Samstag, 1. September s. JJiJ 1^ 1923 — Nr. 35 TS WM Xjg~=4p^, Ul' ZI^W '•‘Jlu «■•■ .. ■ Sedan. (Aus einem Kriegstagebuch.) 14. Mai 1916. Ein Sonntag, schön wie selten einer, führt uns im Anschluß an einen Erkundungsritt auch auf die denkwürdige Höhe 307 westlich Sedan. Vereinzeltes Buschwerk und kleine Haine jungen Waldes bringen etwas Abwechslung in den grünen Rasenteppich, der die ganze Höhe bedeckt. Roch sind die Wunden, die ihr vor bald zwei Jahren der Weltkrieg geschlagen, nicht vernarbt. Doppelt üppich wuchert das Unkraut auf dem von Granaten gepflügten Boden, auf dem noch heute zerbrochene Waffen und zertrümmertes Gerät jeder Art zerstreut umherliegt. Schneeweiß heben sich die namenlosen Hvlzlreuze an dem lichtdurchfluteten Maienmorgen von dem satten Grün der Umgebung ab. Allein die Streifen in Frankreichs Farben, die die Mehrzahl trägt, lassen erkennen, daß die hierunter Ruhenden ihr Grab in heimischer Erde gefunden. Doch sah sie auch deutsches Blut fließen, nicht anders, als sie es 44 Jahre zuvor schon einmal gesehen. Auch ohne daß ein Stein an ihre denkwürdige Vergangenheit erinnert, bleibt es doch unvergessen, daß sie der Schauplatz des ersten Aktes der Tragödie von Sedan gewesen ist. Don dieser Höhe aus leitete König Wilhelm die Schlacht des 1. September' hier erlebte er den Zusammenbruch des französischen Kaiserreiches, hier überreichte ihm General Reille den berühmt gewordenen Brief seines kaiserlichen Herrn, dem „es nicht vergönnt war, inmitten seiner Truppen zu sterben". Frei schweift von hier der Blick über das sonnenvergol- dete Tal der Maas und den silberglänzenden Fluß entlang nach dem bergumgrenzten Sedan. Schließlich bleibt er an dem hell herüberschimmernden Flving haften, das auf halber Höhe über der^ alten Waasfeste gelegen, seinen Ruhm dem heldenmütigen! Opfertod französischer Reiterei verdankt: „Es wird attackiert —- und wenn der Ritt in die Ewigkeit geht!" — 16. Mai 1916. Gin strahlender Maientag geht zur Reige. Wie im Widerschein blutiger Tage leuchten Doncherys Trümmer purpurfarben in den Strahlenden der sinkenden Sonne. Schon längst hat üppiges Unkraut und dunkeles Moos Schutt und Staub überwuchert, in den Gurten sind Baum und Strauch — jeglicher Pflege beraubt — längst zu dichtem Gestrüpp verwachsen. Auf zerfallenem Gemäuer, auf geborstenen Simsen und rauchgeschwärzten Mauerzinnen leuchten buntfarbige Frühlingsblumen, während durch die kahlen Fenster rind geborstenen Pforten befiederte Sänger ihrer Deute nachjagen. Zu neuem Leben ist die Statur erwacht, "dch die Stadt bleibt tot, einem nordischen Pompeji gleich. Rar !elten betritt eines Menschen Fuß die schmalen Pfade, die sich durch den grünen Rasen dahinschlängeln, der heute die ehemals so viel begangenen Straßen bedeckt. Rur e i n breiter Weg führt vuvch die Stätte der Verwüstung zur Maas, deren Wasser rau« icpenö über die Trümmer der gesprengten Brücks schäumt. Aus den Gebäuden auf ihrem Südufer kräuselt sich blauer Rauch zum lichten Abendhimmel empor. Von des Mars ehernem Tritt verschont geblieben, bilden sie eine Oase in der Wüste. Hier ist es auch, wo etwas abgelegen von der Unruhe der Landstraße ein einfaches Haug steht: das Weberhäuschen von Doncherh. Der goldene öqj’immer, den das Abendrot des scheidenden Tages auf seine Banoe haucht, sind sein einziger Schmuck. Richts verrät äußerlich, daß in seinem Innern einst ein neuer Abschnitt der Weltgeschichte begonnen. Die Besitzerin, die nun schon den zweiten Kriegssturm in diesem Dause erlebt, führt uns selbst. Von der Rückseite des Gebäudes geht es auf einer schmalen Stiege nach dem oberen Stockwerk. 3t» dem ersten Zimmer, das wir betreten, reichen sich zwei große Kriege die Hände. Zu den Kugelspuren aus dem 70er Kriege gesellt sich hier ein deutsches Gewehrgeschoß aus den Herbstkämpfen 1914, das durch das Fenster eingedrungen, in einer Blumenvase stecken geblieben ist. Ein Zettel an der Wand macht unter genauester Zeitangabe darauf aufmerksam, Unmittelbar daneben führt die Tür in das kleine Gemach, dem das ganze Haus feine Berühmtheit verdankt: hier saßen sich Napoleon und Bismarck gegenüber, um über Sedans Geschick zu unterhandeln, hier vollendete die Feder, was das Schwert zu tun Übrig gelassen. Ein Tisch, zwei Stühle — das ist das ganze Mobiliar des Zimmers, das an jeder erdenklichen Stelle über und über mit Namen bekritzelt ist, während ein Glaskästchen auf dem Tisch Erinnerungen an hervorragendere Besucher dieses Raumes birgt. Als wir auf geschichtlich denkwürdiger Straße nach Sedan zurückkehren, spiegelt sich der Mond bereits silbern in den Scheiben des historischen Schlößchens Bellevue, und gespensterhaft leuchten uns von dem nahen Soldatenfriedhof die weißen Kreuze der wohlgepflegten Gräber entgegen: „Weint nicht um mich — ich habe Deutschlands größte Zeit gesehen und durst' im Siegestaumel sterben!" --Dingeldein. NuhrlanÄ. (Dichtungen werktätiger Menschen.) Baedekers Verlagsanstalt in Essen verdanken wir eine von Otto Wohlgemuth herausgegebene Sammlung von Gedichten aus dem Ruhrlande. In herber, aber reiner und kraftvoller Stimmung spiegelt sich hier das Ringen der westfälischen Stammesgenossen. „Die Menschen, die hinter diesen Gedichten stehen," so sagt der Herausgeber, „wissen, daß sie eine herbe, wuchtig-schöne Heimat haben, an die sie gebunden find mit aller Erdhastigkeit, um Blute." Und so ist es auch: viel Schönheit wogt durch diese Rhythmen der Arbeit, des Kampfes mit Nacht und Feuer. Aus dem Charakteristischen und Wohlgelungenen dieses schön ausgestatteten Buches entnehmen wir die folgenden Gedichte: Mein Ruhrland. Die Essen rauchen, und die Räder sausen, Zum Abendhimmel lodert hell die Gicht: Erschauernd starrt in Ehrfurcht mein Gesicht, Rastlosen Werkes Odem hör' ich brausen. Eh ich's erkannte, Packt es mich mit Grausen, Als dräue Höllenlärm und Weltgericht: Doch im Erkennen wurde meine Seele licht, Von hunderttausend Orgeln hört' ich brausen Der Arbeit Lied gleich heiligem Choral: Da sang ich mit und fang das Lied der Erde, Der Erde, die mich schuf und trug — „Es toerbe!“ Das heil'ge Wort sah ich wie ein Fanal Das Land entlang allüberall geschrieben — Du heil'ges Land, dich will ich ewig lieben! Erich Schulz. Unruhige Rächt. 3m Hause, wenn alles längst ruhig schlief, Mir war, als ob es mich leise rief. Wenn mich länger nicht warten ließ seltsame Glut, Schreckt empor, mich quälte mein Blut, Dann trieb's mich mit unwiderstehlicher Macht 3n meine Bergheimat, in die Wäldernacht. - 138 - Dann stand ich dort einsam draußen und lauschte, Lind lieb mich durchfinstern und durchschcnwrn ganz. Dann spürte ich, wie mich das Grauen durchrauschte. Wie mich dunkel durchflammte der Eünentanz. Dann strömten Funken durch mein Gehirn, Und Sternenlicht kühlte die bleiche Stirn. Und über die Berge, mit bebendem Drang, Trug mich erschütternd Dewutztsem dann. Ich atmete tiefer, ich horchte bang, Urinnige Kühle hauchte mich an. Und die Kronen brandeten hin und her, Am Nachthimmel zogen Schatten schwer. Dann stand ich dort hoch auf dem Felsenturm, Weit spähte meine ringende Stimme hinaus rvna Wolkengewoge, in Nacht und Sturm, In des wilden Wühlers dunkles Gebraus: Ich erkenne dich, Notgeist, in deinein Wahn. Steig auf, Nebelvolk, ich sehe dich nahnl Euch Schleichenden kenn ich, du bliche Mar Bei den rissigen Elchen am ^lsenblock. Euch Sturmmannen nut dem Schilf rm Haar Und des Fahrers beschwörenden Bmenstvck. Mein Herz ist traurig, ich horche stut. Bis sich alles vollendet, was werden wsil- Ich höre euch sorgenden Stimmen im Bühl, Euch wissenden Weiber aus harter Seit, Ich hör' heulen das Nothorn im grauen Gewühl, Kohorten hör' ich stampfend begehren: Streit! Ueber Berge und Täler dahin, hei hodi, Braust jahrtausendgewaltige Blutmelodre. Es hebt sich im Donnern des Windes Braut, Wolkenberge ziehn, schwermütig, klamm. Es aellt in der Ferne, es würgt und graut Und murrt in der Erde, so Stamm bei Es krallt sich in die Brust mir ein uralter Beim. Stock, Stein, Gras, Grain. Und ich sehe die Zeit, wie sie war sie ist hm. Wie einst einen Notung umkrallte dre Faust. Und ich fühle, wie ich knechtisch m Ketten bin, Dab nun vor der Schmach mich innerlich graust. Stock Stein, Gras, Gram, Der Botenstock naht, Urmacht und Windsbraut geht um und die Tat! w ®'18' oto Wmut». Hungerndes Kind. Wie du in trübem Bangen, Aengstlich befangen Dort an der offenen Ture stehst — — Die schmalen, blassen Glieder Entwachsen dem verwaschenen Kleid — Mit dem lächerlich hohen Mieder Aus freudig-besonnterer Seit — Das farblose, strähnige Haar , Ueber Stirn und Gesicht: Em Gitter Den hungernden Augen, die bar Allem Glanz, doch nicht bitter Nicht bittend auf mich gerichtet find — Wortlos die blutleeren Lippen, Ein Wrack, kein reifendes Menschenkind,, Schutzlos zwischen den Klüften und Kappen Eine Blüte, die im Negen ertrank Und matt und mutlos zu Boden sank. Hungerndes Kind.. Schicksal gegeißelt bist du Klage, Gefäß stummgewaltiger Wucht. Inhalt der Not unserer Tage. Nun bist du von mir gegangen. Nein---nicht---!! Dein müdes Gesicht, Die frostblassen Wangen, Die hageren, mageren Glieder, Auf all meinen Wegen Kehren sie wieder Mir zagend, klagend entgegen. In mein Träumen und Wachen Etzeit dich der großen Not Alles verschlingender Rachen Und droht ... und droht . . . Franz Geile. Feierabend. Es wurde Abend. Als ihn dann die Bank, Umarmt von Immergrün und süßem Flieder, Zu ruhen lud, da blieb er stehn und sank Unendlich müden Leibes langsam nieder . . . Er bettete die Hände in den Schoß, Die ungefügen Finger grob gefalten. Sie waren hart von Schwielen und an alten Und neuen Narben reich und ruhten groß Und schwer, wie Garben, die voll Segen sind. Und in mir war ein wunderlich Verlangen, Durch das wir oft wie große Kinder sind. Und trieb mich., diese Hände anzusehen, Als sei ein Wunder irgendwie geschehen Und leuchtend-groß von ihnen ausgegangen. Er aber wandte sein zerfurcht Gesicht Emvor ins flammendrote Abendlicht. Und sah, wie aus dem Rauch sich ungeheuer Die grauen Häuser in die Klarheit hoben, Daß nun des Abends hellen tfachte Feuer- Das Meer der Dächer brandend überstoben. Da wußte ich, daß jedes Werk begann, Ihn stummen Mundes wundersam zu loben, Das er aus Stein und Eisen miterschuf Durch seiner Hände göttlichen Beruf. Denn alle Dinge ruhten in den Tiefen Des Tags. Nun standen sie erwacht und riefen Ihn jubelnd als den Herrn und Schöpfer an, Daß ihm zuni Preise auch die Glocken klangen, Die feierlich in allen Türmen sangen. Josef Botz. Das Kreuz. Roch, immer ragt einsam, Heimat, Dein Kreuz über das Land, Aber ich sehe Menschen, die tragen ihr zuckendes Herz in der Hand Und weinen um dich. Sunge Menschen, mit hartem Gesicht, n ihren Augen ein Weh, Und doch eine heilige Pflicht: Kreuzträger zu sein. . Sie tragen alle dein Kreuz, Heimat! Das Kreuz, . ,,, An das dich deine Feinde hvhnlachend geschlagen, Das müssen sie tragen. — Das Kreuz ist schwer und drückt ihren Rücken nieder, Ein Beben geht durch die jungen Glieder. Aber sie bleiben doch stolz und fest dabet, And aus ihrem Herzen reißt sich ein Schrei: Lieber sterben, Als mit dem Kreuz zu Boden sinken! And ihre verzweifelten Seelen trinken Aus dir, Heimat, neue Kraft. Anwändern sie durch das Land, And der heilige Brand Ihrer Augen Glüht in alle Herzen hinein . And zwingt Tausende, auch. Kreuztrager zu sein. -And wenn erst, Heimat, Dein Volk, Alle, Ohne Murren und Klagen An deinem Kreuze tragen, , Wird es erstrahlen in lichter Liebe Schein And nicht mehr Kreuz, Nur Altar sein! Kurt Kläbar. Der HackrbretLler. Bon Johannes Jegerlehner. (Schluß.) Es verdroß den Müllerjosi durchaus nicht, daß seine beiden Kameraden, der Klarinettist und der alte Geiger sich von ihm lvssagten und mit dem Italiener auf die Tanzboden zogen. Er konnte es ihnen nicht Übelnehmen: denn Mißgunst und Neid find überall zu Hause, in deii Palästen sowohl, wie in den armseligen Delplerhütten. Das ist ein Kräutlein, das auf jedem Boden umsonst gedeiht. , . „Wenn der Neid brennte im Feuer, Wär das Holz nicht so teuer," hatte schon immer sein Baier gesägt. Die zwei verlorenen Käme- raden erseht« ihni die Babette in der Dorspinte, die junge Witwe mit dem glatten schwarzen Haar und den brarmen, funkelnden Aeuglein. Seit dem Neujahr besorgte sie ihm die Wasche und ging in feinem Haus ein und aus, als ob sie.schon Frau Mulleijosi h v • Freilich, wenn sie mit süßer Miene und zappeligen Aeuglein vom Heiraten redete, sog Josi mit aller Kraft an seiner Pfer^ un hüllte sich in dicke Wolken. Er konnte nun einmal an dem schönsten und zutunlichsten Weibervolk nichts Apartes ^vausfind«, und hatte er so lange allein gehäuselt, so ging es auch für die Sukunst Aber die Babette ließ ihn nicht mehr aus der Schlinge und brachte ihn wenigstens zu der tröstlichen Verheißung, so In einem jaoi oder zwei könne man daran Lenken. Jetzt sei er noch zu weE reich, um für zwei hungrige Mäuler zu sorgen und später, wer Weitz, tote bald schon, für eine Stube voll Kinder. yfrn Frühsommer brachte die Dahn Vie ersten Fremden ins Tal. Jvsi lieh das Hackbrett noch am Ragel ruhen, bis der Verkehr zunahm und die Wagen sich füllten. An einem blauen Junitag, als zum erstenmal ein Supplementszug eingeschaltet wurde, nahm er sein neues Instrument mit den sechs Kontrabässen unter den Arm, löste ein Abonnement für den Sommer und setzte sich wieder auf seinen Lauerposten auf der Wagentreppe. Das Geschäft nahm einen so blühenden Aufschwung, daß er nach einigen Wochen, um lern Geld los zu werden, zwei Aeckerlein und em Stuck Maitland auf einen Schlag an sich brachte und beizeiten einen Mullerknecht anstellte, damit die Bauersleute dieses Jahr auch richtig bedient tm"lT®a8 Gerede von der neuen Mühle hatte ihm so empfindlich in die Vase gestochen, dah er dem frechen Geträtsch ein für allemal den Faden abschneiden wollte. . Die meisten Mächte verbrachte er unten in Stalden oder oben in Zermatt, und er geizte nicht mit seinem Gelbe, half manchem armen Zipfel mit einem silbernen Trust aus der Verlegenheit, ver- anüate sich bei Wein und Kartenspiel und verklopfte in einer Macht ost den Erlös des vorigen Tages. Um die Mühle kümmerte er sich blutwenig, der Knecht war dafür bezahlt, um »um Rechten zu sehen. Der Knecht jedoch war ein fauler Schlingel. Er lieh die Mahlgänge und die Deutel stundenlang Heer lausen und rütteln und lieferte den Kunden grobes Mehl. Dald ging das Gemunkelvon neuem los, und manch einer sagte es dem Josims Gesichtzsokönne die Sache nicht länger bestehen, entweder Muller oder Musikant, aber nicht beides zusammen. Der Präsident riet ihm, die Muhle zu verkaufen, worauf der Hackbrettler aufbrauste und ihm eine grobe Antwort ins Gesicht warf. „Gut," entgegnete der Präsident „So tue ich mich halt nach einem Platz um, auf den man eine neue ^ü^hie^ Sasesä, so Mitte August, als die Bahn den Verkehr kaum mehr bewältigen konnte, fuhr Jost gegen Zermatt hinauf, um abends in der groben Dierhalle aufzuspielen. Er hatte eben den Matterhornreigen zum besten gegeben und stimmte die sechs Kontrabässe, während die Geldstücke in seinem Hut musizierten. Plötzliche schlug durch das tiefe Gebrumm und Gesumm ein Wort an sein Ohr, schrill und schneiden-d wie der Mitztvn einer gerufenen Saite. „Bitte, wirf dem Bettler das Almosen zu.' Was hat der Fremde gesagt? Josi stutzte, hob dre Blicke und sah in das freche Gesicht eines Herrleins, dem em grüner Tiroler- Hut am Haarwirbel klebte. . t. Er der Müllerjvsi von Mühleried, ein Bettler! Er, dessen Großväter Gemeindepräsident und Grohrat gewesen war! HeUig-- kreuzdvnner! Hatte er ein einziges Mal für seme Musik einen R ippen verlangt? A bah er hat sich verhört. Bei dmn Poltern und Schüttern der Wagen kann man leicht etwas falsch verstehen. Frisch drauflos, den Lauistriber. Die Hämmerlem schlugen an und rührten die Saiten, doch jedesmal, wenn er mit demJodler ein- setzen wollte, blieb der Ton in der Kehle stecken. Als das Stuck zu Ende war, flogen abermals einige Münzen m seinen Hut. Josi achtet» sich dessen nicht, spitzte die Ohren anderswohin und bstn- SÄ M'i 3-maU ftak I» «H-M» Geklimper auf." — Das war die Stimme von vorhin. „Eine Schmach ist's, wie so eine 'Bahn das 2lclplervolk verdirbt und zudringlich macht. An jeder Station lauern die Kinder und Frauen mit Geblümel und Beeren, eine durchaus verwesliche Bettelei in etwas anderer Form als bei uns, und nun der Dudler da drauhen, na, gib ihm einen Franken, damit er schweigt. „Er hat ein lahmes Bein," nahm ihn eine andere Stimme in 6$UJ3c soll er sich im Asyl melden und die Fremden nicht belästigen mit dem Mordsspektakel. Gr ist noch ein junger Mann und könnte ganz gut arbeiten." — „Zermatt — alles aussteigen. Josi verlieb ganz verwirrt seinen Platz und taumelte wie ein Trunkener über den Bahnsteig und durch die spazierende Menge der bunt belebten Hauptstrabe. Am liebsten wäre er gleich mit dem nächsten Zug wieder heimgefahren, allein er humpel.e, von den Hoielwagen und Fußgängern halb geschoben, halb mitgerissen immer zu, den Kopf auf die Brust geknickt und an einem Gedanken gäibrlnd, der mächtig in ihm aufstieg. Musizieren will er heut abend in der Dierhalle, dab die Saiten springen und wenn sie ihm den Bettelkram zuwersen, aufstehen und den Filz samt den Geldstücken dem hochmütigen Studenten mit dem Lirolerhurchcln ins Gesicht schmeißen. Diesem frechen Herrenvolk will er zeigen, vv er ein Bettler sei! „ , ,, .. Am Abend spielte Josi in der «rohen Dierhalle, die bis auf das letzte Plätzchen besetzt war. Die flottesten Walzer und Sennen- weisen ließ er aus seinem Kasten springen. Seine Stimme hallte laut und dröhnend. Die Hämmerchen schluge-,i erbarmungslos aus die Saiten, und die sechs Kontrabässe rasselt«! b^ eine Saite nach der andern mit schrillem Tone ritz. Bohrend des Spieles scywesi- ten seine Blicke über die Tische und Kopfe und angelten stch an jedem Auerhahnhütchen fest. Das freche Studentengesicht war nirgends zu erblicken. Wohl aber sah er überall Misteidiges Lächeln und höhnische Grimassen und eine spindeldürre Engländerin, die sich sogar beide Ohren zuhielt. Donner - war er denn blind gewesen! Für einen Krüppel und Bettler hatte er diesen.^uten gegolten, weiter nichts. — Er trocknete die Stirn, räusperte sich und rutschte mit dem Stuhl. Ich hatte etwas zu sagen, will er durch das Lokal schreien. Das Almosen, das eure barmherzigen Seelen mir in den Hut geworfen haben, ich schenke es den Armen. Bettler gibt es bei uns keine, und wenn es solche gäbe, so hat sie die Dahn eingeschleppt. Er erhob sich und ritz den Mund weit auf. „Ich — ich — Donner!" Mehr als die drei heiseren Worte brachte er nicht über die Lippen. Mit einer zornigen Handbewegung kehrte er den Hut um, so datz das Kleingeld auf den Tisch klingelte und zu Boden rollte, ergriff das Instrument und humpelte eiligst zur Tür hinaus. Am andern Tag reiste er mit dem ersten Zug ab und erreichte in früher Morgenstunde seine Hütte. Im Mühlenwerk herrschte Feiertagsstille, und der Knecht, der ihn erst auf den Abend erwartete, lag noch im Aest. Aber wohl, jetzt klebten dem Josi die Worte nicht mehr auf der Zunge. Wütend fuhr er über den Faulpelz los, zahlte ihm den Lohn auf die Hand und gab ihm eins kurze Frist, um das Bündel zu schnüren. Das Hackbrett warf er mit einer Verwünschung in den Kasten, schlüpfte in die grauen Müllerkleider und trieb die Gänge an. Durch alle Rächt bis in den Morgendämmer hinein schaffte er ruhelos in der Mühle. Jetzt galt es, mit frischer Kraft einzuliegen und Versäumtes nachzuhvlen. Rach dem Frühstück begab er sich zum Präsidenten und überzeugte ihn, datz eine zweite Mühle durchaus überflüssig sei. „Entweder Müller oder Hackbrettler," fuhr ihn der Präsident an, „aber beides zusammen geht nicht." „Müller — Donner," entschied Josi und ging grüßend von dannen. In die vermaledeite Bahn wird er nie mehr einen Futz setzen das ist sicher. Roch im Verlaufe des Herbstes verkaufte er die beiden Aecker und die Matte wieder und stellte seine Mühle durch einige Verbesserungen in guten Stand. Die Babette, die ihn nur noch selten zu Gesicht bekam, war von seiner Wandlung anfänglich sehr betrübt, doch ein Dahnangestellter, der- schön tat und sie bei jedem neuen Schoppen zärtstcy in die Backen kniff, schwellte ihr das Herz mit schönen Hoffnungen so datz sie ohne Bedenken ihre lang verhaltene heiße Witwenlieb« auf 'den neuen Liebhaber übertrug. c _ .. Eine Woche vor dem ersten großen Tanzsvnntag satz Josi auf dem Wasserläublein und staunte den braunen Ruhbaumblattern nach, die in die Schlucht rieselten und alsbald von den Wirbeln verschlungen wurden. Die Hetze und Hast des Fremdenge.riebes und das unstete Leben auf der Dahn und in den Gastyofen hatte wieder dem geruhigen Alltag eines Kleinmüllers Platz gemacht, und in dem Staub der Mühle fand er sich in sein altes, beschau- - liches Dasein zurück. Wie er so zufrieden die Deine kreuzte kne Pfeife stopfte und ein Hirtenliedchen summte, ging üte Laublrtur auf, und der Klarinettist und der alte Geiger erschienen mit ihren Instrumenten. „ . «, „Rächst en Sonntag ist Tanz," rief der Klarinettist, „und da sollten wir spielen." Josi, der sofort erriet, was die beiden her- führte, machte zum Schein ein mürrisches Gesicht und senkte ferne Blicke'in die Wasserschlucht. So spielt halt," brummte er, „ihr habt ja den 3tahener. Wir drei sollten wieder zusammenspannen versehje der alte Geiger herzlich. „Wir sind aufeinander eingeubt, und Mit dem Hackbrett, wenn es so gefpielt wird, wie du es kannst, km tont s halt höllisch fein. Ziehharmonika ist nur Kurderspektakel Lmgegen Das Hackbrett, ich sag grad, wo mich der Schuh druckt, es hat uns langend $.g unj> stimm' das Instrument/' sagte der Klarinettler. „Wir wollen grad einen aufmachen, zu unserem Gr- SOt5 der tanzenden Rutz- blätter einen Saal mit wiegendem Volke zu Fußen hatten. Aus dem Tanzbodenprogramm wurde ein Stück nach dem andernher- untergespielt, der Wildbachwalzer und oer Lauistüber. der Sand- bödeler und der Oberschleher, und in das wiWe Gedudel und Gerassel rauschte und gurgelte das Wasser und füllte die Schlucht mit seinem urweltlichen Brummbaß. „ „ <___ Als sie müde waren, holte Josi eine volle Kanne aus dem Keller herauf, goß den herben Dergwesii in die Maser und stieß mit den Kameraden auf alte und neue Freundschaft an '"setzt ist mir wieder Wohl, wie lange nicht mehr, rief er. „Das ist, weil ich die verfluchte Bahn nicht mehr unter den Füßen Geld hast ja währli schön verdient dabei," stichelte der Klarinettist und machte ganz grüne Augen. „Aber ob die Fremden deine Musik verstanden haben wie unsereiner, das Ware nvcy zu ergrün» den Wir Musikanten haben halt doch ganz andere Ohren. Hier herum sagt dir freilich keiner .prachtvollst aber federWt feine Freude daran, wenn er's auch nicht zeigt und mit Geld bezahlt o Sie ja" versetzte Josi mit dem vollen Glas in der Hand. So "eine Musik wie die Mühlerieder besteht auf der ganzen Wett nur eine — ich meine natürlich da, wo es weder Eisenbahnen noch Fremde gibt, Lind das Geld — hol der Tixel die Bahn samt dem Hut und den Bettelnrünzen. Richt die vielen Aecker und Wiesen machen glücklich, nur einer allein, mit dem man zufriede» Schriftleitung: August Goetz. - Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch. und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. lichkeit begraben, und Fastmann hielt dem unglücklichen Freiherrn Kammerherrn, Geheimen Finanzvat und Akademiepräsidenten, der doch im Grunde nur ein Hofnarr gewesen war, die Leichenrede. Im Reich der FrKZZ. HoAe. Hoch über das hessische Gebirge, das Fulda und Werra um» schreiben, bevor sie durch die Münden« Fusion imsren einzig rein deutschen Strom bilden, die schimmernde Weser, reckt sich der machtvolle grüne Wall des M e i st n e r. Nur die Wandervögel, die in einiger Entfernung ihre Burg ausbauen, den Ludwigstein' wissen mehr von diesem König der hessischen Berge, als gemeinhin im weiten Vaterland bekannt ist. So ist hier noch jungfräulicher Boden. Aoch hat keine Fremdenindustrie den Mächtigen gefesselt. Der wunderbarste Friede ruht auf den grünen Almen mit violetten Glockenblumen und goldherzig schimmernden weihen Margareten. -Uralter Ahorn, knorrige Eichen und schlanke Fichten wurzeln im Basaltwirrwarr seiner Höhe. Riesige Halden gehen von der fast 4 Kilometer langen Hochfläche des bis zu 750 Meter aufragenden Mittlers zwischen Brocken und Insetberg abwärts. Steinerne Meere, blauschwarz erstarrte Wogen und durch felsige Klammen rauschten noch vor wenigen Jahrzehnten, bevor die Förster der kahlen Höhe einen Fichtenkranz aufsetzten, idyllische Wasserfälle. Geheimnisvoltes Rauschen geht um den Berg und erzählt Legenden aus längst vergangener Zeit. Hier war es, wo Frau Holle hauste, die Holde, die Gute, die Beschirmerin der Feldbau«, die, wie die Hertha von Rügen aus auf weißem Kuhgespann über Land fuhr, die Fluren segnend und den Flachs am Rocken. Aus dem verträumten Hollenteich in einer grünen Erosionsschlucht, schenkte sie der Menschheit die kleinen Kinder. Wohl den braven Mägden, die treu und fleißig, wehe den faulen . . . Wer kennt nicht das schönste der Grimmschen Märchen, die Mär von der Goldmarie und der Pechmarie? Hier ist die Heimat der Frau Holle, von hier aus wurde dies traute Märchen den Brüdern Grimm, die in Kassel Bibliothekare waren, der Rachwelt erhalten. Ein Wunderschloß war ihr eigen. Es zerfiel, als das Kreuz in die Germarmark drang. Seitdem hat mancher Meißneranwohner schon die holdselige Frau am „Weinebusch" gesehen. trauernd und Zähren vergießend. Dort, wo der Berg am schroffsten abfüllt, sind riesige 'Basaltquadern übereinander getürmt. Mächtige Blöcke, zerborsten, bemoost. Das sind die Trümmer des Holleschlvsses. Wieder standen wir inmitten froher Wanderer hier oben und der Blick ging herab auf romantische Taler, auf die Berge an der Werra und weiter bis zum Harz, zum Eichsfeld und zum Thüringer Wald. Des Bilsteins und des Hausteins Ruinen grasten herüber, die Rotbartfeste Boyneburg, und fern, verblauend, die stolze Wartburg, der Hörselberg, in dem Frau Fen wohnte, am nächsten der Frau Holle verwandt . . . lieber da» Weiberhemd rind d.rs Brautbett, zwei blumige Wiesen, wandern wir zur . . . Stint- wand! Da brodeln ekle Gase aus ineinander geborstnen Säulenbasalten. Ein wuchtiger Seitenkrater hat sich hier gebildet.Schwefelund Salpetersäure legt sich auf die Lungen. Hier, so will's die Sage, sperrte Frau Holle die Pechmarie ein, die faulen, unnützen Mägde. Wir wissen's besser. Seit Jahrhunderten brennt es int Innern des Berges. Die salpeterhaltige Braunkohle wurde durch den frischen Sauerstoff, den uralte Bergmannsstollen in den Berg leiteten, zum Entzünden gebracht. Letztmalig gab es in diesem Wonnemond einen Einsturz der Stinkwand. Da dröhnte der Berg, als fei fein letztes Stündchen gekommen. Und weiter schreiten wir zum einsamen Stollen, sauber ausgeräumt, doch längst dem Betrieb entzogen . . . Rur helles Berg- wasser sprudelt hervor und ergießt sich in die Tiefe. Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts schürften hier die Bergleute des hessischen Landgrafen nach der Braunkohle. Sie fanden auch Glanzkohle, die der Steinkohle ähnelte. Der Fleiß lohnte sich und das schwarze Gold, das hier gefördert wurde, wandelte sich in der Hand der ebenso wirtschaftlich tüchtigen wie kunstsinnigen Hessenfürsten zu Museen und Schlössern und dem ragenden Wunderbmi des Wilhelmshöher Herkules. Erst, als im letzten Jahrhundert die Ruhrkohle billiger wurde, stellte man daS Bohren ein. Die Zeit, da in diesen Stollen die Gvldmanie heimisch war, hatte ein Ende. Jetzt aber wird am Nordrande des Berges wieder nach der Braunkohle geschürft, nach der Retterin aus unseren Kohlennöten. Rur die Glanzkohle ist noch von der Frau Holle bewacht. Bisher ist sie nicht gefunden worden. Die preußische Regierung hat sich des Sagenberges, angenommen. Rur an seinem Rvrdrand qualmen die Essen, sonst weht der Berghauch würzig und rein. Rach Süden und Westen und vor allem nach der Werra zu ist der Meißner als Naturdenkmal geschützt. Da standen wir oft, leise erschauernd, am mächtigen Altar- ftein, der unter amphiteatralisch aufsteigenden Felsen erhalten ist, angesichts der letzten Steinwälle einer Felsburg mit uralter Ge- richtsstätte und träumten von Frau Holle, zu der die Vorderen gläubig emporkamen und Blumen und Früchte niederlegten. Ein jeder Basaltblvck ist hier eine Rune, die Kunde von dem übermittelt, was einst gewesen, bis der Römer als Eroberer eindrang, drangsalierend und aufpeitschend, zu den furchtbarsten Befreiungs- kämpfen, die nächst dem Teutobu rgerivald auch hier tobten. ist. Das hat schon mein Dater immer gesagt, und der hat's wissen können. Zur Gesundheit — ihr!" AkademieprWdsnt und Hofnarr. (Zum 250. Geburtstage von Gundlings.) Wohl niemals sonst ist mit der Würde der Wissenschaft ein solcher Hohn getrieben worden als in den Jahren, da der Vorleser und eigentliche „Hofnarr" des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. zugleich auf dem Präsidentenstuhl der Berliner Akademie der Wissen,schäften saß. Die grausamen und burlesken Späße, die der König bei den Sitzungen des Tabakskollegiums mit seinem „lustigen Rat" trieb, sind ja bekannt. Wichtiger aber ist, die Persönlichkeit des unglücklichen Mannes zu ergründen, der zur Zielscheibe dieser Willkür wurde, und dazu bietet der 250. Geburtstag von Jacob Paul Gundling den Anlaß. Er war am 29. August 1673 als Sohn eines Pfarrers im Gebiet der Reichsstadt Nürnberg geboren, kam durch Dankelmann nach Berlin und war zuerst Professor an der Ritter-Akademie und Historiograph des Heroldsamtes. Er arbeitete hier aufs fleißigste und besaß, unterstützt durch ein vorzügliches Gedächtnis, umfassende Kenntnisse in Geschichte, Geographie und den verwandten Wissenschaften. Als Friedrich Wilhelm I. nach seinem Regierungsantritt das Heroldsamt und die Ritter- Akademie aufhob, wurde Gundling brotlos, und das wurde dem schwachen Manne zum Verhängnis, der nun dem Wirtshausleben, dem Hang zum Trinken verfiel, und die Stammgäste durch seine witzig vorgebrachten Kenntnisse unterhielt. Dieses Talent, das ihn in Berlin bekannt machte, führte den König dazu, ihn zu seinem Vorleser und Hofrat zu ernennen, der im Tabakskollegium auf einer besonders für ihn gebauten Kanzel die Zeitungen vortragen und erklären sollte. Das war eine durchaus nicht unbedeutende Stellung, und der wichtige Mann erhielt bald vom russischen Hof eine Gnadenkette, worauf ihm der österreichische sogar eine mit Diamanten besetzte Medaille verlieh. Gundling wurde dem König bald unentbehrlich, aber nicht nur als Mann von guten Kenntnissen, dessen Urteil viel galt, sondern auch als Spaßmacher und Hofnarr, mit dem bei dem derben Ton am preußischen Hofe die gröbsten Späße getrieben wurden. Gundling erhielt die bereits abgeschaffte Würde des Oberzeremoniemneisters, dazu einen prächtigen, rotsamtenen Anzug mit großer Staats- verücke, strohgelben Beinkleidern, rotseidenen Strümpfen und einen Riesenhut mit weißen Straußenfedern. Neben allen anderen hochtönenden Titeln und Aemtern erhielt er auch den Posten als Präsident der Akademie der Wissenschaften und wurde in den Freiherrnstand erhoben. Nach den ersten Jahren dieses „glänzenden Elends" floh er nach Halle zu seinem Bruder, dem berühmten Professor Nicolaus Hieronymus Gundling, wurde aber mit Gewalt wieder zurück- gebracht. Don nun an sank er immer tiefer und wurde dementsprechend immer roher behandelt. Geiger in seiner Geschichte des Berliner geistigen Lebens und Harnack in seiner Geschichte der Akademie haben eine Art Ehrenrettung Gundlings unternommen, indem sie seine vorher völlig vergessene wissenschaftliche Bedeutung heroorhoben. Gundling hat als Historiker und Statistiker neue Wege beschritten: er war einer der ersten, der nach dem Vorgang Putendorfs die Bedeutung der Urkunde als Grundlage der'Geschichtsschreibung voll würdigte. Seine geographisch-statistischen Zusammenstellungen haben großen Wert und zeigten ein praktisches Urteil, so daß es durchaus gerechtfertigt und angebracht war, wenn der König ihm in verschiedenen Landes-Kollegien Sih und Stimme verlieh und auf feinen national-ökonomischen Rat viel gab. Aber dieser bedeutende Mann wurde mit unwürdigen Mitteln und in grausamer Weise zugrunde gerichtet, und es ist ein jammervolles Schauspiel, seine Verhöhnung, die eine Verhöhnung der Gelehrten Überhaupt war, zu verfolgen. „Wäre er nicht ein moralischer Schwächling gewesen," sagt Harnack, „seine Kenntnisse und fein gesundes Urteil hätten ihn zur Stellung als Präsident der Sozietät wohl befähigt." So aber sank er zum Hanswurst herab. Da er sich leicht betrunken machen ließ, so war er den Späßen des Königs und seiner Offiziere willenlos ausgeliefert. Man heftete ihm nicht nur allerlei Esel und Ochsen an sein Staatskleid, sondern setzte einen ganz so gekleideten Affen neben ihn, den er als seinen „natürlichen Sohn" umarmen mutzte, legte ihm einen jungen Bären ins Bett, der ihn beinahe totgedrückt hätte, ließ ihn in dem fest zugefrorenen Schlotzgraben von Wusterhausen ein gefährliches Bad nehmen; ließ er sich in einer Sänfte tragen, so fiel der Boden plötzlich herunter und er mußte mit den immer schneller laufenden Trägern mühsam Schritt haltest? Man beschoß ihn in seiner Studierstube mit Raketen und Schwärmern, ließ die Tür zu seinem Zimmer zu- mauern, so daß der Betrunkene die ganze Nacht danach suchte. Am schlimmsten für ihn waren die Kämpfe mit dem elenden Faß- mann, seinem Nachfolger, der ihn in der gemeinen Satire „Der gelehrte Narr" verhöhnte. Es kam im Tabakskollegium zwischen den beiden Gelehrten zu Faustiänrpfen, bei denen der gewandtere! Faßmann den schwerfälligen Gundling furchtbar verbläute, ja zu einem Duell, in dem Fatzmanns mit Pulver geladene Pistole die Perücke Gundlings in Brand steckte. Als er 1731 starb, ließ ihn der König in einem mächtigen Weinfaß trotz Einspruchs der Geist