tiMtffBFJW L 8S.Ä iTÄMI HSS Äff 9 HM ZLsÄSg- & §&8 st ff Ba^SBllV LSS? Nr. 34 1922 Samstag, 26. August LL8. C/ ISi Blumenschmuck im Hause. Don Dagobert Winter. I. Wenn man behauptet, die Freude an den Blumen, an deren Duft und Farbe, sei eine angeborene, allen Menschen eingepflanzte, so ist das nur in dem Maste wahr, wie auch anderq gute Eigenschaften, die Liebe zur Wahrheit zum Schönen E-uten angeboren erscheinen, aber erst durch Erziehung ausgebildet und gereift werden müssen, wenn sie nicht verborgen bleiben sollen. Erziehung und Gewohnheit sind in dieser Beziehung gar mächtige Faktoren: dazu kommen noch die Eindrücke der Kindheit, die einen Lurchs ganze Leben begleiten. Die ErzieHung zum Schönen gründet sich auf die natürlichen, allgemein menschlichen Anlagen, aber sie wird beeinflußt von Mode und Borurteil und bleibt daher ebenso vielen Modalitäten und Veränderungen unterworfen, wie die Erziehung überhaupt. Eine nüchterne, auf das reine Äützlichreitsprinzip sich stützende Richtung betrachtet Las Schöne nur vom Standpunkt des Geldes — oder praktischen Genußwertes aus: eine in sich harmonisch abgeschlossene Kultur pflegt das Schöne um seiner selbst willen vom ideal menschlichen Standpunkt aus, und in dieser Beziehung sind zufriedene, von dem Verkehr abgeschlossene Landleute oft den gebildeten Kreisen in Städten überlegen. Eine außerordentliche Blumenfreudigkeit mußte im alten Aeghpten herrschen. Die Abbildungen in Tempeln und Palästen führen uns vorzugsweise Blumen vor, und namentlich ist es die 'heilige Lotosblume, der wir in Verbindung mit dem Papyrus fast überall begegnen. DieseB ume sand die vielseitigsteDer.vendung. Man verkaufte sie, 'wie H. Klein schreibt, auf Straßen und Märkten, pflegte sie in Kübeln Und Töpfen, stellte sie als Zimmerschmuck in zierlichen Alabaster-- und Tvnvasen auf und erfreute sich an ihren lichten Farben und am zarten, zimtartigen Geruch der Blüte. Lotosblumen waren das bevorzugte Geschenk der Liebenden : man trug sie als Amulet aus Holz und gebranntem Ton. Es galt als ein Zeichen feiner Sitte, nicht nur bei großen öffentlichen Festen, sondern auch in Privatkreisen und Gesellschaften, mit einer Lotosblume in den Händen zu erscheinen. Den Gästen wurde oft ein Blumenkragen um den Hals gelegt, ihr Haupt gesalbt und mit Kränzen geziert, aus denen eine Lotosknospe über die Stirn Herabhing. Auf Bildern von Festmahlen tragen die Gäste Lotosblumen in der Hand, die von den Dienern und Dienerinnen immer durch frische ergänzt werden. Wie in Aeghpten war es auch in Griechenland mit der Vorliebe für Blumen bestellt. Die griechißchs Ornamentik ist eine ins Detail ausgebildete Dlumensprache. Krönende und abschließende Glieder, Derbindungs- und Kvnfliktsshmbole, wie wir solche an den Vasen und Tempelmalereien, an den Marmor- und Bronzearbeiten sehen, sind fast ausschließlich dem Pflanzenreiche entnommen. Der Lotos und das Palmenblatt, Efeu- und Lorbeer» kränze und vor allem der plastische Akanthus finden eine weitgehende Anwendung. Eine solche allgemeine Verwendung der Blumen für Dekoration kann nicht auf eine gewisse Laune der Besitzenden zurückgähen, sondern kann nur aus dem breiten Boden einer ganzen Volksseele erwachsen. Tatsächlich finden wir selbst von einigen Schriftstellern dieses bestätigt. „In Griechenland," schreibt einer, „war es allgemein Sitte, Blumen und Sträucher in Gefäßen zu ziehen, und zur Zeit des Perikles gab es bereits in Athen Dachgärten und mit Topfpflanzen beschattete Dächer. Reiche pflegten Blumen in silbernen und korbartigen Gefäßen und Vasen, Minderbegüterte in Weidenkörben und Holzgefäßen. Diele neue Blumen wurden eingeführt, und der Rosenkultus gewann größere Ausdehnung. Als Dionysos aus Asien nach Griechenland zurückkshrte, wurde er von Aphrodite mit einem Rosenkranz statt des Efeus geschmückt." Der Verbrauch an Blumen beim Tempeldienst und bei Festlichkeiten, sogar bei jedem großen Gastmähl war ein viel größerer als bei uns, und durch Gebrauch waren gewisse Blumen zu bestimmten Zwecken vvrgeschrieben. Die Dlumenverkäuferinnen und K ra uz winde rinnen bildeten eine Art Kunstzunft, und mehrere sind seinerzeit berühmt getvvrden, wie die Glycera, welche Pausias in einem Bilde verewigt hat. Dieses Blumengeschäft der Griechinnen hat sich bis in die Römerzeit erhalten, allerdings auch die nach unseren Begriffen etwas freie Auffassung des Lebensgenusses derselben. Da die Blumen bei den Griechen eine bestimmte Bedeutung hatten, viese besonderen Göttern geweiht waren, so mußten die Blumenkünstlerinnen mit der Mythologie genau bekannt fein. 2lber die meisten Ansprüche an die Dlumenwelt machte schon damals wie 'heute noch Eros, der Bezwinger der Herzen, und ein griechischer Dichter legt deshalb einem Blumenmädchen folgende Worte in den Wtlüd: Zarten Rarzissus will ich mit duftender Myrt'hr umwinden. Lächelnde Lilien auch bind' ich mit Veilchen zum Kranz: Lieblichen Krokus dazu und die zarte Blum' Hyakinthus, Rosen auch flecht ich darein, Liebender schmückende Zier, Daß sie umschlingen das Haupt, das umduftete, Heliodoras! Selbst die individuelle Vorliebe für einzelne Blumen finden wir schon 'hoch entwickelt, und das duftende Veilchen war die Rativnalblume der Athener. In den Städten gab es regelmäßige Blumenmärkte, deren Besuch an Festtagen ein außerordentlich großer war. Der Mittelteil des römischen Hauses, das Cavaedium, unseren unbedeckten Höfen vergleichbar, mit einem Wasserbasin in der Mitte, 'hatte um dasselbe einen Rasenplatz, auf dem Lorbeer, Myrten, Rosen, oft auch geschnittene Zwergbäume standen. 3n kleineren Häusern werden solche und ähnliche Bäume in irdenen oder steinernen Gefäßen aufgestellt. In Pompeji sand man fortlaufend aufgestellte steinerne Tröge, worin Pflanzen, wahrscheinlich Schlingpflanzen, gezogen wurden. Auch zwischen den Säulen des Periflhls standen Vasen mit Blumen und grünen Pflanzen ab- wechselnd mit den Erzeugnissen des Erzgusses und der Marmorplastik. — Je mehr die Bauplätze beschränkt wurden, desto mehr wurde auch der Raum für das Peristhl and den daran schließenden Hausgarten eingeengt, und man kam deshalb auf den Ge- danken, auf den Dächern Gärten anzulegen, welche schließlich so häufig wurden, daß in den Rechtsbüchern besondere Bestimmungen erlassen wurden. Auf dem sorgfältig vorbereiteten Boden dieser Gärten standen die Pflanzen in tiefen, viereckigen Kästen, in Gefäßen von Ton und Blei. Wer keinen Dachgarten 'hatte, begnügte sich mit einem weinumrankten Portikus am Hause. Auch die Fenstergärtnerei, welche in Kästen Blumen, aber auch Schnittlauch, Petersilie und dergleichen zog, war bereits im alten Rom bekannt. Wie in Griechenland und bei den alten Völkern überhaupt, war auch bei den Römern die Rose die Blume der Blumen, die Königin, welche überall angepflanzt wurde. 3d> will die fabelhaften Angaben über- die Verschwendung der Rvsenblätter bei Festen und Mahlzeiten nicht wiederholen, nicht erwähnen, daß der Fußboden oft tief mit Rosenblätiern bedeckt war. daß nach — 134 - Mahlzeiten Rvsenblätter von der Deck tme etnRegen herab- aeMättet baß Kränze am8. Rosen allgemein getragen mürben. Minins kennt bereits zehn Arten. derCenttfoNem-- Aebm der Lose fand eine besondere Pflege der Efeu, außerdem die Orange urtb der Oleander, der durch Alexander nach Griechenland und Von da nach Rom kam. Mit der Aufnahme des Christentums gewinnt der Blumen- Bult «ine anbere Richtung. Die Kirche wird von da nn bn Be- schütz erin der Blumen, und je mehr im Mittelalter derBlumM im SSauk Ku rücktritt, desto mphr bleibt derselbe in derKtr^ LmiL W ist char^istisch für diese Zeit, daß in Denkmalmr ter Kunst die Pflanze mit ihrer natürlichen Farbe urS Freche immer mehr Wrücktritt. Die romanische und ine goMcye <)eil «l7tzen die römischen Blumengewinde mit steifen Stern ha^ arbeiten und Dem geometrischen Maßwerk, kaum daß M spateE Kl echzewe Matt« an ben Säulmkapitellen schüchtern sich E^Erst^mtt^ Renaissance tritt die Blume wiederin ihr m»nfrh,ri*e6 Röcht ein Die Kunst wirb weltlich menschlich IM LLn^ttE^s Wortes, Giotto unb van.Dyck ^ingm au £ Bildern mit Borliebe Blumen an bte antiken Kunst kckLvkunaen werben ausgegraben und studiert, unb eine neu AnuMreudige unb genußsüchtige Wett se^t ih^Z^Estehung unb üeht in weltliche unb kirchliche ©ebaube em. Rus vor übergehmden Dekorationen der Gebärche schoPfM bie ^nstler ihre Anregungen zu den prächtigen Pilaster- und Friesoer rationen, zu den Einfassungen und ^Ea'hmungen der gewaltigen Kirchentüren, und ein lustiges Arabeskenwerk (mchst m dem Heu tigen Sinne) suchte die Kunst der spanischen Moslemin m das sonnen verklärte Italien zu übersetzen. olus- Mnrenr und Venedig werden bte Blumenstadte nut ^uus» zeichming" es erscheinen die Dichter bei öffeilllichen Festlichkeiten wi3er mit den Kränzen auf dem Haupte, Blumen^ vor aikm Rvsenfeste werden in Szene gesetzt und an Stelle der christlich Legenden treten kostbare Sagen aus dem Altertum^ , - Die von den Antiken entnommene Groteske die Berbindung von pflanzlichen und menschlichen Formen, mußte erklärt werden, unb man erfand dafür die schone Sage von den Kriegern Mermr bers die einst auf einer Wiese einen wunderschönen Gesang hörten unb bei näherer Nachforschung sahen, daß dtefer Gesang dorr ätherischen Mädchen komme, deren Düsten aus seltsam geformten Blüten herauswuchsen, die mtt der Sonne sich öffneten unb am Abend verwelkend sich schlossen Ebenbürtig dieser allgemeinen Freude an bei: /^tur uud ffiren Blumen stehen bte Ziergärten der Renaissance da, bevölkert mit den ^heitersten Erzeugnissen der bildenden Kunst. (Schluß folgt.) PerfönUche Erinnerungen an Ernst Possart Don Friedrich Roack. Während meiner Gymnasiasten- und Studentenjahre In 6em lieben Gießen litt ich, wie so mancher Jüngling, an einer heftig«: Dheaterschwärmerei. Bei allen Aufführungen m Privatgefeft- schaften und in den Kasinos benachbarter Landstadtchen wurde ich zugezogen, um bald eine komische, bafi> «ne Liebhaberrolle zu mimen, unb glaubte infolgedessen ernstlich, sur die Bretter geboren zu sein, die die Welt bedeuten. In besonders wertvoller Erinnerung steht mir noch eine Wohltätigkeitsvorstellung im Klubsaal, wo ich zugunsten irgendwelcher äleberschwemmten in einem Lustspiel zusammen mit Marie Wittich, der später berühmt gewordenen Dresdener Wagnersängerin, ausgetreten bm leider nicht als ihr Liebhaber, sondern nur als ihr dicker Onkel den ich mit Hilfe der Hosen des korpulenten Rechtsanwalts Franz Eckstein spielte. Ich bin sogar einmal, wie ick- heute nach fast einem halben Jahrhundert auch öffentlich eingestehen darf, auf einer wirklichen Bühne mit echten Schauspielern aufgetreten. Es war in dem Leibschen Saal, wo vor der Gründung des Gießener Stadtkhsaters jeden Winter eine wandernde Truppe bte neuesten Berliner Lustspiele und Operetten zum Besten gab. "Direktor Kurde kündigte mich auf dem Zettel mit beit üblichen drei Sternen als einen ungenannten „hiesigen Dilettanten" an unb machte damit ein vrltes Haus. Als ich ihn am folgenden Morgen um sein Urteil über meine Befähigung fragte, tat er sehr wichtig und erklärte mir ziemlich von oben herab, es werde aus mir nichts recktes werden, denn ich hätte bte Figur eines Helden und das Talent eines Komikers. Ich war natürlich mit diesem abfälligen Urteil des Schmierendirektors nicht zufrieden, beschloß, an eine höhere Autorität in ber dramatischen Kunst zu appellieren und reiste ein ^Halbes Jahr danach geradewegs nach München, wo Ernst Possart damals Direktor des Hoftheaters war. Ich erwartete nichts mehr und nichts weniger, als baß er meine hohe Begabung sofort erkennen unb mich sofort dabehalten würde, um mich den Orest in Goethes Iphigenie spielen zu lassen, den ich völlig inne Batte, denn ich hatte ihn während geschwänzter Kvllegienstunden im Dchiffenberger Wald den Tannen vordeklamiert. Zu Possart, den ich als Künstler vor allen anderen verehrte, besaß ich. bereits eine persönliche Beziehung, da ich ihn einmal um eine Selbst- schUft für meine Autographensammlung gebeten hatte, bte er Mir auch bereit willig st lieferte. Ich vermeinte daher, baß ich bei Hm kchvu gut eingeführt sei. Gin ISjähriger Schwärmer bildet sich leicht allerlei Schwachheiten ein. An einem heißen Junitag kam ich. nach langer Rachtfahrt in München an; für den Schnellzugszuschlag von Würzburg an hatten meine Mittel nicht mehr gelangt, ich mußte daher meine Ungeduld in einem Bummelzug zu zügeln versuchen; aber die Erwartung meines baldigen erften unb erfolgreichen Auftretens an der Münchener Hvfbühne ließ mich die Beschwerden leichter ertragen. Rachmittags zog ich durch das Karlstor in den Schauplatz meiner künftigen ruhmvollen Wirksamkeit ein unb ging geradewegs zur Maximilianstraße 34, wo ber große Mime damals wphnte. Mit klopfendem Herzen schellte ich an der Pforte, denn von der nächsten Viertelstunde sollte ja mein Lebensglück abhängen. In Gießen lebte allerdings ein Mädchen, welches damals auch ein Lebensglück für mich bedeutete, aber ich wußte, daß ihr Papa sie nie einem Schauspieler zum Weib geben würde, und verzichtete daher großmütig auf das Glück ber Liebe um der Kunst willen und kam mir dabei sehr heroisch vor. Also ich klingelte. Darauf antwortete drinnen ein unheimliches Knurren von Hunden, und als das Dienstmädchen die Glastür öffnete, glotzten mich zwei mächtige dänische Doggen drohend an, eine wenig ermutende Borbedeutungl Ein Abergläubischer hülle sich durch diesen Empfang vielleicht von seinem Vorhaben abbringen lassen; ich glaubte aber allzu fest an meinen Beruf, um durch zwei zähnefletschende Bestien abgeschreckt zu werden. Ich gab bem Mädchen meine Besuchskarte, auf der gedruckt stand „Friedrich Roack, stud. hist.", was eigentlich heißen sollte „Studiosus der Geschichte", von meinen Kameraden jedoch die um meine Dheaterschwärmerei wußten, als „Studiosus Histriv" (Dchauspielerstudent) gelesen wurde. Darauf wurde ich in einen Empfangssalon geführt, worin ein kühles Dämmerlicht herrschte, das nach, dem S)e rumlaufen in der Sonnenhitze mir eine wohltuende Beruhigung verschaffte. Eine vornehme Eleganz gab dem Raum seinen Charakter; nur weniges, aber gediegenes Mobiliar, ein prächtiger Flügel, ein Tisch mit schwerer Plüschdeck, ein paar Polstersessel, an den Wänden kein anderer Schmuck als ein lebensgroßes Bildnis des Hausherrn und etliche Lvrbeerkränze mit golbgebrmften Schleifen vorn Umfang eines Wagenrades. Alles mutete mich, feierlich und vielverheißend an, besonders die Lorbeerkränze, über deren Anblick ich die knurrenden Doggen vergaß. Aus bem Rachbarzimmer, dessen Tür nur angelehnt war, tönten verschiedene Stimmen wie von einer Leseprobe. Das wirkte wieder erfrischend auf mich: ich sah mich selbst schon im Kreise erfahrener Genossen mein Talent ausbilden und auf der Ruhmesletter etnpor- stechen. Dann ging die Tür auf und ber große Mann trat ein. Er bewegte sich gemessen in würdevoller Haltung auf mich zu und schaute mich mit seinen großen leuchtenden Äugen fragend an. Die Erscheinung hatte etwas Majestätisches, obgleich Possart nur von Mittelgröße war und des 'heißen Tages wegen sich sehr bequem bekleidet hatte. Der Hals war frei, über der Brust stand das Hemd offen, der Körper steckte in einem hellgrauen Lüflerröckchen und weiten Hosen, die Füße in Schlappschuhen. Er kam mir aber vor wie „jeder Zoll ein König". Dem Manne gegenüber zu stehen, der in München das entscheidende Wort in Theatersachen hatte und mit dem kunstbegeisterten König Ludwig II. befreundet war, das verwirrte mich nun doch ein wenig und, als er mit seiner prachtvollen Stimme mich nach meinem Begehr fragte, konnte ich nur zaghaft und stockend meinen Wunsch aussprechen, mich der Bühne zu widmen und von seiner erfahrenen Hand geleitet zu werden. Wenn man bedenkt, daß ich durch eine lange Eisenbähnfahrt ermüdet unb übernächtig, auch nicht gerade satt gegessen aussay, so wird man begreifen, daß meine Erscheinung und unsicheres Auftreten dem großen Mimen nicht sehr vorteilhaft erscheinen mußte. Eine Heldenfigur gab ich, in diesem Augenblick gewiß nicht ab. Gr schüttelte daher fein mächtiges Haupt, als ich. ausgesprochen hülle, und erklärte, er glaube nicht, baß ich auf ibem rechten Weg sei, ich mache mir Von ber Bühnenlaufbahn doch wohl falsche Vorstellungen — womit er ohne Zweifel Recht hatte — taub habe wohl kaum die notwendige Eignung für ben Beruf. Da ich in meiner jugendlichen Schwärmerei mir eingebildet hätte, er werde mich begeistert in die Arme schließen, so wurde ich durch Idiesen Empfang nur noch verlegener, ich wagte schüchtern einige Einwendungen, sprach von meiner hohen Liebe zur Kunst und meinen eifrigen Vorstudien, aber mit so ungewisser Stimme, baß Possart mich für einen Schmachtlappen halten mußte. - f „Rein^nein, antwortete er, „Sie tun besser, zu Ihren Studien zurückzukehren, auf ber Bühne würden Sie es zu nichts bringen, Schlagen Sie sich bas aus dem Sinn. Sie haben nicht die erforderlichen Eigenschaften." Und nach einer kleinen Pause führ er fort: „Drehen Sie sich einmal nach bem Licht." Ich wanbte mich, so daß er mein Profil sehen konnte. „Sie haben ja gar keine Rase." sagte er knrzab. Die meinige war allerdings nicht so hervorragend unb kühn gebogen wie die Possartsche, aber ich hatte bisher geglaubt, damit nicht unzufrieden fein zu müssen, da andere schon von meinem griechischen Profil geredet hatten. Ich raffte daher nochmals all meinen Mut zusammen unb entgegnete, daß auf den Brettern doch, viel mtt falschen Rasen gearbeitet würde, und daß ich selbst schon einige Hebung in dieser Art von Vorspiegelung falscher Tatsachen hätte. Possart schüttelte das Haupt: „Rein, mein Lieber, es muß von Ratur schon etwas Gehöriges da fein, sonst gMs nichts. Mich sprechen Sie das Sch fMecht aus. Es kann nichts daraus werden, jedenfalls möchte feine Verantwortung dafür übernehmen." Damit war ich entloffen und stand einen Augenblick später wieder vor der Tur, die Doggen knurrten abermals drohend, und niedergeschlagen wie ein FeÜcherr nach einer verlorenem! Schlacht, schliche ich die Treppe hinab warf noch einen wehmütigen Blick nach dem Giebelgemalde deS Hoftheaters, pumpte mir bei einem entfernten Onkel, der in München wohnte, das Geld zur Heimreise und kehrte zu meinen Studien zurück. Der Theatertraum war verrauscht und nach an paar Jahren wurde ich Zeitungsschreiber. An dieser Wendung metneS Geschickes hat Pofsart ein unbestreitbares Verdienst. Zchn Jahre nach meinem Besuch in München traf ich, zum zweitenmal mit ihm zusammen. Pofsart hatte inzwischen einen Weltoühm erlangt, während ich noch ein ganz unbekannter kleiner Redakteur war, denn ich hatte nach sieben mageren Jahren im hessischen und preußischen Schuldienst gerade erst den Herrsck^rsitz auf der Schriftleitung der Krefelder Zeitung bestiegen. A^r diesmal stattete der berühmte Mime m i r einen Besuch ab. Ec sollte nämlich ein Gastspiel am Krefelder Stadtcheater antreten, welches damals unter der Direktion des trefflichen Anton Otto sich, als eine würdige Pflegestätte des Schauspiels zu entwickeln begann. Auch der größte Künstler pflegt ein Gastspiel damit zu eröffne^ baß er der Presse seine Aufwartung macht, denn er wünscht doch recht preislich in der Zeitung besprochen zu werd«!, selbst wenn dieselbe nur auf dem Rang des Pvsemuckeler Kreisblättchens steht Ich glaubte selbstverständlich, einen höheren Rang im deutschen Blätterwald zu vertreten, und fühlte mich durchaus als Großmacht, als an einem Rovembermorgen 1887 Possart mein ReLaMonszimmer am Reumarkt in Krefeld betrat. Ich empfing ihn aber sehr freundlich denn ich hatte keinen Grund, ihm etwas nachzutragen, nicht einmal die Schmähung meiner Rase, denn meiner jungen Frau gefiel diese Rase ganz gut und das war einstweilen für mich die Hauptsache. Rach den ersten einführenden Redensarten rückte ich sofort mit der Enthüllung, heraus, daß «nr alte Bekannte seien, und erinnerte den Gast an die durch ihn 18 erfolgte Vernichtung meiner Theaterträume. Etwas betroffen gedachte nun auch Pofsart des Ereignisses un& fiel ein: „O, da muß ich mich ja Heute noch bei Ihnen entschuldigen, denn ich entsinne mich, daß ich lohnen damals in der Eile allerlei unüberlegtes Zeug gesagt habe." Ich ergänzte lachend: „Ja, Sie b^ Haupteten, ich hätte keine Rase." „So? Das war es, ich weiß selbst nicht genau mehr, was ich in der Verlegenheit dahergeredet habe Ich weiß nur, daß vor Ihnen schon ein Telegramm Ihres Vaters angekommen war, welches mich dringend bat, Sie von der Bühnenlaufbahn abzuhalten. So blieb mir nichts anders übrig, als Irgend etwas, was mir gerade einfiel, zu Ihrer Mschreckung vorzubringen" Als er dann die Hoffnung aussprach daß ichmit der Wendung meines Geschickes unter seiner verantwortlichen Mi^ Wirkung nicht unzufrieden sei, konnte.ich, es freudig bestätigen und htnMfügen, daß ich glücklich sei, durch meinen jetzigen Beruf rn nähere persönliche Berührung mit ihm zu kommen und shm vielleicht einen kleinen Dienst zu leisten. An diesen Antrittsbesuch Possart« knüpfte sich in den folgenden Tagen ein lebhafter und freundschaftlicher Verkehr, der gelegentlich eines zweiten Gastspiels In Krefeld 1888 seine Fortsetzung fand. Ich sah Len Künstler damals in mehreren seiner Glanzrollen und habe meiner Verehrung für seine hohe Begabung, besonders auf dün Gebiet des Vortrags, in meiner Zeitung gerne vollen Ausdruck verliehen. Possart war wie die Mehrzahl seiner Berufs- aenossen für eine gute Kritik tn der Presse sehr empfänglich Und zeigte sich mir für die seinem Gastspiel gewidmeten Despre- chunoen ebenso dankbar, wie ich ihn für die gebotenen künst- lerischen Genüsse war. Ich sah ihn u. a. als ^fstock Rathan her Weise, Tartuffe, Rarziß, König Lear, Friedrich der Gcoße in Des Königs Befehl", Rabbi Sichel in „Freund Fritz und Ehrhkale in Molieres „Gelehrte Frauen". Entgegenkommeiw und zugänglich, wie er war, gestattete er mir, ihn in seiner Garderobe während der Pausen ober, während er sich für seine Rolle 6er- richtete, was er stets mit peinlicher Sorgfalt vornahm, zu besuchen, und die Unterhaltungen, die wir da führten, haben Mir manche wertvolle Belehrung für meine Bühiienkenntnis und Ur« teilsfähigkeit über dramatische Kunst geboten. Ich habe auch bie Freude gehabt, ihn als Gast an meinem Tisch zu sehen. Gr saß neben einer meiner Schwägerinnen, deren Rase ihm besser gefiel als die meinige,, denn er machte ihr das Kompliment, sie sei wie geboren für die Rolle der Marie Antoinette wegen ihres feinen Profils Als bleibendes Andenken an sein Krefelder Gastspiel schenkte mir Possart ein großes Album mit Darstellungen seiner Hauptrollen und der scherzhaften Widmung „Seinem lieben F«und Fritz" Zwischen Len beiden Krefelder Gastspielen machte er seine große' und erfolgreiche Reise durch die Vereinigten Staaten und wir verfolgten tn der Presse mit lebhafter Teilnahme seinen mit Lorbeeren und Dollars reich gesegneten Triumphzug burcb das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Dieses hat sich gerade bei diesem Anlaß wieder als solches bewährt, indem au feinem Boden zwei eifersüchtige Nebenbuhler um die Gunst des Theaterpublikurns sich zu gemeinsamer Arbeit zusammenfanden. Um wenige Wochen später trat nämlich auch Ludwig Barnah seine amerikanische Gastspielreise an, hatte aber das Mißgeschick, daß er wohl infolge ungeschickter Anordnungen seines Impresario Hinter Possart herreiste und geringe Erfolge erzielte, nachdem Böf Vorgänger den Oberschaum des Interesses fast überall schon obgeschöpft hatte. Diese bittere Erfahrung bewog dann Darnay, ür den Rest seiner Reise sich mit dem Rebenbuhler zu vereinigen, sie traten von da an zusammen auf, machten volle Häuser und volle Taschen. Gelegentlich seines zweiten Besuchs in Krefeld Hat Possart uns sehr heiter und nicht ohne Selbstzufriedenheit! erzählt, wie er den Kollegen Barnay auf der Reise durch das Land der Hankees ins Schlepptau genommen Habe. Etwa ein Jahrzehnt später erlebte ich in Rom ein seltsames Rachspiel davon. Ich war inzwischen auf der journalistischen Stufenleiter aufwärts geklettert und saß als Vertreter der Kölnischen Zeitung in der Ewigen Stadt. Bernhard von Bülow, der damals deutscher Botschafter beim italienischen Hof war, lud mich manchmal abends zu Tisch, ein, und einmal traf ich im Palazzo Caffarelli mit Ludwig Bariiah zusammen, der auf einer Jtalienreise begriffen war. Es waren nur wenige Personen an der Tafelrunde, und die lebhafte Unterhaltung beschäftigte sich hauptsächlich mit Theater und Kunst überhaupt. Barnah sprach mit hoher Anerkennung von den künstlerischen Neigungen und Fähigkeiten Kaiser Wilhelms II. und pries besonders dessen Anordnungen zu den Festlichkeiten anläßlich des letzten Besuchs des italienischen Königspaares in Berlin. Rach angeregtem Gespräch gingen wir gegen Mitternacht auseinander. Am Portal des Botschaftspalastes schaute Barnatz zu dem Vollmond, der an dem klaren Sommerchimmel glänzte, und sprach den Wunsch aus, das Kolosseum bei Mvndbeleuchtung zu sehen. Ich begleitete ihn im Wagen dorthin und unterwegs erzählt ich ihm von meiner jugendlichen Schwärmerei für die Bühne und wie ich. durch meinen Besuch in München bei Possart veranlaßt worden war, der Theaterlaufbahn zu entsagen. Ich gab scherzend einige Einzelheiten an, die Einwände gegen meine Rase und gegen das Sch Die Wirkung meiner Erzählung war so unerwartet wie drastisch. Barnah faßte auf einmal meinen Arm, daß mir fast die Knochen krachten, und rief, indem er die andere Faust drohend gegen den Mond erhob, mit Stentorstimme aus: „Ha! daran erkenne ich feine schwarze Seele!" Betroffen fragte ich ihn: „Wie meinen Sie das?" „Haben Sie denn nicht gemerkt," fuhr Barnah fort, „warum Possart Sie los sein wollte und Ihnen einen solchen Quatsch Vorrede te? Er hat den künftigen Rebenbühler in Ihnen gefürchtet." Ich konnte mich, nicht enthalten, au lachen, aber mein Begleiter blieb dabei: „Glauben Sie mir, so ist es, ich kenne den Mann durch und durch." Ich habe ihm allerdings nicht geglaubt, fuhr mit ihm ins Kolosseum, und das milde Mondlicht, welches über dem flavischen Amphitheater so ruhig und versöhnend glänzte, 'hat bald auch Barnahs Feuerzorn gelöscht, der wohl ausschließliche amerikanischen Ursprungs war. Zum letztenmal 'habe ich Ernst Possart gesehen, als ich mich 1918 in München niederließ. Ich suchte ihn in seiner schönen Villa in den Dogenhausener Jsaranlagen auf und wurde sehr freundlich ausgenommen. Er war mittlerweile in den Ruhestand getreten, geadelt und mit Ehren überhäuft, aber körperlich war er nur noch eine Ruine mit der Last seiner 77 Jahre und einer ruhelosen aufreibenden Tätigkeit. Doch das Auge glänzte noch feurig und feine Stimme klang immer noch wie eine Glocke. Gr ist in jenen Tagen ausnahmsweise bei irgend einer Münchener Dühnenjübelfeier noch einmal aufgetreten, es war seine letzte Künstlerleistung. Wenige Monate danach siedelte er in seine Vaterstadt Derlln über und ist dort bald verschieden, ©ein Nebenbühler Darnah hat ihn überdauert und konnte in diesem Jahre den 80. Geburtstag begehen. Die Wasserversorgung der Stadt Gießen. Von Direktor S t e d i n g, Gießen. (Schluß.) ' Wenn nun auch das Pumpwerk Queckborn in den ersten Jahren pur stundenweise in Betrieb war, so änderte sich das Bild als im Jahre 1896 die Eisenbahn dazu überging, ihr sämtliches Trinkwasser und das Betriebswasser zur Speisung der Lokomotiven von dem Wasserwerk Gießen zu beziehen. 3m Jahre 1900 hatte sich der Wasserverbrcmch schon so gehoben, - daß eine Maschine Tag und Nacht durchlaufen mußte und bereits 1904 wurde eine dritte. Dampfpumpe von 2880 Kubikmeter Tagesleistung eingebaut, bei welcher Gelegenheit das Maschinenhaus in Queckborn vergrößert werden mußte. Zu gleicher Zeit wurde die Quellfassungsanlage auf dem Quckborner Gelände erweitert, indem 2 weitere Schachtbrunnen erbaut und für den 4. Brunnen die Vorarbeiten borgenommen wurden. Nachdem die Kliniksbauten und die Heil- und Pflegeanstalt ferttggeftcITt und in Betrieb genommen waren, mußten sämtliche Pumpen fast täglich in Betrieb genommen werden. Um nun die erforderliche Krise!- und Maschinenreserve zu 'haben, wurde im Jahre 1910 ein Zweiflamrnrvhrkessel von 65 Quadratmeter Heiz» Näche und 10 Atmosphären Ueberdruck und eine moderne Heitz- dampfmaschine mit direkt gekuppelter Pumpe von 7800 Tages- Kubikmeter eingebaut. Die von dem Pumpwerk nach dem Hochbehälter führende Zubringerleitung von 275 Millimeter l. W. genügte bald nicht mehr. Es wurde deshalb in den Jahren 1913/14 eine Parallel- leitung Von 400 mm Duvchm. ausgefüHrt, öle in der ersten Hälfte des Monats Auaust 1914 in Betrieb genommen werden konnte. Dachst dem Hochdrnckbehälter wurde eine Hmfühningsleitung und eine besondere Zubringerleitung hergestellt die gestatten, daß die sehr hoch- gelegenen Gebäude der Stadt (Lupusheim, Hautklinik u. a.) direkt Wasser aus der 400-Millimeter-Zubringer- leitung erhalten; es wurde hierbei die 1894 ausgeführte Ber» bindungsleitung zwischen Hoch- und Diederdruckbehälter nut zur Hilfe genommen. Geplant war ferner der Bau eines noch hoher liegenden und größeren Wasserbehälters und die Herstellung einer Zubringerleitung zwischen diesem Bshülter und dem Vtadt- rvdrneh Dieses Borhaben wurde durch den Krieg emstwerlim zu Fall gebracht. - Die im Jahre 1913/14 gebaute Parallel- leitung hat 348 000 9M. gekostet, heute wurden hrerzu mindestens 48 Millionen Mark erforderlich sein „ Gelegentlich der Feldbereinigung im Dorfe Qusckborn konnten die nach und nach gekauften Grundstücke vertauscht und 1919 mit dem Quellgebiet vereinigt werden, das letzt einen Flacheninya.t von 22 940 Quadratmeter hat. Bon 1919 ab begann für das Wasserwerk eine schwere Zeit. Infolge der geringen Diederschläge in den letzten Jahren ist der Grundwasserspiegel allgemein gesunken wodurch die unteriwis yrn Wasserzuflüsse stark beeinträchtigt wurden. Heberall war Wasser- mangel und auch in Gießen setzte im Sommer 1920 und verstärkt im Jähre 1921 Wassermangel ein. Dur durch kräftiges Mls- saugen der unterirdischen Wasserbecken gelang es, die Wasserabgabe einigermaßen erträglich zu machen. Lange Wochen haben die Pumpmaschinen eine Saushöhe von 8 Meter und mehr überwinden müssen, aber Dank der Dichtheit der Saugleitung und der Pumpen ritz der Wasserfaden nicht ab und der Devülkermig konnte leidlich Wasser, wenn auch nicht immer in ausreichender Menge und mit genügendem Druck, zugMhrt werden- Durch das allgemeine Sinken des Gvundwasserstandes ver- anlatzt wurde im Frühsommer 1921 mit dem Bau von Filterbrunnen in Queckborn begonnen und im August konnte 1 Brunnen, der etwa 500 Tages-Kubikmeter liefert, in Betrieb genommen werden und die Wasserkalamität etwas mildern. Da auf dem Queckborner Quellengebiet Tiefbvhrungen nie vorg.^ nvmmen waren und über die Hntergrundvethältnisse vollständig .Unklarheit herrschte, beschloß die Stadtverwaltung nach Anhörung von Sachverständigen, vor Herstellung des zweiten Futer- brunnens eine Tiefbohrung niederzubringen. Bei einer Tiefe von 25 1 Meter, nachdem etwa 8,5 Meter Letten, 5 Meter fester blauer Basalt 25 Meter Basaltlava und 10 Meter zerklüfteter Basalt durchfahren war, sprudelte das Wasser so stark hervor, daß das Dohren, das mittelst Freifall geschah, Schwierigkeiten machte und eingestellt werden mußte. Aber alsbald kam das Anvorhergesehene: Die Schachtbrunnen lieferten nur noch wenig Wasser. Der Beweis war nunmehr erbracht, daß die Brunnen untereinander in Verbindung stehen, was von vielen, die das Queckborner Quellengebiet kennen wollten, bestritten wurde. Der neu erbvhrte tiefe Filterbrunnen wurde, um die Wafserver» sorguna der Stadt Gießen nicht zu gefährden, schnell durch eine Rohrleitung mit dem Schachtbrunnen provisorisch verbunden. Der Masst Zuwachs durch den 2. Filterbrunnen wurde mit 1800 Tages-Kubikmeter festgestellt. Dunmehr wurde auch in einer der Stadt Gietzen gehörenden, ganz in der Dähe des tvestlichen Teiles des Quellengebietes liegenden Wiese eine weitere Bohrung niedergebracht, die bei 50 2 Meter Tiefe kein Ergebnis brachte und deshalb aufgegeben würde. Der Basalt wurde hier erst bei 34 Meter Tiefe an- g et rossen und war mit verhärtetem Ton durchsetzt. Bei 40 Meter Giese brach der etwa 25 Zentner schwere Bohrer ab, er wurde aber nach 3 Wochen mühseliger Arbeit gefangen und an das Tageslicht befördert. Das vierte Bohrloch wurde un südlichen Teil des Quellengeländes angesetzt und 40,4 Meter tief gebracht; auch hier wurde der Basalt, der Toneinlagen aufwies, erst in einer Tiefe von 31,6 Meter angetroffen. Dieses Bohrloch ist kürzlich ausgebaut und liefert täglich 700 bis 800 Kubikmeter Wasser. Sämtliche Filterbrunnen find bzw. werden durch Heberleitungen mit den vorhandenen Schachtbrunnen verbunden. Die Tiefböhrungen haben über den südwestlichen Teil des Qurllen- geländes Aufschluß gebracht und erwiesen, daß eine Störung in der Lagerung der Schichten in dem Quellengebiet vorhanden ist. Durch weitere noch vorzunehmende Bohrungen soll der übrige Geländeteil weiter erforscht werden, eine Maßnahme, die nach dem Erwerb des Quellengebietes im Jahre 1893 leider versäumt worden ist. Die Militärverwaltung baute anfangs .der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts, gelegentlich der Kafernenbauten an der Grünberger Straße eine eigene Wasserleitung und besitzt dieselbe heute noch. Die Quellen dieser Leitung befinden sich in den Anneröder Wiesen längs der Grünberger Straße. Die Qurllen- anlage ist später erweitert worden. Die Hauptquelle befindet sich jetzt 1 Kilometer oberhalb des Hochdruckbehälters, etwa 250 Meter rechts von der Grünberger Straße, entfernt. Die Brunnenstube dieser Anlage dient gleichzeitig als Bvrratsbehälter. — Auch die Hniversitätskliniken besitzen eine eigene Wasserleitung. Die Quellen dieser Wasserleitung bestnden sich an den Abhängen deS Anneberges in der Dähe des Schiffenberges und Bringen 50—80 Tages-Kubikmeter Wasser. Der Wasserbehälter der Klinikswasserleitung liegt unweit der Schönen Aussicht. Das Wasser der Gietzener Quellwasserleitung wird regelmäßig monatlich von dem Direktor des hygienischen Instituts 6er Universität und von dem chemischen Hniersuchungsamt der Provinz Obesthessen, sowohl bakteriologisch als auch chemisch untersucht. Es war immer vollkommen einwandftei und von vorzüglichster Beschaffenheit. Zum Schlüsse einige Zahlen über die Zunahme des Wasserverbrauches. Es wurden insgesamt gewonnen im Jahre 1890 ...... 210 000 Kubikmeter 1900 .•••• 730000 Kubikmeter 1910 ...... 1 480 000 Kubikmeter 1920 ...... 2 630 000 Kubikmeter Wasser. Die Höchstleistung fand im Jahre 1918 mit 3 150 000 Kubikmeter statt, als das Gefangenenlager noch in Betrieb war. Interessant ist der Wasserverbrauch je Kopf und Tag der 5 hessischen größeren Städte. Dach der Statistik 1916 verbraucht Offenbach.........81 Liter Mainz......... . 89 Liter Darmstadt...... 168 Liter Gietzen .........178 Liter und Worms .........199 Liter. Das gesamte Dohrneh der Gießener Wasserleitung hat eins Länge von rund 99 Kilometer, es ist somit länger als die Bahnstrecke Gießen—Darmstadt. Hebet 2500 Haus- und Gartenanschlüsse sind mit dem Rohrnetz verbunden und 450 Hydranten stehen Mr Löschung eines Brandes gur Verfügung. Die Gesamtbaukvsten des Gietzener Wasserwerkes betrugen BH Ende 1921 rund 2800000 Mark. An Schulden waren am 1. April 1922 noch 1270000 Mk. vorhanden. Literatur: 1. „Aus Gießens Vergangenheit!" von Prof. Buchner. 2. „Das Journal für Wasserversorgung." 3. »Da« Gemeindeblatt für die evang. Kirchengemeinde Gießen und 4. »®te Akten der Stadt Gietzen und des Wasserwerks". Der Siebenschläfer. Von Präzeptor Js. Lucius. Kaum ist dem Volk eine Wetterregel so bekannt und geläufig alS die vom Siebenschläfer: Regnets am Siebenschläfer, so tritt eine siebenwöchentliche Regenzeit ein. Und diese Wetterregel ist vollständig richtig, nur mutz man den Siebenschläfertag nicht, wie es im Kalender steht, auf den 27. Juni, sondern nach dem alten Kalender auf den 9. Juli verlegen. 2llle alten Wetterbüchlein, wie sie dem in Marburg verstorbenen Literarhistorikr Aug. Vilmar Vorlagen und nach denen er mit der ihm eigenen Akribie über 40 Jahre lang das Wetter beobachtete, stellen ihre Regeln nach dem alten Kalender auf, der mit dem neuen um 14 Tag» Srrtert; sie stammen aus dem Ende des 15. Jahrhunderts und bis Ende des 17. Jahrhunderts gar oft gedruckt worden, Im 17. Jahrhundert wurde der sog. Hundertjährige Kalender geschrieben, der neben wichtigen Regeln eine Menge der seltsamsten und stmilvsesten Dinge, namentlich Wetterprophezeiungen auf alle einzelnen Tage, brachte. Gerade letzteres wollten die alten Wetterbüchlein nicht, sondern sie gaben gewisse Werdetage Be8 Wetters an, an denen unter bestimmten Voraussetzungen diese oder jene Witterung eintritt, ja zuverlässig eintreten wird. So gibt eS ganz bestimmte Voraussetzungen für die Frühjahrs-, Sommer- und Winterwitterung, und wer sich die Mühe gibt und Sinn dafür Hat, diese Voraussetzungen richtig zu beobachten, bet wird auch den rechten Gewimi davon haben. Also der Siebenschläfertag! Hm den 8. Juli — dieses Jahr stimmte es genau mit dem Siebenschläfer des alten Kalenders, dem 9. Juli — pflegt eine Deiünderung der Witterung einMtretsn. Ist der Juni veränderlich nach Maßgabe der kritischen Tage, so endigen in dem Falle, daß die Periode des Juni ungünstig ausfiel — und in diesem Jahre war sie ebenso ungünstig wie die Märzperiode — die schönen Tage entschieden mit dem 8. Juli für den ganzen Sommer, wenigstens bis Mm 19. August. Der 19. August ist in sehr regnichten Sommern — in diesem Jahre rechne ich bis jetzt 25 Regentage mit 1300—1400 Millimeter Diederschlag — ein entscheidender Tag; man kann mit Bestimmtet darauf rechnen, daß an diesem Tage eine oft durch ganz besonder« schönes Wetter ausgezeichnete Pause im Regnen eintritt; selten dauert jedoch diese Pause länger als 8—10 Tage. Ich möchte diese Beobachtungen, die ich nun schon über 30 Jahre gemacht und richtig befunden habe, den Lesern mitteilen, die sonst Hoffnungslos dem jetzigen betrübten Wetter zuschaueu. Schaden hat der schwere Regen wohl schon genug getan an der gemähten Frucht, die draußen liegt; hoffentlich leiden die Kartoffeln nicht, die eine so herrliche Ernte versprochen haben! HebrigenS wird wahrscheinlich die Mitt» des September sehr niedrige Temperatur bringen. Es wird zu wenig die 4. Bitte des hl. Vaterunsers gebetet, in der auch das „gute Wetter" miteinbegriffen ist! Schristleitung: August Goetz. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gietzen.