Zamstag, 27. MK fi L8- W 1922 — Rr. 21 älijj W ffi W 8 M Der Wegweiser. Von Werner Bock. Der Wanderer klomm mit schnellen Schritten die letzte Steigung der vielgewundenen Strafte hinan und stand schwer atmend auf der Höhe des Hügels. Er sah den Weg zurück und folgte der weibschimmernden Linie, die sich in fernen Tälern verlor. Dann wandte er sich um und bemerkte, dab die Sträbe sich an dieser Stelle nur wenig ausruhte, um in desto kühnerem 'Segen weiter bergan zu streben. Am Strahenrand stand ein uralter Wegweiser, wie es den Anschein hatte, völlig sinnlos, denn weder zweigte ein Nebenpfad nach dieser oder jener Seite ab, noch war irgend eine Schrift auf den verwitterten Armen zu erkennen, von denen einer tief hinab ins Tal deutete, während der andere mit steiler Geste emporwies. Der Wanderer lieb sich gegenüber dem 'wunderlichen Wegzeichen in eine sommerliche Wiese fallen. Die Stille ringsum war so grob, dab er sein Blut in den Adern rauschen hörte. 3n allen Gräsern und Kräutern fummte leise die Melodie seines Blutes, alles hier war seinesgleichen und zitterte wie er in der Mvrgenfrische. Wieder und wieder suchten des Wanderers Augen den Wegweiser. War auch dieses seltsame Mal, das seit ewigen Zeiten in der widerspältigsten Bewegung hier ragte, für ihn errichtet? Hatten diese jäh gestreckten Arme seit Jahr und Tag aus ihn gewartet? Der Wanderer erschauerte vor einer jener Offenbarungen, wie sie nur in einer Stunde des Lebens aufleuchten. Dieser stumme Pfahl, hinauf- und hinabgerissen in martervvllen Zweifeln, war kein anderer als er selbst. • > Die Wucht des abwärts gerichteten Armes lieb ihn in jagender Hast alle Strecken zurücklaufen, die er bis zu diesem Augenblick • durchmessen hatte. Nicht die Straße dieses Tages dehnte sich vor ihm, nein, alle Wege, die,er je und je gegangen, reihten sich aneinander in endloser Flucht. Gr aber, in tiefem Sturz, raste in die Gründe, die seither Heimat und Sein für ihn bedeutet hatten. Vertraute Stätten grüßten ihn allerorten, nichts war ihm fremd, vieles lieb, vieles schmerzlich Er erlebte alles Gewesene in gleicher Lust und in gleichem Leid wie schon einmal in vergangenen Zeiten, und mir ein Gefühl, das er früher nicht gekannt hatte, schwang bei allem und in allem mit: ein Abwärtsgezogensein, ein Zubvdengerissenwerden, ein Angeschmiedetsein an unentrinnbare eiserne Fesseln. Also das war sein Leben? Da schrieb er in enger Dachstube, in geräumigem lichtdurchfluteten Zimmer Bogen um Bogen mit Buchstaben und Ziffern, Stunde um Stunde. Der Kopf sann und sann, der Geist entfaltete Wunder um Wunder. Da stand er auf Kanzeln und Tribünen und sprach und sprach, seine Worte flogen durch Versammlungen und durch Zeitungsolätter, er oxtr hier und dort und überall. An die Räder dieses und jenes Unternehmens legte er seine Hand so gut wie an das Getriebe des Staates. Menschenschicksale duckten sich unter feinem Befehl, Wagen sausten davon und Schiffe durchquerten die Gewässer. Gr goß Seligkeit in jede Tat und sog Wollust aus jedem Ding. Er glaubte das Tönen seines Herzens in allem zu hören, was unter seinen Händen ward, und es war doch nur das fiebernde Hämmern des rastlos arbeitenden Gckhirns. Die Dinge konnten nicht mehr sein ohne ihn, und er konnte nicht mehr leben ohne die Dinge. Machtgefühl durchbrauste ihn und hetzte ihn von Land zu Land. Die Jahre rollten, Werk türmte sich auf Werk, alles durch ihn, von ihm, für ihn. Aus rasendem Schaffen, aus immer neuem Gestalten von Dingen und Dingen, von Menschen zu Dingen und von Dingen zu Menschen war er heute plötzlich aufgebrvchrn, ohne Sinn, ohne üleberlegung zum erstenmal seit Kindheitsträumen, hatte alle Fracht langer Jahre mit einer Bewegung hinter sich geworfen. Jeder Nerv hatte ein Fort geschrien, ein Hörauf um jeden Preis! Schweiß brach aus der Stirn des Wanderers. Wieder hasteten seine Augen an dem Wegweiser, der fremd und doch vertraut vor ihm aufragte. Diesmal ging der Blick dem jäh nach oben gerichteten Arm nach der auf einen nahen Dergwald deutete. Dahinter blauten weite Höhen in schier endloser Vielförmigkeit bis an die Grenzen des Horizonts. Eine unbekannte Welt dehnte sich in der Mvrgenstille, eine Welt, an der er seit Jahr und Tag achtlos vorübergejagt war, die ihm nebensächlich geschienen hatte, über die das Aiesenmaß seiner Pläne Hinweggeschritten war wie über ein zu Kleines. Zum erstenmal ruhte das Auge im Waldes schatten, floß der Atem in Tannenduft, strich die Hand über Gras und Moos in zärtlichem Streicheln. Die Kronen der Bäume bebten in leisem, beinahe abgemessenem Schwung, als ob ihre Regung von einer geheimen inneren Kraft getrieben würde. Wie alles ringsum in sich ruhte. Es war einfach da, aus sich heraus» gewachsen und in sich vollendet. Was war er dagegen? Was war er vor,dieser Reinheit und Hoheit des Waldes, vor dem zarten Jubel der Gräser und dem Lächeln der Blumen? Er, der Mensch? Wahnwitziger er, der den Verstand darum bekommen 'hatte, um die Änfchald der Seele zu verlieren, der den Erdball umfassen wollte in unersättlichem Er-- vbererdrcmg und nicht die Harmonie und Stille erringen konnte, die in einem einzigen Erdkrümlein wohnt«. War nicht jene Birke in ihrer schlanken Genügsamkeit ihm Überlegen, diese breitästige Buche konnte nur hier stehen und nirgends anders, ä'nd er, und er? Wo war sein Platz, seine Wurzel, sein Erdreich? Durch all diese Gedanken stieß der kühn empvrzeigende Arm des Wegweisers. Kein Zurück gab es mehr für ihn, aber auch kein Derweilen. 3n überhelltem Licht erschien ihm plötzlich die Sendung des Menschen als des Kindes der Erde, das allein dazu bestimmt ist, gleichsam von ihrer Drehung durchpulst, aus sich heraus zu streben, voran und empor! Allein von aller Kreatur trug er in sich unstillbare Sehnsucht, ihm allein war die heilige Unrast eingeboren, aus der Enge die Weite, aus der Tiefe die Höhe zu erkämpfen. Menfchrndasein 'war nicht eine blinde Flucht von hier nach dort, sondern ein aus innerem Zwang nach oben gerichteter Trieb, war ewiges Schicksal, das gelebt und geliebt sein wollte. Kapitän Movannoni. Eine Erinnerung aus dem großen Krieg 1870/Z1. Don Fried. Aoack. (Schluß.) Giovannoni kehrte aus'der Gefangenschaft zurück mit der Absicht, bei der Neuorganisation der Armee seinen Abschied zu nehmen. Aber angesichts der durch den Pariser Aufruhr bedrohten Lage des Vaterlands bedurfte es kaum des Zuredens seiner Freunde, um ihn zu überzeugen, daß er noch eine heilige Pflicht gegen Frankreich zu erfüllen hatte, bevor er in den wohlverdienten Ruhestand träte. Auch mir gebot die Pflicht gegen das unglückliche Vaterland, ihn -nicht davon zurückzu halten, in der Stunde höchster Not noch einmal das Schwert für die Ruhe, die Ordnung und den inneren Frieden Frankreichs zu ergreifen. Ihnen, gnädige Frau, gegenüber müßte ich mir daraus — 82 — einen Vorwurf machen, aber Sie sind Französin und wissen, was toir dem Vaterland schulden. Da wir anfangs von dem Almfang des Aufruhrs keine richtige Vorstellung hatten, glaubten wir mit den in Paris verfügbaren Truppen durch einen raschen Schlag einen entscheidenden Erfolg erzielen zu können, wenn wir die Mobil- und Rationalgarden unter den Befehl erprobter Offiziere stellten. Ich bot Ihrem Gemahl das Kommando eines Bataillons an. Er hieß die Stimme seines Herzens schweigen und folgte dem Hilferuf Frankreichs. Für Samstag, 18. Marz war die Aktion angesetzt, an der er unter meinem Oberbefehl teilnehmen sollte. Er hatte mit seinem Bataillon die Place Pigalle zu halten, während auf dem Montmartre die Geschütze dem tobenden Pöbel entrissen werden sollten. Wir waren die ganze Rächt vorher auf den Beinen, um alles vvrzubereiten. General Dinvy sprach Ahrem Gemahl noch seine ^sondere Zufriedenheit aus, da es nicht zu verkennen war, dass seine durch» schlechte Verpflegung und revolutionäre Hetzerei bereits etwas demoralisierte Maniischaft unter seiner festen Führung schon auf dem W-egs war, wieder würdige Söhne der großen -Ration zu werden Es wurde zwar hier und da noch gemurrt und man sah noch» drohende Micke, aber die Maschine fügte sich ohne Stocken seinem Befehl. Bei dem nächtlichen Aufbruch um drei Ähr früh gelang es nicht, von der Verwaltung ausreichende; Tagesrationen für die Leute zu erhalten. Diele wurden darauf mißmutig, einzelne wollten nicht gehorchen. Die Kommune werde ihnen Brot geben, schrien einige. Doch genügte eine kern hafte, ruhige Ansprache unseres Freundes, um sie wieder zur Vernunft zu bringen. Der Aufmarsch auf der Place Pigalle ging ohne Störung vor sich, und nachdem Giovannonis Dataillon dort mehrere Stunden in der feuchten Morgendämmerung gestanden hatte, kam die Meldung, das; der Montmartre von allen Seiten umgangen und der Geschützpark, den die Aufrührer dort zusammen- gefahren hatten, in unseren Händen war. So schien alles nach Wunsch zu gehen. Aber die Truppe war vom langen Stehen in der kalten Dacht müde und hungrig, und wieder begannen liebel- gesinnte zu murren. Als der Sag erwachte, belebten sich die Straßen, und da man den Verkehr nicht gänzlich absperren konnte, so gelang es den Pöbelhaufen, die vom Boulevard de Boche- chvuart und der Rue Houdon sich herandrängten, mit den Soldaten in Berührung zu kommen. Die einen schimpften und höhnten über die Truppen der Regierung, andere steckten den Soldaten etwas zu essen und ^u trinken zu, und es war nicht möglich, streng dagegen einzuschreiten, weil wir sonst die ganze Volksmasse gegen uns aufgebracht hätten. Man mußte auf gütliche Weise die drohende Auflösung der Manneszucht zu verhindern suchen. Giovannoni war unermüdlich und behielt immer noch die Truppe in seiner Hand, obgleich die Weiber, die aus den Schenken und Bouillons von Montmartre Nahrungsmittel herbeibrachten, seine Aufgabe sehr erschwerten. Da kam der Befehl, durch die steile Äue Houdon auf die Höhe des Montmartre vvrzurücken, um die Pöbelhaufen auseinanderzujagen, die sich der Wegschaffung der Geschütze widersetzten. In der Aue Legte hatten verwegene Gesellen die Stränge der Kanonen durchgeschnitten. Als Gio- vannoriis Bataillon in die Aue Houdon einschwenken wollte, um auf die Place St. Pierre zu gelangen, staute sich die Menge in der engen steilen Gasse zwischen den düsteren Häusern und gab keinen Durchlaß. Die Binde nahm eine drohende Haltung an und folgte dem wiederholten Befehl, auseinanderzugehen, nicht. Endlich» muhte ich den Befehl zum Feuern geben. Als aber die Weiber in den vordersten Reihen ihre Kinder emporhoben, setzten die Soldaten die Gewehre ab und feuerten nicht. Laute Zurufe aus der aufrührerischen Menge bestärkten sie in ihrer Zuchtlosigkeit. Da gab der Kapitän einen rühmlichen Beweis seines persönlichen Mutes. Obgleich sich in dem Pöbelhaufen viele bewaffnete Dationalgardisten befanden, gab er seinem Bataillon Befehl znm Dorgehen und sprengte selbst mit gezogenem Säbel voran. Die Vordersten wichen schreiend beiseite, einige flüchteten in die nächsten Häuser, Giovannoni brach sich Bahn und seine Leute Begannen ihm zu folgen. Da fällt plötzlich ein Schuß aus der Menge, der Hauptmann sinkt auf den Hals seines Pferdes, es bäumt sich auf, rast mit seinem sterbenden Reiter zur Place Pigalle zurück und wirst die blutende Leiche seinen Soldaten vor die Füße. Ein paar Getreue hoben ihn auf und trugen ihn zu dem ®afe Chat Rolr, welches gerade am Platz liegt. Dort legten sie ihn auf das Billard. Er öffnete »och einmal die brechenden Äugen und flüsterte „Toulouse". Dann war es zu Ende. In dem folgenden wüsten Getümmel war es nicht möglich, sich der Leiche noch weiter anzunehmen. Wir mußten mit dem Rest unserer Truppen über den Boulevard de Elichh nach der Place Blanche zurückweichen, die Mehrzahl lief zu den Ausrührern über. Ich habe den Freund nicht mehr gesehen. Doch erfuhr ich nach zwei Tagen, daß seine Leiche aus dem Kaffeehaus abgeholt und mit anderen Opfern des Straßenkampfes begraben worden sei. Wo? ließ sich bis heute nicht feststellen. Madame, ich kann Sie nicht schonen, ich muß Ihnen die Wahrheit sagen, die ganze Wahrheit, wie grausam sie auch ist. Wir konnten dem toten Kameraden kein soldatisches Ehrengeleit geben und können feinen Kranz auf sein Grab legen. Wir haben nicht den Trost, daß er im ritterlichen Kampf für das Vaterland gefallen ist, die eigenen Landsleute haben ihn gemordet, nachdem er zwanzig Jahre lang für die Ehre und den Ruhm von Frankreichs Fahnen gedient und gekämpft Hat. Aber auch er ist für Frankreich in den Tod gegangen. älnd wir alle können Heute oder morgen ihm ins Grab folgen und müssen zufrieden fein, uns opfern zu können, damit Frankreich aus dem Abgrund gerettet wird, in dem es zu versinken droht. Wenn Sie diese Zeilen empfangen, mit denen ich Ihnen so namenlosen Schmerz bereiten mutz, ist ihr Schreiber vielleicht auch nicht mehr unter den Lebenden, der sich mit Stolz den.Freund Ihres Gemahls nennt und Ihren allzeit ergebenen Susbielle, Divisionsgeneral." Erschütternd war die Wirkung dieser Briefe auf unsere Familie. Ich weinte bitterlich, auch der Mutter und den Brüdern liefen die Tränen über die Wangen, selbst der Vater, der am wenigsten Fühlung mit Giovannoni gehabt hatte, konnte sich lange nicht beruhigen über sein jammervolles Ende, Gr kam öfter im Gespräch darauf zurück und meinte: „Was für entsetzliche Zustäirde sind das in Frankreich! Ein tüchtiger Offizier, der mehr als einmal für sein Vaterland dem Tod ins Auge geschaut hat, den auf den Schlachtfeldern ein gütiger Stern behütet und in die Gefangenschaft geführt hat, damit er gesund und heil zu seinen Lieben zurückkehren könnte, muß nun, kaum daß er den heimatlichen Boden wieder betreten hat, von seinem eigenen Volke meuchlings gemordet werden. Wie schwer muß Frankreich jetzt für seine leichtfertige Gewaltpolitik büßen! Wie dankbar aber müßt ihr Knaben dafür fein, daß der uns frevelhaft aufgedrungene Krieg dank der Einsicht unserer Führer und dem Opfermut unseres einigen Volkes uns ein starkes geordnetes Reich und eine glückliche Zukunft beschert hat!" Mir lag in meiner jugendlichen Kurzsichtigkeit das persönliche Geschick des Kapitäns mehr am Herzen als das des französischen Volkes. Ich habe lange aufrichtig um ihn getrauert und bis ins Alter die Seinen Andenken, die er mir 'hinterlassen, und die Erinnerung an ihn in Ehren gehalten. In der fürchterlichen Verwilderung der Sitten und der politischen Moral, die wir zu unserem Verderben seit 1914 haben erleben müssen, leuchtet mir aus der Vergangenheit das Bild des Kapitäns Giovannoni herüber als eines wahrhaft edeln Franzosen, dem nichts anhaftete von dem Völkerhaß, der Rachsucht und grausamen Riedertracht, womit das Frankreich von heute sich selbst, und die Gesittung der Menschheit befleckt. Der Talisman. Don Helene Rass. (Schluß.) Ich machte mich ungesäumt daran, an dem armen jungen Weibe die nötigen Wiederbelebungsversuche anzustellen, die, Gott sei Dank! auch von Erfolg gekrönt waren. Es hatte sich ein ziemlicher Haufe von Leuten gesammelt, die aus der Ferne den aufregenden Vorgang miterlebt hatten und uns nun halfen, die Erschöpfte in ihr Haus, auf ihr Bett zu tragen. Der Bast, der in seinen triefendep Kleidern dastand, muhte mancherlei Lobsprüche und Händedrücke über sich ergehen lassen, die er kaum zu Hören schien; als aber die Fanni mählich das Bewußtsein wiederer langte und ihre wachen Augen auf sein Antlitz heftete, da rann ihm eine helle Träne Über die Wangen in beyr Schnurrbart. Richt, daß wir damit nun über den Berg gewesen toären! Der Frau Fanni hatte die Erschütterung und das eiskalte Bad eine Krankheit zugezogen, die mich längere Zeit noch zu einem ständigen Besucher des Schifferhauses machte. Aber schön war es zu sehen, wie eben in dieser Zeit die beiden Menschen sich eng zusammenschlossen, welche geräuschlose Treue der Mann an dem Diechbett bewies, und wie die Frau sich» nun erst ganz sein eigen fühlte, nachdem er mit seines Lebens Gefahr das ihre erkauft hatte. Sie toar nicht allein, dies anzuerkennen. Eines Tags, während meiner Anwesenheit, trat unser Herr Bezirksamtmann ein, hatte sein sogenanntes offizielles Gesicht aufgesteckt und in der Hand ein Päckchen samt einem umfangreichen Schreiben. Er eröffnete dem Bast in feierlicher Rede: das Bezirksamt habe, auf Bericht der Augenzeugen hin — unter denen auch ich war vernommen worden! — eine Denkschrift an die hohe Regierung geschickt, worin des Bast neuliche Heldentat und schon öfter bewiesene Bravheit ins rechte Licht gerückt seien. Demgemäß habe man sich Höheren Orts bemüßigt gesehen — dies las er aus dem entfalteten großen Schreiben vor —, dem mehrerwähnten Sebastian Höh in Anbetracht dessen und so weiter — die Rettungsmedaille zu verleihen. t ®er Sebastian ward bei dieser Ankündigung vor lauter Verlegenheit puterrot und ließ es steif wie ein Stock geschehen, daß der Dezirksamtmann die Medaille aus dem Päckchen nahm und sie ihm an die Brust heftete. Hierauf verwickelte er sich In allerlei unbeholfene Danksagungen, meinte, das hätte es ja gar nicht gebraucht und ähnliches. Erst, nachdem er den Amtmann hinausgeleitet, erkundigte er sich, zu mir zurückkehrend, mit einer gewissen freudigen Verschämtheit, was in der Welt Ich denn dazu sage? Da 'hielt ich meinerseits den Zeitpunkt zu einer heilsamen Ansprache für gekommen. „Lieber Bast," sagte ich und tippte mit dem Finger an das glitzernde Ding auf seiner Brust, „ich sehe nur öffentlich bestätigt, was ich von jeher gewußt habe: daß — 88' — der Sebastian Höh ein ganzer Kerl ist, ein tüchtiger Kerl, und , zwar, wie es sein soll, von innen heraus, ohne äußerlichen | Hokuspokus oder aufgepappten Zauberkram I ilnb wenn Sie selbst sich vorübergehend weisgemacht haben, dem sei nicht so, dann werden Sie hoffentlich nun bekehrt sein. Ihr Glück, von dem Sje meinten, es habe Sie verlassen, hat sich glänzend bewährt, hat sie eine Tat vollbringen lassen, deren Andenken allein mit vielem Widrigen und Trüben aussöhnen kann. Sollte trotzdem Ihr Selbstvertrauen noch einmal ins Wanken kommen, so werden Sie sich nicht nach dem Krimskrams sehnen, >der irgendwo im See liegt, sondern Sie werden das kleine runde Ding da anschauen, das Sie erinnert, wie Sie ein Menschenleben, Ihnen von allen das liebste, gerettet haben. Dann wird Ihr Mut und Kraftgefühl augenblicklich zurückkehren, und Sie werden sich stets bewußt bleiben, was ein tapferer Mann sich und dem Nächsten schuldet! Hab' ich! recht, Sebastian?" Er hörte mir zu, den Mick auf seine Brust gesenkt; nun hvb er den Kopf und überraschte mich durch den Ausdruck innerlicher ruhiger Festigkeit, den die ehemals so weichen Züge trugen. „Fawöhl, Herr Doktor," sagte er, „Sie haben recht." Damit bot er mir die Hand, die ich kräftig schüttelte, und ging hinein zu seiner Frau, sie an der Freude über seine Ehrung teilnehmen zu lassen. Es ist nichts weiter zu berichten. Fortan war der Bast von seiner selbstverzagenden Einbildung völlig geheilt; und die Ret- tungsmedaille vertrat bei ihm die Stelle eines Talismans. Den verschiedenen Söhnen und Töchtern, die ihm die Fanni im Laufe der Fahre schenkte, ist er ein strammer Hausvater und das -rechte Vorbild fester, starker Männlichkeit geworden. Eine Stille entstand am Teetisch, nachdem der Doktor geendet hatte. Hierauf kam die Unterhaltung wieder in Fluh: der eine entsann sich ähnlicher Begebenheiten, der andre meinte, er habe dem Höh eine solche Fugendgeschichte nicht zugetraut. Die Hausfrau äußerte, daß sie doch gar zu gern wissen möchte, was in dem geheimnisvollen Säckchen eigentlich gewesen sei. Des Doktors Miene, die während seiner Erzählung ernst geworden, blitzte von Schalkheit. „Ich glaube, damit kann ich dienen. Ein paar Monate nach der Herstellung des Sebastian trug es sich zu, dah hier vom Ufer ein alter Tagelöhner, der allabendlich im Wirtshaus zu hocken pflegte, geradewegs in den See patschte und ertrank. Mso wurde der See längs des Äsers sorgfältig abgesucht; mancherlei Gegenstände, als leere Flaschen, alte Schuhe und ähnliche Kostbarkeiten, fielen uns dabei in die Hände. Unter andern, auch ein Ding, das sich trotz seines üblen Aussehens noch für einen an einer Schnur befestigten Lederbeutel erkennen lieh. Ich dachte - natürlich an das Zaubersäckchen des Bast, nahm das Ding mit nach Hause und untersuchte den vom Wasser schlimm zugerichteten Inhalt. Was glauben Sie, dah es war? — Das Pfötchen eines Hasen!" „Was? — Ein Hasenpfötchen! — Sie machen wohl Scherz? — Ein Hasen —" „Fawohl, meine Verehrten: ein Hasenpratzerl, klein und sauber präpariert, wie es manche Leute statt eines Puderquäst- chens verwenden. Dies nichtige Ding hätte beinahe einen braven Menschen zum Hasenfuh gemacht, wenn nicht das Herz, das Sottlob immer das stärkste ist, ihn wieder zum Helden gewandelt ätte! Wollen Sie daraufhin die Macht der Einbildung noch leugnen! — Uebrigens: ich muh fort! Meine Herrschaften, ich empfehle mich 3hnen!" Ende. Der Verkauf einer Goethe-Stätte. Während man sich anöererorts bemüht, die Erinnerung an unseren größten deutschen Dichter zu pflegen und Stätten, die durch ihn geweiht sind, zu erhalten und, wie jetzt in Wetzlar, zu erneuern, scheint es, als ob die politischen Wandlungen der letzten Fahre gerade an der ehrwürdigsten Stätte unserer deutschen Kultur überhaupt und des Gedächtnisses an Goethe im besonderen nicht ohne Schädigungen vorübergehen sollten. So wird jetzt in der „Kunstchronik" berichtet, dah die Schlösser Ettersburg und Allen st edt verkauft werden sollen. Die beiden Schlösser verursachen nach den im Landtag gemachten Mi teilungen so erhebliche Unterhaltungskosten, dah der Staat diese Ausgaben nicht mehr tragen kann, und deshalb sollen diese Bauten möglichst günstig verkauft werden, wobei sich allerdings die künftigen Besitzer verpflichten sollen, keine Fabrikanlagen oder sonstige industrielle Bauten zu errichten und der Park von Ettersburg weitergepflegt und der Oeffentlichkeit zugänglich sein soll So bedauerlich dieser Entschluß für die alte Burg Allenfleöt ist, die von den sächsischen Kaisern exbaut wurde und Fahrhunderte lang als Kaiserpfalz gedient hat, so berührt uns doch noch viel schmerzlicher die dunkle Zukunft des Schlosses Ettersburg, dessen Name auf Immer mit dem Goethes und den Glanztagen der ersten Weimarer Sturm- und Drang-Epoche verknüpft ist. UeBer die Baugeschichte des Schlosses hat gerade jetzt H. Heubach in der Grazer Kunst- geschichtlichen Gesellschaft wichtige neue Mitteilungen ge- ,macht Das Schloß wurde vom Herzog Wilhelm Ernst oon 1706 bis 1711 erbaut, und der junge Fürst entfaltete hi« ein fröhliches Leben und Treiben, da er die Hirsch- und Wildschwein- lagden in Len weiten Eichen- und Buchenwäldern liebte. Dieser ersten Bauzeit gehört die einfache zweigeschossige Anlage mit dem Mansarddach an, deren Mittelflügel außen das Treppenhaus vorgelagert ist. Der erste Baumeister, der diesen Teil des Schlosses schuf, war Fohann Mützel, der kurz vorher das gleichfalls sehr einfache „Gelbe Schloh" in Weimar errichtet hatte. Aach den aus der Weimarischen Landesbibliothek bewahrten Grund- und 'Aufrissen ist dann wohl um 1717 von dem an die Stelle Mützels getretenen Weimarer Oberbaumeister Christian Richter an der vierten freien Seite des Hofes das Corps de Logis errichtet worden, und dieser Bau wurde dann unter dem nächsten Herzog Ernst August verschiedentlich umgebaut, so dah man die stilvolle einfache Form, die das Fagdschloh heute darbietet, einem späteren Architekten zuschreiben muß, den Heubach in dem Sachsen-Weimar-Eisenachischen Landbaumeister Gottfried Heinrich Kröhne festgestellt hat. Von diesem stammen auch die Lustschlösser in Dornburg und Ilmenau. An die Stelle der Fagden und fröhlichen Lustbarkeiten trat auf Ettersburg ein geistigeres Leben, als die Herzogin-Mutter Anna Amalia das malerisch auf dem Ettersberg gelegene Schlößchen zu ihrem Sommersitz erwählte. Der „Musenhof" der Herzogin feierte im Sommer hier seine Feste, und neben Wieland war es Goethe, der damals in Ettersburg heimisch wurde. In einem Flügel des Schlosses war ein Theatersaal geschaffen worden und draußen, wo sich Wiese, Wald und Quelle zur schönsten Kulisse vereinigten, errichtete man ein Naturtheater. So manche der damals entstandenen Singspiele und Dramen Goethes sind hier aufgeführt worden, und in dem Park baute sich Karl August mit seinen Getreuen Mvoshütten, in denen man die Nacht verbrachte. Auch später noch spielt Ettersburg unter den Ausflügen der „Lustigen von Weimar" eine große Rolle. Der „AlLeberg". Panorama vom Qllteberg bei Lollar. Ausblicke in hessische Landschaften und Einblicke ins Bolksgemüt. Von Studiendirektor Pfarrer a. D. Wilh. Schuster von F o r st n e r, Schloß F. (Lahn). Giordano Bruno hat das Wort gesprochen, daß der Mensch auf der Grenze zwischen sinnlicher und überirdischer Welt, am Horizont der Natur, auf der Scheide zwischen Ewigkeit und Vergänglichkeit flehe. Wohl wahr; und besonders fühlt man ihm dies nach auf Dergeshöhen! Vielleicht war darum auch der Nazarener ein Frermd der Berge. „Alteberge" gibt es in Hassen mehr denn einen. Das hessische Volksgemüt fühlt sich zu dieser Denemnmg verpflichtet, wenn ein (Berg einigermaßen höher als andere aufragt Das Akter ist gleichbedeutend mit Höhe, Würde, daher der „Alteberg" gleich hoher Berg, mons altus; vielleicht sogar kommt unmittelbar von diesem lateinischen Wort vielfach die deutsche Bezeichnung. Und selbst im wörtlichsten Sinn hat diesmal die Volksseele das Richtige ersaßt in geologischer Hinsicht; hier in Ober- und noch in Niederhessen sind die „Alteberge" meist alte geologische Bildungen, Dasaltauswürfe, zum Teil In Säulen gepreßt; der Erdgeist, 6er „Alte", geformt ins Sichtbare und Zeitliche. Wenn ich auf dem Alteberg bei Lollar-Odenhausen stehe, begrenzt den Blick am Horizont bereits Sandsteinformation in der Richtung nach Marburg zu, und ein Steinbruch leuchtet dort fern weithin. Direkt drunten aber uns gegenüber sind Steinbrüche der rotgrauen Grauwacke; darauf steht das Friedelhaufener Schoß, aus eigentümlichem schwarzgrauem Doleritgestein (Schlak- keulava des Basalt) gebaut Dolerit ist im Randgebiet der Feueresse Vogelsberg erzeugt, von dort Hierher geschafft. Grauwacke aber mutet wie eine sanfte Verbindung zwischen Basalt und Sandstein an. , Um mich her fliegen grüne Drombeerfalter, große Füchse und unser schönster Schmetterling, der Schwalbenschwanz. So wie int Schrei des Vogels die Seele der Landschaft liegt, so wird in den Faltern Gras und Kraut lebendig. Denn nur wo ihre Futterpflanzen sind, da fliegen auch die Schmetterlinge, die bunten, leichtbeschwingten. Sn ihren lebenden Kreaturen offenbart sich der Schöpfung ewige Majestät. So in den drei Bussarden, die drüben über dem Walde wunderbare Kreise ziehen. Des Altebergs Charaktervogel aber ist die Heidelerche, die süß lullende; daneben der Baumpieper mit seinem Kanarienschlag. Wenn nun unser Auge den Horizont absucht nach auffallenden Punkten, so sieht er vier Höhenpunkte. Die Amöneburg und nicht weit davon eine andere ähnlich steile Bildung, die jener gleicht wie Fohaimes dem Fesus auf dem Bild von Leonardo da Vinci; Gleiberg und Vetzberg in entgegengesetzter Himmelsrichtung, mit ihren ragenden Türmen, charakteristisch in der Landschaft stehmrd. Schiffenberg dagegen tote eine geduckte Henne hinter Gießen liegend. Don der Lahnhauptstadt nur schimmernde Dächer in etwas schleierhaftem Luftgebilde. Licht der Wissenschaft leuchtet nicht durch! Deutlich drunten Lollar mit zwei oder drei hohen äabrit- schornsteinen (charakteristische Note) und seiner Verhüttung, zum Damm ausgeschichteter Erdmasse. _ . „r Biele schöne saubere hessische Dörfer im Malenschmuck hüben und drüben. Wie intim schön, freundlich lachend ist doch bte 84 1 hessische Dorflandschaft! Salzböden — da wurde Wohl mal Salz gewonnen auf salzigem Boden —, Frohndorf — ein echtes Fron- und Zinsdorf des Mittelalters —, Dellnhausen, Sichertshausen — das alte deutsche Wort Sigwart steckt drinnen —, Oden Hausen mit urgermanischer, altchattischer Erinnerung an Gott Odin oder Wvutan selber, Lollar (Stätte des Lull), Hassenhausen (bewußte Betonung hessischer Niederlassung, die Thüringer treten erst in der Kasseler Gegend auf) und wie sie alle heißen, die schönen, sauberen Dörfer. Den Blick nach Lollar deckt ein kleinerer Berg, der Lützenberg; wenn er „Lützelberg" hieß, könnte man das Lützel niedersächsisch deuten mit klein, denn es gibt auch niedersächsisch« Einsprengungen im Altfränkischen, Chattischen. Beherrschend aber für die Gegend ist und bleibt die Burg Gleiberg. Der diese mächtige Burg erbaut hat, der Mann, der solches Gemäuer hingestellt, ist ein Mann von Geist gewesen, wogegen wir Gießener Gelehrte doch eigentlich nur kleine Epigonen sind. Sie verstärken alle mit ihrer Gelehrsamkeit, höchstens daß da und dort noch mal das Bild eines alten Theologen oder Juristen in einem Hörfaal hängt. Die Burg aber ragt dauernd — eine Ewigkeit in unserer kleinen Zeit — in die Lande. Sicher, ihr Erbauer war ein Mann von starkem Geist. Wenn aber die Amöneburg, von irgendeinem Punkt in der Runde erblickt (sie leuchtet ja weit ins niederhessische, auch ober- hessische Land hinein), unsere Blicke fesselt, so bemächtigen sich gleich merkwürdige Gedanken unserer Seele. Zu diesem dunkel strahlenden Punkt am Horizont strebten die Füße der Mönche und ihre Schritte hallten in dem von ihnen gebauten Gotteshaus. Was hat die Benediktiner immer wieder nach den Bergspitzen gezogen? Auf solchen gründeten sie ja in typischer Weise ihre Siedlungen. Nichts anderes trieb sie, als was uns alle immer wieder nach den Bergen zieHt. Auf den Bergen ist FreihE, Der Hauch der Grüfte Steigt nicht hinauf in die reinen Lüfte. Goethe erzählt von Schiller, daß er sich diesen Höhengeist auch immer im kleinlichen Getriebe des Alltags bewahrte. Er ist nie Sklave der Gegenstände gewesen, nie Sklave des kleinen engherzigen Talgeistes. „Schiller ist so groß am Teetisch." schreibt Goethe, „wie er es im Staatsrat gewesen sein würde. Nichts geniert ihn, nichts engt ihn ein und nichts zieht den Flug seiner Gedanken herab. Was in ihm von großen Ansichten lebt, geht immer frei heraus ohne Rücksicht und ohne Bedenken. Das war ein rechter Mensch, und so sollte man auch sein!" Amöneburg. Die zwölfhundertjährige Stabt. Aus dem weiten lieblichen Tale der Ohm entspringt jäh und steil der Ebene, 364 Meter hoch, ein Basaltkegel, der auf seinem Haupt als Krone eine Stadt trägt: Amöneburg! Dereinst war diese Stadt eine stolze Königin, jetzt ist sie eine echt-hessische Bäuerin. Mit lachendem Blick sieht der Wanderer schon von weit her die hvchgebaute Stadt. Sv fremdartig der Name klingt, so birgt er doch ein urgermanisches Wort in sich. Amana ... so hieß einst die Ohm und Amanaburg, woraus später Ohmeneburg wurde, wie der Landmann noch heute spricht, wurde der Berg genannt, zu dem im Jahre 722 der heilige Bonifazius kam, der Apostel der Deutschen, und die Kattengrafen Detik und Dierolf von Wotan ab dem Kreuz zuwandte, durch die er auf dem Berge ein Kloster erbauen ließ, um das sich später eine Siedlung legte: daraus wurde Amöneburg, das sich jetzt anschickt, mit Festspielen seine 1200-Jahr- Feier zu begehen! Als Erzbischof von Mainz baute Bonifazius eine Kirche, die er dem heiligen Michael weihte. Später wurde ein Chorherrenstift aus dem Kloster. Bonifazius begnügte sich aber nicht allein mit dem geistigen Besitztum, sondern er wußte auch, Amöneburg, dem Hauptort des ObeAahngaues, die weltliche Herrschaft zu sichern So befestigte er Berg und Ort. Seitdem haben Krieg und Kriegsnot nicht aufgehört, an der Feste zu rütteln. Wiederholt wurde sie zer-r stört und wieder aufgebaut. Unsägliches litten die Bewohner im dreißig- und im siebenjährigen Kriege. Die Geschichte von Amöneburg, die im friedlichen Zeichen des Kreitzes begann, ist mit Blut und Feuer geschrieben. Als der Frieden von Luneville 1802 dem Erzstift Mainz ein Ende machte, fiel Amöneburg an Hessen, das Stift wurde aufgehoben und in eine Domäne verwandelt. Neste der Brrg Kirche und Stift erzählen noch heute von Kriegsgeschrei und Metzeleien, und ebenso die Wüstungen ringsum. Mancher Ort ist dem Erdboden gleich gemacht worden. Verschwunden sind die Hauser auf einigen niederen Hügeln am Berge. So herrlich die Stadt gelegen ist, so dörflich bescheiden sieht es m ihren Straßen aus. Seit dem Befreiungskriege hak Amöneburg üann die Segnungen des Friedens erfahren, die Stadt hat Wasserleitung erhalten. Aus dem Basalt des Felsens werden Pflastersteine gebrochen und der Pflug geht übers Feld, wenn auch der Landmann in Vieser Höhenlage kein leichtes Broterwerben hat. vH Bonifaziusiahr 1922 darf auch an der Erinnerung der Grün- dung der Ohmeneburg nicht vorüber gegangen werden. A. H. 5 (Bin alter Volksglaube im Vogelsberg. Noch heute ist im Volksglauben des Vogelsberger Bauern und Handwerkers eine Ansicht vertreten, die einmal das Gesprächsthema zwischen Goethe und Eckermann bildete, die Auffassung nämlich, daß der Kuckuck im Herbst ein Sperber werde. Eckermann erzählt im 3. Bande seiner Gespräche: „Ein kleiner Falke flog vorbei, der in seinem Flug und in seiner Gestalt große Aehnlich- keit mit dem Kuckuck hatte." „Es gab eine Zeit," sagte Goethe, „wo das Studium der Naturgeschichte noch so weit zurück war, daß man die Meinung allgemein verbreitet fand, der Kuckuck sei nur im Sommer ein Kuckuck, im Winter aber werde er ein Raubvogel." „Diese Ansicht," erwiderte ich, „existiert im Volke jetzt noch. Ja, man dichtet dem guten Vogel auch an, daß, sobald er völlig ausgewachsen fei, er seine eignen Eltern verschlucke. And so gebraucht man ihn als ein Gleichnis schändlichen Andanks." — Sogar Plinius gedenkt der Vorstellung, daß der Kuckuck, sobald er erwachsen ist, die Vögel verschluckt, die ihn in jüngeren Tagen gefüttert haben. Es verlohnt sich sicherlich, den Tatsachen nachzuspüren, die noch heute die Leute im Vogelsberg glauben lassen, daß der Kuckuck sich im Herbst in einen Sperber verwandele oder seine Pflegeeltern auffresse. Zunächst das Auffressen der Eltern! Es ist im Volke bekannt, daß der Jungkuckuk von anderen Vögeln erbrütet und groß- gefüttert wird: ebenso, daß er fast immer von den kleinen Insektenfressern aufgezogen wird. Ist er dann einigermaßen selbständig, so trennt er sich „ohne Dank" von seinen Stiefeltern auf Nimmerwiedersehen. Diese „Andankbarkeit" wurde dann übertrieben, indem man sagte, das undankbare Kuckuckskind fresse seine Ernährer auf. And nun zur Metamorphose in einen Raubvogel! Dieser Glaub« baut sich auf zwei Tatsachen auf. Erstens verstummt der im Frühling immer auffallende Paarungsrus unseres Vogels im Sommer, woraus die Leute schließen, daß er sich in ein anderes Wesen verwandelt hat. In Wirklichkeit aber schweigt der Kuckuck, wenn die Liebeszeit vorüber ist, und zieht im Herbst weg. Der Sperber dagegen, den man in der warmen Jahreszeit nur sehr selten zu Gesicht bekommt, weil er sich während der Brutzeit verborgen hält, kommt im Herbst und Winter nahe an die Dörfer und scheut sich nicht, seine Raubzüge auf die Hühnerhöfe auszudehnen. So tritt im Volksglauben der Sperber an des Kuckucks Stelle. Ger zweite Hauptgrund für den Glauben an die Art- Verwandlung ist die tatsächlich vorhandene Aehnlichkeit zwischen Kuckuck und Sperber. Denn das Gefieder des Kuckus ist „ge- fperbert". Man nennt ja auch gewisse Hühnerrassen „Kuckick- sperber". Ferner ähnelt auch der an einem Waldrand entlang fliegende Kuckuck in seinem Flugbild, seinen Bewegungen und seiner ganzen Gestalt bei oberflächlicher Betrachtung so sehr einem das Gelände nach Beute abfuchenden Keinen Raubvogel, daß eine Verwechslung nicht ausgeschlossen ist, was sicherlich auch zu dem Aberglauben im Vogelsberg mit beigetragen hat. f. Der Landwirtschaftliche Lehrfilm. Der Zentralausschuß für Landlichtspiele in Berlin hat es sich zur Aufgabe gemacht, gute Lehr- und Anterhaltungsfilme auf öas Land zu bringen, um so der Landwirtschaft Kenntnisse spielend zu vermitteln, die sie unbedingt besitzen muh, um ihre großen Aufgaben restlos zu erfüllen. Di« landwirtschaftlichen Lehrfilme behandeln Fragen aus dem Ackerbau, der Saatzucht, der Schädlingsbekämpfung, aus den Gebieten der Tierzucht und der Tierheilkunde. Eine Zusammenstellung einiger Filme, die bereits ausgenommen worden sind, gibt Major a. D. R. Klein- Hans (Berlin-Lankwitz) in den „Mitteilungen der Deutschen Landwirtschastsgesellschaft". Ein Film behandelt z. D. die Lüneburger Elbmarsch und ihre Rindviehzucht, ein anderer die Rindviehzucht im Jeverland und in der Wesermarsch, ein dritter die Viehzucht im Allgäu im Verein der dort geübten Wiesen- und Weidenwirtschaft. Der Diehzuchtfilm Anterfranken zeigt dagegen die Viehzucht in einer Gegend, in der der Ackerbau eine Rolle spielt, und wo deshalb zumeist die Zucht von Zugochsen betrieben wird. Ein Melklehrfilm ist in der Molkerei-Lehr- und Versuchsanstalt Kellen bei Cleve aufgenommen worden. Berühmte deutsche Stätten landwirtschaftlicher Pflanzenzucht, nämlich Friedrichswert m Thüringen und der Ackermannsche Gutsbetrieb in Irlbach (Niederbayern), erscheinen gleichfalls im Bilde. Der große deutsche landwirtschaftliche Pflanzenzuchisilm führt in die Heimat einiger älterer praktischer Pflanzeiizuchtstätten und zu den wichtigsten wissenschaftlichen Anstalten dieser Art. Aus dem Saatzuchtbetrieb des Herrn von Lochvw in Petkus zeigt uns ein Film die Kunst, dem ertragarmen Sandboden höhere Ernten durch Züchtung des Roggens abzugewinnen. Aeber die- Bedeutung der Gungersrage belehrt uns der vorzügliche Kalisilm, die hohe Bedeutung des Kalis für die Deutsche LandwirifHaftsgefellschaft geht aus den Bildern, die er zeigt, hervor. Aus den Lehrfilmen über Schädlingsbekämpfung erwähnt Kleinhaus den Film, der den Rapsglanzkäfer zeigt. Schriftleitung: 3. V.: Karl Walther. - Druck und Verlag der Brühl'fchen Aniv.-Buch- un^ieindruck^stN? Lange, Gießen.