Samstag, 25. Fsbruar -LN. Sj- W 1922 — Nr, 8 üDAi!?"!''! Karl Fallen. Don Veh. Hvfrat Prof. Dr. Herman Haupt /. (Schluß.) .Ungebrochenen Mutes Betrat Kurl Folien am 19. Dezember 1824 den Boden der neuen Welt. Sein (Siebener Schicksalsgenosse Sartorius hatte damals gehofft, Folien und andere Glieder des Kreises der Schwarzen an sich zu ziehen und mit ihnen den lange geplanten demokratischen deutschen Idealstaat in der Wildnis des südlichen Mexikos aufzurichten. Obwohl nur int Besitze knappster Mittel, widerstand doch Folien dieser Lvching, indem er dem Freunde weitausschauende, auf die kaum erst gewonnene neue Heimat angelegte Pläne anoertraute. Nicht nur der deutschen Literatur und der deutsch-idealistischen Philosophie hoffte er eine führende Stellung im geistigen Leben Nordamerikas zu gewinnen; auch bei der Schaffung eines neuen selbständigen amerikanischen Rechtes hielt er sich für berufen, an entscheidender Stelle mitzuwirken. Und endlich glühte in ihm das leidenschaftliche Derlangen, der eigenartigen religiösen Entwicklung Amerikas nette Wege zu weisen, zugleich als theologischer Forscher und als kirchlicher (Reformator an Stelle der zahllosen Sekten eine grosse kirchliche Gemeinschaft »nicht auf ein toics Glaubensbekenntnis, sondern auf die lebendige, ewig sich fortbildende Ueberzeugung zu gründen". Zunächst eröffneten ihm Lafahettes Empfehlungen im Herbste 1825 eine bescheidene Wirksamkeit als Lehrer der deutschen Sprache an der Harvard- Universität M Cambridge, die aber doch dank dem Feuereifer, mit dem Folien sich seiner Lehraufgabe wiomete, von bahnbrechender Bedeutung für die Einbürgerung des Studiums der deutschen Literatur auf amerikanischem Boden geworden ist. Während er für feine Lehrgänge sich selbst eine deutsch-englische Grammatik und ein Lesebuch zusammenstellte, eine deutsche Gesellschaft gründete, das englisch-amerikanische Recht sich zu eigen machte und die Abhaltttng von rechtswiffenfchaftlichen Vorlesungen vorbereitete, fand er noch Zeit, sowohl in Cambridge, wie in dem benachbarten Boston die ersten Turnschulen der neuen Welt zu eröffnen; von dort aus hat die Turnerei weithin im Lande Berbreitung gefunden. Je stärker die Sehnsucht nach der Begründung eines eigenen Herdes bei solcher rastlosen Arbeit sich in ihm regte desto schwerer traf es Fvllen. daß seine Braut in dieser Zeit die Berlobung löste; sie konnte sich zur Trennung von ihren Eltern nicht entschließen. obwohl sie Folien zeitlebens ihre Zuneigung bewahrte. Entscheidende religiöse Anregungen brachte dem Vereinsamten der Verkehr mit dem Philosophen Channing, dem Führer der amerikanischen Unitarier. In ihrem aus dem Gegensatz zur kalvinischen Orthodoxie erwachsenen freien Christentume, das sie weder an die Lehre von der Dreieinigkeit noch an die von der Gottheit Christi band, fand Fvllen das in Europa vergebens gesuchte Ideal einer dvgmenlosen, die freie Weiterentwicklung des Einzelnen nicht beengenden kirchlichen Gemeinschaft. Und auch neues Liebesglück sollte Fvllen in diesem religiösen Kreise erblühen. Er lernte hier die geistig hvchbedeutende, auch als Schriftstellerin tätige Unitarierin Mse Sabot kennen, die er am 15. September 1828 heimführte; sie ist ihm eine hingebende und verständnisvolle Lebensgefährtin geworden. Schon vorher hatte Fvllen sich für das Amt eines unitarischen Predigers vorbereitet und war als solcher im Sommer 1828 ordiniert worden. Seine meist improvisierten feurigen Predigten führten ihm au» den weitesten Kreisen Zuhörer zu. Für einen groben Teil feiner einfacher veranlagten Zuhörer war freilich sein Gedankenflug zu hoch und fein Eintreten für die schrankenlose Freiheit der persönlichen Ueberzeugung fand auch innerhalb der kirchliche Gemeinschaft manchen Widersacher. Gr selbst füllte sich aber in feinem Predigeramte dauernd beglückt. Dem Unitarismus hat Fallen, der sich die Grundgedanken der Schleiermacherschen Theologie zu eigen gemacht, zweifellos vieles gegeben und auf dessen innere GntwiÄung starken Einfluß geübt. Jeden Gedanken an ein weiteres Eingreifen in die politischen Verhältnisse Deutschlands hatte Fvllen bei seiner Landung von sich abgeschüttelt. »In diesem Lande", so schrieb er nach Hause, „too das Gesetz allein herrscht, gibt es keinen ruhigeren Untertanen als mich"; seien doch die in seinen kühnsten politischen Iugendgedichten verherrlichten Ideen in seiner neuen Heimat zur Wirklichkeit geworden. Mit der Geburt eines Sohnes im April 1830 erreichte Fallens Glück feinen Höhepunkt. Zufrieden trug er seine schwere Arbeitslast, die ihm seine vielseitige Lehrtätigkeit auf dem Gebiete der deutschen Sprache, der Geschichte, Jurisprudenz, Moralphilosvphie und der Homiletik an der Universität und an der Theologischen Schule zu Cambridge aufbürdete, ohne ihn doch vor Aahrungssorgen sicherzustellen. Als ihm dann 1830 die Schaffung einer Professur in Cambridge für deutsche Sprache und ßiteratur eine gesicherte Lebensstellung zu verheißen schien, da zeigten sich auch schon die dunklen Wolken am Horizonte, die neue Stürme über Fallen heraufführen sollten. Eine zufällige Begegnung mit einem Aegersklaren hatte seine lebhafte Teilnahme an dem Schicksale der schwarzen Rasse erweckt. In Boston bildete sich um ihn ein Kreis von Gegnern der Sklaverei, und als 1833 der „Antisklavereiverein von Reu- England" entstand, wurde Fallen dessen erster Vizepräsident und feurigster Wortführer. Bei dem leidenschaftlichen Widerstande, den jene Bestrebungen damals noch in den Großstädten des Avrdens fanden, verhehlte sich Folien nicht, daß er mit feinem Hervortreten als Anwalt der SNavenbefreiung alles aufs Spiü setze. Die Harvard-Universität entzog ihm in der Tat seine Professur; auch ein Versuch, als Prediger einer freien Religionsgemeinschaft in Reuhork festen Fuß zu fassen, mißlang, so daß er, von den Anhängern der SKaverei persönlich aufS heftigste angegriffen, sich meist ganz auf den schmalen Ertrag seiner Vorträge und literarischen Arbeiten angewiesen sah. Heldenhaft hat er durch diese schlimmen Zeiten, in denen zudem die Gesundheit seiner Frau ihn mit schwerer Sorge belastete, sich hindurchgekämpft. Jede Stunde, die nicht durch die harte Arbeit ums tägliche Brot ausgefüllt war, gehörte der Fortführung seiner »Psychologie" in der er die Krönung seines Lebenswerkes sah die er aber ebensowenig wie sein Werk über Kirche und Religion vollenden sollte. Ein Lichtblick war unter diesen Um* fiänben der 1839 an ihn ergehende Ruf der neugegründeten Uni* tarier-Gerneinde in Ost-Lexington, einer Vorstadt von Boston, deren Predigerstelle zu übernehmen. Die Wintermonate benutzte er, von Aahrungssorgen bedrängt, zur Abhaltung von Vorlesungen in Boston und in Reuhork. wo seinen hinreißenden Schiller- vorträgen ein letztesmal eine begeisterte Zuhörerschaft lauschte. Don dem Krankenbett seiner Frau hinweg rief ihn die Aufforderung seiner Gemeinde, die Kirche in Lexington einzuweihen. Auf einem mit Baumwollenballen überfüllten Dampfer schiffte sich Fvllen am 13. Januar 1840 von Reuhork nach Boston ein, Bei Dacht geriet der Dampfer in Brand und ging mit alleitz, die an Bord waren auf offener See in Nammen auf. Der Nachruf, deir.Thanning, selbst einer der edelsten Geister des damaligen Amerika, Folien widmete, nennt ihn den reinsten und edelsten Menschen, den er und seine 'Freunde je gekannt, einen Helden an Löwenmut, ein Kind an Einfachheit, Unschuld und Frömmigkeit. Wie Folien von der amerikanischen Geschichtsforschung ais bahnbrechender Vorkämpfer für die Wertschätzung deutschen Wesens und Schrifttums in der neuen Welt gefeiert wird so ist auch sein Eintreten für die Sklavenbefreiung, das man'ihm einst als Vaterlandsverrat anrechnete, heute zu seinem schönsten Ruhmestitel geworden. Was Folien für Deutschland tm Guten und Bösen gewesen, haben wir im Vorausgehenden, vielfach in scharfein Gegensätze zu dem verdammenden Urteile Lreitschkes wenigstens anzudeuten versucht. Für Zollens Schicksal ist in erster Linie seine Veranlagung zu übermächtigem reit» giosem Empfinden vorausbestimmend gewesen. Indem er den Kampf um die Durchsetzung seiner vaterländisch-ethischen Ideale unter den Begriff einer religiösen Pflicht brachte und sich so als Streiter im Dienste der göttlichen Vorsehung betrachtete, hat er das Augenmass für das Mögliche und Erreichbare und bas Verständnis für bas politische Denken und Fuhlen der breiten Schichten seiner Volksgenossen vollständig eingebüßt. Eine geradezu erschütternde Tragik aber liegt darin, daß der unerbittliche Verfechter cksketischer Reinheit, als er von seinen Gegnern Recht und Gesetz unter die Füsse getreten sah, in unseliger Verblendung sich von dem Banne eines auch vor dem Gebrauche vergifteter Waffen nicht zurückscheuenden, lichtscheuen Verschwörer- tt-ms bat bestricken lassen. Aber trotz alledem ist Karl sollens Tagewerk auch für sein altes Vaterland kein unfruchtbares geblieben. Unvergessen wird es ihm bleiben, daß von den im Gießener Ehrenspiegel niedergelegten neuen Auffassungen vom studentischen Ehrbegriff, von der akademischen Gleichberechtigung und von der Aotwendigkeit strenger sittlicher Selbstzucht die tiefreick-endsten bis auf die Gegenwart herab wirksam gebliebenen Einflüsse auf die studentische Gedankenwelt ausgegangen sind. Und auch die schärfste Beurteilung von Fallens politischer Sturmund Drangzeit wird zugeben müssen, dass ohne den von Fallen in einer Zeit der täglichsten Erschlaffung des deutschen Bürgertums ausgegebenen Alarmruf an die akademische Jugend zu energischer Beschäftigung mit den politischen Problemen und zu selbsttätigem Eingreifen in die Geschicke der Ration die bedeutsame politische Rolle, die der Burschenschaft als Hüterin des deutschen Einheitsgedankens und als Erzieherin der hervorragendsten Führer unseres Volkes zufiel, überhaupt nicht zu denken ist. So durfte auch Follens düstere Gestalt in unserer burschenschaftlichen Ehrenhalle nicht fehlen. Literatur: H. Haupt, Karl Fallen und die Gießener Schwarzen (Gießen 1907); Rich. Pregizer, Die politischen Ideen des Karl Zollen (Tübingen 1912), vgl. aber zur Beurteilung Histor. Zeitschr., Bd. 112, S. 219. — Für den Männer- und Jünglingsbund: H. Fränkel, in den Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Burschenschaft und der deutschen Einheitsbewegung, HI (1912), S. 241 ff., — Für die amerikanische Zeit: K. Buchner, Freihäfen, Jahrg. IV (Altona 1841); H A. Ratterinann, Arneri- rtr Germanica, Vvl. IV (Philadelphia 19021; Herrn. Hauvt, Fvllenbrie e, in: Deutsch-Amen'arische Ges-Hich c blätter Vcl. X V, Jayrg. 1914, S. 7—83; G. W. Spindler, The Life of Karl Folien (Chicago 1917). Aphorismen. Von Friedrich Kahhler. Friedrich Kahhler, der bekannte Schauspieler, läht soeben im Verlage von Erich Reih zu Berlin eine neue Sammlung Aphorisnren unter dem Titel „Besinnungen aus der äußeren und inneren Welt" erscheinen, in denen er über Ratur, Mensch und Kunst sich äußert. Einige dieser feinen und tiefsinnigen Gedankensplitter seien hier mitgeteilt: Menschenantlitz. — Das Menschrnantlitz als solches hat in seiner Unergründlichkeit für den wahrhaft ernsten Beschauer etwas Grauenerregendes, das ihn zurückweichen läht. Rur wenn eine der beiden Hüterinnen des Inneren, Güte oder Liebe, an den Pforten des Auges erscheint, wagt er, sich zu nähern. Alter und Zeitmah. — Warum scheint uns die Zeit immer schneller zu fliegen, je älter wir werden? Weil wir reifer werden, weil uns allmählich Organe wachsen, die uns befähigen, die Zeiten zusammengeballter zu sehen, mehr in großen Zusammenhängen, gleichsam mit einer Vorahnung zur Ewigkeit. Ich ertappe mich oft dabei, daß ich das Kahle an den Zweigen im Herbst bereits grün schimmern sehe und den Winter überspringe. Und so kommt es dann auch: der Winter fliegt und es wird wieder Frühling. So geht es tm Fluge fort. Worte lesen. — Worte haben Duft, der über ihnen schwebt; viele, die Worte lesen, nehmen sich nur diesen Dust hinweg. Oder Worte haben etwas Festes, Körpervolles, das man fühlen kann wie die volle Blüte einer Blume: Viele, wenn sie ein Buch in die Hand nehmen, gehen gerade auf den Leib der Worte las, zerpflücken ihn und wollen sehen, was darin steckt. Und Worte habe?', einen Dust, her aus der Serns hinter ihnen kommt, einen Lichtdust, der von der fernen Lichtquelle herrührt, welche die Worte zu Formen aufblühen lieh, sowie es einen Sonnenduft gibt von einer Sonne her, die Blumen- fonnen hervorlockt: Manche die Worte lesen, achten nicht auf den Dust über den Worten, sehen den Körper der Worte kaum — aber sie atmen den Lichtdnft. Rur um seinetwillen lesen sie. Dte Kunst,vergessen. — Laßt uns die Kunst nicht überschätzen oder besser gesagt: falsch schätzen; vergessen wir niemals, daß das Leben das Rächste und Beste und Wunderreichste ist, mit dem wir uns zu beschäftigen haben, und daß unsere Tage der- Kunst nur Tage in diesem Leben fein sollen, wohl hohe Festtage, aber immerhin Tage — im Leben. Wenn wir Fachleute der Kunst gezwungen sind, im 'Beruf alltäglich Kunst zu üben, so tut uns diese Erkenntnis bitter not. Verwechseln wir diese tägliche Kunstübung nicht mit der Kunst selbst. Die Kunst selber hat nichts mit Beruf und dergleichen Dingen zu tun. Sie ist nichts mehr und nichts weniger als eine außerordentlich wohl- gebildete, duftende und wunderkräftige Frucht, die zu ungewissen Zeiten unter ungewissen Bedingungen irgendwann hie und da einmal am Baume menschlicher Persönlichkeit zur Reife kommt, Tausend andere Früchte wachsen und fallen ab, sie sind gut und brauchbar, aber diese eine ist das Kunstwerk unter ihnen. Sie kommt immer überraschend, keine noch so fein ersonnene Kultur und Pflege könnte sie mit Absicht hervorlocken, sie ist da. Dies ist ein Grund, sie über alles zu verehren und zu ersehnen, aber auch ein Grund, sie nicht mit alltäglichen Wünschen und Fleißübungen herbeizerren zu sollen. Wenn man sie am wenigsten erwartet, so ist sie da. Wenn sie vergessen wird, kommt sie am liebsten. Künstler und Werk. — Jeder Künstler ist schwächer als fein Werk. Er deutet in feinem Werke auf das, was er als Erscheinung hätte werden können — oder in einer späteren Zukunft vielleicht einmal werden kann. Gr zeichnet in jedem Kunstwerk eine feiner idealen (guten oder schlechten) Lebens Möglichkeiten vor sich an die Wand. i Besch eidenheit der Großen. — Warum sind die wahrhaft Großen so bescheiden? — Sie werden verlegen und unsicher angesichts der Anmöglichkeit, sich an irgend Anderen zu messen. BewahrteTränen. — Jede Träne, die du Kraft genug hast, in dein Inneres zurückzubannen, rinnt einwärts in deines Wesens Kern und hilft dort an einem Kristall bilden, dessen Reinheit und Klarheit das Dunkel deines inneren allmählich erhellt und eines Tages dich ganz durchleuchten wird. Künstler. — Künstler fein, heißt den Mut haben sich selbst zu bekennen — unb Demut genug, um zu wissen, daß ein Haar vom Leben gebleicht oder eine Träne, ein Kinderlachen, eine Blume oder ein Baum Dinge sind, vor denen die tiefste Kunst in den Schatten geht und schweigt. ReueKunst. — Reue Kunst soll neue Kunst fein und nicht eine Fratze, die das neue Zeitalter dem alten schneidet. Vom LLegskops. Tiefblau der Himmel mit strahlendem Sonnenaugei Es feiern die Stürme bei ruhigem Fr:st. Die Hauberge ringsum schimmern im Schnee und glitzern in den Senken von Eis. Ledern hängt das welke Laub von den Eichen; der Birken Gold ist abgefallen; die Fichte ist düsterer, der Ginsterbusch dunkel geworden. Rur der violette Hauch der Buchen ist geblieben. Am die Höhen steigt dunkler Dunst auf, wie von einem Brande. Die Moorhexe braut sich im Sonnenglast trübes Getränk. Auf den Sannenaflen schlägt sich ter redliche Brodern als wattiger Reif nieder. Mit Rodeln und Skiern ziehen wir hinaus und hinauf in Allvaters wonnige Höhenwelt. Wir wandern um die Mittagszeit aus Daaden, der Endstation einer von Betzdorf an der Strecke Gießen—Köln ausgehenden Seitenbahn. Am Kriegerdenkmal biegen wir ab, hinaus zur steinalten Hüllbuche. Aus lichtem Höhenweg geht's am Kühlborn und Lememännchen vorbei zur westfälischen Grenze, und dieser entlang durch Tannenwald aufsteigend zur Atzelnhardl (Elsternwald). Lustfröhlich trällern- wir die Westerwald weise vor uns hin: < Es liegt ein Wald im Westen, Genannt der Westerwald. Da sieht man keine Besten, Roch Zeichen von Gewalt. Da sieht man kahle Berge, Rur Berge von Dasalti Das ist der Wald im Westen, Das ist der Westerwald. Am Trödelstein (©ertrubenftein), einer unter Naturschutz stehenden Basaltgruppe vorbei, kommen wir durch Heidelands>chrst stets am Waldrand entlang über die Lipper Rörr zum Höllenkops, einem hügelligen Massenbasaltblvck, und über den Sonnenscheinsborn nach 2'/sstündigem Marsche, auf dem uns kein Mensch begegnet ist, zu unserem Freund und Ziel, dem StegSkops. 81 Kein imponierender, sich steil Ms der Ebene emporschwingen- der 'Berg, dieser Kopf; nein, nur ein Prinms tnter Pares, der höchste der Hügeler Hebungen ringsum ein Kopf wie die anderen der Höllenkvpf, der Salzbürgerkopf, der Heimbergskopf, der- Steinkopf, und wie sie alle hier in der demokratischen Versammlung, dem sogenannten Westerwald, heißen, älnd doch bietet der Stegskopf eine Aussicht, wie keine andere Höhe in ganz Westdeutschland. Da liegt im Süden hingebreitet die Taunuskette mit dem hohen Feldberg und seinem Drunhildenstein (Brunhilden- bett) rechts schließt sich der Hunsrück im Rundblick an, dann die Eiselberge mit der abgeschrägten Hohen Acht bei Adenau. Daneben liegen nähergerückt, die Sieben Berge mit Löwenburg und Oelberg, Drachenfels und Petersburg. Daran schließt sich in unendlicher Weite das hügelige Bergische, das Sauerland mit dem Rothnargebirge und dem Kindelsberg bei Müsen. 2m Vordergrund die eigentlichen Berghohen des Siegerlandes, der Giebelwald bei Siegen, der Ederkopf mit dem Bahnhof, die Kalte Eiche, die Grenzscheide zwischen Hessen-Aassau und Westfalen. Weiter folgen die Bahnhöhen im Hessenland und der Dünsberg bei Gießen, bis wir, an dem vorgelagerten Salz- bürgerkopf vorbei, wieder am Taunus, der „Höhe", angelangt sind. Wo ist der Berg weit und breit, der uns diesen Rundblick überbietet oder auch nur nachmacht? Dabei ist der (trigonome- tische) Scheitelpunkt des Stegskopfs nur 655 Meter hoch. Hier oben auf der Wasserscheide grenzen drei Provinzen aneinander, Westfalen, Hessen-Aassau, Rheinland. Man könnte auch sagen, drei Kulturen. Südlich liegt der eigentliche Westerwald, das Hockland der Dörfer mit den langen Dächern, wie Fritz Philippi, der hier vordem eine Pfarre inne hatte, es schilderte, das rauhe wasserreiche Weideland, wo der Herrgott in seinem Zorn hat einst Dasaltblöcke regnen lassen. Hier ziehen sich die Schutzhecken von Fichten und Föhren um die Höhen und um die Dörfer, und halten den wilder, Jäger auf, wenn er im wütenden Wehen des Windes daherjaicht. Hier irrt der Wanderer steg- und weglos im Winter, wem, der wärmende Schnee alles zudeckt. Dazu die Gefahren des Hochmoors, des „Geschwämmes". Da hat Darm schon mancher den rechten Weg verloren, auch ohne Laß er Len „Ännauer", (Kartoffel- und Kornbranntwein), das berauschende Landesgetränk, gekostet. Hier ist das Quellgebiet der Aister, hier wohnen die „Aistrenser", wie in einer päpstlichen Urkunde der Frankenstamm zu Karls Zeiten zuerst in der Geschichte genannt wird. Franken sind hier zu Hause, auch wohl noch mit ureinwohnenden Kelten gemischt. Die kräftige Westerwälder Faust regiert hier auf der Höhe, die echt deutsch ist. Sagt doch Peter Eppelmann, genannt Melander der Aachfolger Wallensteins und letzte kaiserliche Oberbefehlshaber im Dreißigjährigen Kriege, von sich als Westerwälder mit Stolz zum Kaiser, er sei ein guter Deutscher und noch dazu ein Westerwälder, was so viel heiße, wie zwei gute Deutsche. Seine Heimat — Aiederhadamar — hinter der Dornburg (der Dvnarburg) liegt vor uns hingebreitet, wenn wir hier oben auf dem Stegskopf stehen; der Germanen altes heiliges Land mit den Orten Frisch- Hofen (Fricka Hofen), Ober- und Aieöerzeuzheim (Ziusheim) und dem Heidenhäuschen (Berg bei Dvochheim) vor der Lind- burg (Limburg an der Lahn). Daneben die alte Ding- und Walstätte des Aiederlahngaues, der Reckenfvrst bei Dietkirchen (mit der ältesten Kirche über der Grabstätte des heiligen Lubentius). Haben wir ein scharfes Fernglas, sehen wir auch die Schauenburg (Schannenburg) bei Balduinstein an der Lahn, die Peter Melander von den Westerburger Grafen als Stammsitz seiner nu;egdinbcten Reichsgrafschaft Holzappel nach ihm so benannt (früher Este), erhielt. Rechts davon sehen wir alsdann auch die Monnsbaurer Höhe mit Sommerresidenz der Kurfürsten von Trier (Maas Tabor, früher Humbach). Mo der Westerwald im Westen des Stegskopfes zur Rhein- Provinz überleitet, steht das „Däumchen", ein uralter Grenzbaum, weit und breit bekannt. Der Blick zu ihm führt über das Dorf Friedewald mit seinen, sagnischen Schloß mit fünf verschiedenen Türmen und einer herrlichen Fassade, die an den Otto-Heinrichsbau des Schlosses zu Heidelberg erinnert. Gedenken wir auch noch des hinter den vorliegenden Höhen prächtig gelagerten Kreisstädtchens Marienberg und der zwischen ihm und unseren, Stegskops hinlaufenden alten bafaltbelegten Heeres- straße, der Köln—Leipziger Straße, erkennbar an den schönen, hohen, alten Bäumen, die sie hier von Hachenburg Wer Stein- Aeukirch nach Bürbach einerseits und Herborn andererseits begleiten. Das westlich vorgelagerte Daadener Land bildet mit seinen sauberen Dörfern in FachwerDau den Llebergang vom Westerwald zun, Siegerland; Rheinprovinz bindet hier Aassau mit Westfalen. Der Ackerbau ist gering. Das ungünstige Klima ist der Reife der Saat oft hinderlich. 3m Schweiße des Angesichts ringt der Landwirt dem Boden hier sein« Früchte ab. „Die Kirschen brauchen zum Reifen zwei Jahre," sagt der gesegnete Rheinländer in seinem Mutterwitz, oder es heißt: „Für die paar Hundstage läßt der Westerwälder sein Feuer im Ofen nicht ausgehen". Die Viehzucht ist hier auch nicht mehr so im Schwung wie in früheren Jahren und auf dem nassauischen Westerwald. Der Bergbau herrscht vor. Die Einwohner gehen in die Eisenfleingruben an der Äeg und an der Holler. Auch etwas Braunkohle wird hier oben unter Basalt gefördert. Dasaltbrüche, Kad- linfelder, Quarzit- und Tongruben geben der Bevölkerung nährende 'Beschäftigung; da kam di« Landwirtschaft nur meist als Nebenverdienst in Frage. Die Viehzucht ging zurück; die alten Weiden wurden von ben Haubergsgenvssenschaften mit Fichten aufgeforstet. Aach Norden, den, Siegerland zu, werden die Wald- flächcn geschlossener, die Abhänge steiler,, zerklüfteter. Hier hinaus können wir vom Stegskopf stundenlang wandern, stets durch Wald, durch Hauberg (Aiederwald mit Lohekultur) oder neu» gepflanzte ozonreiche Nadelholzbestände. Du bist da stundenlang auf weiter Flur. Die Dörfer liegen hier an der Länderecke zwischen Rheinland und 'Westfalen weit auseinander. Ein Eldorado für Reh und Schwarzkittel, Hasel- und Birkhühner. Füchse, Dachse und Hasen, Fasanen, Rebhühner, Schnepfen, Bekassinen, Kiebitze und Wildenten sowie andere Zugvögel gewähren dem Waidmann eine abwechslungsreiche Jagd. Die Täler hier am Aordabhange des Stegskopfes laufen alle zur Holler hin, die von der Wasserscheide der Kalten Siche herab durch den „Freien Grund" zur Sieg fließt. Freiheit liebt auch der Siegerländer (nomen fit vmen!) von alters her. Das hat er mit dein Westerwälder den, fränkischen Stammesgenossen, gemeinsam. Hier sind wir im Stammland der Sigambrer, den, trotzigsten Feind des Tiberius, von Chlodwigs Geschlecht. Aur dem Christentum dürfte es gelten, als des Papstes Gesandter ihm bei der Taufe sagte: „Aeige dein Haupt, stolzer Sigambrer". So berichtet denn auch die Sage von einer Zwingburg auf den, vorgelagerten Hohenseelburgskopf, daß sie nicht lange gestanden habe und alsbald zerstört worden sei. Und doch siehst du vom Stegskopf drüben im Siegerland Turm an Turm; Schornsteine der Arbeit sind es, der Erzgruben, rauchende Schlote des Fleißes der bergmännischen Bevölkerung. Glückauf ist der Gruß des kindergesegneten Volkes. Hier schließen sich die sauberen Dörfchen wieder enger aneinander. Hütten und Walzwerke bilden oft den Uebergang von Ort zu Ort. Hier ist die Heimat von Jung- Stilling und wer sich über Land und Leute unterrichten will, lese seine Weicke, die einst in Straßburg einen Goethe entzückt haben. Auch heute noch findet sich ein mystischer Zug in der Bevölkerung, die im Dunkel des Berges ihr Brot verdient. Das Volk hier rings um den Stsgskopf ist eines Stammes, fränkischer Art; daran haben auch die Landesgrenzen nach den, Erbgang und Vertrag früherer Territorialherren und die späteren preußischen Prvvinzgrenzen, die das Fränkische Siegerland zum niedersächsischen Westfalen, statt zum stammverwandten Aassau schlugen, nichts ändern können. In der wenig unterhalb des Stegskvpfs liegenden Siegfriedhütte halten wir kurze Rast. Die Hütte enthält außer dem schonen Vorzimmer mit Küchenherd (das nötigste Koch-, Eß- u. Trinkgeschirr ist ebenfalls vorhanden) zwei Schlafräume mit je 6 Feldbetten (Strohsäcken). Aach Aorden und Osten hat sie eine offene Terrasse mit Zementbvden. Das mit Asphaltpappe gedeckte und der Sturme wegen mit dicken Steinen beschwerte Dach ragt zum Schuh gegen Scblagregen über Terrasse und Eingang. Die Hütte gehört dem Wintersportverein G.B. Daaden und Umgebung (Vorsitzender Lehrer Hoffmann tn Emmershausen der auch den Hauptschlu,sel zur Hütte verwahrt), der sie 1913 erbaut und 1921 völlig neu her- gerichtet hat. Der Verein hat hier im Winter seine Rodelbayn und Skibahn mit Sprungschmrze im Betrieb und veranstaltet Winterspvrtfeste. 3m Sommer dient die Hütte der älnterkunft für Wandervögel und wandernde Schulklassen, sowie als Herberge für bescheidene Sommerfrischler denen Aatur alles ist. Traf ich doch im letzten Herbst eine Aeuwieder Familie als vergnügte Luftgäste hier oben an, die außer der Kinderschar die achtzigjährige Mutter mitgenommen hatte. Zur selben Zeit war ein bekannter holländischer Pfarrer mit Gattin und Sohn Logiergast, der am Svnntagmorgen auch den ringsum wohnenden Dörfern Feldgottesdienst hielt, und begeisterten Anklang fand. Einige Zeit später weilte die Frau eines Landtagsabgeordneten mit Sohn und Nichte hier zu mehrtägigem Aufenthalt. Die Hütte lehnt sich aufwärts an den Tannenwald an; durch diesen führt eine Schneise zum Gipfel (Trigvmetrischer Höhepunkt), chier soll demnächst, um einen umfassenden Rundblick zu ermöglichen ein massiver Aussichtsturm erbaut werden, mit Wodn- und Schankmöglichkeit. Dieser „Aiebelungenturm" soll dem Andenken der gefallenen Kriegshelden gewidmet sein, soll „Deutscher Treu" ein geheiligtes Mal sein. Die Industriewerke der Umgebung und Freunde des Vereins haben bereits größere Geldzuwendungen gemacht, oder die Zusage gegeben, Holz, Basaltsteine und Zement zum Dau zu liefern. Immerhin sind bei der unseligen Teuerung noch außerordentliche Mittel nötig, allein schon für Arbeitsund Fuhrlohn. Ich richte daher an alle Gönner und Freunde der Ertüchtigung von Jung-Deutschland die innige Bitte um eine Spende als Beitrag zu unserem vaterländischen Zweck. (Em- zahlungen werden auf das Postscheckkonto Köln Ar. 81 564 des Amtsgerichtsrats Schaffner, Daaden, gütigst erbeten.) War es der Zweck der Schilderung unseres Ausfluges nach dem Stegskvpf, den Leser auf die Schönheiten unseres engeren Vaterlandes, hier im besonderen der Westerwälder Grenzgegend, hinzuweisen — nach dem Dichterwort: „Warum dem, in die Ferns schweifen, sieh, das Gute liegt so nah!" — so möchte ich doch nicht unterlassen, zu sagen, daß es nicht nötig ist Daaden als Ausgangspunkt zu wählen. Man wird denselben Genuß haben, wenn man den Stegskvpf von der lieblichen Sommerfrische Marienberg (Bahnstation) auS aufsucht. Der Weg beansprucht auch nur zwei Stunden. Dieselbe Entfernung ist von Fehl—Ritzhausen, einer Schrvtleidmg: August Doch. Druck und Verlag der Brühl'fchen Univ.-Buch- und Ttelndruckeret, R. Lange, Gießen. Tief verächtlich machen wir unS dem Ausland«, wenn wir vor den Ohren desselben uns, einer den andern, deutsche Stämme, Stände, Personen, über unser gemeinschaftliches Schicksal anklagen und einander gegenseitige bittere und leidenschaftliche Vorwürfe machen. Diese gegenseitigen Vorwürfe sind, so wie sie ungerecht sind und unnütz, zugleich äußerst unklug und müssen unS tief herabsehen in den Augen des Auslandes, dem wir zum Ueberflusse die Kunde derselben auf alle Weise erleichtern und aufdringen. ______________________________________Fichte. Wie die Heilkraft der Röntgenstrahle» entdeckt wurde. Wie der Verwertung so mancher großen Entdeckung haben auch der Anwendung der Röntgenstrahlen auf medizinischem Gebiet lange Zeit große Schwierigkeiten entgegengestanden. Interessante Einzelheiten über diese Entdeckung der Heilkraft der Röntgenstrahlen, die heute eine so große Rolle spielen, erzählt Hvfrat Eder nach einem Bericht der „Amschau": „Eines Tages im Rovember 1896 erschien in der Direktionskanzlei der von mir geleiteten staatlichen Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien ein junger Mann, der sich als Dr. med. Leopold Freund verstellte. Er hatte ein sonderbares Anliegen. Einer Zeitungsnotiz hatte er entnommen, daß einem amerikanischen Ingenieur, der sich viel mit Röntgenphotographie beschäftigt hatte, dabei die Haare ausgefallen sein sollten. Run wollte er diese Mitteilung experimentell prüfen, und im Falle seine Versuche eine biologische Wirksamkeit der Röntgenstrahlen ergeben sollten, letztere zur Behandlung von Krankheiten verwenden." Freund war schon bei verschiedenen Kliniken und medizinischen Instituten abgewiesen worden. Eder stellte ihm einen Röntgenapparat und Arbeitsraum zur Verfügung, und er begann nun seine Bestrahlungen an einem kleinen Mädchen, das durch ein ungeheures tierfellähnliches behaartes Muttermal an Hals und Rücken so entstellt war, daß die Eltern die Entfernung dieser Haare dringend wünschten. Zehn Tage bestrahlte er seine kleine Patientin täglich zwei Stunden lang. Dann stürzte er eines Tages plötzlich in großer Aufregung in Eders Zimmer und rief ihm vom weitem zu: „Herr Direktor, sie fallen aus'" Dies war der erste gelungene experimentelle Rach- weis einer biologischen Wirkung der Röntgenstrahlen und damit auch zugleich die erste erfolgreiche Anwendung der Röntgenstrahlen zu Heilzwecken. Freund berichtete dann über seine Versuche in verschiedenen gelehrten Gesellschaften, fand aber fast nur Gegner. blieb in den nächsten drei Jahren bei theoretischen Erörterungen, ohne daß eine öffentliche Heilanstalt Apparats oder Mittel zur Fortsetzung der Studien zur Verfügung stellte. Erst acht Jahre später wurde Freund in der Reumannschen Uni» verfitätsllinik ein kleiner Bretterverschlag und ein winziger Röntgenapparat überlassen, mit dem er seine Arbeiten fortsetzte. Er ermittelte nun die merkwürdige Tatsache, daß die biologische Wirkung der Röntgenstrahlen nicht unmittelbar nach der Anwendung, sondern erst nach einer gewissen Latenzzeit in die Erscheinung tritt, und empfahl zunächst die Röntgenstrahlen bei hartnäckigen Haarkrankheiten, Kopfgrinden und Flechten. Haltestelle der Westerwaldquerbahn Herborn Westerburg und ebenso von Bürbach (Westfalen) oder AeunkirHrn (Bez. Arnsberg), beides an der Strecke Gießen—Betzdorf gelegen. Mehr Zeit beansprucht eine Fußreise von Dillenburg oder Herborn bzw. Hachenburg aus. Wems nicht gruselt der nehme des Abends im Sommer den Rückweg vom Stegskopf im Wondenschein. An Begleitmusik von Eulen und Waldvögeln, namentlich im „Großen Hau" (einem Eschenhochwald mit Alpiner Flora, der auch dem Botaniker manche Seltenheit beschert) wird eS nicht fehlen. Wie sehen die Dögel? Die Studien über das Farbensehen der Tiere, die der Münchener Professor v. Heß seit längerer Zeit betreibt, haben zu der Feststellung geführt, daß Schildkröten von der Welt der Farben ungefähr so viel sehen, wie wir durch eine gelbrote Drille, Tagvögel so viel wie wir durch helles gelbliches Glas. Diese Abweichungen des Farbenreiches bei gewissen Tieren rühren zweifellos von den farbigen Oelkugeln in den Zapfen der Retzhaut bei Vögeln und Reptilien her. Wie V. Franz in der Raturwissenschaftlichen Wochenschrift berichtet, sind nunmehr von HanS Henning genauere Versuche über die Sehfähigkeit der Vögel angestellt worden. Henning weist darauf hin, daß die langwelligen Strahlen besser als andere durch neblige und dünstige Atmosphäre dringen. Eine Landschaft im Rebel, in der wir nur 300 Meter weit sehen können, wird für uns auf 2000 Meter weiter erkennbar, wenn wir rvtes oder rotgelbes Licht vor das Auge halten. Auch ist morgens und abends im rötlichen Licht die beste Fernsicht. Die farbigen Oelkugeln in der Retzhaut ermöglichen es nun den Zugvögeln, daß sie sich in der Luft orientieren und überhaupt erst in dunstiger Atmosphäre zurechtfinden. Vermöge dieser rot- gelben Filter, die sie im Auge haben, können die Zugvögel von Italien selbst bei dunstigem Wetter die afrikanische Küste sehen vollführt die Brieftaube ihre weiten Flüge und sieht die Bussard aus höchster Höhe die Maus am Boden laufen. Durch verschiedene Versuche^ stellte Hennig fest, daß Vögel der verschiedensten Art stets dann unruhig und aufgeregt werden, wenn ihre Feinde oder ihre Beutetiere, oder ihre Jungen ihnen in irgend einer farbigen Beleuchtung gezeigt werden, nur dann nicht, wenn diese Gegenstände blau oder violett beleuchtet sind. Für die Versuchs- vöael find nämlich die Gegenstände dann unbeleuchtet, da sie Mau und Violett nicht sehen. Gin künstlicher Rebel, z. B. verdünnte Milch oder Staub, der vor die Gegenstände geschoben wurde, bewirkte, daß di« Vögel auch dann noch auf die Schreck- und Lvcktiere reagieren, wenn selbst der Rebel so dicht war, daß er für den Menschen als undurchsichtig gelten mußte. Diberschutz an der Elbe. Der Biber gehört heute zu den seltensten Tieren Mitteleuropas, während er noch im Mittelalter in den meisten Gewässern anzutreffen war. Es gibt in Europa nur noch eine kleine Kolonie von etwa 80 Stück im Rhönedelta, eine größere von etwa 200 Stück in Norwegen, einzelne Siedlungen in Rußland und eine recht starke Kolonie an der mittleren Elbe. Heber die Schutzmaßnahmen, die dem Biber an der Elbe zuteil werden, und über die Entwicklung der Kolonie berichtete der Magdeburger Museumsdirektor Prof. Mertens auf der Jahres- konferenz für Raturdenkmalpflege. Die Kolonie erstreckt sich ungefähr von der Mündung der Schwarzen Elster bis nach Magdeburg und reicht sogar bis in die Stadt hinein. Das Gelände, ein Test des alten Arstromtales, ist mit seinen zahlreichen Seen für die Tier« vorzüglich geeignet. Während der Biber früher vogelfrei war, wird er seit Anfang unseres Jahrhunderts geschont. Infolge davon hat sich die Kolonie stark vermehrt und zählt heute etwa 200 Tiere, so daß die Gefahr eines Aussterbens vorläufig nicht vorhanden ist. Doch bestehen immer noch genug Möglich- keiien für den Untergang der Tiere: sie fangen sich häufig in ©en Reusen und Retzen der Fischer, werden auch immer noch von Menschen erschlagen und erschossen: am meisten leiden sie durch Raturereignisse, Hochwasser und Treibeis. Der Tiber ist ein Rachttier, so daß man ihn selten am Tage sieht. Aach Einbruch der Dunkelheit tummelt er sich im Wasser vor seinem Dau oder geht ans Land, um Rahrung zu suchen, die hauptsächlich aus Baumrinde besteht: dabei bevorzugt er Weiden und Pappeln. Kalk in der Schädlingsbekämpfung. ®cr Kalk spielt in der Schädlingsbekämpfung eine beträchtliche Rolle. Seine Eignung dafür ist auch eine vorzügliche, wie aus den Untersuchungen von Prof. Dr. I. W i l h e l m i von der preußischen Landesanstalt für Wasserhygiene in Derlin-Dahlem hervrrgeht. Wilhelm! betont vor allem seine Gerilchlvsigkeit, insbesondere auch feine gerüchebindende Wirkung, ferner die Vertrautheit weiter Kreise mit den Eigenschaften des Kalkes, insbesondere in der Landwirtschaft, in der er als wertvolles Düngemittel geschätzt ist. Richt minder fällt bei der gegenwärtigen allgemeinen Teuerung feine Wohlfeilheit ins Gewicht. Richt zuletzt ist seine geringe Giftigkeit bzw. Gefährlichkeit zu nennen. Als Rachteile bestehen bei Anwendung von Aehkalkpulver indes die Möglichkeit der Veranlassung von Augenentzündungen und bei gebranntem und gelöschtem Kalk der Zwang zu einer gewissen Vorsicht, die bei der Aufbewahrung zu üben ist. Die schwächste Seite ist zweifellos die schwere Dosierbarkeit des Kalkes bei seiner Verwendung als Zusatzmittel bzw. als neutralisierendes Mittel bei anderen Stoffen der Schädlingsbekämpfung. Vorzüge und Rachteile des Kalkes geben die Richtlinien für die weitere Aufgabefiellung in der wissenschaftlichen Erprobung des Kalkes in der Schädlingsbekämpfung. Sicherlich wird sich das Anwendungsbereich des Kalles in der Schädlingsbekämpfung noch mitzbringend erweitern lassen und zwar sowohl hinsichtlich. der Bekämpfung wirtschaftlicher wie gesundheitlicher Schädlinge. Darin liegt gerade der Kernpunkt, der den Wert des Kalkes und vieler Kalkpräparate bestimmt, daß Kalk nicht nur gegen Sie in Abfallstoffen und Fäkalien zur Entwicklung kommende Krankheiten erregende oder übertragende Fauna, tierische und pflanzliche Schädlinge unserer Rutzpflanzen, sondern auch gegen bazilläre Krankheitserreger, wie Typhus- und Cholerabazillen am wirksamsten ist. Diese Dvppeleigenschaft kommt bei gleich geringer Gefährlichkeit kaum einem anderen Stoffe zu