Nr. Z 1922 Samstag, 21. Januar VV8 SIS 1 ' .? QU Aus REUM GriRRsrungen des FrerhsrrR von ßudus. Dis Bismarck-Erinnerungen Les Freiherrn Lucius ix>n Ballhausen find als einer der wichtigsten Beiträge zur Kenntnis des großen Mannes anerkannt worden und haben weiteste Beachtung gefunden. Aus der Selbstbiographie des ehemaligen Staats- Ministers wird nun im Januarheft der „Deutschen Bundschau" ein Abschnitt mitgeteilt, der neue wertvolle Aufzeichnungen über sein Verhältnis zu BiSmarck enthält. „Born ersten Tage ab", erzählt Lucius^ „trat der Fürst mir, Lern damals kaum bekannten Abgeordneten, mit dem grössten Wohlwollen und Vertrauen entgegen. Seine rückhaltlose Offenheit und Zwanglosigkeit im Verkehr hatte etwas völlig Faszinierendes und Gewinnendes. Abgesehen davon, daß man sich dem größten Manne des Jahrhunderts gegcnüberfühlte, welcher jeden wie seinesgleichen, behandelte, nie posierte, sondern die einfache, herzliche Gastlichkeit eines Lanöedelmannes übte, hatte gerade das rein Menschliche seines Wesens etwas unwiderstehlich Anziehendes. Die Fürstin, in ihrer Art vielleicht ein ebenso einziges, seltenes Naturell wie er, welche nur die Neigungen und wohl auch die Abneigungen ihres Gemahls — allenfalls in gesteigertem Maste — teilte, akkompagnierte ihn in ihren häuslichen, gefälligen Beziehungen mit vollster Hingabe." Auf den S-Atzr-Diners, die Bismarck gab, entfaltete sich eine ebenso interessante wie zwanglose Geselligkeit. „Er ging scholl dalnals nie in Privat- und nur ganz ausliahnlsweise auch in die Hofgesellschaft. Dagegen hatte er täglich 2 3 Gäste im äleberrvck zu Tisch, und abends nach 10 Ähr war für einen großen Kreis stets offenes Haus. Die Geselligkeit hatte den größten Beiz. Man traf da alle Zelebritäten nicht nur der heimischen Gesellschafk, sondern der ganzen Welt. Auf den großen Routs, welche während der Parlamentszeit fast alle Sonnabende stattfanden, sammelte sich bann alles, was irgendeine politische oder soziale Stellung hatte, die dazu berechtigte. Man hat im Laufe der Jahre wohl fast alle Persönlichkeiten von Bedeutung deS In- und AuskaliSes dort gesehen. Im kleineren Kreis besonders sprach sich der Fürst über die intimsten Dinge mit einer merkwürdigen Offenheit aus, machte fast nie Diskretion zur Pflicht, sondern sagte wohl gelegentlich, „er nähme an, daß jeder, welcher bei ihm verkehre, Urteil und Diskretion genug habe, um zu wissen, was er weiter erzählen könne, was nicht." Ich glaube auch, daß er dabei sich nie hat weiter gehen lassen als er wollte, und daß er stets genau unterschied, wen er vor sich hatte. Manche scheinbare Indiskretionen sind wohl absichtliche gewesen." Nachdem Lucius dann Minister geworden, war, trat er auch zum alten Kaiser Wilhelm in.ein persönliches Verhältnis, und er berichtet von der geradezu idealen Beziehung, in der er und alle Minister zu Sem greifen Herrscher standen. „Er war stets zugänglich und von einer wunderbaren Korrektheit und Ordnung in der ganzen GeschäftsbehaiMung. Auf jeden Vortrag hatte man umgehend Entscheidung, selten wich sie vom gemachten Vorschlag ab, trat es der Fall, so geschah es immer mit einer besonderen rücksichtsvollen Motivierung. Er sprach nie mit einem Minister über Las stiesfort des andern und folgte Sem Bat des Ressorbchefs meist, solange er in der Vertrauensstellung war. Gr liest nie warten, und wenn es geschah, entschuldigte er sich in einer sehr verbindlichen Weife, daß es etwas Rührendes Halle. Mit Vorliebe benutzte er bei kürzeren Besuchen um Vortrag oder um Urlaub die Eingabe selbst zur Erteilung SeS Bescheids unfr das Kuvert zur Adressierung. Er änderte bann die Adresse „An des Kaisers und Königs Majestät" in „Von ustv. an den Minister L." Der Bescheid tour immer freundlich, er schrieb z. B. auf ein Jagdurlaubsgesuch: „Sehr gern, aber mit Neid bewilligt." Äeber- all ein Ausdruck seines liebenswürdigen Gemütes. Bei den Empfängen, zur Neujahrs- und Geburtstagsgratulation, welcher der Fürst Bismarck öfters wegen Abwesenheit oder Unwohlsein nicht beiwohnte, hielt er stets besonders gnädige Ansprachen, wobei er viel Fremdwörter, in säst fribericianischrr Art, gebrauchte. Sv sägte er bei dem Neujahrsempfang, an welchem die Nachricht von Gambeltas Tode gekommen war: „Da ist wieder ein remuanter Charakter weniger in der Well, die Ruhe bei unfern Nachbarn ist nur auf der Surface, da sind so impulsive Leute gefährlich." „3d;"bin noch nie so gut entvuriert gewesen wie jetzt. Die Herren machen mir alle die Arbeit so leicht, versehen ihr Amt so ausgezeichnet, daß ich nur wünschen kann, sie halten ferner aus. Ich sehe auch nicht gern neue Gesichter um mich. Besonders bin ich Ihnen dankbar dafür, Latz Sie mit dem Fürsten ss gut hinkommen." Er gab stets jedem Minister die Hand, und ich glaube, nie in den neun Jahren meines Dienstes im selben Raum gewesen zu sein, ohne daß er ein freundliches Wort Lev persönlichen Begrützung an mich gerichtet hat. Er toar ein S>err# der sich jeden attachierte und den Dienst leicht machte." Der alte Condor. Von Ewald Gerhard Seel iger. Jedes Kind kannte ihn. 3m hintersten Winkel des Hafens lag er. dort. wo Las Wasser immer mit einer grünen, Licken Schaumdecke überzogen war. Rur wenn draußen ein wilder Westwind lobte, kamen die Wellenschläge des Ozeans bis in seine Einsamkeit. Dann zerrte er an den Tauen, dis ihn an die hohe Kaimauer fesselten, als regte sich in ihm die alte Lust, hinauszufahren, mit spitzen Krallen und scharfem Schnabel die Räuber des Meeres zu pack.m, . Dann aber versank er wieder bis zum nächsten Sturme in feinen tiefen, tiefen Schlaf, den er schon vor zwanzig langen Jahren begonnen hatte. Änd er träumte von der blauen Südsee und von den Eisriesen des Ävrdstzs, und den tollkühnen Riffpiraten Marvkkss und Len hinterlistigen, schlitzäugigen Chin-efen: von Kanonendonner und Pulverdampf, vorn krachenden Stotz seines Rammstevens vom knirschenden Schlag der Enterhaken, von Wutgebrüll und Männerkampf, von Mut und Lod: von seinen Siegen träumte er. Er durfte träumen, denn er lag -im hintersten Winkel des Hakens, und jedes Kind kannte ibn. ' Aber noch ein anderer dar,re von diesen Dingen träumen und träumte gern davon; das war der einäugige John. Auch den kannte jedes .Kind in der Stadt; denn er wohnte auf dem alten Cvnbor. Kaum konnte er sich noch daran erinnern, daß er einmal irgendwo-anders gewohnt hatte. Das war nämlich schon länger als fünfzig Jahre her, und mit zwölf Jähren war er auf den Condor als Schiffsjunge gekommen. 11 nb wenn er seinen Fuh von den Deckplanken berunkertctz.te, so trat es nur, um sich an Land den Tabakbeutel füllen Zn lassen oder den schönen Fräuleins einen Besuch abzuflatten. Sonst kannte er nur den Condor, aber den kannte er auch gründlich, vom Kiel bis zu den Toppen, In allen Kämpfen, die 10 der alte (Senhor aussvcht, stand John auf seinem Platze unten bei den Kanonen, lud, zielte, feuerte, lud, zielte, feuerte mit maschinenhaster Ausdauer und Gesetzmäßigkeit. Hub wenn der Rumpf der Fregatte unter den Kanonen schlügen dem Kampfe freudig entgegenbebte, da tixfi: ihm das Herz leicht, und 6er Kopf klar, und die Hand sicher, und das Blut schoß ihm-schneller durch die Adern, lind gar oft schickte er sein dröhnendes Lachen dem Schüsse nach. Doch hatte sich erst der Condor in der; Feind verbissen, und mutzten die Kanonen schweigen, da war der riesige John der erst, der, den Säbel in den Zähnen, in jeder Hand eine Pistole, ' Über die Reling .letzte mitten unter die Feinde. Dabei hatte ihm vor Sokotra einmal die krumme Klinge eines rabiaten Arabers schräg übers.Gesicht eine schwere Furche gezogen. Quer durch das rechte Auge. Das aber war auch hpr letzte Streich dieses Hundesohns gewesen. Er kam nicht eher zur Besinnung, als bis er in den glühenden Flammen Gehennahs fast. John aber legte über sein verlorenes Auge eine schwarze Binde und stand nach ein paar Wochen wieder an feinem alten Platze und lud, schoß und zielte dazwischen mit dein linken Auge, lind die Schüsse sahen besser als zuvor. Es war, als hätte sich die Schärfe beider Augen in diesem einen vereinigt. Man schmückte den alten John mit blinkenden Kreuzen, man beförderte ihn, doch seinen Platz an der ersten Kanone des alten Condvrs verlieh er nicht. Er verlieh den alten Freund auch dann nicht, als man ihn aus der vordersten Linie der Kriegsschiffe ausrangierte, auch dann nicht, als man ihn monatelang untätig an der Pier liegen lieh, damit er ausgebessert werde, auch dann nicht, als man ihn des Ausbesserns nicht mehr für teert hielt und ihn in den innersten Winkel des Hafens bugsierte, in dem er noch jetzt lag. Der einäugige John hielt ihm die Treue und blieb, als alle andern von ihrem Schiffe Abschied nahmen, vom graubärtigen Kapitän an bis zum jüngsten Kajütsjungen. Man gewährte dem alten Querkopf die Bitte, auf dem alten Schiffe bleiben zu dürfen, und so wurde aus dem Kanonier ein Wächter, der die neugierigen Besucher auf dem alten Kondor herumsührte und ihnen, an seine Kanone gelehnt, seine Abenteuer zum besten gab. Wenn er so ins Erzählen kam, wenn seine Träume sich zu Worten gestalteten, dann glühte sein Auge im tiefen, lodernden Feuer. Niemals verfehlte er dabei, auf die Vorzüglichkeit und Festigkeit des alten Schiffes chinzuweisen und seine felsenfeste Hoffnung daran zu knüpfen, daß auch. für ihn die Zeit wieder kommen würde, wo er die Meere duvchsurchen werde, ein furchtbarer Feind der Schädlinge und Räuber. Damit er aber diese Wartezeit besser überdauern könne, mögen die Herrschaften ein kleines Scherflein dazu beitragen. Das war stets sein letzter Satz, wobei er die Mütze abnahm und sich, an die Oessnung der Reling stellte, von wo die Laufplanke nach der llfermauer führte. Belustigt über den ernsthaften Kauz, zog jeder gern den Beutel, und mancher Spaßvogel zwinkerte dabei verständnisvoll mit den Augen. Aber der einäugige John zuckte mit keiner Wimper, denn er verstand das Augenzwinkern nicht. Er lauste vielmehr für das gesammelte Geld Lappsalbe, Mennige, Taue, Nägel, Werg, Planken, immer das, was der alte Condor gerade am nötigsten hatte. And dann kletterte er mit seinem Farbentopf die Riggen hinauf und strich, datz es eine- Art hatte. Oder er nagelte so laut, daß die Spatzen -in den Lindenbäumen der Aferpromenade darüber höchlichst erschraken. Man muhte es dem einäugigen John lassen: schmuck und sauber sah 6er alte Kondor immer aus. Sein glattes Deck, sein zierliches, klares Takelzeug und der lange Wimpel, der jeden Morgen um sechs Ahr gehißt und jeden Abend um dieselbe Zeit eingeholt wurde, genau wenn vom Fort die Zeitkanone herunterlärmte. Damit hatte der treue Wächter des alten Condors sich manchen Freund unter den Bürgern der Stadt erworben. Des Sommers am Sonntagnachmittag faßen sie bei ihm mit Weibern und Kindern unter dem großen Zeltdache und schlürften den Kaffee, den er mit seltenem Geschick zu bereiten wußte. Die alten Kanonen hatte man, um das Schiff nicht zu sehr zu entlasten, an ihren Plätzen belassen. Nun waren sie gänzlich veraltet und längst in den Registern gestrichen. Auch die Kugeln hatte man an Bord gelassen. Es lagen viele unerledigte Aktenstücke in den Geheimfächern des Marineministeriums. Eines dieser vergjlbten Papiere betraf die Kugeln des alten Cvndors. John brauchte nur für Pulver und Zünder zu sorgen. Seine Einnahmen, die von Jahr zu Jahr stiegen, ermöglichte es ihm. Heimlich setzte er den alten Conöor in Kriegsbereitschaft. In der Nacht schleppte er.die Säcke an Bord. .. Seit einem Jahre schon wartete er auf die Zeit, die seinen Wünschen Erfüllung bringen sollte. Eines Morgens können ein paar hohe Offiziere an Bord OeS, alten Cvndors. Ihre Uniformen strotzten von goldenen Knöpfen und Schnüren. Der einäugige John hörte, wie sich » ^uehmste unter ihnen, ein kleiner, beleibter Mann, Exzellenz" anreden ließ. " f Da wußte er daß es der Marineminister war. Der schritt auch auf dem Inspektionsgange, den die Herren durch das Schiff an traten, an der Spitze. Einen halben Schritt hinter ihm ging einer, dessen Gesicht dem alten Matrosen bekannt vorkam. Aber die gebückte Haltung wollte nicht recht dazu passen. Am Ende der Laufplanke hatte er sich ausgestellt, die Hand an der Mütze. Man beachtete ihn kaum, ein paar grüßten lässig und ließen ihn stehen. And er stand wie ein Bild aus Stein, nur sein Äuge verfolgte den Minister, als er über das Deck schritt. Hin und wieder wandte er sich an den, der hinter ihm schritt, mit einer kurzen Frage. Er erhielt daraus eine ebenso kurze Antwort, nickte befriedigt urtb ließ wieder feine Augen über das Schiff gleiten. Dorn an der Back machte er halt und zog ein paar andere Herren aus seiner Begleitung ins Gespräch. John sah, wie sie sich verbeugten, lächelten und guftimmten; dann kam der Zug auf der Backbordseite wieder zurück. Er stand noch immer auf seinem Posten. < Das fiel dem Minister auf, auch bemerkte er jetzt ein schmales Bändchen in seinem Knopfloche. Er schwenkte zur Seite und stellte sich vor den riesigen John. „Sie sind der Wächter?" „Zu Befehl, Exzellenz." „Ich bin zufrieden mit Ihnen, Sie haben das Schiff gut im Stande gehalten." „Zu Befehl, Exzellenz." „Sie haben einen Orden?" „Die Medaille für besondere Tapferkeit im Kampfe." „Dabei haben Sie das Auge gelassen." „Zu 'Befehl, Exzellenz, vor Sokotra." „Wie alt sind Sie?" . „Zweiundsechzig." „Zeit, daß Sie ausruhen. Begeben Sie sich heute noch, ins Marineamt, man wird Ihnen da eine Extragratifikation anweisen. Qliuß werde ich dafür Sorge tragen, daß Sie Ihr Gehakt unverkürzt weiter erhalten." Der Minister nickte ihm wohlwollend zu und wandte sich zu seinen Begleitern. „Meine Herren, nun weiter in Gottesnamen." Damit faßte er das Geländer der Zwischendeckstreppe. „Eine mühselige Arbeit wird das werden!" „Belieben Exzellenz nur den alten John zu fragen,“ sagte der gebückte Mann an seiner Seite, „er wird bessere Auskunft geben können über den Zustand des Schiffes, als es ein flüchtiger Runögang vermag." „Sie haben recht, Kapitän," damit ließ der Minister das Geländer der Kajütentreppe wieder fahren und pflanzte sich vor dem alten John auf. „Nun, mein Sohn." begann er leutselig, „was hältst du von dem Condor? Ist er noch kräftig genug, eine Reise zu machen?" „Nicht nur eine, Exzellenz, zehn, zwanzig!" „Na, na," lächelte der Minister, „ich bin schon zufrieden, trenn er eine aushält. And du meinst, baß wir es wagen dürfen?" „Zu Befehl, Exzellenz." „Bestimmt?^ „Zu Befehl, Exzellenz, ganz bestimmt, icß verbürge mich dafür." ' Da trat der Begleiter herzu. „Exzellenz dürfen sich- beruhigen, er kennt das Schiff seit seinem zwölften Jahre." „Dann ist es gut. Sie machen den Conöor fertig zur Abfahrt, stellen das Ruder fest und lassen die Schlepptrosse Hinab. And vergessen Sie nicht, heute nachmittag auf dem Manneamt zu erscheinen. Ich. bitte, meine Herren." Er wandte sich zum Gehen. (Schluß folgt.) „Vom Kinde zum Menschen". Von Gabriele Reuter*). Als der Mai die Well in das zarteste Hellgrün kleidete und I tausend unbestimmte Hoffnungen weckte, rief mich eine Einladung von Tante Gustchen Oberdeck nach Weimar. Das weißhaarige Keine Fräulein, dem in der Jugend die Tanten der Familie das Studium der Musik als allzu exzentrisch verweigert hatten, und ihr statt dessen ein Haus und Garten und eine Müdchenpension aufbürdeten, hatte sich endlich freigemacht und gönnte sich jetzt, mit sechzig Jahren, die Erfüllung ihres Herzens- ) Gabriele Reuter hat in S. Fischers Verlag, Berlin, ein interessantes Memvirenbuch erscheinen lassen, dem sie den Unter« titel ^„Die Geschichte meiner Jugend" gab. Die Verfasserin ist in Aegypten geboren; sie schildert sehr anschaulich und fein die ersten Lebensjahre in der fremden Heimat, den körperlichen und geschäftlichen Zusammenbruch ihres Vaters, der für ihre Mutter und Brüder eine ernste Sargenzell heraufführte. Hier schlägt man die fesselndsten Kapitel des gemütvollen Frauenbuches auf, und der kleine Abschnitt „W e i m a r“, den wir hier mit einigen Kürzungen wiedergeben, wirft wiederum hellere, ermunternde Lichter auf diesen Lebensweg, der erst viel später, nach dem Erfolg des bekannten Romans der Dichterin „Äits guter Familie", am literarischen Ziel mündete. 11 Wunsches. Unter den Achtzehn- und Zwanzigjährigen faß sie auf den Bänken von Professor Müller-Hartungs Musikschule und lernte Harmonielehre und Generalbaß. Wir haben uns oft an der schlichten Innigkeit ihrer geistlichen Musik erbaut, wenn ihre eigene Richte mit ihrer herrlichen Glvckenstimme „etwas von Tante Gustchen" in der Kirche sang. Auch der Bruder meiner Mutter, der Maler Hermann Beh- mer, lebte seit kurzem mit seiner jungen, genialischen Frau in Weimar. Die originelle und liebenswürdige Persönlichkeit von Tante Gustchen hatte ihr schnell Eingang in die musikalischen und künstlerischen Kreise Weimars verschafft. Hilfsbereit wie sie immer war, nahm sie eine ihrer Richten zu sich., die ihre Stimme bei Rosa von Milde, der einstigen großen Sängerin und jetzigen vorzüglichen Lehrmeisterin, ausbilöete, der ersten Elsa des Lohen- grin, der ersten Elisabeth des Tannhäuser. Ratalie von Milde, ihre Stieftochter, - eine ernste, bedeutende Mädchenerscheinung, welche später in der Frauenbewegung wirkte und in' diesem Kampf eindrucksvolle Broschüren veröffentlichte, war eng befreundet mit der Cousine Gretchen. Sie sang mit ihrer edel- geschulten Stimme die Lieder von Peter Cornelius, der jahrelang in verehrender Minne ihrer Mutter ergeben war. Auch Schuberts und Schumanns Lieder lernte ich. nun kennen. Man sprach, von Liszt, von Wagner, von Bülow. Wie kindisch dumm kam ich mir vor neben einer so tief durchgebildeten, von Goethe- schem Geiste erfüllten Frauenerscheinung, wie es diese Ratalie war. Ich wagte in ihrer Gegenwart kaum ein Wort zu sagen geschweige denn ein Urteil zu äußern. Biele Jahre später machte es mir einen erschütternden Eindruck, als sie, die -Unproduktive, mir einmal gestand, wie sehr sie mich um die Gabe, Menschen gestalten zu können, beneide. Gleich am ersten Tage gingen wir in den Park. Flieder und Faulbaum blühten, Frühlingsdustwellen schwebten um die bedeutungsvollen Pavillons, das Tempelherrn- und das Römische Haus. Wie reizend war es, sich vorzustellen, daß Goethe und Karl August hier mit den Herzoginnen Amalie und Luise nebst ihren Damen Tee getrunken und geistvoll gescherzt hatten. Ich wagte von diesen Dingen noch wenig. Doch in tieferer Bewegung mag selteg ein junges Menschenkind die Stimmung der geweihten Stätten in sich gesogen haben. Der Rausch kam über mich der mich in Alexandrien ergriff, als ich zum erstenmal die Räuber- Wallenstein, Egmoirt las. Ein warmer Regen strömte nieder, im Husch war die Sonne wieder da, all das junge Laub funkelte in zauberhafter Frischs und Farbigkeit. Beim Römischen Haus stiegen wir, um zu Goethes Gartenhaus zu gelangen, ein Trepplein zwischen grauem Gestein nieder und entzifferten auf eingelassener Tafel dort den Vers: „Ihr die ihr Felsen und Bäume bewohnet, v heilsame Nhmphen Schaffet dem Traurigen Mut, dem Zweifelhaften Belehrung -Und dem Liebenden gönnt, daß ihm begegne sein Glück! Denn euch gaben die Götter, was sie den Menschen verwehrten Jedem, der euch vertraut, hilfreich und tröstlich zu sein." Ich brauchte keine Rhmphen, mir zu helfen, das Herz zersprang mir fast vor ülebermaß von tiefem Lebensglück und von namenlosen Hoffnungen, die als bunte, schimmernde Bügel von der jugendlichen Phäntasie in alle blauen Fernen gesandt wurden. Und am Ende begegneten wir auch, noch dem Enkel von Schiller! Es war überhaupt merkwürdig, wieviel berühmte Leute wir trafen. Erst später entdeckte ich, daß das Gretelein, belustigt von meiner trunkenen SeligLit, etwas schwindelte und in harmlosen Weimarer Bürgern die halbe Literaturgeschichte an uns vvruberspazieren lieh. Draußen in der Belvedere-Allee, deren Kaflanienbäume von weihen Dlütenfackeln leuchteten, wohnte in einer Billa von edlen ruhigen Formen der alte Preller, den einst Goethe für die Kunst gewonnen hatte, der Schöpfer des schönen Odyssee-Zyklus im Museum. Riemals hatte er den Linienzauber griechischer Küsten und das Purpurbämmern des Aegäischen Meeres gekannt die ich!, das Kind, geschaut hatte. Run durste ich von der griechischen Küste zu dein Meister reden. Welch ein liebenswürdiger alter Herr im schwarzen Samtkäppchen war er doch, immer kindlich' be- getytert von aller Erdenschönheit, die er in seinem idealistischen Geiste noch tausendmal schöner sah, als sie in der Wirklichkeit sich dem alltäglichen Menschen darflellte. Ich mochte ja wohl in der rosigen Blüte erster Jugend seinem Künstlerauge Wohlgefallen, er beschäftigte sich gern mit mir und machte mir in rrtterlich-vaterlicher Weise ein wenig den Hof. Rächt allzu lang-' darauf ist er heimgekehrt in das Reich ewiger Schönheit. Tante Guste war von früher her befreundet mit der ersten Gattin des Direttors der weimarischen Kunstschule dem Grafen Kalckreuth. Die Familie wohnte in dem Pofeckschen Hause das mit seinen weitgeschwungenen Treppen, seinen saalartigen Zimmern patrizie-chaft inmitten eines großen Gartens gelegen war. Riesige Gemälde von Alpenlandschasten mit rotglühenden Firnen und majestätischen Sonnenuntergängen grüßten aus breiten Gold- rahmen von den Wänden, schwergeschnitzte Möbel, Statuen und Bronzen waren in dem hohen, weiten Gemache geschmackvoll verteilt, Die Gräfin, eine alte, vornehme Dame, m uns mit ein« Mer W4feit entgegen. Am den Mitteltisch sahen junge Ona^en unö ich wurde zu ihnen geführt. Obwohl sie nur be® schaftigt waren, Strumpfe zu stopfen, die in großen Körben vor ihnen standen, meinte ich doch in einen Kreis von Göttinnen zu treten — so überwältigend war die Schönheit der Schwestern Xcilclicutf). Jitdjt an @nc^ßnlant> öatHte man Ijlcr fünösm an 5-rigga an Brunhilds und an die königliche Gänsehirtin die unter dem Tore zu dem Haupte ihres getöteten Pferdes spricht- O du üalada, da du hangsst, und der Kopf antwortet- O du Königstöchter, da du Langest, wenn das deine Mutter wüßte Las Herz im Leib tat’ ihr zerspringen. Germanisch doch stark und voll, ein wenig schwer waren die Gestalten, großzügig die stillen Gesichter mit Len blauen Augen. And dieses Haar! Dieser goldene Lvckenwirbel um Helenes Haupt, diese dicken ' silberblonden Zöpfe, die der Jüngsten über die Schultern in den Schoß niederfielen, während, sie sich über ihre Arbeit beugte. Zu dem Lisztkreis hatte die Tante keine Beziehung und ihr reiner kindlicher Sinn ihre evangelische Frömmigkeit' härte sich von dem dort herrschenden Geist, der in ungestümer Titaniden- kühnheit vom Himmel durch, die Welt zur Hölle schweifte, schau- uernb abgciuanbt. QBit fallen öen QU giftet* mit beni gefurchten unvergeßlichen Kopf, den tiefliegenden Augen, die großen Warzen auf Wange und Kinn, im hochgeschlossenen Rock des katholischen Abbes, den Zylinder auf dem langen, grauen Haar, im Parke wandeln, umgeben von lebhaft gestikulierenden Jüngern, meist ausländische Typen — zwischen ihnen eine wilde Frau mit stürmischer Wuschelmähne, in pupurfarbenem Samt gekleidet, dessen lange Schleppe raschelnd über den gelben Kies fuhr. Gern, allzu gern hätte ich in diese fremde Welt hineingeschaut — sie h>dte unheimlich, doch fühlte ich. schon, daß ich meiner ganzen Ratur und Art nach, dort nicht hineingehörte. Im Theater sahen wir Tannhäuser. Roch spielte Herr von Milde den Wolfram von Eschenbach, Frau Fichtner-Spohr, eine Frau von großem Eharme der Stimme wie'der Erscheinung die Elisabeth. Die erste Elisabeth, Frau Rosa von Milde, sah in einer Parkettloge, ihrem ständigen Platz, einen weihen Schal um die Schultern gelegt, das feine, etwas welke Gesicht von braunen, leicht Übersilberten Locken umwallt. Es war ein Charakteristikum von Weimar, daß seine prägnantesten Gestalten auch in ihrem Anzug, ihrer Haartracht eine gewisse historische An- Veränderlichkeit angenommen hatten. Jeder kannte die eigenartig würdevolle Erscheinung Adelheid von Schorns, der mütterlichen Freundin so vieler Künstler, Musiker und Gelehrten, in deren erinnerungsreichen Stuben ich. in späteren Jabren so manche genußreiche Stunde verplaudern durfte. Grotesk beinahe wirkten die bejahrten Schwestern Stahr, die noch immer die roten Gari- baldiblusen trugen, wie ihre Stiefmutter, die berühmte Schriftstellerin Fanny Lewald, sie ihnen einst in der Jugend geschenkt hatte. Trotz ihrer wunderlichen Außenseite waren auch die Schwestern Stahr angesehene Persönlichkeiten in der Musikwelt. Bon der merkwürdigen Tante Elisabeth, auf die ich so neugierig war sah ich wenig. Der Onkel hatte dem Kapellmeister Profesfvr Müller-Hartung sein Haus am Kasernenberg abge- kauft. Früher bewohnte es Hoffmann-Fallersleben eine Zeitlang. Im letzten Krieg, als sein Lied: Deutschland, Deutschland über alles, zur Rationalhhmne wurde, erhielt das schlichte, alte Gebäude eine Ehren-Gedenktafel. Die Verwandten befanden sich im Einrichten und hatten keine Muße, sich, um die jungen Mädchen bei Tante Guste zu kümmern. In Weimar herrschte eine liebenswürdige Sitte, die man das Tischrücken nannte. Mit Geiflerspuk hatte sie nichts zu tun. Wenn eine Familie eine andere Wohnung bezog, kamen, sobald die Möbel standen, die Gardinen hingen, die Freunde angerückt, um in den neuen Räumen den -Tisch zu decken. Es wurde den Insassen nur ein Wink gegeben, zu Haus zu bleiben und Lampen bereitzuhalten, für Speise und Wein sorgten die Freunde. Musik und Aufführungen fehlten niemals Bei diesen kleinen Festen. Das war nun eine gute Gelegenheit für Tante Auguste, ihre heiteren, herzlichen Knittelverse spielen zu lassen. Vermittelst alter Gardinen und frischer Blumen waren wir schnell in eine Schar von Genien verwandelt, das Künstlerpaar zu . grüßen. Ich selbst stellte den Frieden dar und weihte auf diese Weise das Haus, in dem ich später für viele Jahre eine geliebte Heimat finden sollte. Das kleine Tantchen mimte, in einen grauen Schleier gehüllt, bas Heimchen am Herde. Zauberhaft erschien mir der große Rarzifsenkranz in den langen schwarzen Locken von Klärchen Preller, der jugendlichen Tochter des alten Meisters, die als Poesie mit reizender Anmut beim Sprechen ihrer Verse hilflos flecken blieb. Auch die Töchter des Hofbuchhändlers Döhlau, Helene und Mia, nahmen teil. Helene wurde eine unserer eigenartigsten Schriftstellerinnen — damals galt sie nur für eine exzentrische kleine Pflanze. Das Ringen einer jungen Seele um die eigene Gestaltung wird von ihrer nächsten Umgebung selten mit Liebe und Verständnis begleitet. Aber gab es bei so vielen hübschen, aparten Mädchen nicht auch die dazu gehörigen Kavaliere, Verehrer — kurz: wo blieben die jungen Männer? Ja — die gab es eben nicht. Weimar wimmelte von würdigen und bedeutenden alten Herren und von 12 frischen Jungen. Aber Männer zwischen zwanzig und dreißig, wie sie als Freier für gesunde Mädels in Betracht kommen, die waren nur in seltenen Exemplaren vorhanden. Der Witz meiner Cousine: Man verteilt in einer Gesellschaft die Herren so, daß jede Dame einen sehen kann das Wort batte für Weimar eine trübselige Bedeutung. Die ReLrrtiVität der Msffe. ■Sie Lehre Einsteins stellt unter anderem eine gründliche Revision einer Reihe von Begriffen dar, die vorher als feststehend galten. So sind die Begriffe „gleichzeitig" (siehe G. Anz. vom 15.10.1921, 3. Dl.) und „räumliche Entfernung" nicht absolut, sondern relativ, ö. h. es kommt bei ihnen daraus an, unter welchen Umständen die Beobachtung der Gleichzeitigkeit bzw. die Messung der Strecke vorgenommen wird, so daß zwei Ereignisse, die für einen Beobachter gleichzeitig erfolgen, für einen andern Beobachter durchaus nicht gleichzerttg aufzutreten brauchen und ein- und dieselbe Strecke, die für den einen eine ganz bestinimte Länge hat, einem andern, ie nach den DevSachtungsumständen, länger oder kürzer Vorkommen muh. Die Verfolgung der neuen Begriffs- bestimmungen führt zur Aufklärung mancher Naturerscheinungen, die mit Hilfe der alten Definitionen nicht gebeutet werden konnten. Eine der wichtigsten Begriffsrevisionen betrifft den Begriff der „trägen Masse". Was ist die „träge Masse?" Die Erklärung ist für den Laien nicht einfach; er versteht aber die Bedeutung der „trägen Masse" eines Körpers durch einen Vergleich mit dem „Gewicht". Will man z, B. einen Schleifstein in Drehung versetzen, so muh man eine beträchtliche Muskelkraft aufwenden, und die .Ursache für den Widerstand ist nicht etwa das Gewicht des Schleifsteins — denn dieser ruht ja auf den Achsenlagern sondern seine Masse, die ihren Zustand der Ruhe nicht gern aufgibt. Die Masse ist das, was als „greifbar" gilt; sie ist der Inbegriff alles Konkreten: sie ist, was alle festen, flüssigen und gasförmigen Körper der Welt betrifft, „wirklich da". Aus Einsteins Theorie folgt nun zunächst, daß ein Körper seine träge Masse vermehrt, wenn man ihm Bewegungsenergie zuführt, und dah sie sich vermindert, wenn die ihr innewohnende Energie abnimmt. Die träge Masse ist also keine Konstante, sondern eine Veränderliche, die von der Energieänderung des Körpers abhängt. In diesen: Ergebnis liegt eine gewaltige .Umwälzung der früheren Auffassung von der trägen Masse, und noch mehr, — wir müssen uns dadurch notgedrungen zu der Anschauung öurchringen, dah jede Masse weiter nichts ist als Energie, dah uns die" tägliche Beobachtung etwas „Materielles" vortäuscht, wo in Wirklichkeit ein Zustand, der Zustand der Bewegung, Bewegungsenergie vorhanden ist. Die Gnergieänderungen, die wir Erdenbürger einer gewöhnlichen Masse erteilen können, sind allerdings so gering, dah ßer Sah von der Erhaltung der Masse seine praktische Richtigkeit behält; dagegen ist die neue Auffassung, nämlich die von der Wesensgletchheit von Materie und Energie, grundlegend für die Erklärung verwickelterer Erscheinungen, und sie fügt sich in die große, einheitliche Vernunft ein, nach der die Welt der leblosen Dinge von der Relativitätstheorie regiert wird. Tatsächlich existieren nun in den kleinsten Bausteinen der Welt, den Elektronen, Teilchen mit „scheinbarer Masse", und man hat sich bei den Elektronen längst, unbeeinflußt durch Einstein, damit abgefunden, daß ihre Masse steht und fällt mit dem Zu- und Äbnehmen ihrer Bewegungsenergie. Auch die Erfahrungen an radioaktiven Körpern bestätigen die neue Ansicht über das Wesen der Masse. CH. Dee Handschuh und feine Geschichte. Wenn wir bei den Damen eine Umfrage halten würden: Welches Alter sprechen sie dem Handschuh zu?, so dürften gewiß viele antworten: Schon mehrere Jahrzehnte! Andere Damen würden das Alter des Handschuhs auf Jahrhunderte, einzelne vielleicht auch auf tausend Jähre schätzen. Daß aber der Handschuh längst schon bekannt war, als es „sich begab, daß ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschähet würde", 'dürfte den meisten Damen kaum in den Sinn kommen. .Und doch hat der Handschuh ein märchenhaftes Alter. Unter den Gaben auf den Denkmälern der Pharaonen, die von den unterworfenen Bölkerm dargebracht wurden, lind auch Handschuhe dargestellt. Sie nehmen sich ungefähr wie die langen „Schweden" unserer Damen aus. Auch die Perser und Griechen kannten den Handschuh. So beklagt Benvphon in seiner ..Khropädie" den von den Persern eingeführten, Luxus. Von Plinius dem Jüngeren wissen wir, daß einige seiner Reisebegleiter zum Schutze vor Kälte Handschuhe trugen. Und wie Homer schrieb, hatte Laerckes, der Baker des Odysseus, handschützende Hülle!», wenn er Gartenarbeit verrichtete. Den alten Griechen, wie den Römern, war nicht nur der Fausthandschuh, sondern auch der Fingerhandschuh bekannt. Der Handschuh kam den alten Völkern, die Löffel und Gabel noch nicht kannten, zu statten, wenn sie heiße Speisen verzehrte» und heißes Fleisch auseinandergerissen; er schützte sie vor Kälte und war ihnen beim Hantiemn mit hautschädigenden Materialien nützlich. Bei den Germanen, Franken und Skandinaviern ivurde der Handschuh im täglichen Verkehr, auf der Jagd, Reise und im Kriege benutzt. Bereits um das Jahr 1000 nach Christus trat in den deutschen Ländern der seidene Handschuh mit dem ledernen in Wettbewerb, und Könige, Päpste und Bischöfe legten ihn zum Zeichen ihrer Macht und Würde an. Deutsche Fürsten trugen bei ihren Krönungsfeierlichkeiten reich mit Gold und kostbaren Juwelen geschmückte Handschuhe, und zwar sollen diese damals purpurfarben gewesen fein. Zu jener Zeit schon galt das Hin- schleuöern oder .Ueberreichen des Handschuhs als Ansage der Fehde und des Kampfes, wodurch die Bezeichnung „Fehdehandschuh" entstanden ist. Mancher Ritter trug einen mit Stickereien oder Edelsteinen verzierten Handschuh seiner Angebeteten wie ein Wahrzeichen seiner Minne am Helm, und auch die Kavaliere späterer Zeit liebten es noch, einen Handschuh f ihrer Dame am Hute zu befestigen. Der Handschuh spielte aber auch bei Gerichtsverhandlungen eine gewichtige Rolle. Fällte der Richter ein älrteil, so streifte er zum Zeichen seiner Unbestechlichkeit die Handschuhe ab, was, nebenbei bemerkt, auch die fränkischen Vasallen bei Empfangnahme ihrer Lehen taten. Als Symbol hatte der Handschuh auch darin Bedeutung, daß er, ähnlich dem Handschlag, als Zeichen der Wahrheit und Treue galt; in Shakespeares „Lustigen Weibern" wird bei „Liesen Handschuhen" geschworen. Ebenso galt er als Zeichen der Einhaltung eines Versprechens wie als Zeichen der Versöhnung und freundschaftlrchen Gefühle. , Ein Paar Handschuhe zu widmen, galt einst als ein ganz besonderes Zeichen der Verehrung und Unterwürfigkeit. So gab es Klöster, die ihrem Landgrafen alljährlich ein Paar weiße Handschuhe überreichten. In Thüringen war es lange Zeit hindurch Brauch, daß der Feldmeister jährlich einmal dem Landesherrn ein Paar Handschuhe brachte, und eine vstpreutzische Stadt überreichte dem Herzog als Zeichen der Huldigung einen mit achthundert Pfennigen gefüllten Handschuh. In England erschien in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein Buch über die Gewohnheiten der Hofhaltung Heinrichs VIII., worin geschrieben stand, daß dem Könige am Reujahrstage parfümierte Handschuhe gereicht wurden. Der neuernannte Doktor einer Fakultät wurde geehrt, indem ihm die Fakultät ein Paar Handschuhe gab. Welche Rolle schon ums Jahr 1000 der Handschuh spielte, ersieht man daraus, daß der römisch-deutsche Kaiser Otto III. (983 bis 1002) durch giftgetränkte Handschuhe, die ihm eine eifersüchtige, rachedürstige Italienerin zubrachte, aus der Welt geschafft worden „sein soll". Ebenso soll die Königin von Navarra, die Mutter Heinrichs VI.. durch einen vergifteten Handschuh der Katharina von Medici ihr Leben verloren haben. Auch in der Literatur und Kunst ist dieses Kleidungsstück oft zu finden. Wer kennt nicht Schillers „Der Handschuh" mit dem bekannten Wort: „den Dank, Dame, begehr' ich nicht!" Tizian malte einen „Jungen Mann mit dem Handschuh". Die Bilder dec Dogen, Gesandten und Senatoren, sowie der Damen des mittelalterlichen Italiens zeigen ebenso den Handschuh, wie viele Velasquez-Modelle. Zum ersten Male wurde im 13. Jahrhundert die Meinung laut, daß der Handschuh em notwendiges Tvilettenstück der als anständig geltenden Frau sei. Im 16. Jahrhundert trieb man mit ihm einen unerhörten Luxus, und Stulpen wie Handschuhe wurden mit den farbenprächtigsten Stickereien, mit Blumen, Schmetterlingen, Vögeln aus- geschmückt. Seitdem hat der Handschuh die verschiedensten Wandlungen Lurchgemacht. Er war aus Seide, Baumwolle, Wolle, Leinen. Pelz gefertigt, von Ziegen-, GemS-, Bock-, Schaf-, Reh- oder Hirschleder, bald lang, halblang oder kurz, bestickt oder unbestickt, mit breiter oder schmaler Tamburierimg, schwarz, weih oder verschiedenfarben. Gewirkte Handschuhe werden meist in Sachsen, lederne in verschiedenen Großstädten hergestellt. Den feinsten, weichsten, dehnbarsten und teuersten Handschuh fertigt man aus Ziegenleder. Doch halt! Es gibt noch einen weit kostbareren. 1907 kamen in Paris und Aeuhork goldene Handschuhe auf, in Kettenpanzer» Manier, reich mit Edelsteinen beseht. Gewöhnlich trugen die jungen Damen nur einen, und diesen einen auf der linken Hand. Das Stück kostete 5000 bis 10000 Mark. Bor einigen Jahren machte auch der halblange silberbestickte Handschuh von sich reden. Gr war in der Farbe grau, blau, heliotrop oder grün; die Seide war mit echtem Silber bestickt. Auch der Spiegel im Handschuh sei erwähnt. Winzige Spiegel aus Silber oder Gold, die mit einem Kettchen an einem Fingerringe befestigt waren, staken unter dem Hanbschuhleder in der hohlen Hand und konnten im Theater oder Konzert leicht hervorgeholt werden. Schriftleitung: August Goetz. — Druck und Verlag der Brühl'schett Aniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen,