Samstag, 3. Februar UM nji] * ora MW WM EH um H!W!I W / fa Iwh Mn- !'.. .\>, ■•■■! Vom Sudeten-Deutschtum. Die Deutschen der Tschecho-Slowakei und besonders die Su» deten-Deutfcheii kämpfen heute einen schweren Kampf gegen die tschechische älebermacht. Don der zähen Tapferkeit, mit der diese Auslanddeutschen ihre alten nationalen Güter verteidigen, erzählt in beredten Worten und anschaulichen Mldern das Sonderheft der Leipziger „Illustrierten Zeitung", das dem Deutschtum in der Tschecho-Slowakei gewidmet ist. Die sudetendeutsche Kultur- 6emegung, die in diesem Ringen eine besondere Bedeutung besitzt, würdigt Dr. Ernst Leib! in einem Aufsatz, in dem er aus den gro- hen Anteil des Sudetenlandes an der allgemeinen deutschen Kultur herborhebt. Ist doch das ganze Gebiet des heutigen tschecho- slcwakischm Staates alter deutscher Boden. Die Hamen „Böhmen", „Mähren" und „Schlesien" sind deutschen Ursprunges, und feit Karl dem Großen gehörten diese Länder nahezu ununterbrochen zum Deutschen Reich, blieben deutsche Reichsländer bis 1866. Wir haben erst jetzt durch die großartigen Forschungen Durdachs erfahren, daß. die deutsche Sprache in ihrer hochdeutschen Form sich zuerst in der Prager Kanzlei entwickelte, und das erste Denkmal der beginnenden Renaissance auf deutschem Boden ist die herrliche böhmische Dichtung des Johannes von Saaz „Streitgespräch zwischen Ackermann und Tod". Die Prager deutsche .Universität ist die älteste deutsche Hochschule überhaupt. Sudeten-Deutsche haben Wichtiges zur deutschen Kultur beigesteuert, so Senefelder, der Grfindm: des Steindruckes, Ressel, der Erfinder der Schiffsschraube, Mendel, der Entdecker der Vererbungsregel, Stamih, der Schöpfer der modernen Instrumentalmusik und Mehner, der Bildhauer des Leipziger Völkerschlachtdenkmals. Den Sudeten-Deutschen selbst ist ihre Kraft und ihr Deutschtum erst so recht zum Bewußtsein gekommen, als sie nach dem chlmsturz unter die Fremd- heirschaft des tschechischen Stammes gerieten. Dadurch wurde eine Wiedergeburt des Sudeten-Deutschtums herbei- geführt. Es entstanden Zeitschriften, die zum Mittelpunkt der Be- wegung wurden, und im Bunde der Deutschen in Böhmen halfen Männer des Döhmerlandes dem Erneuenmqsgedanken zum Durchbruch. Die fudetendeutsche BolksbildungS-Gesellschaft schuf sich in der Zeitschrift „Heimatbildung" ihr Organ: in der sudetendeutschen Studentenschaft entstand die Bewegung, die deutschen Hr^- schulen aus dem deutschfeindlichen Prag in sine Stadt des Sudetenlandes zu überführen. Auch von dem Prager Theater hat man sich losgemacht, und eine Rationalbühne ist in der Spielgemeinde des Prof. QI. Kraus in Gier entstanden. Die sudetendeutschen bildenden Künstler haben sich in den Kreis der „Pilger" zusammengeschlossen. Die Dolkshochschilke'vegung wurde auf einen neuen Boden gestellt, und so sind alle Kräfte des Landes ange- Sannt, um die sudetendeutsche und damit die allgemeine deutsche ultur zu erhalten und weiter zu fördern. Der Kampf ums Sonnenlicht in der Medizin. Die Heilkraft der Sonne ist in der letzten Zeit in der QRedizin immer deutlicher erkannt und immer eingehender erforscht worden. Besonders in England wird jetzt der Kampf ums Sonnenlicht von einsichtigen Aerzten eifrig geführt, denn das rauchgeschwärzte London und die englischen Fabrikstädte, deren Luft durch Ruh verunreinigter ist als irgendwo anders, sind gleichsam mit einem dichten Mantel bedeckt, der die heilbringende Kraft des Lichtes nicht durchläht. Einer der Hauptvorkämpfer für den „Sonnenaufgang bi der Medizin", Dr. E. W. Saleeby, hat in Aeuyork die Verwendung der Sonne gegen Tuberkulose und Rachitis studiert und macht über die neuesten Forschungen der Amerikaner auf diesem Gebiet Mitteilung. Durch energische Mahnahmen ist die Reuyorker Lust von den Unreinigkeiten befreit worden, nachdem, hauptsächlich auch durch deutsche Forscher, erkannt worden war, dah Tuberkulose und Rachitis zu den sog. „Krankheiten der Dunkelheit" gehören. In den Laboratorien der Eolumbia-Llniversität zu Reuyork untersucht Dr. Heß seit einigen Jahren die Heilwirkung des Sonnenlichtes und wendet seine Erfahrungen in dem großartig ausgestatteten Jüdischen Kinderheim in Reuyork an. Die Ergebnisse seiner Forschungen, die auch bereits vielfach nachgeprüft worden sind, lassen sich dahin zusammenfassen, dah Rachitis vermieden und geheilt werden kann durch Einwirkung des Sonnenlichtes. Tiere und Kinder werden nicht von dieser furchtbaren Krankheit ergriffen, wenn sie sehr viel in der Sonne sind, selbst wenn die mangelhafte Rah- nmg sonst unbedingt die Krankheit Hervorrufen würde. Die Zunahme der Erkrankungen an Rachitis steht in Reuyork nach genauesten Statistiken ftn umgekehrten Verhältnis zu der Zunahme der Sonnenwirkung im Laufe des Jahres: je mehr Sonnenlicht, desto weniger „englische Krankheit" und umgekehrt. Aber nicht nur die monatliche Kurve der Rachitiserkrankungen, sondern auch die des Phvsphorgehaltes im Blut bei kleinen Kindern entspricht vollkommen den monatlichen Veränderungen in der Stärke des Sonnenlichtes. Es gibt im Blut der Kinder eine „Winterebbe" und eine „Sommerflut" an Phosphaten. Damit ist der enge Zusammenhang zwischen Sonnenlicht und Dlutbildung in der Kindheit erwiesen, ein Zusammenhang, der bei den Erwachsenen nicht in demselben Maste zu bestehen scheint. Es muh in der Haut, wie ja auch deutsche Forscher bereits zu zeigen suchten, unter dem Einflust des Sonnenlichtes ein Stoff sich bilden, der in das Blut tritt und es befähigt, die wertvollen Salze der Ernährung festzuhalten, wie es sonst nicht der Fall ist. Man hat diese Heilwirkung des Sonnenlichtes durch verschiedene Arten künstlichen Lichtes, durch das elektrische Bogenlicht und die Quarzlampe ersetzt, nachdem man erkannt hatte, welche Teile des Sonnenspektrums von besonderer Heilwirkung sind. Der Kohlenstaub in der Luft wirkt deshalb so ungünstig, weil er gerade diejenigen Strahlen zurückhält, die für die Gesundheit am wichtigsten sind. Sn den Laboratorien der Columbia-Universität sind auch darüber Hnterfudjungen an- gestellt worden, welche Gewebe den Wert der Lichtstrahlen am wenigsten schädigen, und man hat gefunden, dah weihe Stoffs besser sind als schwarze. Qltan ist daher dazu übergegangen, eine besondere „Tuberkulosen-Kleidung" herzustellen, die den Lungenleidenden am wenigsten die heilkräftigen Strahlen der Sonne fern» hält. Kohlenstaub, schlechte Wohnungsverhältnisse, unsere bisherige Kleidung, das gewöhnliche Fensterglas, das die heilkräftigen Strahlen nicht durchläht — das sind nach Saleebys Anschauung große Feinde unserer Gesundheit, die wir bekämpfen müssen, um das große Geschenk der Sonne mehr für uns auszunutzen. Der Hund. Aovelle von Stoan Sergejewitsch Turgenew. (Fortsetzung.) .Herr", sagt er, .Herr!' — .Was willst du?' — Hast du das Lämpchen ausgelöscht?' älnd ehe er noch meine Antwort gehört hat, fährt er plötzlich auf: ,Was ist das? Was ist das? Ein Hund? 16 Gin Hund! Ach du verdammter Rlkonianerl^) — »Wartet sag' ich, .nicht gleich schimpfen, Mler. Komm ers! mal selber her. Hier', sag' ich, .gehen staunenswerte Dinge vor.' Der Alle machte sich noch eine Zeitlang hinter seinem Verschlag zu schassen und kam dann zu mir herüber, eine ganz, ganz dünne Kerze aus gelbem Machs in der Hand . . . Ich ritz die Augen auf. als er so vor mich trat! Ein ruppiger Kerl, zottige Ohren, wütende Augen, wie «in Iltis sie hat, auf dem Kopf eine weihe Filzmütze, Bart bis «um Gürtel, ebenfalls weih, über dem Hemd eine Weste mit Mes» siitgknöpfen, an den Fühen Pelzstiefel — und riechen tut er nach Wacholder. In solcher Gestalt trat er vor die Heiligenbilder,^ segnete sich dreimal mit dem zweifingrigen Kreuzt) zündete das Lämpchen an, bekreuzigte sich nochinals, drehte sich nach mir um und grunzte blvh etwas, das wohl bedeuten sollte: .Nun berichte.' Da erzählte ich ihm denn, ohne lange zu warten, alles ganz genau. Der Alte hörte meinen ganzen Bericht an, ohne ein Wort dazu zu sagen; er schüttelte nur immer wieder den Kopf. Dann setzte er sich zu mir aufs Bett — und schwieg immer noch. Er kratzt sich die Brust, den Macken und so weiter — und schweigt. ,Aun', sag' ich, .Fedul Iwanowitsch, was meinst du: ist das ein Spuk oder sonst was?' Der Alte starrte mich an. .Was fällt dir ein! Spuk! Bei dir im Hause, du Tabaksstänker, könnte das wohl sein — aber hier! Sieh dich doch um und überlege: hier sind leuter heilige Dinge! Urtb du redest von Spuk!' — .Wenn's aber kein Spuk ist, was ist es denn sonst?' Der Alte schwieg wieder, kratzte sich wieder und sagte endlich — mit ganz dumpfer Stimme, denn der Schnurrbart hing ihm in den Mund hinein: /Begib dich Nach der Stadt Beliow. Es gibt nur einen Menschen, der dir helfen kann, Und dieser Mann wohnt in Beliow; es ist einer Von den Unfern, Wenn er dir helfen will, ist es dein Glück; will er nicht, dann ist nichts zu machen.' — .Wie find' ich ihn denn, diesen Mann?' sag' ich. .Den Weg können wir dir schon zeigen', sagt er, .aber wie soll denn das ein Spuk sein? Das ist eine Er- fcf>einung oder ein Zeichen . . . Aber das kannst du nicht fassen; das geht über deinen Verstand. Leg' dich jetzt schlafen in Christi Aamen; ich will etwas Weihrauch anzünden; morgen aber reden wir mehr davon. Du weiht, die Macht ist keines Menschen Freund.' „Ha also, am Morgen haben wir uns dann ausgesprochen; aber von der Weihräucherei wär' ich nachts fast erstickt, Und der Alte gab mir folgend« Unterweisung: in Beliow angelangt, sollte ich mich auf den Marktplatz begeben und im zweiten Laden rechts nach einem gewissen Prochorytsch fragen; wenn ich aber den Prv- chorytfch gefunden hätte, sollte ich ihm ein Briefchen einhändigen. Das ganze Briefchen aber bestand aus einem Fetzen Papier, auf Dem folgendes zu lesen war: ,3m Aamen des Vaters und des Sohnes unb des Heiligen Geistes. Amen. An Sergej Prochorowitsch Perwuschin. Diesem Manne glaube. F.odulij Iwanowitsch.' /Unten aber war hinzugefügt: .Schicke mir etwas Weihkraut um Jesu willen.' „Ich dankte dem Alten und lieh, ohne erst viel zu überlegen, meinen Tarantas°>) anspannen und fuhr nach Beliow. Denn ich dachte so: mein nächtlicher Gast macht mir ja nicht viel Beschwer, aber etwas unheimlich ist die Sache doch, und schliehlich schickt sich's doch auch nicht für einen Edelmann und Offizier — was meinen Sie?" „Und Sie sind wirklich nach Beliow gefahren 1“ flüsterte Herr Finoplentow. „Geradewegs nach Beliow. Ich ging auf den Markt, fragte im zweiten Laden rechts nach Prochorytsch. ,Ist so ein Mann hier zu finden?' — ,Ja freilich.' — ,Wo wohnt er denn?' — ,An der Oka, hinter den Gemüsefeldern.' — ,In wessen Hause?' — ,In seinem eigenen.' Ich spazierte zur Oka, fand sein Haus — das heißt, eigentlich war es gar kein Haus, sondern eine elende Kate. Da sah ich: ein Mann in blauem, geflicktem Leibrwck und zerrissener Mütze, so'n richtiger schäbiger Kleinbürger, fleht mit dem Rücken zu mir und macht sich an einem Krautbeet zu schaffen. Ich ging auf ihn zu. .Sind Sie der und der?' — ,Ich bin's', sagte er, ,was ist Ihnen gefällig?' — .Das da ist mir gefällig', sag' ich und reich' ihm mein Briefchen. Er sieht mich scharf an und sagt: .Kommen Sie bitte in die Stube; ich kann ohne Brille nicht lesen.' Wir gingen nun in seine Kate — es war wirklich nur eine Kate: ärmlich, kahl, schief; ich wunderte mich bloh, dah sie überhaupt noch stand. An der Wand ein uraltes Heiligenbild, kohlschwarz; nur die Augäpfel in den Gesichtern brannten förmlich. Er holte eine runde, eisengefahte Brille aus dem Tischkasten, setzte sie auf Die Aase, las den Brief und sah mich wieder über die Brille «n. .Sie haben ein Anliegen an mich?' — .Allerdings', sag' ich. .Nun', sagt er, .wenn Sie ein Anliegen haben, dann erzählen Sie, wir wollen zuhören.' Und stellen Sie sich vor: er setzt sich hin, zieht ein kariertes Tuch aus der Tasche und deckt es über die Knie — das Tuch war ganz löcherig —, und dann sieht er mich so würdevoll an, wie's ein Senator oder Minister auch nicht besser könnte; mich aber fordert er nicht zum Sitzen auf. Und was noch *) Verächtliche Bezeichnung für die Anhänger der Staatskirche. s) Die Altgläubigen schlagen das Kreuz, indem sie Daumen UND Zeigefinger zusammenlegen; die Staatskirche schreibt dagegen Vor, dah beim Bekreuzigen drei Finger zusammengelegt werden müssen, e) Einfacher Reisewagen ohne Federn. erstaunlicher war: ich fühle mit einemmal, wie mir ganz bange wurde, so bange . . . das Herz fiel mir einfach In die Hosen. Er durchbohrte mich geradezu mit seinen Augen, da war nichts zu machen. Allmählich rappelte ich mich aber auf und erzählte ihm meine ganze Geschichte. Er schwieg eine Zeitlang, krümmte sich, kaute feine Lippen und fing darauf an, mich auszufragen, wieder ganz wie ein Senator, feierlich und ohne Hast. .Ihr Aame, Ihr Alter? Wer waren Ihre Eltern? Ledig oder verheiratet?' Dann kaute er wieder die Lippen, zog di« Brauen zusammen, reckte den Zeigefinger hoch und sagte: .Beugen Sie sich vor dem Heiligenbild, den hochwürdigen ehrbaren heiligen Vätern des Klosters von Solowki Sosima und Sawwatij.' Ich kniete vor dem Bilde nieder und stand gar nicht mehr auf; eine solche Furcht empfand ich vor»dem Manne und eine solche Ergebenheit, dah ich, glaube ich, alles sofort getan hätte, was er etwa befohlen hätte! . . . Ja, meine Herren, Sie lachen vor sich hin, ich seh's ganz gut, aber, bei Gott, mir war dazumal nicht lächerlich zumute! .Stehen Sie auf, Herr', sagte er endlich. .Ihnen kann geholfen werden. Das soll Ihnen keine Strafe fein, sondern eine Warnung; es bedeutet, dah für Sie gesorgt wird; irgend jemand muh sehr fleißig für Sie beten. Gehen Sie jetzt auf den Markt und kaufen Sie sich einen Jungen Hund, und den sollen Sie immer bei sich haben, Tag und Aacht. Die Erscheinungen werden dann aufhören, und auch der Hund selbst wird Ihnen von Autzen fein.' „Mir war's, als würd' es plötzlich Licht um mich: so gefiel mir diese Rede! Ich dankte Prochorytsch und wollte schon gehen, da fiel mir ein, dah ich mich doch erkenntlich zeigen müsse: ich nahm einen Dreirubelschein aus meinem Beutel. Jedoch er schob meine Hand zurück und sagte: .Stiften Sie das für unsere Kapelle oder für die Armen, meine Dienstleistung läßt sich nicht bezahlen.' Ich neigte mich wieder vor ihm — fast bis zur Erde — uttb dann marsch auf den Markt! Und stellen Sie sich vor: eben nähere ich mich den Buden, da kommt mir ein Qltann in einem Friesmantel entgegen, der trägt unter dem Arm einen jungen Jagdhund, kaum zwei Monate alt, braun, mit weihen Lippen und weihen Vorderpfoten. .Halt!' schrei' ich den Mann an, .was willst du für den Hund?' — .Zwei Rubel.' — ,Da hast du drei!' Der macht ein erstauntes Gesicht, denkt wohl, der Herr ist verrückt geworden — ich aber stopf' ihm den Schein in die Hand, nehm' den Hund untern Rock und rein in den Wagen! Mein Kutscher spannte fix an, und noch am selben Abend war ich zu Hause. Das Hündchen sah während der ganzen Fahrt unter meinem Rock — und wenn es auch nur einen Pieps von sich gegeben hättet! Ich aber sagte immer zu ihm: .Tresoruschka! Tresoruschka!' Zu Hause lieh ich ihm gleich zu fressen und zu trinken geben, Stroh bringen, bettete ihn hübsch weich und warm und kroch dann selber in die Klapp«. Nun blas' ich das Licht aus; tm Schlafzimmer ist's ganz finster. ,Aun', sag' ich, .fang an!' Tiefe Stille. .Fang doch an', fag ich, ,du Luder!' Kein Ton, rein wie zum Spott. Nun wurde ich kühn. ,So fang doch endlich mal an, du verdammtes Luder!' Hat sich was! Nun war Schluß! Nur das neue Hündchen hör' ich leise schnaufen. .Filka!' schrei« ich, .Filka! Komm her. dummer Kerl!' Er kommt. .Hörst du den Hund?' — .Nein, gnädiger Herr', sagt er — und lacht über's ganze Gesicht. .Und du wirst ihn auch nie mehr hören', sag ich. ,Da hast du fünfzig Kopeken zum Versaufen!' — .Gestatten Di« mir, Ihre Hand zu küssen', sagt der Schafskopf und stiefelt im Dunkeln auf mich los... Ja, das war eine große Freude^ kann ich Ihnen sagen." „Und damit war alles zu Ende?" fragte Anton Stepanylsch nun ohne jede Ironie. „Die Erscheinungen wiederholten sich nicht mehr und gestört wurde ich auch nicht weiter, aber die Geschichte selbst ist noch nicht zu End«. Mein Tresoruschka wuchs und gedieh und wurde ein richtiger Tollpatsch. Dickschwänzig, schwerfällig, schlappohrig, der richtig« ,Hetz, pack' an!' An mir hing er mit rührender Treue. Die Jagd ist in unserer Gegend nicht viel wert, aber da ich mir nun einmal einen Hund angelegt hatte, mußte ich mir auch eine Flinte anschaffen. Ich fing an, mit meinem Tresoruschka die Umgegend unsicher zu machen; manchmal knallte man einen Hasen nieder (wie er hinter diesen Hasen herrannte, lieber Gott!), manchmal auch eine Wachtel oder Ent«. Vor allem aber: Tresor ging keinen Schritt von mir weg. Wo ich war, da mußte er auch fein; sogar ins Dampfbad nahm ich ihn mit — wahrhaftig! Eine von unseren Damen lieh mich wegen dieses Tresor aus ihrem Salon weisen — aber da hab' ich einen Lärm geschlagen! Was allein an Fensterscheiben dabei kaput ging! „Na also, das war einmal im Sommer . . . Ich muß Ihnen sagen, ein« Dürre herrschte damals, wie man sie seit Jahren nicht erlebt hatte; in der Luft schwebte immer so etwas wie Rauch oder Nebel, es roch brenzlig, die Sonn« sah aus wie eine glühende Kanonenkugel, und der Staub! Irn Nu hatte man die Nase voll, da half kein Niesen. Die Leute liefen denn auch alle mit offenem Mund herum, gerade wie die Krähen. Ich hatte es satt, ewig zu Hause zu sitzen, natürlich ganz deshabillö, hinter geschlossenen Fensterläden, zudem schien die Hitze auch ein wenig nachzulassen .. . Und so begab ich mich zu einer Nachbarin, meine Herren. Besagte Nachbarin wohnte eine Werst von mir entfernt und war eine höchst wohltätige und wohltuende Dome. Sie stand noch in jugendlichem Älter und war von überaus einnehmender' Erscheinung; bloß ihr Charakter war sehr' unbeständig. Aber beim weiblichen Geschlecht ist Das nicht so übet; es kann einem sogar Der» — jawohl, hier! Zum Mutabzapfen die geeignetfl® Stell«: denn überlegen Sie s bloß selber: aus dem Handgelenk kommt schweres b ^ fber ist es ganz leicht und frisch. Die Doktoren Em das natürlich nicht und verstehen s nicht; wie sollten sie auch PkJx'T’x? x Faulpelze, die Deutschen! Meistens befassen 11*?« tinb wiegeschickt machen es manche von - ?r J,!6L Dohver an, schlagt mit dem Hammer auf — und fertig ist die Geschichte!... Ra, während ich nun so meditierte war es auf dem Hofe ganz dunkel geworden und die Höchste Zeit in die Klappe zu gehen. 1 ' (Schluß folgt.) Die Erftndrrng der Rechenmaschine. Die Rechenmaschine ist als ein geistvolles Hilfsmittel, um zeit- raubende Gehirnarbeit durch die mechanische Wirkung eines Instrumentes zu ersetzen, -heute vielfach im Gebrauch. Aber obwohl sie erst seit wenigen Jahrzehnten in der G?lehrtenstube, in Geschäfts- und Derwaltungsraumen allgemeiner zu finden ist, so ist das Suchen nach einer solchen Maschine doch schon sehr viel alter. Bereits im 17. Jahrhundert haben die erlauchtestm Köpfe sich um diese Idee bemüht, und es gelang dann im 18. Jahrhundert Philipp Matthäus Hahn, die erste für das Aschnen in allen vier Arten wirklich brauchbare Maschine zu schaffen. Diesem württembergischen Pfarrer und Feintechniker, Der die nach dm großen Leistungen des 16. Jahrhunderts versessene deutsche Feinmechanik wieder belebte und auf dem Gebiet der AHrrnacherei sowie der instrumentellen Mechanik bahnbrechend wurde, widmet Max Engelmann eine ausführliche Darstellung, die soeben im Verlag von Richard Carl Schmidt & Co. in Berlin erschienen ist, Don dem kulturgeschichtlichen Hintergrund des Württemberg unter Karl Gugm und der gangen Schiller- und Goethezeit hebt sich die eigenartige Persönlichkeit und das großartige Werk des Pfarrer-Technikers eindrucksvoll ab. Die Erfindung der Rechenmaschine, mit der -hauptsächlich sein Rame verknüpft ist, ist nur ein Teil seiner Gesamtleistung, und ohne seine jahrelang geübte Kunst, den Himmel und seine Bewegungen mechanisch nachzubilden, ohne seine zähe Arbeit, die ihn beim Gr- rechnm der Verzahnungen und Aebertragungen „beinahe stumpf im Denken" machte, wäre seine Rechenmaschine wohl nie erschienen. Die Geschichte der Rechenmaschine geht bis auf dm schottischen Baron Rapier zurück, der das Rechenbrett und die Federver- fahren Adam Rieses und Peter Apians 1617 in die Form von bezifferten Holzstäben umwandelte, die, entsprechend gruppiert und aneinandergefügt, bas Aechnm in allen vier Rechnungsarten durch einfaches Ablesm ermöglichten. Diese „Rechenstäbchen" aber wurdm dann in noch bequemere „Maschinen" verwandelt, indem sie auf drehbare und verschiebbare Zahlenzylinder in ein rechteckiges Kästchen angeordnet wurden. Auch Hahn hat zunächst eine solche „Rechmlrommel" geschaffen. Das sind aber nur Vorläufer der wirklichen Rechenmaschine, die ein mit entsprechendem selbsttätigen Schaltmechanismus ausgestatteter Apparat ist. Der erste, der eine solche wirkliche Rechenmaschine schuf, war der berühmte französische Mathematiker und Philosoph Pascal. Seine Maschine war vorwiegend für börsmmästige Geldumrechnungen bestimmt und ist wahrscheinlich 1644 fertiggestellt worden. Unabhängig von ihm arbeitete Leibniz seit 1673 an einer sehr sinn- reichm und kompliztertm Rechenmaschine, die aber nicht vollendet wurde. Während die Pascalsche Maschine nur einfache Additivum ausführen konnte, beten Einstellung und Ergebnisziehen noch sehr primitiv ist, war der Leibnizsche Apparat ein Werk, das durch wiederholte, äußerst schnell erfolgenbe Additionen zu multiplizieren und durch ebensolche Subtraktionen zu dividieren ermöglichen sollte. Was Leibniz nicht zu vollenden geglückt war, das führt« Hahn durch, indem er seit 1770 in vierjährigen, mühseligen und zahlreichen Dersuchm das Prinzip seiner Rechenmaschine ausarbeitete. Am 1774 hatte er den komplizierten Mechanismus fertiggestkllt und konnte seine Maschine bem Herzog Karl Gugm und .dem Kaiser Josef II. vvrführen. Sn Wielands „Deutschem Merkur" hat er sie 1779 eingehend beschrieben. Gr sagt darin: „Der Herr von Leibniz muß seine wichtigen Gründe gehabt Haben, warum er so viele Kosten auf dergleichen Versuche verwendet. So viel ist gewiß, daß meine Maschine die einzige in dieser Art auf der Welt ist, und wenn es auch sog. Rechnungs« maschinm sonstm geben sollte, so bin ich gewiß, baß von dieser Vollkommenheit und Bequemlichkeit noch keine existiert." Hahns Erfindung erlangte auch allgemeine Anerkennung und eine gewisse Volkstümlichkeit. Ricolai empfiehlt sie z. B. in seinen „Reifm", und Jean Paul fragt in seinen „Palingenefien": „Warum stellt man nicht längst auf Gtdm die Hähnsche Maschine, da sie gewissmhaft, als Rechnungstevisot an?“ Es hat sich auch eine ganze Anzahl dieser Rechmmaschinen erhalten; aber allmählich gerieten sie in Vergessenheit. Erst im 19. Jahrhundert hat man auf feinen Apparat wieder zurückgegriffen und ihn praktisch In weiterem Umfang nutzbar gemacht. Jedenfalls aber bleibt Hahn der Ruhm, die erste brauchbare Rechenmaschine für alle vier Rechnungsarten geschaffm zu haben. jjnfigcn machen . . . Sv gelangte ich Senn bis zu ihrer Haustüre — und ich muß lagen, die Reise hat mich viel Kraft und Schweiß gekostet. Aber ich dachte: Rymphodora Semionowna wird Mich schon mit Preiselbeersaft und anderen kühlenden Sachen reichlich entschädigen — und hatte schon die Türtlinke ergriffen, als plötzlich hinter dem nächsten Wirtschaftsgebäude sich ein Lärm erhob, Gestampf, Geheul, Kindergeschrei ... Ich sehe mich um. Großer Gott! Geradewegs auf mich los rennt ein riesengroßes, rotbraunes Tier, das ich zuerst gar nicht als Hund erkannte: das Maul weit ausgerissen, die Augen blutunterlaufen, das Fell wild gesträubt. Doch hatte ich keinen Atemzug tun können, da ist das Angeheuer schon die Treppenstufen hinaufgerast, stellt sich auf die Hinterbeine Und springt mir direkt an die Brust. Stellen Sie sich meine Lage vor! Ich war starr vor Entsetzen, konnte nicht einmal den Arm heben . . . Ganz blödsinnig war ich geworden; ich sah nur die entsetzlichen Weißen Hauer dicht vor meiner Rase, die feuerrote &unge. Aber im gleichen Augenblick sprang ein anderer dunkler Körper vor mir in die Höhe, wie ein Ball — mein lieber Tresor kam n(ir zu Hilfe! Wie ein Blutegel hängte er sich dem An- geheuer an den Hals! Das röchelte, knirschte, wankte zurück. . . Ich riß mit einem Ruck die Tür auf und war im Hausflur. Da stand ich nun ganz benommen, drückte aus Leibeskräften auf das Schloß, draußen aber hörte ich wurde ein verzweifelter Kampf ausgefochten. Ich fing an zu schreien, um Hilfe zu rufen; das ganze Haus geriet in Aufregung. Rymphodora Semionowna kam mit aufgelösten Zöpfen gerannt; im Hofe ein Durcheinander von Stimmen; dann Plötzlich, .Halt! Halt! Macht das Tor zu!' Ich offne die Tür — nur einen ganz Keinen Spalt — und sehe: das Angeheuer ist nicht mehr da, die Leute rennen im Hof durcheinander, fuchteln mit den Händen, heben Holzscheite vom Boden auf ganz toll sind sie alle. ,Ins Dorf, ins Dorf ist er gelaufen!' schreit ein Weib mit riesigem Kopfputz aus einem Windfenster. 3$ trat vors Haus. ,Wo ist mein Tresor geblieben?' And da sah ich ihn auch schon — meinen Retter. Er kam vom Hoftor, hinkend, ganz zerbissen, blutüberströmt. ,Was ist denn eigentlich los?' frage ich die Leute, die immer noch tote von Sinnen im Hofe pin und her rennen. ,Ein toller Hund', antwortet man mir, .einer t>on den gräflichen! Seit gestern treibt er sich hier herum.' „Mr hatten in der Rachbarschaft einen Grafen, der hatte sich eine ganze Meute ausländischer Hunde angeschifft, schauerliche Bestien. Meine Knie zitterten, daß ich kaum stehen konnte; ich rannte -um Spiegel, zu sehen, ob ich gebissen wäre. Rein, Gott sei Dank, nichts zu bemerken; nur die Fratze war natürlich ganz grün; Rymphodora Semionowna aber lag fast auf dem Diwan und gackerte wie ein Huhn. Ra, es ist ja auch zu begreifen: erstens die Rerven, zweitens die Empfindsamkeit. Rach und nach aber kommt sie zu sich und fragt so recht gefühlvoll, ob ich noch am Leben wäre. -Jawohl' sag' ich, .und Tresor ist mein Retter.' — ,Ach', sagt sie, .tote edel! Der tolle Hund hat ihn also totgebiffen ?' — .Rein', sag ich, .nicht totgebiffen, nur arg verwundet.' — ,Ach', schreit sie. .in diesem Fall muß man ihn sofort erschießen,' — ,Re', sag' ich, da bin ich anderer Meinung; ich will versuchen, ihn auszukurieren . . .' Sn diesem Augenblick kratzte Tresor an der Tür; ich ging hin, ihm aufzumachen. ,Ach Gott', ruft sie, ,was fällt Ahnen ein? Er beißt uns ja alle!' — .Erbarmen Sie sich' sag" ich, das Gift wirkt doch nicht so schnell.' — ,Ach', sagt sie, ,toie ist das möglich! Sie sind ja verrückt geworden!' — .Rymphe', fag' ich .beruhige dich nimm Vernunft an . . .' Sie aber schreit mit einemmal: .Gehen Sie hinaus, sofort hinaus mit Ihrem abscheulichen Hund!' — ,Gut, ich gehe', sag' ich. — .Sofort', sagt sie, ,im Augenblick! Aus meinen Augen, du Räuber', sagte sie, ,und daß du mir nie mehr in meine Rahe kommst! Du kannst selber toll werden!' — .Sehr schön', sag' ich, .geben Sie mir aber ein Fahren«. denn ich fürchte mich jetzt, zu Fuß nach Hause zu gehen!' Sie starrte mich an. .Gebt ihm einen Wagen, eine Kutse fahr' ich mit ihm zur Hexe nach Jefremow. Diese Hexe wer war ein alter Bauer. Der Kerl machte Wunderdinge: er flüsterte etwas über bem Wasser — andere behaupteten, er träufle Schlangenspeichel hinein —, gab es einem zu trinken, und die Krankheit war wie toeggeblafen. Bei der Gelegenheit, dacht' ich, «W ich mir in Jefremow auch zur Ader; das ist gut gegen den schreck — aber natürlich nicht aus dem Handgelenk!, sondern aus dem Falkennest." - »Das ist denn das für eine Stelle, das Fallennest?" fragte eXrr Finoplentow mit schüchterner Reagier. Sie das nicht? Die Stelle hier — auf der Faust, ntoen dem Daumen, wo man den Tabak zum Schnupfen hinschüttet - 20 - Bilder aus den Londoner Frauenklubs. Je mehr sich die Frauen den Männern im Geschäftsleben gleichstellen, desto ähnlicher wird auch ihre Lebensführung der der früheren sog. Herren der Schöpfung. Das zeigt sich besonders deutlich in der Entwicklung der Frauenklubs, und England das klassische Klubland, geht darin natürlich voran. Interessant« Bilder aus dem Klubleben der Damen, die das gesamte Londoner Dcsellschaftsleben erhellen, werden in einem englischen Äatt «tt- worfen Als im Jahre 1892 der erste Londoner Frauenklub, der sich Pivnierklub nannte, sein« Pforten öffnete^ da lachte man vwl über dieses Streben der Weiblichkeit, den Mannern alles nach- zurnachen Der Klub, der in der männlichen Geselligkeit eine so grosse Rolle spielte, war damals der Frauenwelt ^"kommen verschlossen. Jetzt gibt es in der englischen Hauptstadt fast ebenso viele Damen- und Herrenklubs, und dre Frau ist als Klub wesen so anerkannt, dast ihr sogar di« ältesten und vornehm>ten Herrenklubs die Mitgliedschaft ermöglichen wollen. Wahrend im männlichen Klub das Politische vielfach stark mltwrrkt ist bei den Frauenklubs der politische Einschlag gering. Die meisten von ihnen find ganz unpolitisch Dagegen haben sie sich z. £>■ wisse Beruf« spezialisiert, und viele verfolgen di« Ausgabe, Brr- treterinnen ein und derselben Berufsklasse ru gememsamerAus- sprache und Forderung zu vereinigen. Die im Derussleben stehende Frau hat durch den Klub graste wirtschaftliche Dvrtaile, sie besitzt Hier einen gemütlichen Platz, wo sie ihre Mittagsmaylzeit ein« nehmen und ungestört lesen oder schreiben kann. Der Hauptgrund dafür, dast Damen auS einem Klub austreten, ist denn auch oer, dast ihnen das Essen dort nicht schmeckt oder dast sie so viele Bekannte dort Haben, dast sie im Klub keinen ruhigem Augenblick mehr finden. Sm allgemeinen aber spart die Drrufs^au, die einem Klub angehört, Zeit, indem sie nidyt erst in ein Restaurant zu gehen braucht, und sie trifft hier mit vielm anderen Damen zusammen, mit denen sie Besprechungen hast Ganz falsch ist e« aber, zu glauben, dast die alleinstehende Frau die eigentliche Stühe der Klubs sei. Vielmehr ist die größte Zahl der iverbllchen Klubmitglieder in London verheiratet, und die verheirat^« Dame macht von t>cn Vorteilen des Klubs den ausgiebigsten Gebrauch. Sie empfängt hier Gäste, mit denen sie zu speisen Wünschti sie lstt Mer mit ihrem Mann zu Abend, wenn man vorher im Laster war usw Ein großer Vorteil des Klublebens für die Gesellschaftsdame ist der, dast sie hier eine Art „Halb-Freundschaften fchliesten kann. Es gibt viele oberflächliche Bekannte, dre man nicht so ohne weiteres zu sich laden will, und die Ski® benutzt daher die Gelegenheit des näheren Kennenlernens im Klub um sich über die gesellschaftliche Stellring und die Wesensart dleser Bekannten näher zu unterrichten. Sie vermeidet auf drese Weise Enttäuschungen, die bei einem allzu schnellen Einladen ins eigene Haus nicht ausbleiben. Es gibt auch Dameullubs, wie den „Pionier" und den „Lyceum", die mehr Dildungszwecke verfolgen in denen regelmäßig Vorlesungen und Diskusfionsabend« stattfmden. Aber der eigentlich« Grund, aus dem der Frauenllub heute in London so unentbehrlich geworden, ist seine Eigenschaft als neutrales Feld für gesellschaftlichen Verkehr und als Treffpunkt oder <86total für Geschäftsdamen. 13 Jahrhunderts gewisse neu« Stoffe auf, die hei winzigen Dosen eine ungleich stärkere Giftigkeit aufwiesen. Diese mineralischen Gifte drängten die früher benutzten Absude von Kräutern ober Pulver aus Rinden und Beeren vollkommen zurück. An erster Stelle sicht hier das Arsenik: dann folgten Antimoir, Qiiecksilber, Bleisüure, Bleizucker u. a. ' Die Entdeckung und Verwendung dieser mineralischen Stoffe, die durch ihre unauffällige Farbe und ihr«!, wenig bemerkbaren Geschmack das „ideale Gift" darsteilen und deshalb auch noch heute benutzt werden, brachte die Giftmord« In der Renaissance erst recht in Aufnahme. Eine ganze Klasse von Leuten verdiente sich damals ihr tägliches Brot durch das Herstellen und den Handel mit Lebenselexieren, Liebes- und Zaubertränken, und dieses Volk destillierte In der Verschwiegenheit feuchter Keller aus Glaskolben und Retorten auch die todbringenden Stoffe, bfe unter den harmlosen Bezeichnungen „Witwenwasser" ober „Ewig, keitspulver" verkauft tourten. Wie schon die pflan lichen Aufgüsse des Altertums, stammten auch diese Giftpulver und Gift- tränke der Renaissance nichi von einem einzelnen mineralischen Produkt, sondern es gab zaMrei-che umständliche Rezepte, bei denen die verschiedensten Dinge zusammengebracht wurden. Als die Aerzte im l7. Jahrhundert ein berühmtes Gift, die „Mischung von Datnt-Eroix", analisieren sollten, erklärten sie, dast „dies die Kunst und die Fähigkeit der Wissenschaft übersteige und durch feine Versuche möglich sei". Es hat sich dabei wahrscheinlich um eine MiscMing von Vitriol, Sublimat, Quecksilber, Opium und Antimon gehandelt Bei der berüchtigten „cantarella" der Borgia handelte es sich um „eine Art tveihlichen Pulvers, fast dem Zucker ähnlich" Das Gift hatte also alle äutzeren Merkmal« des Arsenik Für einen starken Arsenikge'halt spricht auch die Tatsache, dast das Pulver keinen besonderen Geschmack 'hatte, allo im Wein aufgelöst und über Speisen gestreut werden konnte, ohne dast die Opfer es merkten. Sodann wird von dem Kardinal Adriano, der bei dem berühmten Gastmahl in feiner Billa nicht wie, die andern Kar» dinäle dem Gift der Borgia zum Opfer fiel, berichtet, dast er nach Genust des todbringenden"Trankes ein furchtbares Brennen in den Eingeweiden verspürte und einen schweren Hautausschlag hatte. Solch- Hautausschläge sind für Arseirikoergiftung charakteristisch Wie die antike Locusta, so erprobten auch die Renaissanv-menschm die Wirkung ihrer Gifte nicht nur an Steivn, sondern auch an Menschen, und eine „große Anzahl Unschuldiger" soll ums Leben gekommen sein, bevor die Borgia dies unfehlbare Gj-ft befaßen. LiebrigenF kost nach PortigliottiA Ansicht Alexander- VI. selbst diesem Arsenik-Gift erlegen sein. Auster den rasch wirkenden ®e» Heimmitteln besäst man aber auch noch «in „Gift nach bestimmtem Termin", das langsam wirkt«. Dies ist aber von den Borgia» wenig benutzt worden. Sie waren allzu impulsiv und gewalttätig, um nicht den sichersten und kürzesten Weg vorzuzichen. Die Regel war der „Kelch", der innerhalb von 24 Stunden den reichen Kir» chrnfürsten, die anspruchsvolle Eurtisan-e oder auch den vorwitzigen Kammerdiener, den ergebenen Meuchelmörder von gestern und die treulose Geliebte in die Ewigkeit beförderte. Dann nahm der Tiber, gefühllos und stumm, im verschwiel«neu Dunkel de« Rächt, die Opfer der „cantarella" in seinen Fluten auf... Das Cisl der Borgia. Der Ruf, den die Familie der Borgia als Giftmischer erlangt fittt, steht einzigartig in der Geschichte da und iveder die Taten der römischen Giftmischerin Locusta noch die der französischen We- gären, der Marquise von Drinvilliers und der Vvisin, lassen sich damit vergleichen. Wan hat diese Familie, die der Papst Alexander VI. auf den Dhron des heiligen Petrus brachte, von dem Fluch befreien wollen, der auf ihr lastet, hat Alexanders Sohn Cäsar als den genialen Liebermenschen verherrlicht, dem alles erlaubt ist, und seine Tochter Lucrezia als verführtes Mädchen und brave Hausfrau geschildert. Aber der neueste Geschichtsschreiber dieses berühmten Geschlechtes, der italienische Historiker G. Portigliotti, geht in seinem soeben bei Julius Hoffmann in Stuttgart erschienenen Werk „Die Familie Borgia" mit Alexander und seinen beiden Kindern schonungslos ins Gericht, deckt alle ihre ungeheuerlichen Berbrechen auf und findet als feiner Pshchvtog« die ErNärung dafür in der krankhaften Veranlagung und Degeneration, von der diese im Dösen grandiosen Menschm ergriffen waren. Portigliotti, der für diese psychiatrischen^ und medizinischen Zusammerchänge einen scharfen Blick hat, beschäftigt sich auch eingehend mit der vielerörterten Zusammensetzung der Gifte, die die Dvrgias anwendeten und wirft einen Rückblick aus die Geschichte deL Gistmordes überhaupt. Es ist interessant, dast das Arsenik, das auch in neuester Zeit wieder in verschiedenen Bergiftungssällen die Hauptrolle spielte, bereits von den Dorgias verwendet und in die Geschichte eingeführt wurde. Im Altertum teuren die Gifte aus gewissen Pslanzensäften hergeftellt, und man hatte es mit großer, Kunst soweit gebracht, die verschiedenartigsten pflanzlichen und auch mineralischen Produkte zu vermischen, um einen ebenso sicher wirkenden wie unausfälligen Tvank gu gewinnen. 3m Mittelalter und in der Renaissance ersann man aber noch wirksamere Präparate. Es tauchten gegen Ende des Ein deutscher Zsdermrvald. Die Zeder gehört für uns zu den exotischen Bäumen, dir wir nach der Dlbelstelle auf dem Libanon und in fernen Gegenden suchen. Deshalb wird es überraschen, wenn man erfährt, daß es einen deutschen Zedernwald gibt. Dieser Wald verdankt, worin in „Heber Land und Meer" erinnert wird, feine Entstehung der Initiative des Besitzers unserer größten Bleistiftfabrik, des Freiherrn Lothar von Faber, und die Dleististsabrikation bot den Anlast zur Schöpfung dieses Zeöernwaldes. Für di« feineren Bleistifte werden nämlich die Fassungen aus Zederirhvlz gefertigt, und zwar benutzt man dazu nicht die eigentliche Zeder, sondern zwei Wacholderarten, die virginische und bermudische, die den Flamen „rote Zeder" erhalten haben. Das Holz, das sich durch braunrote Farbe und eigenartigen Geruch auszeichnet, wird außer zu Bleistiften hauptsächlich noch zu Zigarrenkisten verwendet. 3n Deutschland sind die „roten Zedern" schon lange als Zrev bäume heimisch, aber einen ganzen Wald von Zedern schuf erst in der Mitte der 70er Jahre Freiherr von Faber bei Stein w der Räße vyn Nürnberg. Dieser Forst, der nur wenig über 6 Hektar grost ist, aber doch der größte der Welt sein soll, weil der virginische Wacholder auch in Amerika nur vereinzelt vvrkommt, hat sich herrlich entwickelt und ist heute eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges. Die Bäume wurden aus Samen ge» zogen, der aus Amerika herübergebracht worden war, und da» Aufziehen sowie Pflanzen der jungen Stämmchen erfolgte nach den Grundsätzen unserer heimischen Waldpflege. Besonders ow Forstmänner widmen diesem deutschen Zederuwalde eine lebhafte Teilnahme, und er wird nicht nur von deutschen, sondern auch von ausländischen Fachleuten häusig besucht. Das Vorbild Faber» .Hat dazu geführt, dast diese „rote Zeder" jetzt auch anderlvän» Häufiger angepflanzt wird, und zweifellos lohnt sich der vermehr» Anbau infolge des vielfachen Rutzens, den das Holz gewährt _ Schriftleitung: August Goetz, — Druck und Verlag der Drühl'fchm Llniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.