Nr. 11 1922 Samstag, 18. März W W S WMMzf^W irn^B Esjs£ mir wachen, aber verschweigen darf ich Ihnen nichts, Freundin. . . Teure, Sie sehen, wie viel ich wie liebe. Ach, untersuchen Sie alles, Teure. Das, was ich Sie bei dieser Untersuchung oft zu bedenken bitte, ist dieses, meine Teure, daß die Gefahren vielleicht unsre Ruhe nie stören werden und daß das Bewußtsein vieler guter Handlungen uns auch in Gefahren ruhig und glücklich zu erhalten imstande ist. Der Zustand meiner Gesundheit ist ein neuer Punkt, meine Teure, der Ähre Aufmerksamkeit fordert. Ich kann Ihnen hierüber dieses sagen, Freundin, daß ich ihn nicht für beträchtlich schlimm halte. Es ist wahr, ich bin nicht ganz gesund, ich habe noch öfter fieberische Anfälle; sie haben sich aber nebst den Zeichen ihrer Gefährlichkeit seit ein paar Jahren sehr verringert und die bloße Gemütsruhe ist meistens genugsam, mich davor sicher zu stellen. Ich habe mit Dr. Hotz**) sehr ernsthaft über die Umstände meiner Gesundheit geredet, er will nicht die geringste Gefahr darin finden. Bei alledem dünkt mich dennoch sehr wahrscheinlich, daß Sie mich weit überleben werden und ich verhehle Ihnen nicht einmal dieses. Meine Teure, ich weiß die ganze Wichtigkeit dieses Gedankens; ich habe ihn überlegt und Gründe zu meiner Beruhigung gefunden. Bielleicht sind sie auch Ihnen genugsam. Erwägen Sie dieselben ruhig. Wenn ich sterben werde, so werden sich meine Freunde um die Wette bestreben, meine Kinder völlig nach meinen Absichten zu bilden. Freundin! Sie sind bet jeder andern Ber- bindung diesem mit ein wenig minderer Wahrscheinlichkeit ausgesetzt, und kaum werden Sie in einer andern Verbindung einen solchen Trost gründ auf diesen allemal möglichen Fall finden. Ich Hingegen darf mich mit aller Sicherheit auf meine Freunde verlassen und auf meinem Tvdbette werde ich kaum gedenken, daß ich meinen Kindern 'mangeln werde und auch Sie, meine Teure, werden, wenn wir uns die Hand, geben sollten und ich stürbe, dann in meinen Freunden die Zärtlichkeit und alles Vermögen, so Ihnen mein Dasein zu geben imstande war. wieder finden . . . Meine liebe, meine teure Freundin! Ich habe jetzt offenherzig von meinem Charakter und von meinen wichtigen -Umständen, darein ich kommen werde, geredet. Meine Freundin, denken Sie allem sehr nach; ich habe diese Fehler, die ich Ihnen gesagt habe, alle, und gewiß noch viel mehr. Wenn diese Züge, die zu sagen meine Pflicht war, Ihre Hochachtung gegen mich verringern, so werden sie doch meine Aufrichtigkeit schätzen und es nicht unedel finden daß ich den Mangel Ihrer Kenntnis meines Charakters nicht zur Erreichung meiner Absichten mißbrauche. Ueberlegen Sie jetzt, Teure, ob Sie einem Menschen mit diesen Fehlern, einem Menschen in diesen Situationen Ihr Herz schmken und glücklich sein können. Selsten Sie, um darüber zu entscheiden, noch mehr -u wissen nötig haben, so dürfen Sie versichert sein, daß ich Ihnen auf jede Frage, die Sie an mich tun werden, mit der Aufrichtigkeit, die Sie in diesem Briefe sehen, antworten werde. Teure Freundin! Ich habe nicht nur über mich nachgedacht, ich habe mit eben der Sorgfalt meine Beobachtungen auch von Ihnen untersucht. Mein Verstand gibt meiner Leidenschaft Beifall. Ich karm glücklich mit Ihnen sein, wenn Sie es mit mir sein können... Boch etwas, meine Teure! Ich habe Michals Ihren Liebhaber erklärt. Sie wissen meine Empfindlichkeit. Die Freundschaft, die Sie mir anbieten, wird die Empfindungen meiner Hoffnung unterhalten. Freundin! Sollte es notwendig sein, daß ich jemals diese Hoffnung aufgeben müßte, so kennen Sie mich aenuglam um ein» jufeben, was für gefährliche Folgen die Unterhaltung dieser Hoffnung auf mich haben könnte. Vergeben Sie, meine Teure, daß ich Ihnen das sage. Ich habe große Pflichten gegen mich selbst und gegen mein Vaterland, die diese Sorgfalt von mir fordern. Ich will nicht, Teure, und ich denke, Sie werden mir das zutrauen, daß Sie sich erklären, ehe Sie alles untersucht ehe Sie vollkommen ruhig und mit sich selbst einig sind; ich *) Einfachheit. ■ •*) Dr. med. Hotz, ein Oheim Pestalozzis. werde auch Ihre Untersuchungen nicht im geringsten bestürmen. Bur um das flehe ich, meine Freundin, selbige so sehr als Ihnen möglich, zu beschleunigen. Sie wissen, meine Liebe, die Gefahren, lange genährte Leidenschaften zu unterdrücken. Teure, lassen Sie uns eilen zu entscheiden, was wir in dieser Absicht zu tun haben. Wenn Sie finden, meine einige Freundin, daß ich wert bin, daß Sie mir Ihr Herz geben, so sagen Sie mir es bald, sobald es Ihnen Ihr Herz sagt. Wir werden uns dann ohne einige Gefahr jeder Vergnügung sich unschuldig Liebender überlassen dürfen. Auhig und still wird unsre Leidenschaft ihren ungehemmten Lauf haben und unser Glück fein und uns keine Anruhe, keine Angst, keine Vorwürfe mehr machen. Sie wird uns sogar in Erfüllung unsrer Pflichten aufmuntern. Wenn Ihnen aber Ihr Herz sagen sollte, daß Sie in der engsten Verbindung mit mir nicht glücklich fein werden, so sagen Sie mir dieses noch früher. Eilen Sie, denn — hier ist die Gelahr. Entschlossen sagen Sie mir es in dem ersten Augenblicke, da Ihr Herz Ihnen entschieden darüber redet . . , Boch etwas, meine teure Freundin! Sie wissen den Vorwurf, den Sie mir einst in Gegenwart Menalks gemacht, daß ich g e r n herumlaufe. Ich war niemals gewohnt, mich mit Worten gegen Vorwürfe zu rechtfertigen; es war mir genug, sie gehört zu haben und bei mir selbst ruhig sein zu können. Es Qft jetzt aber eine andre Zeit, wir müssen uns kennen. Die Offenherzigkeit, womit ich schon von meinen Fehlern geredet, wird Sie nicht besorgen lassen, daß ich hierin nicht die Wahrheit rede. Das ist wahr, daß ich bis auf einige Zeit sehr viel Bekanntschaft, sehr Diel Umgang, sehr viel Zerstreuung gehabt habe; die Berschiedenheit und die Menge der Leute, mit denen ich umgegangen und die Hitze, mit der ich jeden Anlaß, sie zu sehen, ergriffen, machten diesen Gedanken allgemein und fast notwendig. Ich versichere Sie aber, meine Teure, daß es nicht Hang zu Zerstreuungen, sondern A u s- sichten nützlich zu fein waren, die mich so handeln machten. . . Die Tage dieser weitläufigen Dewandtschaften sind nun wirklich vorüber. Teure, ich werde mich jetzt je länger je mehr einschränken, um mich selbst zu größern Unternehmungen zu bilden. Aber ich mißbillige die Tage, die ich, die Jünglinge meines Vaterlandes kennen zu lernen, gehraucht, auch nicht. Diese Tage werden noch einst von sehr wichtigen Folgen auf mich fein. Ich hoffe, teure Schultheß, Sie halten mich über diesen Punkt gerechtfertigt. . . Ich ende, meine Teure, diesen langen Brief. Ich sehe, da ich ihn wieder lese, daß er voll Anordnung und Mangelhaftigkeit ist. Es ist aber dennoch noch so viel darin, das ich Ihrer Aufmerksamkeit würdig halte, daß ich glaube, ich dürfe ihn Ihnen übergeben. “ Geben Sie wohl, Teure, und schreiben Sie mir bald und lassen Sie mich Sie bald sehen. Ihr P. (Schluß folgt.) Erwachen. Von Egon von Kapherr*). Die Birken in der Heidesenke zeigen den ersten grünen Hauch. Boch sind die Knosven nicht gesprungen, kein noch so Winz wes) Dlättlein ist da — aber ein Schimmer, wie ein Ahnen, liegt übeti dem Pendelnden, schwankenden Gezweig. Im Grunde murmelt der Waldbach. Wo Irrblock und Steingeröll das Bett Verengers rauschen und plätschern die Tauwasser, schießen unbändig über die Steine dahin und jagen schäumend fort. Kreiselnde Trichter an der Biegung, tanzende Flocken von weißgelbem Schaum. Jin feuchten Grunde riecht es nach LNvder und frischer Erde, nach fauligem Blattwerk und Mulm. Hier stehen die weißen Anemonen Köpflein bei Kövslein — ein Beet neben dem anderen, dicht, tote ein Teppich im satten Moosgrün. Ein Binnsal schleicht träge hindurch — tropft in den Dach, versickert breit auslaufend im Boden, wässert die Wurzeln der Erlen und Dirken und kriecht unter moosige, mulmige Stubben. Am Hange Nüßen die Leberblumen, schüchtern hervorlugend aus altem Laub und fauligem Dürrholz, zwischen Gestein und den Büschen des Hasels. Erle und Haselstrauch prangen in Bündeln von Kätzchm. die jungen Fickten Seigen das Gr n des ersten, neuen Triebknöpfchms und die dicken Troddeln der Espen schwanken im Winde. Feiner, gelher Blutenstaub zieht wie dünner Rauch am Waldesrande hin. Die Sonne hat's gut gemeint heute — mollige Wärme liegt über der Aue, Im Schatten der Eiche nicken die ersten weißen Schneeglöckchen, im Gezweig flöten die Stare, schlüpfen in die Asthöhlen, schwirren emsig heraus. Hoch oben im Sonnenstrahl sitzt ein prächtiger Kerl mit gespreizten Flügeln. Der ganze kleine Sänger zittert vor Wonne, er flötet und zwitschert, violettgrün glitzert seine Brust. Die Weiden am Wiesenrande schimmern in lebhaftem Braun, weiß und silbern prangen ihre Kätzchen. Wie goldene Sternchen leuchten an der Quelle die Blüten des Lattichs. Hier, am Brombeergestrüpp des Feldrains, dessen erster, rötlicher Schimmer erwachendes Geben kündet, finden wir einen alten Bekannten. Brumm — supp . . . ein zweiter kommt herbeigeschwirrt, ein *) Aus einem im Verlag von Oldenburg & Co, Berlin SW 48, erschienenen frohen Buch für Jagd- und Baturfreunde, betitelt „33 u n 11 a u b“ und herausgegeben von Wilh. Hochgreve. Das kleine Buch enthält vortreffliche -Beiträge von O. 3. Bierbaum. E. v. Dombrowski, v. d. Gahelentz, Ganghofer, Herrn. Löns u. a. 43 dritter. Ein wenig PferLedung ist'S, der sie cmzog, die dicken, grünschwarzen Gesellen, die gemächlichen Mistkäfer, die nun emsig, verblüffend schnell, sich einwühlen. Auf dem Felde tönt das silberhelle „Äirritt“ des Rebhahnes, die Wacholderdrossel zwitschert und schackert in den Zweigen der Ebereschen, drüben im Tannendickicht rätschen Eichelhäher und der Buntspecht trommelt am Dürrast der Gche: torrrr — torrrr. . . Auf dem Acker läuft ein kleiner grauer Bogel die Breiten ab. Da steht er au? dem Feldstein: eine Bachstelze ist's — lustig wippt ihr langer Schwanz. Kleber der Wiese gaukelt der Kiebih, burrt in schrägem Fluge herab, steigt wieder auf: kiiii — Witt, kiiii — Witt! Herrlich goldgelb leuchten die Kätzchen der Salweide, im Blau des Frühlingshimmels kreist der Schreiadler und spielt mit seinem Weibchen — hoch steigend, kreisend, dann faltend, sich überschlagend und wieder in schwebendem Bogen'empvrgleitend. älnd über den Wipfeln der Fichten kreist der Bussard: iii — ä... Auf der nassen Wiese, die unter dem Tritte schmatzt, blühen die ersten gelben Dotterblumen, gelb ist auch der Zitronenfalter, der Wer das Dürrgras und das erste Grün der Waldwiese hingaukelt. Hoch in der Luft trillert die Feldlerche, et» Zug Gänse streich» unter den weihen Wolken dahin — eine large, schräge Linie — dem fernen Rorde» zu: i — aa, gick, gack — i — aa... den dürren Binsen des Tümpels ist die Rvhvimmer an- geEoinmen, int Dickicht der Brombeeren am Heiderande wispert ein Zaunkbniq, die gelbe Bachstelze rennt wippend am Ufer auf und ab und mit lautem Aetsch! wird eine Bekassine hoch. Sie streicht ein Stück vorwärts, wirst sich im Zickzack herum, steigt hoch auf und surrt in schräger Linie abwärts: ä —ööööö — fast wie Ziegenmeckern klingt's. Pticka. plicka, Plicka tönt's wieder beim Aufsteigen, ä — ööööö — meckert's beim Abfall. And mit weitem Dogen fällt der Bogel Dieder zwischen den Kaupen ein. — Tauschend werden ein paar Wildenten hoch — mit lautem paak, paak steigen sie auf, ein paar Schellenten jagen mtt_ klingendem Schwtngenschlage herüber. Aeber der Ackerfläche drüben rüttelt der Turmfalke, ein Sperber läßt sein Kikiki erschallen, eine Braunelle schlüpft im Dornbusch und auf der Spitze der Jungfichte Hockt der grobe, graue Würger. Dann knirscht der Fuh im dürren Heidkraute. Hier in der Kiefernheide, wo die Sonne schon den Boden warmbuk, ist reges Leben. G ohe schlanke Laufkäfer rennen über den Pfad, die Waldameise wimmelt um die Stubben, am Loch unter der alten Krummkiefer krabbelt ein grünschwarzer Nashornkäfer. Die ersten Hungerblümchen lugen aus dem warmen Sande, an der alten Dürrkiefer hackt der Schwarzfpecht, dab Span und Rinde fliegen, burrt ab, fliegt in Wellenlinien zum Hochwalde hinüber und Haftet an der Rinde einer schlanken Föhre: klüh . .. Der braune Rüsselkäfer kriecht über den Weg zur Schonung, wo er die kleinen Sämlinge der Kiefern benagen will. Steinhart fühlt sich der schädliche Bursche an, fest, wie aus Horn. Da ist noch ein anderer, der weibgebänöerte Rüsselkäfer, ein ebensolcher Richtsnutz, wie sein graubrauner Detter. Auch ihn zertritt die derbe Stiefelsohle. Ein paar Eichhörnchen jagen sich im Gezweig der Bäume, die Heidelerche zwitschert über der Däumde, ins Dickicht huschen ein paar Rehe, weist leuchten ihre wippenden Spiegel, ein träger Satzhase bockelt über den Weg. Dann senkt sich der Pfad. Birken sind eingesprengt, einzelne Erlen, der Boden wird feucht. And endlich stehen wir wieder im Riederwalde, zwischen Gebüsch und schlanken Espen, Birken und kränkelnden Fichten, Faulbaum und Hasel, We