H-Wl n^LMZL n- 6 B 8|l »ZW -ui !M MW MW fkate ,Z 1922 Nr. IS Samstag, 22. April Aus der Jugend des deutschen Hausgartens. Don Dagobert Winter. Die altgermanischen Dörfer bildeten, wie uns Tacitus berichtet, keine festgeschlossenen Ortschaften, sondern sie glichen mehr einer Reihe nur lose miteinander verbundener Einzelgehöfte. Zu einem jeden dieser Gehöfte gehörte ein Stück Haasland oder Rußland, das an die Hofstatt flieh. - Dieses Hausland lieferte die sogenannte Schmalsaat. Während das eigentliche Ackerland, auf dem das Getreide angebaut wurde, Gemeindeeigentum war, war das Hausland unbeschränktes Eigentum des Hofbesitzers. Auch das Hausland war usprüngliches Feld. Im Gegensatz zu dem Gemeindeland aber war es nicht zum Anbau des Getreides bestimmt, sondern es trug nur die als Schmalsaat bezeichnete pflanzliche Zukost, wie Hirse, Dohnen, Linsen, Erbsen und Rüben, ilm es als Sondereigentum zu kennzeichnen und auch wohl zum Schutz gegen die Tiere war es, ebenso wie die Hofstatt, von einem Zaun aus Flechtwerk umgeben. Aus diesem Schmalsaatland ist der deutsche Hausgarten hervorgegangen, und die Abgrenzung durch einen Zaun verdankt er, wie wir sogleich sehen werden, seinen Ramen. Der Garten in unserm Sinn hat erst ziemlich spät auf deutschem Doden Eingang gefunden. Der Germane hat anfänglich für die Schönheit der Pflanzenwelt wenig Derständnis besessen. Das lätzt sich noch heute aus dem Charakter der altgermanischen Kunst erkennen. Während in der Bronzezeit, der Eisenzeit und in den ersten geschichtlichen Jahrhunderten in den Ornamenten einfache oder phantastisch verschlungene Linien sowie stilisiertes Figurenwerk von Tier und Mensch auftraten, findet sich keine Anlehnung an Blatt, Blüte oder andere Pflanzenteile vor. Diese Gleichgültigkeit gegen die Pflanzenwelt, soweit sie nicht Rahrung spendete, verursachte es auch, dah der Germane nicht selbständig auf den Gedanken geriet, ein Stück Land in der Rahe seines Gehöftes mit Pflanzen nur des Schmuckes wegen zu besetzen. Roch in den älteren Teilen des Gälischen Gesetzes deren Abfassung in die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts zu verlegen ist, wird der eigentliche Garten nicht erwähnt. Erst in den späteren Texten taucht er auf, indem hier Strafbestimmungen gegen Diebstähle in Weinbergen und Gärten erlassen werden Aus den Pflanzen, die in den ersten deutschen Gärten gezogen worden einerseits und aus der Benennung dieses durch einen Zaun umhegten Landflückes anderseits aber ergibt sich, daf> der Garten wie schon angedeutet, aus dein Hausland entstand. Der Zaun' der, das Hausland umgab, wurde hergestellt aus Ruten oder Gerten. Don diesem letzteren Wort her, das auch noch in dem Wort „umgürten" nachklingt, entwickelte sich der Rame Garten Es war also ursprünglich dasjenige Stück Land, welches durch einen Zaun von Gertengeslecht umfriedigt war. Da das Hausland, wie erwähnt, Sonderetgentum des Einzelnen war. so genoß es auch einen höheren Rechtsschutz, und da sich der Garten wieder erst von dem Hausstand abtrennte, so kommt es, daß in den ältesten deutschen Gesetzen auch gegen Beschädigungen und De- «rubungen von Gärten strenge Strafen und Butzen verhängt sind. Einen Hinweis, daß der Garten in der Tat seinen Mimen von der Einzäunung mit Ruten ober Gerten erhielt, liefert noch gegenwärtig die Schweiz. Dort nennt man ein Stück Land das mit Flachs. Hanf oder Kartoffeln bestellt ist. sobald es mit einem Zaun aus Weidenrutengeflecht umgrenzt ist, auch wenn es im freien Felde liegt, „Garte". Erst die engeren Beziehungen zur römischen Kulturwelt und sodann die Besitzergreifung des römischen Kolvnialgebietes am Rhein und in Süvdeutjchland brachten den Deutschen den wirklichen Garten. Auf ihr Derhältnis zur Pflanzenwelt wirft auch für diese Zeit noch der Amstand ein Helles Licht, dah die Anfänge des deutschen Hausgartens nicht auf den Blumen- und Ziergarten, sondern auf den Obstgarten zurückgehen. Der Rutzen des Obstes als Rahrungsmittel sprang deutlich in die Augen, und deshalb schickte sich der Deutsche auch zuerst an, Obstbäume auf einem Stück seines Hauslandes zu pflanzen und zu ziehen. Zwar besah man auch früher schon Obst, wie Holzäpfel. Schlehen und Weichselkirschen, aber es wurde seiner mangelhaften Be- Ichaffenheit wegen nicht zum Rohgenuß. sondern zur Bereitung einer Art Obstwein verwendet. Erst der Bekanntschaft mit den römischen Kulturzüchtungen verdankte der Deutsche zum Essen brauchbares Obst, und nachdem er feinen Wert als Rahrungs- und Genutzmittel erkannt hat, nimmt er sich eifrig der Obstbaumzucht an und macht sie, soweit es die klimatischen Bedingungen, irgendwie gestatten, schnell bei sich heimisch. Daß wir unsere fetzigen Obstsorten aus den Händer der Römer empfingen zeigt die Bildung ihrer Benennungen. Die Ramen Pflaume' Birne, Kirsche, Psirsich. Quitte und Mispel sind sämtlich dem Lateinischen entlehnt und erst im Volksmunde umgetvandelt worden. Rur die Ramen für Apfel und Ruh sind rein deutsch da man jenen, wie erwähnt, bereits in dem Holzapfel, diese in der Haselnuß kannte. Ebenso sind die Bezeichnungen für die verschiedenen Vornamen bei der Obstbaumzucht, wie Pfropfen und Impfen, dem Lateinischen entnommen. Der Beginn der deutschen Obflbaumzucht auf dem Hauslande darf gegen Ende des 5. Jahrhunderts angefetzt werden. Sie saht zuerst Fuß im Westen und Südweflen Deutschlands und schreitet dann allmählich nach Osten und Rvrden vor. Das 6., Z. und 8. Jahrhundert sind daher die Periode, wo sich der deutsche Hausgarten mehr und mehr sein Daseinsrecht erwirbt. Aber in dieser Zeit ist er vorzugsweise nur Obstgarten oder, wie er gewöhnlich genannt wird, Baumgarten. Im Anfänge des 9. Jahrhunderts steht der Obstgarten schon auf einer beachtenswerten Stufe der Ausbildung. Wir sind über ihn namentlich durch die Anweisungen, die Karl der Große über die Bewirtschaftung und Verwaltung seiner Meierhöfe erlassen hat, genauer unterrichtet. Die Hauptobstart, die in den Gärten dieser Meierhöfe gezogen wird, ist der Apfel. In der Verordnung des Kaisers werden ZO Apfelsorten angeführt, die in Dauerobst, nicht haltbare und Frühäpfel geschieden werden. Geschätzte Apfelsorten sind unter anderen die Geroldinger, Gvder- dinger, Gozmaringcr, Crevedeller, Orgelinger, Sibelbinger. Sie lassen sich jetzt nicht mehr bestimmen. Rur eine Apfelsorte hat sich ununterbrochen vom Mittelalter bis auf unsere Zeit erhalten: der Dorsdorser. Er wurde von den Zisterziensermönchen auf auf dem Klostergute Porstenhof bei Dernburg an der Saale das zum Kloster Pforte, der heutigen Erziehungsanstalt Schnl- pforta, gehört, gezogen. Wie hier auf den kaiserlichen Gütern, so findet die Obstzucht auch in den Klöstern, wie ja auch schon die Abstammung des Dorsdorser Apfels von einem Klostergute andeutet sorg- allige Pflege. Auf dem Grundritz des Klosters St. Gallen n ber Schweiz vom Jahre 830 ist der Obstgarten auf dem Friedhof angelegt. Als Bäume, die zwischen den Gräbern an* — 62 — Weltgeschichtliche Betrachtungen Jakob BurSrhardts. (Nus neuen Briefen.) Der Geist jener tiefsinnigen und vorausschauenden Geschichts- Philosophie, die Jakob Burckhardt in seinen berühmten „Weltgeschichtlichen Betrachtungen" niedergelegt hat, weht auch durch die Briefe, die der große Historiker an seinen Freund Friedrich von Preen gerichtet hat und die von Emil Strauß im neuesten Heft der „Deutschen Revue" mitgeteilt werden. Der Krieg von 1870 beschwor eine Weltkrise herauf, von der Burckhardt bereits ahnte, daß sie nur den Anfang gewaltiger Katastrophen bedeute. Am 20. Juli 1870 angesichts des drohenden Krieges schreibt er dem Freunde: „Für unsere Erkenntnis soll, was irgend kommt, inzwischen nicht verloren sein: es ist gvjt, daß Du Erdenkind, selbst bei leidlicher Gesundheit und guter Situation in der Welt, wissest, auf welchen Abgründen Du wandelst usw. — so predige ich mir selber vor. . . Es gibt einen leichten geschichtsphilvsophischen Trost: wasmaßen ein großer Krieg für lange Zeit Frieden, d. h. die deutliche Proklamation der wahren dauernden Haupt- «pflanzt sind, werden verzeichner: Pflaumen Birnen Mispeln Mirsiche Nußbäume, Akaulbeerbäume und, der südlichen Lage rntsprechend, Mandelbäume und Feigen. Äach dem Muster der raiserlichen Höfe und Klöster wird nun der Obstgarten in Stadt Und Land, in Dors und Burg nachgeahmt, eine Freude für seine Besitzer und alle, die in ihm lustwandeln, gegen Deraubungen und Baumfrevel durch harte Strafverfügungen geschützt von einem Zaun oder einer Mauer umgeben, und, Wenn er weiter von dem Besitztum entfernt liegt, auch mit einer Wachterhutte ^^Der^Anfang des 9. Jahrhunderts ist es auch, tvv der Krauter- und Gemüsegarten eine reichere schlug -v n„f,f ;n seinem Ursprung aus das Hausland zurück, 1 wieder (freilich erst wenn wir tot sind) ein Imperium romanum sein, nach dem es zuerst mehrere Assur Medien, Persien gewesen, sein werden. Eine Dynastie hat ein solches Imperium, wie wir wissen, nicht mehr, sondern nur eine Zentralverwaltung und (vermöge der Soldaten) eine leata tranguillitas. Die heutigen Menschen haben allmählich in großen gesellschaftlichen Schichten schon unbewußt der Rationalität entsagt und hassen eigentlich jede Diversität. Sie opfern, wenn es sein muß alle ihre speziellen Literaturen und Kulturen gegen „durchgehende Rachtzüge" auf. Was ich hier schreibe, klingt jetzt wohl wunderlich und ist doch gründlich wahr. . . Wenn man ein Recht behält im allgemeinen Durcheinander, so ist es dasjenige eines tröstlichen Aberglaubens. Eine in ihrer Art tröstliche Lektüre kann jetzt der Simplizissimus werden, in welchem das Fortleben der edelsten Menschennatur unter den greulichsten Umständen das eigentliche Thema ist." Am 5. März 1871, nachdem das Kriegsgewitter sich wieder verlaufen hatte, schreibt er: „Mein ganzes und einziges Sehnen geht nach den großen Reaktionen in Geist und Gemüt der beiden Völker. Ich weiß, das Wünschen wird uns mehr als einmal zum Narren halten, und wir werden Licht zu sehen glauben, wo uns nur die Augen flimmern, aber kommen muß es doch. And zwar um so gewisser und kräftiger, je weniger der Mensch in den beiden Staats- tümern seine Heimat finden wird. Der froße Haufen wird natürlich mit den bloßen Genüssen der Abspannung sich zufrieden geben, aber eine große Schar wird eben doch Besseres und Neues verlangen." Nach dem Wüten der Kommune schreibt Burckhardt,. daß eigentlich Rousseau das große Anhsil mit seiner Lehre von der Güte der menschlichen Natur angezettelt habe. „Die Folge war tote jedes Kind weiß, die völlige Auflösung des Begriffes Autorität in den Köpfen der Sterblichen, worauf man freilich periodisch der bloßen Gewalt anheimfiel. In den intelligenten Schichten der abendländischen Nationen war inzwischen die Idee von der Naturgüte umgeschlagen in die des Fortschrittes, d. h. des unbedingten Geldver^ienens und Komforts mit Gewissens- beschwichtigung durch Philanthropie. Die einzige denkbare Heilung wäre: daß endlich der verrückte Optimismus bei Groß und Klein wieder aus den Gehirnen verschwände. Auch unser jetziges Christentum genügt hierzu nicht, da es sich feit 100 Jahren viel zu stark mit diesem Optimismus eingelassen und verquickt Hatz Kommen wird und muß die Veränderung, aber nach Gott weiß wie viel Leiden." Auch über sich r löst gibt Burckhardt wertvolle Bekenntnisse in diesen neuen Briefen. Wir hören von seinen Italien-Reisen, von seiner Liebe zu guter Musik und guten Weinen. Weniger gern als nach dem Süden reist er nach London; in London sind ihm besonders die Steinkohlen verhaßt. „In London empörte mich das Zeug beständig," schreibt er am 8. Januar 1870 „nicht so sehr wegen der Schmiererei, als weil es ein wahres Symbol alles widerlich modernen Lebensbetriebes ist und einen dabei auf Schritt und Tritt verfolgt. Die Steinkohle ist das Moderne in seiner Zudringlichkeit. And wenn es dann einmal heiß wird und der Straßenstaub mit der schwarzen Mixtur gesättigt erscheint, so macht es mich desperat." „Wer heutigen Tages Kunstgeschichte dozieren will," meint er am 16. Juni 1879, „ist nun einmal zu periodischem Geldverschlagen auf Reisen usw. mit Anschaffungen verdammt. Wenn ich aber reich genug wäre, tote gut wüßte ich, was ich täte! Ordinariat samt Besoldung würden niedergelegt, und ich bliebe mir Professor hvnorarius und läse, was mir beliebte ohne jene schauerliche Hatz welche mich nötigt, in einem bestimmten Semester einen zeitlich bestimmten Sachinhalt durchzujagen. Diese Eile wird im vorgerückten Alter sehr beschwerlich und man sieht obendrein so gut, wie eitel eigentlich die Mühe wegen der chronologischen Scheinvollständigkeit eines Kurses ist. Ich wundere mich nur immer über mein Gedächtnis, welches wirklich noch ein gutes Tier ist." Im Jahre 1889 bekennt er, daß er allmählich „die rechten mythischen Augen" bekomme, „vielleicht sind es die des wiederum dem Kind sich nähernden Alten. Aebrigens gebe ich mich nicht nur mit alten Sagen und dergleichen ab, ganz wie Sie rekapituliere ich jetzt bisweilen die bunte eigene Vergangenheit, nur werde ich mich vielleicht mehr zu wundern Arsache haben als Sie, weil ich so vieles töricht beurteilt und angegriffen habe. Was wir beide gemeinhaben in unserem Erdenwallen, das ist die Notwendigkeit gewesen, dem Augenblick durch Arbeit zu genügen. Es ist über uns nicht jene Dleiwalze gegangen, welche so viele brave Leute platt drückt." Das Schmerzenskind. Don Alsred Bock. (Schluß.) In seinen Adern kocht das Blut. Gr stürzt in die Kammer. Irgendwo muß da ein Hammer liegen. Gr sucht ihn unter 6S - allerlei Gerümpel und kann ihn nicht finden. Der Hammer, der Hammer! Ha! da ist er. Er saht ihn und schwingt ihn hin und her. Totschlägen wirb er das nichtsnutzige^Weib, die unnatürliche Mutter! Der Schweiß bricht ihm aus afieit Poren, der Atem konunt keuchend aus seiner Brust. In dem Wirbel, der seinen Kopf durchrast, ist doch noch ein Fünkchen Besinnung. Mehr als einmal ist er am Schwurgericht unter der Zuhörerschaft gestanden, hat Räuber und Mörder auf dem Bänkchen gesehen. Wer das ging nicht Holterdipolter, daß sie ihrer Strafe verfielen. Es war einer da, der ihren Fürsprech machte, sie selbst durften sich verteidigen. Was dem einen recht war, war dem andern billig. Auch die Traud mochte probieren, ob sie sich „verdeffendieren" konnte. Er war dann Richter und Bollstrecker zugleich Sich gewaltsam zur Ruhe zwingend, kehrte er in die Stube zurück. „Wo kommst Lu her?" nahm er sie ins Verhör. Sie stand noch auf demselben Neck. Unter ihrer wollenen Kapuze quoll das üppige blonde Haar hervor. Ihr hübsches Gesicht hatte die frische Farbe eines Menschen, der sich viel in der freien Luft bewegt. „Bom Hunsrück," erwiderte sie demutvoll. „Da hast du die ganze Zeit gestocken?" „Rein, nur acht Tag'. Ich bin auch in der Eifel gewesen. Und am Rhein, herunter bis Wesel und herauf bis Speyer." „Und bist hausieren gegangen?" „Ha, wie meine Mutt^ selig." Seine Hand packte den Hammer fester. „Warum bist du fortgemacht?" Sie hatte den Blick niedergeschlagen, nun sah sie ihn voll an. „Weil ich mußt'." „Du schlecht Mensch!" brüllte er. „Debus," sprach sie, die Hände auf die Brust legend, „ich bin kein schlecht Mensch Hier steh ich Kannst mit mir machen, was du willst. Wer eh daß du mich vermordesserst, Hör mich an." „Du willst dich verdeffendieren? hohnlachte er. „Ja. Debus, das will ich." Aus seiner Kehle drang ein gurgelnder Laut. Zornwütig stürzte er auf sie zu und holte mit der Hand zum Schlage aus. Sie aber verriet nicht die mindeste Furcht und änderte auch ihre Haltung nicht. Da stutzte er und wich zurück. Kraftlos sank sein Arm herab, klirrend fiel der Hammer zu Boden. Reben dem Ofen stand eine Bank. Dahin wankte er und brach zusammen. „Debus," hob sie nach einer Weile an, „ich will dir jetzt auseinanberlegen, wie das all gekommen ist. Ich bitt dich hör mich an. Guck, Debus, da sind Mann und Frau beisammen und | meinen, sie kennen sich Sie kennen sich nicht. Sie kennen sich selber nicht. Ich hab's an mir erlebt. Du lieber Gott, was hab' ich sie so lang dringeliert, bis sie mich mitgenommen hat. Selbig- Ich hab mir freilich eingebild't, ich tat’ was wissen. Gar nix hab' ich gewußt. Ich bin zwei Hahr' alt gewesen, da ist mein Vater selig mit seinem Fuhrwerk bei Maisborn im Hunsrück verunglückt. Meine Mutter selig hat sich arg quälen müssen. Und doch hab' ich sie beneidt'k, weil sie in der Welt herumziehen könnt' und jeden Tag was Reues zu sehen frag. Einmal hab' ich sie so lang dringeliert, bis sie mich mitgenommen hat. Selbg- mal' hab' ich gute Geschäfte gemacht und wär' auch beim Handel geblieben, wann's die Mutter gelitten hätt'. In Dingen hab' ich zwei Anträg' gehabt, von einem Buchbinder und einem Schreiber. Das war nix für mich. So einen Stubenhocker hätt' mir keins aufzwingen können, und wann er in Hundertmarkschein eings- wickelt gewesen wär'. Guck, Debus, daß du groß und stark warst und die schweren Säck' heben tatst und dich gerührt hast in deinem Geschäft, das hat mir an dir gefallen. Dessentwegen hab' ich auch (ileich ja gesagt, wie du mich seit haben wollt'st. In der Woll° pinnerei hätt' ich's so wie so nicht aushalten können. Dadezu war ich zu zappelig. Bei dir halt' ich Ruh. Und wie erst Der Heini kam, war ich glücklich!" Sie hielt inne. Ein Strom von Tränen entquoll ihren Augen, und es dauerte Minuten, eh sie ihre Fassung Wiedergewann. „So ein Kind gibt's ja nicht mehr," redete sie weiter. „Wann ich am Markttag drüben beim Vetzberger mein halb Pfund Kaffee und mein Päckchen Deutschen holen tat, da war ein Getu um den Bub, nicht zu beschreiben. Und wollt' ihn jedes einmal halten. Und Sonntags, das weißt du doch, sind die Leut' auf der Gass' stehn geblieben. So schön und so stark, das war die allgemeine Sprach', hatt' noch keins kein Kind gesehen. Und die Gescheitigekit von dem Bub. Das war doch ein Wunder. Geschwätzt hat er wie ein Mter, daß man sich alsfort fragen mußt': wie kommt das in den kleinen Wuschelkopf? Guck, Debus, du hast ja gewiß deine Freud' an dem Heini gehabt. Aber was ich gespürt hab, warm ich ihn so angucken tat, das steht In keinem Buch, dadefür gibt's halt keinen Ausdruck." Wiederum hielt sie inne, mühsam ihre Erregtheit meisternd. Auf der Bank am Ofen saß der Packer, die Arme auf die Knie gestützt den Kopf zwischen den Händen. „Äu war das Unglück passiert," fuhr sie fort. „Von der Stund' an hat mir ein Mpch auf der Brust gesessen, daß ich «gar nimmer recht Lust kriegen könnt'. Und war mir, als wär' in meinem Kopf was zerrissen. Und könnt' mich nicht retten vor 1 ^banken: was die Leut' jetzt sagen täten zu dem müht" . und daß er sein Lebenlang verlahmt bleiben m,rt6 öt>$ schon auSfimeliert halt', wie er sich in &er Welt einmal tummeln sollt, flink und flott wie ein junger ■ s h^.ti" mir gezerrt und gewühlt, meinem S11™! 6Ek> mocht tchs nicht wünschen. Ha Debus 's ist schrecklich, aber s ist die Wahrheit: ich hatt' einen Widermut gegen mein eigen Kind. Wie ich selbigmal aus dem Haus bin weiß K9 gar nicht mehr, 's gedenkt mir nur noch, daß ich in rabenschwarzer Rächt auf der Landstraß' war. Und hat vom Himmel heruntergedrätscht, daß ich keinen trockenen Faden an mir halt' Unö mir war, als töt' mich von hinten eins schubben: Fort, fort! Und ich bin marschiert und marschiert. Gegen Morgen kam ich durch ein Dorf. Und ein Mann sagt', das wär' Assenheim. Und bin weiter, immer weiter bis nach Gau-Algesheim. Da wohnt der Kaufmann Sternheimer. Der hat meiner Mutter selig die War'^ geliefert. Und hat mich schon als Kind gekannt. Und l^llt mir mehr borgen, als in meine Kiep' hineinging. Und ich sollt bezahlen, wann ich könnt'. Die Zeit braucht man nicht »u nehmen, die gibt unser Herrgott umsonst. Wie flitzt so ein Hahr hin! Hch hab meine Sachen verkauft, suszigmal, hundertmal. Das schickt noch nix. Und hab wieder aufgekauft. Und hab wieder Geld verdient. Das liegt auf der Kass' in Algesheim.. Und hab' wohl dran gedacht, daß mein Platz bei dir wär und meinem Kind Und front’ nicht in das Elend zurück. Ha, Debus, wann’s auch schandlasterlich war. ich könnt’ nicht, ’s war akkurat, als wann eine Wand stünd’ zwischen mir und dem verkrüppelten Kind. Dessentwegen hab’ ich doch erfahren, wie's hier ging. Die Schneebergern hinter der Kirch’ hat als meiner Got’ nach Dingen schreiben müssen. Die hat mir die Brief geschickt. 3n Simmern hab’ ich die Rachricht gekriegt, daß der Heini gestorben wär'. Wie ich das las, hab' ich zum erstenmal wieder weinen können, zum erstenmal seit sünsviertel Hahr. Ein Mannsbild weih nicht, was das heißt, nicht weinen können. Das weih nur ein Frauenzimmer. Die Äugen sind mir schier aus dem Kops geflossen. Und hält' doch als fort greinen mögen, so leicht würd' mir, so wunderbar leicht. Und der Alpch auf meiner Brust war wie fortgeflogen. Hetzt hätten mich keine zehn Gäul' mehr gehalten. Und hab' mich aufgemacht, hab' mir die Rächt kein Bett gegönnt, daß ich nur rasch bei dich käm'. Ru bin ich da!" Also sprach die Traud sich aus. Run sie geendet hatte, hingen ihre Blicke erwartungsvoll an dem Packer. Der regte sich nicht. Zuerst hatten die Erschütterung, maßlose Wut keinen klaren Gedanken in ihm auffrmmen lassen, und die Worte der Traud waren an seinem Ohr vvrbeigeglitten. Allmählich ebbte der Aufruhr in ihm, er hörte zu und suchte sich mit dem Unsahlichen auseinanderzusetzen. Die Totgeglaubte war wieder da. Was hatte sie aus dem Haus getrieben? War's Schlechtigkeit oder krankhafter Sinn? Die Hahre seiner Eheschaft flogen an ihm vorüber. Daß ihn die Traud je belogen hatte, dessen konnte er sich nicht entsinnen. Warum sollte sie jetzt die Wahrheit bemänteln? Daß eine Frau sich der Pflicht gegen ihr unglückliches Kind entzog, ja vor ihm floh, den Mann verlieh und in der Welt Herumstrich, lag außerhalb alles dessen, was seine Erfahrung int Leben, seine Kenntnis von den Menschen umschloh. Freilich, eine Landstreicherin war die Traud nicht, sie hatte ihr Brot redlich verdient. Das Hausiergeschäft stak ihr im Blut, darin mochte die Mimel recht haben. Wenn man hin und her simulierte, was wohl in sie gefahren war, kam man immer zum selben Schluh: sie muhte behext gewesen sein. Ms er den Hammer über ihr schwang, hatte sie nicht mit der Wimper gezuckt. Sv benahm sich niemand, der sich schuldig fühlte. Um ein Haar, ünö er wäre zum Mörder geworden. Gottlob, daß er's nicht geworden war! Hinter ihrem Tun verbarg sich etwas Dunkles, Rätselhaftes, über das er sich nicht zu richten vermah. Und dah sie seine eigene Schuld mit keiner Silbe erwähnte, keine bitteren Deden gegen ihn führte, war nicht das Letzte, was ihn zur Milde stimmte. Schuld stand gegen Schuld. Richt doch, sie toar nicht schuldig, sie war krank! Und hatte das Beste heim- gebracht, was der Mensch auf der Welt haben konnte: die Gesundheit! Er fuhr mit der Hand über die Stirn, als wollte er alles fortwischen, was auf ihn eingestürmt war und was nun hinter ihm liegen sollte. Hetzt stand er auf und fagte: „Traud, tu doch deinen Mantel ab!" Sie tat sogleich, wie er gebot. Seine Blicke umspannten ihre blühende Gestalt. Er näherte sich ihr. „Du hast die weite Reis' gemacht. Hast du dann waS gegessen?" „Seit diesen Morgen noch nix," erwiderte sie. „Ich hab' noch Wurst und Brot," sprach er freundlich. „Komm!" Und legte die Hand um ihren Hals. Ein Leuchten ging über ihr Gesicht. Mitsammen schritten sie zur Küche. Wächter-Legende. Don Franz AdamDeyerlein*). Zu der Zeit des Interregnums lebte in Goslar am Harz ein redlicher Mann namens Kunard. Er versah in dieser guten Stadt das Amt des Wächters, dergestalt, daß er allnächtlich vom Cvmplrt bis zur Frühmette die Plätze, Straßen und Gablern beging ob etwa in einem Winkel ein Spitzbube zu lichtscheuem Vorhaben sich berge oder gar eine Feuersbrunst irgendwo, vielleicht beim Bäck oder Leimsjeder, im stillen glimme. Ausgerüstet war er gegen das Diebsgesindel mit einer Hellebarde und emem Weidmesser, das er an der Hüfte trug; vor der Brust aber hrug ihm an einem ledernen Stiemen ein Horn, in welches er bet Feuersgefahr mit aller Macht seines Odems stieb. Mies er jedoch sänstlich hinein, so geschah dies zum Zeichen, daß die Stadt trotz Rächt und Finsternis wohlbehütet sei, und die Burger dehnten sich, insoweit sie den zarten Ton überhaupt vernahmen, sogleich um so wohliger und zu um so ruhigerem Schlafe in den Betten. „ _ , , Dieser Kunrad hatte vordem das Kreuz genommen gehabt und war mit weiland Kaiser Friedrich dem Andern ins Heilige Land gegen die Ungläubigen gezogen. Er hatte mit abertausend Rittern und Knappen „Heilo“ gerufen, als der erlauchte Herrscher sich die Krone des Königs von Jerusalem auss Haupt setzte, und war in der Kirche des allerheiligsten Grabes zu Gebet und Andacht ein und aus gegangen wie ein Goslarer Kind.im Dom oder in1 der Kirche aus dem Frankenberg. Aach mehr denn zwanzig Jahren und manchem Abenteuer hatte er sich dann wieder heimwärts gewandt. Dab er aber den Krummsäbel der Seldschake» und den Enterbeilen der Seeräuber, dem Fieber von Edessa und der Pest von Akkon heil entronnen war, schrieb er der Macht des heiligen Erzengels Michael zu, den er sich zum Schutzpatron erkoren hatte, als er der Heimat Dalet sagte. Der Erzengel war ihm denn auch den Dank nicht schuldig geblieben und batte ihn unversehrt zurückgeleitet. Mehr freilich hatte auch^ er nicht vermocht und arm, wie er ausgeslogen, kehrte Kunrad zum Beste zurück. Als einziges dürftiges Denkmal des Kreuzzuges hatte er ein seltsames Gesäh gerettet, das wie eine bauchige Flasche aussah. Die Wände waren gleichsam von leichtem dünnem Holz und lieben durchaus keine Feuchtigkeit durch; verschlossen war es mit einem Pfropfen aus altem Wollzeug. Die Kalebasse — wie Kunrad das Behältnis nannte, — war neben Hellebarde, Weidmesser und Horn das letzte Stück seiner Wachterausrüstung, und er mochte sie um so weniger missen, als er darin für die Zeit der kalten, regnerischen und stürmischen Bächte einen wärmenden Labetrunk mitzuführen pflegte. Als solchen verwandte er den schönen kräftigen Branntwein, den die Goslarer Brenner aus Korn und Gerste vortrefflich herzu stellen wußten. Bon diesem Getränk, dessen Geruch schon einem Frierenden Wohltat wie ein warmer Kachelofen, kaufte er eine große Steinkruke ein und goß es alsdann nach dem täglichen Bedarf in die Kalebasse um. Wie er es nun in den Wüsten des Morgenlandes trotz Hunger und Durst allzeit gehalten hatte, dab er nämlich auch vom letzten Bissen Brot eine Krume und von der kärgsten Handvoll trüben Pfützenwassers ein paar Tropfen für den heiligen Michael hingab, zum Dank für die genossenen Gnaden und zur Fürbitte für die Zukunft, so hielt er es auch in der Heimat. Born Brot und Kraut des Werktags, vom Fisch der Kisten und vom Fleisch der drei hochheiligen Feste legte er stets ein Stücklein vvrs Fenster, sei es, dab ein Bettler es fand oder Sperling, Taube oder Hund es erschnappten. Den Anteil vom Doanntwein aber brachte er dein Erzengel unmittelbar dar, der in Stein ausgehauen in einer seitlichen Bische links vorn Mittagsportal des Domes den Drachen erstach. Jeweils beim Rund- gang nahm er angesichts des Bildes aus der Kalebasse einen dankbar-andächtigen Schluck, hob danach das Gesäß und befeuchtete den Felsen, auf dem das Roh des reisigen Heiligen sich Bäumte, mit einigem Bah wie einen Altar. Da nun sogleich hinter dem Schweif des steinernen Pferdes die Dvmbauhütte vorsprang ergab sich halb überdeckt von dem 'Balkendach der Hütte, halb vom Bildwerk des Drachentöters ein artiges Unterschlüpfchen, in dem sich ein besonders wütender Regengub oder ein besonders eisiges Schnee- oder Hagelwetter leidlich trocken abwarten lieb. Ein von den Bauknechten verworfener Block fristete darin ein unfruchtbares Dasein und lud deutlich zum Biedersihen ein. Lange widerstand Kunrad der Der- *) „S echs f r ö h l ich eLege nden“ des bekannten Autors, mit Zeichnungen von Alfr. Seckelmann (Verlag I. I. Weber. Leipzig) atmen alle, wie das hier für unsere Leser ausgewählte Stück, ein überaus frisches Leben, wenn sie auch in alte Zeiten zurückführen und meist in Beziehungen stehen zu kirchlichen Gestalten und Auffassungen, die keineswegs in anstößiger Weise profaniert werden. Ein köstliches Gegenstück zur Wächterlegende ist z. B die noch heiterere Legende von einem Schulmeister, der nach dem Ende seines irdischen Daseins auch im Himmel sein Besserwissen ins Treffen führt und mit den Heiligen sich herum- zankt Die Geschichten haben keinerlei Stacheln und Wecken nur behagliche Fröhlichkeit. lvckuug. Schließlich aber kauerte et sich einmal versuchsweise auf dem äußersten Rand des Blockes nieder, um ein wenig zu verschnaufen, und wie denn die Sünde um sich frißt wie eine Motte im Pelz, so wurde ihm, genährt aus dem weiten Bauche der Kalebasse, ganz allmählich ».in immer längeres Schläfchen in dem windstillen Winkel zur immer süßeren Gewohnheit. Gar nun in den wilden Wetternächten, in denen man sich nicht einmal einen Dieb 'hinauszujagen getraute, nur einen armen Wächter, und in denen die Leute ganz selbstverständlich die glimmende Glut auf dem Herd abends vor dem Zubettgehen ausgosfen, schaute er kaum noch einmal um die Ecke, — bis der Tag zu grauen anfing und ihn weckte. Aiernals aber versäumte er, dem heiligen Wichael aus der Kalebasse mitzuteilen, indem er dabei mit einem dreistschlauen Zutrauen betete: „O heiliger Michael, wach' für mich!", und wenn er auch — leider muß es gesagt werden, — den Anteil des Erzengels immer kleiner bemaß, einen Schluck, ein Schlückchen, ein paar Tropfen behielt er doch immer noch übrig, um dem Patron ein Opfer darzubieten. Die Goslarer Bürger ghnten nicht, wie übet behütet sie schliefen, eben weil sie — das Zeichen eines guten, frommen Gewissens —, schliefen. Dagegen erhub sich im gebenebeiten Erzengel Michael gemach ein heiliger Zorn. Es kümmerte ihn gar nicht, daß sein Zehnten an Branntwein immer geringer ausfiel, denn auf seiner Tafel duftete der süße Wein aus den himmlischen Weinbergen. Aber Kunrads Pflichtvergessenheit wurmte den edlen Ritter aufs heftigste. Es war auch der Tag an den Ungern abzuzählen, an dem Kunrad feine Kalebasse ganz allein leeren und für den Patron gar nichts, nicht den ärmsten Tropfen mehr Übrigkassen würde. Dann aber gedachte der Drachentöter den ungetreuen Knecht unnachsichtlich zu verstoßen, wie er sich ebenso gelobte, sich sein zu erbarmen, solange er des Schutzherrn nicht gänzlich vergäße. Zu dieser Zeit begab es sich, daß der schwarze Hannes von Ilfeld, ein großer Räuber und Wegelagerer aus den Harzbergen, sich iti der Verkappung eines Roßramms in die Stadt einschlich. Er hatte es auf die Geldtruhe des reichen Schöffen Dütemeyer abgesehen. Als er bei Anbruch der Rächt aus dem warmen Stall seiner Herberge auf die Gasse schlupfte, warf ihn der Sturm fast zu Boden. Eisiger Regen peitschte fein Gesicht, und es heulte und pfiff schaurig um Giebel und Firste. Aber der Räuber lachte wild in sich hinein; das Unwetter kam ihm just gelegen. Auch den Wächter Kunrad wehte die Gewalt des Winds zurück, als er zu seiner nächtlichen Runde ausbrach. Da schritt er noch einmal zur Branntweinkruke und nahm einen mäßig großen Decher als Herzstärkung zu sich Dann verließ er scheltend sein warmes Stübchen und trottete auf einem anständigen Umwege zum Dom. Sein Zufluchtswinkel unter dem Drachentöter war trocken geblieben, denn der Sturm blies aus Rvrdwesten. Knurrend hockte er sich nieder, die KaWbasse hielt er auf den Knien. An diesem Abend warnte ihn eine heimliche Bangigkeit immer wieder, sich mit ihrem starken feurigen Inhalt einzulassen aber in un- christlichem Trotz scheuchte er die Bedenken zurück und sog um so hastiger an dem Gesäh, je lauter die innere Stimme ihm zurief: „Halt ein! Halt ein!“ Zuletzt aber schrak er doch zusammen; denn er hatte ganz und gar verabsäumt, Bern heiligen Michael das Seine zu geben. Geschwind hob er sich in das Wüten des Sturmes empor, kehrte die Kalebasse um, drückte sie sogar mit beiden Händen (als wenn je dabei etwas hätte herauskornrnen können!) — und siehe da: wirklich floß noch ein kleines dünnes Tröpslein auf den Stein. Dann fiel er zurück auf den Block und sank in einen tiefen Schlaf. Droben aber im Himmel atmete der Erzengel gleichsam erlöst auf. Denn es war hohe Zeit. Schon klomm der schwarze Hannes zum Fenster des Schöffen Dütemeyer empor, und in wenigen Augenblicken wäre es um das Leben des wackeren Mannes, eines Wohltäters der Armen, geschehen gewesen. Kunrad war derzeit auch von dem Donner des jüngsten Gerichts nicht zu erwecken, das wußte der Drachentöter. Daher nahm er flugs die Gestalt des Wächters an und fein Gewafsen zur Hand, während die schlummernde Seele Kunrads in einem rosigen Branntweinwölkchen schwebend in der Domnische zurückblieb. Der Erzengel piekte den diebischen Klettervogel heftig mit der Hellebarde in die Kehrseite, und als Hannes sich grimmig zur Wehr setzte, rannte er ihm das Weidmesser durch die Brust, so daß der schlimme Mann alsbald seinen schwarzen Geist aufgab und also den seines Lasterlebens würdigen Lohn erntete. Darnach gab der ©ebenebeite der in ihrem Räuschlein glücklichen Seele deS Kunrad den irdischen Leib zurück, schrrmng sich auf fein Roß iMd ritt wieder als General an der Spitze der himmlischen Heerscharen. Kunrad aber tappte im Morgengrauen noch ein wenig duselig aus fr-wc Ecke los. An Dütemeyers Hause stolperte er über etwas, das den Weg sperrte, und schlug im Fallen die Stirn wieder den Prellstein an der Wand. Ohne Besinnung blieb er liegen. Als bald daraus der Meßner zur Frühmette nach der Kirche Unfern- Lieben Frau eilte, fand er zwei Männer in ihrem Blut«, (Schluß folgt.) Schriftleitung: August Goetz - Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.