K P® i'W MM -MM« MZWÄN- tiviÄTV., ■■ 1923 — Nr. 18 Samstag, s. Mai -«Kitz, J m M^Gießmer^eiger - Eine Totenftadt in der Wstterarr. Von Dr. Otto Kunkel-Gießen. Bei Rieder-Mockstadt im Kreis Büdingen, das heute von anderen Dörfern der Wetterau kaum sich unterscheidet, hat schon vor mehr als dreitausend Jahren regeres Leben als sonstwo selbst in unserer an Resten der Vorzeit so reichen Provinz, geherrscht Die große Rekropole in der „21 u“, westlich des Ortes, links der Straße nach Stade n, hat die Kunde davon bis in unsere Tage herubergerettet. Dieses in seinem Umfang, es waren ehemals min- destene. 120 Grabhügel, für Mitteldeutschland so gut wie einzig- artige Denkmal, der Vorgeschichte fällt nunmehr den Forderungen der Gegenwart zum Opfer: der Wald, der die Totenftadt solange treu behütete, wird zugunsten von Siedelungen und zur Gewinnung von Austauschland für die Feldbereinigung gerodet, die Hügel werden verschleift. Vor vielen Jahrzehnten bereits sind von dem bekannten Altertumsfreund DieffenbachinFriedberg meh- rere Tumuli ausgegraben worden, die Funde sind großenteils verschollen. Einiges Wenige aus Grabungen Les Fürsten Bruno liegt im Schloß zuBüdingen. Ferner wurden 1920 mehr als 30 jeöt schon ganz verschwundene Hügel genau untersucht, aus Lenen böt altem das Ober hessische Museum überraschend reich; und bedeutsame Funde gewonnen hat. Lieber 70 Grabhügel werden nun in den nächsten zwei Jahren noch von Len Kulturarbeiten bedroht. Daß ein Teil von ihnen vorher durch das Oberhessifcho Museum gründlich erforscht werden kann, wird der verständnisvollen Unterstützung durch Behörden verdankt, vor allem aber auch der Opferwilligkeit zahlreicher privater Freunde der 2lltertums- Wissenschaft, die teils durch Geldspenden, teils durch persönlich« Mithilfe ber der Grabung die Arbeiten wesentlich fördern, ja erst Elichen: doch hierüber wird im späteren Hauptbericht Rechengegeben. An Ostern konnten die Arbeiten an der Rekropole äge Tage wieder ausgenommen werden, und es steht zu hoffen, e demnächst im Rahmen der verfügbaren Mittel ihre Sorte tetjunfl finden. Erfreulicherweise hat die Feldbereinigungsbehörde J“r £ic spätere Verschteifung weitgehendstes Entgegenkommen in Aussicht gestellt, was die besonders wichtige Auffindung auch der Stedelung wesentlich erleichtern und manchen Hügel, dessen Aufdeckung vorerst unterbleiben muß, fiir die Wissenschaft doch noch nutzbar machen wird. Die dem -Untergang eines so bedeutungsvollen, in seiner Gröhe einzigartigen Denkmals der Vorzeit und dein Bestreben nach seiner vorherigen wissenschaftlichen Erforschung von allen Seiten entgegengebrachte Teilnahme, nicht minder der Wunsch, auch weiterhin hier ü-reunde für Lie Sache zu gewinnen, gibt Anlaß, hier einiges über diese Wetterauer Totenstadt zu sagen. , . Schon Jahrhunderte vor dem Beginn der Hügelnekropote war die Stell« besiedelt: nämlich von den st e i n z e i t l ch e n - Bauern, dm den sog. Bandkeramikern. die bekanntlich im dritten vorchristlichen Jahrtausend aus den unteren Donauländern kommmd, weite Gebiete bis nach Indien hin „indvgermanisierten", so auch die fruchtbaren Landstrecken Süd- und Mitteldeutschlands besetzten, sie mit steinerner Hacke und Pflugschar bebauten, und die offene Vetterausteppe besonders dicht mit ihren Gehöften übersäten: der Äugel 15 in Gruppe 1 des Rieder-Mockstädter Gräberfeldes ist, fast zweitausend Jahre später, auf der Stelle eines solchen Gehöftes errichtet worden: Pfostenlöcher, Scherben, Mahlsteine, Huttenlehm hat der Boden aus der Reolithik bewahrt. Bon den bisher untersuchten Grabhügeln stammt der älteste, mr Ostern aufgedeckte, Rr. 13 der Gruppe 3, aus der zweiten Hälfte des zwecken vorchristlichen Jahrtausends, also der Bronzezeit Der nach erhaltenen Zähnen noch jugendliche Tote mit ausgesprochenem Langschadel war auf eine Schicht weißen Sandes gebettet, von dem auch ein Häufchen unter dem zu Häupten der Leiche lie» genden Stein sich fand. Der Tote trug einen im Racken offenen massiven Bronzehalsring mit etwas geriefelten Enden (das erste bei uns bekanntgewordene Stück dieser Art) und am Gürtel ein Bronzebeil (sog. Absatzteli). Vestattungsritus und Beigaben lassen im Verein mit anderen Beobachtungen äußerst wichtige Schlüsse zu “be* .ÄerausbilLung gewisser Formen keltischer Kultur im sudlicyen Mitteldeutschland durch die Mischung bereits früher aus dem Südosten, dem Rordosten und dem Südwesten hier zusammengeströmter Elemente. wurden dann überschüttet und fast ganz verdrängt durch Kultur- und, wie jetzt unzweifelhaft feststeht, Volks- Wecken, die um die Wende Les zweiten zum letzten vorchristlichen Jahrtausmd, also zu Beginn der Eisenzeit, und überhaupt ui den beiden ersten Dritteln der Ha l l sta 11p e r i o de noch in mehreren Zügen, dm Wegm Ler neolithischen Band-- keramiker aus dem Südosten gefolgt sind. Ihnen gehört die Hauptmasse Ler bisher erforschten Graber von Rieder-Mockstadt an. Die Toten sind, meist verbrannt, unter mächtigen Grabhügeln bestattet, in denen, wie in einem Fall noch deutlich sich erkmnen ließ, Holz innen bauten, manchmal mit Steinen gesichert, die Behausung deö Lebenden ersetzten. Stattliche Grabservice, zum Teil mit schöner Bema- cking, Boten Speise und Trank für die Reise ins Jenseits, Schmuckringe aus Bronze, eiserne „Rasier-" und andere Messer sanden sich unter den Beigaben, selbst Las Feuerzeug fehlte nicht. Di« Reste einer unverbrannt bestatteten Leiche ruhten auf einem Zweiglager neben dem Prächtigen Grabservice, und eine Schale enthielt sogar den steinernen Fäustel zur Gewinnung des Markes aus dm Knochen, derm zerbrannte Splitter in einer Bieten Aschen sch ich! verstreut waren — das typische eines Totenmahles. Die Degräbnissitte und die Gefäße mit ihrer Ornamentik lassen deutlich die Herkunft dieser Kultur über die Rauhe Alb hin aus illyrisch-thiakischem Quellgebiet erkemim, aus dessen Rahe ja ehedem auch Ströme nach Griechenland sich ergossen haben, um dort zu höchster Blüte sich zu entfalten, während die schon von Haus aus Bescheide- nerm Seitmtriebe im Norden, die übrigens kaum über Gießen hinausgedrungen sind, zunächst verdorrten. 3m Süden lebte bekanntlich der Gedanke des Totenmahles umgefornck in der Grabmalkunst weiter, um dann später durch Vermittlung thra- kischer Reiter auf den römischen Soldatengrabsteinen am Rhein uns wieder nah« zu kommen. Schon zur Zeit der Blüte dieser behäbigen, bäuertich-sried- lichen Mittelhallstattkultur Beginnt es jenseits des Rheines sich zu regen, indem die Träger jener keltischen Art, deren! Anfängen wir oben bereits zur Bronzezeit bei Rieder-Mockstadt begegneten, nach Osten drängen. Das findet auch in unserer! Rekropole feinen Ausdruck: zunächst tauchen keltische Schmuck- ernten auf, aber nicht der schwere Torques .im Original, ondern eine leichte Dlechnachahmung davon — immerhin, man hat offenbar mit Sorge nach Westen geschaut, und wir fühlen uns fast daran erinnert, wie unlängst neben dem Schlagwort von der „gelben Gefahr" die Reigung für ostasiatifches Kunstgewerbe erwachte: kein Zufall wird es wohl auch fein, Laßt die Gräber jener Zeit oft kriegerischere Ausstattung als bisher aufweisen (Schwerter ufto.). fahrmig, daß Frauen von leichten .Grundsätze W Md. ihren Töchtern ganz entgegengesetzte Gesi:-nungen ^uMtz«"'^ich als wollten sie sich dadurch entsündigen oder sich Fürsprecher vor Gottes Thron bilden tn den geliebten Wesen, welche sie vor dem Gift bewahrten, das sie selbst verzehrt. Auguste war ein reines, fleckenloses Kind; ihr Stiefvater betete sie an und man mußte der Mutter um des Engels willen, der« sie verdarben konnte und Loch so heilig hwlt, die eigene^Schuld na^ sehen. Ich glaube, so empfanden meine Eltern; sie waren freundlich gegen' Madarna Schlegel, obwohl der Vater, ungewonnen durch ihre anmutige Genialität, ihr oft tüchtig abgab was sie ganz allerliebst ausnahm und wieder vom Aermel schüttelte. Sie war gar nicht schön, kaum hübsch, aber ihre nette, gewandte, kleine Gestalt war graziös, wie ihr ganzes Wesen, und in dem von Pockennarben etwas beschädigten Antlitz lag soviel Ernnchmende^ ta ihren dunklen Augen leuchtete soviel Geist,w^^re LiPpM zeigten wenn sie sich öffneten, so schone Zahne, daß man allenfalls die Reimmg begreifen kann, welche nicht bloß Schlegel sondem auch Diefe andere Männer ihr maßlos widmeten. Don Dessau wvll» ten Schlegels damals nach Jena gehen, wo er eine Professur an» Bei Karoline Schlegel in Jena. Diese Schilderung stammt von der Tochter des Malers 3oß. Friedrich August Tischbein und ist dem soeben bei Strecker und Schröder in Stuttgart erschienenen, reich aus-- gestatteten Duche: DerMalerJ. 5. A. Tischbein — Ein Lebensbild, nach den Aufzeichnungen feiner Tochter, von Prof. Dr. h. c. Adolf Stoll — entnommen. Der Maler, nicht zu verwechseln mit seinem Vetter Wilhelm, dem römischen Freund Goethes, hat die bedeutendsten Menschen seiner Zeit porträtiert, und u. a. in freundschaftlichem Verhältnis zu A. W. Schlegel und den Romantikern gestanden. Die hohen literarischen Verdienste der Brüder Schlegel hat Caroline Tischbein zwar nicht erkannt, aber sie schildert in dem folgenden Abschnitt sehr interessant das zigeunerhafte Leben und Treiben der Romantiker: 3m Schlegelschen Hause in Jena gab's dagegen Poesie genug, aber keine Ordnung. Diese Wirtschaft überstieg jede mögliche geniale Einordnung und wurde mir so widerlich, daß ich dadurch erst die Rotwendigkeit einer besseren Einrichtung schätzen lernte. Bei Schlegels war ich viel ordentlicher als bei Dertuchs. Ein munteres Leben herrschte im Schlegelschen- Hause. Von Frau Schlegel, der ehemaligen Böhmer, ihrem Verhältnis zu Schlegel, von der Bedingung, unter welcher sie ihm, Schlegel, ihre Hand gereicht hatte, habe ich schon oben gesprochen. 3m zweiten Jahre Unseres Aufenthaltes in Dessau hatte er die junge Frau mit einer allerliebsten Stieftochter nach Deffau gebracht, wo sie etcoa vierzehn Tage bei uns wohnten. Diese Stieftochter, AugusteBöh» mer, war ein liebliches Mädchen von etwa vierzehn Jahren und, man mußte gestehen, gut erzogen. Es ist eine oft gemachte Gr» Schleg^gehörte zu der damaligen Zunft anmaßender Schriftsteller. In welcher Roheit, hämische Spottsucht und die frechste Ain» ittlichkeit mit dem Stempel der Genialität bezeichnt umrden und deren Haupt er mit seinem Bruder Friedrich bildete Von ch^n gingen die Lucinden usw. aus, ÜBerfe. die jetzt 9°ttfob! selbst Männer zum Teil nicht kennen oder doch nach ihrem wahren Wert zu beurteilen wissen. Unzählige Schwierigkeiten fetzte es spater über diese unreinen Geisteserzeug nisse, die doch ihres Ve^assers bessere Ratur verleugneten, zwischen Schlegel und meinem Vater, der den Umgang mit wissenschaftlich gebildstE Aiännern sehr liebte unb suchte und mit vielen Gelehrten Schrst tstellern freundschaftlich verbunden war; über diefe Schlegelschen Produkte aber füllte sich mein Vater, der sich an den früheren Leistungen des jungen Mannes erfreut hatte, ganz empört und sprach ihm seine Mebiung unum- - Zum erstenmal hörte ich Ihn bei einer solchen Gelegen- Dann. um die Mitte des letzten vorchristlichen Hahr- | tausends, erscheinen die Kelten selbst in der OBettermi^ I kenntlich an ihren eigentümlichen Destattungsgebräuchen und.drnn eigenartigen Schmuck. Und vom Beginn der La-Täne-Zett I an mehren sich — meist in Rachbestattungen — die gaIlt- i scheu ^Fnnde bei Rieder-Mockstadt (Halsringe mit Petschafte^ I Fibeln mit umgeschlagenem Fuß usw.). 3n jene Periode fällt I die Begründung der mächtigen Ringburg auf dem ragenden- i ® tau berg, der bei unseren oberhessischen .Heimatfreunden so ! merkwürdig unbekamit ist; und fast zur Gewißheit ist es wahr I scheinlich, daß gerade die Gallier der Mockstadter Siedelung. I über bereit Stammesnamen wir Vermutungen noch nicht äußern wollen, hervorragenden Anteil hatten an der Aufturmung noch beute gewaltigen Wälle jener Dolksburg, die bann ,lm Mittelalter nochmals zur Bedeutung gekommen ist. . Vieles also, weit mehr als das, was hier angedeutet werden konnte hat d i e Re kr v p v le in der Rieder - M o cksta dt e r Au uns schon berichtet, viele Erkenntnisse geliefert von großer Tragweite nicht bloß für die Vorzeit der engeren Heimat. Antwort auf manche ungelöste Frage verspricht sie weiterhin hoffentlich ergibt sich sdie Möglichkeit, noch | recht viel ihr abzulaufchen. — Aller Augen blickten kürzlich nach Aegypten, von wo überraschende Grabfunde gemeldet wurden: jene Komgsschatze, jene Kunstwerke haben als fvlche Ewigkeitswert — aber jene Zeiten sind uns auch schon geschichtlich vertraut. Was । li n f e r e Rekrvpolen bergen, ist gar viel bescheidener in feinem Reicheren - doch die Funde sind die einzigem und noch dazu bei eindringender Forschung recht ergiebigen Erkenn t- nisqueilen für längst entschwundene Hahrtaufende, über die fein einziges Schriftzeichen uns berichtet, Erkenntnisauellen vor allem für die Vergangenheit der eigenen Heimat und des eigenen Volkstums Und so scheint es wohl berechtigt, auch einmal auf s i e den Blick zu richten, „damit wir nicht Fremde im Vaterland sein mögen, da andere Völker ihre Altertümer so sorgfältig zu untersuchen, bemüht sind, während wir uns in den vorigen Zeiten mehr um andere, als um uns selber bekümmert haben — ein Wort, das schon zweihundert Jahre alt ist! Rur ans der Vorgeschichte verstehen wir ja, um bloß eins zu erwähnen, die so große Mannigfaltigkeit der Einzelthpen, in der die Bewohner der Wetterau sich uns heute barftelten, im Gegensatz zur Bevölkerung des nordöstlichen Oberhessens, die eine viel größere Geschlossenheit aufweist: Hier, am Hang Des Vogelsbergs, sind nie andere Ströme als vom Rordosten her angebrandet, während in der Wetterau, wie in einer Sackgasse, seit den ältesten Zeiten aus allen Richtungen Kulturen und Volker fick trafen — bis in die Römerzeit hinein, ja, über sie hinaus. Olfe haben die Neuankömmlinge der früher Gekommenen ganz verdrängen können; die Funde zeigen es oft deutlich. Und so leben die Steinzeitbauern, und was sonst aus dem Südvsten, dem Süd- westen und Westen, sowie dem Rorden und Rordosten in der Jahrtausende Lauf vom Schlckfal hierher verschlagen ward, es lebt noch heute in der Wetterau weiter, wie überhaupt in Süd- und Mitteldeutschland, tn mancher Eigenart des Körpers, des Geistes und des Gemütes der Menschen, die doch längst mit den Leuten des Rordens durch den unlöslichen Kitt germanischen Blutes, das jg seit dem Ende des zweiten Jahrhunderts vor Christus in breiten, unaufhaltfamen, unversiegbaren Strömen nach Süden sich ergoß, zu einheitlichem Deutschtum verbunden sind. wunden aus. Zum erstenmal hörte ich ihn bet etner pupen Gelegenheit eine unartige Antwort geben. Sch.egel persiflierte jemand in einem Gespräch mit dem Vater ganz jämmerlich und sprach sogar über dessen Physiognomie das Anathema aus. Auf des Vaters Einwurf, daß der Mann fich fein Gesicht doch nicht selbst gemacht habe, antwortete Schlegel: „Ei was, jeder tüchtige Mensch vermag sich selbst sein Gesicht zu schaffen." 3m volleii Zorn versetzte der Vater: Könnte man dies, so würden Sie besonders wvhlgetan Haven, sich ein anderes zu machen." - „Sie," sagte der Vater einmal heftig erregt zu der Frau, „Sie finb die Schlange, welche Schlegel verführt von Ihnen empfängt er das verderbende Gift, um es weiter zu verbreiten." Die kluge Frau lachte und wußte durch irgendeine scherzhafte Wendung Schlegels aufsteigenden Zorn wie des Vaters Heftigkeit zu beschwören. Viele interefsante Männer mit ihren Familien bildeten damals in Jena eine sehr anziehende Geselligkeit. Paulus,Mereau. Loder. Frommann waren mit Schlegels und Hufelands befreundet. Auch Gries gehörte zu btefer Elite, sowie viele junge liebenswürdige und geistvolle Studierende. Es war ein Kreis, wo Lust und Leben herrschte. Bälle, Landpartien, kleine Maskeraden, alles gab es da, um junge Gemüter anzuziehen, vielleicht auch zu verlocken. Es war eine muntere Zeit, die ich unbefangen hinnahm und freudig genoß. Gut war es jedoch-, daß diese Zeit nicht zu weit ausgedehnt wurde unb daß ich in Auguste den Genius fano, dessen Einfluß unb kindlicher Umgang mich mehr beherrschte als andere Eindrücke Einige Tage nach unserer Ankunft in Jena kam Schelling an und bezog eine Stube im Schlegelschen Hause, wo er auch nebst mehreren jungen Leuten seinen Mittagstisch hatte. Dieser letzte war nicht der beste, vielmehr gab es ein abscheulicheres, ungesunderes Essen als hier wohl selten. Vielleicht wußte Frau Schlegel oft um zwölf Ahr noch nicht, was sie kochen lassen wollte. Saure Gurken, Kartoffeln, Heringe und eine unschmackhafie Wassersuppe halfen dann aus. Die Würze zu biefem Mahl lieferten geistige Bestandteile bei der unnachlassenben Gewandtheit der Wirtin, welche alle zu beleben und anzureizen und ihren Witz leuchten zu lassen wußte, so daß die Gesellschaft über bem Sprechen das Essen vergaß. Die Abendvereine bei Tee und kalter Küche waren auch sehr angenehm, Wurst und Käse dabei wenigstens eßbar. Wie Frau Schlegel verstand, Herzen zu gewinnen, bezeugt ihr dritter Mann, Schelling. Schelling dachte, als er nach Jena kam (1798), an nichts weniger als daran, einst dies zu werden; er hatte sich sogar höchst nachteilig über die Schlegel geäußert und versichert, ihn werde sie nicht behexen. Sicher Ist es, daß der Dame diese Aeußerungen bekannt wurden. Wie sie es aber ansing, ihn als Gast oder Mieter — ob ersteres oder letzteres, weiß ich- nicht mehr 7- ins Haus zu bekommen, blieb unerörtert. Genug, er kam. Wir nicht, aber der Mutier, wie sie später erzählte, wurde bald bemerkbar, daß fich zwischen Schelling und seiner Wirtin ein Verhältnis entspann, unter dem Schlegel sehr litt. 3ch entfinne mich, baß einst nach einem kleinen Ball bei Schlegels, als alle Gäste schon fort waren und ich bi -den Saal zurückkehrte, um etwas zu holen, Schlegel und feine Frau in großer Aufregung nebeneinander ein» I herschritten. Er weinte, sie sah sehr entschlossen und erhitzt aus. I Lstese Wahrnehmungen machte ich schnell und teilte sie der Mutt«: 71 jnft. .Sie werden sich gezankt Haben," antwvrtete die Mutter leichthin, unb ich dachte nicht Wetter darüber nach. Degen das Gude unseres Aufenthaltes in Jena kam Friedrich Schlegel an. Seine erste Erscheinung befremdete mich sehr. Ich stand im Speisezimmer am Fenster, als eine kurze, Bngene Gestalt, bewaffnet mit einem tüchtigen Knotenstvck, in unscheinbarem, ja unsauberem Anzug, mit dem Ranzen aus Lücken keck zur Haustür herein und in eben der Manier in das Eßzimmer trat. Ich erschrak und sah in ihm einen dreisten Bettler. Er bemerkte es lächelnd und hätte sich Wohl mit meiner Verlegenheit längere Zeit Späh erlaubt, wäre nicht gerade seine Schwägerin «ingetreten und hätte ihn bewillkommt. Friedrich Schlegel gefiel mir übrigens nicht sonderlich, und die Aufmerksamkeit, welche er mir erwies, konnte mich nicht günstiger für ihn stimmen. Die Mutter bereitete sich endlich zur Abreise. Ohne zu wissen, warum, bemerkte man je länger, je mehr das gestörte Verhältnis Schlegels und seiner Frau. Er war ausfahreüd, übellaunig; sie behandelte ihn mit kalter Verachtung. Schelling betrug sich, als ginge ihn Las gar nichts an, er zeigte sich freundlich gegen Schlegel, während er sich ganz vertraulich gegen die Frau benahm und deren Tochter Auguste eine ungemeine Zärtlichkeit bewies, die aber von dem jungen Mädchen schroff zurückgewiesen wurde. Es war, als ob damals in der frommen, reinen Seele dieses lieben Wesens ein Verdacht gegen die Mutter erwachte und gegen den zweiten ihr aufgedrungenen Stiefvater ein Abscheu, welcher sie bei ihrer zarten geistigen und körperlichen Organisation einem frühen Grabe zuführte. Auguste und ich nahmen schmerzvollen Abschied; ich zwar ahnte von dem, was wenige Wochen nachher sich entwickelte, noch nichts. Wer Auguste zerfloß in Tränen und wollte mich und Betty gar nicht lasfen. Wir sahen uns nie wieder. Bald nachher wurde Schlegels Ehe aufgelöst, und einige Monate später war die getrennte Frau mit Schelling verheiratet. Weine Korrespondenz mit Auguste dauerte fort, die veränderten häuslichen Verhältnisse aber überging sie in ihren Briefen soviel als Möglich. Sie starb leider bald nach dm: Verheiratung der Mutter, und ihr Tod betrübte mich tief. Was muh ihre liebe Seele gelitten haben in der Entwürdigung einer Mutter, die sie so sehr liebte! Neue Zeugnisse aus Georg Büchners Leben. Der so früh dahingeschtedene Georg Büchner, dessen geniale Dramen „Danto-ns Tod", „Woizeck", „Oevnce und Lena" in un° Brt Tagen ihre Auferstehung auf der Bühne erlebt haben, ist erst t als einer der größten deutschen Dichter nach Goethe erkannt rden. Wie sein Werk, so muhte auch sein Leben erst von dem Schutt der Vergangenheit befreit werden, der sich darüber gelagert. Waren uns seine Dichtungen nur in trümmerhafter Form überliefert, so war auch vieles in seinem Schicksal völlig dunkel. Die emsige Forschung, die im letzten Jahrzehnt sich mit Büchner beschäftigte, hat nun ihre Krönung erfahren in der soeben im Insel- Verlag erschienenen, von Fritz Dergemann bearbeiteten Ausgabe seiner „Sämtlichen Werke und Briefe". Der Text dieser kostbaren Schöpfungen ist jetzt erst gereinigt und in seiner älrfprüng- ltchkeit wiederhergestellt; außerdem ist im Anhang alles vereinigt, was wir an Persönlichen Dokumenten über ihn besitzen. Darunter befindet sich auch verschiedenes älngedrucktes von Wichtigkeit. Heber die jugendliche Entwicklung des so rasch gereiften Genies erhalten wir Aufschlüsse aus den Erinnerungen einiger Schulkameraden. So erzählt der spätere Pfarrer Luck: „Georg Büchner ging schon früh und allezeit gradaus auf das los, was er als das Wesen und den Kern der Dinge erkannte, auch in der Wissenschaft, besonders der Philosophie, sowie hinsichtlich der politischen Dolks- bedürfnisse, wie er sie ansah, und in allem war sein Prinzip die Freiheit, die er meinte. Er war nicht gewillt, daß die Unwissenheit des Volkes benützt werde, es zu betrügen oder zum Werkzeug zu machen, oder gar mit seinem Talent lukrative Spekulationen zu machen. In seinem Denken und Tun durch das Streben nach Wesenhaftigkeit und Wahrheit früh durchaus selbständig, vermochte ihn keine äußerliche Autorität, noch nichtiger Schein zu imponieren. Das Bewußtsein des erworbenen geistigen Fonds drängte ihn fortwährend zu einer unerbittlichen Kritik dessen, was in der menschlichen Gesellschaft oder Philosophie und Kunst Alleinberechtigung beanspruchte oder erlistete. Man sah ihm an, an Stirne, Augen tmd Lippen, daß er auch, wenn er schwieg, diese Kritik in seinem m sich verschlossenen Denken übte. Ich weiß nicht, ob ein gutes Bild von ihm existiert. Wer ich sehe im Geist sein Angesicht, ähnlich einem alten Bilde Shakespeares, von bürgerlich gediegenem, tatkräftigem, aber auch liebenswürdig übermütigem Ausdruck. Es lag darin Zurückhaltung. Entschlossenheit, skeptische Verachtung alles Richtigen und Riederträchtigen. Die zuckenden Lippen verrieten, wie oft er mit der Welt in Widerspruch und Streit lag." Ein anderer Schulkamerad, der spätere Gymnasiallehrer Friedrich Zimmermann, erzählt von der ausgebreitete» Lektüre des Schülers: „Für älnterholtungslektüre hatte er keinen Sinn; er mußte beim Lesen zu denken haben. Sein Geschmack war elastisch. Während er Herders „Stimmen der Völker" und „Des Knaben Wunderhorn" verschlang, schätzte er auch Werke der französischen Literatur. Gr warf sich srühzeitig auf religiöse Fragen, auf metaphysische und ethische Probleme, in einem inneren Zusammenhang mit Angelegenheiten der Naturwissenschaften, für deren Studium er sich früh entschied. Gedichtet hat er, meines Wissens, damals nichts; aber für echte Poesie war feine Liebe groß, sein Verständnis fein und sicher. Die Matur liebte er mit Schwärmerei, die oft in Andacht gesammelt war. Kein Werk der deutschen Poesie machte darum auf ihn einen so mächtigen Eindruck wie der Faust." Aus seiner letzten Lebenszeit stammen Erinnerungen an Büchner als Züricher Dozenten von dem Stabsarzt Dr. Lüning. Gr machte auf seine Zuhörer einen starken Eindruck: „Der Vortrag Büchners war nicht geradezu glänzend, aber fließend, klar und bündig, rhetorischen Schmuck schien er fast ängstlich, als nicht zur Sache gehörig, zu vermeiden; was aber diesen Vorlesungen vor allem ihren Wert verlieh und was sie für die Zuhörer so fesselnd machte, das waren die fortwährenden Beziehungen auf die Bedeutung der einzelnen Teile der Organe und auf dieDergleichung derselben mit denen der höheren Tierklassen." Als der junge geniale Dozent dann durch den damals in Zürichgrassierenden Typhms auf sein Sterbelager geworfen wurde, wachten seine Hörer des Nachts abwechselnd bei dem Kranken. „Da war ich denn oft genug Zeuge von jenen Phantasien," erzählt Lüning, „wie sie das arme Gehirn des Gemarterten durchtobten und wie sie Herwegh 1841 in seinen drei Gedichten auf Büchners Andenken so ergreifend schilderte; denn als ich 1839 die Bekanntschaft des damals noch unbekannten „Lebendigen" machte, lieh er nicht nadk mich über alles jedes, was Büchner betraf, zu befragen, und aus diesen Erzählungen sind großenteils die Schilderungen jener Phantasien des kranken Dichters entstanden. Das ist ungefähr alles, was ich von Büchner zu erzählen wüßte; vergessen habe ich ihn nicht; wer mit dieser Feuersee einmal in Berührung kam, dem schwand sie nicht wieder aus der Erinnerung." Drei Fabeln.*) Bon Theodor Etzel. Der Reichstag der Dögel. Als einst die wilden Dögel unter dem Vorsitz des Buntspechte- vor des Wlers Thron versammelt waren, erhoben die Drosseln Klage über den Menschen: • Wir stellen den Antrag: Das ganze Volk der Vögel möge sich gegen den Menschen erheben und ihn vernichten. Denn trotzdem wir dem Menschen niemals einen Schaden zugefügt haben, hängt er im Walde Schlingen mit Eschenbeeren auf, um uns arme Vögel zu fangen, zu morden, zu sreffen. Die Finken: Ihr irrt euch, es sind nicht Schlingen, mit denen er uns Vögel sängt, sondern Ruten, die er mit Leim bestreicht. Auch frißt er uns nicht auf, sondern sperrt uns in Käfige, damit wir ihm singen sollen. Die Rebhühner: Richt doch, er frißt uns! Aber er verfolgt uns Vögel nicht mit Schlingen, auch nicht mit Leimruten, sondern mit tvdbringestden Knallrohren. Die Finken: Der Wahrheit die Ehre! Er tötet uns nicht! Er verfolgt uns mit Leimruten und beraubt uns der Freiheit. DieDrosfeln: Wir wissens besser! Gr mordet uns in Schlingen. Die Rebhühner: Zum Teufel! Gr tötet uns mit Knallrohren. Der Buntspecht (hämmert): Laßt uns nicht streiten, sondern einig werden. Das eine steht also jedenfalls fest: der Mensch ist unser grausamster Feind, der uns--- Die Drosseln und die Rebhühner: — tötet! Die Finken: — einsperrt! Der Buntspecht (hämmert): Ruhe! — Ich konstatiere nochmals: der Mensch ist unser grausamster Feind--- Die Zaunkönige: Wir protestieren! Der Mensch verfolgt unS Vögel nicht. Er bekümmert sich nicht im geringsten um uns. (Große Unruhe.) DieKrähen: Gemeine Lüge! (Lauter Beifall). Er kümmert sich sehr wohl um uns. Er sorgt für uns als bester Freund. Die Drosseln, Finken und Rebhühner: Verrückte Be» hauptutzg! — Beweis! — Beweis! DieKrähen: Er kommt aufs Feld heraus uni> bebt für uns mit dem Pflug die Würmer und Engerlinge 'aus dem tiefen Boden empor. 8m Schweiße seines Angesichts ernährt er uns. Die Schwalben: Unsinn! Gr ernährt uns nicht! Dagegen baut er Häuser, damit wir Dögel unter sicherem Dache sorglos nisten können — unter des guten Menschen Schutz. Die Spatzen: Rein! Er schützt uns nicht, doch ernährt er uns. Aber nicht, wie die Krähen irrtümlich sagten, mit Würmern und Engerlingen, sondern mit fruchtbaren Weizenähren, die er für uns Vögel großzieht. DieSchwalben: Ihr irrt euch: er gibt uns Schuh, nicht Speise. DieSpahen (heftig): Schweigt! Wir wissen es besser. Er schützt uns nicht, doch ernährt er uns mit den besten Körnern. DieKrähen (wütend): Zum Donnerwetter, nein! mit Würmern! *) Der „Fahne" entnommen, einem „Führer zu Dichter» pnd Denkern", mit welchem der Verlag von Walter Seifert in Stuttgart auf gediegene Bücher, im vorliegenden Falle auf Etzels hübsche „Fabeln, hinweist. Der Buntspecht (hämmert): Sch bitte um Ruhe! — Da« eine steht also jedenfalls fest: der Mensch ist unser bester Freund, der uns-- Die Schwalben: — Schutz gewährt! Die Krähen und die Spatzen: — Speise gibt! Der Buntspecht (wtederhvlend): Der Mensch ist unser --- Die Finken und Rebhühner: — schlimmster Feind! Die Krähen und Schwalben: — bester Freund! Die Drosseln: Der Mensch ist «in Scheusal! Die Spatzen: Gemeinheit! — Er ist unser Wohltäter! Die Zaunkönige: Ihr seid ja allesamt verrückt! (Furchtbarer Tumult. Allgemeine Rauferei.) Der Buntspecht (hämmert heftig): Sllentium! — Silentium! Ach rufe euch alle zur Ordnung! Die Zaunkönige (fliegen unter Protest davon). DerBuntspecht (nachdem die Ruhe wieder hergestellt lst): Da Stimmengleichheit vorliegt, gilt der Antrag der Drosseln für abgelehnt. Ach schließe die Sitzung. Der Adler: Gut so! Wir dürfen immerhin nicht vergessen, da» wir dem Menschen für eins zu grobem Dank verpflichtet sind, — wir haben von ihm gelernt, Reichstag zu halten, das heißt: zum Wohle der Gesamtheit all« persönlichen Interessen — mit Flachdruck zu vertreten. Die Spinnen. Ein Wairderer kam mit den ersten Strahlen der Morgensvnn« auf eine Lichtung des Waldes. Lieber blühend« Ginsterbüsche waren die Rehe der Spinnen gespannt. Di« Tautröpfchen hingen darin und glitzerten an den feinen Fädchen in regenbogenem Farben» spiel. Da blieb der Wanderer voll Verwunderung stehen und rief entzückt: „Wie Herrlich Hast du dich geschmückt, Natur! 3n bunten Schnüren strahlt im Sonnenglanz der Tau wie ein Geschmeide von Brillanten, die, fein zu Ketten aufgereiht, den Hals der schönsten Frau umwinden!" Da riefen die Spinnen: „Mensch, toeitn dir dies Licht-- und Wasserspiel gefällt, so lobe nicht die Sonne und den Tau, so lobe uns! Wir haben diese Fäden aufgespannt, wir sind es, die den Perlentropchen Stütze gaben, wir sind die Schöpfer dieses Meisterwerkes!" Der Wanderer erwiderte: „Wenn ihr die Netze um der Schönheit willen gesponnen hättet, so würde ich gern euer Lob verkünden. Euch aber drängte nur die Mordlust zu dem Werk, und gegen euren Wunsch benutzt die Schönheit eure Mördernetze. Soll ich euch dafür dankbar sein? — Wahrlich, ihr seid sd unverschämt wie — Spinnen!" Der Feind. Als den Tieren ihre Waffen zugeteilt wurden, erbat sich das Rhinozeros ein gewaltiges Horn auf di« Nase. Und der Schöpfer gab es ihm. Die bissige Mücke aber lachte und rief dem Rhinozeros zu: „Glaubst du mit diesem Rasenhvrn dich gegen mich schützen zu Wunen?" „Wahrhaftig, an dich habe ich bei meiner Wahl nicht gedacht," entgegnete belustigt das Rhinozeros. Das Schaf hatte dies« Worte gehört und nahm sie sich ernsthaft zu Herzen. „Ich bitte um einen dichten Pelz." bat es deq Schöpfer. Lind der Schöpfer gab ihm ein Wollkleid. So hatte das Schaf die Mücke fceftegt. Aber der wilde Wolf lachte, und der habgierige Mensch freute sich Die Zerstörung von Raubnestern in der Wetterau. Wo das Gemäuer einer zerfallenen Burg stch erhebt, denkt der Laie meist gleich an den Horst verwegener Raubritter, und manche Sage berichtet, wie die Uebermacht verzweifelter Bauern und.Bürger das Rest aushob. Nicht immer halten die bunten Farben solcher Erzählungen vor dem Licht der Geschichte stand. Geschichtlich ist aber, was der rührige Friedberger Stadtarchivar Ferdinand Dreher in einem trefflichen Büchlein darüber erzählt, mit dem er neulich „die reifere Jugend", auch die älteren Freunde der ehemals freien Stadt beschenkt hat*): Friedberg aber, das einer so großen Vergangenheit sich rühmen kann, wie alle die Ereignisse dartun, von denen Dreher in reicher Fülle berichtet (doch nie im Lokalen stecken bleibend, sondern alles in den Rahmen der Reichs- und Territvrialgeschichte nach Möglichkeit einordnend), empfängt nicht unverdient dieses Geschenk: denn in glücklichem Wetteifer mit anderen, selbst größeren Städten, ist ja der alte Vorort der Wetterau heute bemüht, mit dem Erbe der Väter für Heimatliebe und Wiss«nschaft zu wuchern, — *) Ferdinand Dreher. 3m Kampf um- Dasein. Aufstieg und Niedergang der Reichsstadt Friedberg. Eine Chronik. Friedberg L H. (Druck und Verlag C. Dindernagel) 1923. — 72 ©., 21 Abb. ______ ,1405, den IS.—22. Februar", so erzählt Ser Verfasser des Buches, „unternahm König Ruprecht einen Zug in dt« Wetterau zur Zerstörung der gefährlichsten Raub- nester, aus denen ,des Helligen Reichs Straßen zu Wasser und zu Lande grotzlich niedergelacht und Kauflude, Pilgerhn und andere Lute, geistliche und werntliche, beraubt und beschädigt und an Lib und Gute verderpelichen gemacht werden'. Frankfurt, Friedberg, Gelnhausen, Wetzlar, Mainz, Worms und Speyer hatten laut Königlichem Ausschreiben, datiert Heidelberg, 3. Febr. 1403, insgesamt zu stellen 62 Gleven (Reiterabteilungen), 620 Bewaffnete und 260 Schützen, Friedberg allein ,40 Gewaffnete und 20 Schützen mit ihren Seczedartschen (Setzschilden) und anderen! Gezuge bar» zu gehörende. 3tem sie sollen auch ire großen Duszen (Geschütz) mydefuren mit Pulver, Steinen u. a.‘. Die Schlösser Rükkingen (iw. Hanau), Darben (Klein-Karben sü. Friedberg), Mömbris (nö. Aschaffenburg), Hüttengesätz (nö. Langenselbold) und Wasserlos (sü. Alzenau) wurden zerstört. Höchst bei Lindheim ergab sich und blieb darum unversehrt. Aber schon nach-einigen Wochen gab König Ruprecht dem Wetterauer Landvogt Hermann von Rodenstein Befehl, auch diese Feste wegen neuer Räubereien abzutun. Auf Weisung Ruprechts vom 24. April 1405 hatten Frankfurt 16; Friedberg 11, Gelnhausen 9 und Wetzlar 2 Werkleute, Zimmerleute und Steinmetzen mit ihrem .gezauwe und gerede' zu entsenden. Ebenso erlegte Reprecht am 18. Mai 1405 der Reichsstadt Friedberg die Gestellung von 5 Steinmetzen und Zimmerleuten zur Zerstörung des Schlosses Hauenstein bei Mömbris auf. Unmittelbar nach Beendigung des Zuges, 25. Februar 1405, verhandelten die Herren Philipp von Falkenstein, die Gebrüder Reinhard und Johann von Hanau und die Wetterauer Städte Frankfurt, Friedberg, Wetzlar und Gelnhausen mit Landvogt Hermann von Rodenstein über ein Bündnis, um sich gegen jedweden Angriff wegen ihrer Teilnahme an der Gxecution (Strafzug) zu sichern. Die Städte atmeten auf, dem frechen Raubgesindel, zum Teil .frumbe' Vasallen des Erzbischofs Johann II. von Mainz, war das Handwerk gelegt — aber der Todfeind der Stadt Friedberg, die D u r g, wuch- mittlerweile zu einem Riesen heran." Wie oft mag man damals nach der „guten alten Zeit" sich gesehnt haben, die doch niemand erlebt hat, von der auch wir, selbst vor dem Kriege, so gern träumten! Aber nicht schwächlicher Ablenkung in Zeiten der Not soll die Beschäftigung mit der Vergangenheit dienen, sondern zur Lehre soll sie werden für die Gegenwart, nicht zuletzt auch anspornen zum mutigen Wehren und festen Ausharren in Tagen schweren Unglücks. K. MshdoÄumente aus alten Zeiten. Aus Frankfurt a. M. wird uns geschrieben: Von den Festgaben, di« das Frankfurter Meßamt anläßlich der Anter- nationalen Herbst- und Frühjahrsmessen herausgibt, verdienen zwei in Ausstattung und Anhalt gleichermaßen kostbare Büchlein besondere Erwähnung: Das dem Original getreu nachgebildete „Frankfurter Meßschema aus dem Jahre 177 5" und „Alt-Frankfurt als Messe» und Krönungsstadt", eine Zusammenstellung englischer Reiseberichte. Seit altersher waren die Frankfurter Messen, das vielgepriesene „Kaufhaus der Deutschen", berühmt. Wie alt diese Messen eigentlich sind, verinag da« Weßschema nicht anzugeben, es erwähnt nur. daß in dem vorhandenen Freiheitsbrief Kaiser Friedrichs II. an die Stadt Frankfurt vom 12. Juli 1240 alle auf „diese alte Messe Reifende, des Kaysers und des Reichs besonderen Schuh und Schirm" versichert werden. Auch di« alten historischen Meßgebräuche, beispielstveis« daS Meßgeleit, finden hier eine Erllärung. Das Geleit wurde zum Schutz der reisenden Kaufleute gegen Ueberfälle und Räubereien eingerichtet, natürlich wurden fiir ein solches Geleit bestimmte Gebühren erhoben. Sv führt die „Taxa des Churmahntzischen Geleitszettels" auf, daß „ein Christ, zu Fuß gehend oder zu Wasser fahrend kr. 4, ein Jude kr. 10" hinterlegen muß, der Hessen-Darm» städtische Geleitzettel verlangt für ersteren 10 kr., für letzteren gleich 22.1/2 kr. Die „Meß- Frey beit", die jedem Kaufmann, sogar dem Geächteten, für die Dauer der Messe ungehinderten Aufenthalt in der Stadt und freies Geleit zusicherte, wird anschaulich beschrieben und dazu vermeldet, daß die drei zollfreyen Städte Worms, Bamberg und Nürnberg um die Erneuerung ihrer Zollfreiheit in einem zierlichen Aufzug, bestehend aus Pfeifern, Rats- Personen, Canzlei-Sekretarien oder anderen angesehenen Bürger» leuten vor den: Schultheiß- und Schöffengericht erscheinen mußten. Der humorvolle englische Weltenbummler Thomas Coryate, der 1608 die Frankfurter Herstmesse besuchte, beschreibt seine Ein». drücke von Franffurt: „Zweierlei macht diese Stadt berühmt über ganz Europa hin. Einmal die Wahl des RonnsHen Königs, dann die beider: berühmten Messen, die hier zweimal im Jahr abgehalten werden. Sie heißen die „Märkte von Frankfurt". Er entwirft ein anschauliches Bild von dem Leben unb Treiben auf der Messen schildert die Pracht der Goldschmieds unter dem Römer, die Kostbarkeiten der Seiden Händler. Die Reichhaltigkeit des Büchermarktes .in der Duchgaß setzt ihn in Erstaunen, sie erscheint ihm als ebt „wahrer Inbegriff aller der bedeutendsten Bibliotheken Europas , Lchrtftlettung: August Goetz. — Druck und Verlag der Drühl'fchen Univ.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.