Samstag, IS. August jgw 1922 — Nr. 33 c;;; i£ mW i' ipis «Sv ■"•■<< 8 iWWWk Ium fiebenhunderMhrizen Jubiläum der Stadt (Brünberg in Hessen. Don Professor Dr. St. Ebel. Arn 26. August wird unsere Dachbarstadt Grünberg gleich Alsfeld die Feier ihres siebenhundertjährigen Bestehens ali Dtadtgemeinde begehen. Der Jahrestag ist der 13. März gewesen, aber man 'hat die Feier so weit hinausgeschoben, um sie mit dem altgewohnten Jugendfest zu vereinigen, eine mit Rücksicht auf die Zeitvebhältnisse nur zu billigende Maßnahme. Der Erinnerungstag für beide Städte, Alsfeld und Grünberg, ist derselben Urkunde des Jahres 1222 entnommen, nur für Grünberg mit sehr viel mehr Recht als für Alsfeld. Die Urkunde, um die es sich handelt, ist mit dem Siegel der Stadt Grünberg bekräftigt, wodurch der Abschluß der Entwicklung zur Stadt unwiderleglich bewiesen ist. Dagegen stützt sich Alsfeld lcdigltch auf das Auftreten eines Schöffen Sisried von Alsfeld, wobei nicht ganz fest- steHt, ob dieser Sifried Schöffe von Alsfeld, oder ob er Sifried von AlSfeld, Schöffe in Grünberg ist. Beides ist möglich. Aber auch angenommen, er wäre Schöffe von Alsfeld, was das Wahrscheinlich« ist, so ist Somit noch lange nicht bewiesen, daß Alsfeld damals schon Stadt war, denn nicht nur in Stadtgerichten, auch in den Gerichten des Landes sahen Schöffen als Dichter. Aber darauf mag wenig ankommen. Man darf ruhig annehmen, daß Alsfeld als Stadt noch älter ist. als urkundlich bekannt ist, und wir damit daS Richtige treffen. Für Grünberg jedoch sind die Aachrichten bestimmter. Schon seine Entstehung ist uns genau überliefert. Sie reicht zurück in die Zeit, da Hessen noch thüringisch war und Gegenstand und Schauplatz für die Kämpfe der ludo- wingtschrn Landgrafen mit dem Mainzer Erzstuhl bildete. 3m Jahre 1186, so berichtet uns die Erfurter St. PeterSchronik, baute jede der beiden feindlichen Parteien der anderen zum Trutz eine Durg: der Erzbischof den Heiligenberg in Riederhessen, Landgraf Ludwig HI. auf dem „grünen Berge" an der Südgrenze seines Landes ein Bollwerk, das die St raste aus der Wetterau sperrte. Dieser Lage verdankt die um die Burg erwachsende Stadt die hohe Bedeutung, die ihr in den nächsten beiden Jahrhunderten zufiel. Die Gleichartigkeit der Entstehung Grünbergs mit derjenigen anderer hessischen Städte macht es nicht unwahrscheinlich, daß ein« beabsichtigte Stadt gründung vorliegt. Hieraus würde eS sich zwanglos erklären, dah schon so bald nach der Erbauung der Burg eine fertige Stadt vorhanden ist mit eigener Verwaltung, mit Gericht und Kirche, eine Stadt, die zugleich Haupt- und Mittelpunkt eines Amtsbezirks ist. Auf der landgräflichen Durg säst der Schultheih als Vorsitzender des Gerichts, Verwaltungsbeamter, militärischer Befehlshaber. Ein Kollegium von 12 Schöffen stand ihm zur Seite; es sprach Recht und führte die Verwaltung der Stadt. Durgnrannen und Bürger aus den „Geschlechtern" waren feine Mitglieder. 3m 14. Jahrhundert oder schon früher wird der Schultheist in der Verwaltung der Stadt abgelöst durch den Bürgermeister, der in städtischen Angelegenheiten dem Schöffenrat vvrsiht. Gegen die Alleinherrschaft der Geschlechter laufen die Zünfte Sturm und erzwingen ihre Teilnahme am Stadtregiment. 3m Jahre 1305 ist ihr Ziel erreicht und ein Rat von zwölf Männern aus der Bürgerschaft tritt neben die Schöffen. Doch nicht für immer. 3m Laufe des Jahrhunderts vermindert sich die Zahl auf sechs, und entsprechend den Gesetzen, die die Landgrafen Hermann der Gelehrte und !kidwig der Friedfertige für andere hessische Städte erlassen. erhält endlich auch Grünberg im Jahre 1482 von Landgraf Heinrich IH. vier Zu geordnet« zum alten Rat, di« an der Verwaltung der Stadt tätigen Anteil nehmen. Sie stellen einen älnterbürger- meister, einen Weinmeister, Bederheber usw. Diese Verfassung erhielt sich bi- zur Einführung der Gemeindeordnung von 1821. Rasch blüht« die Stadt empor dank ihrer Lage an den grasten Strasten, die von Süden und Westen nach Mitteldeutschland führten. Früh blühten Handel und Gewerbe, und bald gehörte Grünberg $a den hessischen Städten von Bedeutung, mit denen es — Wohl auf Veranlassung der Landgräfin Sophie — mit dieser dem rheinischen Städtebund beitrat. Sophie und ihr Sohn, Heinrich das Kind, die sich und.ihr Land im Kampfe mit Mainz zu behaupten wußten, weilten fast alljährlich in Grünberg. War es doch im Südzipfel des Landes die Hauptfestung gegen den erzbischöflichen Mnd. Freilich gehörte die Stadt auch zu den Landesteilen, deren Oe'hnsherrschaft Landgraf Heinrich und seine Mutter im Vertrag von Langsdorf 1263 Mainz zugestehen mußten — eine nahezu leere Form, wie sich bald zeigte. Landgraf Heinrich und seine Dachfvlger bekämpften mit Erfolg di« mainzische Machtstellung, sogar in den geistlichen Gerichten, von denen sie ihr Land so gut wie unabhängig zu machen wußten. Grünberg erhielt 1272 Dochte und Frertz^iten, von denen die Sendfreiheit und die Festlegung dos Gerichtsstandes der Bürger vor Schultheiß und Schössen der Stadt die wichtigsten sind. Die Sendfreiheit verbot Abhaltung des geistlichen Gerichts durch auswärtige Prälaten und verwies SpiritualvergeHen vor die einheimischen Schöffen, bei denen sie der Stadtpfarrer anhängig zu machen hatte. 3m übngen bildete das grobe Privileg von 1272 die Grundlage für Verfassung und Recht der Stadt. Es ist datiert vom Gallustag, der seitdem den Grünbergern ein besonders heiliger Tag ist. Doch heute feiern sie den Gallusmarkt mit besonderer Freude. Das kirchliche Leben fand in Grünberg günstigen Boden. An der Stadtkirche wirkten außer dem Pfarrer mehrere Altaristen. Eine zweite Pfarrkirche war in der Neustadt vorhanden und blieb auch erhalten, als Reustadt und Altstadt von Landgraf Otto 1324 miteinander zu einem Gemeinwesen vereinigt wurden. Außerdem war Raum da für mehrere klösterliche Diederlassungen. Vor allem das Antoniterkloster, vielleicht das älteste in Deutschland. Es war die Generalpraeceptvrei einer Dallei seines Ordens und erstreckte seinen Einfluß bis nach Mecklenburg, wo es schon frühe eine Filialniederlassung in Temfyin gründete. Deben ihm stand das Franziskaner - oder Barfüßerkloster, das seit der Mitte des 14. Jahrhunderts nachgewiesen ist, und in der Neustadt befand sich Hundert Jahre später ein Augustine- rinnenkloster, das sich über die Reformation'bis ins Jähr 1532 erhielt. Dann wurde es zu einem Spital umgewandelt, daS ifyeute noch besteht. Vor der Stadt, im Drunnental, stand um 1444 eine Klause der Tertiarier, „Bußbrüder", die nach der dritten Äegel des "heiligen Franziskus lebten, ohne in den Orden eingetreten zu sein. Zwei Hospitäler, das der heiligen Elisabeth und das des heiligenPetrus, standen unter der Aufsicht der Antoniter, ein drittes, für das Mittelalter wichtiges, war das dem heiligen Nicolaus geweihte Sondersiechen, das Aussätzigenhospital, das Wohl schon vor 1357 vorhanden war. Wenn Grünberg seine Blüte tellweise der günstigen Lag« an großen Handelsstraßen verdankte, so mußte eine Aenderung der Handelsverhältnisse Deutschlands seinem Wohlstand entgegen- toirfen. Das war der Fall, als der rheinische Handel den neu aufkvmmenden Hansestädten folgte, und Sie Entdeckung über» — 180 — feettoer Länder Handel und Verkehr neue Wege totes. AAr noch ottbere Umstände mochten Mitwirken. Die Erwerbung Dietzen« und eines groben Teile« der Gleiberger Erbschaft durch Hem- rich l nähmen Grünberg etwas von dem Wert, den es als Grenz- festung besah, und die steigende Bedeutung der Läh-nstadt als Grenzschutz und Hüterin der Flirten des Flusses tat gewiß da« ihrige in dieser Dichtung. Auch über Diesten führten straften nach Rvrden, namentlich der starke Verkehr vom Rhein und d« Wetterau nach Marburg, wo die Verehrung der heiligen EUsabeth in steter Zunahme begriffen war, wurde durch das neuhesstzche Gebiet gelenkt. Anderes kam hinzu. Die andauernden üehdsn mit Mainz und den Ritterbünden des 14. Jahrhunderts stellte grobe Ansprüche an die Finauzkraft des Landes, Ansprüche, die mir mit Hilfe der Städte erfüllt werden konnten, und unter denen Grünberg in besonderem Maste mit zu leiben hatteOeMiche Unglücksfälle beschleunigten den Rückgang. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts, 1370 und 1391, brannte die Altstadt zweimal ab, und trotz landesherrlicher Hilfe mehrten sich die bürgerlichen Lasten So sank die Stadt immer mehr, bis sie endlich ihre einst hervorragende Stellung unter den hessischen Städten eingebußt hatte. Rur der Wohlstand einzelner Geschlechter erhielt sich und der der Klöster. , . , . ,, Aber noch einmal sollte Grünberg sich einer zweiten Blute erfreuen Rach dem Tode Philipps des Großmütigen war es mit dem Marburger Landesteil an Landgraf Ludwig IV geiallen, der seiner Gemahlin diese Stadt als Witwenslh bestimmte Wenn auch die Lanögräsin, da sie vor ihrem Gemahl starb, nicht in die Lage kam, den Besitz anWtreten, so wurde doch das Antoniter- haus zum Schlosse ausgebaut. Aber trotzdem nun auaji nie zweite Gemahlin Ludwigs dasselbe Einsitzrecht erhielt, wurde Grunberg wiederum nicht Residenz, denn Landgräfin Maria Be^og als Witwe das nahegelegene Schloß Merlau. Dennoch schien es, als ob mit der Zuwendung des landesherrlichen Interesses Handel und Mandel neu erstarkt wären. Zehn Zünfte, darunter die Wollenweber-, Leinweber- und Hutmacherzunft, vielleicht auch die der Kupferschmiede und der Weistgerber, die über örtliche Bedeutung hinausgehen, zeugen von hohem Gewerbefleist. Die Jähr- und anderen Märkte nehmen neuen Aufschwung, und daneben blüht die Schafzucht. Die Stadt ist bald in der Lage, ihren Grundbesitz zu vermehren und ein neues Rathaus am Markt zu erwerben. Diesem blühenden Zustand machte der dreitzigiährige Krieg ein Ende. 3m Jähre 1605 war Ludwig IV. kinderlos gestorben, und Grünberg an Hessen-Darmstadt gefallen. Unter Landgraf Ludwig V., dem Getreuen, erlebte es nun alle Greuel, die jener unselige Krieg über unser Obevhessen brachte, und die von dem Wetterfelder Pfarrer Cervinus in seiner Ghrvnik so erschütternd geschildert sind. Raub, Mord und Plünderung, Pest und Hungersnot und all das Elend, das sich daraus ergibt, nichts ist der Stabt erspart geblieben. Am Schluß des Krieges war die Einwohnerzahl auf die Hälfte gesunken. Die späteren Kriege, die unsere Gegend berührten, haben auch Grünberg nicht verschont. So schwer sie die Stadt gelegentlich trafen, an die Zerstörung, die der dreißigjährige Krieg verursacht hatte, reichte ihre Wirkung glücklicherweife nicht heran. Seitdem 'fiat sich unsere Rachbarstadt aufs neue entwickelt. Tüchtigkeit und Bodenständigkeit ihrer Bevölkerung bieten Ge- währ, daß sie auch die traurige Zeit, die über unser Vaterland hereingebrochen ist, überwinden wird. Möge sie bald mit uns einer helleren Zukunft entgegengehen! Das sei unser Glückwunsch zu ihrem Fest. Goethe in Gießen. Zur Erinnerung an den 18. August 1772. Don M. Ploch-Darm stabt. Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, ist eingeweiht--. Die Stadt Gießen darf sich neben nur wenigen unter den deutschen Musensitzen des Vorzuges rühmen, Goethe in ihren Mauern gesehen zu haben. In der Frühe des 18. August 1772 ist er am leichten Stabe, ohne jegliche Begleitung, zu ihr, der Lahn entlang, über Garbenhain, Atzbach, Dorlar, von Wetzlar aus herübergepilgert. Das Gießen, dem er damals zuschritt, war noch keineswegs „die reizende Lähnstadt", als welche es 1907 gelegentlich der Feier des 300jährigen Bestehens seiner Hochschule mit Recht mehrfach von den Berichterstattern auswärtiger Blätter gepriesen worden ist. Vielmehr verdiente es die Bezeichnung „ein abscheuliches Rest", die ihm noch um 1850 sein berühmter Sohn Karl Vogt in seinen Lebenserinnerungen beilegte. Denn 1772 war es noch Festung und erschien dem, der sich! ihm von außen näherte, wie vergraben in seinen Wällen. Es zählte, ein Regiment Soldaten mit eingerechnet, nur 4000 Einwohner. Die Hochschule wurde von nur etwa 250 Studenten besucht. In seinen engen, schmutzigen Straßen, zwischen den von Düngevhaufen umlagerten Wohnstätten der meist Ackerbau treibenden Bürger, trieb, neben Kleinvieh aller Art, eine Studentenschaft ihr Wesen, die sich — um mit Goethe in Dichtung und Wahrheit zu reden — „damalig in Gießen in der tiefsten Rohheit gefiel". Kein Wunder! Bestand sie doch zu einem großen Teile au« den Relegierten anderer Hochschulen, die man, um den Besuch zu steigern, allzeit willig aufnahm Diese Musensöhne bildeten den Schrecken aller anständigen Bewohner der Stadt. Aeußeruingen feiner Sitte, anständiger Schritt, Grüßen auf der Strafte waren verpönt. „Mir waren sie ganz recht," sagt Goethe von ihnen, „ich hätte sie wohl auch als Masken in eins meiner Fastnachtsspiele brauchen können." Möglich, daß sie ihm später beim Abfafsen der Szene tn Auerbachs Keller zu Gestalten wie Frosch, Giebel, Brand al« Vorbilder gedient haben. Sein damaliger Ausflug nach, Gießen galt einem Zusammentreffen mit dem von Darmstadt kommenden Kriegszahlmeister Jvh. Heinrich Merck. Dem Manne, der zu jener Zeit, als Freund wie literarischer Berater, den größten Einfluß, auf ihn besaß. In ebenso hohem Maße feinsinniger Dilettant auf den unterschiedlichsten Gebieten von Kunst und Wissenschaft, wie findiger Geschäftsmann, mit Eigenschaften tote Menschenverachtung, Reid, Hämischer Bitterkeit solche ganz entgegengesetzter Art verbindend, durch die er sich befähigt sah, in den Anschauungen der Kreise der Sentimentalen seiner Vaterstadt Darmstadt zeitweise vollständig aufzugehen, erschien er als Faust und Mephisto in einer Person. Mit ihrem diesmaligen Zusammentreffen verknüpften er und Goethe die weitere Absicht, den Merck von früher her befreundeten bedeutenden Kriminalisten H ö p f n e r, der seit einem Jähre dem Lehrkörper der Gießener Hochschule angehörte, zum stündigen Mitarbeiter an den schon erwählten „Frankfurter Gelehrten Anzeigen" zu gewinnen. In Dichtung und Wahrheit erzählt Goethe sehr anschaulich!, wie er, beseelt von der ihm wie vielen genialveranlagten Menschen, in der Jugend eigenen Vorliebe für Verlleidungen und verkapptes Auftreten, Höpfner, dem er wvhl durch die Mitteilungen Mercks, doch nicht in Person bekannt war, zunächst allein in seiner Wohnung — Ecke Sonnenstraße und Reuen Bäue, dem jetzt mit einer Gedenktafel versehenen Hause — aufsuchte. Dabei als schüchterner reisender Scholar auftrat, der sich unterwegs die berühmtesten Leute ansehen wolle, von fetten des allzeit menschenfreundlichen Gelehrten auch eine wohlwollende Aufnahme fand, „das Gespräch trotzdem Iftter und da ins Stocken geriet und Höpfner offenbar einem Stammbuch oder der Verabschiedung entgegensäh". Glücklicherweise ist noch eine zweite Darstellung dieses Auftritts vorhanden und zwar aus dein Munde Höpsners, nach der dessen jüngerer Freund, der Kabinettsrat Schseiermacher in Darmstadt, also erzählte „Ganz anders, d. h. viel drastischer nahm sich die Schilderung Höpsners aus, wenn er sie dramatisierte, die seltsame Erscheinung des wunderschönen jungen Menschen mit den feuer- vollen Augen und dem linkischen Anstande beschrieb, seine komischen Reden wiederholte und namentlich, zur Explosion kam, wie der blöde Student aufsprang und Höpfner um den Hals fiel mit den Worten: „Ich bin Goethe! Verzeihen Sie mir meine Possen, lieber Höpfner, aber ich weih, daft man bei der gewöhnlichen Art, durch einen Dritten miteinander bekannt zu roerben, lange sich steif und fremd bleibt und da dachte ich., wollte ich in Ihre Freundschaft lieber mit gleichen Füßen hineinspringen und, so Hoff' ich, soll es zwischen uns fein und werden durch den Spaß, den ich mir erlaubt 'habe." Mit dieser, jedenfalls der Wahrheit entsprechenden Darstellung, stimmt nun die weitere in Dichtung und Wahrheit nicht überein. Rach i'Hr wäre Goethe bei Höpfner von seinem zukünftigen Schwager Schlosser, tote zuvor mit diesem verabredet, abge'hvlt worden, habe seine Maske nicht schon in Höpsners Studierstube abgelegt, sondern auch über ein in den Augen Höpsners zufälliges Zusammentreffen mit diesem, Merck und Schlosser im Gasthaus an der Mittagstafel beibehalten und, von ihr gedeckt, dem gleichfalls anwesenden derzeitigen Inhaber des LcHrfluhles für Dichtung und Beredsamkeit Schmid, einem bekannten Widersager Lessings und überhaupt bei den jüngeren Literaturbeflissenen wenig beliebten Kritiker, tüchtig, wenn auch verblümt, die Meinung gesagt. Um schließlich jedoch, nachdem er sich zu erkennen gegeben, auf seine warme Anerkennung der wirklichen Verdienste hin, die sich Schmid trotz alledem um die zeitgenössische Dichtung erworben, eine vollständige Aussöhnung mit diesem her beizuführen. Run ist aber, wie seitdem einwandfrei sestgestellt, Schlosser an diesem 18. August garnicht in Gießen gewesen. Auch 'haben nach dem von Kestner, dem Wetzlarer Freund Goethes und dem Verlobten von Lotte Buff, mit großer« an Kleinigkeitskrämerei streifender Genauigkeit geführten Tagebuch, an diesem Tage Goethe, Höpfner und Merck nicht im Gast- Hof, sondern bei des letzteren Gießener Kollegen, dem Kriegs- zählmeister Pfaff, und zwar eben in Gesellschaft von Lotte Duff, zu Mittag gespeist. Es 'hat diese Unstimmigkeit der Berichte den Goetheforschern viel Kopfzerbrechen bereitet, und schließlich sind die meisten von ihnen zu der Ansicht gekommen, es seien von Goethe in Dichtung und Wahrheit, gewollt oder ungewollt, zwei Besuche, die er Gießen abgestattet habe, in einen zusammengeworfen worden. Von denen der erste, in den Frühsommer gefallen, einem Zusammentreffen mit Schlosser gegolten und sich bei diesem sowohl der geschilderte Auftritt bei Höpfner, als auch die Abkanzelung Schmids an der Ga schau s- tafel mit darauffolgender Versöhnung abgespielt habe. 3n der Frühe des 19. August wanderte Merck, von dem Wunsche getrieben, den Schauplatz ber bisherigen Tätigkeit des — 181 — Freunde», wohl auch Kestner und di« übrige Familie Buff Seltnen zu lernen, mit Goethe nach Wehlar. Am selben Abend kehrten fte nach Dieben zurück und verblieben daselbst bis zum 22. August. Da sich ihre Namen in keiner der in der Festung Dietzen von den Gasthofbesitzern mit grotzer Genauigkeit geführten Fremdenlisten auffinden liehen, liegt die Vermutung nahe, daß sie bei dem damals noch unverheirateten Hopfner genächtigt Baben. Wohl wäre Goethe, der sich von Hopfner, dem Juristen sowohl, wie dem durchgebildetsn Literaturkenner und vornehmen Menschen, mächtig ungezogen fühlte, gerne seiner eigenen Auslage nach noch langer in Gießen geblieben, Umso entschiedener bestand Merck, dem „bei Tage der Anblick der dortigen Studiosen und bei Aacht ihr Gebrüll jede Art von guter Laune verdarb", nunmehr auf der Abreise. Einige weitere Angaben, die Person Hopfners betreffend, dürften hier am Platze sein. Als Sohn des Professors der Rechte an der Ludoviciana, Jvh. Karl Hopfner, 1843 geboren, war er ein Gießener Kind. Der Umstand, daß er früh Doppelwaise geworden, steigerte nur das ihm innewohnende Verantwortlichkeitsgefühl und seinen Lerneifer. Nachdem er an der einheimischen Hochschule seine juridischen Studien beendet hatte, trat er eine Stellung als Hofmeister bei dem kurhessischen Minister v. Kannegießer an und später durch dessen Gönnerschaft eine solche als Lehrer an dem Karvlinum zu Kassel. Von ihr aus gelangte er auf den Lehrstuhl für Rechte an die Hochschule Sier Vaterstadt. Doch las er daneben auch über Literatur und sich infolge seiner Leistungen auf diesem Gebiete, in warmer Freundschaft und durch lebhaften Briefwechsel mit Klopstvck, Nikolai, Klinger u. a. verbunden. Obwohl ausgesprochene Ge- lehrtennatur, fühlte er sich dennoch keineswegs zum akademischen Lehrer berufen. „Das Universitätsleben," schrieb er an Merck, „ist ein schändliches Ding, alle halbe Jahr dasselbe zu predigen, das wird mir je länger, je unerträglicher. And ungezogene Jungen vor sich zu haben, ihnen cajolieren zu müssen, das wird man herzlich satt." Nach diesem ist es nicht verwunderlich wenn er 1776 einen, durch Goethe übermittelten Ruf nach Jena und 1777 einen solchen nach Göttingen ausschlug, dagegen einem dritten als Rat an das Appelationsgericht in Darmstadt, mit dem Sonderauftrag, ein besseres Landrecht in dem damals landgräflichen Hessen in die Wege zu leiten, mit Freuden Folge leistete. Eine Stellung, die Hm umso werter wurde, da sie ihm nebenbei volle Muße zu reicher fachfchriftstellerischer Tätigkeit, wie zu seiner Lieblingsbeschäftigung, einer ausgedehnten Rosenzjücht, gewährte. Nachdem er 1782 einen zweiten, diesmal mit den weitgehendsten Versprechungen verbundenen Ruf nach Jena abgelöhnt hatte, wurde er zum Obertribunalrat ernannt, als welcher er 1797, allgemein beliebt und hochgeehrt, verstarb. Mit Anna Maria Thom, der Tochter des Pvstrates Jakob Dhom M Giehen, einer ebenso geist- wie gemütvollen Frau, lebte er seit 1773 in glücklichster Ghe. Die eine seiner drei Töchter verheiratete sich mit dem hessischen General v. Dalwigk und ward dadurch Mutter des später als Politiker viel, wenn auch nicht ruhmräch, genannten hessischen Ministerpräsidenten v. Dalcoigk. Die letzten zwanzig Jahre von Höpfners Leben sind leider durch ein quälendes Nervenleiden mit fortgesetzter Schlaflosigkeit im Gefolge, vielfach getrübt worden. Die Schützenbecher *). Am rechten Ufer des Zürichsees liegt über dem mit Reben bepflanzten Hang ein alletnstchendes Gehöfte, das man das Himmelt nennt. Es hat diesen Namen Wohl der erhöhten Lage, noch tmHr vielleicht seiner Fruchtbarkeit zu verdanken: denn um das schmucke Haus liegt ein ganzer Wald von Obstbäumen, und der Wein der an der Halde wächst, ist wohlbekannt am See. Menn den Dauern dortzulande etwas über die Matzen mundet, sagen sie: „Es ist so gut wie Himmeliwein, man möcht' dran sterben!" In dem Hause wohnte die Witwe St^pacher mit ihrem Sohn, dem Himmelifritz, und einem Knecht. Sie war emsig wie Jakob Dotzhart, der ausgezeichnete schweizerische Ec- zähler, beging am 7. August 1922 seinen 60. Geburtstag. Als Slchn „geplagter, aber aufstrebender Bauersleute", schildert er besonders seine Heimat, Schweizer Dauern und Schweizer Natur. Aber über Heimatkunst hinaus ragen seine frischen, köstlichen Geschichten hoch ins kunstverklärte Allgemeinmenschliche htnetn: ein edler Ernst zeichnet sie aus, eine gewisse Schwere, die aber nichts von bedrückendem Pessimismus an sich hat. Er hat manches mit Dottsried Keller und anderen berühmten Meistern .gemeinsam, mit Jeremias Gotthelf und Conr. Ferd. Meyer. Nachdem Dotzhart vorübergehend als Lehrer an einer Privateyiehungs- anstalt in Weinheim a. d. Bergstraße gewirkt hatte, studierte er in Heidelberg. Paris und Zürich 1916 muhte der Dichter aus Gesundheitsrücksichten seine Tätigkeit al« Dy-mnasialdirektor in Zürich aufgeben: sein Ansehen als Schriftsteller war schon damlS fest begründet. Im Verlag H. Haessel, Leipzig, stnd soeben sechs Bände seiner gesammelten Erzählungen erschienen, und wir glauben, das Werk des Dichters am besten unseren Lesern näherrücken zu können, indem wir eine seiner feinsten Novellen hier wiedergeben. eine Ameise und Hielt die Dinge wacker zusammen, drum war sie auch dünn wie eine Ameise, was ihrer guten Laune jedoch keinen Abbruch tat. Die Sorgen, von denen sie in früheren Jahren oft geplagt worden war, lernte sie erst wieder kennen, als ihr Fritz zwanzig Jahre alt geworden. Dis dahin hatte Jie ihn immer fein säuberlich im Himmeli zu halten vermocht, jetzt aber, nachdem er die Rekrutenschule durchgemacht 'hatte, wurde er des gleichförmigen, stillen Lebens überdrüssig und suchte an Sonntagen gern im Dorf lustige Gesellschaft auf. Ja, eines Tages trat er vor die Mutter Hin und sagte, er müsse in den Schützenverein eintreten und brauche Geld. „Müssen?" fragte fte. „Ja, müssen, Mutter, wer Soldat ist, muß einem Schießverein angehören, sonst hat er das Vergnügen, jedes Jahr einmal in die Kaserne einWrücken, um seine Pflichtschüsse abzugeben." Sie ereiferte sich: „Was nützt auch auf Gottes Erdboden das ewige Pulvern und Knallen, es wäre gescheiter, ihr lerntet besser mit dem Karst und der Sense umgehen, als mit dem nichtsnutzigen „Gvetterligewe>hr". Wozu braucht man denn schießen zu können, das möcht' ich doch einmal wissen!" „Hätte der Tell nicht schießen können, so hätte er sein Kind erschossen," erwiderte Fritz, „und wir wären jetzt Schwaben oder Oesterreicher, und wenn einer auf einem Rotz oder in einem Wagen einherkäme, müßten wir uns jedesmal fragen: Soll ich jetzt den Hut ziehen Und sagen: „Guten Tag, Herr Kaiser", oder „Gott grüß’ Euch, Herr König" und dabei den Buckel biegen wie beim Rebenheften. Vom Himmeliwein aber würden wir nicht viel zu sehen bekommen, dem wüchsen Räder ober Füße und er würde vom König und was weiß ich von wem sonst noch »er« juchßeiet werden." „Du bist ein Schalksnarr," sagte die Mutter, „so geh, wenn du’s doch nicht lassen kannst aber das sag ich dir: Wenn du- einmal wackelig nach Hause kommst, so lege ich deine Flinte aus den Scheiterstock und striegle sie mit dem Beil." Ein Jahr später kam der Himmelifritz mit dem ersten Kranz von einem kleinen Schützenfeste nach Hause. Von da an war ihm etwas Neues ins Blut gefahren, die Unrast, die uns die Ruhmsucht gibt. Was für andere die Liebe in diesen Jahren ist, das wurde ihm das Zielschietzen, eine wahre Leidenschaft. Schwang er die Sense auf der Wiese, den Karst auf dem Acker oder die Hacke im Weinberg, so sah er sich im Geiste stets im Scheibenstand und erblickte, im Feuer des Schusses, das Absehen, baS Korn und das Schwarze der Scheibe, alle drei hübsch aufeinander, wie es sein muß. Am Svnntagmorgen aber nahm er sein Gewehr- hervor und machte Zielübungen über den See weg nach dem Zifsernblatt der Talwiler Turmuhr, denn er hatte Augen wie ein Falke. Am Nachmittag schritt er Hinunter nach dem Schützenstand, dabei schlug ihm das Herz so freudig, wie andern Durfchen, wenn sie zum Liebchen ziehen. Und hatte er alle Schüsse sauber in die Scheibe gesetzt, so war er für eine Woche froh, wie seine Mutter für ein Jahr froh war, wenn sie am Silvesterabend ihre Dinge in Ordnung gefunden hatte. Fritz mochte vierundzwanzig Jahre alt sein, als er an einem Abend vor dem Schlafengehen zu der Mutter sagte: „Morgen brauche ich Geld, viel Geld diesmal, ich- — ich will um einen Decher schießen." Gr sah, wie die Frau bei dem Worte zusammenschrak, und er fragte fte: „Was ist dir?" Sie erwiderte nichts, sondern stieg auf dem Osentreppchen in die Kammer hinauf, und er hörte, wie sie oben einen Schrank öffnete und etwas Klirrendes herausnahm. Dem Klange nach waren es keine Münzen, und Fritz wurde neugierig. Gr sollte nicht lange im Zweifel bleiben. Bald sah er die Mutter das Treppchen herabsteigen, sie hielt vorn auf der Brust in den Armen etwas Blinkendes: es waren vier silberne Decher. Sie stellte fte auf den Tisch und sagte: „Da, Fritz, sieh dir das Geschirr an." „Du hast Schützenbecher?" fragte er verwundert, und griff nach einem von ihnen: er hatte von den Schätzen keine Ahnung gehabt. „Ja, fieh dir daS Geschirr an,“ wiederholte sie ernst. Dann nahm fte den einen tn die Hand, hielt ihn dem Sohne vor die Augen und sprach langsam: „Das ist ein teures Familienstück, Bub aus dem Becher hat sich dein Großvater zu Tod getrunken." Sie sagte es tn seltsam verhaltenem Ton und er trat halb erschreckt einen Schritt zurück. Die Witwe ergriff 'hierauf die drei andern Becher mit beiden Händen, streckte sie wiederum dem Sohne hin und fuhr fort: „Noch teurer müssen dir diese Geschirre sein, aus ihnen hat sich dein Vater zu Tod getrunken." Fritz war so betroffen, daß er nichts weiter zu antworten wußte, als: „Du spaßest, Mutter, die Becher find ja alle wie neu." „Du mutzt es nicht wörtlich nahmen, aber es ist doch wahr. Als dein Großvater diesen Decher nach Hause brachte, soll er zum erstenmal auf den Füßen geschwankt haben. Gr brachte den ersten Decher in unsere Gemeinde: kam er ins Wirtshaus, fo pries man ihn und trank ihm zu und nannte ihn Schützenkönig. Das gefiel ihm, das Wirtshaus wurde ihm heimelig und der Wein lieb. Von da an hat er von unserem guten Himmeliwem Seinen Tropfen mehr verkauft, er hat ihn selber getrunken. Von khm stammt das Wort: das ist fo gut tote HimmeliwÄn. man mächt' dran sterben. Er ist dran gestorben. Wie es dem Großvater ging, ist es noch einem andern er- gangen, doch ich will dir diese Geschichte nicht erzählen, obgleich ich es wohl imstand' wäre, denn der andere war dein Vater selig. Sie stellte die Decher wieder auf den Tisch and sagt« nach einer Weile: .„Mich dünkt, wir haben genug solcher ^FamM«i- stücke, nun willst du hingehen und andere dazu holen, öctß, mir schaudert vor solchem Silberzeug!" „Wie kannst du mich für so schwach halten, Mutter? Hast du mich ein einziges Mal bet Hinten aus« dem Schiitzenveretn oder von einem Fachen lHeimkchren sehen?" „ „Bisher waren es nur kleine Anläße, du bist nie länger als einen Lag fortgeblieben, jetzt aber gMt du br. einen andern Kanton bleibst zwei, vielleicht drei Tag« unter leichtem Boll. . „Es sind alles rechtschaffene Männer _ . Ja aber die Festluft und der Festwein urch das R^en und Singen, und dann das Haschen nach dem Silberzeug, das macht euch den Kopf trüb!" . , , - Man sieht daß du noch nie an einem Schützenfest gewesen bist "da acht es viel nüchterner zu, als du deichst, lärmen und über das Maß trinken tun nur die Festbummler und Gotter- schützen denen es nicht drauf ankvmmt, ob ein Schatz in der Scheibe sitzt oder nicht. Mache es mir seht isicht sch^erals nötig. Ich kann nicht zu Hause bleiben, ich habe mein Wort gegeben, die besten Schützen, unser fünf, haben sich zu einer Gruppe' zusammengetan, man zählt aus mich." __ „So versprich mir, die ganze Zett nüchtern $u &I«ü>en. ®w mir die Hand darauf, wie bei einem rechtschaffenen Handel. Er tat es wohlgemut. Sie öffnete die Kommode, und reichte ihm das Geld, bas er verlangte. , Am andern Morgen sah sie ihm «um Kuchenftuster hinaus nach, bis er unten im Dorf verschwand Sie wurde die trüben Gedanken nicht los. Wenn er nur jede Kugel ins Blaue schöße! Lags darauf gegen Abend hörte die StMachertn Musik, die vom See 'herausschallt. „Hetzt werden die Schützen kommen, dachte sie und schritt vor das Haus, wo sie die ganze Dxgend überblicken konnte. Ein Dampfschiffchen mit roten und blau und weißen Lüchlein geschmückt, strebte von Zürich Herkommend ton Dorfe «u; auf dem Dampfschiffsteg aber funtelte etwas bt der Sonne das waren die Trompeten, deren Schall herausdrang. Das Schiff landete, großes Freudengeschrei übertönte die Musik, die Schützen mußten sieggekront heimkehren. Der Lärm und die Musik verhallten. Die Steppacherin schaute vom Himmelt ins Dorf hinunter, hoffend, ihren Srifc aus den Häusern und Bäumen hervvrtreten zu sehe». Vie schaute, zehn, zwanzig Minuten lang, er kam nicht. „Sie sind in die Krone gegangen nun mag eS mit werden. Die Macht kam und Stunde um Stunde verging, Fritz erschien nicht; seine Mutter aber trat jeden Augenblick vor» Haus und horchte in die Stille hinaus. Endlich als es ein Uhr schlug, Hörte sie Tritte, die die Halde emporkamen, langsam, unsicher. Sie trat in die Stube und erwartete den Sohn. Di« Haus- türe öffnete sich zwei Hände tasteten sich durch Len Dana und suchten nach der Türklinke, dann stolperte Fritz, einen Serben Schützenfluch ausstoßend, über die Schwelle und in die Stube. „Du kommst schön zum Dorschein" sagte die Steppacherin ruhig, „hält man so Wort bei euch Dchießbrüdern? Pfui! Das Wort stach ihn. „Was Haderst Lu da? Meinst etwa, ich habe zu viÄ? Ja wohl! Ich zu viel! Sieh, das hab' ich Herausgeschossen!* Dies sagend, zog er mühsam ein Futteral aus der Mocktasche und aus diesem einen blinkenden Decher, den er triumphierend auf Len Lisch stellte. „Den hab' ich herausgeschvssen, es ist der einzige im Dors. Wie gefällt er dir?" „Wie soll er mir gefallen! Ich wollte lieber, du wärest nicht betrunken." r „Ich? Betrunken? Was faselst Lu da! Durst Hab' ich Himmelsak. . . Hol' mir Wein, Mutter, Durst Hab' ich. ich muß noch eins über die Leber gießen!" „Geh ins Bett und schlaf dich aus, du WeinschützI" „Mit wem redest du so? Wart, ich will dir's zeigen! Holst du keinen Wein, so hol' ich mir selber meinen Schoppen. Ich. will doch sehen, Himmelsak. . . Ich hab' noch Durst!" Sprach's, griff eine Flasche aus dem Eckkästchen und stolperte hinaus und in den Keller hinunter. Die Mutter sah ihm nach und blickte bann auf den gleißenden Decher. „Wie der Baier und der Großvater," seufzte sie. „Oh, das verfluchte Geschirr!" Die helle Wut gegen den Becher kam über sie, und ein Gedanke blltzte ihr durch tot Kopf: „Was ich einst dem Gewehr verheißen, das will ich dem Becher halten!" Sie griff hastig danach und schritt in die Küche hinaus. Dort stellte sie das Gefäß auf den Scheiterstock ergriff das schwere Beil und wuchtig fuhr das Eisen herab. Der Decher schrie auf wie ein lebendes Wesen. „Ja, schrei nur, ich will dirS gleich austreiben!" Änd wieder und wieder fuhr die Axt auf und nieder, bis der Dech>er zu einer Platte zusammengeschlagen war. Die Steppacherin lachte ihr war, sie Habe tot Teufel erschlagen. MuHig trat sie in die Stube, legte das Silberblech auf den Tisch und setzte sich auf einen Stuhl. Bald darauf trat Fritz wieder Herein. „Wo ist der Decher, du mutzt daraus trinken. Zweimal haben wir ihn heute verschwellt, jetzt sei's zum dritten." Da entdeckte er auf ton Tisch das zusammengequetschte Kleinod ixt», was noch vor wenigen Minuten sein Stotz gewesen war. „Mütter!" schrie er auf, es zuckte ihm in alten Muskeln, seine Hände ballten sich und erhoben sich drohend über dem Haupte der Frau. Sie blieb ruhig und versetzte kurz: „Dem Gewehr hab' ich's versprochen, ton Becher gehalten." Das Wort entflammte seinen Zorn noch mehr. Gr ergriff tot zertrümmerten Pokal und warf ihn der alten Frau wuchtig an den Kopf. Sie sank lautlos vom Stuhl auf tot Boden, Blut floh ihr aus dem grau en Haar. Auf einmal war Fritz nüchtern, er stürzte neben ihr nieder und Hob sie in den Armen auf, von Reue erfaßt. Sie öffnete b'ald die Augen wieder und sah sich um. In diesem Augenblick fühlte Fritz zwei Dinge, nämlich daß er bösen Wein getrunken und daß er eine gute Mütter hatte und sie liebte, „Es tut mir leib, Mutter! Bei Gott, es tut mir leid!" stammelte et. Sie aber, alle Kraft Wisantmenttehmend, richtete sich empor und schritt etwas unsicher, aber den Beistand des Sohnes mit einer bestimmten Gebärde abwehrend, in die Küche hinaus, wv fte das Blut mit kaltem Wasser stillte. Fritz suchte tot zerschlagenen Becher auf dem Boden und warf ihn Lurchs offene Fenster in die Macht hinaus. Als er sich am Morgen erhob, war seine Mutter schon in der Küche. Gr bot ihr tot gewohnten Gruß, und sie erwiderte ihn. Ein Fremder hätte ihr „Guten Tag" freundlich gesunden; der So'Hn aber fühlte wohl, daß etwas Meues in der Stimme der Mütter lag. Beim Frühstück gewahrte er auch daß in da» Auge ein unverlrauter Blick gekommen war, vielleicht keine« bemerkbar als ihm. And so blieb e» nun. Das Verhältnis zwischen Mutter und Söhn war für alle, die ins Himmeli kamen, das nämliche tote einst; Fritz aber wußte es anders und litt unsagbar darunter. Hätte die Mütter nur wieder einmal mit ihm gescholten, tote sie das früher etwa getan. Aber sie sagte kein unfreundliches Wort zu ihm, sie Widerspruch ihm nie, schlug ihm nichts ab. So vergingen drei Jahre, recht unfrohe; i» Himmeli wurde nicht mehr gescherzt und nicht mehr Gesicht, wenn es nicht anders anging. Die grauen Haare tot Steppacherin über tourtot Weitz, und das quälte ihren Sohn. Da kam wieder ein eidgenössisches Schützenfest. Fritz nah« sich vor, e» nicht zu besuchen; aber die Vereinsgenosfen ließen ihn nicht lo», sie konnten ihren besten Schützen nicht entbehre» und da er ihnen Wohlweislich verschwieg, warum er teilte Festlust habe, betrachteten sie ihn als einen dünkelhaften Menschen, btt sich für unentbehrlich halte und recht sehr wolle bitten lasse«. Was konnte er tun? Gr mußte sich den andern anschliehen. Al» er, das Gewehr an der Schulter, das Hau» oerlaffe« Hatte und ton Dorf zuschritt, fiel ihm auf, daß die Seitentasch» seine» Kittels schwerer war als sonst. Gr griff hinein und zog tot zertrümmerten Becher Hervor. Einen Augenblick arbeitete der Zorn in ihm. Aber die bessere Matur wird in ihm Herr: „Man soll einen Warner nicht verachten, und nun gar nicht, wenn er von der Mutter kommt. Ich will khr zeigen, daß ich nicht so schwach bin, wie ich vor drei Jahren erschien." Am gleichen Tage kehrte er ins Himmeli zurück, aufrecht und fest. Die Mutter faß in der Stube und maß ihn mit den Augen, als er Hereinkam. Wie das erstemal zog er einen Becher aus der Tasche. „Was fagst du dazu?" fragte er. Sie erwiderte erst nichts und blieb lange unbeweglich Ihre Augen ru'hten auf ihrem Sohne, der demütig und doch gerade vor ihr stand. Der Ausdruck ihres Gesichtes wurde allmählich mild«, und endlich erhob sie sich ergriff mit der einen Hand den Becher und mit der andern die Rechte des Sohnes und sagte mit bewegter Stimme: „Gr gefällt mir gut, dein Decher, wir wollen ihn verschwellen." Sie langte tot Kellerschlüssel vom Magel und ging hinan». Bald kehrte sie zurück, tot Pokal bis zu in Rande mit ton besten Himmeliwein gefüllt, tot sie im Keller Hatte, stellte sich vor Fritz Hin und sagte: „Wohl bekomm'»!" „Du du den ersten Schluck, Mutter, es 'Hat noch keiner daraus getrunken. Wohl bekomm's dir!" Sie tat einen kräftigen Zug und er darauf einen zweiten, und dabei sahen ihre Augen einander gut und hell an wie einst. Seither hat Fritz noch mehr als einen Decher hercmsgeschossen, er Hat sie alle im Himmeli mit seiner Mütter verschwellt. Mecken ihn feine Freunde, wenn er so frühzeitig aus ihre« Kreise scheidet, pflegt er mit lachenden Augen zu sagen: „Den ersten Schluck aus meinem Becher tut ihr nicht und ich nicht. Gebt wohl!" Die andern aber stecken, wenn er gegangen ist, die Köpfe zusammen und fragen sich: „Gr mutz eine Heimliche Liebe Haben, wo mag sie sein?" Schriftleitung: August Goetz. — Druck und Verlag der Drühl'schen Llniv.-Duch- und Dteindruckevei, R. Lange, Gießen.