1823 Samstag, 7. April e> M *i 1 »Wi . Gottfried Kellers zeichnerische Belrerrntniffs. Wie manche große Dichter — es sei nur an den größten, E-vet!>e> erknner' hat auch Gottfried Keller eine starke Neigung Mr blutenden Kunst gehabt und die entscheidenden Jahre seiner äugend darauf verwendet, ein Maler zu werden. Erst nach schwe» vem -Ätitgen siegte in ihm der Dichter, und er hat uns selbst diesen ergreiserch«! Zwiespalt seines Künstlertunis in seinem „Grünen Hemrrch darMtellt. Bei dieser großen Behütung der bilden- ven Kunst m Kellers Begabung ist es zur Kenntnis seiner dich- rerrschen Große auch notwendig, jene Epoche seines Levens zu ver« gegeittourtigen, in der er Stift und Pinsel handhabte und bald andachtrg den Geheimnissen der Matur nachging, bald sich selbst- Serrttch in fernen Zeichnungen eine neue Welt schuf. Kellers Künstlertum Hai deshaio schon lauge alle seine Verehrer beschäs-- -TOovV ioikkenschchtliche Würdigung seines malerischen Werkes war solange unmöglich, als er selbst seine Gemälde, Ent- wurfs, Studienblatter und Skizzenbücher als V-rnrächtnis seiner Jugeiwzert eifersucyttg behütete, und auch nachher ist fein Nach- £rÖ ewr «emigend berücksichtigt ivarden, weil man über denKünst- ler Keller durch dle Schilderung des Dichters Keller alles Wich-, r^ jiu Riffen gmubte. Zn Wirklichkeit aber hat sich Kellers ma« iw Cmwiauing in mancher Hinsicht doch anders vollzogen, als er sie in feine» Dekenntnisroman darstellte, und erst jetzt er» wir in bei Cotta in Stuttgart 7rschtmenm ^rk »Gottfried Keller als Waler" von Paul Schmffner ein» Darstellung, die den Waler in seiner künstlerischen Bedeutung selbständig wnrdrgt und unS r-amit nicht nur einen tiefen Einblick in das tonpr!-mriv ^"enjeiner Phantasie, sondern auch in die Welt Durch die umfassende Benutzung der in seinem Llachlaß erhaltenen Gemälde, Skizzenbücher, Sammelmappen luni^cksbl^raphischen Aufzeichnungen wird seine ganze Entwick- ^al®t.t>.£,r uns autgeoreitet, ihr enger Zusammenhang ^unP ?e‘nei' behandelt und ihre im allgemeinen befcheioene, aber für reden Kellerfreund wichtige Bedeutung auf« SetÖ‘- Gewiß war Keller als Maler kein Genie; aber er hat docb auch hler Treffliches Eracht, und ein Kenner wie Ha^s '"J?,“1 af. Kunstlerschaft anerkannt, wenn er erklärte: ^.Kchler steckle o^sealxir in einer gewissen herkömmlichen Hand- -u,ü> 6x17 einc viel zu komplizierte Aatur, um sich W Ä“ f?et mache,». Das, was er äußerlich sah in seiner ipnute lhn Nicht berrisdlgen, und ich glaube, daß er so das Interesse an äer Akalerei verlor. Daß er aber a-^dieser lorenher. heurus em Bild machte, wie das runde .Blick vom cin wahres «deal von Landschaft ist, zeigt, wes Geistes Kmd er war, und daß er seine Persönlichkeit nicht verloren hatte, war er bei der Malerei geblieben." Auch als er der Malerei entsagt hatte, hat er in seinen Ge° dlchtmanuskripten, Schreibunterlagen, Notizbüchern, ja sogar in seinen Protokollen als Staatsschreiber vom Zeichnen nicht lasten können, und in diesen Schnurrpfeifereien wichtige Bekenntnisse hinterlassen. Da sieht man Fratzengesichter, Totenköpfe, winzige Menschlein, schreckhafte HochgemchtSszenen und wundervolle kleine Landschaften. Die Seite sein-s Wesens, die in der Landschaftsmalerei nur wenig zum Ausdrrck kam, die Freude am Humor und am Barocken, entfaltet sich hier ungehemmt. Am reichsten »wß Keller seine zeichnerischen Künste bei der Niederschrift der Gedichte von 1844 spielen und umrankt die Verse mit allerlei bunten Arabesken und vieldeutigen Figur«». Wie er zeichnerisch mit feinen unglücklichen Liebeswirren fertig wurde, das zeigen seine noch erhaltenen Schreibunterlagen aus der Heidelberger und Berliner Zeit. Er hat da ein wildes Chaos von Figuren auf di« Innenfläche des Deckels gekritzelt, in dem Liebe und Tod sich wunderlich vermischen, der Fiedler Tod unter einem Galgen sitzt, an dem Gehängte baumeln, andererseits der Dichter in Zylinder und Frack sich zur Liebeserklärung vorbereitet oder .in mittelalterlicher Tracht, die Feder am Hut, beherzt auf die Geliebte zuschreitet. Aus denselben Grundakkord, Liebe und Tod, sind die Arabesken gestimmt, in denen sich der Liebesschmerz um die Angebetete seiner Berliner Zeit, die reizende Betty Tendering, austobte; auch hier wird das Dämonische und Tragische immer wieder von Lächerlichem und Parodistischem unterbrochen. Geigte in Heidelberg der Tod unter dem Galgen, so steht er jetzt mit gespreizten Knien, einen Federhut auf dem Schädel, im Tanzschritt da; oder ein Haus ist hingezeichnet, dessen Portal die Inschrift . kagt. Alle möglichen Ausrufe und Verse oder Dilder- S? jL öazwischengekritzelt, so recht ein Sinnbild für das wirre Durcheinander von Hoffnungen und Befürchtungen, von weichen Gefühlen und grimmigem Humor, die in dem so heiß empfindenden uno daoei so schüchternen Dichter miteinander rangen. Auch der Herr Staatsschreiber hat noch in den langen Sitzungen des Regierungsrates des öfteren feiner Phantasie in allerlei Zeichnungen die Zügel schießen lassen. Die Neigung zu humoristischen Fratzen überwiegt; aber es gibt auch auSgesührtere Skizzen, wie emige Kasperlefzenen oder Gerichtsverhaiidlungen und vortrefs« luhe Landschaften. 2m Protokoll der Schlußsitzung stehen dann bie Worte des Fünfzigjährigen: „Her kommt der Tod, die Zeit geht hin. Mich wundert, daß ich so fröhlich bin." Wie die FrsnZosen den Koblenzern auf die Strümpfe helfen. 2m Herbst 1794 war es (fo schreibt die neue Zeitschrift .Der R h e i n", Blätter für die Befreiung der Rheinlande, Ausklärungs- dienst-Berlagögesellfchaft Berlin W 9) den Franzosen durch das mangelhafte Zusammenwirken der Verbündeten gelungen, die linksrheinischen Rheinlande und auch einige rechts am Rhein gelegene Städte zu besetzen. Das ausgehungerte und zerlumpte Franzosenheer hat sich damals im Rheinlande in des Wortes wahrster Bedeutung gesund gemacht. Schier ungeheuerlich waren die Requisitionen, die dem bedauernswerten Lande auferlegt wurden. Köln mußte innerhalb 48 Stunden nach dem Einzuge der ungebetenen^ aber hungrigen Gäste 600 000 Pfund Brot liefern. Was sich in den alten KulturstLdten am Rhein an Wert« und Kunstgegenstäa- den sowie Büchern zum Versand nach Paris eignete, wurde gestohlen. Der dabei zutage getretene Vandalismus ist unbeschreiblich. Daneben wurden für den damaligen Geldwert ungeheuerlich« Geldkontributivnen beigetrieben. Das kleine Trier mußte im Augenblicke der Besetzung die ungeheuere Summe von 3 Millionen Livres zahlen, die unteren Mosellande 4 Millionen, das Land zwischen Maas und Rhein aber ganze 25 Millionen. Gleichzeitig mit ihnen hielt die Assignatenwirtschaft ihren Einzug. Bei den Soldaten erfreute sich sehr bald der Coup großer Beliebtheit, in hohen Afflgnatenfcheinen zu zahlen und sich den ihre Zeche ü6er* steigenden Nennwert ihrer Scheine in guten deutschen Münzen herauszahlen zu lasten. (2n fremden Landen entwickelte!» — und end» — 54 — wickeln — die Franzosen eben immer erstaunliche finanztechnische Talentei) Dor allen Dingen wurde aber Las gänzlich heruntergekommene französische Heer im Rheinlande neu eingekleidet — aus Kosten des rheinischen Volkes. Allein der Bezirk Köln hatte in 14 Tagen 25 000 Paar Stiefel zu liefern und jedem Bewohner der lin-. ken Rheinlande wurde aufgegeben, innerhalb 24 Stunden ein Paar Schuhe oder Stiefel, einen Rock, Kapottmantel oder Rock zu der französischen Einkleidung beizusteuern. Mit dem Einkleidungskommissar, der die genialsten Ideen hatte, war aber zweifellos die Stadt Koblenz beglückt worden. Die Bürgerschaft dieser schönen Stadt erhielt eines Tages den Befehl, sich auf dem Schloßplatze zu versammeln. Sie kam der französischen Einladung pünktlich nach. Daß die Franzosen nichts Gutes im Schilde führten, sah man daran, datz alle von dem Platze führenden Ausgänge militärisch besetzt waren. Den gespannt harrenden Koblenzern wurde eröffnet, datz die grande armee — Schuhe und Stiefel braucht und daß ihnen die Fußbekleidung der Koblenzer vnstehe. Sie möchten- also ihre Schuhe ausziehen. Was blieb den guten Leuten übrig? Sie entledigten sich ihrer Schuhe und machten sich auf Strümpfen auf den Heimweg. Der kommende Winter 1794 auf 1795 wurde für die Rheinländer ein fürchterlicher Hungerwinter. Die allgemeine Sterblichkeit vervielfachte sich. Die Rheinlands wurden buchstäblich aus- gezogen. Richt nur bis aus die Strümpfe, wie es in Koblenz der Fast war. Elisabeth Mg6e-Lebrun. Don Liesbet Dill*), Im Louvre in der Porträtgalerie hängt ein Bild, vor dem jbas Sonntagspublikum sich drängt und das viel populärer ist als die berühmte Mona Lisa, an der das Volk meist kalt vorübergeht, weil weder sein Schönheitssinn, noch das Gefühl von diesem Bild berührt wird. Es ist das Selbstbildnis der Mme. Bigee-Lebrun mit ihrer Tochter. Die reizende junge Mutter hat sich selbst gemalt in einem eleganten Deshabille mit der hübschen Tochter und scheint zu fragen: bin ich nicht eine zärtliche Mutter, eine glänzende Malerin, bin ich nicht eine entzückende Person? Als Pariserin in einem Malermilieu aufgewachsen, in der Rue Cvq-Heron, hatte sie mit zwanzig Jahren den Maler Pierre Lebrun geheiratet, ohne Liebe, ohne Illusionen, fast gleichgültig gegen seine Person. Sie sah in der Heirat nur eine chance de libertö, Ihr Gatte war weder berühmt noch sehr zuverlässig, wenig skrupulös in bezug auf Geldangelegenheiten und Frauen, heiter, etwas „beau parleur“, charmant und liebenswürdig. Da er einer jungen Holländerin gleichzeitig die Ehe versprochen hatte, mutzte seine Heirat mit Elisabeth jahrelang geheimgehalten werden, was zu merkwürdigen Situationen in dem Atelier der damals schon sehr gesuchten Porträtistin führte, wo sich die Aristokratie von Paris ein Stelldichein gab, und sie mutzte oft die Warnungen guter Freunde hören: „Rehmen Sie sich in acht vor Lebrun, er ist ein Taugenichts". Indessen trug Mme. Bigee-Lebrun diesen lieber- gang mit heiterer Sorglosigkeit. Sie war damals schon berühmt ünd verdiente mit ihren Porträts sehr viel, sie war sehr rasch die „portraitiste ä la mode" geworden. Das Geld steckt« der Gatte ein, und wenn sie etwas brauchte, mutzte sie ihn wn ein paar Louis bitten. Man versteht diese Resignation einer schönen, jungen und berühmten Künstlerin eigentlich nicht, und auch kaum, daß sie Liesen Mann, den die Geschichte wenig achtungsvoll zeichnet, doch geliebt hat: Geheimnis der Ehe. 3m Jahr 1779 war ihr Ruhm bis Versailles gedrungen, und Marie Antoinette lieh sich von ihr porträtieren. Es ist das wundervolle Bild, das die Königin ihrem Bruder Joseph II. schenkte und das sie in einem Seidenkleid mit grotzen panniers und einer Rose in der Hand darstellt. Stolz, klug, hochmütig, in königlicher Würde und Grazie, mit den grotzen runden Augen, der österreichischen Lippe und sehr idealisiert malte sie die Königin. Sie malte sie stets so, wie sie gemalt sein wollte und wie das Volk sie zu sehen siebte. Richt wie sie war. Und diese Schmiegsamkeit verschaffte der jungen Malerin den großen Erfolg. „3ch versuche dm Frauen, die ich male, den Ausdruck ihrer Physiognomie zu geben; diejenigen, welche keine solche haben, male ich ,reveuses. Änd so hat sie die schöne sehr dumme Mme. Grand, die spätere Mme. de Tallehrand, genratt, von der ihr Gatte sagte, daß sie einen Geist habe — wie eine Rose . . . Sie malte sie als heilige Cäcilie, ein Rotenblatt in der Hand, die Augen zum Himmel aufgeschlagen, in Ekstase, aber eine heilige Cäcilie, welche ebenso gern bereit ist, das Menuett im Moulin- Jvli mitzutanzen . . . Die ganze elegante, frivole, reizende Damenschar des Hofes fand sich bei ihr ein, um ihr zu sitzen, die entzückendsten Modelle, wie eine Prinzessin de Lamballe, die Herzogin von Polignac, Mme. de Grammont-Cadervusse, in ihren Spitzenroben und schmiegsamen *) Die bekannte Schriftstellerin hat in einem reizvollen Büchelchen „Frauen, die nicht altern" (Hans Lohmann, Verlag, Leipzig) acht Porträts aus den Salons berühmter Frauen beä 18. Jahrhunderts zusammengestellt: die vorliegende Skizze über die Walerin Lebrun leitet daß Buch ein. Samtschleppen, halbnackt und mit Perlen geschmückt, die Locken lose aufgesteckt „modales par excellence“. Jedermann muß zufrieden sein, war ihre kluge, heitere Philosophie. Sie arbeitete mit wundervoller, fast sorgloser Leichtigkeit. Sie malte auch Männer, wenn sie sich auch nur schwer dazu entschloß, denn hier hatte die Phantasie weniger freies^Spiel und sie konnte ihre Geschicklichkeit, der Wahrhaftigkeit Schönheitspflästerchen aufzusetzen, nicht entfalten. Sie malte „Monsieur“, den comte de Provence ohne einen Versuch ihn zu verschönen, . denn sie sah im voraus, datz dies unmöglich sein würde, sie malte Grötry, und gab sich mit diesen männlichen Modellen viel mehr Mühe als mit den ihr viel näher liegenden weiblichen und besonders mit dem unwiderstehlichen Vaudveuil, den sie vielleicht nicht gerade mit Widerstreben auf die Leinwand zauberte. Als sie im Salon 1785 das Porträt des Ministers de Calonne ausstellte, umdrängte die elegante Pariser Welt dieses Bild mit Reugier, denn man flüsterte sich über ihr Verhältnis zu dem Minister allerlei zu, uird wenn auch Mme. Lebrun mit Bitterkeit sich darob beklagte, so konnte sie doch ihre Intimität mit diesem Modell nicht ganz leugnen, und dieser war als Freund und Protektor immerhin sehr kompromittierend für eine sehr hübsche, wenig glücklich verheiratete Frau ... Die Ehe mit Lebrun war von Jahr zu Jahr gleichgültiger geworden, die Ehegatten lebten wohl noch zusammen unter einem Dach, aber Lebrun ging einem abenteuerlichen, ausschweifenden Leben nach und kümmerte sich kaum mehr um seine schöne Frau, als datz er sich von ihr den Lebensunterhalt und seine teuren Passionen bezahlen lietz. Sie gab immer wieder nach, aus Gleichgültigkeit, aus Schwäche, aus einem Drang, Ruhe zu haben, um arbeiten zu können. Sie wollte die Ellbogen frei haben und schaffen. Sie war im Jahre 1783 in die Königliche Akademie für Malerei und Skulptur aufgenommen worden, die sich bis dahin Künstlerinnen gegenüber sehr zurückhaltend benommen hatte, sie hatte über eine Rivalin, die Porträttstin Labille Guiard gesiegt, welche die Derschönerungsmalerei der Lebrun über die Achsel ansah und wahrheitsgetreu porträtierte. Sie versuchte sich auch in großen Wandbilderir, in mystischen und mythologischen Darstellungen, ein Bild „La Paix ramenant Pabondance“ hängt im Louvre, aber wir müssen gestehen, die großen „Sujets n’etaient pas son affaire“. Und sie kehrte bald wieder zu den Porträt» zurück. Es gab eine Revolution im Salon, als sie die wunderschöne Duchesse de Grammont ganz schmucklos, ohne Puder, mit einem einfachen Strohhut, ausstellte . . . Aber bald kam eine andere Revolution. Elisabeth hatte Mm«, du Barry, die zurückgezogen auf dem Hügel von Louveciennes in dem Pavillon wohnte, den ihr Louis Quinze vermacht hatte, oft gemalt und war zu diesem Zweck wochenlang der Gast der du Barry. Beide verstanden sich ausgezeichnet, und es machte der Künstlerin ein Vergnügen, die veränderlichen und noch immer schönen Züge der verbannten Maitresse wiederzugeben, die von einer melancholischen Würde und „Grazie der Verlassenen" vertieft waren. Es war nicht mehr die glänzende Zeit der Galasoupers im Spiegelsaal von Louveciennes, der ordengeschmückten Kavaliere und des LieblingSlakeien Zamor. Doch die du Barry, einfach in ihrer geschmackvollen Häuslichkeit, vertrauensselig, ohne Bosheit, banne kille, war ein interessantes Modell, und Elisabeth hat sie mehrere Male in allen möglichen Stellungen gemalt. Das letzte Bild, ein Kopf, wurde von den iln» ruhen der eben beginnenden Revolution plötzlich unterbrochen. Mme. Lebrun lieh Arbeiten, Bestellungen, Freundschaften, dem Gatten zurück und floh mit ihrer Seinen Tochter und der Gouvernante nach Savoyen. In der Reisekutsche satz ihr ein Jakobiner gegenüber, der, während er frühstückte, die bleichen Zuhörer darüber unterhielt, wer jetzt wohl dvan käme. Und die Ramen, die er nannte, diese Opfer der Guillotine, gehörten alle zu ihren Freunden und Be- kannten, mit denen sie soupiert, die sie gemalt, die sie in ihrem Atelier besucht hatten. Ihr Gatte folgte ihr nicht, er blieb in Paris. Mit diesem Exil begann die zweite Periode ihres Lebens. Sie führte em unruhiges Romadenleben, Rom bereitete ihr einen begeisterten Empfang. Sie wurde in die Künstlerkreise und in die der höchsten Aristokratie eingeführt und wie eine Fürstin gefeiert. Gesandte und Kardinale, Prinzessinnen und junge römische Aristokraten wetteiferten, sie in ihren Salons zu begrüßen. Hier lernte sie eine ihrer gefährlichsten Rivalinnen, die schöne melancholische Tirolerin Angelika Kaufmann kennen, die, ein Opfer ihrer Liebe zu einem Unwürdigen, der sie betrogen hatte, hier zurückgeblieben war. Bald fluteten auch die römischen Klienten in ihr Atelier. Die schöne Gräfin Potocka, eine Polin, zum drittenmal verheiratet und geschieden, hat sie sehr phantastisch drapiert, an einen Felsen gelehnt, gemalt. In Reapel, wohin sie bald weiter- zvg, malte sie die Lady Hamilton, welche drei Porträts bei ihr bestellte, als Ariadne, als Bacchantin, zuletzt als Sybille mit einem blaßgrünen Turban um den Kopf. Dieses schätzte sie als eines ihrer besten Porträts, und sie behielt es für sich, denn Sir William Hamilton hatte die Manie, die meisten Bilder seiner Frau sofort wieder zu verkaufen. Die Königin von Reapel, Marie Caroline, sah ihr, ein beunruhigendes Bild einer schrecklichen grau. Wenn auch Elisabeth als Optimistin, die sie war, diese tragische Person als „ausgezeichnet von Charakter" erschien, sie vermochte sie nicht zu verschönen. Sie kam nach Wien. Dort erfuhr sie den Tod Marie 55 — Antoinettes, und in tiefer Trauer ronnte sie wochenlang nicht malen. Aber die Wiener Gesellschaft war nicht dazu angetan, sich dieser Trauer ewig hinzugeben, und bald erschien Mme. Lebrun wieder in großer Gesellschaft, umgeben von Bewunderern, und malte Aristokraten. Rußland zog sie an, sie reiste dorthin, die Kaiserin hatte sie befohlen und sah auch ihr. Aber eine Katharina II. war fein Modell für eine Lebrun. „Comment faire pour feminiser ce magnifique monstre ?" sagte sie seufzend. — Katharina selbst gefielen die Porträts auch nicht, und sie tadelte sie offen. Ihre einzige Tochter, die sie überall mitgeführt hatte und die unterässen heiratsfähig geworden, heiratete gegen ihren Willen einen Grafen de Rigris. Dann reiste Mme. Lebrun nach Moskau stiü» Berlin, wo die kindlich junge schone Königin Luise sich von ihr porträtieren lieh, überall folgte ihr der Erfolg, der Ruhm, das Glück, überall fand sie Freunde, Verehrer, Liebe. Als sich die Verhältnisse in Paris wieder beruhigt hatten und geordnete Zustände eintraten, kehrte sie zurück. Die drittq Periode ihres Lebens .dauert noch vierzig Jahre. Mit sechzig Jahren noch immer reizend, frisch, anmutig und jugendlich, versammelt sie die einstigen Freunde in ihrem Atelier. Von der neuen Zeit und den Jakobinern wollte sie nichts wissen. 3n ihrem Herzen lebte als Ideal das stille vornehme Trianon, sie hat das elegante Milieu Versailles nie vergessen können. Eine entschiedene Gegnerin der Revolution, der RepUblique, banne royaiiste, an die Litten und Gebräuche des Versailler Hofes gewöhnt, stieß sie sich tm der Roheit der neuen Zeit, in der alles noch unfertig war und noch gärte. Sie liebte es, etwas zu medisieren und zu politisieren, aber mit Grazie und Geschmack, ihr Atelier, in dem sie nach wie vor malte, war ein Salon, in dem die Gesellschaft aus- und einging. Duldsam und resigniert bezüglich ihrer Ehe, ließ sie sich feiern, von der Akademie mit offenen Armen empfangen, lebte sie von einem Freundeskreis umgeben schön bis in ähr Alter, heiter, graziös unb liebenswürdig, und malte fleißig ihre Porträts. Aber es war ein Leben auf den Trümmern. Die Gesellschaft, die ihr einst Modell gestanden, war geflohen oder tot. Rapolevn fand wenig Gefallen an dieser „&nigree incorrigible“, die flatterhafte leichtlebige Art der Lebrun sagte ihm nicht zu. Die Recamier und Mme. de Stael befreundeten sich mit ihr. hnd sie malte diese, die ihr während der Sitzungen aus Corinne vorlas. „Aber Sie hören mir ja nicht zu," rief Atme, de Stael aus. ^Dvch, fahren Sie nur immer fort," erwiderte die Lebrun und miffchte die Farben auf ihrer Palette. Daß sie kein Dild der Recamier gemalt hat, ist schade. Mit siebzig Jahren schrieb sie ihre Erinnerungen nieder, in ihrem Sessel sitzend, umgeben von mehreren Sekretärinnen, denen sie diktierte. Sie starb 1842 an Altersschwäche. Sie verlöschte still. Eine Menge Gemälde sind von ihr geblieben, und die Erinnerung an eine leichtlebige, schwungvolle Seele, frivol und reizend, scharmant, heiter, la fee du Joli. Auf dem Kirchhof von Louve- ciennes wollte sie begraben werden. Die Erinnerung an die Sitzungen mit Mme. du Barch banden sie an diesen stillen Platz, den sie später noch oft besuchte, der Vergangenheit nachtrauernd, die ihr Leben überstrahlte . . . Für das Voll blieb sie „le peintre de la reine“. And über ihrem Andenken schwebt wie ein sanfter Schatten, der sich nicht verwischt, sondern vertieft, das traurig-schöne Phantom der Königin Marie Antoinette . . . Der Wsldpsarrer. Von Fürstin Marie zu Erbach-Schönberg. Ihren Erinnerungsbüchern „Entscheidende Jahre", „AuS meiner Kindheit und Mädchenzeit", „Aus stiller und bewegter Zeit", läßt die Fürstin Marie zu Erbach-Schönberg, Prinzessin von Dattenberg, einen vierten Band „Erklungenes und Verklungenes" folgen lDarmstadt, Verlag „Litera".) Für all diese fesselnden Schilderungen, die mit dem Jahre 1894 beginnen und bis zum Ausbruch des Weltkriegs fvrtgeführt sind, gilt sachliches Denken der Verfasserin als oberstes Gesetz. Daß sie, mit den meisten europäischen Fürstenhäusern verwandt, an deren Schicksal Anteil nehmend, allüberall ihre Objektivität zu wahren weiß, muß man bewundernd anerkennen. In London, in Madrid, in Rom, in Berlin, nirgends verleugnet sie ihr tapferes Herz. Hessische Art wird offenbar, die sich Achtung und Liebe erwirbt. Diele wertvolle Menschen, die ihr begegnen, hält ihr Stift fest. Wir empfehlen unfern Lesern dies gehaltvolle Buch und bringen hier das Kapitel zum Abdruck, das die Fürstin ihrem Freund, dem Waldpfarrer Karl Ernst Knodt gewidmet hat. . . Leise ging das erste Kindersein in ew'ges. lind alles schließt sich wie ein Ring."") Von dem Dichter, der dieses sang, möchte ich ein paar Worte erzählen. Er war jahrelang mein Rachbar und mein Freund, und ist ein Kind geblieben sein Leben lang, im schönsten Sinne des Wortes, der „Waldpfarrer" Karl Ernst Knodt. Im tiefsten Oden- *) Unverlierbare Kindheit, aus K. E. Knodt, Lösungen und Erlösungen. Wald hat er den größten Teil feines Levens zugebracht, und tn dem einfachen Pfarrhause gingen viele der großen Dichter Deutschlands und zahllose Seelen ein und aus, die Trost und Erquickung bei ihm, dem zweiten Justinus Kerner, suchten und fanden. Als er älter wurde und sein Herzleiden zunahm, zog er nach Bensheim in das idyllische „Häuschen" unterhalb des Drunnenweges, ganz in meiner Rähe. <- Rur ein Wald, den wir unfern Märchenwald nannten, trennte das Schloß und das Dichterhaus, und war auch der Weg steil und ermüdend und für das müde Herz eigentlich zu viel — er kam doch, der allzeit Heitere, Gleichmäßige und Genießensfrohe. Wie freute ich mich, wenn ich im Schlotzhofe seine Stimme hörte und sein tief-hohles Lachen, und wenn ich zum Fenster eilte und ihm willkommend zunickte — o wie jugendlich und freudig schwang er dann den großen Schlapphut, der den mächtigen Zeus- kopf zu bedecken Pflegte, und ein Buch zu mir herauf haltend, rief er: „Heute bringe ich was Schönes heute wird's aber gemütlich!" — Bald sah er dann am gewohnten Plätzchen in meinem Zimmer und las — eigene Dichtungen und die andrer . . . Oft aber „lasen wir nicht weiter", weil wir immer gar zu viel zu erzählen unb zu bereden hatten und — zu lachen. Ja, diese Kunst verstand er, verstanden wir meisterlich, und das ist das Schönste und Köstlichste in diesem traurigen Leben, wenn zwei miteinander lachen und miteinander schweigen können . . . Als der Waldpfarrer nicht mehr kam, weil er „mit dem Sommer gegangen war" (1917, im 62. Jahre feines Lebens), da habe ich — v wie oft noch — wartend am Fenster gesessen und auf die fröhliche Stimme vergeblich gelauscht. And wenn ich durch den Märchenwald ging, dachte ich an jeder Biegung des Weges, und allemal da, wo die schlanken weihen Dirken stehen: Jetzt kommt die Rübe- zahlgestalt, jetzt muh er kommen, der kleine, kugelrunde Mann mit den beweglichen Beinen und Händen, mit dem wundervoll gepflegten weißen Bart, der die originellen Krawattenverhältnisse des mächtigen Halses verdeckte. — Sie war schön, die Zeit, als ich noch erwartungsvoll diesen Weg hinuntereilte in das liebe „Häuschen", wie wir alle, Knodts Freunde, es nannten. Ein mvdänes Häuschen war es, mit aller- hand gemütlichen Möbeln, schönen Bildern, die Malerfreunde ihm geschenkt, und mit dem großen Dechsteinflügel im Wohnzimmer, mit einer Kvlossalbüste von Dach dahinter. Durch das große Erkerfenster blickte man in den weiten, westlichen Himmel hinein, der sich über der Rheinebene wölbt. Don einem kleinen Flur, wo Väter Knodt schon immer ungeduldig auf den Gast wartete, gelangte Man in sein Tuskulum und daneben in das große, schöne Eßzimmer. Dort waltete Frau Käthe, die liebe, sinnige Hausfrau, schon ihres Amtes. Der Vater setzte sich an seinen Platz zu Häupten des langen Tisches und schlürfte behaglich seinen Tee, mit einer Zitronenscheibe darin, und hin und her flog der Rede Strom. Manchmal waren auch die Söhne da, Karl und Theodor. Dann wurde musiziert. Denn nicht nur die' Poesie und die bildende Kunst waren tu dem Häuschen daheim. Die Musik war Vater Knodts ureigenste, herzerquickendste Freude, und mit ihm sie zu erleben, war ein unbeschreiblicher Genuß. Der größte war, mit ihm unten im Häuschen oder bei mir im Saale droben das Vibelwerk des Münchener Kvnrponisten Koennecke zu hören, ein einzigartiges und tiefergreifendes Sprechvraiorium, das er für Max Reinhardt schuf und das noch immer der Aufführung harrt. Biele wertvolle Menschen habe ich im Häuschen kennen gelernt. Der Tisch konnte sie oft kaum alle fassen, die ba erwartet und unerwartet kamen. Aber unter Frau Käthes Zauberstab versagte auch in den schwierigsten Verhältnissen Rektar und Ambrosia für die geistig angeregten und anregenden Gäste niemals. — Im Juni 1916 feierte Karl Ernst Knodt seinen sechzigsten Geburtstag und den Vorabend dazu mit feiner Familie bei mir, im kleinen Freundeskreis, zu dem auch der junge und vielversprechende Musiker Otto Braun gehörte, den ein freundlicher Zufall Knodt und mir zugeführt, als er noch ein Knabe war. Des Dichters schönste Heimatlieder wurden von Litt von Me- nar-Kanitz vorgetragen, seine Lieblingsstellen aus dem vorhin genannten Oratorium „Saul und David" und zwei Kantaten von Dach, auf die Dr. Karl Anton Gedichte von Knodt angepatzt hatte und meisterlich vortrug. ,, r _ Der Waldpfarrer war ein glücklicher und lebensfroher Mann an jenem unvergeßlichen Abend. ...... Im nächsten Spätsommer schloß sich „leise hinter ihm die laut« Tür des Lebens zu", und von ihm heißt es, wie er einst gesungen: „Run bin ich durchgedrungen. Durch alle Rächt und Rot. Es hat sich heimgesungen Das Lied im Abendrot. Mit goldgemaltem Flügel Schwäbt's hin am Himmelsrand, Fliegt's über Dal und Hügel Zum fernsten Meeresstrand. Megt's über alle Meere Und durch den Abendschein. Los aller Erdenschwere - Ins letzte Lickt hinein." — 56 - Vom Klavichord zum Pianino. Der Urahn unseres Klaviers, dieses beliebtesten Instrumentes der Hausmusik, geht bis ins klassische Altertum zurück. Es hat aber zahlreicher Wandlungen und Verbesserungen bedurft, bevor aus dem ursprünglich nur zur Tonmessung bestimmten Gerät uiiser Flügel wurde. Diese interessante Geschichte des Klaviers stellt der Direktor des Berliner Jnstrumdntenmuseums Prof. Dr. Curt Sachs in einem soeben bei Julius Bard in Berlin erschienenen Buch „Das Klavier" dar. Die griechischen Musikthevrstiker hatten sich ein einfaches Instrument gebaut, um einen Maßstab für die Festsetzung der Tvnstufe zu gewinnen: Lieber ein längliches Brett oder Kästchen liegt eine einzige Saite, die dem Instrument den Namen „Monochord", d. h. „Einsaiter", gab. Das Mittelalter das diesen Einsaiter übernahm, bildete ihn bald zum Dielsaiter aus, u>rd so sind schon aus dem 11. Jahrhundert Achtsaiter und später Neunzehnsaiter für den Llmfcmg von 2s4 Oktaven bezeugt, die unbefangen immer noch Monochorde genannt wurden. Das vervollkommnete Monochord brachte bereits Zusammen- klänge aus dem Gesamtumfang des damaligen Tvnbereiches hervor. Hatte man bis dahin die Töne wie bei der Geige durch Verkürzen der Saite harvorgebracht, indem ein verschiebbarer Steg die Saite niederdrückte, so entschloß man sich nun, jedem Ton seinen eigenen festen Steg zu geben, und bediente sich zur Verbesserilng des Instrumentes einer Hebevorrichtung, für die die Drehleier und die Orgel das Vorbild boten. Die Drehleier lieferte die frei gegen die Saite bewegten Drücker, dir Orgel die „Tasten", indem ein vorn mit dem Finger niedergedrückter Hebel hinten hoch stieg und sich der Saite näherte. Auf diese Weise entstand die Klaviertaste, die man wegen ihrer Aehnlichkeit mit der mittelalterlichen Form Les Schlüssels „Schlüssel" oder lateinisch „claves“ nannte, woraus der Name Clavichord und später Klavier entstand. Der Name Clavichord ist zuerst 1404 in einem niederdeutschen Gedicht belegt,' das älteste Instrument dieser Art mit einer Jahreszahl befindet sich im Heyer-Museum zu Köln: es ist 1543 von Domenico da Pesaro verfertigt. Lim die Mitte des 16. Jahrhunderts wendeten sich jedenfalls italienische und spanische Orgelbauer mehr und mehr diesem Instrument zu, das gleichberechtigt zwischen Xkiute und Orgel trat. Während sich das Clavichord in den folgenden Jahrhunderten immer mehr einbürgerte, wurde es im 18. Jahrhundert durch den berühmten Straßburger Instrumentenbauer Silber mann sehr verbessert. Es erhielt damals auch schwarze Llnter- und helle Obertasten, während vorher die bei uns noch immer übliche umgekehrte Farbengebung bestand. Der Grund für diese schwarzen Llntertasten liegt in der Koketterie der Damenwelt, die, ebenso wie sie Las Pu^rweiß das Gesichts durch schwarze Schönheitspflästerchen zu heben suchte, die Weihe der klavierspielenden Hände durch die Schwärze der hauptsächlich benutzten Llntertasten steigern wollte. Das Clavichord hat einen zarten und schwachen Ton, aber es dient dadurch der Verinnerlichung und Be.eeluitg, und so wurde es das Lieblingsinstrument des empfindsamen Zeitalters, das in diesen schmeichelnd zarten Tönen seine süßesten Empfindlingen aushauchte. Als Instrument bei größeren musikalischen Deranstaltungen war unterdessen bereits der' Kielflügel aufgekvmmen, dessen Saiten.mit steinen Federkielen angerissen werden. Das Berliner Instrumentenmuseum besitzt den Kielflügel Johann Sebastian Bachs, und für seine Musik war dieses kraftvoll mächtige Instrument wie geschaffen. Im Hause bediente man sich des Spinetts. Heute bezeichnet man'irrtümlicherweise alle alten Klaviere als Spinetts: aber dem Wort entsprechend, das „Dörnchen" bedeutet, kann damit nur ein gerissenes, nie ein geschlagenes Klavier gemeint fein, und die alten Hammerflügel und Tafel- staviere, die man heute Spinetts nennt, haben mit ihm nicht das geringste zu tun. Das Klavier, bei dem der Ton zuerst angeschlagen wurde, ist der Hammerflügel, der zu Anfang des 18. Jahrhunderts auskam. Man hat ihn aus dem lange verachteten Holzinstrument, dem Hackbrett, hergeleitet, bei dem die Saiten eines zitherartigen Gerätes mit Halbweichen Klöppeln angeschlagen wurden. Die Entwicklung dieses Hammerklaviers ging nur sehr langsam vorwärts. Als das erste Instrument dieser Art in den Tuilerien gespielt wurde, rief der berühmte Organist Dalbütre aus: „Wie man es auch spielen möge, niemals wird dieser Neuankömm- llng den majestätischen Kielflügel verdrängen!". Zunächst konnte das neue Instrument mit der Klangpracht des reifen Kielflügels nicht wetteifern: aber allmählich wurde das alte Clavichord zum Hammerklaviet umgestaltet und gewann in der bequemen, Naum sparenden Tischform als „T a f e l k l a v i e r" an Geltung. Beethoven verhalf dann durch die Größe seiner Kunst dem Hammer- flüget zum Siege. „Wir haben," schreibt er 1817 an feinen Verleger Steiner, „nach eigener Prüfung und nach ArMrung unseres Conseils beschlossen und beschließen, daß hinsüro auf allen unfern Werken, wozu der Titel deutsch, statt Pianvfvrte Hammerklavier gesetzt werde." Die Klaviatur wurde seit Anfang des 19. Jahrhunderts bei den Klavieren frei vorgebaut, und man versuchte aufrechte Hammer- klaviere in Form von Schränken, „Pyramiden", „Giraffen", „Lyren" zu bauen, aus denen dann als letzte praktische Form das Pianino hervorging. NilpferL-ASenLeuer. Die Jagd auf die Nilpferde, diese vorsintflutlichen Kolosse der afrikanischen Gewässer, gehört zu den interessantesten und aufregendsten, die der moderne Nimrod erleben kann. Allerlei Abenteuer dabei teilt Wilhelm Blvem aus seinem afrikanischen Jagdtagebuch in der Leipziger „Illustrierten Zeitung" mit. „Die Ail- pferdjagd," so schreibt er, „erfordert vom waidgerechten Jäger große Umsicht, Entschlossenheit, tollkühnen Wagemut und unbedingte Treffsicherheit. Ich schalte dabei das Schießen vom sichern Land auf die im Wasser sich zeigenden Nilpferde aus. Vom schwankenden Gingeborenenboot getragen, dem Großwild in seinem Element. dem Wasser, zu Leibe zu rücken, oder in den herrlichen Tropennächten beim grellen Vollmvndschein den zur Aesung durch die Steppe gespenstisch dahinziehenden Tieren den Weg zu vertreten, Las nenne ich Jagd und volles Auskosten derselben." Einst wollte der Verfasser einem uralten Nilpferdbullen, der die ganze Gegend unsicher machte, eins auf Len Pelz brennen. Mit seiner schweren Elefantenbüchse bewaffnet, fuhr er mit vier Negern aus einem großen Eingeborenenboot aus, das aus einem ausgehöhlten Baumstamm kunstvoll hergestellt war. Vorsichtig hat er sich an eine Herde herangepirscht, unter der sich auch der sagenhafte Bulle befindet. Aber als er auf den plötzlich auftauchenden gewaltigen Schädel zielt, fehlt er. Dann erfolgt ein dumpfer, mächtiger Stoß; bas Boot wird in die Luft geschleudert, und vor Schreck entgleitet ihm seine Büchse. Glücklicherweise' hatte der Einbaum sein Gleichgewicht nicht verloren, obwohl der Bulle Las Boot mit feinem Inhalt wie eine Nußschale empvrschleuderte. Wärmz die Insassen ins Wasser gefallen, so wären sie verloren gewesen. Mit einem kleineren Einbaum gelang es ihm daim später. Len gewaltigen Bullen zu erlegen. Lieber die Gewohnheiten der Nilpferde berichtet Bloem: „Zu später 'Nachtzeit entsteigen sie ihrem seuchten Element, um die Steppengebiete oder Anpflanzungen, wo sie ungeheuren Schaden anrichten. zur Aesung aufzusuchen. Auch wandern die Tiere aus, wenn sie stark verfolgt werden, um sicherere Gewässer als Aufenthalt zu wählen. In steinen Tümpeln mitten in der Steppe traf ich öfters Flußpferde an. Eines Abends lag ich im Stuhl vor meinem Zelt, unweit der Wasserstelle, und las. Hell loderten die Feuer, meine Träger plauderten. Plötzlich schleicht mein Boy heran, drückt mir mein Gewehr in die Hand und flüstert: „Kiboko!" (Nilpferd). 30 Schritt entfernt steht es da, schneeweiß glänzend int Mondschein . . . Aus meinen tödlichen Schuß machte der nächtliche Besucher, tief ausgrunzend, kehrt und raste polternd der nächsten Dickung zu. Außer den Menschen haben die alten Flußpferde keine Feinde. Nur junge Tiere fallen ab und zu bei .Llnachtsamkeit der Mutier dem Löwen zum Opfer. In größter Eintracht leben sie mit den heimtülischen Krokodilen zusammen. Auch haben die Nilpferde in der Vogelwelt ihre Freunde, die sie vor naben der Gefahr rechtzeitig warnen. So beobachtete ich fange Zeit eine Nilpferdherde, deren ständiger Begleiter, ein weißer Silberreiher, regelrecht Posten stand. Hochinteressant sind die wütenden Kämpfe der Bullen untereinander anzusehen, die oft schwere Verwundungen, ja sogar den Tod eines der Necken zur Folge haben." Was zwei Tasse» Wasser verwöge». Es ist erstaunlich, welche geringe Menge von Wasserdampf genügt, um verhältnismäßig große ßeiftungen zu vollbringen. In einem Aufsatz von „Reclams Llniversum" wird z. B. ausgeführt, daß der Inhalt zweier Kaffeetassen mit Wasser, wenn er in Dampf verwandelt wird, soviel Energiemengen gibt, um einen Küchenherd nebst Kohle auf das Dach eines zehnstöckigen Gebäudes hinaufzubefördern. Wenn man aber das in einem Teekessel befindliche Wasser in Dampf überführt, so hat man damit eine so große Energie zur Verfügung, daß man ein zehnstöckiges Gebäude 16,6 Meter in die Höhe heben tarnt. 'Das Wasser, wenn es in Dampf verwandelt wird, zu leisten.vermag, sehen wir täglich bei einer Lokomotive. Wie wir an der an dem Tender angebrachten Aufschrift lesen können, enthält er eine nur verhältnismäßig geringe Menge Wasser, im allgemeinen etwa 16,5 Kubikmeter. Lind doch reicht dieser geringe Vorrat ayd, um einen Schnellzug über weite Strecken zu befördern. Der Llrsprung aller Energie, die auf Erden 'ausgenutzt wird, ist auf die Sonne zurückzuführen. Sie hat in früheren fernen Epochen riesige Wälder in Kohle vertvan- dell: sie verdampft noch jetzt ständig Wasser, das aus den Wolken wieder auf die Erde herabfällt usw. Mit der Sonnenwärme, die nötig ist, um 2,5 Kg. Gis zu schmelzen, würde man einen mit Menschen angefüllten Lastwagen auf die 160 Meter hohen Turmspitzen Les Kölner Domes entpvrheben können. Die zum Schmelzen einer Schneeschicht von 1660 Quadratmeter Oberfläche und 15 Zeittimeter Höhe nötige Sonnenenergie würde ausreichen, um einen Schnellzug von Neuhvrk nach Chicago und zurück zu beför» chern. Auch sonst gibt es noch zahlreiche Vorgänge, die wir kaum beachten und denen doch ungeheure Kraftwirkungen zugrunde liegen. So heben z, B. die Laubbäume tagtäglich riesige Mengen von Wasser aus dem Erdboden empor, die bann von ihren Kronen aus verdunsten: bei größeren Bäumen handelt es sich um eine tägliche Förderung von Zehntausenden von Sltcrn. Schristleitung: August Goetz. - Druck und Verlag der Brühl'fchen Univ.-Vuch- und Steindruckerei. N. Lange, Gießen.