ll 1 1922 — Nr, 26 Samstag, 20. Mai jgu MchettevMmlliey^ Goethe in Wetzlar und Metzen. Von Heinrich ® l o 61. Wehlar rüstet sich, um vom 12. bis 14. Juni das 150jährige Jubiläum von Goethes Aufenthalt in seinen Mauern zu feiern. Mit Recht. Denn die vier Monate, die jener im Sommer 1772 hier verlebte, dürfen durchaus nicht als belanglose Episode angesehen werden, sondern sind bedeutsam für feine innere Entwicklung. War Frankfurt der mütterliche Boden. aus dem Johann Wolfgang Goethe erwuchs, übermittelte ihm Leipzig die feine französische Bildung der Zeit, weckte ihm Straßburg im Gegensatz dazu den Sinn für unverfälschte Natur und wahre Poesie,.so trat er in Wetzlar auf die Schwelle echten Künstlertums, das dann in Weimar zur klassischen Vollendung gelangte. Der 22- jährige Frankfurter Advokat sollte nach dem Wunsche seines Vaters am Reichskammergericht, das feit 1690 seinen Ditz in Wetzlar hatte, den Reichsprozeb kennen lernen, um später nicht nur Vürgermeister von Frankfurt, sondern auch Minister an einem fürstlichen Hofe oder höherer Reichsbeamter werden zu können. Am 25. Mai trug er sich in das noch vorhanden« Mbum der Rechtspraktikanten ein, deren jährlich etwa 20 nach Wetzlar kamen. Sie hatten keine Berufspfltcht und sind nicht mit unseren Referendaren zu vergleichen, sondern etwa als Hospitanten zu bezeichnen, die das Recht hatten, den Sitzungen des Gerichts betzuwohnen. Davon wird Goethe nur selten Gebrauch gemacht haben: nicht unmöglich ist es, daß er sich von dem Prokurator Ludolf, einem der zahlreichen Advokaten deS Gerichts, bet dem er auf dem Kvrnmarkt zur Miete wohnte, zuweilen etwas unterweisen lieh. Aber sofort erkannte er. daß daS al« Kleinod der deutschen Verfassung gepriesene Kammergericht ein durchaus kranker Körper war, der sich nicht mehr heilen lieh. Es hatten sich etwa 20 000 unerledigte Prozesse angehäuft, von denen jährlich trotz allen Fleihes nicht viel mehr als SO abgetan werden konnten, während etwa die doppelte Zahl hinzukam. Das Rtchterkollegium bestand aus zu wenig Mitgliedern: zu Goethes Zett hatte es außer dem Vorsitzenden Kammerrichter und zwei Senatspräsidenten 17 Assessoren oder Beisitzer, von denen 1772 nur 11 Dienst taten. Das Verfahren war äußerst schwerfällig und zeitraubend; alles lief auf Verschleppung hinaus; mit der Vollstreckung der Urteile haperte es oft. Und was die schon seit 6 Jahren in Wetzlar tagende Visitationsbehvrde an Fällen von Bestechung und an anderen Mängeln des Gerichts aufdeckte, daS vertrieb dem Jüngling vollends die Lust am Kameralprozeß. Auch der Verkehr im Gasthaus zum Kronprinzen, wo er seinen Mittagstisch nahm, befriedigte ihn nicht. Hier batten sich unter Führung des seines Amtes entsetzten Gesandt- schaftssekretär August Siegfried v. Goue junge Rechtsprakti- kanten, Legationssekretäre und Offiziere zu einem Ritterorden vereinigt, um sich die Langeweile zu vertreiben. Ein Hauptanlaß zum Scherze war, daß man in den Sitzungen und bei Ausflügen immer im Bilde bleiben mußte, und daß das Offensichtliche als Geheimnis behandelt wurde. Jeder trug einen Rttternamen, z. D. St. Amand der Eigensinnige, Lubomtrski der Streitbare; Goethe erhielt den Namen Götz der Redliche, sicher, weil man Kenntnis pon feinem in der ersten Fassung schon vollendeten Götz von Berlichtngen erkalten hatte. An Festen wurde aus allerlei Rttter- dramen und Bitterbüchern vovgelefen, und Goethe war kameradschaftlich genug, aus dem Volksbuch der vier Haimonskinder Peri» kopen auszuwästlen und mit Pathos vorzutragen. Zuweilen sanden auch Sitzungen eines noch sonderbareren, durch Goue schon früher gegründeten Ordens statt, des Ordens vom Aebergang des älebergangs, der voll mystischer Weisheit sein sollte, dessen Ritualbüchlein aber, das sich erhalten hat, nach Inhalt und Form mehr närrisch als weise ist. Die Neigung zu Geheimbünden und Orden lag in der Zeit, und A. S. v. Goue, der, ein eifriges Mitglied der Wetzlarer Loge „Joseph zu den drei Helmen' war, Hatte für den Ritterorden manches von den Formen und für den Orden des älebergangs ettvas von deni philanthropischen Inhalt des Freimaurerordens entlehnt; für den Ritterorden war ihm besonders der Tempelherrengrad der sog. rektifizierten Logen strikter Observanz Vorbild. Goethe, der damals noch keiner Loge angehörte, sah allerdings in beiden Orden nichts als bloße Komödie und inhaltlosen Mummenschanz. Ich habe im ganzen 26 Ritternamen ermittelt, die sich zum großen Teil auf bestimmte Personen zurückführen lassen. A. S. v. Goue wurde in Wetzlar als großes Genie bewundert und war ein nicht unbegabter Dichter, aber haltlos und zu allerlei Possen und Streichen geneigt. Vergeblich bemühte er sich um Goethes Freundschaft, der sich besonders an den biederen Freiherrn von Kielmannsegg und an den Legationssekretär Friedrich Wilhelm Gotter anschlvß, einen talentvollen Dichter, der sich der französischen Eleganz befleißigte. Diese war von Goethe bereits überwunden: trotzdem unterhielten sich beide gern über literarische und ästhetische Fragen, regten sich gegenseitig an und übersetzten um die Wette das Verlassene Dorf, ein allerliebstes Gedicht von, Oliver Goldsmith. Sonst gehörten zur Rtttertafel z. B. Karl Wilhelm Jerusalem, der sich immer mehr zurückzog, sich schließlich aus unglücklicher Liebe das Leben nahm und das älrbilö zu Goethes Wertster wurde, sowie Freiherr von Schleinitz, Freiherr von Dreidenstein, der später als hannöverischer Garde- vffizier die gutgemeinte „Berichtigung des Werther" schrieb Goethes Hausgenosse Born, die Kap^äne Dachtler und von Gehsau sowie der Fähnrich v. Chlebowski, später preußischer General. Die Wetzlarer Zeit sollte für Wolfgang eigentlich eine dritte Studienzeit werden; aber weder die juristische Wissenschaft zog ihn an, noch das studentische Treiben im Kronprinzen. Für die Mängel der kleinen Stadt und des Verkehrs entschädigten ihn jedoch Wanderungen durch die schöne Umgebung Wetzlars, durch die der malerische und der dichterische Sinn in ihm sehr belebt wurden. Aber von der trüben Stimmung, die ihn in Wetzlar anfangs niederdrückte, wurde er erst befreit, als er auf dem Ball zu Volpertshausen am 9. Juni Charlotte Buff kennen gelernt hatte. Ihre frische Natürlichkeit fesselte ihn so, daß er ganz umgewandelt wurde. Gr kam nun täglich in das Deutschordenshaus, wo der Amtmann Buff, Lottes Vater, mit seiner .zahlreichen Familie wohnte, und er wurde gern gesehen, obgleich Lotte mit dem hannöverschen Legationssekretär Johann Christian Kestner verlobt war. Lotte gab sich ganz, wie sie war, und hielt sich fern von Gefallsucht, wie ihr Bräutigam von Eifersucht. Beide nah« meu den feurigen Dr. Wolf zutraulich in ihren Bund auf; und er ließ sich ruhig gehen und schwamm in einem Meer von Wonne. Alle drei konnten sich nicht mehr entbehren. Am 18. August traf sich Goethe mit seinem Freunde, dem Darmstädter Kriegszahlmeister und Schriftsteller Johann Heinrich Merck in Gießen, wohin dieser gekommen war. um wegen „O du Hermalflur!" Seidengrüner Birkenschleier, altersgraue Dorfkirchtürme und weihe Dlütenmaienpracht im Lahntal. Von Studiendirektor Pastor 4 im inneren Weichbild einer Großstadt, zu hören ist. Schon unsere Lahnregenpfeifer pflegen die Eier einen Teil des Tages zu verlassen und im 'warmen Kies, an dem die Lahnufer nicht arm sind, von der Sonne ausbruten zu lassen: eine Ausnutzung von naturgegebener Warmekraft, die sich weiter südlich beheimateten Vögel noch weit mehr zu eigen : machen. Auch der Kibih ist ja ein Regenpfeifer, von den klasst- fchen Römern bona mater geheißen, „gute Mutter , weil er sehr scharf aufpaßt und die ganze Tierwelt vor Feinden warnt, wie Walde der Häher das Wild vorm Jäger. - Außer diesen beflügelten Zweibeinern treiben auch Sechsbemer mit Flügeln an der Lahn jetzt ihr munteres Wesen: die Sandlaufrr, äußerst schnelle und schöne Käfer. Diese Cicindela-Arten treten hier merkwürdigerweise ziemlich oft in hybriden Formen auf, tn Mischungen verschiedener Arten; die campestris-Art, der „grüne Jäger unserer Lahnbauern, hält sich noch am ehesten rein, doch vermischt sich auch dieser Feldsandjäger mit dem graugrünen und braungrunen, und der letzte heißt ja auch direkt hybrid«, wegen seiner zahlreichen Lokalrassen und Varietäten. Die Dirke grünt. Ihr Stamm ist weiß und rein und unberührt wie frischgefallener Schnee. Wenn der Frühling das zarte Grün schön und weise und emsig und heimlich über sie wirft, dann ist's wie ein Connenlächeln, das man lieben muh, so oft man» steht. Ich liebe die Birke, ihren seidengriinen Braut? chmuck, den zarten jungfräulichen Dlätterschleier. Zwar Birken gibt es hier- 79 Der Talisman. Von Helene Raff. ( Fortsetzung.) In Ser nächsten Woche erhielt ich Besuch aus der Stadt. ®tn ärztlicher Kollege und ein junger Ingenieur, beide leidenschaftliche Anhänger des damals erst im Aufblühen begriffenen Luft- und Wassersports. Dio Gelegenheit hier außen gefiel ihnen zulande nicht allzu viele, die hessische S-Mdschast ist mehr aus Buchen, Eichen und Tannen eingestellt, und oben bet unserem Schlosse wächst sogar eine der drei ältesten Donglasfichten, die es überhaupt in Deutschland gibt. Aber zwischen dem anderen Gemälde schaut doch überall da und dort mol einer jener Hellen Stämme durch, von denen der Dichter sagte, „es wäre dran aus stiller Nacht das Mondlicht blieben hangen". Die seinen Reste hängen tief herab wie ein zarter, jungfräulicher Schleier. Seitdem es wieder grünte, setzte sich Blättchen an Blättchen, bis der neue Brautschleier fertig gestickt war. Das Grün der Blätter flüstert im leisen Nachtwind bei mondhellem Aachthimmel, im Mondlicht glänzt der schlohweiße Dirkenstamm von weitem und ebenso suchtet er im rosigen Frühstrahl der Morgensonne. Ja, die Dirke hat mirs angetan; sie ist in ihrer edlen Schlankheit ein eigenartiger Daum. Lind wenn wir verstehen könnten, was ihre Blätter flüstern, so wäre es die Mär von Bruder Loll (dem hl. Lullus), der hier durch die Lande geschritten ist. (Lollar) oder vom Allvater Wotan oder Odin (Odenhaufen). Ja, der Heimatflur! Wie schön bist du, wie interessant und reich an allen Dingen des Lebens, der Geschichte, der Erinnerungen! Hermann Löns 'Hat es so tief gefühlt, wenn er gedichtet Hat: . Es singt ein Vogel in dem Heimatland, Er singt ein Lied, das ist mir wohlbekannt. Ich, hört es 'wohl und weih, ach, wie es klingt, Und weiß es auch was mir der Vogel singt. Don Liebe singt er und er singt vom Tod, Don höchster Lust und auch von tiefster Aot. Jedwede Lust und jeglich Herzeleid, Das ist die Liebe: Lust und Leid in Ewigkeit. In den ersten Tagen des 2Mrz reiste er ab. Eine Stund« bevor er unser Haus verlieh, wo er vier Monate zugebracht hatte, sprang er die Treppe Herauf, um von den Eltern Abschied zu nehinen. Gr konnte sich nicht genug tun in Versicherungen seiner Dankbarkeit, so dah meine Mutter ihn» erklärte, sie suhle sich geradezu beschämt, da.sie in Wahrheit doch sehr wenig für ihn habe tun können. „O, Sie glauben nicht, wie sehr Ihre Familie mir das bittere Los der Gefangenschaft erleichtert hat. Meine Frau und ich werden Ihnen das nie vergessen, und meinen kleinen Sohn werde ich lehren, die Deutschen zu achten und Sie zu lieben." Dann versprach er, bald Nachricht von sich und den Seinen zu geben, und bat, daß auch wir ihm schreiben möchten, wie es uns erginge, und wie die Söhne heranwuchsen. „Ich glaube zuversichtlich," schloß er, „daß sie brave Menschen werden, die ihrem Vaierbind Ehre machen, und werde mich immer freuen, Gutes von ihnen zu hören. Der schreckliche Krieg hat uns zusammengeführt, der Friede soll uns nicht trennen. Wir müssen Freund« bleiben!" Eine Träne glänzte in seinem Auge, als er meine Brüder und mich umarmte und küßte; der Mutter küßte er wiederholt die Hand, dann riß er sich los und ging. Auf dem Weg durch den Garten und über die Landstraße sah er noch öfter zurück und winkte mit der Hand, dann verschwand er Hinter den ersten Häusern der Stadt. In den nächsten Tagen wurde bei uns viel vom Hauptmann Giovannoni gesprochen, un& in Gedanken begleiteten wir ihn auf seiner Heimkehr, malten einander die Freude des Wiedersehens mit den Seinen in Toulouse aus und rechneten von Tag zu Tag, 'wann wohl der erste Brief von ihm eintreffen könnte. Nur ,der allgemeine Jubel über die ruhmvolle Heimkehr des greisen Kaisers Wilhelm und seiner Paladine, die Eröffnung des ersten Deutschen Neichstags und die Erörterungen über die großen Aufgaben im geeinten Vaterland drängten zeitweise die Erinnerung an den französtfchen Freund zurück. Doch schaute ich täglich erwartungsvoll nach dem Postboten aus, denn ich zweifelte nicht daran, dah der erste Brief des Kapitäns an mich gerichtet sein würde. Doch der März ging zu Ende, ohne daß eine Nachricht eintraf. Erst gegen Mitte April brachte der Briefträger einen dicken Brief aus Toulouse an meine Mutter gerichtet. Gewiß schickt der Kapitän Bilder von den Seinen, dachte ich bei mir und konnte kaum erwarten, bis der Umschlag geöffnet war. Mehrere Blätter kamen zum Vorschein, zuerst ein Schreiben der Frau Giovannoni an die Mutter. Es lautete: „Madame! Sie verdienen es durch alle Liebe und Güte, die mein armer Mann in Ihrem Hause erfahren hat, dah ich meinen Schmerz nieöerkämpfe und Ihnen Nachricht von dem grausamen Schicksal gebe, das ihn und uns betroffen hat. Sie haben sich des armen Gefangenen angenommen und ihm freundliche Pflege angedeihen lassen, damit er wohlbehalten in meine Arme zurückkehre. Das Geschick hat es anders gefügt. O, wie schwer ist es, in solchem Leid noch an eine Vorsehung zu glauben! Im Feindesland hat mein Mann Güte und Freundschaft gefunden, das eigene Vaterland, dem er treu gedient hatte, ist sein Mörder geworden. Ich kann Ihnen nicht mehr sagen. Sie sind Gattin und Mutter und können fühlen, wie es in dem Herzen einer Frau aussieht, die glücklich war, ihren Gatten aus einem entsetzlichen Krieg wohlbehalten zurückkehren zu sehen, und ihn in dem Augenblick verlieren mutzte, wo sie hoffen durfte, ihn für immer wieder zu besitzen. Lesen Sie die beiliegenden Blätter, sie sagen Ihnen alles. Nehmen Sie von mir mir noch die Versicherung, datz ich Ihnen niemals, die Güte vergessen werde die Sie meinem amten Charles erwiesen haben, und datz ich Sie und Ihre Familie dankbar in mein Gebet einschlietze. Die belliegenden Blätter enthielten eine Abschrift des Briefes, den der General Susbielle am 21. März aus Versailles an Frau Giovannoni gerichtet hatte: „Teure Frau! Nie ist mir die Pflicht gegen mein Vaterland so schwer geworden als jetzt, da ich Ihnen den herbsten Schmerz zufügen mutz. Indent ich dem Vaterland diente, muhte ich Ihnen den Gemahl und mir den Freund entreißen, denn mein wahrer Freund ist Charles Giovannoni geworden, seit er als junger Leutnant mir Ädjutantendienste leistete. Ich versuche nicht, Ihnen Trost zuzusprechen, denn Sie sind die Frau eines tapfern Kameraden und immer auf Schweres gefaßt; und was konnte tch jetzt zur Linderung Ihres Schmerzes sagen, wo alle unsere Gedanken nur unserem schwergeprüften, sich selbst zerfleischenden Frankreich gelten? Der kurzen dienstlichen Depesche über den Hingang Ihres Gemahls lasse ich heute eine genaue Darstellung feiner Schicksale folgen. (Schluß folgt.) Kapitän Moorrnnonr. Sine Erinnerung aus dem großen Krieg 1870/71. Von Fried. Nvack. (Fortsetzung statt Schluß.) Der Winter ging dann in regelmäßigem ungetrübtem Verkehr Hin; Giovannoni bemühte sich eifrig, Deutsch zu lernen, und hatte die größte Freude, wenn er ein paar einfache deutsche Sätze mit mir sprechen konnte. Auch erzählte er viel und gern von feiner Familie in Toulouse, las ab und zu eine Stelle aus einem Brief seiner Frau vor, von den Kriegsereignissen jedoch- war kaum noch die Rede. Erst Ende Januar, als die Nachricht von der Uebergabe der Pariser Forts bei uns eintraf und, der Abschluß eines Waffenstillstandes die Aussicht auf baldigen Frieden eröffnete, fand sich Anlaß, die Geschehnisse des Tages zu besprechen. Wir Gymnasiasten erhielten sofort nach dem Eintreffen der frohen Kunde einen schulfreien Tag, und ich zog mit einer Schar Kameraden gegen Mittag nach Haufe. Aus voller Kehle sangen wir die Wacht am Rhein, während die Straße sich mit wehenden Fahnen füllte. Da kam uns der Kapitän entgegen, der zum täglichen Appell und zum Mittagessen ging. Mir tat 6er Gedanke weh, datz der gefangene Freund Zeuge unseres Jubels über ein Ereignis sein mußte, welches ihm ohne Zweifel sehr schmerzlich- war. Ich trat daher aus der geschlossenen Reihe der Kameraden heraus, lief über die Straße zu ihm hinüber und begrüßte ihn mit einem Händedruck. Der Kapitän schaute mich wehmütig an und sagte: „Ihr singt: Paris kaput!" — „Nein, Herr Kapitän," antwortete ich flugs, „wir freuen uns, weil es nun bald Friede gibt." Er sagte nichts weiter, nickte nur heftig, machte sich los und ging seines Weges. Mir schien es, als wären.seine Augen feucht. Als ich- ihn am Wend besuchte, fand ich ihn sehr aufgeräumt. In der lebhaftesten Weise sprach er von dem zu erwartenden FriedensMuß, vom nahen Ende der Gefangenschaft, von der Heimkehr nach Toulouse. Die freudige Stimmung verließ ihn nun nicht mehr und wurde noch erhöht, wenn Briefe von feiner Frau kamen, die ebenfalls der Hoffnung auf das nahe Wiedersehen Ausdruck gaben. Die Unterzeichnung der Friedens- SIminarien in Versailles am Ende des Februars wurde von Kapitän wie von uns mit gleicher Herzlicher Freude begrüßt. Die folgenden Tage vergingen in Vorbereitungen zur Abreise. Wiederholt versicherte er meinen Eltern, daß die schwere Zeit der Gefangenschaft ihm doch einen Gewinn gebracht hab«, dis Bekanntschaft mit uns, daß er mit dankerfülltem Herzen von uns scheiden werde, und daß er bestimmt Hoffe, die Freundschaft werde auch in der Ferne weiterbestehen und durch den endgültigen Frie- densschlutz zwischen den beiden Völkern nur noch befestigt werden. Beim Einpacken feiner Habseligkeiten durste ich ihm behilflich sein wobei er mir allerhand Kleinigkeiten zum Andenken überließ. Ein'Stück übergab er mir mit einer gewissen Wichtigkeit; es war eine weidenumflochtene Feldflasche, die ihm während des Krieges gedient hatte. Ich möchte an ihn denken, wenn ich fle auf meinen Wanderungen benutzte, bemerkte er dazu; es habe schon einmal ein Deutscher daraus getrunken, ein junger Offizier, der an der Schlucht von Mars la Tour schwer verwundet und von der Kompagnie des Kapitäns gefangen genommen worden sei. Die Flasche sollte mich immer daran erinnern, daß im Krieg doch die Pflichten der Menschlichkeit nicht aufhören. Auch sein Lichtbild in voller Uniform schenkte er mir und bat sich dafür das meinige aus. 80 Wasser — bloß weg!' verfl Schriftleitung: August Goetz. Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Duch- und SteüchMckerei. R, Lange, Gießen. An den Uferrand ihm zu Fühen klatschten die Wellen: der See war schr bewegt und hauchte eine noch winterliche Kühle aus. Wahrscheinlich stand schlechtes Wetter bevor — darauf deutete der streifige Himmel und der allzu feurige Sonnenuntergang, der die Wasserfläche mit gleitender Purpurröte übergoß. Ich fragte nach der Frau: der Bast streckte die Hand aus. Da drauht!" Run sah ich sie im Doot brausten herumrudern: sie war wetterfest und an diese Art Feierabendlust von klein auf gewöhnt. Der Mann fühlte meinen verstohlenen Seitenblick und sagte kurz, beinahe hart: „Ich fahr' nicht mit: ist gescheiter. Dann passiert ihr weniger." Er hatte sich überhaupt seit neuestem ein unfreundliches Betragen gegen seine Frau angewöhnt: augenscheinlich konnte er i'&r nicht verzeihen, dah sie ihm seinen Talisman abgeschwaht batte. Ich lieh das hingehen: nur wandte ich mich — zum wievielten Male! — gegen die Mutlosigkeit, die aus seinen Worten sprach: „Höst, Sie reden sich das alles blost ein. Sie sind kein andrer, als der Sie immer gewesen sind: nehmen Sie doch Vernunft an!" Sein Blick begegnete dem meinen — der Blick eines Menschen, der sich selbst aufgibt. „Mit mir ist's das Rechte nimmer. DaS wissen Sie auch, Herr Doktor! Wie oft hab ich's probieren wollen, auf Ihr Zureden hin — hab' gemeint, ich must es zwingen: aber es geht nicht! Wag' ich mich hinein und will schwimmen, dann ist's wie dazumal: als ob mich wer an den Fühen 'nunterziehen will, bis ich keine Luft mehr krieg' vor Angst. And sitz' ich im Schiff, dann ist'S, wie wenn dasjenige, was mich hineinzieht, unterm Kiel sitzt, und ich gespür' es, und'die Angst ist wieder da. Ich fürcht' mich, Herr Doktor! Mn Mannsbild, das sich fürchtet so einen Tropf soll man doch besser totschlagen! Am liebsten möcht' ich auf und davon, irgendwohin, blost weg von dem So unumwunden hatte er mir seine Seele nie eröffnet. Ich sah mit Schrecken, wie völlig er von seiner Einbildung beherrscht war. Da gab es eigentlich keinen Rat mehr, als vielleicht den ihn versuchsweise in andre Umgebung zu bringen. Aber sein Brot und fein« junge Frau im Stich lassen — wer durfte sich an- mahen, ihm das zuzumuten? Während ich die Schwere solcher Verantwortung erwog und der erregte Mann neben mir mit finsterm Gesicht und zusammengebissenen Zähnen vor sich hinstarrte, schaukelte brausten auf dem See das Boot der Frau. Es sah aus, als wolle sie ihn locken, ihm Mut machen. Damit Hatte es gute Wege. Zuvor hatte sie ein Liedchen gesummt, dessen abgebrochen« Klänge zu uns herüberwehten; jetzt war sie verstummt, oder wurde ihre Stimme nur durch das stärkere Rauschen des Wassers übertönt? Das Rauschen rührte von dem Darnpfbovt her, das in gleichrnästiger Schnelle heranglitt: seit einer Weile schon hatte man den sich kräuselnden Rauch am Horizont gesehen. Seinen Pfad bezeichnete eine breite glänzende Furche: zu beiden Seiten bäumte bas durchschnittene Gewässer sich in hohen Wellen auf, die gegen das Afer hevantrieben. Die Fanni hielt ihr Schiffchen an, lieh die Ruder abtropfen und schaute an dem Dampfer hinauf, der in ihrer nächsten Röhe vorbeistampfte. Reben mir ward der Bast unruhig: er schrie seiner Frau durch die hohl« Hand zu, sie solle ausweichen: sie aber hörte oder achtete es nicht. Sv geriet sie mitten in den Wellengang des Dampfschiffes, machte eine verspätete Anstrengung, mit ein paar raschen Ruderschlägen das heftig schwankende Doot 'herauszusteuern. Da — mir stockte der Atem — da schlug es um — Mn Augenblick nur — ich fuhr aus meinem Rock heraus, wollte mich der Stiefel entledigen: aber ehe ich den rettenden Gedanken zur Tat gemacht, ging mit dem Bast eine seltsam« Veränderung vor. Vornübergebeugt, mit starren groß geöffneten Augen — ein einziger kurzer Laut — ein Straffen der ganzen Gestalt — und er war in den See gesprungen!, Ich war wie betäubt, so unfahlich schien mir der ganze Vorgang: er muhte ja untergehen, der Bast — es war ja Tollheit. Derselbe Mann, der mir eben seine Furcht vor der kalten Ties« geoffenbart hatte, der sich nie mehr ins Wasser wagen wollte — da schwamm er wie ein Seetier, in gewaltigen sicheren Stöhen, der Stelle zu, wo feine Frau versunken war! And fct erreichte sie: ich sah ihn hinabtauchen, sah ihn während ein paar qualvollen Sekunden nicht mehr — dann kam er wieder zum Vorschein und mit ihnt der todblasse Kopf seines Weibes. Wir Mediziner gelten für schlechte Christen und sind eS vielleicht auch sofern der Glaube höher als die Werke geachtet wird. Aber was damals in meinem Herzen für den Bast aufsiteg. ist doch wohl so etwas wie ein Gebet gewesen. Die auf dem Dampfschiff hatten die Gefahr der Verunglückten und ihres Retters gewahrt: st« lösten so geschwind sie vermochten, ihr Boot von der Kette und sandten es dem Manne zur Hilfe, der sich und seine anscheinend leblose Last tapfer über Wasser hielt. Gr schwamm so sicher, dah er wahrscheinlich das Land ohnedies glücklich erreicht hätte: aber der Kahn holte chn vorher noch ein. nahm ihn samt der Fanni auf und brachte die beiden in wenigen Minuten ans Afer. _________________ (Schtuh folgt.) über die Mähe«; irgendwie tarn dabei die aus daS Baden und Schwimmen im allgemeinen: denn der Ingenieur ivar als einer der besten Schwimmer bekannt. Da gedacht« ich oesVaß und erwähnte feiner an ein Wafsergeschöpf erinnernden LeisMw qen: ja, ich strich sie, um meinen Freund zu necken, so nachdrücklich heraus, dah der schliehlich ganz toll danach verlangte, diesen Menschen und seine Künste-kennen zu lernen. Wir begaben uns demnach selbbritt zu ihm, und obschon der Bast nicht der Mann war, jedem beliebigen Fremden eine Vorstellung zu geben, bewirkte doch mein Beisein und die gesch ner- chelte Eitelkeit, dah er sich zu dem Versuch eines Wettschwimmens, das mein Freund vorschlug, bereit erklärte. Gesagt, getan! Mein Kollege und ich als gewissenhafte Preisrichter ruderten im Rachen dahin und hatten unfern vpatz an den beiden Nebenbuhlern. deren Köpfe aus dem spiegelglatten See emporragten. Der Bast war trotz der Anstrengungen des Ingenieurs, um einen reichlichen Meter voraus: die Hälfte der Wasferbahn hatte er schon durchmessen — da geschah etwas Anbegreifliches. . . n. .... Der Bast schien plötzlich unruhig zu werden: sem Antlitz uns zugekehrt verwandelte sich starrte bläulich bläh, mit schreckhaf! vorgeauollenen Augen. GH« ich noch rufen konnte: „Bast, was fehlt Ihnen?" arbeitete er sich mit krampfigen Bewegung^ zu rms und Hämmerte sich gewaltsam an den Rand des Boots. „Hineinnehmen — ich — ich kann nimmer." Aufs äuHerste bestürzt, zogen wir ihn herein: er verfiel in einen vhmnachtähnlichen Zustand. Er erholte sich zwar bald aber den besorgten Fragen, was ihm denn zugestoben, setzte er nur ein Kopfschütteln entgegen. „Mir ist schwindlig geworden, war seine einzige Auskunft auf mein wiederholtes Drängen. Ich glaubte ebenfalls an eine bloße vorübergehende Schwäche, wie sie den Gesündesten befallen kann. Damit beschwichtigte ich die Selbst Vorwürfe, die unser Ingenieur sich ob seines Einfalls machte: und sprach meine Ansicht auch dem Bast selber aus, als ich nächsten Tags mich nach seinem Befinden erkundigte. Es fiel mir dabei auf, wie hager und spitz seine Züge waren; aus tiefgeränderten Augen sah er mich sonderbar an. „Meinen Herr Doktor? Warum ist mir denn früher nie so was angekonmren? Warum hat mich denn gestern mittendrin die Angst gepackt, und hab' doch früher nie ans Ertrinken gedacht? Ich will's Ihnen sagen: weil das da fort ist — Sie wissen schon." Mit der Hand fuhr er sich nach dem Halse.' „Das hat mir Kraft gegeben, und jetzt ist's aus." „Hötz, um Himmels willen! Was für heilloser Blödsinn!" Ich faßte und schüttelte ihn: er zuckt« nur die Achseln. „Richts zu machen, Herr Doktor! Vorgestern hat sie, die Meinige, mir so lange zugesetzt, bis ich ganz Heist worden bin vor Wut. Ich reib' das Ding vom Hals, lauf' zum Fenster Hin und schmeiß Ls ins Wasser 'naus. — „Da liegt der Dreck, auf Lab ich endlich mein' Muh' hab'." Damit hab ich mich selbst verschmissen; jetzt sch' ich's ein; und sie ist schuld!" Gr blich dabei. Höhnen, Schelten. Bitten blieben vergeblich Ja. es sollte noch schlimmer kommen! Von jenem Tage vollzog sich in dem lebfrischen Mann eine Veränderung, die mehr und mehr den Charakter des Krankhaften annahm. Gr redete sich ein. sein Glück habe 'ihn verlassen, und in diesem lähmenden Bewuhtsetn griff er alles nicht mehr mit der früheren Sicherheit an. Natürlich hatte eben das zur Folge, daß ihn mehrfach kleine Widrigkeiten betrafen: sein Boot stieß mit einem andern zusammen und wurde beschädigt: beim Fischzug ging er etlichemal leer auS. Und jeder solcher Zufall bestärkte ihn wiederum in seinem Wahn, der am schlimmsten spukte, sobald der arme Teufel sich auf dem Wasser befand. Das so lange Zeit ihm vertraute Element erschien ihm plötzlich als feindliche Gewalt: von Schwimmen war keine Red« mÄHr — am Ruder ließ er sich meist durch einen Knecht vertreten. Ich hab« Menschen gekannt, die sich einmal in Feuersgefahr befunden hatten und seitdem beim Anblick der lleinsten Flamm«, ja bei einem leichten Rauchgeruch zu zittern begannen — dieses norvöse Grauen befiel Len Sebastian im Angesicht des Sees. Außer mir wußte nur seine Frau, wie es um ihn stand; und ich muß ihr nachsagen, daß sie, obschon sie seinen Zustand nicht begriff, ihm die größte Liebe und Sorgfalt bewies. „Er ist krank, Herr Doktor — gelten Sie er ist krank? Sie werden ihm helfen — um Gottes willen, helfen Sie ihn: doch!" So bat sie mich, und ich muhte sie mit nichtigen Redensarten Hinhalten; denn ich wußte wohl, daß nichts schwieriger und ungewisser ist als das Bekämpfen solch einer Zwangsvorstellung. Mein Zuspruch, an dem ich es nicht fehlen lieh, fruchtete wenig genug; aber meine häufigen Besuche bewirkten gum mindesten, dah das Gerücht einer schweren körperlichen Erkrankung des Sebastian sich verbreitete und ihm so der Hohn erspart blleb, der ihn sicher getroffen Hütte, wäre die wahre Apache seines Aebels bekannt geworden. — Einmal .kehrte ich wieder bei ihm ein, an einem windigen Spätnachmittag im VorfrüHling. Gr schlenderte vor seinem Haus« umher, in der lässigen Haltung, die er seit einiger Zeit ange- nommen, und grüßte mich auf eine gedrückte, mißlaunische Weise.