ml 1922 — Nr. LV 'i&h\ Samstag. 22. Juli s Geheimorganisationen und politische Morde vor hundert Jahren. Don Kurt Meyer-Rotermund. Zu den mancherlei Dergleichen, diefich zwischen der Gegenwart und der gährenden Zeit vor und nach den Freiheitskriegen ziehen lassen, gehört die Rebeneinanderstellung der jüngst aufgedeckien Geheimbünde und der ihnen zur Last gelegten politischen Morde mit ähnlichen Erscheinungen vor etwa hundert Jahren. Schon damals war die Grundursache dieser fanatisierten Selbsthilfe die Bedrückung. Wie heute das Versailler Diktat der Ursprung eines anhaltenden explosiven Gefahrenzustandes ist, war damals der Frieden von Tilsit (1807) mit seinen Folgen der Keim zum Dergeltungskriege. Wenn diesenr Re- vanche-Ziele die nach dem Zusammenbruche Preußens alsbald sich bildenden Geheinwrganisationen zustrebten, zeigt sich allerdings darin und insofern eine Abweichung von unseren Tagen, als die Front eine andere te-ar: daß sie sich nicht gegen die eigenen Volksgenossen richtete und das Chaos im Innern ver» mckhrte. Aks Preußen-Deutschland unter napoleonischer Zwangs- Herrschaft seufzte, gingen ungebrochene, hoffnungsmutige Kreise zunächst vornehmlich national-ethischen Vestrebungen nach, d. h. sie bereiteten in aller Stille die sittliche Erstarkung vor, bezweckten di« Wiedererweckung einer tatdurstigen, vaterländischen Gesinnung. Die in dieser Hinsicht verdienstvollste Vereinigung war der von JustizasseNor Dardeleben, Obersrskal von Mvsqua, Rektor Lehmann und anderen Patrioten im Jahre 1808 zu Königsberg gegründete „T u g e n d b u n d". Das Mißtrauen der französischen Polizei und gelegentliche Uebertreibungen und Pinvorsichtigkeiten des Bundes, dem viele der Besten im Lande wie Boyen, Grol- mann, Ä. Fr. Eichhorn, Chaset, Krug angehörten, auch eine Reihe von Freimaurerlogen nahe standen, führten 1809 zur Auflösung, die jedoch das Fortbestehen der aus Abschüttelung des Fremdjochs zielenden Organisation nicht zu verhindern vermochte. „3n Berlin ward ein geheimes Komitee gebildet, das eine fortdauernde Aufsicht über die Verteilung der französischen Truppen, ihre Zahl und Bewegungen führte, und atlch die herrschende Stimmung in den verschiedenen Provinzen untersuchte. Das Komitee hatte die Absicht, eine jede günstige Gelegenheit zu benutzen, und als Oesterreich sich zum Krieg« vorbereitete, nahm seine Tätigkeit zu." Der begeisterte Freiheitsvvrkämpfer Professor Stessens, der in seinen Lebenserinnerungen anschaulich von Preußens Läuterungszeit berichtet, wies damals aber zugleich auf etwas höchst Bedenkliches hin: aus die Voreiligkeit junger, tollkühner Offiziere, „die von Erfer brannten, sich durch auffallende und gefährliche Taten bemerkbar zu machen". Diese Ungezügeltheit hat der geheimen „Kombination" damals nicht wenig geschadet, und die verwegenen militärischen Erhebungsversuche eines Katt und Dörnberg waren von vornherein zur Erfolglosigkeit verurteilt. Diesen Heißspornen, deren Putsche vom Tugendbund keineswegs gebilligt wurden, waren die Radikalen unter der schwarz- rot-goldenen Burschenschaft wesensverwandt. Don ihnen befanden sich viele in ähnlicher Lage und Seelenverfassung, wie ein großer Teil der heutigen deutschen Studenten. Sie hatteir allen voran zum Waffensiege über Rapoleon beigetragen. „Es konnte nicht fehlen, daß diese vaterländische Begeisterung", schreibt Heinrich von Treitschke in seiner „Geschichte des 19. Jahrhunderts", „nur noch Heister aufflammte, als jetzt die jungen Krieger rn die Hörsäle zurückkehrten, mancher mit dem Eisernen Kreuze geschmückt, fast alle noch wie berauscht von dem Heldenzorne des groben Kampfes voll glühenden Hasses gegen „die äußeren und inneren Unterdrücker des Daterlandes" — weitaus die beste Studentengenerativn seit langen Jähren, aber leider schon zu ernst für die harmlose Träumerei und die überschwengliche Freundschaft, welche dem Studentenleben seinen eigcntüm- ltcheii Zauber geben." Roch ganz erfüllt von der soeben erlebten „Feldzugsromantik", erschien es den „teutschen" Burschen nur ein Kampfplatzwechsel, wenn sie jetzt in der Verwirklichung ihrer politisch-sozialen Freiheitsideale durch Dick und Dünn zu gehen suchten. Der Zweck heiligte die bedenklichsten Mittel,' nicht zuletzt war darunter der politische Mord. Die „Unbedingten" vor allem unter den Radikalen in Jena, die sich als „Schwarze Brüder" von einer Besserung der deutschen Zustände auf friedlichen! Wege nichts versprachen, wurden 1818 von dem jungen Privatdozenten Karl Folien geführt. Von ihm, der sich mit seinen beiden Brüdern bereits in Gtesten als fanatischer Geheimbündler betätigt hatte, stammte das zur „Tat" aufstachelnde Lied mit den verfänglichen Strophen: Brüder in Gold und Seid', Brüder im Bauernkleid Reicht euch die Hand! Allen ruft Deutschlands Rot, Allen des Herrn Gebot: Schlagt eure Plager tot, Rettet das Land! Dann wird'», dann bleibt's nur gut. Wenn du an Gut und Blut Wagst Blut und Gut, Wenn du Gewähr und Axt, Schlachtbeil und Sense packst, Zwingherrn den Kopf abhackstl Brenn' alter Mut! Zu eben Liesen dem Aufruhr zugeneigten „rmoedingten" in Jena und zu den Vertrauten Fvllens zählte der 24jährige Student der Theologie Karl Sand, der am 23. März 1819 in Mannheim den Lustspieldichter August von Kotzebue erdolchte, weil er in ihm den russischen Spion und Feind der deutschen und akademischen Freiheit erblickte. Sand — unter den Kommilitonen ehrlich, harmlos, gutmütig, den „Tyrannenknechten" gegenüber ein bedenkenloser Lügner und Mörder — endete nach der Heilung von den Wunden, die er sich sofort nach verübter Tat selbst beigebracht, am 20. Mai 1820 in,Heidelberg durch Henkershand. ®tn Vierteljahr nach Sands Morde machte der Apotheker- lehrling Löhning am 1. Juli 1819, ausgepeitscht gleichfalls durch die Geheirnvrganisation der „Unbedingten" und unter Mitwisserschaft von Paul Fallen (dem Bruder Karls) und des Ge- Heimbundführers Rektor Weidig in Butzbach einen ähnlichen Mordanschlag auf den nassauischen Staatsrat von Jbell in Schmalbach Da weder Sand noch Löhning ihre Gegossen Preisgaben, wurde die gesamte Deutsche Burschenschaft als mitschuldig angesehen, zumal sie bei dem erst zwei Jahre zurückliegenden Wartburgfeste (18. Oktober 1817) durch Verbrennen der absolutistisch- reaktionären Schriften eines Kotzebue, Kamph, Haller sich regierungsfeindlicher Umtriebe verdächtig gemacht hätte. Es ist wohl als bekannt vorauszusehen, Last der allmächtige österreichische Staatskanzler Metternich im September 1819 die berüchtigten Karlsbader Beschlüsse veranlaßte, welche die Freiheit der Presse durch scharfe Zensur einschränkten, zur Unterdrückung der „dema- »Dflttoen Umtriebe“ ein Unterfuchungsgericht in OHahtt einsetzten, Burschenschafter und Turner streng überwachten und die rlntver« Msin der Aufsicht besonderer Aegsirungsbeamter unterstellt«,. Erst nach der Thronbesteigung Friedrich WtlhelmS lV^(1840) traten Milderungen der AuSnaHmevervrdmmgrn ern, aber öte Burschenschaft blieb verboten, wennschon es nicht gelang, Ne auSsu rotten. Im geheimen bestanden derartige Verbindungen fort, gelegentlich der Juli-Revolution 1830 traten fte sogar wieder offen M Tage. 1 ■ i Die allmähliche Einführung von liberaleren Derfassun- gen in den einzelnen deutschen BundeSstaasinwa^nö der3^r und 40er Jähre des 19. Jahrhunderts entzog den radikalen Strömungen in der Studentenschaft immer E: dm bis dahin üppigen Nährboden: ein gesunder.Fortschritt, dm lewer kue Uebereilung und Unbesonnenheit eines Trisider gebildeten Jugend nach, den Freiheitskriegen zum Unfegen DeutfchlanOS lang- Zeit aufgehalien hat. Unter dem Hollunderbusch, Don Harris Ernst. Unter dem Hollunderbusch hn Garten saß Großmutter und hielt die gefalteten Hände im Schoß. Ihre Blicke gingen geradeaus den Weg hinunter, über die Wiese bis zu den Bergen am Horizont. Aber von alledem wurde fte nichts gewahr. Sie sah mit dem Herzen, dem Mutterherzen: für bas Igrbts keine Schranke, weder imRaum noch in wer Zeit, Las sicht immer, was es sitzen will oder was es sehen muß? Dor den Blicken der- alten Frau taten sich die Berge gehorsam auseinander und sah wett, wert nach Fmnkreich 'hinein. Da war eine grause Trummerstatsi, zerschossene Unterstände mit F-tzen von Drahtverhau, großeode Granattrichter und ein freies Stuck K^ld, über baS die Kugeln der Feinde pfiffen. Und La unter Len fliegenden Kugeln lag ihr Sohn tot. All Las hatten Andere gesehen und ihr beschrieben, aber sie sah mehr. Keiner hatte ihr gesagt, was für einen Ausdruck das Antlitz des Toten getragen hatte, als er voll Lehm und Schmutz und Mut von seinen Leuten am zweiten Tage mit Lebensgefahr unter-den fliegenden Kugeln hervorgetzvlt wurde, aber sie wußte es doch. Da war eine tiefe Falte zwischen den Brauen. „Dennoch", sprach sie. „Dennoch muß ich nach vorn hatte er gesagt, als sie baten: nicht übers Feld, mcht durch das Strichfeuer! „Soll ich sie vorn allein lassen mit der Uebermacht? Und der feste Entschluß, seine Pflicht zu -tun biszum Aeußmsten, Hatte die steile Falte gegraben, die jetzt im Antlitz des Toten stand Die alte Frau unter dem Hollunderbaum hvb die Hand, als wollte sie diese Falte 'liebkosen und doch, hatte sie ihr Lebensglück dafür geopfert. Wer sie sah noch mehr: ein leises, weiches Lächeln um die Lippen des Toten. Und sie wußte, ehe er hinausgeflürmt war in die pfeifenden 'Kugeln, hatte er eine einzige Sekunde zum Himmel aufgesehen, und der hatte ihm in dem einen Augenblick das Bewußtsein geschenkt von allem, was ihm das Leben wert gemacht hatte: von dem Gott den er geahnt, der leichten schönen Jugend, die er genossen und der Liebe, die er besessen hatte. Und all das 'Glück lag nun als Lächeln um fernen Mund Ach daß ssi diesen lieben Mund noch einmal 'batte küssen dürfen. Sie sieht, wie hie groben Soldatenhände vorsichtig den Toten säubern, in einen Sarg legen und 'forttragen. Auf dem Dorfsriedhof senken ssi ihn ein, dicht an der Schmalseite der Kirche, wo die Orgel fleht. Wsi hatte er Kirchenmusik und das Schicksal der Kirche im Herzen getragen nun sollte sie ihm im Tode Schutz gewähren. Und sie tat es! Als die.Kugeln der Engländer sie zerstörten, überschüttete sie sein Grab. Kein Feindes» fuß hat daraus getreten. — .Die alte Frau unter dem Hollunderbaum sieht, wie die Soldaten den Hügel über dem Sarge türmen und mit Blumen schmücken, wie sie beten und Salven schießen und trauernd fvrtge'hen. Das alles haben ihr die erzählt, die dabei waren, und haben ihr geklagt, wie verlassen sie sich vor- kamen Verlassen? Das weiß das Mutterherz besser. Verlassen im tiefsten Sinn ist nur eine Mutter, die ihr Kind verloren hat. Die Leute denken wohl: Die alte Frau hat nun schon lange einsam gelebt, was verlor sie? Einsam? Was ahnen sie von dem Strömen von Herz zu Herzen, von dem steten Fordern aber auch Geben zwischen Mutter und 'Sohn. Sie hat den Krieg in ihrem Stübchen erlebt! Da stehen in seinen Briefen die Zauberworte, die ihr Flügel gaben: Mutter, wärst du bei mir — und dann stand sie dort, stand mit ihm im Hohlweg, die Bäume rauschten über ihr, vor ihr in der Ebene lag Soisson und sie sah. die Türme der Kathedralen glänzen sieh', diese ist. gothisch, aus der Frührenaissance die andere. Mutter, könnte ich dir meine schön gebauten Unterstände zeigen!'Sie ist hindurchgellettert und 'hat sich dsi Stirn nicht gestoßen, seine Hand führte sie ja. Mutter, heut hatte ich eine Sonntagsfreude: Riesenpakete für die Kompagnie jeder Mann konnte das Gefühl habm, cs fei Festtag. Und sie teilte die Lsibesgaben mit ihm aus und sah in sein frohes Gesicht und sühlte den Reich.tum seines Herzens. Wie war es immer so weit und warm gewesen — leise schob sich ein Vorhang über die Kriegsbilder und andere tauchten auf in langer glückseliger Reihe bis hinab 'M der ersten Zeit, als ein zager Kinder schritt auf den Steinsließen der Oberförflerei hörbar wurde und ein feines Stimmchen jauchzte: zu Mama gehn! Die alte Frau drückte dsi Hände vor dsi Augen, um das Bild fest- M'halten, und sprach aus Herzensgründe: Herr mein Gott, ich Habe ihn dir wiedergegeben, den du mir anvertraut hattest, nun nimm auch mich nimm auch mich! 1 Da klingt ein lautes Jauchzen durch die stille Lust, den Gartenweg hinunter trappelt eine kleine Gestatt mit blondem Schopf und blauen Augen, ein Aermchen schwenkt sie in die Luft, um sich im Gleichgewicht zu halten, das andere drückt zärtlich'ein buntes Holzpferdchen an die Brust. „Oma, Oma, da Hottichotte." Er klettert auf ihren Schoß und drückt dsi Schnauze des Pferdchens an ihren Mund. Und die Großmutter küßt das Tierchen und den Enkel. „Oma, Hvttohvtte." Run heißt das etwas ganz anderes, aber Großmutter und Enkel verstehen sich auch ohne neue Worte. Sie hält das Pferdchen fest, und Bubi läuft und sucht Grashalme zum Futtern, kommt zurück, hält sie dem Hotto vor und läuft wieder. Und die Sonne scheint warm auf die alte Frau unter dem Hollunderhaum. Ihre Blicke wandern nicht mehr, sie liegen fest und hell auf dem Haupt des Enkels. Ja, sie ist bereit, aus Herzensgründe bereit, zu ihm zu gehen, den sie verlor, M jeder Tages- und Nachtstunde sehnt sie sich danach — jetzt aber, jetzt muh sie dem Enkel 'helfen, das Pfchdchen M füttern. Roger Bontemps. Bon Elisabeth Gräfin von Mvntgela8*). Eines der schönsten Pferde, dsi ich kannte, war Roger Bontemps. ein Vollblukhengst, gezogen in Frankreich v. Sarifrage a. d. Reine de Saba. Dieser prachtvolle Rappe gehörte meinem Bruder, der ihn, als er einmal ein Jahr beurlaubt war, mit seinen anderen Pferden nach Hause mitgenommen hatte. Aus dieser Zeit stammt meine nähere Bekanntschaft mit Roger Bontemps. In Anbetracht seiner Unzuverlässigkeit war es mir streng verboten, den Hengst allein zu retten. Da ich aber mit sechzehn Jahren mit Vorliebe das tat, was mir verboten war, — ganz hab ich diesen Fehler übrigens nie abgelegt — beschloß ich dies doch zu tun. An einem für diesen Zweck günstigen Tag schlich ich um vier Uhr morgens in den Stall, sattelte den Hengst und ritt los. Der Hengst schien an diesem Tage gut aufgelegt zu sein. Willig ging er zum Hof hinaus, ohne, was er sonst oft tat, erst verschiedene Widerstandstänze aufzuführen. Dies hätte das ganze UnterneihUien von vornherein Mm Scheitern gebracht, denn diese Widersetzlichkeiten Rogers waren immer begleitet von seinem lauten Roaren. Ich wählte zu meinem unerlaubten Spazierritt einsame Wald- und Feldwege, auf denen ich sicher war, von niemanden gesehen M werden. Roger ging tadellos. Auf den leisesten Schenkeldruck, eine kaum angedeutete Zügelhilfe reagierte er willig, mit seinen federnden, geräumigen Galoppsprüngen trug er mich über die Stoppeln. Meine Freude und mein Stolz war groß, und der Umstand, daß ich dieses Glück einem Ungehorsam verdankte, wurden von mir durchaus nicht störend empfunden. Im Gegensiil. — Ich 'hatte das Gefühl, als habe sich zwischen mir unb dem Hengst ein geheimer Kontakt entwickelt, als sei ich mtt ihm Eins geworden. Ich brauchte bloß zu denken an eine Wendung, an einen Wechsel der Gangart, und schon folgte der Hengst meinen Wünschen, ehe ich thm dsi äußerlichen Hilfen dazu noch recht gegeben 'hatte. Für den Heimweg wählte ich einen Feldweg, der über ein Eisenbahngleis führte. Als ich mich dem Bahndamm näherte, sah ich, daß dsi Schranken geschlossen waren, und es fiel mir dann ein, daß dieser Bahnübergang immer gesperrt war, da der Fesdweg der M ihm führte, nur während der Erntezeit von Fuhrwerken benützt wurde. Die Schranken wurden von einem entfernt gelegenen Bahnwärterhaus aus bedient. Es war also gar keine Aussicht vorhanden, daß sie für mich geöffnet würden. Run war guter Rat teuer. Um an den anderen Uebergang zu kommen, hätte ich einen weiten Umweg machen muffen. Ich hatte aber nicht mehr viel Zeit M 'verlieren, wollte ich noch rechtzeitig heimkommen, um meine Missetat verheimlichen zu können. — Ich weih nicht, welcher Teufel mich an diesem Tage ritt. Jedenfalls gab er mir die wahnwitzige Idee ein, die Barrieren zu überspringen. Mas daraus werden sollte, wenn der Hengst versagen würde, 'und ich mich dann in einen Kampf mit ihm einlassin müßte, von dem ich ziemlich sicher annehwen konnte, daß er mit Steigen und Ueberschlagen enden würde überlegte ich nicht. Ebensowenig überlegte ich dsi Möglichkeit oes Rahen eines Zuges. Ich wollte einfach 'hinüber und so setzte ich ohne Zögern den Hengst in Galopp und ritt schneidig gegen das Hindernis an. Daß die zweite Schranke schwieriger zu nehmen *) Aus ihrem Werke: „Tiergeschichten", das im Verlage Haberland, Leipzig, erschienen ist: — llö — fein würde, als die erst«, wahre ich wohl. Ach dachte mir aber, wenn er die erste springt, ist er so im Schwung, dah er and; über die zweite Hinwegfegen wird. Leider zeigte sich, dah dies ein falscher Schluh war. Der Hengst, sprang die erste Schranke tadellos, die zweite — refüsierte er. Gr parierte nach dem Sprung so plötzlich, dah ich um ein Haar über seinen Kopf geflogen wäre. Arm stand ich mitten auf dem Gleis zwischen den beiden geschlossenen Schranken. Vom Bahn Wärterhaus konnte man mich nicht sehen, da der Bahndamm eine Kurve machte. Gs bestand also keine Aussicht, dah die Schranken geöffnet würden. Der Dähndamm war auf beiden Seiten mit Drähten eingefaht, um das weidende Vieh vom Betreten der Schienen abzuhalten. Ein Verlassen des Dammes mit dem Pferd war dalher nicht möglich Wie ich das Peinliche meiner Lage überdachte, vernahm ich plötzlich mit Schrecken das Vollen eines nähenden Zuges. Mm hieß es schnell handeln. GS gab nur zwei Möglichkeiten. Entweder abfpringen, um mich selbst in Sicherheit zu bringen, ohne Rücksicht auf den Hengst, der in diesem Fall sicher zugrunde gegangen wäre, oder nochmals den Versuch zu machen, die Schranke zu überspringen. Dah der Hengst die Fähigkeit besah, die Barriere aus dem Stehen zu springen, bezweifelte ich keinen Augenblick, mehr als fraglich war es jedoch, ob er, nad)E>em er sie schon einmal refüsiert hatte, den Willen dazu haben würde. Versagte er, bann waren wir alle beide erledigt, denn zu einem Kampf war keine Zeit mehr. , , , Den Gedanken, den Hengst im Stich zu lassen, um mich selbst zu retten, verwarf ich sofort als feige. Ach 'hätte mich glaube ich, mein Leben lang dieser Tat geschämt. Lieber mit dem Hengst zugrunde gehen, "als ohne ihn heimkommen. 3n diesem Augenblick empfand.ich diesen peinlichen Zwischenfall als Strafe für meinen Ungehorsam. Einem anderen gegenüber hätte ich. das aber nie zugegeben, und dies war mit das treibende Motiw das nahezu Unmögliche zu versuchen, öen Hengst doch noch über die Schranke zu bringen und dadurch zu einem guten Ende zu kommen. — Das Rollen des Zuges kam immer näher. Schon Iah ich den Rauch der Lokomotive hinter der Kurve am Waldsaum emporsteigen. In einigen Minuten muhte der Zug da sein Ich wendete den Hengst kurz auf der Hinterhand, gab ihm die Sporen und setzte ihn zum Sprung an mit einer Energie und Kraft, die die Todesgefahr verzehnfacht hatte. 3n solchen Augenblicken zwingt der sublime Wille des Reiter« Las Pferd in seinen Bann. Die menschliche Geisteskraft scheint in die'Muskelkraft des Pferdes ü6er»ufiiBinen, am ihm Leistungen abzuringen, die unter normalen Verhältnissen nicht zustande kämen. — Der Hengst hob sich zum Sprung, sausend klatschte die Peitsche auf sein samtschwarzes Fell nieder, und — wir waren Hinter uns brauste der Schnellzug durch — Der Hengst ging in Karriere ab. Nachdem ich ihn pariert hatte sprang ich ab, um ihm Zucker zu geben und ihii zu liebkosen' Dabei stellte ich fest, dah wir beide am ganzen Körper zitterten vor Aufregung. Sicher hatte der Hengst auf geheimnisvolle Weise, durch meinen Rervenapparat, das Gefühl der Gefahr, in ber wir schwebten und der wir nur durch Unterwerfen seines Willens unter Len meinen entgehen konnten, übermittelt bekommen. Unter anderen Umständen wäre der Hengst, in Anbetracht feines schwierigen Temperaments, niemals zu zwingen gewesen, diese Schranke aus dem Stehen zu springen. Der Selbsterhaltungstrieb, gepaart mit dem bis ins Mah- lose gesteigerten Wunsch Len unerlcmbten Ritt nicht tragisch enden zu lassen und dadurch berechtigten Vorwürfen zu entgehen, hatte mir und dem Hengste das Leben gerettet. Ich kam noch rechtzeittg heim, um meinen interessanten Morgeurttt verheimlichen zu können. Beim Fürhstück fiel mein blasses Aussehen auf, ich wurde S. ob ich schlecht geschlafen hätte. Ach meinte, ja, sehr von drei ü$tr ab gar nicht mehr. — UnZ> dies ent* der Wahrheit. — Der Grund meiner gestörten Nachtruhe blieb ein Geheimnis zwischen Roger VontempS und mir. — Der schöne Roger VontempS ging leider kurze Zett darauf, hn Alter von 8 Jähren, an einem Herzschlag ein. Während wir über ein Stoppelfeld galoppierten, brach er zusammen und war auf der Stelle tot, und Deutschland viele Rennen lettenmg, ein UeM, an dem so viele Rennpferde leiden * das in vielen Füllen die Ursache 6er Nervosität dieser tbe ist. Wenn Las Äebel nicht rechtzeittg erkannt wird, :6en solche Tiere durch weiteres Training überanstrengt und nen unter Umständen nicht nur gesundheitlich geschädigt, son- n auch im Temperament ganz verdorben werden. Wie ich in meinem Buch „Bon mehrer Löwin" gelegentlich der Beschreibung „Eirces" erkläre können Pferde, Sie, sei es aus angeborener oder aus durch Leiden erworbener Unfähigkeit mit schnelleren Pferden zu konkurrieren, völlig verdorben werde» durch verständnislose Behandlung. Die dummen unter ihnen werden in solchen Fällen nur rabiat gemacht, während die iw telligenten leicht stützig werden. Der kluge Roger wußte sich großen Anstrengungen zu ent» ziehen, indem er streikte. Er hatte erkannt, dah man durch Steigen und Ueberschlagen sich seines Reiters entledigen könne und dieses Mittel wendete er nun an, so ost ihm etwas nicht pahte. Wie ich vom toten Roger Abschied nahm, sein seidenglän- zendes schwarzes Fell ein letztes Mal liebkosend klopfend, kam mir die Erinnerung an die gemeinschaftlich überstandene Gefahr wieder lebhaft ins Gedächtnis. Wie mag fein armes krankes Herz gezittert haben, als er die Gefahr, in die ich ihn durch meinen Leichtsinn gebracht hatte, vielleicht unbewutzt fühlte. An diesem Augenblick empfand ich etwas wie Reue über meine Tat. — Sizilianische Vendetta. Bon Curt Dauer. Dor einiger Zett ging durch die deutsche Presse die Nachricht, der berühmte sizilianische Dichter Nino Martoglie fei der Blutrache zum Opfer gefallen. Man habe ihm, so hieh es in 1 Wechselung mit seinem Sohne, einem Hospitalarzt, des Nachts aufgelauert, mit eisernen Stangen betäubt und in den Schacht eines Fahrstuhles geworfen, wo man feine Leiche am andern Morgen fand. Soweit die Stimme der Oeffentlichkeit. An Wirklichkeit trug sich die Sache, wie mir der Bruder des Dichters schreibt, ganz anders zu. Gelegentlich eines Landaufenthaltes des sonst zu Rom lebenden Dichters in seiner sizilianischen Heimat erkrankte fein kleiner, etwa sechsjähriger Sohn und mußte ins Krankenhaus zu Gatania gebracht werden. An dem Empfangszimmer dieses Kranken'hauses befanden sich zwei Türen, von denen die eine ins Freie führte, während die andere sich $um Abgrund eines in Reparatur befindlichen Fahrstuhles öffnete. Menschliche Fahrlässigkeit hatte vergessen, diese zweite Türe ab- zuschließen. Da beide Türen einander völlig gleich sahen, so suchte der Dichter bei seinem Fortgänge unglücklicherweise durch die Fahrfluhllür das Freie zu gewinnen und tat dabei den schrecklichen Sturz in den Schacht, der sogleich feinen Schädel zertrümmerte. Ast dieser Zufall an sich recht interessant dafür, wie schnell die öffentliche Meinung eine Sache zu entstellen vermag, so ersieht man daraus insbesondere, wie man sogleich das Gerücht von der Blutrache in Umlauf brachte, wo es sich um ein immerhin seltsames Ergebnis auf sizilianischer Erde handelte. Der Oessentlichkeit mochte diese Sache mysteriös erscheinen. Was lag also näher, als sie durch einen Akt der Vendetta erklären zu wollen? Man darf daraus indessen nicht den Schluh ziehen, dah sich heutigen Tages die ganze berüchtigte sizilianische Dlutrache bei näherem Hinsehen als eine Bloße Mär zu erkennen giBt. Leider tft das Gegenteil der Fall. Die Vorstellung, die der Nord-Europäer von 6er süditalienischen Dlutrache 'hegt, ist gegenüber der Wirklichkeit meist recht -harmlos. Er denkt gewöhnlich, sie Bestände darin, daß der Beleidigte das Messer zieht und seinen Gegner kalt macht. Damit ist jedoch die Sache noch lange nicht zu Ende. Oft fängt sie so überhaupt erst an. Denn noch heute kommt es in Süditalien vor,'daß an einer einzigen Kränkung, auf der Mutrache steht, ganze Dörfer aussterben. Der erste Anlaß erscheint oft ganz arglos Ein Streit unter Nachbarn, ein Liebeshandel usw.. bei dem es zu Blutvergießen kommt, sind oft der Anlaß zu Generationen langer Dlutrachetaten zwi* che-n Familien, die irgend in verwandtschaftlicher Beziehung sehen Ast jemand von feinem Gegner beseitigt, so übernimmt dessen Familien die Kinder, Eltern oder entfernte Verwandte, die Vendetta. Diese beicht meist nicht einfach! darin, daß der Angreifer jetzt wieder gemordet wird. Diese Strafe wäre zu gering Man wählt daher zunächst den Menschen, den er am liebsten hat, etwa eines feiner Kinder, zum Opfer. Es kommt vor daß et all feine Kinder auf diese Weise hinsterben sehen muh bevor er selbst herankommt. Jede Bluttat aber erfordert eine' gleiche Antwort der Gegenpartei. Ammer wieder wird die alte Wunde so von neuem aufgeriffen. Die Alten vererben die Sühne den Zungen, und wenn die Familien des Ortes wie Las in jenen Gegenden nicht selten der Fall ist, vielfach durch verwandtschaftliche Bande zusammenhängen, so bezeichnen Dann schließlich nur noch Grabhügel Sie Stelle, wo vor Generationen ein freundliches Dörfchen stand Was uns Nordländer als eine Reihe grausiger und barbarischer Untaten erscheint, betrachtet der Sizilianer als heilige Pflicht von der ihn keine Pvlizeigewalt abzuhalten vermag Mcm iann ihn zehn Jahre und länger hinter Schloß und Riegel sehen, sobald er das Gefängnis verläßt, greift er von lauern nun Dolch, um jenen zu treffen, in dem er den Urheber seiner vermutet Die Rache fleM ihm viel höher alS das eigene ein Nahverwandter unseres Pelz- Khaprakäfer sich bereits fett mehr, widerstrebt. Seinem Ehrgefühl ist int Unrecht befindlichen Feind am Schriftleitung: August Goetz. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei. TL Lange, Bietzen. etwa 10 Tagen hat. Dagegen verursacht die besonders am lagernden Wetzen, aber auch Lebensdauer von Larve in Indien an Gerste, Mat» Es sind zwei verschiedene Welten, die einander gegenüberflehen und sich nicht durch blvtze Logik überbrücken lassen. Der etne ist nur darauf bedacht, den Beleidiger beiseite zu schaffen, der andere will sich selbst für seine Ehre einsetzen. „i es nicht erlaubt, selbst den auS dem Hinterhalt zu treffen. und Hülsenfrüchten ernsthafte Schäden. Der Khaprakäfer legt seine 15—40 Eier an DetveideWrner ab. Die junge Larve lebt dann zur ächst mir vom Staub und vom Mehlkörper zerbrochener Körner und hält sich gerne in Rissen und Fugen des Mauer- werks und der Dielen auf. Später dringt sie aber auch in unverletzte Körper ein und fr itzt sie völlig leer so datz nur die Schale übrig bleibt. Da sie durch ihre starke "Behaarung oft an Kleidern und Säcken hängen bleibt, kann sie leicht von einem Getreidelager zum anderen verschleppt werden. Die Biologische Aeichsanstalt in Berlin-Dahlem bittet, überall auf das Vorkommen dieses gefährlichen Schädlings $u achten und ihr bet jedem Verdacht seines Auftretens Proben des befallenen Getreides einMsenden. Wie da- Wild geht. Eingehende Beobachtungen über die „Gangarten" unseres Wildes veröffentlicht ein erfahrener Häger hn „St. Hubertus". Am "häufigsten geht das Wild wie der Mensch im Schritt. Wenn ihm aber irgendeine Gefahr droht, so setzt es sich zunächst in Trab oder richtiger gesagt in „Troll , erst int Augenblick dringender Gefahr verfällt es in den Galopp. Bei den Rehen, die trotz ihrer sprichwörtlichen Schüchternheit sich wenig vor Menschen scheuen, dauert es ziemlich! lange, bevor sie sich in Trab setzen. Der „Troll"' wird von ihnen nur zuerst angewandt, wenn sie erschreckt werden, traben sie erst und jagen in weiten Galoppsätzen dann davon. Der Grund dafür, warum das Reh nur int Anfang trabt, wird von dem Verfasser darin gesucht, datz die Rehe beim Troll den Hals stets angezogen haben. Rur mit lings wurde von Dr. Friedrich Zacher von der Biologischen Retchsanflalt in Berlin und am Niederrhein festgestellt. In mehreren Silos und Schüttböden fand ich an indischem Weiten in großen Mengen der Khapra afer (Trogvdernia Khapra Arrow), ein Nahverwandter unseres Pelz» und Kabinettkäfers. Da der ongegDgenem Halse Wunen sie aber den Schrecklaut hervorbringen, der Wh ihnen bet Gefahr entringt. Das Reh zieht also wenn es erfchrech wird instinktiv den Hals ein, läht den Schreckruf hören und fällt habet notwendig in Trab: erst dann streckt eS den Hal» weitaus und nimmt nun die Stellung für den Galopp an. Beim Edelwtlbe ist im Gegensatz zu den Rehen gerade der Trab die häufigste Gangart. Bei der geringsten Störung springt es mit kurzen Sätzen davon, während der volle Gawpp erst! im Augenblick der "höchsten Mot einseht. Dann werden meterhohe Hindernisse und Gräben von 3 Meter Breite mit Leichtigkeit genommen. Das Edelwild, dessen Witterung so fein ist und daS im Menschen seinen Verfolger so gut keimt, befindet sich eigentlich immer in einem gelinden Trab; mir des Nachts oder bet voller Sicherheit hn dichten Wald zieht es im Schritt daher. Irn Trab geht das Edelwild zur Nahrungssuche, aber nach eingenommener Mahlzeit zieht es meist mit vollem Magen Schritt für Schritt durchs Holz. Das Schwarzwild befindet sich fast Immer in einem sog. „Saugalopp", der zwischen Trab und vollem Galopp die Mitte hält. Dabet kommt es sehr schnell vom Fleck. Das Schwarzwild läßt sich ja überhaupt nur ganz selten am Tage sehen und macht lieber einen großen llmtoeg durch dichtesten Wald nach dem Fraßplatz, als daß es über eine Lichtung gehen würde. .DaS Wasserbedürfnis der Diene« ist so groß, daß im Sommer täglich je Volk 1/4 Liter Wasser und mehr verbraucht wird. Die Dienen brauchen eS bei der Ernährung der Brut und gehen zugrunde, wenn sie eS nicht haben. Deshalb fachen sie in Schaven die Wassertonnen und Brunnen in den Nachbargärten auf, trotzdem die Imker neben ihren Ständen besondere Tränken zu unterhalten pflegen. Degen diesen Naturdrang läßt sich nichts tun. Deshalb sollen aber die Besitzer der Wasserstellen auch den Besuch der Bienen ertragen. Gr ist ja ganz ungefährlich da Menen, die Wasser holen ebensowenig wie Honigsammlerinnen stechen, wenn sie nicht berührt werden. Außerdem wird jeder Naturfreund, der die Bedeutung der Bienen für die Befruchtung der Blüten kennt, an dem Menenbefuch seine Freude "haben. Um zu verhüten, daß Bien«, in den offenen Gefäßen ertrinken, deckt man einen Deckel darüber ober einen in das Wasser hineinhängenden Sack. Zur Not genügen einige Schwimmhölzer, die den Menen als Rettungsboote dienen. Menen tot zu schlagen, ist etne törichte Grausamkeit und ein Verlust für unsere Volkswirtschaft. Die Verwertung von Pilzen zu Fütterungszwecken. Prof. Dr. Raebiger, Leiter de» bakteriologischen Instituts der Landwirtschaftskammer der Provinz Sachsen, hat darüber eingehende Untersuchungen angestellt. Prof. Raebiger hat die verschiedenen Haustiere mit Pilzen gefüttert. Bei diesen Versacken Wurde vor allem Wert darauf gelegt, die Pilze ohne Rückficht auf ihre sonstige Giftigkeit zu verwenden, so daß also beim ©Hammeln keine besonderen Vorsichtsmaßregeln nötig waren. Da es möglich ist, auf diese Weise ganz beträchtliche Mengen wertvoller Fütterungsmittel zu sparen und die .Unmengen der in vielen Waldgegenden vorkommenden Pilzen zu verwerten, auch'die giftigen über den Tiermagen in menschliche Nahrungsmittel zu verwandeln, dürste eS für viele Tierhalter besonders für die Landwirtschaft, von Interesse sehr, sich über diese Versuche von Dr. Raebiger zu unterrichten. Sin neuer Getreideschädling in Deutschland. Die Einschleppung eine- neuen gefährlichen Getreideschäd- Oeben. Die Polizei hat unter diesen Umständen schwer« Arbeit mi verrichten. Von der Bevölkerung darf sie keinerlei ^lntev- stühung erwarten, denn niemand wird gegen die Ueveltater zeugen, teils aus Furcht vor der Rache, teils weil Mr das eigene Aechtsgefühl aus dessen Seite stellt. Jeder polizeiliche Eingriff wird als eine Verletzung angestammter Rechte empfunden. Auch die Feinde fielen zusammen, sobald es sich darum handelt, der Polizei ein Schnippchen zu schlagen. Ich erinnere mich eines Festes in einem Bergdorf, gegen Mittag kamen einige Polizisten herauf, um einen lange gesucht«! uebeltater abzufassen. Dieser selbst befand sich vergnügt zwischen unö und dachte zunächst nicht daran, das Weite zu suchen „Kennt Ihr ibn ?" fragten die Polizisten von einem zum andern. „Wttzt Ihr wo er sich auf hält?" Niemand wollte es wissen, nur der Betreffende selbst wies die Beamten nach seiner mehrere Stunden talwärts gelegenen Vigna. Dort würden sie ihn^ finden. Während diese nun schweißtriefend den mühsamen Abstieg begannen feierte der Uebeltater mit seinen Freunden das Iest, um alsdann wohlausgerüstet in die Berge zu fluchten. Hatte ihn jemand verraten, er wäre unbedingt der Vendetta anheim- Gefeilten Besonders grausam gestaltet sich die furchtbare Blutrache in Sizilien dadurch daß man sich nicht damit begnügt, seinem Feinde ober dessen Angehörigen einfach das Lebenslicht aus- zublasen, sondern daß man sein Opfer längere Zeit vorher durch gewisse Zeichen warnt. Unter Furcht und Beben wandelt der Gewarnte Wochen und Monate «hindurch einher, jeden Augenblick des Schrecklichen gewärtig, völlig nervenzermürbt m Erwartung des Ereignisses, vor dem es keinen Schutz für ihn gibt. Als erstes Warmmgssignal werden dem Feinde die Reben seiner Vigna abgeschnitten. Gr weiß bann: das Schicksal näht unerbittlich. Bald schleicht sich der Feind in den Stall, um den Pferden ihre Mähnen abzuscheren. Das ist das letzte Zeichen. Run findet der Verfolgte keine sichere Sekunde mehr. Im Dorf und auf dem Felde bet der Arbeit, im Bett oder beim Heimweg, überall vermag ihn die aus dem Hinterhalt sicher gezielte Kugel zu erreichen, ihn ober einen seiner Lieben. Es ist ncch nie vorgekommen, daß der Feind sein Ziel verfehlte. Das Häßlichste an der Blutrache ist aber ihre meuchelmörderische Art. Nicht im offenen Kampf wird der Feind gestellt, sondern die Kugel wird stets aus dem Verborgenen abgefedert. Wohl kennt auch der Sizilianer das ritterliche Duell. Und zwar nicht nur der Gebildete, sondern auch das Volk. Trotz des strengen Wafsen- verbotes in Italien trägt jeder Bursche Dolch und Revolver in der Tasche, stets bereit, seinen Gegner zum 'Waffengang zu fordern. Dann aber handelt es sich nicht in der Regel nur um augenblickliche Aufwallungen. Ernste Konflikte, bei denen die Familienehre auf dem Spiele steht, verlangen nach der Blutrache die aus dem Hinterhalt geführt wird. Sie hat oft eine ganze Kette von Meuchelmorden im Gefolge und pflanzt sich nicht selten von Generation zu Generation fort bis es endlich einmal den Freunden gelingt, die feindlichen Parteien zu versöhnen. Ein sizilianischer Freund, den ich auf die feige Art, in der der Sizilianer die Blutrache aus dem Hinterhalt an dem ahnungslosen Opfer zu vollziehen pflegt, aufmerksam machte, antwortete mir: „Das offene Duell ist eine Ungerechtigkeit, bei der gewöhnlich der Beleidiger den Beleidigten tötet. Nichts ist daher falscher, als seine gekränkte Ehre durch ein Duell wieder Herstellen $u wollen das den ©efräntten möglicherweise den Todesstoß versetzt. Die Blutrache ist wett gerechter, weil habet der Gekränkte in Sicherheit bleibt und stets der Beleidiger getroffen wird. Sie entspricht daher dem Gerechtigkeitsgefühl des Volkes, das feine Angelegenheiten Nicht einem Tribunal anvertrauen will." Gewiß läßt.sich gegen diese Logik nichts einwenden, aber es bleibt doch ein Gefühlsrest zurück, der dem Nordländer Khaprakäfer sich bereits fett mehreren Jahren in England eingebürgert hat and dort besonders in 'Brauereien und Malzlagern ganz erhebliche Schädigungen verursacht, besteht die Gefahr seiner Einbürgerung auch in Deutschland. Der Käfer selbst wird nicht durch Fraß schädlich, da er nur eine