Samstag, 15. April MF 1922 — Nr. 15 -r» t AM KW Die heilige Woche in Jerusalem. Skizze von A. Hartwig. (Rachdruck verboten.) Mit dem Herannahen des Osterfestes ändert Jerusalem sein Aussehen und man möchte fast sagen: seinen Tharakter. Die stille Stadt, die jahrüber so ruhig daliegt wie versteinert im leblosen Traum ihrer tausendjährigen Geschichte, beginnt sich zu regen. Von den vier Enden der Welt langen die Pilgerzüge und Karawanen der Gläubigen an — Orthodoxe und Schismatiker, Kopten und Katholcken, Protestanten und Abesshnier, kurz: alle Sekten und Konfessionen, die in Hunderten von Stämmen und Völkern irgendwie die Heilige Stadt als Symbol und Sehnsucht empfinden. Die kleine Palästinabahn, die ihren schwarz-gelben Rauch keuchend in das svnnenflimmernde Tere- binthental hineinspeit, führt der Ebene von Bethlehem alltäglich neue Schaven von Pilgern zu. Andere Reifende, welche diese zu moderne und profam erscheinende Alt der Beförderung verschmähen, reiten von Beirut ^aus durch das grüne Galiläa und das einförmige, melancholische Samaria und die kleinen Pferde und zäh ausdauernden Maulesel suchen dieselben Wegfalten, Quellen und Ruheplätze, die -einst den Kreuzfahrern dienten und diele graue Jahrhunderte vorher den Helden und Zeugen der „ersten Zeiten" selbst. Wieder andere Pilger, die ganz arm sind und ganz bescheiden, wandern zu Fuß von Jaffa aus den langen, beschwerlichen Weg durch Wüste und Einöden, bis sie, -entkräftet von Hunger und Gxtase, eines Tages von fern die geweihten Stätten erblicken und dankbar und ehrfurchtsvoll in die Knie sinken. Manchmal auch naht von irgendwoher eine seltsame Karawane. Gegen den silbrigen Horizont zeichnen sich die charakteristischen Silhouetten weitausschreitender Kamele: sie sind mit schweren Sänften beladen, tragen kostbare Stoffe, Spezereien und Schätze des Morgenlandes — eine äthiopische Prinzessin wallfahret nach dem Heiligen Lande. Sie führt Weihrauch und Myrrhen und andere Kostbarkeiten ihrer Heimat mit sich und will für diese Opfergaben sich und den Ihrigen Heil erflehen. Es mögen gegen zehntausend fromme Pilger sein, die sich alljährlich zur Heiligen Woche in Jerusalem einfinden. Alle Herbergen und Karawansereien sind dann überfüllt. Die Stadt selbst kann oft die Menge der Gäste nicht fassen, und viele Hunderte müssen draußen vor den Toren in Baracken und Zelten kampieren. Einen malerischen..Anblick gewähren diese Feldlager, die manchmal in Ruinen aufgeschlagen werden manchmal zu Füßen hundertjähriger Oelbäume, an deren niedrigen .Zweigen Man Sattelzeug und Kürbisflafchen aufhängt und die Stricke für die primitiven Zeltlaken befestigt. Palmsonntag! Die meisten Karawanen sind jetzt artgelangt Am Tage vorher sah man vor allem eine, die von den Gläubigen mit ehrfürchtiger Spannung erwartet worden war: die „Karawane der Palmen". Sie kommt von den fruchtbaren Oasen von Jericho und den grünen Ufern des Jordan; eine lange Reihe von schwerbeladenen Kamelen trägt die Last ganzer Gärten auf ihren Rücken — ein fesselndes Bild, wenn der Zug sich langsam durch die engen, gekrümmten Straßen bewegt und die Helle Farbe des Frühlings hineinbringt zwischen die gelbbraunen Steinmauern der Stadt. Am Palmsonntag selbst begibt man sich, .Palmen- und Oelzweige tragend, zu den verschiedenen, durch die Legende geheiligten Orten. Die einen wandern nach Dethphage hinaus, einem kleinen Dorfe, wo, nach der Schrift, der Heiland die Eselin mit ihrem Füllen fand, die anderen begeben sich nach der Paternoster-Kapelle, di« auf dem Gipfel deS Oelberges gelegen ist. Dort werden Messen und Andachten in allen Sprachen der Welt abgehalten: da es in der Kapelle an Platz mangelt, errichtet man die Altäre ringsum im Freirn, und die Gläubigen knien auf dem weiten grünen Plan nieder zwischen Krokusblumen und Asphodelen. Rach beendigtem Gottesdienste kehrt man nach Jerusalem zurück, palmenschwingend und Hosianna rufend: alsdanx werden in der Kirche des Eiligen Grabes di« Palmen unter feierlichen Zeremonien geweiht. Während der folgenden Tage erkennt man die sonst so stillen Ströhen von Jerusalem nicht wieder. Sie sind jetzt vom frühen Morgen an bis zur sinkenden Rächt von wandernden Scharen erfüllt. Prozessionen folgen auf Prozessionen. Man hört Gesänge und Gebete in allen Sprachen der Welt, sieht die ergreifendsten und seltsamsten Formen der Andachtsbezeugung, wie sie unter den verschiedenen Völkern üblich sind Um die zahlreichen Kirchen und allerorts aufgeschlagenen Altäre drängt sich eine buntgewürfelte Menge. Hier erscheint der moderne Europäer (der oft nur neugieriger Globetrotter ist und anstatt eines Gebetbuchs den roten Dädeker trägt) neben dem hochgewachsenen Cyprivten, der .geschmeidige Syrier neben dem stolzen Tscher- kessen, der sich nicht einmal an der geweihten Stätte von den reichverzierten Dolchen seines Gürtel trennt. Hier betet die arme russische Bäuerin, das staubige Kopftuch um die schwarz« welligen Haare geschlungen, hier sieht man die Korkhütte der Asiaten neben der neuesten Pariser Eleganz, Pflanzerhüte vom Mississippi neben rumänischen Sonnenschirmen, kostbare Schleier der palästinensischen jungen Frauen neben drolligen Zipfelmützen der Braunen Mujiks. Eine eigenartige Feier begehen die Russen, welche sich alljährlich zahlreich zur Heiligen Woche in Jerusalem einstellen. Die meisten von ihnen, die zu Fuh in der Heiligen Stadt eingetroffen sind, machen sich gleichfalls „per pedes apostolorum" auf, um vor dem Ost-ertage eine Wallfahrt zum Jordan zu unternehmen. Ihre Popen, meist alte, ergraute Männer, besteigen ' die ausdauernden Esel oder Maulesel, die zudem noch allerhand Gepäck, sodann Weihrauchfässer, Meßgeräte und Kerzen tragen müssen, und die ganze Karawane setzt sich in Marsch So geht es auf steinigen und steilen Wegen durch das bergige Judäa unter Gebeten und Gesängen und auch oft stundenlang unter bedrückendem traurigen Schweigen, wenn die staubige Straße unter den sengenden Sonnenstrahlen allzu beschwerlich ist. Der Weg wird immer steiler, und selbst die Maultiere beginnen hier und da zu straucheln. Aber schon ist der Abend nahe und man ist nur wenige Meilen von Jericho entfernt, wo Halt gemacht wird. Hier wohnen im Gebirge ringsum, noch heute wie vor tausend Jahren, die frommen Anachoreten: ihr Obdach bilden die Köhlen der ungastlichen Berge, und ihre Rahrung besteht aus Heuschrecken und wildem Honig, von welcher Fastenspeise einst Johannes der- Täufer lebte. In der Rächt setzt die Karawane ihren Marsch fort. Bald ist der Kamm des GebirgeÄ erreicht, und plötzlich sieht man im Schimmer der sternenhell« Rächt von fern gleich einem blinkenden Schilde das Tote Meer aufglänzen: rechts zur Seite aber windet sich in trägem Lauf der Jordan, das Ziel der Wallfahrt. Allsobald fallen die Pilger auf die Knie und küssen den Boden des geheiligten Landes. Unter feierlichen Hymnen geht es nun schnell zum Flusse abwärts. Am User angekommen, schlägt man Zelte aus und dl« Altäve, die zur Feier dienen sollen. Dann treten alle in dir Zelte, entkleiden sich und erscheinen nach wenigen Augenblick« 58 tpteöet, mit einem langen weihen Hemde — dem SinnbW des Totenhemdes — angetan, eine Weibe Mütze ans dem Haupte und eine brennende Kerze in der Hand. Inzwischen sind auf den Altären die Lichter angezündet, der Priester tritt vor die Menge und segnet sie und den Fluh, der zur Taufe dienen sott. Msdann schreitet er in großem Ornat den Gläubigen voran; diese treten in das Wasser und tauchen dreimal bis zum Haupte unter um der heiligen Waschung und ihrer Gnade teilhaftig zu werden. Nachdem die religiöse Zeremonie Been&et ist, f^rden Zelte und Altäre wieder abgebrochen und man begibt sich aus den Rückweg, um noch rechtzeitig zum Osterfeste in Jerusalem SorMfi inzwischen der „Gründonnerstag" feierlich begangen worden. Man begibt sich an diesem Tage zum Hügel von Sion (der vor der Stadt gelegen ist), um ein uraltes Gebäude zu besuchen, wo Christus nach der Legende das Abendmahl abgehalten hat. Jenes Gebäude wurde vor langen Zmten in eine Moschee umgewandelt, und der Zutritt zu ihr lst den Christen untersagt. Deshalb wird der Gottesdienst setzt außerhalb des Gebäudes abgehalten. Man errichtet die Altäre rings um die Mauern der Moschee, und die Gläubigen, die den Zeremonien beiwohnen, knien auf den dort befindlichen Gräbern der Mohammedaner nieder. Am folgenden Tage, dem „Karfreitig", werden alle Laden in der Stadt geschlossen, in den Straßen wird es still, und sämtliche Pilger sind in der Kirche des Heiligen Grabes und um das Gebäude herum versammelt; denn trotz seiner gewaltigen Dimensionen kann das Gotteshaus die Menge der Gläubigen nicht fassen. Unter Führung eines Franziskanermönchs besuchen die Pilger die „Kapellen" in der Kirche, welche die „Stationen von Christi Leidensweg darstellen. Schließlich endet diese Feier vor dem „Heiligen Grabe" selbst. Bei jeder „Station" tritt ein Mönch, auf einen erhöhten Standort und hält an die Gläu- ■ bigen eine Anrede in sieben Sprachen: französisch, italienisch, deutsch, spanisch, englisch, arabisch und griechisch Die Teilnehmer an diesem Gottesdienste tragen jeder eine brennende Kerze in der Hand. Am Nachmittage macht man sodann eine Wallfahrt nach dem nahegelegenen Gethsemani und begeht unter stillen Gebeten den ehemaligen „Leidensweg" des Heilandes. Der Karfreitag bringt für die Pilger russisch-orthodoxen Glaubens das eindrucksvolle „Fest des Heiligen Feuers". In der Grabkirche sind alsdann gegen sechstausend Aussen, Griechen, Armenier, Serben, Bulgaren, Albanesen, Aumänen und Syrer versammelt. Nach, der Legende kommt an diesem Tage das „heilige Feuer" vom Himmel herunter und entzündet zwei geweihte Kerzen, die vor dem Grabmal aufgestellt sind. Jeder Pilger, der an dieser Zeremonie teilnimmt, hält in der Hand eine Kerze mit dreiunddreißig Armen (zum Andenken an die 33 Lebensjahre Christi). Gegen Mittag erscheint die Geistlichkeit unter großem Pomp in der Kirche. Nachdem die Litanei des „Heiligen Feuers" gebetet worden ist, zeigt der Bischof der harreiäen Menge die zwei brennenden Lichter und unter betäubenden Jubelrufen der fanatisierten Gläubigen werden sämtliche von den Pilgern getragene Kerzen angezündet. Wenige Augenblicke später gleicht die Grabkirche einem ungeheuren, auf und nieder wogenden Lichtmeer. Der Ostertag selbst ist angebrochen. Bon allen Türmen läuten die Glocken, von allen Häusern wehen die Fahnen. Wolken von Weihrauch erfüllen die Stadt, und von allen Altären erschallt der Choral: „Christ ist erstanden!" Jerusalem ist in einem wahren Taumel der Festesfreude und beschließt die strenge und ernste „Heilige Woche" mit lauter, echt orientalischer Fröhlichkeit. Das Schmerzenskind. • Bon Alfred Dock. (Fortsetzung.) Am Nachmittag bei herrlichstem Wetter war das ganze Städtchen auf den Deinen, der „Osterschlacht" am Söderberg zuzu- fchauen. Das war ein uralter Brauch der sich durch die Jahrhunderte hindurch, wenn auch in veränderter Form, erhalten hatte und — so behaupteten gelehrte Männer — den Streit des Frühlings mit dem Winter versinnbildlichen sollte. Sobald der Gottesdienst beendet war, rückten die Schulbuben mit Trommeln und Pfeifen aus und teilten sich am Fuße der Söderberges in zwei gleiche Aotten. Die eine, durch das Los hierzu bestimmt, besetzte den Gipfel, die andere schickte sich an, die ziemlich steile Höhe im Sturm zu nehmen. Der Kampf, der nun entbrannte, wogte lange unentschieden hin und her und gab gar manchem Gelegenheit, seine Kraft und Gewandtheit zu zeigen. Den Siegern wurden allerlei Preise überreicht, die die Väter der Stadt gestiftet hatten. .Unter der Menge, die heute mit lebhafter Teilnahme der Osterschlacht folgte, befanden sich auch der Packer und sein Kind. „Ich versteh' den Debus nicht," äußerte der Schreiner Werner aus der Gungelsgasfe, „daß er den Jung' hier herausfährt. Der ist neungescheit und muß ihm doch wehtun, wann er di» Buben sich balgen sieht und so erbärmlich in seinem Wägelchen sitzt." Der Packer hatte es gut gemeint, fein lahmes Bübchen sollte auch seine Festtagsfreude haben. Gr schob das Wägelchen hin und her, daß Heini alles überschauen konnte. Seiner Gewohnheit entgegen war der Kleine auffallend still. Aus seinem schmalen, blassen Gesichtchen leuchteten die großen blauen Augen mit einem eigenen Glanz. Zuweilen zog er die Decke, die über seine lahmen Beinchen gebreitet lag, bis zur Brust in die Höhe, als fröstele ihn. Anweit des Söderberges hatte ein spekulativer Kopf eine fliegende Wirtschaft errichtet, die sich regen Zuspruchs erfreute. Man faß auf roh gezimmerten Bänken und war kreuzfidel. Der Buchhalter Heidenreich von der Firma Hammer trank dem Packer zu. Dieser tat ihm Bescheid. Sie kamen in ein Gespräch, das sich in der Hauptsache um den neuen Kaffeeröstapparat drehte, den der Prinzipal angeschafft hatte, und der sich vorzüglich bewährte. Dem ersten Schoppen, den sich Debus bringen ließ, folgte ein zweiter, dem zweiten ein dritter. Hinter den Bergen ging die Sonne zur Rüste, von Osten her führ ein kalter Wind über das Land. Der Junge war in seinem Wägelchen eingeschlafen, auf seinen Backen brannten rote Flämmchen. „Mach', daß du heimkommst," fließ der Briefträger Köhler, der ein Glas über den Durst getrunken hatte, den Packer an. „Siehst du dann das nicht? Dem Kind ist nicht gut. 's geht eine scharfe Luft. Wir schreiben den letzten März. Was der März nicht will, frißt der April." ' Erschrocken wandte sich Debus um. 2m Eifer des Gesprächs und wohl auch unter dem Einfluß des reichlich genossenen Bieres hatte er sich nicht um fein Bübchen gekümmert. Sogleich stand er auf, zahlte seine Zeche und trat den Rückweg an. Abends klagte Heini über Schmerzen im Rücken und hustete. Die Mimel sah den Packer vorwurfsvoll an und sagte: „Er hat sich draußen verdorben. Wann's morgen früh nicht besser ist, mutz der Doktor herbei." Nichts Gutes ahnend, beschloß sie, bei ihrem Schützling zu wachen. 2n der Nacht stöhnte Heini und fieberte. Einmal fuhr er auf und fragte: „Ist's wahr, Mimel, daß die Sonn' heut morgen getanzt hat?' „Ich hab's nicht gesehen," antwortete die Alte. „Wie kommst du dadrauf?" „Der Schneiders-Karl hat gesagt wann die Sonn' am ersten Osterfeiertag aufgeht, tut sie tanzen/' „Der Schneiders-Karl hat Spaß gemacht. Mutzt nicht an so was denken. Schlaf, mein Schnuckefi!" Bald darauf begann er zu phantasieren. Seinen wirren Deden nach war er mitten im Getümmel der Osterschlacht und rief nach 6em Baier, daß er ihm beistehen solle, denn die wilden Buben drücken ihm die Gurgel zu. Am nächsten Morgen stellte der Arzt Lungenentzündung fest. „Hst's dann schlimm?" fragte der Packer bestürzt. „Biel Hat der Jung' nicht zuzufetzen," erwiderte der Doktor, „wir wollen aber hoffen, datz er sich durchschafft." Drei Tage lang rang Heini mit der tückischen Krankheit, am vierten stand sein kleines Herz plötzlich still. Es war am Donnerstag nach Ostern. Das Schulglöckchen läutete dreiviertel auf acht. Die Mimel sah eine Lichtwelle durch das Zimmer fluten, obwohl die Sonne nicht schien und der Himmel mit Wolken bedeckt war. And sie meinte, es müsse der Engel des Todes gewesen sein. Friedfam, ein Lächeln auf den Lippen, lag Heini da, als träumte, er einen schönen Traum. — And die Hausleute kamen und die Nachbarn, der Prinzipal kam und seine Frau und der Buchhalter Heidenreich mit einem Kränzkein Immortellen. And der Packer sagte zu allen „Großen Dank!' und wollte vor Schmerz vergehen. Die Mimel litt nicht, daß die Totenfrau ihren Liebling berührte. Sie selbst wusch ihn und kleidete ihn an. Als Nun der Sarg fortgetragen wurde, schluchzte Debus laut auf. Die Mimel aber ergriff seine Hand und sprach: „Sei flat! Anser Herrgott hat den Heini lieb gehabt. Dessentwegen hat er ihn zu sich genommen. Glaub mir, 's ist am besten so." Nun war der Packer allein. Abends, wenn er heimkam, Bot ihm sein Bübchen nicht mehr die Zeit, hörte er nicht mehr sein lustiges Geplauder. And die Stube schien ihm öde und leer. Traurig verzehrte er sein Abendbrot und ging dann in di« Kammer, sich in feine trüben Gedanken einzuspinnen. -x Nach Heinis Beerdigung war der Herr Pfarrer erschienen und hatte wohl eine halbe Stunde lang mit ihm gesprochen. Das meiste hatte er vergessen, nur ein paar Worte waren in seinem Gedächtnis haften geblieben. „Trübsal bringt Geduld, Geduld Bringt Erfahrung, Erfahrung Bringt Hoffnung, und Hoffnung läßt nicht zuschanden werden." Der Herr Pfarrer war ein guter Mann, deshalb mochte er ihm nicht widersprechen. Doch lag'8 ihm auf der Zunge, daß er sagen wollte: „Herr Pfarrer, Hoffnung ist ein Seil, an dem sich schon mancher zu Tod' gezogen hat. Worauf sollt ich noch hoffen?" Den verkrüppelten Jungen um sich zu sehen, war ein ständiger Kummer für ihn gewesen. Gewiß. And doch hatte es ihn beruhigt, hatte es ihm wvhlgetan, daß er für sein Kind arbeiten formte. Das war nun vorbei. Ob er sich jetzt plagte oder drei Tage blau machte in der Woche, war im Grunde ganz gleich- 59 gültig. Das Bißchen, was er für seine Lebsucht brauchte, würde er schon noch verdienen. Ernstlich: er gedachte seine sieben Sachen zu packen und weit fort seßhaft zu werden, wo ihn kein Mensch kannte. Etwas freilich würde er überallhin mitnehmen: das Bewußtsein seiner Schuld. Sern Leichtsinn hatte sein Kind zum Krüppel gemacht, hatte sein Weib in den Tod getrieben, hatte Heinis tödliche Krankheit verschuldet. Es gab ja Menschen, die sich über alles, auch über das Schwerste, hinwegsehten: er konnte es nicht, er würde die Last mit sich Herumschleppen, bis ihn der Gensemann davon befreite. Nebenan in der Stube knarrte die Diele. Gr horchte auf. Ging fein totes Bübchen um? Ach Gott, das sprach man so hin und glaubte nicht daran. Seinen Heini hatten sie in den Grund versenkt, auf dem lasteten die schweren Schollen, der stand nicht mehr auf. Da knarrte es wieder. Gr muhte doch einmal nachfchauen, was das war. Seltsam! Es lag ihm wie Blei in den Gliedern. „Debus, Debus, gelt, du hast Angst?" Kohdonner! Er und Angst. Zum Lachen! Seine Riefen- fdufte schlugen den leibhaften Teufel zu Breit Ann erhob er sich und öffnete die Zwischentür. Aus dem Halbdunkel, das in der Stube herrschte, traten die Umrisse einer Gestalt hervor. Er tat ein paar Schritte vorwärts. „Wer ist da?" „Guten Abend, Debus!" klang's ihm entgegen. Wie vom Dlih getroffen zuckte er zusammen. Jesus, di« Stimme! Sein Haar sträubte sich, und er zitterte wie Espenlaub. So war's doch kein Ammenmärchen. Wahr und wahrhaftig! Die Toten gingen um. „Guten Abend, Debus!" klang's von neuem. Es wehte ihn eisig an, daß er dachte, es wiirfe ihn nieder. Doch hielt er sich aufrecht, schwankte zum Tisch und tastete über die Platte hin. Wo mochte das Feuerzeug sein? Gott sei Dank! Da war's. Licht, nur rasch Licht. Das Hölzchen flamKe auf. Da stand die Lampe. Die brachte er mit zitternden Händen in Brand. „Gelt, Debus," rief die Stimme wieder, „du kennst tnich nimmer?" @t- gab sich einen Ruck und drehte sich um. Tod und Teufel! Das war kein Geist. Das war die Traud, tote sie leibte und lebte. „Traud!" schrie er auf, daß das Fenster klirrte. „Ja, die Traud," sagte sie leise. Sie war in einem großen Kattunmantel gehüllt, auf dem Rücken trug sie eine Kiepe. Die stellte sie jetzt auf den Boden. Im selben Augenblick schoß ihm durch den Kopf, was die Mimel in ihrem Argwohn geäußert hatte: „Ich will dir sagen, wo die Kiepe hingekvmmen ist. Deine Frau hat sie mitgenommen. Glaubst du dann wirklich, daß sie sich den Tod angetan hat? Ich glaub's nicht. Was ein. echtes Hausiererblut ist, das kann das Walzen nicht lassen." (Schluß folgt.) Der Fremde. Eine Oflererzählung von Johannes Heinrich Braach- Duisburg. Früher Frühling des Jahres 1571 hatte schon Mitte März am Riederrhein Seidelbast blühen und Kinder auf Wiesen und Hängen erste schüchterne Maßliebchen und blahgelbe Schlüssel- blumen pflücken lassen. Dauern gingen hinter Pflügen und Eggen oder streuten Saat, Friede lag im Land, Zufriedenheit und Glück sprossen aus svnnenbeschienener Scholle und zogen in Häuser hinter Gärten, Bäumen und Büschen. Ratur und Menschheit bereiteten sich festlich aufs Osterfest. Aber frohe Lieder, die junge Lippen sangen, waren zu früh cmgeflimmt. Erst formte der Rhein nur uferentlang kleine Eisstreifen, dann aber sammelte er in sich an Kraft, was er aufbieten konnte, zog aus immer kälter werdenden Lüften Milliarden von Silber- perlen, baute sie aneinander, trieb rundweiße Schollen dem Meere zu — wenige — hier und dort eine — aber es wurden mehr — unzählige — da ging Rauschen stromab, wenn die Tische der Möven sich aneinander rieben, sich zerkeilten und zerschlugen. Aber einmal endigte jenes raunende Geräusch, irgendwo hatte sich das Heer der Eisschollen gestaut, jetzt baute sich eine weite Drücke herüber und hinüber. Die Fläche wurde so stark, daß eine Hochzeit von zwanzig vollbesetzten Wagen hinüberfahren konnte. Freude der Jugend. Tags und abends wollte es nicht stille werden vor 'Lachen und Jubeln auf der weißen Ebene. Rur ältere Leute gingen umher und trugen Gesichter, als hockten ihnen Griesgramteufel im Racken. Angst fließ von Dorf zu Dorf, machte Rücken gebeugt vor Furcht, und Arbeitshände schlaff vor banger Erwartung. Wenn rascher Tau eintrat, wenn der Druck gegen Ufer und Dämme verzehnfacht wurde, dann mußte Anglück über das Land stampfen, Wehre mußten brechen, Fluten würden Werte von fünfzig Jahren Wohlstand und Glück von taufenden von Menschen vernichten. Der Deichvogt rief Männer und Frauen an die schwächsten Stellen der Dämme. Gisenhebel ließ er aus Baumstämmen und Balken errichten und darauf Massen von Steinen und abgetragenen Mauern legen, und zwar so, daß sie leicht gegen an- donnernde Eisklötze geworfen werden konnten. Wenn Seen ihre Decke brechen, hört man Krachen und Dröhnen des berstenden Eises meilenweit, das mußte auch hier kommen. Aber noch lag Stille rheinab und -auf. Rur Rufe bei den Wällen, auf denen man Wachthütten erbaut hatte wurden laut. In einem dieser Häuschen sahen nachts Männer um ein Feuer. Selten fielen Worte, die Verbindung von H