Samstag, 8. März gtfS 1923 — Nr. 9 । 'OS ■i i :$• Das Land der armen Leute. Von Wilh. Heinrich Riehl. Wilh. Heinr. Riehl, her große Kulturhistoriter und Rovellist. Lefsen Geburtstag sich im Mai dieses Jahres zum hundertsten Wale jährt, ist ein Kind unserer mittel» deutschen Gegend, hat in Weilburg das Gymnasium besucht und in Marburg und Gießen studiert. Dmttschland und das deutsche Bol! hat er nicht nur mit wissenschaftlichem Scharfblick gemustert, sondern es auch mu ganzer Seele bei seinen Schilderungen und Deurtei- Lungen erfaßt. Eugen Diederichs Verlag in Jena hat einen soliden, vom Herausgeber Paul Zaunert gut «ngeleiteten Auswahlband »Don deutschem Land und Volk' erscheinen lassen, aus dem wir ein hochinteressantes Kapitel über die Gebirge unserer Gegend auszugsweise wiwergeben. Es ist eine ganze Kette deutscher Landstriche, welche uns die natürliche, an dem Boden haftende Armut darstellt, mehr als geographische und ethnographische denn als soziale Tatsache. Diese Gegenden sind darum aber doch nicht bloß für baS Studium der Wechselbeziehung von „Land und Leuten" besonders wichtig, sondern auch ebensosehr für jenes der sozialen Gebilde. Wir können hier den Unterschied zwischen armen Leuten und Proletariern, zwischen der naiden und bewußten, der ruhigen und umsturzwütigen Armut im Spazierengehen kennen- »ernen. Diese Gegenden sind in sozialem Betracht eine großartige historische Ruine. Wir sehen in denselben die armen Leute des Mittelalters noch leibhaftig vor uns stehen, während eine Wanderung von wenigen Stunden seitab in üppigere Gründe und Ebenen uns zu den modernen armen Leuten führt, das hecht: von verarmten Bauern, die aber noch echte Bauern sind zu echten Gliedern des vierten Standes. Hier also können wir höchst praktische Vorstudien für eine der entscheidendsten Fragen m der Lehre von der bürgerlichen Gesellschaft sammeln. Ich fasse hier vorzugsweise die, auch geologisch eng zusammenhängende, Basaltkette des West er Waldes, des Vogelsberges und der Rhön ins Auge..Denn in dieser Gebirgsgruppe finden sich die gedachten Verhältnisse am reinsten vor: wre eine Insel, voll eigenartiger, in sich abgeschlossener Rawr ragt sie aus dein individualisierten Mitteldeutschland auf und bildet zugleich in ihrem nordwestlichen Teile eine Grenzscheide zwisci-en mitteldeutschem und norddeutschem Land. Der hohe Westerwald ist ein ins Aheinfranken- und Hessen- land vorgeschobenes Stück Westfalens: er bildet den vordersten Wall des westlichen Rorddeutschlands, ja er zeigt in Volksart und Sitte bereits Züge norddeutschen Charakters, wie sie viel weiter nördlich im Rheintale noch nicht hervortceten. Fränkische und sächsische, oberdeutsche und mitteldeutsche Ratur stößt hier aufeinander, vermittelt und verbindet sich. Diese kahle, arme, fast nur mrt dem grünen Samt der Heidevegetativn geschmückte Hoch- ttuche. auf welcher zahllose Dasaltblöcke zerstreut liegen, als habe der Himmel in seinem Zorn Felsen gehagelt, bildet darum schon in rein ethnographischem Betracht eine der merkwürdigsten Aebergangslinien Deutschlands. Richt am Main, nicht am Taunus, nicht an der Lahn, sondern erst mis den südlichen Höhevorsprüngen des Westerwaides beginnt die oberdeutsche Mundart sich von der niederdeutschen zu scheiden: aber auch so schroff und plötzlich, daß man die Grenzlinie oft ms auf eine Stunde Wegs ausrechnen kann. Der westfälische und kölnische Dialekt des Westerwälders schließt sich äußerst !L?de aö' wie altes auf diesem Gebirgszug in Eigenheit und Mgeasinn sich abschliHt. Die südlichen Vorberge des Rothaargebirges, wo Ruhr und Lipf» entspringen, stoßen von Norden her in einem stumpfen Winkel auf die Rordostspitze des Westerwaldes. Sie verknüvfen sich so eng mit demselben, daß man sie auch als dessen nordöstliche Vorkuppen ansehen kann. An dem Edderkvpf, um dessen Besitz sich Rvthaar und Westerwald streiten können, quillt gen Westen Zieg, ge? Rorden die Edder. gen Osten die Lahn, gen Süden die DA. Mrttelrhernisches. niederrheinisches und Wesergebiet sind in dl^er Waldwildnis mit ihren Wurzeln förmlich ineinander verflochten: die Marklinie West- und Mitteldeutschlands stößt mit der Warklrnre Süd- und Rorddeutschlands in Meter öde» Gcke zusammen. r ähnlich wie hier an der westlichen Pforte Mitteldeutsch- J 2s Zuch au der östlichen beim Fichtelgebirge, dessen soziale Zustande sich vielfach mit denen unserer Basaltqebirgsgruvpe vergleichen lietzeir. ~ ^Et den Bvrhöhen des Westerwaldes heben die natürlichen Shmpathren für die norddeutsche Großmacht, für Preußen an. Der Wefterwalder des Südab Hanges wohnt noch'im Gulden- rechtet aber trotzdem nach Talern, seine Flüßchen und Bäche ziehen nach Duden ins Sahngebiet, aber er folgt nicht diesem natürlichen Zuge. Eine Meile südwärts ins Tal hinab ist rhm weiter als drei Meilen nordwärts über den Kamm des Gebirges Rach Rorden zieht ihn sein ganzes Interesse: nach dem Kölner Lande führt er feine Produkte, und aus de» gewerbfleißigen Tälern der Sieg, der Wupper und der Ruhr strömt ihm das industrielle Leben zurück. Sv wird auch der südliche Westerwald zu einer inoralischeu Provinz Preußens, obgleich öde Bergköpfe und Wasserscheiden den mitten über die Hochfläche laufenden preußischen Grenzgraben nicht nur als Staatsgrenze, sondern auch als Raturgrenze bezeichnen. Der Westettvald weiß sich als ein Ganzes trotz der politischen Teilung, weil er sozial zufammengehört. Sowie man hier die preußische Grenze auch nur um ein paar Stunden überschreitet, stößt man auf eine blühende Industrie, während auf der nassauischen Seite ein armes Bauernland ist, in welchem sich die Keime gewerblicher Betriebsamkeit erst mühselig durchzuringen beginnen: aber Industrieland und Bauernland fühlt sich hier verbunden und einig, weil beides Westerwälderland ist. Grenzwälle und Grenzgräben pflegt man öde liegen zu lassen: fv sind auch diese riesigen Grenz wälle der Dasaltberge, welche teils Mitteldeutschland von Rorddeutschland scheiden, teils sich in das mitteldeutsche Land hineinkeilen, um diese ohnedies schon hinreichend zerrissenen Striche noch mehr zu zerreißen, öde liegen geblieben. Die Stetigkeit der Sitte, dazu auch das ökonomische Verwildern und Zurückbleiben der Bauern unserer Basaltgebirgsgruppe erhält durch die Gcenzlage dieser Hofburgen der Armut eine historisch-politische Wurzel. Wenn der Westerwald als ei« weit hinausgeschobenes Vorgebirge erscheint, dann trafen neben und in den Dergzügen der Rhön und des Dogelsberges in alten Zeiten die Kreilzungswinkel der verschiedensten Landesgrenzen aufeinander. Auf der Rhön stieß fuldaisches und würzburgische« Gebiet zusammen, dann berührten sich hier die Spitzen von hawau-münzenbergischen, hessenkasselschen. hennebergi chen Länder, teilen, und dazwischen eingestteut lagen Enklaven der fränkischen Retchstttterschaft. So klein die Kette iteä Vogelsberges ist, so grenzten an und auf derselben doch die Marken von Hessen-Darmstadt, Fulda. 34 — Hersfeld, Isenburg, Solms-Lich, Solms-Laubach, Hanau-Münzen- verg, Stolberg-Gedern und von reichsritterschaftlichem Gebiet. Don einer gemeinsamen Berwaltungspviitik des ganzen Gebirges konnte also nicht entfernt die Rede sein, fast jedes Tal lag ja für sich abgesperrt in dem Grenzwinkel eines anderen Landes. Heutzutage stehen bayerische, hessische, weimarische und meiningische Marksteine auf der Rhön; doch ist wenigstens die überwiegend größere Masse zu Bayern gefallen. Für den Kulturfortschritt der Gebirge sind jene alten politischen Zustände natürlich vom größten Nachteil gewesen. Sie vermochten aber nicht auseinanderzureißen, was die Einheit Der Bodenbildung j’u einem sozialen Ganzen verband. Die Gleichförmigkeit namentlich des Westerwaldes und Bogels bergen. nl Den Berg- und Tatformen, in der Pflanzenwelt, in der Anlage der meiischlichen Siedlungen wirkte mächtiger, als die Bunt-, scheckigkeit der willkürlichen politischen Grenzen. Dies ist em sehr merkwürdiges Zeugnis für den zähen Zusammenhang von Land und Leuterl. Sodann zogen sich seit dem Ausgange des Mittelalters die Residenzen der- Fürsten wie die Herrensitze des begüterten Al^ls immer mehr nach den Ebenen und großen Fluhtälern, nach den, dort gelegenen größeren Städten. Seit dem Dreißigjährigen Kriege bis gegen die neuere Zeit hin sind jene rauhen Berggegenderl unseres Vaterlandes für die gebildete Welt wie verschollen gewesen; sie muhten erst wieder entdeckt werden. Richt einmal die modernen Touristen mochten die Romantik der einförmigen Ocde des hohen Westerwaldes und Dogelsberges schmecken. Seit alten Tagen sind jenen Landschaften von tausend Fortschritten der Volkswirtschaft und der Kulturpflege des Staates nur kümmerliche Pflichtteile zugute gekommen. Die abgelegenen Bergbewohner fühlen es heute noch und sprechen es aus, daß sie die Stif- kinder des Staates seien gegenüber den Bewohnern der Riede- rungen mit ihren Residenzen, Haupt- und Handelsstädten, wit ihren gesammelten Erwerbsquellen. 3n dem individualisierten Mittelalter waren die Gaben gleichmähiger verteilt, darum standen damals diese unwirtlichen Gebirge weit weniger in der Kultur zurück gegen die gesegneteren Ebenen zu ihren Fühen. 3n der buroaukratischen Zeit betrachtete man wohl gar solche Berggegen- Heu als ein kleines Sibirien, wohin man mißliebige und unfähige Beamte verbannte, als bequeme Strafkolonien für anstößige Geistliche und dergleichen. Als ob es nicht im Gegenteil der natürlichste Akt der Staatsklugheit gewesen wäre, gerade den Kern der Bsainten dorthin zu senden, wo die härteste Arbeit winkte, wo am heißesten zu schaffen war, um durch gesteigerte Kultur, durch Ausbeutung aller Hilfsquellen der ülngunst von Boden und Klima Trotz zu bieten. So liefen seit Jahrhunderten tausend feine Fäden zusammen, um allmählich dieses grohe Retz von Rot und Glend zu stricken, welches sich um die deutschen Gebirge zusammengezogen hat, und die feinen Fäden dünken vielen bereits unzerreihbar wie Schiffstaue. Ein Blick auf die Spezialkarten lehrt, Lab die Dörfer fast nirgends dichter beieinander liegen als auf unseren mageren mitteldeutschen Basaltgebirgen, und zwar seltsamerweise oft in den ödesten Strichen am allerdichtesten. Es ist dies Phänomen aber leichter zu erklären, wie etwa das verwandte, Lab die ärmsten Leute in der Regel die meisten Kinder bekommen. Den rauhen Gebirgen entging die chirurgisch heilende Kraft der groben Kriege, welche die Bevölkerung der Ebenen gar mächtig zentralisierte. 3m Mittelarlter waren die Dörfer in den Ebenen ebenso dichtgesät, wie jetzt noch auf manchen Bergzügen. Die Kriege fegten ein starkes Prozent dieser kleinen Dörfer vom Boden weg und trieben die Bewohner zu gröheren wehrhafteren Orten zusammen. Zahllose Ramen im Bauernkriege und im Dreihigjährigen Kriege ausgegangener Dörfer geben Zeugnis dafür. Aus der hohen Rhön, der Eifel, dem hohen Westerwald usw. verbietet sich das Kriegführen von selbst. Anno 1850 machten wir diese Erfahrung zum letzten Male. Die ärmsten und unwirtlichsten Gegenden haben deshalb noch die Aeberzahl der kleinen mittelaltrigen Dörfchen bewahrt, weil der Hunger kein Magnet für Kriegsheere ist. Also auch hier ist wieder ein mittelalterlicher Zustand unberechtigt ins moderne Leben hineingewachsen. Aus dem Westerwald, wo die Kriege so wenig aus die Zu- sammenzie^rng der Siedlungen einwirkten, dah jetzt noch ein grober Teil auf der Aebergangsstuse von einer blohen Hofgemeinde zur Dorfgemeinde steht, gingen im 18. Jahrhundert noch einzelne Dörfer aus, sie gingen von selber aus, wie ein Licht ausgeht, weil ihm die Rahrung fehlt. Das wird sich im übrigen Deutschland in dieser Zeit selten finden. Auf dein Westerwald lag im 14. Jahrhundert eine Burg, Rohrbruch, inmitten eines kleinen Sees. Sie soll über Rächt spurlos in den See versunken sein. An diese melancholische Sage gemahnten mich immer die ausgegangenen Westerwälder Dörfer. Sie versanken spurlos, weil der Boden der Kultur, der sie tragen sollte, zu dünn war, weil er immer mürber geworden; sie sind nicht vertilgt worden, sie sind verloren gegangen versunken über Rächt, man weih nicht, wo sie hingekommen sind. Vergleicht man die Einwohnerzahl dieser Bergketten mit der Ziffer des Mächengehaltes, dann scheint eS, als sitze das Volk dort Mzu Mim,, nicht allzu dicht. Es ist die« aber nur Trug und Schein. achern-als lehrt, wie vorsichtig man bei dm Schlüsse« aus nackten statistischen Ziffern sein müsse. Da ein grober Teil des Bodens aus Wäldern und Wüsteneien besteht, welch letztere kaum je kulturfähig werden dürften, da ferner das angebaute Land .selbst einen unverhältnismähig geringen Ertrag abwirft, so ist die an sich dünne Bevölkerung dennoch zu dicht. Auch in den Häusern der zahllosen winzigen Dörfchen drängen sich hier die Leute weit enger zusammen, als es sonst auf dem Lande zu geschehen pflegt. Der Westerwald hat kaum eine eigene politische Geschichte, er hat nur eine Kulturgeschichte, die seltsamerweise durch ihre unendlich langsame Entwicklung das höchste Interesse gewinnt. Erzeigt kaum ein paar dürftige Baudenkmale aus alter Zeit; aber diese Dörfer selbst, obgleich meist nur aus zehn bis zwanzig strohgedeckten Lehmhütten bestehend, sind historische Denkmale. Sie sind grohenteils uralt, und doch tveih der Forscher nur gar selten em» geschichtliche Tatsache aus ihrer Vorzeit aufzuspüren. Allem das Bild selber, welches sie bieten, malt dem Auge eine geschichtliche Tatsache. Heute noch wie vor hundert Jahren baut sich der Bauer mit einem Kapital von beiläufig fünfundzwanzig Gulden sein Häuschen; die Arbeit der eigenen Hände, die er in den Bau steckt, ist der bedeutendste Teil seines Anlagekapitals, er baut sein Haus im Wortsnm selber. Darum sieht man auch hier noch so häufig wie in alten Zeiten, verlassene, in sich zufammen- salleude Häuser, namentlich auf einsameren Punkten. Denn der hypothekarische Wert, der Wert des Rohstoffs, dec Arbeit der Lage ist da oft so gering, daß gar keine andere Wahl bleibt, als das Haus verfallen zu kaffen, wenn der Bewohner verdorben ist und ein anderer sich nicht sofort einfindet. Die Kosten des Ab- 'bruches würden den Wert des abzubrechenden Materials bei weitem übersteigen. Man reibt heraus, was an Holzweck noch halbwegs brauchbar ist; den Rest mag dann der Rordwestwmd zusammenblasen. Ganz ähnlich ist es mit dem Vogelsberg. Die Rhön dagegen hat bessere Tage gesehen als die gegenwärtigen, sie hat eine Geschichte gehabt, welche mehr war als eine bloße Geschichte des Elendes; ihre Blütezeit liegt in der Vergangenheit, die des Westerwaldes in der Zukunft. Die Parallele liehe sich in tausend Einzelzügen entwickeln. Das geschichtliche Andenken erloschener Betriebsamkeit kann bei den Mhönern nur dazu 6ei tragen, die Naivität der Armut zu brechen, und die fehlgeschlagenen Versuche mit modernen Jndusttwanlagen zeigen den Leuten erst recht, wie arm sie eigentlich sind. Die Fichtelberger wären auch glücklicher, , wenn sie statt der magischen Feldsteine einfaches Granitgeröll auf ihren Aeckern liegen sahen. Die Leute vom hohen. Westerwald, deren 3ndustriegeschichte nut dem Kapitel vom Schneeschaufeln anhebt und endigt, sind viel zufriedener. Wie es mancherlei Stand und Beruf unter den einzelnen Nkenschen gibt, so auch unter den Ländern. Wan vermeint aber in unserer geldgierigen Zeit, jedes Land müsse schlechterdings zu einem 3ndustrielande gemacht werden. 3m Spessart hat man es mit Bergwerken versucht, die eingestellt sind, mit Glashütten. die aufgehört haben. Geblieben aber ist den Leuten durch . diese verunglückten Versuche das Drwuhtfein ihrer Ohnmacht und Armut. Ja manche ursprüngliche und natürliche Formen des Gewerbesleihes im Sande sind durch diese Versuche mit neuen Betriebszweigen obendrein verdrängt worden. Wir finden in diesen Gebirgen den merkwürdigen Widerspruch, dah die Leute oft einen unbestreitbaren inneren Beruf zur Gewerbtätigkeit haben, während ihnen die Lage des Landes ihre industriellen Talente, ihren Eifer zum Fluch tverden läht. Darum ist es in diesen Gegenden ganz besonders bedenklich, mit solchen neuen Industriezweigen zu experimentieren, deren Gedeihen nicht sicher vorauszusehen ist. Ein verunglückter Versuch, der im Flachland höchstens ein paar Familien auf einige Jahre zurückbringen würde, verdirbt und verstimmt hier eine ganze Volksgruppe auf ein Menschenalter und darüber. 3u diesen Gebirgen geht das Handwerk barfuß, hier wohnen die Raturkinder der Industrie. Ja man könnte sagen, unsere Gebirgsbauern unterscheiden sich dadurch von den Flachlandbauern, dah sie das angeborene technische Genie besitzen, welches jenen mangelt. Dasselbe Elend, welches sich bei den industriellen Dörfern des schlesischen Gebirges und des Erzgebirges, in grohen, weltbekannten Zügen darstellt, wiederholt sich bei den Rhöner Holzschnitzern im kleinen. Die Besitzer gröberer Werkstätten in den Städten und an den Landstraßen klagen nicht über Mangel an Absatz, dagegen gehören die Holzschnitzer in den abgelegeneren Orten zu den ärmsten unter den armen Leuten. Jene arbeiten teilweise für auswärtige Abnehmer, diese aber für den beschränktesten Ortsbedarf, das heißt für Kunden, die selbst nichts haben! Die Industrie unserer Gebirgsbauern ist meist erst ein Kind der neueren Zeit. Am Schlüsse des 16. Jahrhunderts finden wir auf dem jetzt so betriebsamen Schwarzwald noch keine Spur kndusttieller 'Arbeit. Erst die gänzliche Umwandlung der bäuerlichen Verhältnisse in der Llebergangsperiodr zur modernen Zeit und die landwirtschaftliche Feuer- und Eisenkur des Dreißig- jährigen Krieges zwang die Gebirgsbauern zum Handwerk. Aber mit welch unglaublicher Triebkraft hat sich nun seit etwa 150 Jahren diese neue 3ndustrie der Holzschnitzer, älhrenmacher. Stroh- und Weidenflechter. Spitzenklöppler, Leineweber, Nagel- schmiede und Desenbinder überall in die Höhe zu arbeiten gesucht! 3n diesem gewaltsamen Durchbruch der jüngsten Metamorph»!* — 36 — des Gebirgsbauern zeigi sich recht, wie unzweifelhaft ihm der technische Genius von Gott und der Matur zu Leben gegeben wurde, zum Ersatz für die immer magerer gewordenen Felder. Allein mit dieser Gabe ist zugleich ein tief tragisches Element in das Leben des Gebirgsvvlkes gekommen. Das unbelohnte Ringen ganzer Bauernschaften nach Tüchtigkeit im Handwerk läßt sich wohl vergleichen mit dem fruchtlosen Abmühen so manches einzelnen begabten Geistes um eine hervorragende Stelle unter den geistigen Grützen Station. (Schluß folgt.) Der Werl des Wanderns für die deutsche Jugend. Bon Dr. med. Druchhäuser-Ulrichstein. Der unselige Krieg und seine Folgeerscheinungen haben mit Krankheiten und Ernährungsstörungen unserem Boll und besonders unserer Jugend schwere Wunden geschlagen, deren Heilung das grundlegende Erfordernis ist zum Wiederaufbau, denn aus der' Jugend beruht unsre ganze Zukunftshvffnimg. Die prächtige Schulung des Körpers und Geistes in unserer Dorkriegs-Armee ist uns verloren. Diese vollendete Durcharbeitung des Körpers, ihre Einstellung des Geistes auf Volk und Daterland kommt heute nur noch ganz wenigen zugute. Ein Ersatz dafür muhte gefunden werden. Ganz selbsttätig wandte sich unsere Jugend, auch di« weibliche, den Leioesübungen zu. Turnen und Sport werden beträchtlich mehr gepflegt, wie vor dem Kriege, und das ist gut so! Es erhebt sich jedoch die Frage, ob dies allein genüge, und sie kann nur verneinend beantwortet werden. Turnen und besonders sportliche Leibesübungen erfordern einen von vornherein hierzu geeigneten Körper, da ihr Bestreben doch meist ist, Höchstleistungen im Wettbewerb und Kampf zu erzielen. So muhte ich dieser Tage im Sportbericht eines starken studentischen Bundes lesen, dah er unter seinem Rachwuchs nur 2 Leute habe, die für Turnen uird Sport in Frage kämen. Leibesübungen aber, die nicht für unsere gesamte Jugend in Frage kommen, wirkliche Krüppel natürlich ausgenommen, können auch nur teilweise unferm Erfordernis genügen. Außerdem betonen Turnen und Sport bei weitem mehr die reine körperliche Ausbildung. Wenn auch nicht besiritten werden soll, dah ein turnerisch und sportlich geübter Mensch auch geistige Dorteile, Entschlußfähigkeit, Mut, Selbstbewußtsein erzielt, so fehlt doch meist die erstrebenswerte Einstellung des Geistes und Gemüts auf Dolk, Heimat und Vaterland, denn der eigentliche Sport ist international. Zu bedenken ist auch, daß Turnen und Sport naturgemäß, da sie starke körperliche Anspannung erfordern, nur kurze Zeit in wenigen Tages- oder Abendstunden ausgeübt werden dürfen und im übrigen der Jugend noch viel Zeit lassen zum ungesunden Wirtschaftsbesuch, Rauchen und Trinken, zu stundenlangem Sitzen in überfüllten Kinos und andern ungesunden, nervenreizenden Zerstreuungen. Das Wandern, nicht das Spazierengehen, sondern das Wandern als Leibes- und Geistesübung, ist berufen, diese Lücke auszufüllen, ja als vollwertiger Ersatz für alle andern Leibesübungen einzutreten. Das ist auch allseitig bereits anerkannt. Die Zahl der- Vereine, die Jugendpflege besonders durch Wanderungen betreiben, ist ständig im Wachsen begriffen, und Regierung, Behörden, Verbände, Schulen, Stadtverwaltungen haben die Wichtigkeit des Wanderns für unsere Jugend erkannt und suchen es mit allen Mitteln zu fördern. Zur Durchführung mehrtägiger Jugendwanderungen waren Jugendherbergen nötig, um die Jugend von teurer Hnterkunft in Gasthäusern unabhängig zu machen. Ein ganzes Reh von solchen Jugendherbergen ist im Laufe der letzten Jahre über Deutschland gesponnen worden, und in unserm engeren Heimatsgebiet sind vom V. H. C. fünf Herbergen errichtet und weitere geplant. Wie der Vertreter der Stadt Gießen beim Jung-V. H. C.-Tag mitteilte, ist auch eine solche in Giehen im Entstehen begriffen. In Elternkreisen legt man erfreulicherweise lange gehegte Vorurteile ab unb erlaubt der Jugend Wanderungen, auch mehrtägige. Zu solchen, besonders mehrtägigen, ist allerdings sachverständige Leitung und Führung erforderlich, und es empfiehlt sich für die Jugend der Anschluß an Vereinigungen, die solche Wanderungen veranstalten, wie sie heutzutage m jeder Stadt und jedem Städtchen bestehen. Welches ist nun der Wert dieser Wanderungen für die Jugend? Dah das Wandern den Körper stählt und stärkt, braucht wohl nicht bewiesen zu werden. Cs kräftigt nicht nur die Beine, sondern es arbeitet den ganzen Körper gleichmähig durch, besonders das Wandern in bergigem Gelände. Richt nur dre Korper- muskeln werden betätigt, sondern auch Herz und Lunge werden beansprucht, gekräftigt und durchlüftet. .Der Blutkreislauf wird gefördert durch Tiefatmung. Der ganztägige Aufenthalt in frischer Luft und Sonne fördert Dlutbildung und Blutverbesserung. Di- Bewegung macht Hunger und gute Verdauung WieviÄ he^lichei schmeckt unser Frühstücksbrot nach einem tüchtigen Marsch, als nach mehrstündigem Sitzen auf der Schulbank oder im Kolleg! Ein großer Vorteil ist die gleichmäßige Verkeilung der körperlichen Betätigung auf fast den ganzen Dag. Es wird mcht gefordert, dah man in einer kurzen Stunde oder gar in Minuten Höchst leistungen erziele, sondern fast unrnerklich, jedenfalls ohne unnötige Heberanstrengung, wird über den ganzen Tag mäßig die körperliche Hebung verteilt Sorgfältig emgÄegte Mast" stunden verhindern Übermähige Ermüdung und das Wvhlgefühl, das nach einer planmähig gut durchgesührten, ganztägigen Wan- berung den Körper durchdringt, wenn abends im Quartter eir^ erfrischende Abwaschung vvrgenommrn wird, ist unbeschreiblich schön. Mese Vorzüge der Wanderungen würden «Hein zu ihrer Empfehlung schon genügen, aber das.Wandern bietet uns noch GeschichteN von Hugo Wolf. (Zu seinem 20. Todestage, 22. Februar.) 20 Jahre sind seit dem Tode von Hugo Wolf dahingegangen, und seitdem ist er allgemein als der moderne Klassiker des deutschen Liedes anerkannt worden, steht als Ebenbürtiger neben den größten Liederkomponisten. Auch seine Persönlichkeit mit ihren vielen Seltsamkeiten und ihrer Dämonie, die bereits von dem tragischen Dunkel der geistigen Erkrankung überschattet war, ist ums durch die Veröffentlichung seiner Briefe und durch die meisterhafte Biographie Desceys nahegebracht. Ein paar wenig bekannte Züge aus seinem Leben seien zu diesem Gedenktag mitgeteilt. So erzählt Helene Dettelheim-Gavillvn aus leinen Anfängen, da er sich durch Klavierstunden mühselig sein Brot verdienen muhte, dah er kein guter Pädagoge gewesen sei, aber ein genialer Anreger. „Seine Sprunghaftigkeit und Hnberechen- barreit," berichtete sie, „fielen uns damals bereits auf, wir hielten aber die Ausbrüche seiner hochgradigen Reizbarkeit für groteske Künstlerlaunen, mit denen er vielleicht zu kokettieren liebte und die uns mitunter sogar Spaß machten. Dabei nahmen wir ihn nicht nur als Musiker, sondern auch als ehrlichen und tüchtigen Charakter vollauf ernst, der durch eine innere Noblesse seines Wesens überzeugte, wie sie in der künstlerischen Boheme sonst selten war. Sv zählte der „kleine Wolf", wie er bei uns hieß, durch zwei bis bret Jahre zum engeren Verkehr unseres Hauses und fand sich ein, ob er Klavierstunde gab oder mcht. Wir bewohnten das Gvldschmidtsche Haus am Opernring, das in allen Stockwerken untereinander befreundete Familien barg, deren jugendliche Mitglieder ebenfalls herzlich verbunden waren. Dadurch entstand ein ewiges Treppauf und Treppab, ein stetes Zusammentreffen; hatte Wolf gerade kein Quartier und vor allem fein eigenes' Klavier, was bei seiner Geldnot und seinem fortwährenden Wohnungswechsel sich oft ereignete — auch in seinen Briefen eine quälende Rolle spielt — so fand er immer in einer der vier Etagen em Instrument, das ihm Gastfreundschaft gewährte. Bei uns blieb er gerne gegen Abend nach der Stunde und wir beide sprachen von unserer jeweiligen Lektüre, denn wir trafen uns leicht im gemeinsamen Verständnis für Keller, Heine, Lenau, vor allem aber hieß „ Faust die Signatur jener Tage, von der wir die Lösung aller Welträtsel ^erhofften. Die Seltsamkeit seines Wesens äußerte sich wohl in einer „göttlichen Grobheit", hinter der er fein weiches Herz verbergen wollte und die meistens komisch wirkte. Bei den geringfügigsten Anlässen machte sich seine Nervosität in plötzlicher Heftigkeit Luft. Sv spielen z. B. die Ehsendungen von mütterlicher und schwesterlicher Seite in seinen Familienbriefen eine große Rolle, und er ist mahlvs empört, wenn man ihm nicht die richtigen Wurste schickt .Schon die vorletzte Sendung der Würste hat mich 6er- fltmmt," heiht es da z. B.: „Ich denke, ich hab« oft genug Euch die Gattung der Würste vvrgeschrieben, wie ich sie allen anderen vvrziehe. Wozu glaubt Ihr benn, daß ich Euch so was schreibe? Doch nicht deshalb, damit das Gegenteil von dem befolgt werde, was ich wünsche. Mr künftige Fälle habt die Güte und hebt diesen Brief auf, denn ich bin es nun satt, das ewige Wiederkäuen einer Sache, die ich bis zum Heberdruß schon wiederholt habe. Ausdrücklich habe ich immer betont, daß ich frische Wurste will rote Würste, solche Würste, von denen immer gefaselt wird, dah'sie nur zum Kochen sind, solche Würste nur will ich!' Den größten Hatz hegte Wolf gegen Brahms, dessen Kunst er mit . ebenso großer Heftigkeit verurteilte tote er die von Richard Wagner leidenschaftlich verehrte. Der Sänger Dawison erzaglt, daß er einmal mit Wolf zusammen in den Braymsschrn Liedern „unter großer Heiterkeit nach dem sinnlichen Element" suchte, natürlich, ohne es zu linden, denn Wolf war der Heberzeugung, daß der Drahmsschen Musik jede Sinnlichkeit fehle. Als Dawison zum Schluß beim Singen eines Liedes Cis statt C nahm, verbesserte ihn Wolf und fügte hinzu: „Hätte er nur Cis geschrieben, bann Ware es viel besser! Aber so ist Brahms: Sobald er in Gefahr gerät, einmal ausnahmsweise das, Gefühl voll ausströmen zu lassen, gleich mutz er einen Dämpfer drauf setzen. Als die Rachr,chr von Wagners Tode kam, fand Dawison Wolf am Flügel sitzend, den Klavierauszug der „Götterdämmerung vor sich auf- geschlagen. „Stumm beutete er auf die Roten. fang Sieg frieds Sterbegesang, und bann spielte Wolf die mi- so gewaltigen, ergreifenden Ausdruck, daß ich auf d^m schlechte alten Flügel das gange Orchester zu vernehmen wahme. Als er geendet, vermochte keiner von uns ein Wort zu ^?r£a>en, unb ich entfernte mich schweigend. Dr beging Hugo Woll die -.oten feier für feinen Meister. - 36 - Weir mehrt Deine unvergleichliche Einwirkung uuf Meist und Gemüt kann keine anbere Art der Leibesübungen bieten, geschweige denn ersetzen; jeder Wandertag ist für unsere Jugend auch ein Festtag, besonders für die Jugend der grasten Städte. Die Wanderung führt sie hinaus aus der steinernen Enge der Strasten, der Häusermassen, hinaus aufs Land, in Feld und Wald, in Gottes freie Natur, durch Berg und Tal. Wie weitet sich da das Herz, wie erwacht der Sinn für die Herrlichkeit der Ratirr! Wie wunderbar herzerfreuend ist eine Wanderung int Morgensvnnenstrahl, Langschläferei kennt der Wanderer nicht, am murmelnden Dach entlang, durch Wiesen und Felder, oder im Morgentau durch den frischgrünen Wald; die Düglein singen und die junge Wanderschar singt bald mit ihnen um die Wett«, Last es vom Berghang widerhalt. Kommt dann em Dorf, so holt ein Kundiger die Laute Son der Schulter und in Schritt und Tritt bei Lautenklang wird durchmarschiert uiti> den freudig an die Tür eilenden Landleuten zugewinkt. Glaubt es nur. ihr Stadtkinder, die Landleute sind euch gut und sehen euch gern, wenn ihr euch nur gesittet aufführt und nicht unnötig durch Wiesen und Aecker lauft und unreifes Obst von den Bäumen schlagt. Es braucht kein Gegensatz zwischen Stadt Und Land zu bestehen, lernt nur aus Wanderungen die Volks- genvssen auf dem Land kennen unb schätzen, so werdet ihr damit auch der Einigung unseres Volkes dienen! Mit munteren Schritten geht es dann weiter durch Flur und Alt, und wenn bann auf weitausjchauender Dergeshöhe angelangt, der Führer hinweist auf die Schönheiten der Heimat, auf Feld und Wald, Berg und Tal, Fluh und See, Dörfer und Städte; wie erweckt er dann die Liebe zur schönen Heimat, zum herrlichen deutscheir Vaterland in den jungen Herzen! Ja, der Gewinn für Herz und Gemüt beim Wandern. er ist ei, der unserer Jngeitd in viel reicherem Maste zuteil werden must als bisher, der uns unsre Jugend erhalten soll in seinem Sinn für bessere Zeiten. Unb weil es feine anders Art von Leibesübungen gibt, dis in so idealer Weife körperliche Betätigung mit Förderung des Geistes und Gemüts verbindet, so ist das Wandern das Heilmittel für unsere Jugend in schwerer Zeit. Darum hinaus, du deutsche Jugend, in die Berge und Täler unserer schönen Heimat und bade dich gesund an Leib und Seele! dessen fast durchweg aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, der letzten längeren Zeit gröheren Wohlstandes vor dem Äuf- hören der guten Bauweise. Die Bauernhäuser der Lausitz sind noch bis in die neueste Zeit fast durchweg in Holz ausgeführt und mit Stroh, in der Gebirgsgegend auch mit Schindeln eingedeckt. Für ben wendischen Holzbau ist die schwalbenschwanzförmige Blattverbindung bezeichnend, die bei Streben, Bindern und Rahmen an Stelle des einfachen Zapfens tritt, und ferner die ausgiebige Verwendung von Verzierungen, die nicht aus dem vollen Holz geschnitzt. sondern aus ausgeschnittenem Brett- und Lattenwerk hergestellt werden. Die deutsche Bauweise in der Lausitz ist schlicht und sachlich, von einer ernsteren Wucht und Ruhe als im allgemeinen in Thüringen oder Franken, wo das Fachwerk in Linienführung und Verzierung mannigfacher gestaltet ist tmd von dem hellen Putzgrund sich lebhafter abhebt. „Aber tote einheitlich," sagt 8er Herausgeber in seiner Einleitung, „wirken überall auch in den einfachsten Formen die bvhlenum- schlvssenen, strvhbedeckten Wohnhäuser, von deren wettergebräuntem Holzwerk sich die hellgestrichenen Rahmen und die bunte» Läden der kleinen Fenster klar und entschieden abheben; tote reich geschmückt erscheint auch das kleinste von ihnen bis in den späten Herbst hinein durch die mit Sorgfalt gepflegten Blumen auf den Zierbrettern vor den Fenstern und in den vorgelagerten Gärtchen. Mannigfaltig ist aber altch hier trotz aller schlichten Sachlichkeit die Ausbildung, vor allem des Dau- körpers selbst. Einfachste eingeschossige Weberhäuser wechseln mtt' behäbigen Fachwerkbauten auf massivem oder aus Dohlen gefügtem Untergeschoß, deren Giebel- und Wetterseiten durch Schiefer, Bretter- und Schindelverkleidung geschützt sind. Besonders geschickt ist vor altem auch die Stellung der .Bauten im Geläiröe." Reben den Wohn- und Rohbauten, unter denen ansehnlich gestaltete Drücken hervo-rragen, sind auch die Kirchen zumeist mustergültige Beispiele einer echt deutschen guten Bauweise, und so verein en sich die Bauten der sächsischen (Ober- lausch zu einem überzeugenden Ausdruck stiller, aber dafür um so tieferer Heimatsliebe. Alte Musterbauten in deutschen Landen. Echte Kunst wächst wie die nährende Feldfrucht organisch und still aus dem Boden der Heimat, und nar aus dem Studium solch nationaler Baukunst kann die Wiedergesundung unserer Bauweise erstehen, die uns so dringend nvttut. .Unter dieser guten „Handwerks- und Heimatskunst" sind die stosf- und werkgevechte Gestaltung und Durchbildung der bodenständigen Baustoffe, die Anpassung an die Art und Lebensweise der Bewohner zu verstehen, die die unentbehrliche Grundlage für alles künstlerische, architektonische Schaffen bilden. Deshalb ist die Veröffentlichung von Aufnahmen alter Bauten und Land- schaftsbrlder, die Mustergültiges bieten, besonders warm zu begrüben, und bei der Suche nach Vorbildern bietet auch die sächsische Oberlausitz eine nahezu unerschöpfliche Fundgrube. Musterbauten au8 diesem alten Kulturgebiet veröffentlicht 3t. v. Lüdinghausen mit Unterstiitzung des Deutschen Bundes „tzeimatschutz" in einem schönen Werk „Die sächsische Oberlausitz. Bauten und Landschaften", das bei Sonst Wasmnth in Berlin verlegt ist. Jahrhundertelange handwerkliche Schulung und Erfahrung, sicheres Können und bie großzügige Auffassung des 18. Jahrhunderts haben hier in glücklichster Weise zusammengewirkt, um Stadtanlagen, Gutshöse und Bauernhäuser entstehen zu lassen, die wirklich Musterbeispiele für gutes sachliches Bauen sind. Diese Harrnonische Abgeklärtheit des Ausbaues verbindet sich mit einer wundervollen Einführung in die nähere amb weitere Umgebung, durch die alles in Anlage. Form und Farbe vollkommen der Landschaft, bem Klima und der ganzen Ratur angepaßt wird. Mit den bescheidensten Mitteln sind in diesen, bisher nur wenig beachteten Bauten der Lausitz vorzügliche Lösungen für die großen und schwierigen Aufgaben geboten, die der gegenwärtige Wohnungs- und Ansiedlungsbedarf uns stellt. Die einhettliche Gestaltung' der Stadtanlagen läßt sich in ihren Grundzügen bis in die frühesten Zeiten der Siedlungen »erfolgen. Da steht neben der „Rundlingsform" der Menden- dörfer die deutsche Reihen- oder Strahenform. Die Gebäude der Wohnhäuser aber stammen zum größten Teil aus dem 18. Jahrhundert, denn auch in Öen Städten wurde bis in die neuere Zeit vorwiegend aus Holz gebaut, und ganze Straften» zöge sowie Stadtteile wurden durch Feuersbrünste und Beschießungen vernichtet. So verzeichnet die Dauzener Chronik allein während des 15. Jahrhunderts fünf solcher Brände. 3m Dreißigjährigen Krieg zerstörten bann Brandstiftungen und Beschießungen sehr viel, und erst als die feuergefährliche Bauweise auf- gegeben wurde, haben sich die Bauten in größerer Anzahl erhalten. Schon Karl IV. hatte nach dem großen Brand von 1359 in Zittau die Ausführung der Wohnhäuser in Stein befohlen, aber selbst das Rathaus blieb doch noch lange ein Holzbau. Die größeren und reicher ausgestalteten Bürgerhäuser stammen infolge» Wiederbelebung der Halberstadter Schuh- und Ledermesse. schreibt uns: Von den mitteldeutschen Städten zeichnen sich eine ganze Anzahl durch ihre altangesessene und umfang» reiche Schuh- und Lederindustrie aus. Weitberühmt ist die Schuhindustrie von Burg bei Magdeburg und Weißenfels an der» Saale; auch Erfurt, Arnstadt, Burgkunstadt, Delitzsch, Eschwege und Kassel sind Schuhindustrieorte von Rang, Rorbhausen war es früher. Eschwege a. d. Werra ist bedeutend durch seine Gerberei, Reuhaldensleben in Braunschweig durch seine Handschuhindustrie. Auch Halberstadt gehörte seit dem späten Mittel- alter zu Den mitteldeutschen Hauptplätzen für Schuhe und Leder. Der Markt für diese Artikel wickelte sich jahrhundertelang im sog. „S ch u h h v f" ab. der wertvollsten Schöpfung des Fachwerkbaues in Halberstadt aus dem 16. Jahrhundert. Gr stand an der Rvrdseite des Fischmarktes und war dessen letztes und schönstes Haus aus den alten Zeiten, bis er bei dem Brands am 3. April 1903 zum größten Teil zerstört wurde. Er war bas alte Heim der Schuhnrachergilde, dessen Wände mit eines Fülle alter Wappen und Tildenzeichen verziert war und das zu den kulturhistorisch interessantesten Häusern der Stadt gehörte. Einern späteren Abbruch fiel dann auch das Tetzelhaus, das Nachbarhaus des „Schuhhoss" zum Opfer. Der „Schuhhvf" erinnerte daran, daß Halberstadt einst die Schuh - und Ledermesse des ganzen Harzgebietes gewesen ist. Der Verband der Schuhwarenhändler von Halberstadt und .Umgebung will diese Messe von neuem beleben. Er hielt im Staülpark vor einigen Tagen eine erste „Halberstadter Schuh- und Ledermesse" ab, die aus ganz Deutschland gut beschickt war. Der Erfolg dieser Messe in jeder Hinsicht so groß, daß solche Messen nun wieder zrtt? regelmäßigen Einrichtung werden sollen. Alt-Halberstadter Holzschnittarbeiten aus dem „Schuhhof" werden im städtischen Museum aufbewahrt; ein Risalit des „Schuhhofs" wurde, als letztes Zeichen vergangener Pracht, an der rechten Außenseite ber Spiegelschen Kurie wieder aufgebaut. Au Halberstadts alte Schuhmacherzeiten erinnert inmitten der Altstadt noch die Schuhgasse. Als in der verhängnisvollen Freitagnacht des Jahres 1903 der „Schuhhof" abbrannte, standen alte Halberstadter Bürger weinend vor dem Zerstörungswerke der Flammen, die in wenigen Stunden das vernichteten, was Jahrzehnte einst in kunstvoller Arbeit geschaffen haben. Ersteht auch dies herrliche Gildehaus nicht von neuem, so doch sein einstiger Zweck. "Das uralte Halberstadt, dessen viele malerische alte Gassen und Häuser der Stadt zu einer der sehenswertesten in ganz Deutschland machen, wird tünftig neben feiner Flugzeugindustrie, feiner? berühmten Samen- fulturen und der Mafsenerzeugung der weithin geschätzten „Halber- städter Würstchen" auch in Schuh und Leder wieder ein Handelsplatz von Bedeutung fein. Schriftlettung: August Goetz. — Druck und Verlag der Brühl'schsn Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.