jahrhundert treffen wir das Handwerk in seinen Listen, was im 14. Jahrhundert zur Regel wird. Die Zahl der Schöffen schwankt. Gelegentlich nehmen am Gericht die Burgmannen teil. Sie gehören ihrer Herkunft nach meist dem niederen Adel der Wetterau, auch dem der weiteren Nachbarschaft an. In früher solmsischer Zeit begegnen wir Namen wie v. Rehe, Ahrhan u. a., deren Häuser teilweise noch heute nachweisbar sind. Von den Schöffen wurden — wie anderwärts — auch die städtischen Angelegenheiten verwaltet, jedoch wirkt hierbei der Schultheiß nicht mit. Das Amt des Bürgermeisters erscheint erst 1350 und dann gleich in doppelter Besetzung, die hinfort stets nachzuweisen ist. Gleichzeitig tritt als weiterer Faktor der Verwaltung der Rat hinzu, entweder als Erweiterung des Schöffenkollegiums oder als selbständige Körperschaft. / Sine etwas genauere Schilderung erheischen die kirchlichen Verhältnisse wegen der hervorragenden Bedeutung, die sie für das öffentliche Leben gehabt haben, und wegen des weitreichenden Einflusses, der von Lich ausgegangen ist. Sn Deutschland hatte sich noch vor Bonifatius die irv-schvttische oder culdäische Missionskirche ausgebreitet und am Ober«, Mittebund Niederrhein, am Main, in Thüringen und Bayern Klöster gegründet Mach Lehre und Organisation stand sie (m Gegensatz z« Rom, kannte die Heiligen Verehrung nicht, wie sie überhaupt nur die Heilige Schrift allein als Quelle der Erkenntnis anerkannt«. Sie Rom zu unterwerfen oder zu vernichten, zog Winfried-Bonifatius mit dem Segen des Papstes aus. Da er in Thüringen zunächst nichts ausrichtete, suchte er die vom Christentum noch wenig berührten Hessen zu bekehren. Aber auch in Hessen drangen nach ihm noch die Culdäer ein, und eine ihrer Kirchen sucht man im Licher Markwald. Leider wird die Frage wohl kaum gelöst werden, denn die Arckunde des culdäischen Bischofs BeatuS vom Jahre 810, die diese Nachricht enthält, ist uns nicht int Original überliefert und staun daher nicht ohne weiteres auf ihre Echtheit und ihren authentischen Text geprüft werden. Wenn ein phantasiebegabter Pfarrer und Geschichtsschreiber der hessischen Schottenkirchen in der Tatsache einer Licher Besitzung des Chorfrauenstifts Wetter im Hessischen Hinterland einen Beweis für das Vorhandensein einer culdäischen Kirche erblicken will, so ist dazu zu bemerken, daß Wetter der Aeberlieferung nach allerdings eine Gründung zweier schottischen Fürstentöchter, Almudis und Digmudis, ist, daß die ©rünbung aber erst in das Jahr 1015 gesetzt wird, also eher ein Einfluß von Lich nach Wetter als umgekehrt festgestellt werden könnte. Wir wollen daher das Ganze dahingestellt sein lassen und uns nur an das historisch Beglaubigte halten. Seit dem Jahre 1133 gehörte die Wetterau zur Diözese Mainz. Lich unterstand dem Archidiakonat St. Maria ad Gradus in Mainz und dem Archipresbyterat des Landkapitels in Friedberg. Zweifellos ist hier eine sehr alte Pfarrkirche gewesen, die schon lange vor ihrem ersten urkundlichmi Auftreten bestand und die Mutterkirche der Markdörfer wurde. Im Jahre 1239 wird ihre Gemeinde zum ersten Male genannt. Am Anfang des 14. Jahrhunderts zählt sie einen Rektor (Pfarrer), einen Vicepleban und einen Kapellan. Rektor und Pfarrer war 1315 ein Stiefsohn Philipps III. v. Falkenstein, Graf Otto von Ziegenhain, der Sohn Mechtilds Von Hessen. Früher als die Pfarrkirche wird 1210 eine ihrer Filialen, die Kapelle in Rodenscheid (jetzt Wüstung „Roter Schütt"), Begannt. Dort stand noch 130*6 ein Dorf, das aber bald darnach ausgegangeit sein muß, denn das Mainzer Shnodalregister des 14. und 15. Jahrhunderts meldet die Transferierung der Kapelle, d. h. ihrer Heiligtümer und ihres Gottesdienstes, nach der Kapelle auf dem Steinwege, wo wir wahrscheinlich eine alte Wallfahrtskirche zu suchen haben. — Ein anderes Filial, die Kapelle in Hausen, war im Jahre 1315 von der Mutterkirche getrennt und zur selbständigen Pfarrkirche erhoben worden. Man wollte mit dieser Maßregel der beginnenden Entvölkerung des Ortes und damit dem gänzlichen Eingehen der Kirche entgegenwirken. Das Kirchengebäude wurde in der Reformationszeit 1557/58 abgebrochen. An den ausgegangenen Ort erinnern heute noch die „Häuser Wiesen"; die Stelle, an der die Kirche stand, heißt noch jetzt „Der Kirchberg". Endlich war die Schlohkapelle ein drittes Filial der Pfarrkirche. 2m Jahre 1316 errichtete Philipp III. bei der Kirche ein der heiligen Maria geweihtes Kollegiatstift und inkorporierte ihm die Pfarreien Lich (mit dem Marien- oder Pfarraltar, dem Nikolausaltar und einem Frühmessealtar, später noch dem Trinitatis- und dem Johannesaltar, die mit Vikaren beseht wurden), Ober-Ohmen, Münster bei Bessingen und Bellersheim, deren Patron er war. Im Laufe der Zeit kamen eine größere Anzahl Kirchen und Kapellen hinzu; 1504 waren es außer den schon genannten die Pfarrkirchen Rieder-Bessingen, Hungen mit den Altären der heiligen Jungfrau, des heiligen Sebastian und der heiligen Katharina, so- svwie dem Marienaltar des Hungener Filials Langsdorf, ferner Großen-Eichen, Windhausen. Nonnenroth und Villingeir. Mle diese Kirchen und Mtäre bildeten die Benefizien, die von dem Kapitel des Stifts zu besetzen waren und die ihm reiche Einkünfte brachten. Hierdurch und durch weitere Stiftungen gestaltete sich Me Lage der Kanoniker mehr als auskömmlich. Das Stiftsvermögen wurde von dem Kämmerer verwaltet. Daneben lief dis Verwaltung des Pfarrkirchenvermögens, des „Baues", durch die „Baumeister" durchaus selbständig. An ihr ist die Bürgerschaft beteiligt; der eine der beiden „Baumeister" wird aus der Zahl der Kanoniker, der andere aus der der Ratschöffen auf bestimmte Zeit gewählt. Die Kanoniker wohnten in eigenen Häusern. Sie wählten ihre Prälaten: den Dekan, der an der Spitze des Stifts stand, den Scho- last und den Kantor, sowie die Inhaber der übrigen Stiftsämter frei aus ihrer Mitte und vergaben die Benefizien, d. h. die Pfarr- die Vikar- und andere Stellen, nach bestimmten Grundsätzen. Ihre Pflichten bestanden in Chordienst und Seelsorge. Die letztere liehen sie jedoch in der Regel — bei den auswärtigen Pfarrstellen immer — durch Vikare ausüben. Die Schule des Stifts diente hauptsächlich der Vorbereitung für den geistlichen Stand. Mit der Einführung der Reformation durch den Nachfolger des Grafen Reinhard Solms wurde auch das Stift reformiert und das Kollegium aufgehoben. Nur die Prälaturen blieben in gewissem Umfang als Titel der Pfarrer bestehen. Noch heute heißt der erste Pfarrer Stiftsdechant, der zweite Stiftspfarrer. Eines alten Brauches, der auf einer Stiftung aus dem Jahre 1417 beruht und sich bis in die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts erhalten hat, darf ich hier gedenken. Mljährlich auf Gründonnerstag wurden achtzehn armen Männern je zwei „Schone- au in ei jutreto Hof auf et Kanoniker We und l zehn Mäm Spende. Z ein Vierte! zwei Schor Wenn gehabt hat Minz, Ai : Hausen Hö* 1 nannten, k i Leben, dar Zum ( I ausgegang | dich. Don jung des ' tigen ztois< ! Men wir ; sichtbar sei Gang nach lich der St Dorschen v । mann, der ! lich belegt sirahe?), d i Das von ! I Dorf und I gleicher Ze Diese \ dem — toi j veilen, das Krieg schu! eben nicht Hierm! lieblichen £ Ich hr auch im KI stecken könn * Derständni es mir gelt erblicke ich die vorneh nichts ist u* Mts höher und Vater Drin Ms ii deutsche G die deutsch« Dolkschara durch die Vergleichs! zurichten, einigen Jc gelangten ein deutsch im ersten Verfasser Hause und horte. Die den von ik wer heims' Ivanzvsisch« Voltaire s< dm uns z Aus d , , Vergej suchung, tt dährte un dauernden, nthen, So, ohne Zahl guten Elte Trübsal d böllig zug, °M. Der t licher sind vR fürchte — 107 torte“ zu vier Heller unS zwei Heringe tot gleichen Wert gereicht, tzazu in einem Kruge ein Mertel Wein vom besten, der in Lich Mzutreiben war. Brot, Heringe und Wein wurden auf dem Kirchhof auf einer gedeckten Tafel aufgetragen, ein Prälat oder ein Kanoniker las das Evangelium, ein anderer, angetan mit der Meund bewaffnet mit einem leinenen Tuche, wusch jedem der acht-- >chn Männer den rechten Fuß. Dann erst erhielten die Leute ihre Spende. Jeder Priester des Stifts erhielt ebenfalls ein Brot und ein Viertel Wein, der, der den Leuten die Fähe gewaschen hatte, zwei Schonebrote und eine ganze Watz Wein. Wenn ich nun noch erwähne, daß auch Lich sein Leprosenhaus gehabt hat, und daß mehrere geistlichen Stifte wie Lorsch, Fulda. Minz, Arnsburg, Ilbenstadt und das Deutschordenshaus Sachsenhausen Höfe und andere Besitzungen in diesem Städtchen ihr Eigen nannten, kann man sich einen Begriff von dem regen geistlichen Leben, das hier geherrscht hat, machen. Zum Schlüsse noch ein Wort über die vier in der Gemarkung ausgegangenen Orte Hausen, Rodenscheit, Warnsberg und West-- wich. Don ihnen sind die drei zuletzt genannten für die Verteidigung des Markortes wichtig gewesen. Vom Warnsberg, dem heutigen zwischen Stadt und Albacher Teich gelegenen Dreuerberg, teilten wir, daß er eine Burg getragen hat, deren Reste noch sichtbar sein sollen. Don ihm hat der Sage nach ein unterirdischer Gang nach Rodenscheit geführt, wo — etwa 15 Minuten nordwestlich der Stadt — ebenfalls eine Burganlage über dem ehemaligen Dörfchen vermutet wird, wohl mit Recht, da ein ritterlicher Burgmann, der sich nach ihm nannte, für das Jahr 1306 zu Lich urkundlich belegt ist. Rahe dem Dörfchen zog eine alte Straße (Römerstrahe?), die 1322 als via lapidea prope Rodenscheit genannt wird. Das von Rodenscheit Gesagte gilt auch von Westwich, auch hier Dors und Burg, von der ebenfalls eine ritterliche Familie zu gleicher Zeit in Lich nachweisbar ist. Diese Dörfer sind nicht im 30jährigen Krieg ausgegangen, son- 6em — wie wir gesehen haben — schon viel früher. Auch sie be- beifen, dah der Volksmund meist nicht recht hat, wenn er diesem Krieg schuld an allen Verwüstungen beimißt, die sich das Volk eben nicht anders erklären kann. Hiermit will ich meinen äleberblick über die Schicksale dieses lieblichen Städtchens beschließen. Ich hoffe, Sie haben meinen Ausführungen entnommen, daß mich im Kleinen Interessant^ verborgen sein kann, und Probleme stecken können, deren Lösung sich lohnt. Gleicherweise wünschte ich das Verständnis der Heimat zu fördern, und würde mich freuen, wenn es mir gelungen ist. Die Heimat verstehen, heißt: sie lieben. Darum erblicke ich in der Erforschung ihrer Geschichte und ihrer Denkmäler die vornehmste Aufgabe unseres heimischen Geschichtsvereins, denn nichts ist uns in diesen schweren ZÄten notwendiger, und nichts darf «ns höher stehen als die unzerstörbare Liebe zur Heimat, zu Volk und Vaterland. Erinnerungen über Franzosengreuel in den Rheingebieten. Ms im Jahre 1792 die französische Aevolutionsarmee die deutsche Grenze überschritt und nach Mainz vvrrückte, da lernten die deutschen Dorf- und Stadtbewohner gründlich den französischen Dolkscharakter kennen in den ungeheuerlichen Prüfungen, die ihnen durch die anmaßenden Eindringlinge auferlegt wurden. Daraus Vergleichsbilder zu dem heutigen Treiben der Franzosen aufzurichten, ist zeitgemäß und lehrreich. Vor uns liegen dre vor einigen Jahren in rheinhessischen Zeitungen erneut zum Abdruck gelangten Memoirenblätter „Treue Geschichte der Drangsale, die ein deutsches Dorf bei Mainz (Fürstentum Rassau-Daarbrücken) im ersten Devolutionskrieg durch die Franzosen erlitten". Der Verfasser erzählt darin seine Knabenerlebnisse aus dem Eltern- Hause und was er darüber hinaus in nahem älmkveise sah und) ptte. Die „ Freiheitstruppen" waren ein liederliches Gesindel, das den von ihnen überfallenen deutschen Landstrich fast noch schlimmer heimsuchte als das heutige Heer der „Kulturnation". Der imnzvsische Vvlkscharakter offenbart sich, der „Tigeraffe", wie Voltaire seine eigenen Landsleute betitelte. Einige Abdrucke aus dm uns zu Gesicht gekommenen Blättern mögen dies belegen: Aus der Zeit der ersten Einquartierungen: , Dergegenwärtige ich mir diese Tage der schwersten Heim- fuchung, welche mit kurzen älnterbrechungen vier volle Jahre wahrte und in ihrem Gefolge neben den oft wochenlang fort« dauernden, Tag und Rächt sich wiederholenden, qualvollen Hn« Sorgen und Entbehrungen, materielle Opfer und Verluste ohne Zahl auferlegten, so bleibt es mir unbegreiflich, wie meine (jäten Eltern sich durch diese grauenvolle Zeit der schrecklichsten »ruvsal durchwinden konnten, ohne daß das ganze Hauswesen Eig zugrunde gerichtet und sie an den Bettelstab gebracht tour* $??• Der teilnehmende Leser dürfte dies mit uns umso unbegreif- Mer finden, wenn er vernimmt, daß während dieser Periode ffvr V^keMchsten Kriegsdrangsale meine Eltern eine dreimalige ^Eberung erfuhren, deren letztere nach erfolgter Sprengung w dMzüfischen Linien vor Mainz durch Elairfait einen ganzen 8 »ölten Tag hindurch dauerte, und uns außer den teeren Wänden über dem Haupte nicht einmal ein ganzes Stück Möbel übrig ließ. Und jahrelang wurde keine Besoldung bezahlt. Daß meine Eltern sich trotz der unerschwinglichen Leistungen durch jene tengwierige Drangsalsper-iode glücklich durchschlugen, und ihre ökonomischen Verhältnisse nicht, wie dies in so vielen anbereu Familien der Fall war, völlig zerrüttet wurden, das verdanken wir allein unserer trefflichen Mutter und ihrer umsichtigen Leitung eines streng geregelten Hauswesens. Als wir einmal mehrere Tage nacheinander burchmarschie- renbe Trupps von Volontärs, auch die Lkacht hindurch, beherbergt hatten, ließ sich schon wenige Stunden nach ihrem Abzüge aufs neue Trommelwirbel vernehmen, der uns.mehrere hundert Mann Infanterie zuführte. Vierzehn Tage sollten sie bei uns rasten, eine sehr unerquickliche Botschaft für die vielgeplagte Einwohnerschaft. Jeder Hausbesitzer erhielt zwei, drei dieser Gäste zugeteilt, und wir machten die Bekanntschaft von zwei Offizieren, die uns ihre Billette (Einquartierungszettel) überreichten und zugleich zwei Bedienten nebst zwei Pferden mitbrachten. Sie mußten auf ihr Verlangen in verschiedenen Zimmern unter« gebracht werden. ®ie Offiziere, roh und gemein, dabei aber hochmütig und zurückhaltend, nichts weniger als redselig, wie es sonst der gallischen Rasse Art und Weise ist, waren Wohl, wie damals Tausende ihresgleichen, aus der Volkshefe wie Pilze aufgeschossen. Sie ließen sich in ihren Zimmern bedienen und bewirten. Meine Mutter sollte demnach außer dem Haustisch noch drei anders decken. „Das werde ich zu ordnen wissen," sagte sie ganz ruhig dem Domestiken, der ihr den Befehl der Herren Offiziere überbrachte. Aus ber Küche eilte sie ins Zimmer, in dem sich die unholden Gesellen beieinander befanden. „Ich kann nur annehmen," redete sie die Herren an, „daß Ihr Domestik mich belogen hat, Ihr Befehl kann es unmöglich gewesen sein, jedem von Ihnen einzeln aufzuwarten an besonderen Tischen." „Hub warum denn nicht, Madame?" fragte der eine ernst und trocken. „Das kann wohl Ihr Ernst nicht sein," versetzte sie rasch. „Es ist keinem Ihrer Landsleute, die ich bisher im Quartier hatte, eingefallen, die Mühen und Beschwerden einer Hausfrau so übermäßig zu steigern und solche rücksichtslose Forderungen an sie zu stellen. Im Gegenteil, sie nahmen allesamt Platz an unferm Familientische und aßen mit uns, was wir gerade hatten. Doch, meine Herren, sollten Sie es mit Ihrem Ansinnen wirklich ernstlich gemeint haben, so erlläre ich Ihnen, daß ich Ihrem Wunsche oder Befehle nicht nachkommen werde,' suchen Sie sich ein anderes Quartier, Sie können ja Ihre Einquartierungsbillette umtauschen, dann bin ich vielleicht so glücklich, mit Ihren Stan* desgenossen, die uns zugewiesen werden, besser zurecht zu kommen." Betroffen standen die Reufranken da. Eine so runde, entschiedene Erklärung von feiten eines Weibes hatten sie wohl noch nie vernommen. Die unerwartete Szene hatte sie verblüfft. „Wollten Sie, Madame, uns beiden denn Nicht an einem Tische, und unfern Domestiken an einem andern servieren lassen?" fragt? nun der eine fast herablassend freundlich. „Das kann geschehen," sagte meine Mutter und entfernte sich Zwei Tage nach jener Szene luden die Domestiken ein halbes Dutzend ihrer Kameraden zu sich ein. Die Wohnstube meiner1 Eltern, die sie innehatten, füllte sich mit diesen von der Straße bereingerufenen Kindern der Republik, und alsbald begann in diesem Raume ein tobender Lärm, ein Schreien, ein tolles Rasen, daß einem Sehen und Hören verging. Besoffene, tobende Bauern* burfchen in der Schenke am Kirmestage bürfen harmlos spielende Kindlern genannt werden Im Vergleiche mit dieser Bande zügelloser Freiheitshelden, Hub wie greulich wild wurde die Marseillaise hervorgegurgelt, dann um die Reihe herum das „ca ira" und die schaurige „carmagnole" unter den wütendsten Gebärden und Tänzen weithinschaltend in alle Räume des Hauses und durch die geöffneten Fenster auf die Straße hinausgebrüllt: „Du vin, citvhen! Allons depechez-vous dvnc," (Wein, Bürger! Run, eilen Sie doch!) schrien um die Wette Maurice und Benoit. Aber mein Vater hatte ihnen außer dem gewöhnlichen Quantum, in einem "Kruge bestehend, bereits zwei andere gegeben, welches im Ru geleert waren, und nun auf Befehl in der eben vernommenen liebenswürdigen Manier wieder gefüllt werden sollten. Bonne mine ä mauvais jeu (gute Miene zum böse . Spiel), dachte mein Vater, dem bösen Hunde lieber zwei Stücke! Gefüllt reichte er ihnen die beiden Krüge hin mit der Bemerkung, sich in etwas zu moderieren. „Wein ist kein Wasser, sagte er ihnen, „wenigstens hier bei uns nicht, was ihr von euenre Getränke auf Tisch und Boden verschüttet — bildet euch nicht ein, daß ich so töricht sei, es euch zu ersetzen. Dies ist die letzte Portion, dis ich euch verabreiche, wonach sich zu richten." Unter greulichere Flüchen und Drohungen taumelte der ®e* Ms seinen Kameraden entgegen, welche «den aus dem Shumer — 108 — fle wohl ein Schristleitung-! t % Ernst Blumschein. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch« und Gtetndruckerri, X Lange, ©Ub®1- Ohne es zu beachten, begab sich mein. Vater in sein Zimmer, wohin wir uns alle geflüchtet hatten. Da aber vernahmen wir das Klirren von Fensterscheiben. Wiederholte Faustschläge schleuderten mehrere Schalter auf die Strahe Die dadurch entstandene Lücke an zwei Fenstern lieh mein Vater nicht ausbessern, mochten die Domestiken an den folgenden Lagen noch sooft daran erinnern. Es war ihre Schlafstube, die Dächte waren frostig. Da waren sie denn gezwungen, mit ihren Mänteln die grvhen Lücken zu decken, um die kalte, Machtluft abzuholten. (Schlutz folgt.) Das zähe Lebsn der BazMen. Versuche über dis Lebenskraft und Widerstandsfähigkeit b« einzelnen Vazillen, die seit einer langen Reihe von Jahren!» englischen Laboratorien angestellt werden, haben das erstauM Ergebnis gezeitigt, dah viele Bazillenkulturen, die in sterilisiert«! Form 14—20 Jahre aufbewahrt waren, noch Lebenskraft besaM Das war z. B. der Fall mit den Bazillen des ThPhuS- und Pa«' | thphusfiebers. Dagegen waren alle Kulturen von Diphterie-w Eholerabazillen singegangen. Immerhin waren noch in einig« wenigen Fällen auch Thphusbazillen nach 18Vr Jahren, M» in verschlossenen Glastuben gehalten worden waren, noch w kungsfähig, d. h., sie konnten Typhusfieber Hervorrufen. Am« sehr widerstandsfähige Organismen sind die Bazillen des W brandes und Kinnbackenkrampfs, die nach 19 Jahren noch leb« dig waren. Eine Kultur von Milzbrandbazillen, die sich 31 lang in einer Papierkapsel befunden hatte, infizierte und tw eine Maus nach wenigen Stunden. Selbst wenn die Dazrwn gestorben sind, so bewahrten doch oft noch ihre Gier oder ep° die Lebenskraft. Diese Eier besitzen eine starke »Schale, du gegen Einflüsse der Witterung und andere Einwirkungen w # Es sind sehr hohe Hitzegrade erforderlich, um die Spmen Bazillus zu vernichten, der selbst durch verhältnismährg nie > Temperatur getötet werden kann. Man sieht aus diesw , suchen, mit welcher Vorsicht und Sorgfalt Desinfektionen Krankheiten vvrgenommen werden müssen. DLs MAseum der Tapete. Aus Kassel wird uns geschrieben: In Gegenwart dec Spitzen aller ansässigen Behörden, der Kunst-Akademie und der verschiedenen Kunstkreise, sowie Tapetenfabrikanten aus dem ganzen Deutschen Reich, aus Oesterreich, Holland, der Schweiz, Dänemark und in den Hausflur getreten wavmi, um ihren Fleuch au stützen einem widerspenstigen töte carr« (Querkopf) geg«rü^ von dessen ernsten Erklärungen sw wohl ein und M3 andere Wort vernommen haben konnten. Mein Vater war aber bereits oben an der Stiege angelangt, vernahm l«doA wie der er» grimmte Bösewicht unter !chau«Wt«m Verwünschungen dwbÄ- der, Gefaste so heftig auf den Tisch siretz, da« es seine Vchuta nicht war, wenn sie nicht zerbrachen. ’ Kaum war eine Viertelstunde unter einem gesteigerten hot- lischen Lärm und kannibalischem Geheul verflosten. alSeiner dieser edlen Genossen mit einem Steine am Geländer und an d«r Stufen der Stiege aufpochte »he, citohen bourgeois nllemand, du bht! du bin!“ (Heda! Burger, deutscher Hauswirt, Wem, Wein!) schreiend gleich einem Aasendem Der bevausgeford<^s citoven verhielt sich ruhig, und tat, als höre er das Toben nicht Aber bald sollte er inne werden, dast es bittet gäbe, auch den harthörigsten Weltweisen aus seinem Glerchmut aufzurutteln. Mit Donneraepolter flogen plötzlich dicke Steine die Treppe hinauf, zerschlug«! das Geländer und Prasselten springend von Stufe zu Stufe wieder herab in den Hausflur. »Reicherer» discretion, citvhens, apres la canonnade lasfauti (Burger, er aebt euch auf Gnade und .Ungnade! Der Sturm folgt auf die Kanonade!) so lietzen sich unter diesem furchtbaren Getos« triumphierende Stimmen und Hvhngelächter Horen. Angst und Ent setzen hatte uns alle ersaht, weinend sahen wirKinder alle geschart um unser Mütterchen im abgelegenen Stübchen. und dachten nicht anders, als die Decke wurde über uns zusammenstürzen und alles um uns her in einen Trümmerhau^n^e^ wandelt werden. »Und wo ^ren denn wahrer^ dieses Tumults die beiden Offiziere? Wahrscheinlich nicht zu Hause? Doch - lieber Leser, sie sahen an ihrem Tische — in® spielten. Das Zimmer aber stieb auf den Hausflur, wo dieser ungeheure Skandal verübt wurde. Als das Bombardement einen Moment nachgelassen hatte, eilte mein Vater herab und trat zu den Offizieren ms Zimmer S Mher wüMgten sie den entrüsteten Hausherrn ke nes Blickes keines Gruhes, sahen auf ihre Karten und spielten weiter. Wer Zeuge der schändlichen Auftritte ist, die hier unter Ihren Augen und Ohren Vorgehen, der wird gewiß uicht glaube, daß Sie in Ihrem Logis sind Ich appelliere an mein Hcms recht und werde mich, zählen Sie „darauf, von Ihren unverscham ten. wilden Domestiken nicht langer mihhandeln lassem Sie verlangen Wein, nachdem ich ihnen bereits ich werde ihnen heut«, keinen mehr reichen EEren St-: chnm das und machen Sie dieselben verantwortlich für die Beschädigungen an meinem Hause. Auchverbitterch ^ErRoheUen ui® Zügellosigkeiten, wie sich solche ihre Domestiken soebm in Ihrer Gegenwart erlaubt haben." Wein Vater schwieg die Galller mich, und als ersterer sich zuruckzi-ehen wollte, sa^teeiner von ihnen ganz frostig: »mais — il faul leur donner. (Gleichwohl — geben müssen Sie ihnen.) Versehe man sich einen Augenblick in die Lage mÄnes Vaters. Was lag doch alles in diesen wenigen Worten? Gin offenes Geständnis nicht nur der Billigung und Zustimmung zu Riefen abscheulichen Ausbrüchen einer mahlosen Brutalität und Fixheit, wndern auch der wohlbegründete Verdacht. dah dies« Szenen einer unbändigen Zuchtlosigkeit absichtlich undaus Verabredung veranlaht worden waren. Welch ein Zeugnis von Verworfenheit und niederträchtiger Gesinnung, welch eine schnöde Verhöhnung alles Rechtsgefühls bei Männern, die mit einem Kominando betraut waren, also über dem gemeinen Troy durch Beruf, Würde und Charakter hätten erhaben sein sollen. Mit einem Blicke tiefster Verachtung erwiderte mein Vater den empörenden Bescheid des düstern, gallischen Despoten und entfernte sich aus dem Zimmer. Als ihn die zügellose Horde ansichtig wurde, ertönte aus allen Kehlen das Wort: „Du bin, ci- tobenä! Allons enfants de la Patrie!" (Wein, Bürger! Vorwärts, Kinder deS Vaterlands!) Skandinavien wurde in Kassel der Schlußstein der Llmwandlm« des ehedem kurfürstlich-hessischen und später kaiserlichen Aesid^ fchlvsses am historischen Friedrichplatz in ein Museum eigen, st e r A r t gelegt. Machdem bereits vorher neben den im ursprkw, lichen Zustand mit all ihren Kostbarkeiten erhaltenen Prunksäl« der letzten Kurfürsten von Hessen-Kassel eine, städtische neuer, besonders hessischer Meister und ein Museum sh den groben Geiger Louis Spohr untergebracht waren, find j«, alle Aebenräume zur Aufnahme des Deutschen Tapet-!,. Mussums eingerichtet worden. Wie die persischen uiid griechischen Geschichtsschreiber beriL ten, war es in alten Zeiten üblich, die Wände der Wohnräun« mit buntfarbigen Teppichen — lat. tapetum — oder ähnlich«, Stoffen zu schmücken, deren Muster den Webstofsen entnomm« waren. Im Wandel der Zeiten wurde diese Art deS WaAj schmuckes durch Papiertapeten erseht, die mit Schablonen |jtt, | gestellte Tierfiguren und später Szenen aus dem italienischen Volks« leben, sowie geschichtliche Darstellungen zeigten, wie die Muse« In Basel und Zürich dem Beschauer vor Augen führen. Den, man hier das Wort „Mode" schon gebrauchen darf, so tont dich von da ab einem regen Wechsel unterworfen. Auber den altgotl« Ehen Mustern, die nach den Kirchengemälden entworfen war«, ; lenten nacheinander Leder- und Seidentapeten, sowie eine neu. erdachte Art, das sogenannte Granatapfelmuster, als Dani- schmuck: die Granate versinnbildlichte von jeher reichen Segen uiij die Blüte feurige Liebe. Bei Beginn des 19. Jahrhunderts seht, der Papiertapetendruck mit teils groben Landschaftsbildern ch wie sie noch in manchen alten Bürgerhäusern die kundigen schauer entzücken. Eine spätere Reuheit — der sog. Jugendstil aus einer Mannheimer Fabrik hervorgegangen, war nur von kurz« Lebensdauer, man kehrte infolgedessen zur Rachahmung des ast« Blumenmusters bald zurück. Diesen Entwicklungsgang der Tapete in seinen Haupterschei, nungen von der Schwelle der älrzeit an aufzuHellen, ist das lstw dienst dieses in der ganzen Welt einzig dastehenden Museums, dal aus kostbaren Sammlungen des Hamburger Geheimrats Ide, hervorgegangen ist und seltene Schätze enthält, von denen die V!chi> zahl aus nie wieder zu beschaffenden Stücken steht. Richt M gibt eine originell hierher verpflanzte alte Tapetendruckerei ein« Einblick in das Werden der Tapete, es zieht auch die getarnt, Wohnungskultur in Deutschland, Frankreich, England, Amerika mi Dänemark, für die in den achtzehn Sälen, die das Museum unv fahl, besondere Abteilungen geschaffen wurden, an dem Besuche vorüber. Das älteste Stück ist ein spanischer Lederdruck von Höch, fter Feinheit aus Cordova (15. bis 16. Jahrhundert), das interessanteste ein Druck der Kgl. Manufaktur, das mit der eng. lischen Krone abgestempelt ist. Rur ein zweites Stück ist nach vorhanden und zwar in einem englischen Museum. — 3mm« wieder Farben, die es heute gar nicht mehr gibt, Muster, teil! so plastisch wirkend, dah der Schein der Wirklichkeit erreicht lii und Zusammenstellungen in Riesenmahen. Selbst ein Stück da reizenden Tapete im Kabinett der Kaiserin auf der „Hohenzvllm' ist gerettet Das Museum ist in der Tat ein solches. Alle Neuerscheinungen liegen vorläufig im Archiv, bis sie ein* mal älter und damit museumsreif sind. Go wird der bedeutsam« - Schöpfung der Ausstellungscharakter genommen und jener bet > Zweckbestimmung ihr gegeben: dah dieses Museum, dessen Umfang allgemein überrascht, der ästhetischen und ethischen Erzieh des deutschen Volkes dienen darf, denn ... die Wände der Uw gebung lassen auf den Charakter der Menschen schliehen!