Samstag, 29. IuN MB ft 8 381*1 WZW 1922 — Nr. 30 AMA? Ein Jubiläum der Eisenbahn. Die Eisenbahn, eine Erfindung, die heut von so viel erstaunlicheren anderen Steuerungen in den Schatten gestellt ist, kann jetzt auf ihren 10 0. Geburtstag zurückblicken. Don jenem 25. Juli 1814, an dem Stevenson seine erste Lokomotive, den „Mylord", fahren liest, bis zu dem 27. September 1825, an dem der erste Eisenbahnzug wirklich fuhr, zieht sich die Entstehungsgeschichte dieses Verkehrsmittels hin, das eine so gewaltige Umwälzung der Wirtschaft mit fid; brachte. Das Jahr 1822 aber hat seine besondere Erinnerungsfeter in dieser Entwicklung, nämlich die Legung des ersten Schienenweges. Im Sommer 1822 wurde damit begonnen, die Eisenbahnschienen von Stockton nach Darlington zu legen, und auf diese Weise die erste Eisenbahnlinie geschaffen. Stevenson, der Erfinder der Lokomotive, hat eine große Anzahl von Vorläufern gehabt, und bei den Stadien, die schließlich $ur- Schaffung der Eisenbahn führten, spielt auch die Schiene eine große Rolle; sie ist der Lokomotive vorausgegangen. Der Schienenweg wurde bereits zu Anfang des 19. Jahrhunderts in englischen Bergwerken viel benutzt, um beim Abtransport der Kohlen den Zugpferden die Arbeit zu erleichtern. Zunächst waren es Holzschienen, die man dann durch Cisenschienen ersetzte. Als Stevenson 1812 als technischer Leiter des Maschinenwesens der Kohlengruben von Killingsworth angestellt wurde, fand er hier eiserne Schienen im Gebrauch, auf denen die Kohlenwagen von den Gruben bis zum Verschiffungsplatz am Ufer des Tyne befördert wurden. Um die Zugtiere weniger anzuflrengen, hatte man schon manche Methoden ersonnen. So verwendete der Eigentümer der Bergwerke von Glamvrgansyire Sir Humphrey Mackworkh die Windkraft, indem er auf den Wagen Leget anbrachte. Auf Liefe Weise konnte ein einziges Pferd bei Verwendung der Schienen und des Windes die Leistung von 20 Tieren verachten. Stevenson ersetzte die Windkraft durch die Dampfkraft, die man damals schon verschiedentlich zum Treiben von Maschinen auszunutzen suchte, und verbesserte auch die Schienen, indem er ihnen eine standhaftere Forni gab. Die Versuche, die Stevenson in dieser Hinsicht in den Jahren 1814—1820 ausführte, waren von solchem Erfolg begleitet, daß man sich 1821 entschloß, eine größere Eisenbahnlinie zu bauen, und so wurde im Sommer 1822, also gerade vor 100 Jahren, der Dau der Strecke von Stockton bis Darlington unternommen. Als 1825 der erste mit Personen und Gütern beladene Zug von 34 Wagen unter Klängen der Musik in Darlington eintraf, hatte das „Schienenzeitalter" seinen Anfang genommen. । Wir können uns heute nicht mehr vorflellen, welch« Bewunderung und noch md>r Verwunderung das neue Verkehrsmittel her« vorrtef. Die Personenwagen des ersten Eisenbahnzuges waren aus den Wagenkästen alter Postkutschen hergestellt, und diesen 21 Wagen, in denen die Passagiere saßen, schlossen sich 12 mit Köhlen und Mehl beladene Waggons an. „Auf ein gegebenes Zeichen," berichtet eine zeitgenössische Zeitung, „setzte sich die Maschine mit dieser ungeheuren Anzahl von Wagen in Bewegung, und ihre Schnelligkeit mar derartig groß, daß sie an einzelnen Stellen 12 Meilen (fast 20 Kilometer) in der Stunde zurücklegte. Der Zug führte gegen 600 Reisende mit sich Die Ankunft in Stvckton rief einen nicht enden wollenden Jubel hervor." Aber die Jubelnden waren arg in der Minderzahl, und von dem größten Teil des englischen Volkes wurde die neue Erfindung mit größtem Mißtrauen, ja mit wütendem Haß, ausgenommen. DaS Volk glaubte zunächst, daß es sich hier um ein „Werk des Teufels" "handle, und verschiedene Geistliche predigten von der Kanzel dagegen. Man erwartete von der Einführung des neuen Verkehrsmittels die schrecklichsten Folgen. Der vorüberfahrende Zug würde die Kühe beim Weiden stören und die Hühner so erschrecken, daß sie keine Eier mehr legen könnten. Die durch den Rauch vergiftete Luft werde die Vögel töten; die Häuser der in der Rahe wohnenden Menschen würden in Brand geraten durch das Feuer, das dieses Ungeheuer schnaubte; der Himmel werde so schwarz werden, daß die Sonne nicht mehr hindurchscheinen könne; die Reisenden schwebten beständig in Todesgefahr. „Und was denken Sie, würde passieren," so fragte ein Mitglied der zur Untersuchung der Angelegenheit angesetzten Parlamentskommissivn Stevenson, „wenn sich ein Ochse beim Herannahen des Zuges auf den Schienen befände? Wäre das nicht seht gefährlich?" „Allerdings," antwortete der Erfinder mit einem spöttischen Lächeln, „aber nur für den Ochsen!" Das Gutachten, das diese Kommission erstattete, ifl. überhaupt ein denkwürdiges Zeugnis für die Kurzsichtigkeit menschlichen Geistes. Es wurde darin behauptet, dah die Pferde durch die Eisenbahn unnötig werden würden und daß darunter die Landwirtschaft schwer leiden müsse, weil sie dann nicht mehr ihr Futter- verkaufen könne. „Was wird aus denen werden, die noch in ihren eigenen Wagen fahren wie ihre Vorväter?" wurde gefragt. „Was wird aus den Kutschern werden, aus den Sattlern, den Herbergswirten, den Pferdezüchtern, den Pserdehändlern ufto. ? Macht sich die Kammer eine Vorstellung von dem Rauch und dem $ärm, von dem Gepfeife und der Verwirrung, die durch Lokomotiven hervorgerufen werden, die mit einer Geschwindigkeit von 10—12 englischen Meilen in der Stunde (etwa 20 Kilometer) führen?" Jedenfalls müßte die Höchstgeschwindigkeit auf 12—15 Kilometer in der Stunde beschränkt werden. Das erfordere die Sicherheit der in dem Zug Sitzenden wie die der Bewohner des umliegenden Landes. Es wurde sogar von den weisen Volksvertretern behauptet, daß eine Lokomotive bei Regen niemals werde führen können, weil es durch den Rauchfang hineinregne und das Feuer ausgelöscht werde. Wenn ein starker Wind in den Kessel blase, so werde er die an und für sich schon große Spannung vermehren und die Lokomotive müsse in die Lust fliegen . . . Wir wissen heute alle, wie diese Bedenken zerstreut wurden, aber sie zeigen, wie die Menschen vor 100 Jahren dachten Sommer auf dem Lande. Aus einem Dackelroman. Don Svend Fleuron'). Wenn Rachtigall und Kuckuck in Dänemark eintreffen, hält der Mittsommer seinen Einzug ins Land. Schon lange vorher war es bloß Frühling, und verheißungsvoll flöteten Sie Stare, zwitscherten die Lerchen; das Trillern der Buchfinken und der Schlag der Drosseln mischte sich in die schmetternden Fanfaren der Schwarzamseln. •) Svend Flenron ist ein dänischer Löns, und sein neuestes Buch „Schnipp Fidelius Adelzahn", aus dem wir hier einen kurzen Abschnitt wiedergeben, schildert von einem gemütlichen Hundestandpunkt aus die Lebensgeschichte eines Dackels mit einer sehr bunten und ergötzlichen Laufbahn. Unsere Leser werden erkennen, daß das Buch (bei Eugen Diederichs, Jena erschienen) nicht nur Unterhaltungs-, sondern auch künstlerische Werte besitzt. und rieb sich den Nacken, alle Viere in die Luft streckend. Schmetterlinge umschwebten ihn und einer der zuletzt geborenen und ganz Erfahrenen verwechselte seine wippende Schwanzspitzs mit einer Kaprifolie; er liest sich darauf nieder. Da erstarrte Schnipp seine Augen stierten wie auf Stielen: er versuchte einen GarnelenHopfer — und war ebenso erstaunt wie der Schmetterling. Auf einmal hörte er alle die kleinen Vögel in der Hecke fürchterlich schreien und kreischen. „Pink, pinkl" riefen die Buchfinken in einem fort, und sie und "die Spatzen scharten sich dicht zusammen. Schnipp mußte hin. Die Hecke war blank-grün wie das Gras des Feldes: sie trug ihr Frühlings kleid: aber drinnen entdeckte Schnipp schließlich den Llrheber der Aufregung der Vögel. Gs war eine kleine Horneule, die ihrer Gemütsstimmung durch ihre Hörner Ausdruck verlieh. Bald legte sie sie zurück und lieh ihn Zorn ahnen, bald spitzt« sie sie zu, sobald nämlich ihre Neugier die Oberhand gewann und sie näher erforschen wollte, wer in ihr Versteck einbrach. Aber die Finken fuhren fort, als wollten sie Schnipp anfeuern: „So war's recht, drauf, pack sie, schmeitz sie raus!" Schnipp lieh die wohlgemeinte Aufmunterung nicht unbeachtet: er gebärdete sich wie rasend, bläffte, grölte und machte ungeschickte Luftsprünge. Aber all der Lärm rührte die Eule nicht. Sie war gutmütig und sah dem Mvsjü Melius auch einen Meter zu hoch. 3n der Mittagshitze aber hatte er mehr Glück: er bekam den Flügel einer Biene zu fassen. Bis, summte die Biene und gab durch diesen Laut zu erkennen, wie sehr es sie ärgerte, Last sie gefangen war. Schnipp verstand sie nicht; er '(kitte ein Ohr für das Buh und Töfs-töff der AutomvbilhUpe; Len Zuruf Bis dagegen kannte er nicht. i i I ' Nun wurde der Bis-Laut schärfer; die Geduld des Brummers ging zu Ende. Aber Schnipp Hielt natürlich trotzdem fest. Da erfahr er im Nu und für das ganze Leben, was für ein mächtiges Ding eine kleine Diene ist . . . Nach, ihrem fürchterlichen Stich rannte er in seinem Drang nach Kühling mit seiner wunden Schnauze so hart gegen einen Stein, daß er es bis in die Schwanz- spitze hin spürte. l. ' Schnipp sah, Schnipp hörte, Schnipp lernte . . . und die Erde mit ihren Seltsamkeiten erstand nach und nach vor dem kleinen Hund. Hier auf dem großen, unbenutzten Bauplatz, wo die starken Farben des Sommers eine Freistatt Hatten, wo das Rot knospte, das Blau Blüten trieb, das Weih und Gelb in Wolken vor dem Auge schwebte wo selbst Las Orangefarbige und Jndig oblaue den Kopf hervorstreckte — hier blühte auch, Schnipp Fidelius Adel- zahn auf Das Gütchen, das die Herrschaft besah, lag eine knappe halbe Stunde von der Villa entfernt. Die vorneHmen Leute gingen jeden Tag einmal Hin, in der Regel in der Zeit zwischen dem Morgentee und dem Frühstück. ' ' Schnipp war immer voran — und von Hinten nahm er sich doch am prächtigsten aus! Mit viel. Anstand führte er sich auf, zeigte dre Wildklauen und lieh die schwarzen Schwielen an den Pfoten schimmern. Er schnippte mit den Vorderläufen, warf sie nonchalant nach den Seiten, wedelte mit den Ohren und trug den Kopf hoch, so Last er frei' um sich blicken konnte. Auf dem Gehöft gab es noch viele andere Seltsamkeiten der Erde: grunzende Oefs-Oeffs, Lämmer mit Wvllschwänzen, m die sich lecker hineinbeißen ließ, große schnaubende Kühe mit nassen, kalten Mäulern, die ihn geradezu zu Narrenpossen ermunterten indeni sie die Hörner senkten und Müh! sagten. Da waren auch Hähne, die so nett einladend verbaselt waren, sobald er sich bloß auf dem Misthaufen zeigte; und in demselben Augenblick, wo sie loskrähten, konnte er sich nicht halten, er mußte ihnen nachgaloppieren. Und da waren auch, flinke Katzen hinter schweren Kleie- säcken und Pferde, so groß, daß feine kleine Herrscherin, wenn sie in Len Sattel gesetzt wurde, ihm wie eine riesige weihe Holunderblüte hoch oben in den Wolken erschien. Schnipp, der jetzt außerhalb des Armbereichs der Jungfer Sörensen war, bekam nur die Erziehung, die er sich selber schaffen konnte. Eines Tages war eine Gans so freundlich, sich seiner anzu- nehmen; sie packte ihn an dem einen Ohr und zog ihn zur Tränke hinaus, damit er da ertränkt werden sollte. An einem anderen Tage raste eine Bruthenne auf ihn zu. Schnipp merkte, dah sie beißen konnte wie er und mit ihren Krallen garstig kratzte und fchrapte. Er hätte so recht einer gründlichen Lektion bedurft; aber in beiden Fällen stürzte der Verwalter 'hinzu und schlug mit dem Stock nach Gans und Henne: „Tod und Teufel! . . . Sollte das Federvieh den Hund der Herrschaft zugrunde richten?" Der Weg zum Gehöft führte quer durch das Sttandwäldchen «nd dann längs eines Pfades auf offene Felder hinaus. 3n dem Wäldchen war ein großes, von Schierling und Drennesfeln bewachsenes Gestrüpp, und mitten Larin gähnte aus dem Erdboden ein Loch mit gelbem, herausgescharrtem Sande davor. In dem Sand sah man zahlreiche Brantenfpuren. . . Das Loch führte zu einer Fuchshöhle hinab. Aber wenn der Mat anbricht und das Laub den Knospen entsprießt dann kommen die vornehmen Sänger mit ihrer Zaubec- fliimne. dann erwärmt sich die Luft, der Hopsen sprmtt fernen fct.enber. Faden, die Obstbäume treiben Blüten, und die 'Helle Nacht schwingt ihre gedämpfte Diesenfackel. Dann erwachen öife Aecker! Das Schwarze, Einsörmige^Rackte ist von ihnen verschwunden, weg sind Schlamm und Morast. Eine Hülle von Grün und Gelb, Blau und Rot ruft das verlorene ErdenparaLies ins Leben. Es gibt kein abgegrenztes Morgenorauen me'hr, kein gedehntes Sonnenlebewohl; der ein Tagwechsel greift in den andern über, und die Abendröte reicht dem Morgengold verheißend die Hand. Dann tut es wohl, die engen Mauern, bm Lärm der Stadt *, verlassen und das Land zu umarmen... das Pflaster uno Sen Asphalt mit dem Waldmeisterboden des Waldes za Der» tauschen über einen blumenbekränzten, grasweichen Feldpfad durch Len Garten Eden zu wandern, den eine gnädige Vorsehung von neuem 'hervorzaubert. Das Automobil nähert sich der Villa . . Schon sieht man die Buchen des Strandwaldchens in ihrem hingen Blätterschmuck schimmern, man entdeckt große Diqchel persischen Flieders und den ersten Goldregenstrauch in fernem güldenen Flor, während weiße Gänseblümchen und bernsteingelber Löwenzahn ununterbrochen vorübergleiten längs der Gra- benränder und Wegrabatten. „ . Bald erspäht man die bekannte wohlgepflegte Hecke, die mtt wildem Wein verzierte Garage, die Dlutbuche in der Ecke des Gartens und die lange Rotdornallee. „Schau, schau... es ist geflaggt!' And vor dem weißgestrichenen Gartentorchen steht Herr Christiansen selbst — der Verwalter des nahegelegenen deinen Landguts, das der Herrschaft gehört. Ehrerbietig zieht er den Hut, als das Auto einbiegt. ' „Guten Tag, Christiansen!" ruft der Herr aufgeräumt. „Wie steht's? Gut? Die Kühe kalben. . . und die Schafe haben Lämmer..." , r Ä „Ja, so ist's." Christiansen lächelt, nickt und heißt die Herrschaft willkommen. , , . _ Dann springt man ab und umfängt in einem einzigen Blick die ganze Herrlichkeit: die frischgekalkten, glänzenden Mauern, das hagebuttenrote, glasurfunkelnde Dach, die Erker und Giebel und das Türmchen, von dessen Zinne der drollige, gretl vergoldete Deckel sich um seine Stange dreht und dem Winde die Zunge 'herausstreckt. Man legt Lie Mäntel ab, breitet die Arme aus und streckt die Deine wie Hampelmänner; man nimmt die Eindrücke gierig und unmittelbar in sich auf und streift alle Steifheit der Saison von sich ab . . . Nun ist man hier, nun bleibt man hier — und genießt die Glückseligkeit des dänischen Sommers! Heil dem, Heil Seiten, die hinaus kommen, die sich frei machen können. Schnipp, der Glückliche, war unter ihnen! In der Gartenhecke, die die große Strandvilla umgab, hatte er ein Schlupfloch । Es führte auf ein offenes, grasreiches Feld hinaus, einen noch unbenutzten Bauplatz. Dort wimmelte es von äußerst interessanten Dingen: Spatzen und Schwalben, Schmetterlingen und Dienen. Dort fand er auch eine Menge kleiner Löcher im Erdboden, die in seinen Pfoten ein arges Grabfieber weckten. Sv ein wirkliches kleines Mäuseloch war ein rechtes Wunder für ihn. De- svnders ein Loch fesselte seine Aufmerksamkeit lange und erregte fehle Neugier und sein Interesse. Minute auf Minute stand er oft davor, mit starkgerunzelter Stirn und aufgeblähten Ohren; seine Pfoten, die mitten in das Loch gestellt waren, hatten ganz aufgehört zu graben. Hier war eine fürchterlich schwere Aufgabe für ihn. Er war wie ein Karussell rings lum das Loch Herumgejagt, sich dabei um seine spitze Schnauze drehend, die er Hinabhielt tote einen Zapfen, und die ganz warm und verzerrt war. Er Hatte das Loch mitten Zähnen aufgebrochen, Und das war ihm ebenso sch,wer geworden wie einer ungeübten Hand das Oessnen einer Dose Sardinen; aber er kam und kam nicht weiter. Nun war er eine ganze Schnauzenlänge tief hinab- gelangt — und siehe da, die Röhre machte eine Biegung. Er grub weiter. Schau, da kam wieder eine Biegung . . . so ein armer, unerfa'hrener Autohund wie Schnipp mußte schier verzweifeln. Na, schließlich gelangte er doch auf den Grund und stand plötzlich Nase an Nase vor einer fetten, runzligen Kröte. Sie faß da und rülpste in einem fort. Durch viele feine Oeffnangen der Haut schwitzte sie eine klebrige Flüssigkeit aus . . . Schnipps Beine wurden steif, und seine Rute stieg empor; die Kröte kniff vor Schreck die Augen zu. Dann beroch Schnipp sie, und er mußte niesen — so eisig kalt war sie. Ganze Tage lang konnte er sich 'hier auf dem Felde Herum- treiben. f Des Morgens leckte er Tau und fraß Gras; er packte ganze Büschel und kaute sie wie wemi es Knochen wären. Das 'half so schön, toenn er sich üoerfressen Hatte. Dann tummelte er sich lustig und streckte die Pfoten — und jedesmal, wenn er an einem der Daunenballons der zählreichen Saudisteln vorüberschlupfte, die schmeichelnd den Hals vvrreckten, mn ihre Samen loszuwerden, wälzte er sich «zwischen ihnen herum — 119 — GS war Noh ein Gommerbau, der erst richtig in Benutzung genommen wurde, wenn der Schierling ganz Hoch gewachsen und Vie Drennesseln so dicht geworden waren, daß das Gingangsloch nicht ohne weiteres in die Augen fiel. Diese Höhle übte auf Schnipp seit jenem Tage, wo er zufällig auf sie flieh, eine starke Anziehungskraft aus. Mährend er im Grase lag und an einem Knochen nagte, pflegte ihm der schwarze, gähnende Höhlengang mit dem sonnen- «bleichten Sandhaufen in den Sinn zu kommen; der Gang zog tyn mit geheimnisvoller Macht an. Gr war, als wurde er in einen ganz anderen Hund verwandelt, sobald er in die Nähe des HöhlenlvchS kam. Knochen lieh er Knochen sein, wenn ihm die Hohle etnfiel. Er jagte durch das Gartenpförtchen aufs Feld, dessen Mäuse- löcher und Schmetterlinge ihn nicht mehr reizten, quer über den Weg und in das Wäldchen hinein. Aber wenn er sich nach und nach dem geheimnisvollen Schwarz näherte, Las einem großen Auge gleich unter der Braue des Gestrüpps hervorgaffte, mäßigte er die Geschwindigkeit. Die Ohren wurden emporgehvben, der Schwanz aufwärtsgekrümmt. Bald trippelte er bloß — und schließlich ging er feierlich langsam vorwärts, Schritt für Schritt und auf steifen Deinen. Duftreiche Windstöße fuhren wie Zugwind durch das -Unter« Holz. Er roch den Flor der Nesseln, die sühen Sauerampferblüten und den warmen Erdschweiß, der dem Boden entstieg. Dann hielt er gerade auf der Grenze des Schwarzen an, stand mit blitzenden Augen da und starrte abwärts. Halbe Stunden lang stand er so und entschwand sich selbst, als ob er schliefe. Sein Atem ging und ging, ohne daß er es merkte; in ihm wuchs und gärte es stark; er konnte sich nicht er« fiären warum, aber es war wahnsinnig-herrlich, bloh ganz allein hier stehen zu dürfen! Dem Loch- entflieg eine eigentümlich herbe, erregende Fährte, in immer verstärktem Grade, je länger er den Hals reckte. Es roch nach Wald und Moor, nach alten Hundekissen voller Flohe, nach aufbewahrten Knochen, vergrabenen Leckerbissen und anderen Herrlichkeiten. Während die Tage verstrichen, wurde er immer verwegener; er lieferte sich der Höhle immer mehr und mehr aus. Eines Morgens, als er viele Stunden lang davor gestanden hatte schlich' das Dunkel von der Höhle sich weiter und weiter auf ihn zu; er selbst hatte sich nämlich, ohne es zu wissen, eine ganze Hundelänge weit in die schwarz« Nähere hinabgewagt. Der starke Duft dort unten aus der Tiefe der Erde berauschte ihn, und seltsame Schatten brachten die Luft um feinen Kopf ins Sieden; als er eine Weile dort gestanden hatte, erwachte er gleichsam und entsann sich, wo er war — und über seine eigene Kühnheit entsetzt, schoß er rückwärts hinauf. Aber die magische Höhle ließ ihm keine Ruhe; mehrmals täglich, Woche auf Woche, besuchte er sie — und eines schönen Nachmittags verschwand er in einer seiner unverständlichen Ekstasen so tief hinein, daß nur gerade die Spitze seines Schwanzes noch draußen im Lichte war. " An diesem Tage kam er ganz verwirrt nach Hause, voller Sand auf dem Rücken; er war drinnen in dem Berge gewesen — die Höhle hatte sich endlich, erschlossen! Aber von nun an war Schnipps Freude über alle Sofaecken und Kissen verdunstet; er kannte einen besseren Ort unter einer tchweren Wurzel in einem dichten Nesselwalde, wo kühlende Winde kamen und gingen, wo die Sonnenstrahlen hüpften, tanzten und spielten, wo die Mäuslein mit verwunderten Augen sich' hervvrwagten und im Nu wieder in der Erde verschwanden. Mo Schnecken mit sonderbaren Hörnern feierlich herankamen, wo Käfer über lichterfüllte Felder jagten, wo eines Tages eine Dildentenmutter mit einer ganzen Schar frisch ausgebruteter Entlein Hinter sich plötzlich hervortrat und — als er auf sie zw- Pürzte — so krank wurde, so krank, daß er im Degriss war nach den Federn ihres Schwanzes zu Haschen. Ja eine Stelle kannte er — mitten drinnen im allertiefsten Nesselwalde, wo die schwarze Höhle mit dem hinabgewehten Laube und den Spinngeweben m den Ecken aus der Erde hervorgähnte, dort lag er oft Stunde auf Stunde, wie von einem Zauber gebannt. „Aber wo steckt denn der Schnipp?" fragte Herr von Drellmg häufig. „Er ist ja fast nie mehr aufzufinden!" Wenn das kleine Fräulein mit ihm spielen, wenn die gnadrge Frau ihn auf den Spaziergang mitnehmen wollte, oder wenn er im Automobil mitfahren sollte, kvmtte man bis ins Unendliche rufen, pfeifen oder hupen; er, der sonst, wenn ein Vergnügen totnfte, immer hoch erfreut angesprungen kam, war weg, spurlos verschwunden. Man sagte von ihm, er sei ein arger Herumtreiber- Hund geworden. Sitten als Folgen der Mode. Die Geschichte der Mode hat in den Wandlungen der Kleidung lange Zeit den Ausdruck der gleichzeitigen Kultur gesehen, und Jakob Falle schrieb vor einem halben Jahrhundert seine Geschichte der deutschen Tracht unter diesem Gesichtspunkt. S>aB c8 dabei vhne gewisse Gewaltsamkeiten und Ausdeutungskünfle nicht abging, ist erklärlich, und ein tieferes Eindringen in die Probleme ^^ac^engeschichte hat gezeigt, daß vielfach Mrade der um* gereftrte QBeg beschritten wird, daß sich vielmehr das Auftteten und Abklingen gewisser Sitten zwanglos und folgerichttg aus den Mvdeformen der Epoche erklären läßt. Eine Reihe über- raschender Beispiele für diese Zusammenhänge bietet der beÄn-rie Kulturhistoriker Max v. Boehm in einem Aussatz der Zeit- schrift „Faust", deren neuestes Heft den Fragen der Gesellschaft gewidmet ist. „Nicht die Sitte macht die Mode," sagt v. Boehm „sondern die Mode beeinflußt die Sitten, und sie fleht in ihrer Wirkung in dieser Beziehung ‘auf einer Linie mit den Aahrungs- Mitteln; ist, es doch bekannt, daß die Einführung von Dee, Kaffee und Schokolade den Charakter der Gesellschaft auf das nachdrücklichste geändert hat. Als die riesigen Mühlstemkrausen aufkamen, mutzte man die Löffelstiele langer machen, damit die Träger ihren Mund erreichen konnten; wesentlicher aber war, Latz in Frankreich die Art der Begrüßung eine andere wurde. Dis dahin hatten die Herren die Damen, denen sie vorgestellt wurden, mit einem Kuh begrüßt, eine Intimität, die sich sogar die Königin gefallen lassen mußte, selbst wenn sie. wie Maria von Medici, darüber empört war. Nun beseitigte die Mode diese Gewohnheit, denn so lange beide Geschlechter Kragen um den Hals trugen, die den Umfang und die Widerstandskraft von Wagenrädern besaßen, konnten sie sich in der Oefsentlichkeit nicht mehr umarmen." Es ist nun aber falsch, anzunehmen, daß die spanische Mode mit ihren steifen Röcken, riesigen Mühlfl einkragen und gepanzerten Leibchen unbedingt ein feierliches und zeremonöses Wesen zur Folge haben mutzte. Im 19. Jahrhundert erlebten wir eine Wiederkehr dieser spanischen Mode unter dem zweiten französischen Kaiserreich; man trug damals Korsetts, die nicht weniger Panzern glichen, und Röcke mit stählernen Reifen, die noch viel weiter waren. Trotzdem aber ist die Signatur dieser Epoche eine ausgelassene und wilde Lustigkeit, und statt des feierlichen Tanzschrittes herrschten die tollen Sprünge des Cancan. Uebevhaupt werden die Formen des gesellschaftlichen Verkehrs durch die Mode sehr deutlich bestimmt. Als die weiten Röcke und die langen Schleppen getragen wurden, machte man die spanische Reverenz, d. h. man fiel auf die Knie, oder man begnügte sich mit dem französischen Kompliment indem man sich tief herunterbeugte und dann wieder zu grader Haltung aufrichtete. Als dann aber gegen Ende des 18. Jahrhunderts enge und knappe Kleider aufkamen, begnügten sich die Damen, mit. dem Kops zu nicken, und von langsamen und feierlichen Verbeugungen war- keine ^RLde.mehr. Ganz ähnlich verhielt es sich mit dem Gruß der SJeTTSTt:—.......—. Dis zu Anfang des 17. Jahrhunderts behielt der Herr seinen Hut immer auf dem Kopf, auch int Zimmer und in Gesellschaft der Damen. Beim Gruß wurde die Kopfbedeckung nur zurückgestoßen, ohne das Haupt zu entblößen, und das Abnehmen des Hutes wurde für eine Entwürdigung gehalten. Als dann im 17. Jahrhundert die großen Hüte mit den langen Straußenfedern aufkamen, wollte man Liefe Tracht zeigen, nahm sie ab und fchwenkte sie zum Gruß. Dem Kurfürst Friedrich von der Pfalz, dem „Winterkönig", machte man sogar den Vorwurf, bah er vor jedermann feinen Hut abnehme. Im Zeitalter der großen Allvngeperücken und der gepuderten Köpfe hätte man sich durch Aufsehen eines Hutes die ganze Frisur verdorben; deshalb trug man im 18. Jahrhundert den Hut immer -unter dem Arm und streckte ihn Beim Grutz in gewissen Tempi vor, wie der Soldat seine Flinte beim Präsentieren. Wie das Verschwinden gewisser Moden auch Bräuche aufhören läßt, beweisen die Duell e. So lange jeder Kavalier den Degen an der Seite trug — was das ganze 18. Ja'hrhundert hindurch den Fall war — bildeten die Duelle einen Krebsschaden der Gesellschaft, den keine Regie- rungsverbote ausrotten konnten. Der alte Herr von Blücher, der Vater des Marschall Vorwärts, gab deshalb seinen Söhnen.aus ihre Fahrt in die Welt nur den einen Rat mit, sich stets „in Avantage zu setzen", d. h. bei jedem Wortwechsel dem Gegner sofort Unter die Ohren zu schlagen. Casanova beklagt sich, einmal darüber, datz man jeden Augenblick wegen der geringsten Kleinigkeit seinen Degen ziehen müsse, denn rauflustige Leute bedienten sich dieses „Kleidungsstückes" unter den nichtigsten Vorwänden. Datz Las beständige Tragen eines Degens unter den Studenten die Rauflust erhöhte, ist ja ganz selbstverständlich, und hier hat sich Las Duell noch, erhalten, nachdem es sonst längst aus der Gesellschaft verschwunden ist. Als mit der englischen Herren- mode das Tragen des Degens aufhörte, nahm sofort die Häufigkeit der Duelle ab. Zunächst wunderte man sich aber sehr über das Verschwinden der Waffen aus der Mode, und die Baronin Oberkirch, schreibt z. B. in ihr Tagebuch 1784 als eine erstaunliche Beobachtung in Paris: „Die Edelleute gehen jetzt überall hin ohne Waffe; sie tragen den Degen nur noch, wenn sie Gala anlegen." ------- Mocken. Von Ludwig Finckh*). Jeden sommerlichen Samstagabend lagen wir auf dem See, um Las Münstergeläute von Konstanz zu hören. Oft fuhren wir im Doot vom Reichenauer Ufer ab mit Hellem Segel, schnitten *) Aus einem Büchlein Erzählungen „Seekönig und Graspfeiser" lStuttgart, Deutsche Verlags-Ans!alt). In — 120 — durch grüne Inseln Vvn Salat, den £>te Reichenauer freigebig ins Wasser geworfen hatten und den der Wind jum Spatz am Abend fort- und am Morgen wieder herwehte, and zogen all- mählich ins freie, klare Wasser hinaus. Da sing di« grotze Glocke non Konstanz an, geheimnisvoll mit tiefer Stimme zu beten, weich und innig über das Wasser getragen, htnschwimmend wie ein großer Vogel, flügelschlagend und im Aekher endend. Der Abenv- wind lieh die Seesläche unter einem Hauche erschauern, die Sonne zögerte gerade so weit über den Bergen des Hegau, daß sie noch den Gesang der Glocke mitanhören konnte. Dann stet sie Hinter die Erde. „ „ , , , „ , . Vicht frömmer habe ich als Knabe die große Vetglocke daheim- geläutet, die alte mit dem Sprunge, die den Brand meiner Vaterstadt überlebt hatte. Glocken find sonst zählebig und wehren sich gegen den Lod. Aber doch müssen einige sterben und stumm und UTMÜH werden uuf die eine vöer nndere Ärt. Die eilte ist heute umgeschmolzen, und wenn ich auch, so oft lq) zu Hause bin auf den Kirchturm hinaufsteige zum Faßnacht, dem Wucht«:, um' die neue zu läuten, es ist ein fremder Ton, der nicht so dumpf gesprungen zu Herzen redet wie der Mund der alten. Hm elf Uhr ist's. Die Musikanten stampfen die Treppe herauf, um draußen vom Umlauf auf die Stadt herunter zu blasen,- ich aber läute drinnen in der Glvckenstube andächtig und ehrfürchtig Die alle 'hat mir viele wehmütige Geschichten erzählt. Auch die von Lern kleinen Kameraden, einem hellstimmigen Glöckchen auf dem Nachbarturme, das vor hundert Jahren von den Pfullingern gestohlen und des Nachts den hinteren Weg an der Echatz Hinauf svrtgeschleppt worden; seither läutet eS ganz deutlich und traurig: G'flohle bin t, g'stohle bin i. Die Konstanzer Glocken sind rechte Seekinder gewohnt über das Wasser zu singen. Zuweilen scheint es als vb tief unten im Grunde efne Stimme mitvibriere, klagend, wie aus schwerem Schlafe erwachend. Vielleicht sind es die Glocken von Meersburg, die irgendwo im Wasser ruhen. Man weiß, daß die Meersburger einmal ihre Glocken auf den See schassen wollten, um sie vor dem Feind $u verstecken. Wie sie nun draußen waren mit der kostbaren Ladung, lupften sie die Glocken hoch und ließen sie feierlich über Bord; danach nahmen sie eine Kreide und zogen einen Strich auf dem Boden des Schiffes an der Stelle, wo die Glocken untergegangen waren, um sie später wieder zu finden. Sv sind die Meersburger um die Glocken gekommen und die Fische des Meeres haben sich eine Burg und ein Best daraus gemacht. Maa.seiq. Satz dieGlockW-fvNen, wenn ÄN gewaltiger - Hechr -sie" mit" dem' Schwanz schlägt; mag sein, datz ein Geröll am Grunde, von den Wassern bewegt, sie zum Klingen bringt; Steine von Gletschern flammend, und stumme Fische sind die Glöckner. . r , WaS haben die alten Glocken von Konstanz mitangefehenl Den Glanz der mittelalterlichLN Handelshäuser, die zugleich Schisse auf dem Bodensee und in Venedig befrachteten, Schiff : hwer» beladen mit kostbaren Geweben, die bis ins Kaurhur u- fahren konnten. Was haben die Glocken gejubelt, als u- erwählte Papst nach beendigtem Konzil herausritt au m Rosse gefolgt von Fürsten und Volk, bis gegen Gottcü- . vo er ein Prunkschifs bestieg und den Rhein herunterfuhr. Wie iben die Glocken gezürnt und gelacht über den Schellen der Hanswurste und Kindsköpfe, die um die Fastnacht ihre Pritschen schwangen und im Hanselschritt tanzend das seltsame Lied dazu sangen: Rarvv, narro fibo st, sibo, fibo, narro gst, hont dr Mu etter Küechle gstvhie. Gi mr au Haberstrauh. Suerkrunt, füllt de Bube d'Huut uns. und de Mädle d' Wäge, und de alte Wider d' Pelzkrägei Ho Narro! Narro, narro, kAigeboge, was du saist, ist alls verlvge narro, narro, lenzio! Das ist ein rechtes Vvlksnarrenlied: es hat den naiven Zauder und das Stammelnde des Volkslieds wie das Runen- Finckhs Skizzenblättern leuchtet die Landschaft zwischen Reichenau, der schönen Insel im Bodensee, und den vorzeitlich kühnen Umrissen der einsamen Hegauberge. Rauschend bricht der junge Rhein aus dem Bodensee; hüben Baden, drüben die Schweiz, läßt er die grünen, mit Dörfern bestreuten Usergärten hinter sich und taucht in stille, kaum betretene Urwaldtoildnts. Silbern, hoch aus dem Himmel blickt das Schneehaupt des Säntis: des Seekönigs. And zu ihm auf lugt die kleine Welt, das idhllische, sonnige, in Halm und Laub versteckte Reich der Graspfeiser. Finckh gibt aber auch eignes Leben und Erlebtes, wie ihm sein Haus verbrannt ist und wie er ein neues gebaut; wie Kinder auf» wuchsen um die rüstigen Knie der Eltern; wie geliebte Haustiere ihren Lebenstag mit den Menschen teilen, die Bernhardiner Hunde, die Esel. Volkstümliche Poesie liegt über dem Ganzen. und Rätselhafte des HexenfpruchS. Dazu teilt es von ausgelassenen Geistern des Schabernacks, lärmt mit Klappern und klingelt mit Glöckchen. Denn die Konstanzer Rarrenglöckchen Haben ihre Tage, an denen sie die großen Domglocken über» täuben. Jedem echten Konstanzer Kind läutet so ein Rarren- glöckchen im Blute. Das Leben mag noch so feierlich und gewichtig schreiten, es mag drücken und traurig lasten, und keine Vetglocke kanns anders machen: da schellt so ein silbernes oder blechernes Glöcklein, und gleich ist das Leben in die Luft geworfen tote ein Kinderball und wird mit leichten Händen wieder aufgefangen. Datz so ein armseliges Schellchen die Kraft hat, die Herzen zu befreien! Irgendein Gott muß doch darin stecken, denn sein Wesen scheint ewig; dieses kleine Blutsglöcklein vererbt sich mit mathematischer Gesetzmäßigkeit, und wenn nach naturwissenschaftlichen Forschungen .immer das Lebenstüchtigste sich erhält und fortpslanzt, so maß das Rarrenglöcklein so alt und lebenskräftig fein tote die Domglocke. Denn es gibt alte Bürger dieser Stadt im Geben draußen, tn denen läuten wenige Glocken der Kindheit mehr als nur die Seeglocke, die leise auf dem Wasser geht mit dem Flügelschlag einer Möwe, und da» Rarrenglöckchen. Die Glocken der drei uralten Kirchen der Insel Reichenau sind fett langem verschwistert mit dem See. Sie spielen mit ihm wie Kinder, abends, ehe sie zur Ruhe gehen. Sie reden mit den Wellen und bieten ihnen die Zett; sie wandern an schönen Tagen hinüber tn die Schweiz, vermischen ihre Stimmen mit den Glocken von Grmattngen und mit dem Geläute der Höri. Sie kämpfen mit dem Sturm und rufen in die Rot der Schiffer hinein. Dann antwortet ihnen etwa eine scharfe, helle Erz» stimme, aus dem dichten CJlebel heraus schallt das Soldatenwort der Schiffsglocke, kurz und barsch befehlend, überbrüllt von dem Toompetenflotz des Rebekhorns. Es geht $u wie in der Schlacht. Der König Sturm rückt an mit tausend Winden. Anders, 'wenn die Kirchen sich wohlgefällig spiegeln im frisch- geputzten See. Dann 'wissen die Glocken ltebltchr Gngelslteder und schicken sie gedämpft und geigentönig auf und nieder. Das ist die Stunde, da unser Boot still und verträumt auf dem 0ee liegt, mit halbgeschlossenen Augen, zu selig oder zu faul zum Weiterfahren; wir sind mit gutem Segel heraus, und tote wir in der Seemitte schwimmen, wird das Tuch schlapp. Der Wtnd feit, es lischst. So bleiben wir draußen liegen, froh der auf» gezwungenen Maße, schwatzen mit den Fischen und Wasservögeln unb stehlen dem Leven einen halben Tag ab, glücklich tote Kinder, die Hinter die Schule gegangen sind. Niemand kommt zu uni als die Stille und die leise Zwiesprach der Glocken vom Land. Gegen Abend, 'hoffen wir, wacht der Wind wieder aus und bläst noch eine Handvoll Obed knöpfst her, die uns ßeimtreiben; wills nicht kommen, so verlegen wir uns aufs Bitten und rufen die Seegeifl er und Wasserfrauen an mit dem alten, unfehlbaren Fi scher s pr uch: Höriwib mach Luft, mach en Häftli uf! Aber das dürfen die Glocken nicht Hören, sonst zürnen sie und lassen sich nicht mehr läuten. 3n der Höri Haben die Glocken selten zu tun. Sie läuten umS tägliche Brot, morgens und abends, man hört sie kaum. Bloß wenn das Sterbeglöcklein anhebt, weht der Klang schrill durch die Luft. Ein RÄbel tote ein weißes Hemd ist über bte Felder gebreitet, darein leicht eine Seele schlupfen tarnt, bte vvn der Erde will. Dann geht es von Mund zu Mund: .Los, toa tsch au das?" „He, 's Annele tsch gftorbe, mr hei em sch» z' Eich glitte.“ Stabt am See. (Konstanz.) Bon Stefan Zweig'). Schon fern in dämmernder Verschönung Die ernste Linie einer deutschen Stadt, Geschmiegt tn Wolken vvn sv zarter Tönung, Wie sie allein der Juntabend Hat. 3m Uferpark Musik aus dunklen Lauben, Ein Lied: kennst du das alte Lied nicht mehr? Sv lieb, so trüb tote Saft aus schweren Trauben Ganz langsam quillt das Lied die Wellen her. Da klingt dein Herz, als ob es Heimweh hätte, Und sieht doch diese Stadt zum erstenmal, Zum erstenmal die dunlle Silhouette, Die schleiernd tränt int fahlen Mondenstrahl. *) Stefan Zweigs „Fährten" sind tn einem gut ausgestatteten Bändchen vom Verlag G. P. Dal u. Co., Leipzig, neu gedruckt worden. Prosafl ticke und seine Verse führen tn weit von einander abliegende Wanderstimmungen. Wenn Stefan Zweig dem Rhtzthmus von Reuhork nachsinnt so bleibt er auch da im Halbtraum einer zarten und doch wirklichen Dichtertoelt, die er überall findet: im berauschenden Süden, tm kühleren Norden s und tm geheimnisvollen Benares, der Stadt der tausend Tempel. Schristleitung: August Goetz, — Druck und Verlag der Vrühl'schsn Univ.-Buch» und Steindruckeret, R. Lange, Gießen.