Nr. 12 Samstag, 25. März 1922 E WM äQiltij LWL'i M8MA Aus der Jett des 7 jährigen Krieges. Die Franzosen in Gießen 1758—1762.*) Don Dr. H. Bergör. Die Drangsale, öle die Universität und ihr Lehrkörper während der Besetzung Gießens von den Franzosen in den Jahren, 1758—1762 durch die Beschlagnahme der Hörsäle und deren Herrichtung zu Lazaretten erlitten, sind in den „Familienblät- lern" in einem früheren Aussatz auf Grund der Hnivetfitäts- Archivakten (Militärangelegenheiten) geschildert worden. Hebei die Böte Her ganzen Stadt und ihrer Bürgerschaft während dieser Zeit ist uns ein weiterer Bericht erhalten, der nieder gelegt ist in chronikalischen Aufzeichnungen in einem alten Familienbuch eines Gießener Bürgers, die eine wertvolle Ergänzung zu jenen Akten bieten. 3n nachstehender Darstellung der Zeitgeschichte wird, soweit es sich um lokalgeschichtliche Geschehnisse handelt, vorzugsweise wortgetreu der gewissenhafte, von persönlichen Eindrücken diktierte Bericht unseres Gewährsmannes seine Stelle finden. Im Herbst 1758 war die französische Armee unter dem Prinzen Soubise aus den Kantonierungsquartieren bei Kassel aufgebrvchen und hatte ihren Marsch nach bem Hessen fortgesetzt, um sichere Winterquartiere zwischen Lahn und Main aufzusuchen. Zur Sicherung der Winterquartiere in Frankfurt und Hanau beabsichtigte Soubise, Besatzungen nach Marburg, Gießen und Friedberg zu legen. Marburg sollte 1200, Gießen 3000 Mann erhalten. Der Landgraf Ludwig VIII. von Hessen-Darmstadt, der wie die Franzosen auf der Seite Maria Theresias stand, weigerte sich hartnäckig, den Franzosen seine Festung Gießen znm Winterquartier einzuräumen; doch Soubise wußte seinen Willen durchzusehen, und Gießen mußte den Franzosen übergeben werden. Der Chronist schreibt: „Anno 1758, den 16. November nachmittags um 2 Ahr sind allhier in die Bestung Gießen durch eine aufgerichtete Capitulation (Hebergabevertrag) die Franzosen als in eine Wintergarnison eingerückt. Sie hatten dies schon längstens verlangt, es wurde aber allezeit abgeschlagen, biß sie endlich den 14. nach sWiefeck und vor hießige Stadt auf den Sältzerberg rückten und 7 m a l aber ohne Kugeln kanonierten, worauf den 16. das Regiment Wattang und Saint Germain unter dem Com- mando des M. Marquis du Mesnil einrückten." Am 25. und 28. November rückte die erste Besatzung wieder aus und wurde ersetzt durch das Schtveizerregiment Courten und daS Aegiment Löwendahl, „welche beyde Courten und Löwendahl nebst 2 escadrons cavallerie und 60 biß 80 canoniers den Winter über unsere Garnison ausmachen sollen. Der MarquisduMesnil fltng den 4. december ab, und der Marquis des Salles ist etzo unser Commandant. Es liegen auch noch 150 Wann von unserem Volk (Hessen) hier. — Gott stehe unS bey und Helse, daß alles glücklich abgehe." Die folgenden Jahre brachten einen beständigen Wechsel der französischen Desayungstruppen, von dem unsere Hrkunde ge- wissenhaft mindestens dreitzigmal berichtet: Bald sind es Franzosen und Polen, bald Sachsen und Schweizer, bald Württem- •) Nach Aufzeichnungen in einem alten Familienbuch des Gießener Bürgers und Bäckermeisters 3- Kaspar Löber. berget und Nassauer, die Bestandteile der einzelnen Defahungs» Regimenter bilden. Ein wahres Gemisch aller möglichen Nationen! Im Jahre 1758 waren 7000 Schweizer und 6000 Württemberger als Söldner bei der Soubiseschen Armee eingetreten. 1000 Sachsen wurden gleichfalls von Frankreich besoldet. Es waren Bestandteile der Armee, die 1756 bei Pirna die Waffen gestreckt hatten. Der beständige Wechsel der Quartierleute brachte der Bürgerschaft viel Beschwerden und Hnannehmlichkeiten. 3000 Mann lagen in Bürgerquartieren. Am stärksten war das „Wallpsörter-Diertel" belegt. Dauernd blieb in der Stadt das Negiment „Löwendahl". Auch die französischen Kommandanten wechselten öfter. Dem Marquis des Salles folgte d u D l a i s e l. Außer der französischen Besatzung lagen noch, wie bereits oben erwähnt, 150 Mann vom hessischen „weißen Regiment" in der Stadt, die nach dem Hebergabevertrag die Arsenale (Zeughaus), das Hniversitätsgebäude, die Kanzlei, das Gefängnis („nommö Stockhüs") und das Haus des Kommandanten zu bewachen hatten. Ihr Führer, der Brigadier v. Drechsel, wohnte in einem Gartenhaus an der heutigen Bergstraße (dem spätere» „Steins Garten"); der französisch Kommandant hatte seine Wohnung in einem Teil des Schlosses, „nomme le Gouvernement" (Regierungsgebäude). 11. Akai 1759. zöge des Schweizerregiment Waldner und das Regiment Nassau wieder aus, dagegen bekamen wir wieder das Schweizerregiment Courten und Löwendahl in gamison, das „Waldpförter quartier" wurde mit -feinem Soldaten belegt, weilen es vor das Hauptquartier offen bleiben mußte, welches vom 29. Mai bis 3. Juny zu Heuchelheim und Wiefeck war. Am 31. Mai kam die große srantzösische Armee und lagerte sich ins Waldpförter und Wiesecker Feld, an diesen und den folgenden Tagen biß auf den 3. Juny, an welchem die Armee fortging. Es wurde in unserem und dem benachbarten Feld alles Korn, graß, Weitzen und Samen abfouragiret." „Am 5. Dezember 1759 setzte sich die große srantzösische Armee morgens'in marsch, nachdem sie wieder vom 4. September bis dato in Gießen campiret, alle gegenden aussouragiret, die Walder niedergehauen, viele arme leuth gemacht und einen erstaunlichen Schaden nur allein unserer Stadt verursachet. Nachmals sahen wir schon deutsche Husaren vor unseren Thoren, welche geschlossen wurden. Gott stehe uns beh und verleihe uns einen guten ausgang." Die deutschen Husaren, die vor der Stadt erschienen waren und ihre Hebergabe forderten, waren Abgesandte der alliierten Armee, die seit Herbst 1759 bei Krofdorf lagerte. Hier auf den ©leiberger Höhen hatte der Führer der Alliierten, Herzog äer- binanb von Braunschweig, ein festes Lager bezogen, uinden Franzosen die Feste Gießen zu entreißen und sie bis zum Main zurückzudrängen. Da die Hebergabe der Stabt verweigert wurde, wurde Gießen vom Herzog im Dezember zerniert. Der Plan des Herzogs mißlang, und die verbündete Armee verließ anfangs Januar 1760 das Lager bei Krofdorf, um sich nach dem nördlichen Hessen zurückzuziehen. Folgen wir dem Bericht aus dieser Zeit von unserem Gießener Gewährsmann! „Hierauf (Dez. 1759) wurden wir vom Herzog von Braunschweig bei Krofdorf aufgefordert (die Tore den Alliierten zu öffnen) und so eng eingeschloßen, daß niemand auß- und eingelahen wurde. 3n dießer Zeit wurde manches theuer. Die Butter kostete 10 biß 20 Batzen (1,20 bis 2,40 Mk. gegenüber der Taxe vom 22. Dov. 1758 mit 39 Pf. für das Pfund, nach dem damaligen Geldwert so viel wie heute), das Klafter Holtz 16 biß 20 fl (27,40—34,20 Wk., mindestens im Preis so viel wie heute), Fleisch konnte man vielmahlen nicht bekommen, und der Mangel - 46 - Würde noch viel größer geworden sehn, wenn nicht den 26. die 'Bloquobe Ware aufgehoben worden, indem der duc Brogsto ffrarizösische Befehlshaber) sich näherte und am 27. wirklich in Diehen ankam. Daraus marschierte die allierte Armee in di« Winterquartiere (nach Kassel). Mer französische grenadiere, Dragoner, volontier- und einige Regimenter wollten sie verfolgen, konnten aber nichts ausrichten und alle kamen den 13. Januar 1760 wieder zurück." 1760. Dieses Jahr verlief ohne besondere kriegerische Ereignisse in unserer Gegend. Der Stadt brachte es bei dem häufigen Wechsel der Garnison wieder viel Unruhe. Die alten „Piqueter" rückten aus und wurden abgelöst und ersetzt durch frische, .,die ohne Dillets der alten ihr Logie und quartier einnahmen". 3m Juni rückten verschiedene Abteilungen aus Giehen nach Staufenberg auS, um die französische Armee zu unterstützen bei ihrem Vormarsch gegen die Alliierten über Hungen und Grünberg. 1761. Am 15. Februar abends hatte die Stadt grobe Wassersnot. Vielleicht infolge der Schnceschmelze hatte sich in der Rähe des „Aeuweger" Tors das Wasser „ausgedämmt" und war durch die Gräben In die Stadt eingedrungen, wo es großen Schaden anrichtete. Schnell hatten sich die Keller gefüllt, und in den untersten Stuben vieler Häuser stand es einen Fuß hoch. Sogar der im entgegengesetzten Stadtteil, weit vom Aeuweger Tor entfernt wohnende Chronist in der Walltorstrabe berichtet: „In unherer untersten stube stunde es 1 Schuh hoch, der Keller war auch voll." (Schluh folgt.) Aus Pestalozzis Liebes- und Werbezett. (Schluß.) Anna Schultheh an Pestalozzi. . . . Den großen Brief, mit dem ich äußerst zufrieden bin. möchte ich Ihnen von Stück zu Stück beantworten . . . Urteilen Die dann unparteiisch, Freund... ob — nach 3hrem eigenen Ausdrucke — es unser Glück sei, unfern Empfindungen ungestörten Lauf zu lassen oder sie zu hemmen. Sie sangen bei der Beschreibung Ihrer Fehler an — wie bescheidenI Sie sind beträchtlich, diese Fehler. — „Un behutsam- fett", v Gott! wie machte mich dieses staunen . . . Ich legte den Brief beiseits und machte mir tausend Vorstellungen über die mich angehende Sache! Wenn der Grund Ihrer Leidenschaft weniger edel wäre, so würde ich vieles besorgen; ich tuores.aber nicht, und verfahre in dem traitement redlich . . . Wer was soll ich zu diesem sagen: „Ich schweife in Zuneigung und Widerwillen sehr oft aus" — Teuerster, wie? wie? Das ist auch einer meiner Hauptfehler. Können auch zwei Blinde einander führen? Sie sollten mich bisweilen sehen, wenn man mir zu nahe tritt: Sie verkennten nächst) In Wahrheit, so groß meine Neigung zu denen ist, die mich lieben, ebenso unhold und mürrisch bin ich denen, die meine Achtung verloren — bisweilen durch eine Kleinigkeit. Ueberhaupt liebe ich alle meine Mitgeschöpfe von Herzen und möchte gern jedermann so gefällig fein, als mir Möglich; aber betrüge ich mich in meiner guten Meinung, so glaube ich, daß ich bisweilen niedrig genug'wäre, mich rächen zu können. . . Wie schwer wird es hergehen, uns von diesem Fehler frei zu machen, wenn er uns beiden gemeinsam ist! Ich will ihn nicht kleiner machen meinerseits und nicht verteidigen. - Es scheint mir allemal, daß man einen Fehler schön machen wolle und lieb habe, wenn man ihn entschuldigt oder gar zur Tugend macht. Was Sie für einen herzhaften Entschluß in bezug auf die Erziehung haben! Mein Freund, mit wie vielerHerzhaftigkeii Sie mich derfichern, kein Pünktchen von Ihren Grundsätzen abzugehen, Grundsätzen, die auch Menalk eigen waren und die mir nicht un= bekannt. Aber ich fürchte mich sehr vor der Ausübung, weil ich sie nur zum Teil verstehe. Ich habe mir fo viel davon beibringen lassen, daß ich diese Art für die beste halte und freute mich sehr, sie ausüben zu sehen . . . Wir sind sehr einig, Freund, daß die Stadt Nicht der Ort ist, wo man diesen Endzweck ausüben kann. „Meine Söhne sollen daS Feld bauen!" Welch erhabener Entschluß! Sie hätten mit Recht zugleich sagen können: Die Gattin, die ich »mir suche, soll es auch tun! Wollen Sie ihr Lehrer fein? — Was Sie mir in bezug auf Ihren Patriotismus sagten, haben Sie ganz richtig geschlossen; Sie wissen, daß ich wahren Eifer für den Staat mir immer an den Jünglingen lobte, die aus wahrer Sorge für dessen Wohl sich unterstehen, das zu tun, wozu feige Memmen stille sind. An jenem Meistertage zum Beweise gefiel mir Ihr Eifer mehr, als ich Ihnen zeigen wollte. Kämen große Fälle, zu große für meine Einsichten, fo schwiege ich dann ganz. Es wäre dann (meine) Sache etwas dazu beizutragen, meinen hatten zu ermuntern, fo viel mir möglich wäre ... - 3n Betracht dessen, was Sie mir von Ihrem Aeußerlichen sagen, mein teurer Freund, will ich auch reden, wie mir mein innerstes vorsagt. Ich bin schwach genug, auf diese Kleinigkeiten M sehen, die Ihnen mangeln; ich weih selbst den Grund nicht; aber mir däucht, sie gehören zur Annehmlichkeit des Mannes sowohl-), als wir sie haben ... Sie verstehen mich zu wohl, als a) Sie würden mich nicht wieder erkennen. •) ebensogut. baß Sie denken können, ich wünschte mir eine steife deutsche Dogge zum Liebhaber — nein. Lieber, bleiben Sie so, wie Sie sind! Aur bas: Ihre Schüchternheit kann ebensowenig natürlich sein, als dieses Ihr gezwungenes Wesen. Ich dächte fast. Sie wären wenigstens einmal in Ihrem Leben froh gewesen, nicht schüchtern gewesen zu fein. — Ueberhaupt, ich fche nicht, warum ein verständiger Mann es fein folle, warum er nicht frei in alles reden solle, weil er von allem etwas versteht. Ein albernes Tröpfchen und ein einfältiges Jungserchen, die mögen wohl schweigen . . . Ihre Entwürfe dürften doch bisweilen übertrieben sein. Lassen Sie kxÄ fein, schätzbarer Jüngling! Ich rede als ein gutes, altes Mütterchen in Ihr Zeitalter herunter. Sie werden noch durch Erfahrungen müssen berichtigt werden; aber wenn Sie in die wichtigsten Stände schon früh eintreten mit den herrlichsten Plänen und sie würden dann fehl schlagen, wie würde Ihnen zumute sein? Es würde Ihnen gehen, wie mir es oft gegangen: „Ist dies die Welt, auf der ich mir nur Rosen unter meinen Füßen versprach?" Verstehen Sie mich wohl, Freund, ich will damit nichts), daß es unmöglich fei, ganz über Vorurteile weg zu fein, ganz tugendhaft zu fein. Aber z. B. wenn Sie sagten: „Eine große ländliche Einfalt wird in meinem Hause herrschen", so sage ich: „Mein Geräte muß niedlich fein, Geschmack haben, aber nur im notwendigsten bestehen, ohne großen Aufwand darauf zu machen, den ich längst im Herzen verabscheue." — Wie stihn, wie dreist, Mädchen! Du kannst Verweise geben, und noch so trocken heraus! Ein Fehler, . Freund, der nicht so leicht zu verbessern ist! Ich fordere Sie nochmals auf, das gleiche zu tun. > Mir bleibt noch ein wichtiger, ach, der wichtigste Punkt zu beantworten übrig — o mein Gott! . . . Ich sage Ihnen, dieser Todesgedanke beunruhigte mich heftig . . . Ich beschwöre Sie, mir zu sagen, ob Sie einige Merkmale davon haben. Sie sagten mir zwar einmal „nein“; aber ich bin doch noch unruhig. Freilich ein Leiden, das gerade von dem alles Regierenden, der unser Bestes kennet, hergeschickt wird, ist erträglicher, als die durch eigne Torheit uns zustoßen. Aber, o Gott, du kennest deine Geschöpfe! Wenn es nicht unumgänglich zu meinem Besten notwendig ist, Jo verhüte diese Szene! . . . O wie erstaunend fürchterlich sind diese Vorstellungen, Freund! Was war ich beim Tode Menalks? Was waren Sie? Laßt uns dies, wir mögen nun Freunde oder Liebende werden, nicht allzuoft sagen . . .' Sie versichern mich eben im langen schätzbaren Briefe, daß Ihr Verstand Ihrer Leidenschaft Beifall gebe; aber dies sagten Sie mir ziemlich bald. Teurer, wenn ich nur jetzt es hoffen darf! Kommen Ihnen die älngleichheiien zu groß vor, so will ich, daß Sie es mir entdecken, und sollten Sie, wie ich schon einmal sagte, das Gegenteil von dem sagen, so Sie mir gesagt, ich bin immer in der Verfassung, es auszuhalten. > Roch eine andere Anmerkung, mein Freund! . . . Gott und meinen Geliebten^) verdanke ich diesen Aufenthalt^) . . , Wenn auch wirklich unsre ganze Verbindung mir von einer gütigen Vorsehung bestimmt vvrkommt, so stehe ich bei diesem an6). Drei Jahre gehet es noch, mein bester Freund, bis Sie Ihre'Einrichtungen gemacht haben; ich will Sie durchaus in diesem nicht hindern . . , Mer unsere heitern Tage würden verdunkelt, wenn ich mich mit dem Andenken') quälen mußte, nicht mit Willen6) ans meines Vaters Hause gekommen zu fein. Meine Lieben sorgen freilich auf eine Weise für mich für die ich ihnen in Ewigkeit nicht genug danken kann; aber wie verschieden sind ihre Beweggründe von den meinigen! Ich werde gehorsam sein, Freund, wenn ich auch die unglücklichste Kreatur würde. Aber ich wollte allein unglücklich sein, ehe es der tugendhafte Jüngling mit mir 4vürde. Aber wenn fo Himmel und Erde Ihren Wünschen zuwider wären, wollten Sie dann unser Haus völlig vergessen? Ihren Freund vergessen? Mich vergessen? Dies wäre doch ernsthaft! Dennoch bliebe ich immer Ihre wahre Freundin. 3) nicht sagen. <) Eltern. ») Auf dem Lande in Wollis- Hofen. 6) Werde ich bei diesem Punkte bedenklich. Sff. ’) Gedanken. Sff. 8) nicht mit Zustimmung der Eltern. Der Einzige. Von Richard Botz. (Schluß.) Wir kamen von der Küste nicht fort; immer wieder trieb der Sturm uns zurück. Wir wußten nicht wohin. Ich kannte nicht mehr ilfer noch Meer und war doch der Kapitän der „Assunta" Dann kam die Rächt, in der das Schiff auf ein Korallenriff auflief. Es barst und sank! Sv schnell sank es, daß wir nicht mehr Zeit hatten, die Rettungsboote loszumachen und herabzulassen. Und das Schiff sank. Wie sie schrien! Assunta, Assunta, Assunta — wie sie schrien! Richt nach der Madonna schrien sie, sondern nach ihren Frauen; nicht die Ramen der Heiligen riefen sie, sondern die Ramen der Kinder. 47 Ich war der Letzte gewesen. 'Lei dem Leben meines Sohnes ■— ich war der Letzte gewesen der das sinkend« Schiss verlieh. Och Letzte, ich muhte flerben; sterben, ohne meinen Sohn gesehen Ku haben, meinen Sohn, den du mir geboren. Unb immer hörte ich sie schreien — schreien — schreien. Wer sie schreien gehört hat, für den gibt es kein gröberes Grausen mehr im Leben." Gr schwieg. Da sagte sie ihm, und sie sagte es laut und Hart: „Du hörtest sie schreien und du lebst noch?" Der Ton ihrer Stimme traf den Mann wie ein Schlag ins Gesicht. Er brach darunter zusammen, lag am Boden und krümmte sich unter ihrer Derachtung. Bach langer Weile sprach der Gerichtete zu Ende. Gr blieb dabei am Boten liegen, sein Gesicht daraus gedrückt. Um ihn zu verstehen, mußte sie sich tief herabbeugen. .Wie sie schrien! Heilige Mutter Gottes, wie sie schrien! Och glaubte, ihie grählichen Schreie würden das letzte sein, was ich aus der Welt hörte, nicht deine Stimme mehr und nicht meines Sohnes Lachen. Da packte es mich, daß ich nicht sterben wollte, daß ich leben wollte, um deine Stimme und meines Sohnes Lachen zu hören. Und als ich's dachte, in demselben Augenblick trieb etwas an mir vorüber. Eine Planke des Schiffes toar's mit dem Bilde der Madonna und deinem 2tamen darunter: .Assunta". Aber es war schon einer darauf: der Carmine De Maria. And es war daraus nur für einen einzigen Platz. Der Carmine war der Jüngste von uns, hatte nicht Weib und Kind, hatte nur eine alte Mutter, die Antonia, die halb blödsinnig ist. Da schrie ich ihm denn zu. er müsse herunter! DaS wollte er nun nicht. Auch der Carmine wollte leben. Aicht feiner blödsinnigen Mutter willen, sondern weil er die Mena Mariani gern hatte. Was ging mich die Mena Mariani an? Also kämpften wir um die Planke, die mir gehörte; denn es stand dein Name daraus. Der Carmine war jünger und schwächer als ich und so —" f Sie wich vor ihm zurück, als sei er ein Verpesteter, der die Deuche in das Haus brachte, darin sein Sohn in friedlichem Schlummer lag. Sie ließ ihn nicht weiter berichten, wie er aus der Planke dahintrieb, wie er das gräßliche Schreien der Ertrinkenden immer noch hörte, wie es schwach ward und schwächer, wie es verstummte, und er nur noch das Heulen des Sturmes, das Brau- Sen der Wogen vernahm, nur noch die Stimme seines Herzens, >ie ihm zurief, er sei ein Geretteter, der zu seinem Weibe zurück- kehren, der seinen Sohn sehen würde! Bur noch seines Herzens Stimme hörte der verlorene Mann, die durch das Heulen des Sturmes, das Brausen der Wellen ihm zuschrie, daß er ein Feigling ein Ehrloser, ein Nichtswürdiger — daß er ein Mörder sei. Und die Stimme seines Herzens schrie gräßlicher in ihm. als die Ertränkenden geschrien hatten. Zwei Sage und zwei Nächte hielt er die Planke mit dem Bildnis der Madonna umklammert, die seines Weibes Namen trug. Schiffer von der Insel Malta fanden ihn aus und nahmen ben Halbtoten an Bord. Fr war gerettet, konnte zu feinem Weibe zurückkehren, konnte seinen Sohn sehen. 9. Assunta Morgano ging in die Kammer, darin die Mutter tu festem Schlafe lag. Sie weckte die Greisin und sagte: „Ser einzige, der sich rettete, ist dein Sohn Mattia. Er ist zuriick- gefemmen. Geh zu ihm und freue dich feiner Wiederkehr und fernes Lebens. Och kann es nicht." Die alte Frau freute sich ihres Sohnes Lebens, daß sie wie sinnlos war. 6te sand den wundersam Geretteten am Herd seines HauieS am Boden liegend, das Gesicht auf den Stein gedrückt, regungslos, wie tot. Seine Mutter kauerte sich neben ihn, bettete fein Haupt in ihren Schoß, streichelte ihn, küßte ihm Stirn und Wangen, flüsterte ihm zu, als wäre er noch ein kleines Kind, taufend Liebesworte, wie nur ein Mutterherz sie finden, nur Mutterlippen sie sprechen können. Sie nannte ihn ihren lieben Sohn, ihren guten Sohn, lachte und weinte — weinte und lachte, wollte nicht wissen, wie das Wunder feiner Rettung geschehen war; ,war er doch gerettet, war er doch heimgekehrt, war er doch wieder bei seiner Mutter! Und auch bei seinem Sohn — Das Wort belebte den Regungslosen. Er seufzte auf, daß «s tote ein Stöhnen klang. Dann kam es als Aufschrei über seine Lippen: „Bei meinem Sohn!" Er riß sich in die Höhe, sah Nicht die Mutter, hörte sie nicht, ging schwankenden Schrittes zur Kammer, darin das Ehebett stand, darin fein Sohn schlief, darin bei seinem Sohn sein Weib sich befand. l Die Kammer war leer. Wenn Mattia Mvrganos Sohn ein Mann geworden war, sollte er seinen Vater nicht auch verachten müssen. * Sv hielt Mattia Moraanos Weib ihren Schwurt »Und halt des Hauses Ehre rein. ' Da?«tasorgen vor 100 Jahren. Das Chaos, das gegenwärtig in unseren wirtschaftlichen und finanziellen Verhältnissen herrscht, erscheint uns als etwas, was nie vorher dagewesen war. Hat es je schon eine solche Entwertung des Geldes, eine solche sprunghaft steigende Teuerung, eine solche Unsicherheit aller Verhältnisse gegeben? Der selige Den Akiba antwortet aber auch in diesem Falle mit einem vernehmlichen Ja und könnte uns ans der Geschichte nachweisen, baß ein solcher Zusammenbruch der Wirtschaft fast stets im Gefolge großer Kriege auftritt. Das nächste Beispiel, das sich da darbietet, ist die Aera der napoleonischen Kriege vor 100 Jahren, auf die ja in theoretischen Auseinandersetzungen der letzten Zeit oft hingewiesen worden ist. Wie freilich die damaligen politischen und sozialen Zustände aus den Einzelnen einwirkten, das können wir uns kaum vorstellen, und wir müssen schon in alten Briefen blättern, um zu erfahren, daß die Menschen damals unter denselben Leiden und Röten geklagt haben wie wir heute. Liest man die Briese, die Dorothea Schlegel, die Gattin des Schöpfers der Romantik Friedrich Schlegel, an den bei der Wiederkehr seines 150. Geburtstages jetzt wieder allgemein erinnert wurde, aus Wien in den Jahren 1809 bis 1817 geschrieben hat, so glaubt man geradezu Aeußernngen aus unseren Tagen zu vernehmen. Wie heute blickte damals alles nach der Börse. Bei Beginn des Feldzuges von 1809 schreibt sie an ihren int österreichischen Hauptquartier befindlichen Mann: „Auf der Börse hat sich gestern ein wahrer Meteor von Patriotismus und guter Gesinnung gezeigt, nämlich an demselben Sage, wo der Erzherzog Karl abging und wo der Armeebesehl erschien, ist der Kurs um ich weiß nicht wie viel Prozent besser geworden, das Papiergeld stieg und die Staatspapiere stiegen auch. Die Bankiers waren gestern abend in dem höchsten Erstaunen." Ommer wieder klagt Dorothea über das Papiergel d und seinen sinkenden Wert. Sie berichtet, daß man versuche, „so viel als möglich das Papiergeld anzubringen," um dafür noch etwas zu erhalten, und stöhnt: „Geld braucht man hier wie — Papier!" Bei dem schlechten Stand der österreichischen Valuta war das Leben in Wien für die Besitzer besserer Geldwerte sehr billig. Dorothea rät daher dem Kölner Freunde Sulpiz Dvisserse, nach Wien zu kommen: „Für Eure Stüber bekämt Ihr eine gute Handvoll Danko- zettel, und da Sie doch das Haus in Köln aufgegeben haben, so würden Sie, die Reise abgerechnet, hier nicht mehr als dort verzehren, vermöge des Unterschiedes des Papiergeldes." Lohnaufbesserungen und Gehaltserhöhungen waren auch da- mals an der Sagesordnung, und sie nutzten nicht mehr als heute. „Dein Glückwunsch wegen unserer Gehaltsvermehrung wäre sehr gut,“ schreibt Dorothea an ihren in Rom studierenden Sohn, den Maler Johannes Veit, „wenn nicht gleich ein Kondulations- schreiben dahinter kommen müßte wegen bet unmäßigen Teuerung; fünffach ausgezahlt werden Hilst nur so lange, als man nicht sechsfach ausgeben muß. Die Steigerung aller Lebensrnittel und Bedürfnisse ist ganz ungeheuer, besonders der Wohnungen; doch dünkt es den Fremden bei ihrem Silbergeld hier noch immer sehr wohlfeil zu fein, wir Papiermenschen aber sind übet dran. . ." Und ein ander Mal berichtet sie dem Sohn: „Uns würde es dieses Jahr ganz gut gehen, wenn es nicht so teuer wäre, daß man, auch wenn man noch so viel verdiente, nicht durchkommen kann. Wir müssen uns tapfer plagen." Besonders übel sind gerade wie heute diejenigen daran, die sich irgendetwas anschaffen müssen. „An Möbelanschaffen konnte bei all der guten Einnahme noch immer nicht gedacht werden," schreibt sie dem 'Schwager A. W. Schlegel. „Indessen haben wir doch wenigstens Betten, ein Sofa und ein Dutzend Stühle; das fiebrige wie und wann Gott will. Cs ist so teuer hier und die Lebensart jetzt so schwankend und ordnungslos geworden, daß kein Mensch an irgendeine Einrichtung denken kann. Man ist froh, den Tag nur durchzukommen." Mik der Literatur ist nichts zu verdienen, da auch der Buchhandel darniederliegt: „Wir armen Kreaturen hier haben es so weit gebracht, daß uns der Kurszettel wichtiger ist als alle Poesie." lieber die Verhältnisse in Wien heißt es an einer anderen Stelle: „Das Leben ist hier so teuer, wenn auch mit noch so geringen Ansprüchen, so umständlich, schwerfällig und beschwerlich in jeder Hinsicht, daß es einem fast zur unerträglichen Last wird. Vollends als Literat und Gelehrter sich fortzubringen, ist eine sehr mißliche Sache und möchte leicht in jeder kleinen Landstadt eher tunlich (ein, als in dieser sog. Hauptstadt von Deutschland wo man auf jede andere Ehre eifersüchtiger ist, als auf die, Deutschlands Hauptstadt zu fein; denn Sie müssen wissen, baß man Hannaken, Starrafen und alle erdenklichen Aken und Maken nicht für Ausländer, aber alle Deutschen, die nicht am Wiener Berge geboren sind, allerdings für Ausländer ansieht." Recht bezeichnend für das damalige Leben ist ihr Stoßseufzer an den Sohn Johannes: „Uns erneut sich täglich das Wunder im Evangelium, wo mit sieben Broten Tausende gespeist toer» toeröen und noch übrig bleibt; wenigstens wissen wir alle hier selber nicht, wie wir durchgekommen sind; wie wir burchkommen wollen, wissen wir noch viel weniger." 48 Elektrizttätszähler. Der Verbrauch an Elektrizität wird am Elektrizitätsmesser abgelesen, und zwar in Watt, dem Matz der elektrischen Leistung. Die Berechnung des Preises für ein Watt stützt sich auf die Menge Kohle, die zur Erzeugung der Energie nötig ist, auf Verzinsung und Amortisation der Anlage des Werkes, auf die Dezahlung des Personals usw. Unter Verbrauch an Elektrizität ist das Produkt aus der elektrischen Stromstärke, der elektrischen Spannung mrd der Zeit zu verstehen: die Stromstärke wird in Ampsre, die Spannung in Volt, und die Zeit in Sekunden gemessen, und man nennt die sekundliche Leistung 1 Ampere mal 1 Bolt em Bolt- ampsre oder, dem Erfinder der Dampfmaschine- zu Ehren, 1 Watt. Wird die Leistung 1 Watt 3600 Sekunden, also 1 Stunde lang, verbraucht, so ergibt sich als Leistung während dieser Zelt eine Wattstunde: werden 1000 Watt während dieser Zett verbraucht, so hat man 1 Kilowattstunde zu bezahlen. Kann man voraussetzen, daß die Spannung des Verteilungsnetzes konstant bleibt, etwa 220 Bolt, so braucht der Elektrizitätszähler nur die Amperestunden a^ulesen: diese mit der Voltzahl, also etwa mit 220, multipliziert, ergibt dann die Wattstunden. So ist neuerdings da, wo konstante Netzspannung vorausgesetzt werden kann, ein elektrolhtischer Zähler, der Stia» Zähler, in Gebrauch gekommen. (Stia ist die Abkürzung des Namens Schott u. Gen. in Jena, der Firma, welche diese Zähler herstellt.) Beim Stia-Zähler wird durch den elektrischen Strom aus einer Quecksilberverbindung Quecksilber ausgeschieden, dessen Menge ein Mast für die Stromstärke ist. Dabet lästt man natürlich nicht den ganzen Strom durch «die Lösung gehen, sondern nur einen parallelen Abzweig, der einen bekannten Bruchteil des Hauptsirvms durchlätzt. Die Angaben des Stia-Zählers sind bis auf 2 Prozent genau. Die Voraussetzung konstanter Spannung ist indes nicht immer erfüllt, und daher hat man Elektrizitätsmesser konstruiert, welche direkt die Wattstunden messen: derartige Instrumente sind die Uhrzähler und die Wotorzähler. Das Prinzip der ersteren stammt von Aron, das der letzteren von Deprez. Beim Aronschen Zähler wird von der Tatsache Gebrauch gemacht, dast die Schwingungsdauer eines Pendels sich ändert, wenn man außer der Schwerkraft noch eine andere Kraft, hier z. B. eine elektromagnetische, auf es einwirken lästt. Zwei Pendel von gleicher Länge und gleichem Gewicht sind in dem Apparat angebracht, und jedes von beiden regelt den Gang eines Uhrwerks. Das Uhrwerk überträgt dabet seine Bewegung auf die Zeiger derart, daß es nur einen Unterschied im Tempo der Pendel anzeigt: Lieser Unterschied wird dadurch Hervorrufen, datz man das eine Pendel mit einer Drahtrolle versieht, der man eine andere, feststehende Spule unterhalb des Pendels gegen» überstellt und durch beide Spulen den Strom schickt, aber so, datz die Spule des Pendels wie ein Spannungsmesser in die Leitung eingeschaltet ist. Erfolgt dadurch eine elektrodynamische Anziehung zwischen Pendel und feststehender Spule, so ist diese proportional dem Produkt aus Spannung und Stromstärke, und das Pendel schwingt schneller als das reine Schwerkraftpendel: aus der Voreilung (bei entsprechender Schaltung auch aus dem Zurückbleiben) des elektrischen Pendels kann man daher auf den Betrag der verbrauchten Energie schließen, der dann durch mechanische ^Übertragung auf ein Zählwerk abgelesen werden kann. Die Genauigkeit der Angaben beträgt 6 Prozent. — Der Aron- zähler eignet sich bei entsprechender Anordnung auch als Messer für Wechselstromleistungen. Sehr verbreitet ist Iber nicht minder genaue Motorzähler. Bei ihm wird der Berbrauchsstrom durch einen dickdrähtigen Elektromagneten (ohne Eisen) gesandt und auherdem durch einen dünndrähtigen (eisenfreien) Anker, der sich zwischen den Polen des Elektromagneten drehen kann. Aus der Welle des Ankers sitzt eine Aluminiumscheibe, die sich zwischen den Polen eines oder mehrerer Stahlmagnete drehen tarnt. Dreht sich der Anker, dann dreht sich die Aluminiumscheibe auch und schneidet die Kraftlinien der Stahlmagnete, was Wirbelströme in ihr hervor- ruft: diese Wirbelströme suchen die Bewegung zu hemmen, wirken also dämpfend und verzehren so die elektrische Energie. Ohne Dämpfung würde die Scheibe in immer stärker werdende Dreh- geschwindigkeit geraten, und diese wäre dann durchaus kein Mast für die zugeführte elektrische Energie. Die gegenelektrv- motorische Kraft des Ankers kann wegen der geringen Dreh- gefchwindigkeit vernachlässigt werden; der Anker selbst liegt so am Leitungsnetz, dast der durch ihn fliehende Strom der Netz- spammung proportional ist. Das Feld des Erregers ist dagegen der Stromstärke proportional. Die Drehgefchwindigkeit deS Anker« ist daher ein Mast für das Produkt aus Stromstärke und Spannung. und mittels Zählwerk lasten sich die Amdrehungszahl, also auch die Wattstunden, ablesen. — Für Wechsel- und Dreh» ströme kann das Prinzip des Motvrzählers ebenfalls benutzt werden: nur mutz man hier Anker nach Art der Kurzschluhanker verwenden. CH Frühling im Schnes. ) Im Bergwalde hat der Schnee sich schon einen Meter aufgehäuft, und immer noch ziehen Schneewolken so tief über den Forst, datz man meinen sollte, sie streiften die Spitzen der Baumkronen, und immer noch wirbeln die Flocken so dicht herunter, dast die Spuren unserer Schneeschuhe in wenigen Minuten zu- gedeckt sind. Die jüngeren Fichtenbestände sind undurchdringliche Schneehaufen geworden und in den älteren können wir kaum die Wolken sehen. So voll ist 'ber Behang des Zweigwerks. Wie ein Leichentuch, kalt wie der Tod. legt's sich über die Natur. And doch klingt Leben, fröhliches Leben, überall curs den wallenden Schneepelzen. Das zirpt und klingelt, das klopft und tackt, das raschelt und knistert so munter, als wäre jede Schneeflocke eine Frühlingsblüte. Sechs Meisenarten sind lebendig in den Fichten, eine dürre Kiefer dröhnt unter dem Hammerschnabel eines Schwarzspechts, schnalzend rutschen dralle bunte Kleiber stammauf, ftammab, btt Borke nach Puppen und Larven absuchend, kräischend schlüpft Markvlf, der Waldspihel, durchs Geäst, einen Schnee- regen herabsprühend, und durch den überschneiten Brvmbeer- busch auf dem alten Wmdbruch hüpft und kriecht zerpend der Zaunkönig. And da oben im Schnee der Fichten kröne singt gar einer, singt so vergnügt und lieblich wie andere im Mai. Keiner singt sonst bei uns mitten im Winter ein ganzes Lied und noch dazu bei solchem Wetter. Er aber — und Spatz macht'« ihm. Schwärmt der sonderbare Sänger den Flockenwirbel an? Nein, wie den anderen im Frühjahr, so schwellt auch ihm die Liebe daS kleine Herz, die Liebe und die Freude über das Glück Im Nest, das wind- und wettergeschützt in eine Gabel der dichten Fichtenkrone eingebaut ist. Baumflechten und Federn, Moos, seine Neiser und Gräser bilden das wetterfeste Nest des Kreuzschnabels, dessen Aufenthalt und Brütezeit sich nach dem Gedeihen deS Nadelholzsamens richten. Der ist neben Kerbtieren seine Hauptnahrung, und dessen Oelgehalt verleiht seinem Körper jene Wärme, die ihm die Brut zu allen Jahreszeiten, auch im rauhesten Winter, ermöglicht und damit zur Wahrheit werden läßt, was wir als Wunder bestaunen, als eins der größten und reizvollsten Wunder im wunderreichen Walde. Ist die Zapfenernte jahrelang schlecht, dann bleibt auch der Kreuzschnabel jahrelang aus, beide Arten, der nach den Kiefern und der häufigere, nach den Fichten benannte. Aber hängen die braunen Zapfen so dicht, Latz die Zweige sich senken, dann ist er da, in ganzen Schwärmen, immer lustig, schnalzend Und kletternd und singend. Gemütvoll, gemütlich ist das Liedchen des kleinen Kerlchens, dessen prachtvolle rote Brust aus dem Schneebehang herausleuchtet. And so hübsch wie sie aussehen, — auch die geblichgrün gezeichneten Weibchen können sich zeigen —, so niedlich wie sie Singen, so munter tote sie schnalzen, so gewandt können sie klettern. Kopfunter hängen sie sich an einen zapfenreichen Zweig, kneifen mit dem derben Hakenschnabel einen Zapfen ab, fliegen mit ihm — eine athletische Leistung für einen Dogech so groß wie der Dompfaff — auf den alten Platz, und heben mit dem Kreuzschnabel Schuppe für Schuppe hoch oder beißen sie auch ab, während gleichzeitig die lange, fiebrige, mit einem feinen Widerhaken versehene Zunge unter die Schuppen greift und die Samenkörner herausholt. Die geleerten Zapfen läßt der Vogel zu Boden fallen. Wie gesät liegen sie manchenorts. Wenn das Weibchen brütet, heißt es für das Männchen: Nahrung heranschaffen, und auch die Nestjungen schlucken gehörige Mengen, und da gibt*« Abfälle unter den Samenbäumen. —-- Wir fahren auf unseren Schneeschuhen zu Tal. Der Flockentanz hat aufgehört, der Wind hat umgeschlagen. Es wird Frost geben diese Nacht. Er mag die Ninde der Bäume zum Bersten bringen, er mag auch den Bachlauf anhalten, in den Drähten über der Landstraße mag es heulen und wimmern, im Lärchen- kvbel der Eichkater, er mag neben dem Schlupfloch auch das Luftloch verstopfen gegen den Cis hauch der Nacht, — da oben in der Krone der Dergfichte ist Frühling, Frühling im Schnee. •) Aus Wilhelm Hochgreve „Der Mvvrteufel und andere Jagd» u. Naturschilderungen" (Bd. 11 der Bücherei von Berg und Wald; Verlag von Aich. Eckstein Nachf., Leipzig). Diese Sammlung kleiner lebendiger Skizzen ist besonders als eine Gabe für die Zugend sehr empfehlenswert. Schrittleitung: August Goetz. — Druck und Verlag der Vrühl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei. A. Lange, Gießen.