Samstag, SV. Dezemder 1922 — Nr, Z2 p|i Mjhijn nthfe y»g#z MLL« SS Neujahr 1923. Von Johannes Heinrich V r a s ch -- Duisburg (Nachdruck verboten.) Jahr, aus Ewigkeit geboren, Jahr, erkoren, Zeit zu werden, Anglück, Glück, Jahr, berufen, Wahn und Willen zu erfüllen, Jahr, entboten, zu begraben, zu verdammen, zu erheben, zu entflammen, rätselgleiches, runenreiches Jahr vor une: Aller Völker ärmstes Volk find wrr, aller Länder ärmstes Land find Win Würfle darum deines Schoßes Lose, daß sie freundlich für uns fallen, daß wir aus dem Schritteschallen deiner Tage Mut gewinnen, Tat ersinnen, Last wir aus dem Steigen, Sticken Deiner Richterwage Kräfte trinken, Dab wir Nöte meistern, Nöte zwingen und ertrotzten neuen Auftrieb erntevoll zur Reife bringen Das Gerippe. Groteske von Manfred Khber*). Es war gegen Mitternacht, als es an die Tür meines Arbeitszimmers klopfte. Es klopfte knöchern, also konnte es nicht mein« Wirtschafterin fern, denn diese wiegt annähernd dreihundert Pfund und ihre fetten Finger federn tote Gummireifen eines Automobils. Gs klopfte nochmals, energischer und noch knöcherner. Die Tür wurde geöffnet und herem trat ein komplettes Gerippe mit Stundenglas und Senfe. Gas Gerippe zeigte fein sozusagen dauerndes Grinsen in wenig anheimelnder Weise und sagte, ohne mich irgendwie zu begrüben: „Fort mußt du, deine Ahr ist abgelaufen." „Es ist talentlos von Ihnen, dab Sie einem Theaterkritik«! gegenüber Schiller zitieren," sagte äch, „oder wollen Sie Ihre Begabung für Vortragskunfl von mir prüfen lassen? Dann mub ich Ihnen gleich von vornherein sagen, dab Sie nicht zur Bühne gehen können. Ihr Organ mag noch so schön sein und Sie können Talent in feder Rippe haben, aber Ihr Aeußeres ist für das Theater nich! mehr ganz geeignet. Sie werden selbst zugeben müssen daß Ihre Jugendlichkeit gelitten bat." „Du muht sterben," sagte .das Gerippe und schwang seine Sense. „Bitte stellen Sie die Sense in die Ecke," sagte ich „es ist *) Wer mehr solcher famosen Schnurren lesen wM, die einem em herzhaftes Lachen bereiten, der greife nach dem Bändchen ^Grotes^n" von Manfred Khber (Walter Seiferts Verlag. unschicklich mit landwirtschaftlichen Geräten solcher Gröbe in ei» Arbeitszimmer zu kommen." Das Gerippe vergröberte erstaunt seine Augenhöhlen, (teilte aber sein landwirtschaftliches Symbol an die Wand. „Nun nehmen Sie Platz," sagte ich freundlich, „was verschafft mir die Freude Öhres Besuches?" Das Gerippe setzte sich klappernd in einen Sessel. „Deine Ahr ist abgelaufen," sagt« es und sah mich ärgerlich an. „Sie haben eine etwas stereotype Art, sich zu unterhalten" sagte ich, „aber meine Ahr ist nicht abgelaufen, ich habe sie eben aufgezogen." Das Gerippe stellte sein Stundenglas aus &cn Tisch und wies mit einem nicht sehr sauberen Kncchenfinger darauf hin. „Ich richte mich nach meiner Ahr, nicht nach Ihrer," sagt« ich, „übrigens ist das eine Eieruhr, und zwar aus dem Waren» Haufe Vielfach und Vergeblich. Offenbar eine gute Konstruktion. Wie lange rechnen Sie auf weiche Eier?" „Du muht sterben!" sagte das Gerippe. „And auf harte?" fragte ich. Das Gerippe machte drohende Bewegungen, wackelte mit dem Schädel, klapperte mit den Rippen und ruderte mit den Armen, „Kokettieren Sie doch nicht so mit Ihren Knochen," sagte ich, „wenn Sie schon so kokett sind, so pflegen Sie wenigstens Ihre Gebeine, putzen Sie sie mal ordentlich mit Zahnpulver und reiben Sie mit einem weichen Lederlappen nach. Oder frieren Sie? Dann setzen Sie sich bitte (näher an den Ofen. Diese Nebengeräusche Ihrer Gltedmaben stören mich in der Anterhaltung. Ich habe schon genug zu tun, um mich an Ihr Dauergrinsen zu gewöhnen." „Ich bin der Tod," sagte das Gerippe, hörte aber auf zu klappern und setzte sich näher an den Ofen. Kein Wunder, denn die sehr vernachlässigten Knochen waren stark durchfeuchtet, es konnte einen schon beim Anblick rheumatisch stimmen. „Ich möchte Sie bitten, keine Witze zu machen," sagte ich, „Sie sind nichts lveiter tatö ein Gerippe, das renommiert, ein Klapperknochen, der mit Eieruhr und landwirtschaftlichen Geräten nachts spazieren geht, um Eindruck zu schinden. Ich finde das nicht zartfühlend von Ihnen. Sehen Sie, ich wollte jetzt schlafen gehen und Sie kommen und stören mir die Saune, indem Sie sagen, daß meine Ahr, die ich eben aufgezogen habe, slehengeblieben ist. Das ist nicht nett von Ihnen." Das Gerippe wies mit einer stummen, etwas verlegenen Gebärde auf das Stundenglas auf meinem Tisch. „Hören Sie jetzt auf mit Ihrer Eieruhr. Sie ist natürlich abgelaufen, sowohl für weiche als für hart« (Sier Das sehe ich selbst. Ich will sie Ihnen mich gerne abkaufen, wenn Ihnen damit gedient ist. Demi es tut mir leid, daß Sie so derangiert aussehen." „Ich bin in der Tat nicht wohl," sagte das Gerippe. „Das ist recht, &aB Sie nun vernünftig werden. Ich würde Ihnen gerne eine Zigarette anbieten, aber es hat wohl keinen Zweck, da Ihnen der Rauch doch gleich wieder zu den Augen herauskommt, was ich mir wenig genußreich denke. And schlucken können Sie den Rauch erst recht nicht, weil Sie unterwärts von so großer Luftdurchlässigkeit find. Sonst hat ja solch ein poröser Leib seine großen Vorteile, man kann immer nachsehen, wenn etwas nicht in Ordnung ist." „Ich glaube doch, daß mir eine Zigarette gut tun würde," tagte das Gerippe, „außerdem konserviert es meine Knochen." Das Gerippe begann zu rauchen und ließ den Rauch durch W Augenhöhlen abzieheu. »Das Rauchen wird Ihnen gar nichts nützen, wenn Sie keine rationelle Knochenpflege treiben," sagte sich, „es sieht übrigens schick aus, wenn Sie so aus den Augen heraus rauchen." „Meine Knochen haben in ihrer Festigkeit sehr nachgelassen,' sagte das Gerippe, „schon bei meinen letzten Besuchen als Tod, wo ich noch, ich darf wohl sagen, starken Erfolg hatte und sensationelle Wirkungen erzielte, bemerkte ich, daß sie beim Klappern einen weicheren Ton gaben." „ „Ich sagte Ihnen schon, dah es nicht anständig ist, Leute, die ihr Gerippe noch in sich tragen, gruselig zu machen mit Ihrer Eieruhr und Ihrem Mähapparat. Ihr rein kollegiales Gefühl vor dem Gerippe im anderen, das auch mal solch eine unselbstandigs Existenz führen wird, wie Sie, sollte Sie davon zuruckhalten. -Jot übrigen empfahl ich Ihnen bereits gutes Zahnpulver und will Ihnen gerne eine Schachtel davon mitgeben." . »Ich habe zu viel Feuchtigkeit in mir," sagte das Gerippe, „und ich kann durchaus keine Rässe mehr vertragen. Darum bin ich eigentlich damit beschäftigt, mir einen neuen Berits zu suchen, der mir eine gröbere Trockenheit gewährleistet." „Ich fürchte sehr, dah Ihnen auch dort Ihre Aeuherlichkeit hinderlich sein wird," meinte ich. „Wie wäre es mit einem Panoptikum? Das ist so ziemlich die einzige Detätigungsmöglichkeit für ein Gerippe, das seinen Beruf, sich selbst aufzulösen, versäumt hat." „Das würde mir zu sehr auf die Knochen gehen, wenn ich immer herumstehen mutzte," sagte das Gerippe. „Auf die Knochen wird Ihnen alles gehen, mein Lieber, meinte ich, „das liegt einmal an Ihrer derzeitigen Beschaffenheit. Au, etwas anderes als auf die Knochen geht es bei Ihnen nicht mehr." . ' „Ich habe mich an eine gewisse Eindrucksmöglichkeit meiner Person gewöhnt," sagte das Gerippe und bewegte seine Knochen in selbstgefälliger *I&eif<> „wie ich schon erwähnte, habe ich mit meiner Darstellung des Todes, besonders mit dem Aufstellen meines Stundenglases, des öfteren eine starke, ich darf wohl sagen, sensationelle Wirkung erzielt. Wenn ich auch aus die Dauer diese nächtliche Tätigkeit nicht gut vertrage, möchte ich doch gerne einen ähnlichen Beruf finden." „Ich will Ihnen etwas sagen," meinte ich hilfreich, „wenn. Sie schon in so talentvoller Art mit der Eieruhr umgehen können — wie wäre es, wenn ich Sie an das Warenhaus Vielfach und Vergeblich empfehlen würde? Sie könnten da in der Abteilung für Küchengeräte am Tisch der Eieruhren eine famose Reklame- sigur abgeben. Sie haben es trocken und angenehm und werden sicher allgemein bewundert werden." Das Gerippe sprang auf und drückte mir mit den Knochenfingern beide Hände, die ich nach innigem Gegendruck sorgfältig desinfizierte. Morgens putzte ich das Gerippe mit Zahnpulver, zog ihm einen hübschen Anzug und Lackschuhe an und schickte es mit einer Ernpfehlung an Vielfach und Vergeblich. Vielfach und Vergeblich machten ein ungeheures Geschäft in Eieruhren. Alles wollte den neuen Automaten sehen, der im eleganten Anzug mit einem Totenkopf ein« Eieruhr in der Hand hielt und abwechselnd sagte: nach dreieinhalb Minuten „deine Ähr ist abgelaufen — weiches Ei" und nach zehn Minuten „deine Ähr ist abgelaufen — hartes Ei." Rach einigen Wochen ging ich auf der Stratze spazieren und ein vornehmes Auto suhr an mir vorbei. Darin sah das Gerippe hn gestreikten Tennisanzug, einen Strohhut auf dem Schädel und rauchte eine dicke Zigarre aus den Augen heraus. Mich sah es überhaupt nicht mehr an. Die Menschheit ist eben undankbar bis in die Knochen, Die ältesten Vorfahren der Neujahrskarte. Reujahrskarten find trotz des teuren Portos ein Brauch, der auch in diesem Jahre viel geübt wird, denn die Ditte, sich zum Jahreswechsel Glück zu wünschen, wurzelt nun einmal tief im Mcitschenherzen, das mit hoffenden und bangenden Gedanken in dte Zukunft blickt und für Freunde und Verwandte von den höheren Mächten Glück erbittet. Der mündliche Glückwunsch zu Reujahr wurde bereits in sehr frühen Zeiten durch einen schriftlichen Ausdruck dieser Gratulation gleichsam bekräftigt und beurkundet. In der neueren Zeit lassen sich diese schriftlichen Reujahrsglückwünsche erst dann seststellcn, als Kupferstich und Holzschnitt eine Vervielfältigung dieser Blätter gestatteten und dadurch eher für die Erhaltung gesorgt wurde. Als erste Veujahrskarte bezeichnet man einen 1466 datierten Kupferstich des Meisters E. ©., auf dem ein Christkind mit einem zierlichen Spruchband und der Inschrift „Ein goud selig Jahr" dargestellt ist. Die Sitte der Glückwünsche zum neuen Jahr, die aus schriftlichem Wege dargebracht wurden, war aber auch schon im Altertum üblich, und man legte auf die Ausstattung dieser Beglückwünschung grohen Wert, weil sie durch ihre künstlerische Ausführung und durch sinnvollen Schmuck den Wert eines Geschenkes erhielt. Schon im Lande der Pharaonen begegnen wir diesen ältesten Vorläufern unserer Reujahrskarte. Die alten Aegypter beschenkten sich beim Jahreswechsel mit Gegenständen, au, denen ihre Glückwünsche in Hieroglyphenschrift ausgeschrieben standen. Derartige Reujahrskarten hat man in den altägyptischen Gräbern aufgefünden. So zeigt z. B. ein solches Reujahrsgeschenk, ein blauglasiertes Fläschchen, das Bild einer Blume und darauf fleht geschrieben: „Die Blume erschlicht sich, und siehe dar, ein anderes Jahr.". Auf Skarabäen, die wohl ebenfalls als Reujahrsgeschenk benutzt wurden, liest man den Spruch: „Allen Glück." Die Aegypter machten also zu Reujahr schon kleine Geschenke, die sinnvoll ausgeschmückt waren und schriftliche Reujahrswünsche enthielten. Die Bewohner des Rillandes stehen daher in dieser jtoie in mancher anderen Beziehung unferm Brauch näher als die Griechen, bei denen keine Reujahrsglückwünsche üblich gewesen zu sein scheinen. Wenigstens hat der jüngste und eingehendste Darsteller der Glückwunschkarten, Walter von Zur Westen, in seinem schönen Werk „Vom Kunstgewand der Höflichkeit" den Griechen den Brauch der Reujahrsglückwünsche abgesprochen. Die Reujahrsgeschenke und -glückwünsche der alten Aegypter sind erst in unseren Tagen aus dem vieltausendjährigen Schlummer der Gräberwelt wiederausgetaucht, und diese ältesten Ahnen sind daher keine unmittelbaren Vorläufer unserer Reujahrsbräuche. Dagegen haben wir die Reujahrswünsche zweifellos von den Römern übernommen, bei denen der Jahresanfang sehr ausgiebig gefeiert wurde. Die Kalenden des Januar waren im alten Rom ein Tag allgemeiner Besuche und Beglückwünschungen. Die Klienten versammelten sich im Hause des Patrons, um ihm ihre guten Wünsche darzubringen: Freunde und Bekannte suchten sich gegenseitig auf: in der Kaiserzeit strömten die hohen Beamten und anderes Volk nach dem prächtig geschmückten Palast des Herrschers, der an diesem Tage einen grohen Empfang veranstaltete. Man kam aber nicht mit leeren Händen zum Reujahrsbesuch. Man brachte reiche Geschenke mit und nahm Gegengaben in Empfang. In den älteren Zeiten, da noch republikanische Einfachheit herrschte, beschränkte man sich auf Ziveige des Lorbeers oder Oelbaumes, die in dem heiligen Hain der Strelia, der Göttin der Gesundheit, gebrochen wurden. Wahrscheinlich rührt daher die Bezeichnung der Reujahrsgeschenke als „Strenae". Die Kaiser erwiderten alle Geschenke, die ihnen gespendet wurden; Tiberius gab zu Anfang seiner Regierung jedem eigenhändig eine Gabe im vierfachen Wert derjenigen, die er von dem Betreffenden empfangen hatte. Als aber die Schar der Gratulanten sich nicht auf den 1. Januar beschränkte, sondern Reujahrsbesuche den ganzen Januar hindurch kamen, verlieh er zu Reujahr die Stadt und gab überhaupt nichts mehr, linier Caligula wurde dann der Brauch der Reujahrsgeschenke an den Kaiser wieder aufgenvmmen, aber er schenkte nichts mehr wieder und suchte auf diese Weise seinen Schatz zu füllen. Die Aeu- jahrsgeschenke der alten Römer enthielten nun mannigfachen Schmuck der sich auf den Reujahrstag bezog, glückbringende Symbole und Zeichen und natürlich auch Sprüche, in denen die Glückwünsche ausgedrückt wurden. Auf zahlreichen Gegenständen des Alltags, wie auf Lampen, Schalen usw., sind solche Reujahrs- wünsche angebracht, und in ihnen haben wir die Vorfahren unserer Reujahrskarten zu erblickend Aus Moltkes Erinnerungen. Die „Erinnerungen — Briefe — Dokumente 1877—1916“ des Generalobersten Helmukh von Moltke, die von seiner Gattin Cliza von Moltke im Verlag „Der kommende Tag" zu Stuttgart herausgegeben worden sind, umfassen nebett den so überaus wichtigen politischen und militärischen Mitteilungen, die den Vorwurf der deutschen Kriegsschuld entkräften und über die ersten Phasen kies Weltkrieges neues Licht verbreiten, auch einen reichen Menschlichen und geschichtlichen Inhalt in den Briefen des langjährigen Generalflabschefs, die die Entwicklung Deutschlands von der Glanzzeit nach dem Krieg von 1870 bis zu ihrem Ende im Weltkrieg begleiten. Moltke erweist sich in diesen Schreiben an seine Braut und Frau als ein vortrefflicher Beobachter und lebendiger Schilderet:, der über geradezu dichterische Kraft und Anschaulichkeit verfügt: er zeigt sich als feiner Denker voll innerlichen Erlebens, als hochgebildeter und vornehmer Charakter. Richt umsonst war er der Lieblingsnesfe des „groben Schweigers", und als persönlicher Adjutant des Generalfeldmarschalls hat er diesem näher gestanden als irgendein anderer. Er begleitete den alten Schlachtenlenker auf seinen Reisen und überliefert uns eine Fülle intimer Charakterzüge von „Onkel Helmuth", der so recht in seiner Eigenwilligkeit, Bescheidenheit und überlegenen Klugheit hervortritt. Als Flügeladjutant und Vertrauter Wilhelms II. hat Moltke dann am Hose eine wichtige Rolle gespielt und wurde besonders mit Missionen nach Ruhland betraut. Von dem Leben und den Festen am Zarenhvfe, von Bärenjagden und altrussischem Treiben entwirft er prächtige Bilder. Zu den ergreifendsten Stellen des Buches gehört der Brief über den Tod Kaiser Friedrichs HI. Es war ihm vergönnt, sowohl den alten Kaiser wie Kaiser Friedrich im Sargs zu sehen. „Wie verschieden aber war der Eindruck," schreibt er. „Damals Friede und Ruhe, der Abschluh eines Lebens, das sich ausgelebt hat und still verrinnt, hier die Spuren eines schrecklichen Leidens, das mitten aus feiner vollsten Kraft heraus einen Mann dahingerafft, der von der Ratur bestimmt schien, noch lange zu wirken. Riemals würde ich diese eingefallenen Züge als die des Mannes wiedererkannt haben, den ich zuletzt in blühender Kraft und Gesundheit gesehen hatte. Die Rase ganz scharf hervor- 2M tretend, die Augenhöhlen tief eingesunken, die Backenknochen vor» springend. Ilm den Mund deutlich, trotz des Bartes erkennbar, zwischen den zusammengezogenen Augenbrauen ein Zug tiefsten Wehes, namenlosen Schmerzes. Etwas ganz Fremdes in dem gelblich-blassen, abgemagerten Gesicht, aus dem der Schnurrbart fast struppig hervorstand. Aus der ganzen Erscheinung sprach unheimlich, fast teuflisch triumphierend der Dämon der grausigen Krankheit. .... Cs war, als ob dieser die sich sträubende menschliche Kraft unter die Füße getreten habe, bis sie aufstöhnend zerbrach, jammervoll, herzzerreißend. Die großen starken Hände bis auf die Knochen abgemagert, fast durchsichtig blaß, über der Brust gekreuzt, hielten seinen schweren Kürassierpallasch, der lang und blank über Las Bett hinlag. Es sah aus, als ob er sein eigenes Richtschwert an die Brust drücke..." Moltke war auch Zeuge des Besuches Bismarcks beim Kaisernachder Entlassung im Januar 1894. Er schildert die Aufregung des Kaisers und das Hereintreten des Fürsten: „Die mächtige Figur des Altkanzlers schien ungebrochen, gerade, aufrecht, der runde Kops mit den gewaltigen, von dichten Brauen überbuschten.Augen war von blasser Farbe... Er hatte den dunklen Waffenrock der Kürassiere an, lange Beinkleider und knöpfte ruhig an seinen Handschuhen herum, seine Hände zitterten ein wenig, und er war augenscheinlich gespannt und aufgeregt. Die Flügeltüren wurden geöffnet, und er trat über die Schwelle. Der Kaiser, welcher mitten im. Zimmer stand, trat ihm rasch mit ausgestreckter Hand entgegen, die der Fürst, sich tief verneigend, mit beiden Händen ergriff. Da beugte der Kaiser sich vor und küßte ihn auf beide Wangen." Gemütlicher ging es bei dem Desuchdes Kai - sers in Friedrichsruh zu. In den Tischgesprächen entfaltete sich die ganze llnterhaltungsgabe Bismarcks, von der Moltke bedeutsame Proben gibt. Moltke mußte sich neben den Fürsten setzen, um ihm von dem Zaren zu erzählen, und er selbst plauderte von Napoleon, dem er geraten habe, so lange konstitutionell zu regieren, als er sich auf seine Garde verlassen könne. Bon der Kaiserin Eugenie meinte er: „Sie war die schönste Frau, die ich gesehen habe," und fuhr fort: „Ja, sie war eine energische Frau — viel energischer wie der Kaiser — ich sprach zu ihm wie man zu einem gesunden, energischen Menschen redet — aber er mag mir wohl nicht recht geglaubt haben, er war kränklich und fühlte sich seiner Frau gegenüber inferior." — Ich warf ein, daß er dies doch wohl mit Änrecht getan habe, worauf der Fürst erwiderte: „Wenn er unverheiratet gewesen wäre, würde er nie den Krieg gegen uns angefangen haben." Als Bismarck beim Abschied sagte: „In nietnem Alter muß man die Fluten im Guten wie im Schlimmen über sich ergehen lassen," sagte jemand, die im Guten könne er sich schon gefallen lassen, woraus der Fürst erwiderte: „Rein, gegen die schlimmen kann man sich wehren, aber gegen die guten ist man machtlos." Karl der Grotze. Bon Jansen Enenkel'). 1. Die Hochzeit zu Aachen. Ehe Karl der Grobe seinen Bekehrungsfeldzug gegen die .Ungarn unternahm, der ihn bis weit in die Walachei und m die Aähe des Meeres führte, beschied er seine Gemahlin, indem er ihr einen Ring zeigte: wer immer ihr diesen als Wahrzeichen überbrächte, dem möge sie Glauben schenken. Wenn er aber länger als zehn Jahre fortbleiben würde, so möge sie wissen, daß er unterwegs elend ums Leben gekommen sei. Run waren schon neun von den zehn Jahren ins Land gegangen, und er weilte immer noch in dem fernen Ungarn. Darob begann man zu Aachen am Rhein ihn wegen seines langen Fortbleibens zu schmähen. Raub und Brand erhob sich in allen seinen Ländern, zur Sorge seiner Getreuen, die nun nicht länger zuwarten wollten und sich geradewegs zur Königin begaben. „Herrin," sprachen sie, „seit unser Land keinen Herrn mehr hat, geht alles drunter und drüber. Darum wollen wir Euch bitten, einen guten Fürsten zum Gemahl zu nehmen, daß er das Reich beschütze. Unser Herr ist sicherlich tot. Denn ohne so gewaltige Nötigung hätte er Euch längst schon Botschaft gesendet." Da entgegnete die Fürstin: „So würd' ich von ihm in Schande gestoßen. wenn König Karl zurückkommt in sein Land, und elend getötet. Bon dem Wahrzeichen, das er mir beim Abschiede wies, habe ich nie etwas vernommen, noch ward es je an mich zurückgesandt. Darum wäre dies treulos gehandelt um feinet- und um Gottes willen." „Rein," sagten da die Herren, „wir haben Boten ausgesandt, die uns gewisse Kunde brachten, König Karl sei unterwegs auf das elendeste ums Leben gekommen. Wenn wir *) Aus einem Bande altdeutscher Novellen, die Leo Greiner unter dem etwas klanglosen Titel „Das kleine alte Novellen buch" (Verlag von Erich Reih, Berlin) zusammengesaht hat. Die Novellenschätze unserer alten deutschen Literatur bergen manches Schöne, das es wohl verdient, an den Tag gezogen zu werden. Freilich beschränken sie sich zumeist auf einen ziemlich eintönigen Wechsel von Ritter-, Mönchs-, Pfaffen- und Dauern- geschichten, in denen nicht selten auch spaßhaft« Erotik ihre Rolle spielt. ewig in diesen Wirren bleiben solleir, die uns vernichten, so wisset, daß Ihr darob der Hölle verfallen werdet." Da sagte die Königin mit Züchten: „Wenn Ihr es mir nicht erlassen wollt, so folg' ich Euch denn, mag aus mir werden, was will. Die Gröhe meines Kummers soll: mich nicht hindern, nach Eurem Wunsche zu tun.“ Bald darauf wurde denn auch die Hochzeit mit einem reichen Könige, den sie ihr zum Gemahl« gaben, festgesetzt und sollte schon am dritten Tage danach gefeiert werden. Da sandte Gott einen seiner Engel als Boten ins Ungarland, wo Karl seit langem mit seinem Heere lag, und ließ ihm verkündigen: „Ob es dir lieb ist oder leid, wenn du nicht binnen drei Tagen bei der Königin bist, so nimmt sie, ob auch nur schweren Herzens, einen airderen Fürsten zum Gatten." „Wie soll ich in drei Tagen in mein Land kommen," erwiderte König Karl, „bis dahin ist es wohl hundertundfünfzig Rachtrasten weit." Da sprach der Engel: „So weißt du nicht, daß Gott in seiner Gewalt alles tun kann, was sein Wille ist? Geh hin zu deinem Schreiber, der hat ein starkes und edles Pferd, das kaufe ihm ab um jeden Preis, den er fordert. Dieses Roh aber hat einen so schnellen Gang, daß es dich in einem Tage weit über Moos, Feld und Heide bis zur Stadt Raab tragen wird, dort machst du deine erste Rast. Am nächsten Morgen früh reitest du eilig weiter, bis du nach Passau hinauf an die Donau kommst, dort machst du deine zweite Rast. Die Sonne wird noch scheinen, wenn du dort in die Stadt sprengst. Daselbst wirst du einen freundlichen Wirt finden, der ein gutes und schönes Fohlen hat, das kaufe, so wird es dich am dritten Tage nach Aachen bringen." Sofort kaufte Karl seinem Schreiber das Roß ab und ritt des nächsten Morgens, wie der Engel ihm gesagt hatte, den gewaltigen Weg von der Bulgarei bis nach Raab, ungestüm dahinjagend, ohne nur einmal zu rasten. Am andern Tage ging es dann von Raab bis nach Passau, wo er richtig auch bald den Wirt fand, der ihm ein treffliches Nachtlager bereitete.. Die Sonne schien noch, als er in die Stadt sprengte. Des Abends aber, als das Vieh zurückkam, lief auch das Fohle« daher, da faßte er's bei Kopf und Mähne und rief: „Herr Wirt, gebt mir das Fohlen, ich will es reiten über Feld unö Moos." „Ei," erwiderte der Wirt, „das Fohlen ist zu jung, es wird Euch nicht tragen können." „Laßt gehen, wie es gehen mag." sagte Karl, „gebt mir das Fohlen Herl" „Ich wollte es Euch gern geben, wäre es nur gezähmt und geritten.“ „Gebt mir das Fohlen," erwiderte Karl nochmals, da sprach Wirt: „Wenn es Euch gar so lieb ist, so soll es Euch nicht verweigert sein." Da erstand es der König um reiches Gold und gab dem Wirt das andere, auf dem er aus der Bulgarei bis hierher geritten war, noch abs Kaufgeschenk dazu. Des dritten Morgens früh rüstete sich der König, eilends bis nach Aachen zu reiten. Als er dort vor dem Burgtor ankam, fand er daselbst eine Herberge, deren Wirt ihn würdig aufnahm. Die Stadt war erfüllt von gewaltigem Schall, Flöten, Singen und Tanzen in allen Gassen. Da fragte der König, was es in der Stadt gäbe. „Kein größeres Hochzeitsfest ward je gesehen I" erwiderte der Wirt, „als das unsere gnädige Königin morgen früh mit einem reichen Fürsten begehen soll. Dazu hat sich viel Volk hier angesammelt. Um Eure Zehrung braucht Ihr nicht zu sorgen. Man verteilt Brot, Wein und Speisen an jung und all in der ganzen Stadt, selbst für die Rosse, sah ich, trugen sie ungemessenes Futter herbei." „Möge Speise vom Hofe nehmen, wer will," sagte darauf der König, „ich mag gern aus Eigenem leben. Kauft für mich ein in der Stadt, hier ist Gold, lasset Eure Diener und Knechte wacker daran mitgeniehen, und macht es aus dem Vollen!" Der Wirt erstaunte über seines Gastes Freigebigkeit und bereitete ein reiches Mahl. Da aßen und tränten sie in Paradieseswonne. Als es Nacht geworden war., und der König schlafen ging, bat er den redlichen Wirt, ihm einen Wächter mitzugeben, der tn seiner Nähe bleiben sollte, solange er zu Beite lag. °.u diesem sprach er: „Ich beschwöre dich, wenn sie des Morgens das Glöcklein auf feem Dome ziehen, wecke mich rasch, daß es mir sogleich bekannt werde. Diesen goldenen Ding setze ich dir zum Lohn, wenn du es genau.besorgen willst." Der Wächter tat, wie ihm geheißen war, und rief, als er den Herrn noch schlafend sand: „Steht auf, Herr, und gebt mir, was mein ist! Soeben läuten sie das Glöcklein!" Da legte Karl fein reiches Gewand an und bat den Wirt, mit ihm zu gehen, damit er nicht etwa gefangen würde, denn er sei ein Fremdling hier am Ort. eo gingen die beiden an das Burgtor, das noch fest mit siegeln verschlossen war. „Ihr müßt hier unten durchkriechen," sagte der Wirt, „doch werdet Ihr Euch das Kleid beschmutzen." „Das acht ich wenig, und wenn es ganz und gar verdürbe," erwiderte Karl, hieß den Wirt heimgehen und kroch durch das Tor. Im Dome angelangt, setzte er sich auf den königlichen Stuhl, zog das Schwert aus der Scheide und legte es nackt über feine Knie. Da kam der Mesner, um die Bücher herzutragen; als er ihn so mit bloßem Schwert dasitzen sah, verging ihm die Sprache, er- lief, wo er den Pnest-r sand, und sprach: „2m Dom sitzt schweigend ein greiser Mann aus dem heiligen Stuhl und hat sein bloßes Schwert über die Knie gelegt. Als ich zu dem Altar ging und ihn dort sitzen sah, brach mir der Schweiß aus allen Poren," „Wjillst du un>= 208 — narren?“ sagten die Domherren. „Das wird dir bet uns nicht gelingen.“ Da erwiderte der Mesner: „Es ist die Wahrheit, noch bin ich voll Schrecken. Wenn ihr mir nicht glaubt, so gehet selbst hin und sehet!“ Da ergriff einer der Chorherren eine Leuchte und begab sich ohne Zögern in den Dom: da sah er den Mann auf dem Stuhle sitzen. Das Licht entfiel seinen Händen, fliehend eilte er zum Bischof und sprach: „Hört an, wie es uns im Dome erging!“ und berichtete, was er gesehen hatte. Als der Bischof dies vernahm, eilte er aus feinem Gemach. Zwei Knechte mit Lichtern muhten ihm leuchten, bis er vor den König kam, dem immer noch mit nacktem Schwerte auf dem Stuhle 'ah. Da ries er von Grausen geschüttelt: „Laßt mich wissen, tr^r Euch irgend Leides getan oder was für ein Mann Ihr seid. Sprich, Gespenst, ich beschwöre dich beim Namen Gottes! Der Greis nut dem Schwerte antwortete: „Einst kanntet Ihr mich wohl, als ich noch König Karl hieb und gröbere Gewalt besah, als irgendeiner unter den Menschen.“ Da trat der Bischof näher und erkannte ihn. „Willkommen, lieber Herr,“ ries er, schloß ihn in die Arme und führte ihn in sein reiches Haus. Alle Glocken lieb er zusammenläuten, dah die ©‘a&t davon erdröhnte und Einheimische und Gäste verwundert Kunde verlangten, was die Bedeutung des gewaltigen Schalles sei. Als sie erfuhren, König Karl sei wiedergekehrt, forderten alle Gäste stürmisch ihre Nosse und flohen über Stock und Stein, und wer nicht reiten konnte, stürzte sich in wilder Angst über die Mauern zu Tal, dah die ganze Stadt von dem Lärm der Fliehenden erfüllt war. Der Bischof aber bat Karl, der Königin zu verzeihen, da sich alles ohne ihre Schuld zugetragen. Dies gewährte er gern und lebte fortan in Liebe mit ihr bis an das Ende ihrer Sage. 2. Das Ratternrecht. Karl der Grotze war der beste Richter, den je ein Auge sah, umjubelt von Dankbarkeit, wo immer er Gerichtstag hielt. An jeder Stätte, wo er weilte, Pflegte er eine grobe Glocke auf» rich ten zu lassen, um der Armen willen, damit sie sie läuteten, wenn ihnen Anrecht widerfahren war. So oft dann die Glocke erklang, dachte er an den Zorn und das Gericht Gottes, und richtete weife und gerecht. Eines Tages nun, als er bet Tische sah und ein reiches Mahl mit Hühnern und Fischen aufgetragen war, hörte er laut die Glocke ertönen. „Dies wird ein Armer fein,“ sprach er, „dem irgend Leides geschehen ist. Aber ich will ihm Recht verschaffen, bei meinem Leben, es sei nun Mann oder Weib.“ Sogleich gingen *,