SamstÄT, 29. April .iw 3 W 1922 — Nr. 11 ’tTF •• • r] M - :<^Ä?OWÄi Ger deutschen Universität Zu Straßburg Zum Gedenken! Zum 1. Mar. Hätten wir nicht jene unseligen Lage erleben mässen, an denen daS Elsaß zum zweiten Male feinem deutschen Mutteriande geraubt wurde, dann wäre der 1. Mai 1922 ein froher Festtag fiir Strastburg, für das ganze Deutschtum und für die gesamte Wissenschaft der Welt geworden; denn an ihm ist ein halbes Jahrhundert verflossen, seit dem nach dem Ginigungkriege unter allgemeiner Anteilnahme der deutschen und der wissenschaftlichen Kreise der ganzen Erde Straßburgs deutsche Hobe Schule aufs neue eröffnet ward. Schon früher hatte in Straßburg eine deutsche Universität bestanden und segensreich gewirkt. Die Gründung der Anstalt hatte ihre Vorgeschichte von fast einem Jahrhundert. Sie hob mit Johannes Sturm von Sturmeck, dem Humanisten und bedeutendsten Slettmeister der ehemaligen freien deutschen Reichsstadt Strastburg an und erhielt ihren Abschluß im Jahre 1621 durch die Privilegierung der Anstalt als Bolluniversität durch den deutschen Kaiser. Trotz des damals wütenden 30jä6rtgert Krieges fand bei Anwesenheit von Gästen aus Basel, Tübingen und Heidelberg eine feierliche Eröffnung der Universität mit anschließender Volksbelustigung statt, an der sich während zweier Lage mehr als 10 000 Personen beteiligten. Unter den ersten, die an der neuen Universität sich den juristischen Doktor erwarben, befand sich Hans Michael Mvfcherosch, der wackere Verfasser des „Philander von Sittewald" und anderer Straffchrift wider feine entarteten deutschen Zeitgenossen. Später hat auch der Rappvltsweiler Gottesmann Philipp Jakob Spener an der alten Straßburger Universität promoviert, ebenso wie im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts. Goethe, der in „Dichtung und Wahrheit" ein anschauliches Bild der alten Reichsstadt und ihrer Universität vor t><*m Ausbruch der französischen Revolution entworfen hat. In der Revolutionszeit ist dann die herrliche Blüte deutscher Wissenschaft dem französischen Rationalismus zum Opfer gefallen. dm Jahre 1793 hatte nämlich ein Mitglied des revolutionären Gemeinderates vorgeschlagen, die Universität, diese „Hydra des Germanentüms" zu vernichten; und dies hatte man dann recht gründlich besorgt und sogar verschiedene Prosessvren in das Gefängnis gesteckt. 3'm Jahre 1808 erstand an Stelle der deutschen eine französische Universität, eine Sammlung lose miteinander verbundener Fachschulen, von denen die evangelischtheologische mit Rücksicht darauf, daß 87 Prozent der Bevölkerung deutsch sprachen, deutschen Charakter hatte. Die theologische rolvgsr liberaler Richtung umfaßte und die Wingolfverbindung „Är- gentina“, die sich bereits bei ihrer Gründung tu: Ja. re 1857 auf bewußt deutschen Standpunkt gestellt und Anschluß an de-: Wrngolfbund in Altdeutschlanö gefunden hatte. Ihre Bo iufetin war eine einige Jahr,» vorher ^von dem späteren Herb .Hermes 66 — Pfarrer üieg f eiet- zur Pflege der deutschen Sprache und Sitte gegründeten Verbindung „Seutonto", und Liese Tradition hat die „Arg-entina" stets in Ehren gehalten und darum rasch ihren Anschluß an die deutschen Verhältnisse auf der Universität ge- ftmden. Auch die „Wilhelmitana" entwickelte sich in deutsch- fremrdlichem Sinne und. $u ihrem 50. Stiftungsfeste schloss sie ftd> dem Schwarzburgbunds an. Zu dein Kommerse hatten zwei in akademischen Kreisen besonders beliebte Dichter Lieder beigesteuert, Em. Geibel und Hof. Viktor Scheffel. Geibels Gedicht hatte den Charakter einer Hymne und wurde nach der Weise des „Gaudeamus" gesungen. Es begann mit den Worten: „Stimmet an den Preisgesang, unser Fest zu krönen". Scheffels Kantus floh mit glücklichem Humor, passenden historischen Reminiszenzen und wohlgelungenen Wortspielen nach dem von dein Dichter ost und gern verwandten Ders- maße der Lorelei) von Heine dahin und klang in den Wunsch aus: „Stoßt an drum: Reu-Straßburg soll leben, soll wachsen und kraftvoll gedeihn, als Straße für geistfrisches Streben als Burg der Weisheit am Rhein!' Den Abschluss erhielt das Fest durch einen Ausflug aus den Odilienberg, wo Verthold Auerbach, währeird des Krieges Berichterstatter deutscher Zeitungen im Elsaß, Gelegenheit nahm, „auf der Höh'" von nationalen Gedanken getragene Worte an die Feflgemeinde zu richten. 3n dem ersten Jahrzehnte des Bestehens war die Universität in verschiedenen Stadtteilen und Gebäuden untergebracht. Im Jahre- 1884 konnte ein Llniversitäts- gebäude neuzeitlicher Art bezogen werden, das im Stirnbande den stolzen Spruch trug: „Litteris et patriae": der Wissenschaft und- dem Vaterlande hat die Straßburger Universität während ihres Bestehens treu gedient. Der Raum reicht nicht aus, um alle die Großen aus dem Reiche des Geistes zu nennen, die an ihr gewirkt haben: nur wenige mögen hier erwähnt sein: der um die Schaffung des Bürgerlichen Gesetzbuches besonders verdiente Jurist Rudolf Svhm, der Chirurg Kußmaul, der Philosoph Winüelband, die Germanisten Wilhelm Scherer und Ernst Martin und der Naturwissenschaftler Röntgen. Die Zahl der Studenten mehrte sich- von Jahr zu Jahr, aus aller Herren Länder strömten die Hörer herbei und selbst ausgesprochene Deutschseinde, wie der Tscheche Kramarsch, verschmähten es nicht, ihr Wissen bei der stolzen deutschen Gründung zu bereichern. Hetzt ist der Maientraum einer deutschen Hochschule im Elsaß dahin. Eine französische Fachschule macht sich wiederum m den Räumen der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Llniversität breit. Aber di« deutsche Hochschule ist nicht vergessen. Ramentlich- nicht bei jedem elsässischen Studenten, die einstmals die deutsche Straßburger Universität kannten und jetzt ihre Studien an der französischen Anstalt fortsehen müssen. Auch die alten Straßburger Studenten, die über das Deutsche Reich zerstreut sind, bewahren ihrer Universität ein treues Gedächtnis. Die Studentischen Korporationen, die mit der Universität in Straßburg blühten, haben sich jetzt in Frankfurt a. M., in Münster, in Freiburg, in Hamburg wieder aufgetan und warten der Sage, bis sie wieder den Einzug in ihre alte Mufestadt halten können. Sie sorgen dafür, in treuer Gemeinschaft mit dem elsaß-lothringischen Studenten- verbande, daß das Gedenken an die Alma Water Wilhelma in Altdeutschland nicht erlischt. Frankfurt a. M. Wilhelm Fluh re r. Wächter-Legende. Bon Franz Adam Beherlein. (Schluß.) Dem einen von ihnen war die Brust durchbohrt; er rührte und regte sich nicht mehr. An den Schlüsseln, mit denen ihn einst der Bremer Scharfrichter auf den Schultern gebrandmarkt hatte, erkannte man ihn als den schwarze?) Hannes von Ilfeld. Der andere, der Wächter Kunrad. trug eine Wunde über dem rechten Auge, aber er atmete noch; Dütemeher nahm ihn, froh, seinem Retter eine Guttat m-weisen zu können, in sein -Haus auf. Kunrad wacht« nun zwar wieder zum Bewußtsein auf, aber er blickte verstört um sich und schwieg beharrlich, und je lauter die Leute ihn lobten, je herzhafter sie seine Hand drückten, desto hartnäckiger verschloß er die Lippen. Er deutete nur auf seine Stirn und zuckt« dazu die Achseln, als wolle er sagen: „Rein auf gar nichts besinn ich, mich mehr". Mittags jedoch vermochte er am Arm der ^mdfeflen Magd des Schöffen nach, seiner Behausung zu wanken. In der Sin'amkeit seiner Klause begann er emsig nachzu- denkM. Aber er zersann sich, vergebens den tmxn&en Kops bis ifyn denn mdlich ein Licht aufging, daß ein himmlisches Wunder Schande bewahrt hatte. Wer für diesmal Ben Schild über ?hn gehalten hatte, darüber konnte kein Zweifel toatf er sich auf die Knie, um dem Erzengel Michael aus ehrlichem Aerzen und aufs innigste zu danken Aun war es Kunrad schon vordem beim Wechselgespräch am Schenk,.>.sch> auf etn Dutzend erlegter Sarazenen mehr oder weniger mcht angefrnnmen Das Ereignis der verflossenen Nacht dünkte ihn demzufolge nicht übel geeignet, den gemach etwas zerMisfenen Ruhm seines Kreuzzuges wieder auszuflicken. Bevor er jedoch ans Erfinden sich, machte, meinte er seine Phantasie mit einem Decherlein Branntwein anfeuchten zu sollen, auf daß sie recht bild-kräftig« Blüten treibe. Da aber geschah ihm ein zweites Wunder. In der Kruke befand sich wohl Branntwein, er sah ihn auch in Ben Becher fließen, aber sobald er trinken wollte, war alles Raß vertrocknet. Gr versuchte es mit der Kalebasse, wähnend, der Zinnbecher habe ein Loch oder verzehre anderswie di« Missigkeit, — auch sie blieb dürr und unergiebig, sobald er sie qn die Lippen führte. Da schauerte und schüttelte es ihn gewaltig, und er erfannte, daß sozusagen seine Seele am höllischen Feuer sich schon die Flügel versenkt Hatte. Er -empfand inbrünstige Reu« über seine Pflichtvergessenheit, schlug weinend an seine Brust und fließ Bie verbundene Stirn wider die Erde. Sogleich beschloß er, alle Hofsart von sich zu tun und es bei der Ankenntnis über den Tod des schwarzen Hannes bewenden zu lassen, und zuletzt gelobte er dem Drachentöter mit tausend- teuren Eiden, künftig ein treuer, untadeliger Wächter zu fein. And er hielt das Gelübde. Sine Veränderung freilich vollzog sich, an ihm; aber die Leute schoben sie-auf die Kopfwunde. War nämlich Kunrad zuvor ein behäbiger Mann von frischer, gesunder Gesichtsfarbe gewesen, hatte zumal seine Aase ein wenig rötlich geglänzt, so wich jetzt alles Fett von ihm, er wurde zäh und mager, und Wind und Wetter gerbten seine Haut zu einem tiefen Braun. Zuweilen schickte er einen kleinen sehnsüchtigen Seitenblick nach der Rische am Domportal, und ost prüfte er die Kalebasse, die er auch jetzt beständig am Gürtel trug, erst am rechten und dann noch am linken Ohr, ob es nicht darin schlappe und gluckse, aber nie ließ er sich wieder auf dem Steinblock nieder, der darüber allmählich von Moos überwuchert wurde, und — die Kalebasse an den Mund zu bringen, hätte ja doch keinen Sinn gehabt. Rach- langem, treuem Dienst kam er schließlich im vierten Hahne des Kaisers Rudolf von Habsburg auf eine rühmliche Weise ums Leben. Kirchenräuber waren in einer regnerischen Herbstnacht dabei, durch Bie Bauhütte in den Dom einzubrechen. Kunrad, bereits ein Greis von 70 Hahren, ertappte sie und warf sich ihnen furchtlos entgegen. Da es ihrer drei waren, stieß er in sein Horn um Hilfe. Aber ehe die Schläfer in den benachbarten Häusern sich ermuntert hatten, riß ihm einer der Diebsgesellen das Weidmesser von 6er Hüfte und rannte es ihm tief in die Brust. Als dje Bürger mit Fackeln und Windlichtern herzuliefen, lag der Wächter in den letzten Zügen. Ein Domherr nahm ihm geschwind die Deichte ab und sprach ihn seiner Sünden ledig. Dann trug man den Todwunden sanft in die Ecke unter dem Ballendach -der Bauhütte und dem Bildnis des Erzengels Michael; dort war -er dvr Sturm und Regen geschützt., Rur no ch schwach ging sein OBem. Mit einem Male stöhnte er: „Durst! Oh, Durst!" Da entfernte der Domherr den Wollpfropfen von der Kalebasse und führte sie ihm an den Mund. Kunrad lächelte traurig dazu, aber — siehe! — aus der Oeffnung der Kalebasse stieg ein Duft, kräftig und herb und doch himmlisch süß zugleich, wie von einem paradiesischen Würzgärtlein, und eine köstliche, golöleuchtende Flüssigkeit floß daraus hervor und letzte Bie verschmachtende Zunge des Wächters. Bon Bem Trunk gewann das schon erblassende Antlitz neue lebendige Farbe, die Augen strahlten in einem Hohen, festlichen Glanz, und selbst die Nasenspitze belebte sich mit einem schüchternen Rot. Rachdem Kunrad aber getrunken hatte seufzte er noch einmal auf, behaglich- und zufrieden, streckt« sich fang aus und ging ein zur einigen Rahe. Die Häupter ringsum senken sich zu einem stillen Gebet für den Sterbenden und ein paar alte Mütterchen schluchzten leise dazu. Da rief von rückwärts aus der Menge ein vorwitziges Hüngferchen in das Schweigen hinein: „Mutter, Mutter! Der steinerne Michel droben grüßt mit1 der Lanze, genau wie letzt 6er Stolberger Gras vor dem Kaiser!" Aller Augen hoben sich zu Bem Bildwerk des Drachentöters, das hell von Den Fackeln beschienen war. Aber das Kind mußte sich- wohl im Flackerlicht geirrt haben; der Erzengel verharrte, regungslos. Der Dichter Alfred Bockr. Eine interessante und treffende Betrachtung der Werke Alfred Docks, Besten „Schmerzenskind" wir in den letzten Nummern abgedruckt haben, finden wir in der „Schönen Literatur" (Beilage zum Literarischen Zentralblatt für Deutschland) aus 6er Feder Fritz flsingers. Er schreibt u. a.: Die dichterische Welt Alfred Bocks ist die von Dorf und Heiner Stadt. Was man in solcher flmwelt natürlich' nicht zu erwarten hat, ist die feinere, ich möchte sagen, philosophische Problematik der Geister. Die Seelen sind hier gröber behauen einfacher und großzügiger, aber dann -oft auch von einer viel furchtbareren Entschiedenheit, berserkerhaft blind dem Blut folgend. Alfred Dock hat diese Welt von zwei Seiten gestaltet: von der natur* hosten und von der kulturell-zivilisatorischen. Die erste hat natürlich den Dorzug der Stetigkeit un6 urgründlichen Echtheit. Die zweit« aber ist zeitlich Bebtngt und dem Wechsel unterworfen. Der ersten Reihe gehören -etwa Mgenbe Werke an; Die Pflaster- meiflettn, Der Flurschüh, Der Kuppekhoi, sowie der größt« Teil 67 - der Novellen. IN die zweite Reiste gehören: Kinder des Volks, Die Pariser, Kantor Schildköters Haus, Die leere Kirche, Der Schlund. ' In den Merken der ersten Reiste begegnen uns die Menschen als Naturgewalten: liebend, hassend, schaffend. Hessische Dauern sind es, die wir hier sehen, aber nicht so, das) sie nur für den Hessen Interesse hätten. Es sind Menschen, Bauern schlechthin: verschlossen, kraftvoll;, unsentimental, seßhaft, verwachsen mit Haus, Hof und Scholle. Sie unendliche, für den Städter kaum faßbare Monotonie des Bauernlebens tut sich auf: Arbeit, Arbeit und wieder Arbeit. Sin Sonntagnachmittag. im Wirtshaus, ein Abend in der Spinnstube, eine Hochzeit mit Fresserei und Sauferei drei Tage lang, uüd dann das große Ereignis des Jahres: Die Kirmes. Äst das herum ruft wieder das Feld und die stille Wiederkehr der alljährlichen Arbeit. Aber das alles ist wirklich in diesen Büchern von Alfred Dock, es ist leibhaftig da, nicht nur abgemalt und geschildert. Wir spüren die Wärme und die Strahlung dieser Welt an unserem Leib. Selten gedeiht in der Bauernwelt ein Idyll. Wortlos und voll dunkler, erdge- borener Gewalt treffen die Schicksale aufeinander. Entweder gibt es ein 'heftiges Splittern und Zusammenbrechen oder ein stilles, armselig-unbeachtetes Ende, Hinsiechen in einer dunklen Hinter- stube des Bauernhofs. Der Arzt wird , erst geholt, wenn es ans Ende geht. Der Schäfer, nebenher Quacksalber und Zauberer, verkauft geheimnisvolle Trünkchen. In -den letzten Tagen kramt man das Gebetbuch hervor. So geht dort ein Leben zu Ende. Welch ein außerordentlicher Kenner des bäuerlichen Lebens Alfred Bock ist, beweist fast noch mehr die Schilderung und Behandlung all der Abseitigen im Dorf, derer, die draußen in den letzten Hütten wohnen, der Seltsamen und Unheimlichen. Da ist die Aralte, die Hexe; die Taglöhnerin, die einsame, mit dem unehelichen Kind; der Säufer und Strolch der nur alle paar Monate einmal heimkommt; die Leichenfrau, die die Lerchen wäscht und- in den Ornat des Grabes fleckt. Da kommt noch der ganze Dämonismus der Bauern zum Ausbruch Dort flackert nachts über einem Acker das „Geldfeuerchen" das einen vergrabenen Schatz kündet, lieber dem Dach steht die Erscheinung eines Tote!» mit unkenntlichem Gesicht, und der Leibhaftige selbst reitet brüllend auf einem dreibeinigen Mutterfchwein herum. ©8 ist eine Welt, wo die Gewalten des Himmels noch lange nicht über die der Erde gesiegt haben. Die Werke der obengenannten zweiten Reihe behandeln etwa das Problem der Volkserziehung und -bildung, der geistigen Durchdringung der Volksmaste (Kinder des Volks, Grete Fillun- ger, Die Oberwälöer) oder das Problem neuer zivilisatorischer Einrichtungen und des Widerstandes, den ihnen die pastive, am Alten feflhaltende Maste entgegensetzt. Das Verhältnis von Kirche und Sekte behandelt der Roman „Die leere Kirchs". Die Gestalt dieser Dichtungen entspricht ihrer stofflichen Welt. Auch> sie ist wortkarg, in sich gekehrt, naturhaft, voll Saft und Kraft, einfach-, muskulös. Alfred Dock verfügt über ein bewundernswertes Mab rein epischer GrzäHkungskunst. Da wird nicht zu viel gesagt und nicht zu wenig. Die Schilderungen von Zuständlichem, also etwa von Landschaften ober dem Aussehen eines Menschen, sind sehr knapp gehalten. And doch: man sieht alles. Selbst Ängedeutetes ist- so angebeutet, daß xs sichtbar Gestalt gewinnt. All das kommt daher, daß die Dichtung Alfred Docks literarisch unverdorben ist. Sie hat noch Vollblut, natürlich« Kraft und Treffsicherheit. Ihre Hauptstärke liegt in 6er episch-dramatischen Staffelung der Ereignisse, in dem sicheren, unaufhaltsamen Tempo des Zustrebens auf die Gipfelung der Tragik. Natürliche Angebrvchenheit zeigt sich aber auch- darin, daß der Schluß öfter Antergang als Läuterung ist. Der Bauer ist unter Amständen ein Heros der Dickköpfigkeit bis zur Tragik. Hier gibt es nur ein Drechen, aber kein Biegen. Die Dvlksmundart der Gespräche ist nur insoweit beibehalten als sie allgemein verständlich ist. Jedermann auch wer von hessischem Dialekt keine Ahnung hat, kann diese Bucher lesen, ohne die geringste Behinderung. 2hr Interesse ist nicht irgendwie lokal eingeschränkt. Es find Dichtungen des Menschlichen, klar, offen und an jeden gerichtet. Es mag hierzu nur in Erinnerung gebracht werden, daß schon 1912 eine Auswahl Dockscher Novellen von Raymond Darsiles ins Französische übertragen worden und unter dem Titel „de Napoleon“ im Verlag Delasalle in Paris erschienen ist. Unsere französische Einquartierung. Von Emmi DehrenS, Düsseldorf. Als die Franzosen bet uns einrückten, wurde unser ganzes Haus für den General G. beschlagnahmt. Die Trikolore sollte aufs Dach, und Schilderhäuser vor die Tore. Der General wollte aber mehr im Mittelpunkt der Stadt wohnen, und so waren wir fürs erste verschont. Die Wohnung blieb beschlagnahmt und wurde auch von manchem Offizier besichtigt; jedoch die entfernte Lage vor der Stadt, und der Umstand, daß unser Erdgeschoß, welches nur aus Gesellschaftsrüumen besteht, düster und ungemütlich groß ist hielt uns die Einquartierung fern. So reisten wir im Mai 1921 alle ruhig ab. Ende Juni kamen wir zurück und fanden leider Einquartierung vor. Dieselbe war am Morgen angemeldet worden und am Nachmittag eingetrofsen. Vorläufig bestand sie aus einem Offizier. Da unter sämtlichen Herren der Nachbarschaft, welche auch Einquartierung hatten, verabredet war, nicht mit den Franzosen zu sprechen, so blieb mir nichts anderes übrig, als selbst die Verhandlungen zu übernehmen. war noch im Reisekostüm, als ein Auw mit dem Stadt- sekretär, einem Architekten und dem französischen Quartiermeifler twrfuhr. Als ich 'herunterkam, war ein Keiner französischer Ofst- Iwr dazwischen, dessen hohe Stiefel die Hälfte seines Körpers ausmachten. Das war unsere Einquartierung, und wurde mir als Monsieur d'Aubrh vorgestellt. Die Begrüßung war sehr frostig. Der Stadtsekretär holte Papier und Tintenstift hervor, dann begann er: „Cs müssen zwei Doppelschlafzimmer und ein einfaches Schlafzimmer eingerichtet werden; Sie haben das ja vorrätig! „Aber nein," antwortete ich, „wir fonnen nur ein einzelnes Fremdenzimmer entbehren; das zweite muß für die Pflegerin von Frau H. bleiben. Bitte machen Sie auch Herrn d'Aubrh darauf aufmerksam, daß wir eine schwer nervenwanke alte Dame im Hause haben und bei Zusammenstößen leine Verantwortung übernehmen können.“ Der französische Quartiermeister verdolmetschte das d'Aubrh, der keinen Anstoß daran nahm und andauernd auf den Fußspitzen herumwippte. Der Stadtsekretär sprach- weiter: „Da muh also die Stadt zwei Doppelschlafzimmer komplett liefern und Sie selbst ein Einzelschlaszimmer, aber alles andere muß das Haus stellen, dazu sind Sie verpflichtet. Ich gebe Ihnen einen Zettel, worauf alles notiert ist. Gr las vor: 3mal Bettwäsche komplett für 5 Betten, 12 Handtücher, 12 Frottiertücher 5 Badetücher, Tischwäsche und Servietten, entsprechende Küchenwäsche, Aufnehmer, Staub- und Wischtücher, dazu sämtliche Sachen zum Reinigen der Zimmer. Äußerem: 1 Eßservice für 12 Personen 12 Kompotteller und Schalen, 1 Dutzend Eßbestecke, 1 Dutzend Dessertbestecke, Kaffeelöffel, 1 Kaffeeservice für 12 Personen, Wein-, Bier- und Likörgläser,' 2 Weinkaraffen.“ Der Quartiermeifler sagte: „Diese Zimmer bleiben wie sie sind beschlagnahmt." Ich fragte, wo sollen denn die Betten hin und wie ist es mit der Küche? Monsieur d'Aubrh brumm-lle andauernd vor stch hin. Schließlich bemerkte der Quartiermeister wieder: „Das Dilliard soll aus dem Herrenzimmer entfernt werden, und im Wintergarten stehen. Außerdem möchte Monsieur d'Aubrh ein Chaiselongue haben.“ Der Stadtsekretär schrieb auch das auf meinen Bogen. Darauf marschierten wir durch das ganze Erdgeschoß. Mach- vielem hin- und herreden sagte der Architekt: „Eine Küche hier unten einzurichten ist unmöglich. Sie müssen ihre Küche gemeinsam benutzen. Der große Saal wird geteilt, und darin werden die beiden Doppelschlafzimmer eingerichtet. Der Damensalvn gibt das Einzelschlafzimmer. Salon und Eßzimmer bleiben wie sie find. Auch ein Badezimmer und ein Keller muß Zur ausschließlichen Benutzung der Familie bleiben." Der Stadt- fekretär erklärte dann noch, die Stadt müsse dem Doppelschlafzimmer noch einen Herd, einen Küchenschrank und Anrichte liefern. Dann eilten die Herren weiter. Monsieur d'Aubrh erklärte mir in rasselndem französisch, seine ,Frau sei leider in Bonn krank geworden, seine beiden Töchter kämen aber schon morgen. Darauf ging auch er. Bei uns war ein schauderhafter Durcheinander. Reisekoffer mutzten aus- und umgepackt werden, denn man hatte beschlossen, die Kranke sofort wieder auf Reisen zu schicken. Inzwischen kam der Architekt zurück. Wir überlegten gemeinsam, daß wir doch unmöglich den großen Saal der jetzt in der Wohnungsnot als Sitzungssaal diente und früher gesellige Freuden gesehen hatte, durchteilen könnten ohne sehr wertvolle Schnitzereien zu beschädigen. Der Architekt kam auf die Idee, einen Riesenvorhang durch die Saalbreite zu ziehen. d'Aubrh wurde gefragt und auf seine Zustimmung sofort telephoniert. Am nächsten Morgen um 10 Ahr war das Riesenflück schon im Hause, wurde aber nie benutzt, denn ich hatte einen Keinen Gewaltstreich gespielt. Ansere Dalonmöbel waren immer wie rohe Eier behandelt worden, und nun sollte eine ököpfige Franzosenfamilie nebst Hunden darauf herumrutschen, das paßte mir nicht. Ich ließ mir morgens um 9 Ahr Monsieur d'Aubrh durch den Burschen rufen und redete französisch los: „Monsieur, Madame ist nicht zufrieden mit zwei unhygienischen Sch-lafräumen, denken Sie, (ich half mit den Sjänben nach), großer Vorhang Staub, die Glastüren durch- den Wintergarten lassen nicht genügend Luft herein. Ich habe einen anderen Plan: Nehmen Sie den Saal als Salon, das Billardzimmer und den Salon als Doppelschlafzimmer. Alle Möbel kommen hinauf in unsere Mansarde, und Sie haben Platz. Das Vestibül wird Ihr Rauchzimmer." Monsieur d'Aubrh sagte immer: „Mais oui, mais oui." Ich antwortete „merci" und lief weg aus Angst, er könnte gleich drauf „mais non" sagen, aber er ging in die Stadt. Nun gab es bei uns ein großes Gelaufe. Der Bursche Rigot wurde gefötert und mit Hilfe des Personals binnen zwei Stunden drei Zimmer total ausgeräumt und in der Mansarde verstaut. Ich- glaube, Monsieur d'Aubrh hatte mein französisch doch nicht ganz verstanden, denn er machte ein bitterböses Gesicht, als er Die leeren Zimmer sah. Am Nachmittag kamen mit der Stadtlieferung auch die "beiden Töchter. Blanche, kühl, blond, groß und hochmütig, brachte kaum die Lippen voneinander. Gabriele, wie eine Keine Spa- — 68 Hierin lebhaft, liebenswürdig. beinahe herzlich Die Damen rich- teten em. Allerdings Paßte die Tapete und die rassetiertm Spiegelwände nützt zu Len schweren schwarzen Mchrn-Vchlas- zimnermöbeln. fehlte elettrisches Licht. Heber jedes töett sollte eine kleine Lampe angebracht werden. Klingelleitungen wurden umgefegt und der große venezianische Kronleuchter elektrifiziert. Acht Tage später fern auch Madame mit ihrer Enkelin Lillie und zwei großen Wolfshunden. Dun begann auch die Küchen- mitbenuhung Das war schlimm! Schlimmer noch, wenn hie Deutschland und hie Frankreich kochte, am schlimmsten zwischen 1 und 2 Ähr. Da waren in der Küche anwesend: Madame, die die Deste wegräumte, Aigot der Bursche am Spülen, Gabriele am Abtrockuen, Lillie am Geschirr wegräumen, Blanche am Haare brennen — unsere Köchin am Fertigstellen der Speisen, ich um nochmal nachzusehen, Anna und Toni am Servieren! macht 9 Personen. Abends um 8 Mr war dasselbe Manöver. D-e Leute machten alles selbst mit Äigots Hilfe, weil sie kein Mädchen, zu unserem Glück, erhalten konnten. Rigol war alles in allem.' Der Bertraute von Madam, der Geliebte von Gabriele, der Diener Blanches und Lillies Kamerad. Die Familie lebte sehr üppig. Es machte gar nichts aus, am gewöhnlichen Alltag eine Hummermaivnaise als Vorgericht zu reichen. Heberhaupt diese Vorgerichte! — Und die Kuchen! Bloß mit Hefe wußten sie nichts anzusangen, und als ich einmal Streußelkuchen und Berliner backte, stand Gabriele mit Madam dabei und schrieben genau auf, wies gemacht wurde. Tatsächlich fingen fie nun an, die beiden Kuchenarten sehr ost selbst zu backen. Wadams Küchenzettel ging immer mit der Jahreszeit in bezug auf Delikatessen, Wild, Geflügel und Fische. Eine Fischart war ihre Spezialität, der ich nie Geschmack abgewinnen konnte. Gin tadelloser Schellfisch bekam den Bauch mit gehacktem Rindfleisch gefüllt, wurde mit Trüffelscheiben gespickt, garniert mit kleinen Häufchen Sauerkraut, die wieder mit Austern umrändert wurden, dazwischen stellte sie gefüllte Tomaten, alles zusammen ließ sie im Backofen backen. Das war das Leibgericht von Monsieur d'Aubrh. Mit Monsieur habe ich seit meiner Ausräumerei nicht mehr gesprochen. Zwischen Blanche und mir herrschte bloß kühle Höflichkeit. Gabriele gab sich Mähe, deutsch zu fernen, aber über „Erde- berrenne, Kuchee und Tiisch" kam sie nicht heraus. Sonst war sie außerordentlich liebenswürdig. Die 12jährige Lillie war von ihrer Lehrerin vor den Deutschen gewarnt worden, wie sie mir anvertraute. Sie vertraute mir auch an, sie hasse die Deutschen, aber Sie nicht. Madam mischte sich herein: „O non, non, die Deutschen konnten nichts dazu und die Franzosen konnten auch nichts dazu, die Männer cm der Spitze!" Sie weinte: „Lillie ist ein armes Kind", redete sie weiter; dann öffnete sie die Wintergardentüre, ließ mich eintreten, um mir etwas zu zeigen. Sie brachte ein Album herbei: „Voila," und zeigte ein Blatt. „Unser Besitz in der Nähe von Reims vor dem Krieg," sagte sie leise. Ein sehr hübsches Landhaus und ein noch hübscherer Garten zeigte sich da. Sie blätterte weiter. „Dach dem Krieg!" Mn Feld voller Steine und ein ragender Schornstein, sonst nichts! „Es war schrecklich'' seufzte Madame. „Wir hatten Befehl zur Flucht, und warteten den ganzen Tag auf das Zeichen. Es wurde Abend, ich war kalt bis dahin (fie zeigte an die Oberschenkel), die Magd machte mir -ein Fußbad und ich setzte mich hinein. Da Bum, Bum, die Deutschen! Blanche, Gabriele, Lillie, alles fort, ich auch, mit nackten Füßen. Adieu Heimat! Ich sah sie anders wieder. — Und Lillie! Lillie war uns auf der Flucht verloren gegangen. Sie war 3 Jahre alt und konnte ihren Damen noch nicht richtig sprechen. Irgendwo wurde sie aufgefunden und durch bas Rote Kreuz nach Genf geschickt. Erst nach dem Krieg fanden wir das Kind wieder. Lillies Mutter war als Röte-Kreuz^ Schwester in den Krieg gezogen, ihr Mann war tot. Sie kam mit einem Lazarettzug nach Rußland wurde gefangen genommen, machte einen Fluchtversuch und erhielt dabei einen Bauchschuß, an dessen Folgen sie starb." Madame weinte bitterlich Die Hunde fmirrten und Gabriele sagte: „Die Nerven bei Mama sind kaputt!" Tatsächlich fiel Madame in tiefe lange Ohnmächten ohne besonderen Anlaß. Dann war sie wieder die ausgelassenste Frau, die ich jemals sah. Oft, wenn id). von Besorgungen zurückkehrte, sagten unsere Mädchen: „Wir haben wieder „fiesen Jux" gehabt durch Madame." — Einmal war ich Zeuge eines solches Juxes! Ich kam aus der Stadt und ging in die Küche. Niemand hatte Mich kommen Hören, und nun sah ich zu meinem Ergötzen, wie die 55jährige Madame d'Aubrh in ihrem lila Hauskittel, (er reichte knapp auf das halbe Bein), auf einem Besenstiel durch die Küche ritt. Sie war natürlich arg verlegen, lachte und sagte: „Sophie versteht nicht französisch, ich wollte ihr sagen, Madam d'Aubrh ist eine Hexe." Ich fragte, warum denn. „O, ich habe Sophie die Kartoffelquetsche weggenommen und Sophie luÄte sie; und dann auch," fie deutete auf ihren Anzug und öffnete -h reu Mund, da waren ihr zwei Zähne herausgefallen. So war Madame. Tüchtig, umsichtig, schick, lustig, traurig und gewandt. Wollte sie. etwas besonderes von uns, so steckte sie sich hinter den französischen Quartiermeister, der ließ mich rufen und sprach kurz und sachlich: „Madam d'Aubrh muh im Garten ruhen. Verordnung vom Arzt. Stellen Sie Gartenmöbel auf." Madame tat erschrocken: „O, mein Mann muß erzählt haben, ich weiß von nichts." Ein andermal. Der Quartiermeister: „Ich habe Inventar aufgenommen, Madame d'Aubrh entbehrt eine Likörkarafse und ein Teeservice." Ich antwortete: „Wir trinken T« aus Kaffeetassen und der Likör wird bei uns nicht umgefüllt." Darauf der Offizier: „Besorgen Sie nur, die Stadt kann nichts kaufen an Kleinigkeiten." Madame wußte wiederum nichts. Das nächste Wal bekam fie Besuch. Wieder Mm der Offizier und sprach: „Madame erwartet Besuch, stellen Sie ein Zimmer mit Bad zur Verfügung." Ich erklärte nicht zu wissen wo. Gr sagte: „Egal, Madame hat nix an Personal, hat Anspruch auf Mädchen- und Dienerzimmer, also..." Da mutzten wir denn passende Räume einrichten, und für 3 Tage mit Bedienung und Wäsche hergeben. Man mutz einfach und man kann noch zufrieden fein, wenn man keinen Offizier bekommt der feine große Familie ewig erwartet und des Alleinseins müde, Abend für Abend ein gewisses Ballett zu sich einlud. Der Besitzer der Villa, welcher das Haus verlassen hatte und im Hotel wohnte, hatte auch das Personal dem Offizier lassen müssen und die Stubenmädchen hatten des Morgens sehr viel zu tun, um den Blumenflor, der auf Betten und alten Möbeln, die zum Ruhen bestimmt waren, verschwenderisch herumlagen. In unserem Viertel wohnten ruhige Leute. So hatte ich Gelegenheit, die Einquartierung einer nachbarlichen Besitzung kennen zu fernen, die eine Riesenkatze als Eigentum besaß. Eines Morgens, als ich mein Schlafzimmerfenster öffnete, sah ich mir gegenüber in der alten Pappel diese Katze sitzen, fie Hatte sich verklettert und konnte weder herunter noch weiter hinauf. Ich rief unser Mädchen und sagte: „Ist das nicht die Katze von drüben?" „Ja," sagte Anna „darf ich es den Leuten sagen, Rigot hat schon erzählt, daß die Katze vermißt wird." Das Mädchen lief hin und kam bald mit Herrn und Frau Rittmeister zurück. In der Hand hatte Anna einen 50-Markschein als Belohnung. „Muschi" kam aber trotz aller Schmeichelbitten nicht "herab. Bald waren unsere sämtlichen weiblichen Franzosen mit Rigot auch, dabei, die Katze herunterzulocken. Es half alles nichts. Rigot machte vergebliche Kletter- Versuche. Die Katze blieb, wo sie war. Man stellte Teller auf mit Milch, Fleisch und Gemüse, die Katze guckte nicht mal herunter, sondern maunzte den Himmel an. Der Offizier mußte in den Dienst. Seine Frau blieb noch, aber nach einer halben Stunde mußte sie auch gehen. Dutzendmal kam sie wieder und machte vergebliche Anstrengungen. Madame d'Aubrh half teilnahmsvoll dabei, und band eine tote Maus an einen Strauch, einen Fischschwanz an einen anderen. Die Katze blieb. Sie blieb auch über Nacht bis zum anderen Morgen und Mittag. Am Nachmittag wurde kurzer Prozeß gemacht. Die Feuerwehr kam an mit langen Leitern. Zwei Männer zogen Handschuhe an, und in 10 Minuten war Frau Rittmeister wieder glücklich mit Muschi vereint. Der Wein ist in Frankreich anscheinend billiger als bei uns das Bier. Die Franzosen tranken täglich und auch Rigot bekam mittags ein Wasserglas voll roten und abends eins voll weihen. Madame schwatzte mir auch welchen auf. Das Liter bezahlte ich mit 7 Mark. Es ist der bekannte französische Landwein, der von den Herren als „Rachenputzer" bezeichnet wird. Aber es ist trinkbar. Auch Kaffee und Konserven erhielt ich zu recht billigen Preisen durch Madame. Sie haben in Düffeldorf für Lebensmittel die sogenannte „Kooperative", wo die Leute alles gut und preiswert kaufen können. «Trotzdem plündern die Ausländer nufere Läden. Madame d'Aubrh hat Kisten voll Sachen in Düsseldorf gekauft und ihre drei Mädels von unten bis oben ausgestattet. Auch an Wäsche hatte sie Kisten voll gehamstert. Zwar log sie mir vor, in den Dingern sei Munition, aber sie glaubte wohl, eine dumme Deutsche vor sich zu haben. Jchl sagte: „Ich habe nicht verstanden Madame, Sie meinen wohl Wüsche!" — Munition hatten sie zwar auch, aber die bestand aus den Ladungen von je zwei gekreuzten Pistolen, die auf den Kaminen im Schlafzimmer des Ehepaares und im Schlafzimmer von Blanche und Gabriele lagen. Für alle Fälle! — Sv wurde es Dezember. Unsere Kranke, die nicht mehr auf Reisen sein konnte, war verschiedentlich mit der Einquartierung unliebsam zusammengestvhen. Bier Atteste von Aerzten veranlaßten einen Freibrief des kvnnnandierenben Generals, und damit mußte uns die Familie verlassen. Zwar waren wir verpflichtet, alles was d'Äubrhs nötig hatten, zu stellen, und fv kam ein Möbelwagen, der alles abholte und hinterher das Auto, das die Familie wegbrachte. Ich stand im Vestibül. Monsieur d'Aubrh hatte sich französisch gedrückt. Blanche zog sich an, grüßte steif Und ging hinaus. Da kam Lillie, flog mir um den Hals, küßte mich links und rechts auf beide Backen und 'huschte davon. Ehe ich mich versah, passierte mir das Gleiche mit Gabriele, zuletzt kam Madame dran mit tränenden Augen. Ich stand ziemlich angedonnert da, Rigot schloß die Türen und lieferte mir sorgfältig die Schlüffe! aö. „Rix mehr Krieg mit den Deutschen, Madame," sagte er. „Rigot geht nach Australien." Sch gab ihm die Hand, und er trollte in die Küche um Abschied zu nehmen. Schttstfeituug: August Goetz. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Vuch- und Steindruckerei, R. Lang», Gießen.