Samstag, L. MM 1923 — Nr. 22 AM QÄ k-kakts: M M Die Fibel. Von Gr. Otto Kunkel-Diesten. Die Qiahit selbst ist es gewiesen, Ne dem Menschsn der Vorzeit seine ersten Geräte geschenkt, zu ihrer Ausbildung und Vervollkommnung seinem Geiste Vorbilder und Winks gegeben, als Führerin über die Schwelle von der blosten Sinnlichkeit zum Denken ihn zum „Erfinder" erzogen hat. Sv dienten Dornen und spitzige Knochensplitter (daneben natürlich schon früh auch knopfartige Knebel) zum einfachen Gs- wandverschlust, solange noch nicht die Bronze erfunden und zum vornehmsten Werkmaterial geworden war. Wir man dann mehr und mehr Nachbildungen dieser urtümlichen Nadeln in dem neuen goldglänzenden Metall herzustellen sich gewöhnte, wirkte die Kopsverdickung derselben, die bis dahin lediglich einen praktischen Zweck zu erfüllen hatte, indem sie öaS Durchrutschen des Schaftes nach unten verhindern muhte, jetzt meist in Gestalt einer blinkenden Kugel zugleich als willkommener Schnuck. s So konnte es nicht ausbleiben, daß man den oberen Teil der Dewandnadeln immer kunstvoller und reicher gestaltete, sei es durch feine Gravierung und geschmackvolle Gliederung (zierliche Profilierung) von Kopf und Hals, oder auch durch prunkende Vergrößerung der in die Augen, leuchtenden Metallmasse, die freilich ost genug blost in aufgeblasener Hohlheit vom Reichtum des Besitzers prahlen durfte: Die vornehme Freude an Veredelung der Arbeit und die rohe Neigung zur protzen haften Schaustellung selbst erlogener Güter pflegen ja allzeit einander zu widerstreiten, wenn es gilt, bei wachsendem Wohlstand das Bedürfnis nach mehr als nur dem Notwendigen, nach „Luxus", zu befriedigen! und die Entscheidung zwischen beiden ist dann bezeichnend für den Charakter der betreffenden Kultur — heute wie vor alters. Um die Mitte des zügelten vorchristlichen Jahrtausends, also während der sogenannten Hügelgräberbronzegsit, die gerade dem nordöstlichen Oberhessen überraschend dichte Besiedlung gebracht hat, trug man in unserer Provinz, in Kurhessen und in Thüringen neben sonstigen, teils bescheideneren Typen, mit Dorliebe Ge- chandnadeln, die oben in einfacher, zumeist aber in doppelter Spirale endigten; südlich der Donau treten fie merkwürdigerweife erst in der Hallstattzeit auf. Für unsere Gegend eigentümlich und nicht weit von hier heimisch, doch auch sonst -in Nord« und Süd- deuischland nicht unbekannt, selbst nach Böhmen, der Schweiz und FranKeich vereinzelt verhandelt, waren haarpfeilähnliche Radeln mit Köpfen in Form eines vier- oder achtspeichigen Rades, das manche — mit Recht oder Unrecht, immerhin phantafievoll — als Symbol des Sonnenkultes dieser Zeit ansehen möchten, wie er an mehreren Orten verwandter bronzezeitlicher Kultur durch allerlei Denkmäler („Sonnenwagen" u. Lgl.) hinreichend bezeugt ist. Der Nachteil des Gewanoverschlusses durch solche „Stecknadeln" bestand darin, Last sie nach oben herausgleiten konnten, was natürlich gerade bei den wertvollsten und manchmal übertrieben großen Stücken mit künstlich gebildetem Kops besonders leicht geschah. Man half diesem Ülebelstand dadurch ab, Last man am Oberteil der Nadel einen starken Faden befestigte, dessen Gnb« ton die Spitze Les durch den Stoff gesteckten Schaftes geschlungen wurde. Zeitliche und landschaftliche .Unterschiede lassen sich dabei seststellen. Dies« Gewandnadeln erhielten, sofern nicht schon di» orna- Mntale Riefelung »der eine sMÄMförmige Ausbiegung des HalseS („Schwanenhalsriadeln") genügend Halt zu gewähren schien zur Aufnahme des DefestigungsfaLens am Kopfe eine Oese (wie z. B. saft ausnahmslos die „Radnadeln"; daß man bei Liefen den Faden nicht einfach am „Rade" selbst befestigte, möchte von manchem vielleicht durch des letzteren Eigenschaft als „heiliges Symbol" erklärt werden). Bei anderen Hefteln brachte man für den Faden eine Durchbohrung am Nadelhalse an der dann an dieser Stelle meist verdickt wurde, um der. sonst eintretenden allzugrohen Zerbrechlichkeit zu begegnen; das ergab gleichzeitig ein neues Ziermotiv (vgl. z. B. die „geschwollenen" Nadeln mit „Petschaft-, Kegel- oder Nagelkopf). Bei den einfachsten Gewandnadeln ohne besondere Ausbildung des Kopfes wurde das obere Ende bandartig breitgeschlagen und zu einer Oese eingerollt („Rollen- nadeln"). Gas geschah schon zur frühen Bronzezeit (Böhmen, Mähren, Niederösterreich, Bosnien, Troja, Ehpern, ÄeghptAl), Daher erscheint es nicht ausgeschlossen, Last die NadelstHerung durch, einen Faden bereits in der Steinzeit aufgekommen ist, vielleicht auf Grund der Nähnadel, die ja seit der jüngeren Paläolithik schon sicher begegnet. Dann würde die bronzene Ge- wandnadel mit Halsdurchlochung zwar nur eine alte Gepflogenheit wieder aufnehmen, wohl aber zugleich einen Fortschritt in der Metalltechnik bezeichnen. Je mehr man wiederum das End«, der „Rollennadel" verbreiterte, in desto höherem Maste Sam auch dieser Nadelthp dem immer wachen und leicht erregbaren Zierbedürfnis entgegen, zumal, wenn der jetzt ruber» oder scheiben» » gestaltete Kopf noch mit feiner Gravierung bedeckt oder mit getriebenen Buckelchen oder Kneifen belebt wurde, wofür ja eine glatte Bronzeflächr sehr einladend wirkt („Ruder"- unv „Scheibennadeln"). Für viele der genannten Nadelformen, maturgemäh in erster Linie für den Typ der „Radnadel", birgt Las Oberhessische Museum zahlreiche schöne Beispiele. Gewöhnlich enthalten die Männerbestatiungen nur eine Nadel (auf der Brust, zum Zusammenhalten des Mantels), die Frauengräber dagegen zwei (an jeder Schulter eine), was großenteils auch für die späteren Fibeln gilt. Typologisch ältere Nadelformen treten natürlich oft genug noch neben jüngeren auf, ja überleben diese; landschaftlich an sich einander fremde Typen werden durch Handels- Kultur- und Bolksstrome zusammengeführt — alles in allem im Verein mit den sämtlichen übrigen Kulturerscheinungen ein Quellgebiet wichtigster und reizvollster- Erkenntnisfe. Als man nun auf den gescheiten, in unseren Augen zwar einfachen, aber doch nur durch einen Fortschritt in der Metalltechnik (Herstellung zähen Bronze- brahtcs) möglich gewordenen Gedanken kam, den oben erwähnten Defestigungsfaden aus vergänglichem Material durch einen Bügel aus Dronzedvaht zu ersetzen, war der erst« Schritt zur wirklichen „Sicherheitsnadel" (Fibel) getan. Sie tritt in zwei Konstruktionen auf. Di,e eine ist noch recht primitiv, wird daher schliestlich fast ganz aufgegeben uirö fristet etwas verändert nur in einige» Zierfibeln und auch noch in manchen modernen Broschen ein ziemlich bescheidenes Dasein. Die andere vollkommenere Form dagegen ist an Einfachheit und Zweckmäßigkeit bis heute untoev= troffen und blüht in unserer Sicherheitsnadel fröhlich weiter. Jene, die „nordische" Art verbindet nämlich als „zwei- teiligs" Fibel den Sicherungsbügel in einem Loch drehbar mit hem Oberteil der. Nadel und lästt das andere, hakenartig gebogene Bügelende, in der bekannten Weise die Schaftspthe umfassen. Im Gegensatz hierzu nutzt di« „Äassische", „einteiliger Fibel die Federkraft des DronzedrcchteS aus. indem Nadel «Und — 86 — Migel aus einem Stück bestehen: der MadÄschpft wtchSö stk.deri ffilttte umflcbogen Md hier bald -u einer rstchr ober’ weniger fangen Federspivale gewunden. Der frühere Aadelkopf wird Kim Fibel,,faß", der die Nadelspitze oufntmmt, ihr als Wider- fager dienend. Der Fibelfuß bleibt, seiner ursprünglichen Be- Dentung als stladelkopf getreu, noch lange Hcmptgegenstculd zter- mäHiger Ausstattung. Oiber auch der Bügel nimmt im Lauf der Jahrhunderte die nrannigfachsten Formen an, wird wgar Kur überreich in allen möglichen Techniken verzierten, oft sehr groyen Schmuckplatte; aus der „Fibel" hat sich so die „Brosche entwickelt. Eine Zeitlang jedoch haben beide Fibeltypen, der „rwrdtsche wie bemerkenswerterweise auch der „klassische", die Erinnerung an ihre Herkunft von der fadengesicherten „Stecknadel noch bewahrt indem der Bügel nicht selten die Windungen des ehemaligen gedrehten Fadens (Zwirns) aus vergänglichem Material nachahmte. Die Dronzeausführung kopierte somit zwecklos, also rein ziermäßig, den alten, für den ursprünglichen Stoff natur* sichen Zustand — ein treffliches Beispiel für den wichtigen, mitunter freilich überspannten Begriff des „technischen Ornamentes wie er bekanntlich zuerst im Zusammenhang mit der Dipylon- vrnamentik geprägt worden ist. ..... Roch immer nicht unumstritten ist das Verhaltms zwischen der .nordischen", zweiteiligen und her „klassischen", die Federkraft ausnut) enden Fibel. Cs fragt sich nämlich, ob die „klassische" Form wirklich, wie es manchen- Forschern aus nicht gerade verächtlichen typologischen und chronologischen Gründen her Fall zu sein scheint, erst eine zielbewußte Weiterbildung des „nordischen", zweiteiligen Typs darstellt, oder ob dieser als eine unvollkommene Nachahmung der „klassischen" Sicherherts- naM aufzufassen sei; als eine Rückbildung etwa in dem Sinne, wie sie uns entgegentritt, wenn wir die oft belächelte armbrust- ähnliche Waffe jenes afrikanischen Regerstammes (bei der die Hauptsache für den sicheren Schuh, der Abzugshahn, fehlt), mit dem europäischen Muster vergleichen; oder schliehlich, ob nicht beide Fibelarten ohne Abhängigkeit voneinander derselben Wurzel als ungleichwertige Schöhlinge in abweichender Verwirklichung desselben Gedankens entsprossen sind-. Auf die Entscheidung dieser Frageir hat man schon vrel Scharfsinn verwandt — nicht verschwendet, wie unten zu zeigen versucht werden wird Rur von bedeutsamem Zuwachs an einwandfreiem Forschungsmaterial ist eine endgültige Losung zu erhoffen. Wir brauchen uns also hier nicht länger dabei aufzuhalten. Als neu und für uns besonders interessant sei bloh ein merkwürdiger Beleg noch angeführt dafür, dah das Entstehungsgebiet der „nordischen", zweiteiligen Fibel gar nicht unbedingt im wirklichen (umimftritten schon germanischen) „Äorden" zu suchen ist. Längst war ja ausgefallen, dah die Hauptverbreitungszone der gewöhnlichen fadengesicherten Gewandnadeln mit Halsdurchboh- rung ihre Rordgrenze mit Oberhessen int wesentlichen erreicht hat, und dah weiter nördlich ziemlich, unvermittelt und ohne einleuchtende Vorbereitung das Hauptgebiet der „zweiteiligen" Fibel beginnt. Run hat die für das Oberhessische Museum im Jahre 1922 vvrgenvmmene Aufdeckung bronzezeitlicher Hügelgräber am Nord« osthang des Bogelsberges, nämlich im Grabeneck und- am Siegen» rückskopf bei Dir lammen (Kreis Lauterbach), als Beigabe einer Bestattung (Hügel 3 am Ziegenrücks köpf) u. a. eine ganz einfache bronzene Gewandnadel mit rechteckig verstärktem Kopfende erbracht, die gesichert war durch einen halbkreisförmig gebogenen dünnen Bronzedraht, dessen umgeschlagene Enden die Radel am Hals und an der Spitze umfaßten; dabei mag übrigens die Federkraft des Drahtes, wenn auch in primitivster Weise, zum Festhalten des Bügels an dem glatten Radelschaft schon ganz nützlich gewirkt haben. Damit ist eine längst gesuchte, bisher nirgends gefundene Zwischenstufe zwischen der fadengesicherten Radel und der eigentlichen Fibel aufgetaucht, allerdings in höchst einfacher und wenig entwicklungsfähiger Form — ein steriler Seitenzweig der Typen» immerhin hat diese „Borfibel" von Dirlammen in erwünschter Weise bestätigt, dah gerade auch in unserem älebergangs- gebiet die Erfindung der Fibel gewissermaßen „in der Luft lag", Und sie hat sicherlich den Begriff „nordischer" Fibelthp in diesem Sinne etwas umgewertet. Darüber hinaus jedoch kann sie natürlich längst nicht nuferer engeren Heimat die Ehre verbürgen, als Air» sprungsland der eigentlichen Sicherheitsnadel zu gelten, um so weniger, als aus Oberhessen und seiner nächsten Rachbarschaft, wenn ich recht fehe, bisher keine wirklichen Fibeln der hier in Frage kommenden Kultur bekannt geworden sind. Aber um diese „Ehre" handelt es sich selbstredend der ernsten Forschung auch gar nicht; ebensowenig, wie die unsäglich mühselige Sammlung und Ordnung der vielen Hunderte von zeitlich und kulturell verschiedenen Fibelformen dem zwar noch heute unentbehrlichen, im Rahmen der Gesamtkultur seiner Besitzer aber doch einen recht bescheidenen Rang einnehmenden Gerät als solchem gewidmet ist: Das wäre ja wirklich schrullenhafte Haarspalterei, auch aman ganz absehen wollte von der rein zahlenmäßig nicht utsamen Rolle, welche die Gewandnadeln im Bestand der Kulturreste mancher Perioden spielen. (Schluß folgt.) Der Meister der umbrischen Malerei. (Zum 400. Todestage Peruginos.) 3m Frühjahre 1523 — wir wissen das Datum nicht genau — tarb Pietro Perugino, der Großmeister der umbrischen Malerei der Lehrer Raffaels, dessen Wunderwerke nicht nur jeden Italienfahrer, sondern auch den Besucher deutscher Galerien! entzücken in denen sich manche hervorragenden Gemälde von ihm befinden Aus diesem Anlaß gibt Prof. Oskar Fischel in der „Kunstchronik" eine glänzende Charakteristik des vielumstrittenen Künstlers, dessen ganze großartige Entwicklung erst in jüngster Zeit von der Kunstgeschichte erforscht worden ist. Lange stand Perugino im Schatten seines größeren Schülers Raffael; dann entdeckte man mehr und mehr feine -eigene Bedeutung, aber es waren nur die abgeklärten Werke seiner Spätzeit die man gelten ließ Der feurige Schwung feiner frühesten Arbeiten, sein entscheidendes Eingreifen in die malerische Entwicklung der Quattrocento-Kunst überhaupt tritt erst neuerdings klar zutage. Als gebetener Tlmbrer ist Perugino aus der umbrischen Kunst herausgewachsen. „Länger als die übrigen Schulen," sagt Fischel, „bewahrten die Umbrer den Goldgrund für die ausdrucksvollen Silhouetten der Heiligen; dies Streben, die sprechendste Linie zu finden bleibt aus der Gotik durch alle Zeiten hier Gewvhn- gt Roch als beim Altarbild die teilenden goldenen Spitzbögen en und durch die schön gespannten Gewölbe die blaue Lust umbrischen Ferne hereinweht und leuchtet, halten sie sich voneinander getrennt, als wagte ihre Frömmigkeit _ keine Vereinigung zwischen den Pfeilern der Halle, jeder für sich ein Bild im Bild. Gar nicht vielsagend genug kann diese Kontur sein, und damit beginnt erst ein Kultus der Linie, ein Schwung und eine Modulation ihres Laufes, der zu einem Wohllaut mit der Harmonie der Farben zusammenklingt. Der große Meister dieser Landschaft war allein am Ende der Frührenaissance gereift, das Beste von der Gotik, die Gebärde, lebendig zu halten und für die neue Zeit bedeutend Gedanken als sprechendstes Mittel die Linie zu schulen. Von ueu umbrischen Höhen, too die Andachtsmalerei immer andächtig geblieben war, steigt die Wieder- eroberung nieder, und Perugino war es, mit dem die großzügige und gesammelte Kunst wieder frei und triumphierend in die verwirrte toskanische Welt trat.“ Man hat heute erkannt, daß Vasari recht hatte, wenn er den jungen Künstler als einen Schüler florentinischer Meister, des Pietro della Francesca und des Vercochio bezeichnet. Bei ihnen erwarb er sich- die große Technik, die mühevolle Bewältigung der rein malerische Probleme. Aber als er sich dann in der Ausmalung der Sfttina unter den Mittelitalienern zeigte, da fiel seine geistige Sammlung auf, und trotz Botticelli und Signorelli war er der einzige, der bei dieser großen Aufgabe wirklich Großes leistete, da er der geborene Andachtsmaler war. Fischel weist besonders auf die Bedeutung seiner verlorenen Arbeiten im Kloster der Gesuati vor Porta Pinti hin, durch die er entscheidend auf die Florentiner Zeitgenossen einwirkte. Von diesen Werken ist uns nur das Echo einiger Zeichnungen und die Begeisterung Dasaris geblieben, aber man darf annehmen, daß sich hier alles Große ankündigte, was sich dann in der Hochrenaissance vollendete. Diese „Anbetung der Könige" gehörte za dem Großzügigsten, was damals in Florenz entstand, und der ■Umbrer war es. der gegen Ende der 70er Jahre des 15. Jahrhunderts den Florentinern wieder Grüße. Kraft und Klarheit der Historienmalerei vorführte. . Fischel stellt die Vermutung auf, „als ob alle klaren, großen und geistigen Motive vom Ausgang des Quattrocento bis Ghirlandajo und bis zu Bartolomep und Andrea del Sarto aus diesen Bildern Peruginos Antrieb und Geben bekommen hätten". Was in dieser frühen Kunst des Meisters, die wir mehr ahneil als kennen, angeschlagen wurde, das kam dann in seiner Spätzeit zur vollen Reise; sie bedeutet einen Höhepunkt der Andachtsmalerei, den' würdigen Vorklang raffaelischer Vollendung. „Jetzt erst." sagt Fischel, „greift er seine eigenen tiefen Akkorde und vollendet in ihnen das jahrhundertelange Streben seiner andachtsfreudigen Heimat. -Und gerade damit gewinnt er für eine Generation die faszinierende Bedeutung, die ihn als „Maler der Andacht" durch ganz Italien - bis Spanien, ja bis in die Werkstätten flandrischer Teppichweber berühmt machten sollte. Roch als er hon den neuen Stürmern umbran&et und überholt, sich auf die Heimat zurückzisht, hat er den Ruhm, in diesem ausdrucksvollen Stadium feiner tteftönlgen Malerei gerade Raffaels Lehrer geworden zu sein." (Ein Kannibale auf der Eisenbahn. VonMarkTwai n”). Ich kam aus St. Louis und fuhr gen Westen. In Sette Haute (Indiana) war ich umgeftiegen, und- an einer der nächsten Stationen kam ein gütig und wohlwollend aussehender Herr von vielleicht 45 oder 50 Jahren zu mir ins Coupe und setzte sich *) Der Verlag Ullstein, Berlin, hat ein famoses Bändchen „Tolle Geschichten" aus den Schriften des bekannten amerikanischen Humoristen zusammengestellt (herausgegeben und übet» tragen von Ulrich Stetndorsf), woraus wir die vorliegende Prove entnehmen. 81 und Hunger. LkM ivxH ein dämmernder Morgen, und noch ein Dag des SHweigenS, der Traurigkeit, zehrenden Hungers, yyffnungÄlvseti Wartens auf die Hilfe, dis nicht kommen konnte, älnd noch , eins Macht ruhelosen Schlummers, erfüllt mit Träumen von festlichen Gelagen, wenn man nicht wach lag vor nagendem Hunger. Fünf Tage grauenvollen Gefangenseins! Aus jedem Auge Sie zu vermeiden wünschten. Der Herr aus Aeujerseh Dan Äostrand: „Meine Herren, ich bin 3Wn fremd. Ich habe die Auszeichnung nicht erwartet, die tote nur haben zuteil werden lassen, und ich empfinde es als eine Zartfuhltgrett Morgan aus Alabama (ihn unterbrechend): „Ich möchte die erste Frage zur Debatte stellen." Seiner Anregung wurde stattgegeben, aber selbstverständlich jede weitere Debatte ausgeschlossen. Der Antrag, ein'Wahlbureau aufzusiellen, wurde angenommen. Herr Gaston wurde »um Vorsitzenden, Herr Blake zum Schriftführer, bie Herren $>okomb, Dy er und Baldw in in das Komitee und Herr A. M, Howland 8UmMe^Herren zogen sich für eine halbe Stunde zurück und es folgte eine. glotzte der Hunger. Der sechste Tag ging hin. und der siebente schickte seinen Dämmerschein üb« die Grupps von Männern, die verstört, verzehrt und hoffnungslos noch genau so im Augenblick des Todes stand tote zuvor. Es muhte endlich heraus! Dies Etwas, das in jedem Herzen aufgekeimt war, bereit, endlich über aller Lippen zu kommen. Die Äatur hatte dies Äeuherste ertragen, sie mutzte sich ergeben Richard H. Gaston aus Minnesota, schlank, lelchen- haft bläh, erhob sich. Alle wutzten, was jetzt kommen mutzte. Alle waren bereit. Hede Bewegung, jeder Anflug von Erregung wurde unterdrückt. In den Augen, die noch eben-wild um sich geblickt hatten, stand nur mehr still-nachdenklicher, tiefer Ernst. Meine Herren, es läht sich nicht länger zurückhalten. Die KäbÄ JÄ p Kandidaten. Der Vorschlag wurde angenommen. ; ■ Bogers aus Missouri: „Herr Präsiden^ der Vorschlag liegt nunmehr dem Hause ordnungsgematz vor. Ich stelle den Anteag, ihn dahin abzuändern, datz an Stelle des Herrn Herrrnan Herr Lucius Harris aus St. Louis eingesetzt wird, der unS allen Wohl bekannt ist. Ich möchte nicht etwa dahin mihverstanden werden, als ob ich auch nur den leisesten Tadel gegen den Charakter oder die Person des Herrn aus Louisiana aussprechen wollte. Weit davon entfernt, ich ehre und schätze den Herrn genau so tose jeden der hier Anwesenden. Aber feiner von uns kann der Tatsache gegenüber blind fein, Latz bet Herr in der Woche, die wir hier festgefahren sind, mehr an Gewicht verloren hat als irgeEN« von uns. Keiner von uns kann der Tatsache gegenüber blind sein, , datz der Wahlausschuh entweder fahrlässig ‘ | mindesten schwer gegen seine Pflicht verstvtzen lehnt wurde. 2l L. Bascvm aus Ohio: „Ich stelle den Antrag, die Ao- rninierung der Kandidaten zu sch liehen, und fordere das Haus auf, zur schriftlichen Wahl zu schreiten." Sawyer: „Meine Herren, ich erhebe ernstlich Protest gegen ein derartiges Verfahren. Es ist in jeder Beziehung unstatthaft und widerspricht der Würde dieses Hauses. Ich ersuche Sie, es sofort fallen zu lassen und zunächst einen Vorsitzenden und Bei- itzer zu wählen, damit wir uns ordnungsgemäh mit der schwebenden Angelegenheit beschäftigen können." Dell aus Jvva: „Meine Herren, ich erhebe Protest. Es ist hier nicht an der Zeit, auf Formalitäten und Gepflogenheiten einer Geschäftsordnung zu bestehen. Mehr als sieben Tage sind wir ohne Aahrung. Jeder Augenblick, den wir mit mühigen Diskussionen i | vergeuden, verschärft unsere unglückliche Lage, och erkläre mich mit den genannten Herren einverstanden und uarf wohl anneft» men ba6‘'ieher der hier Anwesenden mit mir einer Meinung ist. Ich'sehe jedenfalls nicht ein, aus welchem Grunde tote nicht unverzüglich einen oder mehrere der genannten Herren auswahlen sollen. Ich möchte eine Desolation beantragen, dahin lautend — — Gaston: „Gegen eine Desolation kann Protest erhoben werden. allerhand Parlamentsangelegenhelten. . Urplötzlich kamen zwei Herren dicht an uns vorbei, standen einen Augenblick lang still, während der eine zu dem andern sagte: „Ach, Harris, wenn du das für mich tätest, würde ich es dir mein Lebtag nicht vergessen, alter Junge." Die Augen meines Deisegefährten leuchteten vor Freude auf. Diese Worte mutzten eine angenehme Erinnerung m ihm wach- Gerufen haben Aber bann machte er ein nachdenkliches, beinahe melancholisches Gesicht, wandte sich an rnich und sagte: „Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen, ich mochte Ihnen «d, geheimnisvolles Kapitel meines Lebens enthüllen, em Kapitel, ttuf das ich nicht zurückgeariffen habe, seit es sich begeben hat. Sracft!i^m^r'baÄgenbe 1 ' „Meine.Herren, es lätzt sich nicht länger zurückhalten. Die fdtfame Abenteuer. Er sprach manchmal freudig erregt, manchmal | Stunde ist gekommen 13011 un8 mTncholisch, aber imme7 mit innerstem Lrnst. &um und sagte: Die Geschichte des Fremden. I „Meine Herren, ich schlage vor den Pfarrer James Sawyer Am 19 Dezember 1853 fuhr ich mit dem Abendzug von I aus Tennessee!" «t Louis näck Chicago Alle zusammen waren tote nur vierund- I William D. Adams aus Indiana sagte: E »fnaimia Passagiere Es waren weder Frauen noch Kinder dabei. I „Ich schlage Daniel Slots aus Aeuyork vor. _ .?DteÄr^i in ausgezeichnMer Laune, mti> manche nette Bekannt- | Charles I. Langdon: „Ich schlage vor Samuel A. Bowen auS töaft war bald gemacht Wir hatten -die besten Aussichten auf I St. Louis" K a^ Seife und auch nicht einer von uns allen hatte glaube Slote: „Meine Herren ich trete zurück hinter John A. van auch ,mr die eiseste Ahnung von den Schreckni sen, die wir I Äostrand jun. aus Aeujerseh." . x K f, WhänJXfi« kW. sollten Gaston: „Wenn kein Einwand erhoben wird, möge dem Wunsch Hm ll Sn nS ftaatfan, heftig zu schneien. Kurz nach- des Herrn Slote nachgekommen werden ", Bem tote ben leS OrtOMben hint« uns hatten, kamen tote Da Herr van Äostrand aber protesrierts, wurde der Mrzicht Ebeu^Gebiet der einsamsten Prärie, die trostlos un° pes Herrn Slote zurückgewiesen. Die Herren .Sawyer unb Bowen betoobrrte Strecke Landes die sich Meilen und Mellen weit hin- | boten ihrerseits Verzicht an, der aber aus gleichen Gründen abge- zieht bis zu den Jubilee Settlements. Der von Mmmenunb Der- gen, ja nicht einmal von einzelnen Seifen behinderte W)ud pfiff scharf über die Wüstenebene und. trieb den'fallenden Schnee vor sich her, wie ein stürmisches Meer den Gischt seiner schäumenden Wogen vor sich herschickt. Der Schnee erhöhte sich rasch, und wir Merkten aus der sich vermindernden Schnelligkeit unseres Zuges, Latz sich die Lokomotive mit immer wachsender Schwierigkeit hm- durchpflügen mutzte. Manchmal kam sie fast, inmitten mächtiger Schneewehen, die sich tote ungeheure Grabhügel quer über bie Schienen türmten, zum Stillstand. Die Unterhaltung wurde matter. iUnsere Fröhlichkeit wich sorgenvollem Ernst . Morgens um zwei Ähr wurde ich durch das Aufhoren ledei Bewegung aus meinem unruhigen Schlummer Mveckt. Blitzartig erhellte sich mir die erschreckende Wahrheit: Wir waren in einer Schneewehe gefangen! „Alle Mann zu Hilfe!" Jeder sprang zu und gehorchte dem Befehl. Hinaus ging s m die furchtbare Aacht, die pechschwarze Finsternis, den wogenden Schnee, den treibenden Sturm Jeder einzelne wützte, datz ein einziger verlorener Augenblick allen bie Vernichtung bringen konnte. Schaufeln, Dreitew Hände, alles und jedes, was nur Schnee beiseite zu schaffen vermochte, war umgehend mit Beschlag belegt. Es war em gefpen- wuium. , stisches Bild tote dies kleine Häuflein von Verzweiflung besetz j Auherdem mutz sie nach dem Gesetz einen Tag aufliegen. Dadurch sener Menschen halb im tiefsten Dunkel und halb im grellen Licht teür5e atfD gerade die Verzögerung hervorgerusen werben, di« ^r Lokomotlvlaterneii gegen die steigenden Schneebanke ankämpfte. « -■ ---------------- -- Die erste, allzu kurze Stunde genügte, um bie völlige Rutz- losigkeit all unserer Bemühungen erkennen zu lassem Wahrend tote die eine Schneewehe fortschaufelten, baute der Sturm zwos. neue Barrikaden quer über die Schienen. Aber was noch schlimm« War, tote mutzten entdecken, datz bei dem letzten grotzen Angristz Ben die Maschine auf den Feind gemacht hatte, die Achse beS Triebrades z«brochen war. Selbst wenn wir also freie Dayn ge- habt hätten, wären wir hilflos gewesen. Müde von unf«er Arbeit mit schwer besorgt stiegen wir in den Zug. Wir sammelt«, uns um die Oesen unb erörterten ernst unsere Lage. Wir hatten keinerlei Vorräte mit. Das war unsere Hauptsorge Frieren wurden tote nicht, denn d« Tender barg einen guten Vorrat Holz, um SSltfe konnten wir niemand schicken, ja, wenn wir auch jemano SMÄ Sw.«. -iw StSS KÄlMÄiö“ «• km Schlcll-I unlerroerfm im» «« • *•<■ z-r»»sim o« teil* Sucta, ».«.• «M den Entsatz warten ob« auf den Hungertod! . r ,, I av,nh.ibnton Der Vvr- Binnen ein« Stunde sank die Unterhaltung zu ememWeisen Flüstern herab, bas man all« Enden im Zuge auffangen konnte, toenn der Sturm stieg oder fiel. Die Lampen tourben trüber, und die Mehrzahl der Verdammten lieh sich in dem flackernden Dämmerlicht nieb«, um zu grübeln, die Gegenwart zu ve^essen, toenn sie es konnten, ob« zu schlafen, wenn es ihnen möglich war. Die trägen Stunden dieser ewigen Aacht — vns schien sie selbst . verständllch^ewig zu sein - gingen schleppend zu Ende^ mLSS Osten brach kaltes Dämm«grau herein Dirgends ein lebendes Wesen, keine menschliche Behausung nichts als die weite weihe Wüste. Hochgewirbelte Schneelaken trieben vor dem Wtod bald hierhin, ixild bvrthin, unb eine kreisende Welt von Flocken v« Motz den Mick in den Himmel über uns. Den ganzen Tag trieben tote uns im Zuge herum, s^che wenig und dachten viel. Und noch eine bange trostlose Aacht . . nur sagen, es war Schrifileltung: August Goetz, — Druck und Verlag der Brühl'lchen Llniv.-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Dieben, Stunden vorher gewesen waren! Eben noch bar jeder Hoffnung, düsteren Schmerzes voll, hungrig, fiebernd vor Angst und Verzweiflung, und seht Lankesfroh, seelenruhig und von einer Freude düsteren Schmerzes voll, hungrig, fiebernd vor zwelflung, und seht Lanksfroh, seelenruhig und erfüllt, für die es keine Worte gab. Ich kann i , die erhebendste Stunde meines an Ereignissen wirklich nicht armen Lebens. Der Sturm heulte und wehte den Schnee in wildem Wirbel um unser Gefängnis, aber er besäst keine Macht mehr, uns zu betrüben. Ich war mit Harris recht zufrieden. Gr hätte vielleicht etwas besser zubereitet sein können, aber ich mutz unumwunden gestehen, dast mir kein Mensch je so gut bekommen ist wie dieser Harris, und dast ich auch nie wieder einem Menschen einen so hohen Grad von Befriedigung verdankt habe. Messick war auch recht gut, obwohl er schon etwas Hautgout hatte. Aber was den inneren Aährwert und die Zartheit des Fleisches angeht, mutz ich doch Harris -en Vorzug geben. Messick hatte gewitz seine guten Setten, das will ich nicht leugnen uikd kann es auch nicht, aber zum Früw. stück wäre eine Mumie ebensogut geeignet gewesen. Mager war ea Du mein lieber Gott, und zäh! Ach, er war so entsetzlich zäh. Da« können Sie sich überhaupt nicht vorstellen." „Wollen Sie damit vielleicht sagen---“ „Ich bitte Sie, unterbrechen Sie mich nicht! stlach dem Früh» stüa wählten wir einen Mann mit Aamen Walker — Walker aus Detroit — für die Abendmahlzeit. Er war ausgezeichnet. Ich habe es auch nachher seiner Frau geschrieben. Alan konnte ihn nur loben. Ich werde.Walker niemals vergessen. Gr war zwar nicht ganz durchgebraten, .aber immerhin recht gut. Alm nächsten Morgen hatten wir Herrn Morgan aus Alabama zum frühstück. Morgan war einer der besten Menschen, die ich je unter die Finger bekommen habe: ein schöner Mann, hochgebildet, sprach fuetzend mehrere fremde Sprachen, war überhaupt der vollendetste Gentleman und wirklich hervorragend saftig. Zum Abendbrot hatten wir den uralten Knaben aus Oregon, ein reiner Schwindel, ganz unzweifelhaft der reine Betrug. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie alt, zäh und faserig der Mann war. Ich konnte mich nicht enthalten zu erklären: „Meine Herren, machen Sie. was Sie wollen: ich warte die nächste Wahl ab." -Und Grimes aus Illinois stimmt» mir bet und erklärte: „Meine Herren, ich warte auch lieber. Sobald Sie einen Herrn wühlen, der wenigstens etwas an sich hat, was ihn empfiehlt, will ich mich gern wieder daran beteiligen." Es stellte sich sehr bald heraus, dast über Herrn Davis au- Oregon eine ganz allgemeine Unzufriedenheit herrschte. Um die angenehme Stimmung aber zu erhalten, die durch Harris geschaffen worden war. wurde eine neue Wahl ausgeschrieben. Das Ergebnis war Herr Baker aus Georgia. Gr war prachtvoll! Aq, schön und gut, nach ihm hatten wir Doolittle, dann Hawkins und Mac Glroh (über den einige Beschtverden kamen, weil er wirklich anormal klein und mager war), dann Penrott und zwei Smiths, dann Baileh (er hatte ein Holzbein, was natürlich einen unangenehmen Abgang bedeutete, war aber sonst ganz gut), dann einen jungen Indianer, einen Leierkastenmann und einen gewissen Herrn mit Aamen Buckminster — ein armseliges Luder von Vagabund, der nicht einmal ein sympathischer Gesellschafter getvesen wäre, geschweige denn ein ckkzeptables Frühstück. Wir waren nur froh, datz ihn die Wahl noch getroffen hatte, ehe die Befreiungsstunde kam." „Die gesegnete Befrciungsstunde kam also wirklich noch?" „Ja, sie kam. Es war ein strahlend sonniger Morgen nach der Wahl. Sie war auf John Murphy gefallen, er war bei meiner Seele der beste Mensch, Len man haben konnte. Aber John Murphy konnte mit dem Zug, der uns zu Hilfe kam, weiterfahreil. Er blieb qm Leben und heiratete die Witwe von Herrn Harris — - „Die Witwe von — —" „Ja, ja, die Witwe von Harris, den wir zuerst gewählt hatten. Er hat sie geheiratet und ist ein glücklicher, angesehener und wohlhabender Mann. Ach ja, es klingt wie der reine Roman, wie eine echte, rechte Ballade. Aber hier ist meine Station, verehrter Herr, ich must mich von Ihnen verabschieden. Wenn Sie irgendwann mal Lust haben, ein paar Tage bei mir zuzübringen, würde ich mich riesig freuen. Sie gefallen mir austerordentlich, verehrter Herr, ich habe ein ehrlichÄ Gefühl der Freundschaft für Sie, ich könnte Sie genau so liebgewinnen wie Harris. Arif Wiedersehen, recht angenehme Reise!" Fort war er. So benommen, so verdutzt und verblüfft bin ich in meinem ganzen Leben nicht gewesen. Aber ich war doch von Herzen froh, er fort war, denn bei all seiner Sanftmut und bei aller Weichheit seiner Stimme erschauerte ich jedesmal bis in- Mark, wenn er seinen heißhungrigen Blick auf mich richtete. AlS er mich dann schlietzlich seiner höchst gefährlichen Zuneigung versicherte und mir sagte, -atz ich bei ihm kn der gleichen Gunst stünde wie Harris, stockten mir fast die Pulse. Die entsetzlichen Einzelheiten überwältigten mich und verwirrten mein Hirn ganz hoffnungslos. ÄH bemerkte, wie mich der Zugführer anstarrte, und fragte ihn: „Wer war denn der Herr?" „Er ist Abgeordneter gewesen und sogar ein sehr guter. Aber er ist mal mit dem Zug in einem Schneesturm stecken geblieben und dabei fast Hungers gestorben. Die Kälte hat ihm so entsetzlich zugesetzt, und der Mangel an irgend etwas Eßbarem hat ihn so erschöpft, dast er noch zwei, drei Monate hinterher krank und geistig gestört war. Jetzt ist er wieder ganz gesund, aber er hat von dem Änglücr *tne fixe Idee behalten, und wenn er auf dies Thema kommt, hört er nicht wieder auf, bis er einen ganzen Zug voll Menschen verspeist hat. Wenn er hier nicht hätte aussteigen müssen, wäre die ganze Gesellschaft wieder von ihm gefressen worden. Di« / Aamen sind ihm so geläufig wie das A-D-C. Wenn er alle bis auf sich selber verspeist hat, sagt er regelmäßig: „Als nun die Stunde der üblichen Wahl für das Frühstück wiederum herannahtü und kein Widerspruch mehr erhoben wurde, war ich ordnungsgemäß gewählt, worauf ich meinen Verzicht aussprach. Aus diesen^ Grunde bin ich jetzt hier." Ich fühlte mich unsagbar erleichtert, wußte ich doch wenigstens jetzt, daß ich nur der harmlosen Verrücktheit eines Irrsinniges und nicht dem wahren Erlebnis eines blutrünstigen Kannibale« zugehört hatte. 1 Zustimmung zur Kmsdidaluc dieses Herrn fordert, der, wie es auch Um seine persönlichen Motive bestellt fein mag. doch de factö weniger Aährwert hat als--" Der Vorsitzende: „Der Herr aus Aiissvuri möge sich wieder setzen Ich als Vorsitzender kann nicht gestatten, datz die Lauterkeit des 'Wahlausschusses in Zweifel gezogen wird, es sei denn, daß dies nach den Vorschriften der Geschäftsordnung geschieht. Wie gedenkt sich Las Hohe Haus zu der Anfrage des Herrn Vorredners zu stellen?" Halliday aus Virginia: „Ich beantrage, eine Ergänzung dahin vvrzunehmen, Latz Herr Harvey Davis aus Oregon an die Stelle des Herrn Messick tritt. Vielleicht werden einige Herren Gin- wände haben, datz die schwierigen Verhältnisse und die Entbehrungen des Grenzlebens Herrn Davis haben zu zäh werden liefen, aber, meine Herren, ist es jetzt an der Zeit, eine derartige Zähigkeit zu bemängeln, ist es jetzt an der Zeit, tvegen solcher Kleinigkeiten besonders heikel zu sein, ist es jetzt an der Zeit sich zu streiten Über Dinge von so untergeordneter Bedeutung? Aein, meine Herren, was wir verlangen müssen, ist Masse, — Substanz, Gewicht, eben Masse. Das sind die wichtigsten Erfordernisse der Stunde, und nicht etwa Talent, Genie oder Bildung. Ich bestehe also auf meinem Antrag." Morgan (sehr aufgeregt): „Herr Vorsitzender, ich mutz aufs allerentschiedenste einer solchen Ergänzung widersprechen. Der Herr aus Oregon ist ein alter Mann und außerdem nur seiner Knochenbildung nach massig und nicht etwa dem Fleischs nach. Ich möchte den Herrn aus Virginia fragen, ob er Suppe haben will oder feste Mahrung, ob er uns mit dem Schatten eines Mannes zu foppen gedenkt, ob er sich mit Gespenstern aus Oregon lustig machen will über unsere Qualen und Aöte! ÄH möchte mir dir Frage erlauben, ob er Die bangen Gesichter rings anzusehen vermag, ob er in unsere trostlosen Augen blicken, ob er dem sehnsüchtigen Klopfen unserer Herzen lauschen kann und uns dennoch einen solchen Hungerleider anzubieten imstande ist? Ich möchte fragen, ob er denn gar nicht an unseren verzweifelten Zustand denkt, an die Kümmernlsie, die hinter uns liegen, und an unsere düstere Zukunft: möchte ihn fragen, ob er so wenig Mitleid mit uns fühlt, datz er uns ein solches Wrack, eine solche Ruine, ein solch gebrechliches Schwindelgebäude, so einen ausgedörrten, ausgemergelten, marllvsen Stromer von Oregons unwirtlicher Küste aufzudrängen wagt? Ale und nimmer!“ (Andauernder Beifall.) Aach einer ziemlich heitzen Debatte wurde der Antrag zur Abstimmung gebracht und abgelehnt. Dagegen wurde Herr Harris dem ersten Antrag entsprechend akzeptiert. Aunmehr folgte die engere Wahl. Fünf Abstimmungen verliefen ergebnislos. Beim sechsten Wahlgang wurde Herr Harris gewählt, und zwar einstimmig. aber mit Ausnahme seiner eigenen Stimme. Infolgedessen wurde der Antrag gestellt, seine Wahl durch allgemeine Akkta- matlon zu bestätigen, was wiederum erfolglos war, weil er auch jetzt gegen sich selbst stimmte. Herr Radwah schlug dem Hause vor, sich jetzt den anderen Kandidaten zuzuwenden und zur Wahl für das Frühstück zu schreiten. Der entsprechende Beschluh wurde gefaßt. Der erste Wahlgang brachte Stimmengleichheit. Die eine Hälfte stimmte für einen Kandidaten wegen seiner Jugend, die andere Halste für einen anderen Kandidaten wegen seines größeren Umfangs. Der Präsident gab mit seiner Stimme den Ausschlag für den letzteren, Herrn Messick. Diese Entscheidung verursacht« eine nicht unbeträchtliche Unzufriedenheit bei den Freunden des Herrn Ferguson, des unterlegenen Kandidaten. Man erörtert« bereits die Möglichkeit eines erneuten Wahlganges, als plötzlich ein Antrag aus Vertagung eingebracht wurde, worauf man die Sitzung unverzüglich abbrach. Die Vorbereitungen für das Abendbrot lenkten die Aufmerksamkeit der Ferguson-Partei von ihrer Streiterei über die unglückselige Angelegenheit ab. Als die Diskussion gerade wieder be° ginnen wollte, wurden glücklicherweise alle trüben Gedanken durch le frohe Mitteilung verscheucht, datz Herr Harris fix und fertig sei. Die vitze wurden umgekehrt und aus den Lehnen improvisierte Tische gebaut. Dankerfüllten Herzens setzten wir uns zum Abendessen nieder, zu dem schönsten Abendessen, das uns die Sehnsucht von sieben qualvollen Tagen nur bescheren konnte. Und wie verändert waren wir Menschen gegen das, was wir noch wenige