SSI *?■> 1922 — Nr. IS Todesurteile auf daktyloskopi?cher Grundlage. Don Polizeipräsident a. $>. Kvettig (Dresden). »Das soeben erschienene Werk von Geh. Rat Dr. Robert Heindl „System und Praxis der Daktyloskopie und der sonstigen technischen Methoden der Kriminalpolizei" (Berlin Der. Wissenschaft!. Verleger, 1922) gibt dem ehern. Dresdener PoligLipräfidentLN, der den ersten daktyloskopischen Erkennungsdienst Deutschlands geschaffen hat, An- laß zu folgenden aktuellen Ausführungen: In dem am 2. Mai vor dem Reichsgericht verhandelten Prozeß gegen Liefert wegen Ermordung der beiden Herforder Bürgermeister spielten blutige Fingerabdrücke am Tatort des Verbrechens eine g rotze Rolle. Das zweifache Todesurteil stützte sich auf einen reinen Indizienbeweis und die Fingerabdruckspuren bildeten ein besonders wichtiges Glied dieser Jndizierckette. , Man erinnert sich unwillkürlich an eine Reihe ähnlicher Sensationsprozesse, in denen das Gutachten des daktyloskopischen Sachverständigen ausschlaggebend war. An den Raubmordprozetz gegen den Zigeuner Lakatvs, dem sein Fingerabdruck an einem Wasserglas zum Verhängnis ward. An die bekannten Fälle Scheffer und Bonnvt vor den Pariser Assissen und, da auch im Prozeß Siefert zur Entkräftung des daktyloskopischen Gutachtens ein Alibibeweis versucht wurde, vor allem an den „Mord in der Apotheke Scharhmvff" zu Petersburg. Im letzten Fall war ein gewisser Alefejeff durch Fingerabdruckspuren der Täterschaft überführt worden. Gr leugnete in der Hauptverhandlung energisch, und vier Zeugen, die mit ihm ein Schlafzimmer teilten, deponierten, dach er tn der fraglichen Rächt fein Haus nicht verlassen habe. Der Verteidiger, einer der bekanntesten Advokaten von Petersburg, betonte diesen glänzenden Alibibeweis und bestritt. datz eine Verurteilung lediglich auf das einzige Indiz de» Fingerabdrücke erlaubt sei. Trotzdem wurde Alefejeff verurteilt und zwei Wochen nach der Urteilsfällung gestand er öie. Tat. Ganz ähnlich verlief ein Fall in Sachsen, in dem ebenfalls ein auf daktyloskopischer Grundlage ergangenes Urteil durch Benennung von Alibizeugen vergeblich zu annullieren versucht wurde und nachträglich ein rückhaltloses Geständnis erfolgte. Besonders auffallend ist aber die Aehnlichkeit deS Siefert- schen Falles mit dem Mordprvzetz gegen die Margarete Müller in Dresden, die, lediglich durch ihre in der Wohnung der Opfer hinterlassenen Fingerabdrücke, überführt, ebenfalls zweimal zum Tode verurteilt wurde, obwohl sie gleich Siefert jede Schuld entschieden leugnete. In dem Dresdner Prozetz, dem ersten und bisher einzigen Fall, in dem ausschließlich auf Len daktyloskopischen Befund hin ein Todesurteil erfolgte, wurde zu Gunsten der Angeklagten geltend gemacht, datz die Daktyloskopie erst seit Anfang dieses Jahrhunderts praktisch geübt wurde und datz es bedenklich sei. eine so junge Wissenschaft zur Grundlage eines Urteils über Leben und Tod zu machen. Der damals vor den Dresdner Geschworenen sprechende Sachverständige — übrigens derselbe, der auch im Fall Siefert als Gutachter geladen war, der Wirkl. Geh. Legationsoat Dr. Heindl — bestritt, datz die Daktyloskopie eine Disziplin sei, die noch in den Kinderschuhen flecke. Er führte in längerer historischer Darstellung aus, datz öie Dakthlosürpie mindestens 500 Jahre älter fei, als die älteste europäische Universität. Heindl ist wie kein anderer zu diesen geschichtlichen Ausführungen berufen, denn die einzige exakte Untersuchung dieser Frage in der gesamten kriminalistischen Literatur Deutschland und des Auslandes stammt aus seiner Feder: es ist der historische Teil seines kürzlich veröffentlichten Werkes: „System und Praxis der Dakth- loftvpie". Der Feder Heindls verdanken wir bereits eines der interessantesten und originellsten kriminalistischen Bücher der Weltliteratur, die „Reise nach den Strafkolonien". Wie in diesem Deportativnswerk, so ist auch in seinem soeben erschienenen daktyloskopischen Handbuch die Beweisführung besonders deshalb über- zeugenö, weil Heindl sich nie auf die gelehrte Vorarbeit anderer Autoren verlätzt, nie fertig geprägte Urteile übernimmt, sondern den von ihm behandelten Fragen stets selbst auf den Grund geht. Während vor ihm eine Reihe deutscher Professoren und praktischer Juristen mehr oder minder dicke Bände über die Strafkolonien schrieb, ohne jemals eine gesehen zu haben, setzte er sich nicht an den Schreibtisch sondern auf einen Ueberseedampfer, besuchte die französische Deportativnsinsel in der Südsee, die englische im indischen Ozean, die spanische in Afrika, Hauste einige Monate in Morde ransiedlungen und Räuberöörfern und schrieb erst nach Lieser Reife, die vor ihm nicht einmal ein spleeniger Engländer ' oder Amerikaner unternommen hatte, ein Buch voll persönlicher Eindrücke, grotesker Erlebnisse u>p lehrreicher Erfahrungen, das Len größten Teil der bis dahin erschienenen Deportationsliteratur ad absurdum führte. Genau so bei dem neuen Buch. Wissenschaftliche Veröffentlichungen über die Fingerabdruckkunde sind zwar in den letzten zwei Jahrzehnten in großer Zahl erschienen. Aber selbst die gründlichsten dieser Spezialarbeiten enthalten über die Historist Frage, die ungemein wichtig ist, um die Geschworenen von dem Vetoeiswert der Daktyloskopie zu überzeugen, nur ganz verschwommene Angaben. Sie beschränken sich auf Mutmaßungen und Behauptungen („schon die Chinesen und Inder haben in grauer Vorzeit die Daktyloskopie gekannt"), ohne Belege zu bringen. Don den vielen populären Feuilletons ganz zu schweigen, die Herrn Alfons Bertillon zum Vater der Daktyloskopie stempeln, obwohl er als ihr Gegner bezeichnet werden kann. Heindl hat auch hier den direkten, wenn auch nicht gerade „nächsten" Weg gewäM, indem er nach China und Indien ging und dort Quellenstudien anstellte. Das Ergebnis dieser Studien ist, Latz bereits tn vorchristlicher Zeit den Chinesen der Jdenti- fizierungswert der Fingerabdrücke bekannt gewesen sein muh. Anhaltspunkte hierfür liefert das Wert „Tie Yin tsang taö" des chinesischen Archäologen Liu Tie yün. Aus einem späteren Abschnitt der chinesischen Geschichte, aus der Tengperiode (618 bis 908 n. Ehr.) zitiert Heindl ein um 650 n. Ehr. geschriebenes Buch des Kia Kung-yen, worin ausdrücklich erwähnt ist, daß die Chinesen jener Zeit das Fingerabdruckverfahren anwendeten, um Jbentitätsschwindeleien zu verhüten. In dem Kapitel „Der Fingerabdruck im chinestschen Kriminalprozetz der Sungperiode U906 -1278 n. Ehr.)" werden ebenfalls wertvolle Beweise für was Alter der Daktyloskopie erbracht, und die folgenden Abschnitte verfolgen das Verfahren bis 1850, d. h. bis zu jener Zeit, in der der erste Europäer, der in Indien beamtete Sir William Herrsche!, leine daktyloskopischen Versuche begann — Versuche, über die Heindl Abschriften aus indischen Regierungsakten veröffentlicht. So ist im historischen Teil des neuen Heindlschen Werkes zum erstenmal ein gründlicher Rachweis dafür erbracht, datz die Dakty» loskvpie ein durch jahrhundertelange Erfahrung erprobtes Verfahren ist, das man guten Gewissens zur Grundlage einer Verurteilung machen kann. Auch die übrigen neun Telle des Buches, die zunächst die Anthropometrie, die kriMinalistische Photographie 74 und eine Reihe anderer technischer Verfahren der Kriminalpolizei erörtern, bieten eine Fülle neuer Forschungsergebnisse und zeigen, Laß Heindl erste Autorität auf diesem Gebiete ist. Selbst der beste Kenner der kriminalistischen Literatur, selbst der Fachmann, der sich seit Jahren mit den in Betracht kommenden Magen besaht, ersährt fast auf jeder Seite Einzelheiten, die ihm bisher unbekannt waren, und erhält Anregungen, die ihm sür die Praxis außerordentlich Wertvoll sein werden. Aber auch der Richtfachmann wird das Buch fesselnd sinden und trotz seines .Umfangs von mehr als 650 Seiten ohne Ermüdung bis ans Ende lesen. Dafür sorgen die anregende Dar- flellungsweise des Verfassers, Re zahlreichen Illustrationen und die vielen spannenden Darstellungen einzelner praktischer Krimi» nalfälle. (Auch die eingangs ertvähnten Knminalprozesse sind in dem Vuch> ausführlich beschrieben.) Heindl, der als erster in Deutschland die Verwendung der Fingerabdrücke zur Aamensfeststellung rückfälliger Verbrecher amtlich angeregt hat, bietet hier — ebenfalls als erster — eine lückenlose Gesamtdarstellung des ganzen daktyloskopischen Fragen- kompleres, die selbst den zweifelsüchtigsten Richter und Geschworenen von der Beweiskraft der Daktyloskopie überzeugen wird. Kapitän Giovannoni. Eine Erinnerung aus dem großen Krieg 1870/71. Don Fried. Roack. (Fortsetzung.) Don da an wurde unser Verhältnis rasch, lebendiger und wärmer. Ich versäumte nicht, dem Kapitän Grüße an die Seinen aufzutragen, die nach einiger Zett erwidert wurden, und er erzählte mir öfter von seinem Haus in Toulouse von den Kinderstreichen seines Hauten Eharlvt, von den landschaftlichen Schönheiten Südfrankreichs und lieh sich manchmal von mir aus der Jndäpen- bance belge vorlesen, die er täglich, aus der Stadt mitb rächte. Dor allem waren es natürlich, die Kriegsereignisse, die seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Daß unsere Heere Orleans und Rouen besetzten und bis an die atlantische Küste vordrangen, wollte ihm gar nicht in den Kopf; er saß dann lange mit düsterer Miene über eine große Karte von Frankreich gebeugt, und ich wagte nicht, das Schweigen zu unterbrechen. Eitdlich seufzte er tief, klopfte mir auf die Schulter und sagte: „Lchr habt tapfere Soldaten und ausgezeichnete Führer. Aber wir? Aber wir?“, Und mit Kopfschütteln brach er ab. Tagelang hielten den Kapitän die hin- und herschwankenden Kämpfe um Dijon und Desoul in Spannung und Erregung. Er zeigte mir Sie Punkte auf der Karte, hielt den Finger nachdenHich auf Toulouse und murmelte: „So weit werden sie nicht kommen, sie werden nicht ganz Frankreich überschwemmen." Da er meine Teilnahme für die Vorgänge auf dem Kriegsschauplatz bemerkte und sah, daß ich auf der Karte von Frankreich gut Bescheid wußte, so breitete er sie eines Abends auf dem Tisch aus mit den Worten: „Komm, mein junger Freund, ich werde dir zeigen, was ich erlebt habe." Run beschrieb er mir mit steigender Lebendigkeit an der Hand der Karte den Anteil seiner Brigade an den Kämpfen. Den Finger hielt er zuerst hart an der Grenze unweit von Trier. „Hier standen wir schon Mitte Juli, die ganze Division Eisseh, bei Sierck an der Mosel und oxtrteten auf den Befehl zum Vorgehen, in wenigen Stunden konnten wir Trier erreichen. Aber der Befehl kam nicht, auch nicht, als Anfang August General Frosfard siegreich in Saarbrücken eindrang. Drei Wochen lang lag unser ganzes 4. Korps untätig zwischen Mosel und Saar und schaute auf hie Grenze. Als der unselige Marschall Bazatne kurz nach der Einnahme von Saarbrücken den Oberbefehl über drei Korps übernahm, hofften wir einen Augenblick, daß es nun losgehen würbe. Es ging auch los, aber rückwärts. Unmutig traten wir am 7. August über Boulay den Rückzug auf Metz an. Warum?, fragten wir, wenn wir doch bisher immer gesiegt haben? Oder haben wir vielleicht nicht gesiegt, haben die Bulletins gelogen? Offiziere und Mannschaften begannen schon zu murren. Hatte man uns doch bei der Kriegserklärung versprochen, in vier Wochen würden wir Berlin erreichen I Statt dessen stanöett wir nach vier Wochen unter den Forts von Metz und erhielten Befehl, über die Mosel zurückzugehen und weiter aus Verdun zu marschieren. Wenn der Soldat retirieren soll, ohne einen Feind gesehen zu haben, so verliert er das Vertrauen auf die Führung und den Elan. Am Mittag des 14. August waren toir im Begriff, hier über die Moselinsel Chambiere unterhalb Metz abzuziehen, da kam die Rachricht, daß die Preußen unserem weichenden Heer auf den Fersen waren und eS bei Rouilly und May angegriffen hatten. Wir retirierten, fuhr der Kapitän mit einem Bitteren Lachen fort, und Re Preußen griffen an dafür hatte Rapolevn den Krieg erfiärt! Sofort ließ General Lad- mi-ault den Moseluberaang einflellen und schickte unsere Division Cifsey gegen die Preußen. Wir Offiziere atmeten auf; endlich an den Feind! Aber die Mannschaften waren durch die Märsche der letzten Tage ermüdet und unlustig. Gleichwohl schlugen ntb öie Seute meuter Komvagnte wie die Löwen In den Weinbergen gtotWten Rouilly und May. Es war umsonst, am Abend nahmen die Preußen beide Dörfer em und wir mußten uns zum Fort St. Julien zurückziehen. Auf dem Marsch wurden rott noch tn der linken Flanke beschossen, als die Macht bereits eingebrochen war, und hatten starke Verluste. Am Tag darauf wurde der Rückzug fortgesetzt, wir Überschritten die Mosel, kamen aber nicht weit, da alle Straßen nordwestlich von Metz vollgestopft waren. Die Bewegung solcher Heermassen kostet Zeit. Bei Woippy blieben wir im Biwack liegen, bis wir am Vormittag des 16. Ang. Befehl zu eiligem Weitennarsch erhielten, um ins Gefecht einzugreifen. Denn die Preußen, so hieß es, stünden schon südwestlich von Metz. Parbleu, dachten wir, fliegen diese Preußen oder regnen sie vom Himmel herunter? Immer sind sie schneller als wir. Lieber Doncourt itnd St. Marcel marschierten wir so rasch, wie Sie Leute nur konnten, das ganze vierte Korps, auf den Kanonendonner zu, den wir schon stundenweit hörten. Zuletzt ging unsere ganze Division im Laufschritt vor und kam um 5 Ähr nachmittags an den Feind. Don den Höhen herab stießen wir gegen die Preußen vor und warfen sie in erbittertem heißen Kampf tn die Schlucht eines Baches hinab, der nordwärts von Mars la Tour fließt. Einige Hundert nahmen wir gefangen und brachten denen in der Schlucht durch Schnellfeuer von der Höhe schwere Verluste Bet. Wir glaubten endlich einen bedeutenden Erfolg errungen zu haben, aber gewaltige Kavallerieangriffe und feindliches Kartätschenfeuer hinderten uns am weiteren Dorgehen. Statt die gewonnenen Stellungen zu behaupten, wurde Räumung befohlen, obwohl wir an der großen Straße nach Derdun standen und sie beherrschten. Derdun war uns noch vor zwei Tagen als Ziel der Bewegung bezeichnet worden. Wir Offiziere schüttelten den Kopf über die widerspruchsvollen' Anordnungen, aber wir mußten gehorchen. Den ganzen 17. August währte die Rückwärtsbewegung und wir kamen wieder bis auf 6 Kilometer an Woippy heran, von wo wir am 16. ausgerückt waren, blieben aber außerhalb des Dings der Metzer Forts auf den Hügeln westlich der neuen Eisenbahn nach Verdun und einer nördlich ziehenden Landstraße. Wir legten in der Eile noch Feldbefestigungen an und Bitoa (fierten int Umkreis von Amanvillers. Als der Morgen des 18. Augusts anbrach, des schwersten und verhängnisvollsten Tages der Metzer Kämpfe, da standen wir hier nordwestlich vom Dors Amanvillers zu beiden Seiten des Eisenbahneinschnitts aus den Höhen in der denkbar günstigsten Stellung. Jenseits der Täler, über die wir hinweg schauten, — der Kapitän zog dabei mit dem Finger Linien auf der Karte — kamen dis Preußen heran, unserer Division gegenüber hinter dem Bois de la Cusse und dem Dorf Habonville. Wir hatten die Weisung, ihren Angrif! abzuwarten, weil wir von unserer trefflichen Stellung aus erwarten dursten, ihrer leicht Herr zu werden. Sie würden sich mit dem Anstürmen gegen unsere Höhen aufreiben, dachten wir. Mer wir hatten die Rechnung ohne den Heldenmut und die Hartnäckigkeit eurer Truppen gemacht. Sie sind bewundernswert und haben an dem heißen Tag Llebermenschliches geleistet. Wir hatten in der Tat mit einem der großen Ration ^ebenbürtigen Gegner zu tun. Der Kampf wogte unentschieden hin und her; am Rachmittag glaubten wir schon des Sieges sicher zu sein, denn die feindlichen Linien zwischen Derneville und Amanvillers waren hart mitgenommen und hielten sich offenbar nur mühsam, unsere Schützenschrvärme, die unter dem Schutz vortrefflicher Deckungen wiedeichvlt wirksam Vorstöße machen konnten, fügten ihnen schwere Verluste zu. Aber die Preußen hielten Stand, man muß sie bewundern. Als wir es am wenigsten erwarteten, fließen mehrere Regimenter gegen unsere Brigade vor, stürmten unaufhaltsam die Anhöhe herauf und trotz unserem mörderischen Feuer kamen sie bis auf einen halben Kilometer an unsere Stellung heran. Dies unerbittliche Vordringen er» schütterte die Moral unserer durch die Kämpfe, Märsche und Biwak von fünf Tagen ermüdeten Truppen. Es gehören starke Rerven dazu, um den Mut und das Selbstvertrauen nicht zu verlieren, wenn man den Feind einem Hagel von Geschossen zum Trotz unaufhaltsam näher kommen sieht. Unsere Leute wankten und nur mit höchster Anstrengung hielten wir Offiziere sie noch zusammen. Der Teufel mags mit den Preußen aufnehmen, schrien unsere Mannschaften. Inzwischen brach der Mend ein, aber der Feind lieh nicht ab. Meine Hoffnung, daß der Einbruch' der Dunkelheit Ruhe bringen würde, erfüllte sich nicht. Die Preußen hatten sich nun einmal in den Kopf gesetzt, uns heute zu werfen, und setzten es durch. Als unser rechter Flügel, wo das Korps Eanrobert stand, aus Roncvurt und dem uns benachbarten Dorf St. Privat Mtückgeschlagen war und der Feind mit dröhnendem Hurra auf den nahen Höhen rechts von uns erschien, da war kein Halten mehr, unsere Leute wichen und suchten Deckung in dem hinter uns liegenden Dorf Amanvillers, das um 7 Ähr in Brand geschossen wurde. Uns auf den Fersen folgten mit gefälltem Bajonett Sie Preußen. Hier und da wurde in dem brennenden Dorf noch Widerstand versucht, aber umsonst. In der Rächt wähzte sich der Rückzug weiter, alle Ordnung toar aufgelöst. Mühsam brachten wir hinter den bewaldeten Höhen von Saulny, 6 Kilometer von Amanvillers entfernt am andern Morgen unsere Truppenteile wieder zusammen; wir standen nun von neuem unter dem Schuh der Forts von Metz, nahe frei Woippy, wie vor vier Tagen. Die unsäglichen Anstrengungen und blutigen Verluste dreier Schlachten waren umsonst gewesen; wir steckten mit einer Armee von nahezu 200 000 Mann in einer Halle. Run folgten zehn schwere Wochen in der belagerten 75 - Festung, Mwaks unter strömendem Regen, Krankheiten, Entbehrungen und Hungersnot. Das reibt noch mehr auf als eine Reihe von Gchlachtiagen. Und als wir nichts mehr zu beißen hatten, mußten wir die stärkste Festung Frankreichs mit allem Kriegsmaterial Übergeben und in die Gefangenschaft gehen." Der Kapitän hatte sich in eine starke Erregung geredet; nun erhob er sich und ging mit dröhnenden Schritten im Zimmer auf Und ab. Ich sah atemlos mit heißem Kopf und klopfendem Serzen da. Seine lebendige Erzählung hatte mir von der grau» men Schwere des Kriegs doch eine andere Vorstellung gegeben, als es die gedruckten Siegesberichte unserer Zeitungen vermocht hatten. Ich hatte nun auch in die Seele des Feindes einen Blick getan und sah ein, wie töricht unser jugendlicher UeBermut war, der nur unsere deutschen Soldaten als Helden, die Franzmänner dagegen als minderwertig oder gar als Memmen angesehen hatte. Besonders tief bewegte mich die hohe Anerkennung, die der Kapitän seinen Gegnern zollte; sie beschämte mich auch, da ich bisher nicht das Gleiche getan hatte. Sv sah ich stumm da und wagte mich kaum zu rühren, als er wie im Selbstgespräch wieder anhub: „Warum hat es so kommen müssen? Haben .vir das mit unserer Aufopferung verdient? Diele sagen, wir seien verraten worden, verraten von unseren höchsten Führern. Wenn Bazaine eine Schuld hat, so wird sie untersucht werden, und er wird der Strafe nicht entgehen. Aber die eigentlich Schuldigen haben sich der Verantwortung entzogen, der Kaiser und die Kaiserin, die diesen törichten Krieg gewollt haben; sie haben bas Vaterland Im Stich gelassen und sich in Sicherheit gebracht, als sie ihr leichtfertiges Spiel verloren sahen. Und Frankreich muß für ihre Sünden büßen. Ja, wir sind verloren, rettungslos verloren, alle Anstrengungen, Frankreich wieder aufzurichten, sind nutzlos. Wir sollten Frieden schließen sobald wie möglich, und wir könnten es ohne Gefahr, denn wir haben einen ritterlichen Gegner, der auch als Sieger großmütig sein wird. Aber die Ehre! Es gehl nur noch um die Ehre. Frankreichs Waffenruhm soll ohne Makel bleiben, nur dafür werden nod). alle die unendlichen Opfer gebracht. Doch den einen Flecken können keine Heldentaten mehr abwaschen, daß wir jetzt als arme Gefangene in dem Lande von der Gnade leben müssen in das tote uns rühmten als Sieger einzuziehen. A Berlin, a Berlin, hat ganz Paris im Juli ge- schrien, und in wenigen Wochen werden die Preußen in Paris einziehen!" Ein bitteres Lochen folgte den letzten Worten. Mir war ganz seltsam zu Mut. Es drängte mich dem Kapitän in seinem hoffnungslosen Ingrimm etwas Tröstliches, Freundliches zu sagen, und auf einmal fuhr es mir heraus: „Aber Herr Kapitän, so wie es gekommen ist, können wir doch Freunde sein, sonst nicht." Kaum hatte ich es gesagt, so reute es mich fast, denn ich fürchtete, er könnte es Übelnehmen. Der Kapitän hielt in seinem heftigen Auf- und Abgehen inne, Baute mich betroffen eine gute Weile an, dann erhellten sich ne Züge, er faßte meine Rechte, strich mir mit der andern Hand hie über den Kops und sagte: „Ja, mein guter Junge, wir wollen Freunde sein!" (Schluß folgt.) Der Talisman. Don Helene Raff. (Fortsetzung.) Boni Gin paar Wochen später Begegne ich den beiden am Sonntag, wie sie selbander aus der Kirche gehen: der Bast mit gerunzelten Brauen an seiner hübschen Frau vvrbeiblickend, die sichtlich verweint neben ihm her trippelt. Der erste Ghezwist vermutlich — na, einmal muh es ja sein! Dabei bruhigte sich meine hartgesottene Junggesellenseele; aber tags darauf, als ich die Tür meines Sprechzimmers öffne, sehe ich unter den Wartenden die junge Frau Sanni sitzen. Das wunderte mich, denn eine Krankheit war dem blühenden Geschöpf nicht zuzutrauen; und mein Staunen wuchs noch, als die Reihe an sie kam, mir ihr Anliegen vorzutragen. Sie begann mit umständlichen Entschuldigungen, daß sie wage, mich zu belästigen; dann druckste sie so nach und nach heraus: sie möchte gern wissen, ob ein Gegenstand, auf dem Leibe getragen, zum leiblichen ober seelischen Wohlbefinden eines Menschen irgendwie Beitragen könne? Ich verstand sie nicht gleich „Was Kuckucks für ein Gegenstand ?" fragte ich „Meinen Sie einen Senf teig? Einen Prießnitz- Umschlag?" Rein, das meine sie nicht. Es handle sich um ein Säckchen mit einem — nun ja, einem Sympathiemittel darin; ob es etwas nütze, das um den Hals gebunden zu tragen? Run mußte ich hellauf lachen: „Liebes Frauerl, ein solches Säckchen darf enthalten, was es mag, davon wird der Mensch weder klüger noch schöner, weder stärker noch schwächer! Wer hat Ihnen nur solchen Unsinn weisgemacht?" Sie war zuvor schon sehr rot gewesen; jetzt schien ihr Gesicht wie mit Glut übergossen. „Also das ist doch Unsinn," sagte sie gleichsam erleichtert durch meinen Ausspruch „Sv ein Zeugs da kann nichts Helsen, und ein vernünftiger Christenmensch soll sich nicht damit behängen. Richt wahr, da hab' ich recht?" „Selbstverständlich, Frau Höß. Aber erklären Sie mir nur —“ „Erklären geht nicht, Herr Doktor. Und es braucht auch nichts werter; ich weih jetzt schon, was sich gehört und was meine Schuldigkeit ist. Besten Dank sag' ich!" Damit bekam ich einen Knicks und einen Händedruck; alsdann verlieh mich das junge Frauchen mit Bern Ausdruck eines der seinen Weg Har vor sich steht. Das Erlebnis hatte mich stutzig und zugleich neugierig gemacht. Ich sann und sann, was wohl im Hause des Fischerbast vorgefallen sein -möchte; schließlich richtete ich es mit Absicht so ein, dah einer meiner Praxisgänge mich an eben diesem Hause vorbeiführte, und zwar zu einer Zett, wo der Eigentümer daheim zu fein pflegte. Meine Berechnung traf zu; durch das ebenerdige Fenster der Wohnstube sah ich ihn am Tische sitzen, anscheinend in tiefen Gedanken. „Hallo, Bast!" Ich klopfte ans Fenster; da fuhr er empor, eilte zu meiner Begrüßung herbei und nötigte mich, einzutreten. Er raste grab’ ein wenig aus, sagte er, die Frau sei drüben im Gaben, gleich wolle er sie rufen. Das alles sprudelte er auf eine hastige, unfreie Art heraus, die mich in meinen Vermutungen bestärkte. „Bleiben Sie nur hübsch da," sagte ich, „und erzählen Sie mir lieber was es gegeben hat, dah Sie ein so kurioses Gesicht machen! Irgendwas liegt Ihnen auf dem Herzen, das sieht ein Blinder. Wir sind doch alte Freunde, dächt' ich — also lassen Sie getrost die Katze aus dem Sack!" Das wollte er erst durchaus nicht, verschanzte sich hinter allerhand Ausflüchte. Aber ich hielt fest — da gab er zuletzt nach. „Ich hab' so schon vorgehabt, dah ich mit Ihnen reden will, Herr Doktor. Denn Sie sind ein gescheiter Herr und meinen mirs gut. Bloh — gelt: auslachen dürfen Sie mich nicht?" Das versprach ich, und der Bast, hier und da stockend, Hub seine Deichte an. „Ehvvr ich dahergekommen Bin, Herr Doktor, hab' ich. meine Zeit beim Militär abgebient. Und es ist mir gut gangen bei die Soldaten, so dah mich's nicht einmal extra gefreut hat, rote die Zeit herum war. Am Tag vvrm Heimsahren haben wir Kameraden uns nochmal vergnügt gemacht mitsammen; im Wirtshaus sind wir gesessen, und ein Gartenkvnzert haben tote gehört. Nachher sagt einer von uns, recht ein durchtriebenes Dürschel, er weih uns noch was, ganz besonderes. Das ist uns recht gewesen, und so geht er her und führt uns durch lauter enge Gassen vor ein nichtig kleines Häusl. — „Da wohnt eine, die mehr kann als Brot essen", hat er gesagt, „und die soll uns jetzt wahrsagen". Ich meinestells hab' partuh nicht wollen, weil nämlich mein Vater die Art Geschichten für’n Tod nicht hat ausstehen können. Von Geistern oder Hexen hat kein Mensch uns Kindern erzählen dürfen, und wenn eins sich im Dunkeln gefurchten hat, so hat es so viel Schläg bekommen, dah es ein andermal das Kuraschierteste gewesen ist. Also ich hab' nicht wollen, aber ich hab' mich zuletzt beschwatzen lassen. Ich bin mit hinaus zu der Alten, die noch gar nicht so alt, aber von Ansehen recht zuwider war; und einen um den andern hat sie beifeit genommen. Etliche waren ganz geschreckt, wie sie wieder herauskommen sind. Zuletzt hab' ich and;, branmüssen unb hab' ihr die Hand hergezeigt; sie schaut sie von allen Seiten an unb sagt bann: „Ihrer wartet ein gefährlicher Beruf". Da ist mir's Lachen auskommen, denn mein Denken war, bah ich daheim dem Vater helfen will, der eine Seilerei gehabt hat. Wenn einmal eine Seilerei für ein gefährliches Gewerbe gilt — bann gute Rächt, Welt! Aber die Alte hat sich nicht auS’m Text bringen lassen, sondern ist drauf verblieben: mir steht ein gefährliches Leben bevor, und gleich in den nächsten Tagen wird mir eine Gefahr drohen. „Aber ich will Ihnen was geben." sagt sie, „was unfehlbar hilft". Sie geht unb bringt ein Dackl daher, so eine Art Heiner Geldbeutel, zugemacht unb an eine Schnur gebunden. „Das tragen Sie von jetzt ab um den Hals — so kann Ihnen nichts geschehen, was Immer Ihnen auch zustößt". Sv bestimmt hat sle's gesagt, daß mir's bvch ein bißl kalt übern Rücken gelaufen ist, und ich >hab' den Beutel in Gottes Damen genommen unb ihr was dafür geschenkt, denn darauf war's zuletzt nur abgesehen. Des andern Dags fahr' ich in meine Heimat denk an keinen Beutel mehr unb an feine Wahrsagerin. Der Zug ist fleckvvll; ich drück' mich grab’ noch in einen Dritte- klaßwagen; da seh' ich, dah ich mit der Zigarr in einen Richt- raudjabteil geraten bin. Mein’ Glimmstengel hab’ ich nicht hint- lassen mögen; also steig' ich aus und such' mir mit Rot einen andern Platz. Keine vier Stund' sind wir gefahren — da tut’s einen Rumpler, einen furchtbaren Krach, und der Zug steht. Wir sind auf einen andern hinaufgefahren. Ein paar Wagen waren ganz zertrümmert; da, wo ich. zuerst gesessen bin, hat’s nur mehr Tote und Verwundete gegeben." Gr holte tief Atem; man sah, wie mächtig noch jetzt nach Jahren die Erinnerung khn angriff. „Schon dazumal ist mir einen Augenblick der Gedanke gekommen: ob das Ding, das ich aus purem Unsinn hab' unterm. Brustsleck getragen, irgendwie dafür Bann, daß mir bei all dem Unglück nix passiert ist? Sie wollen was sagen. Herr Dottor. Mit’ /chon, märten Sie ab! Ich bin also heimgekommen zu meinen Eltern, unb mitten in der ersten Freud' trifft mich ein Dries vom Vetter dahier, der schreibt: jetzt, wo ich vom Militär 76 frei bin, hätt' er mir einen Vorschlag »u machen. r@r wird hübsch alt und kann der Schiffahrt nimmer recht dvrflehen — ob ich nicht zu ihm ziehen und ihm an die Hand gehen mag, dielveil er lebt? So will er mir im Testament all fein’ Sach verschreiben. Meine Leut waren ganz »erhofft; die Mutter hat gemeint, ich soll abschreiben, ich hält' ja nie am Wasser gewohnt und zu der Verrichtung kein Geschick. Ach was, hat mein Vater gesagt, das Turnen und Schwimmen haben sie ihm beim-Militär gelernt, und ’S Aufmerken auch! Derselben Meinung bin ich gewesen; in mir hat sich mit einmal der Unternehmungsgeist gerührt, und so hab ich dem Vetter zugesagt. Gleich in der ersten Wochen, da ich bei ihm gewesen bin, Hat'S einen schwierigen Fall gegeben. Wir hatten etliche Stück Vieh verladen und übern See transportieren sollen. Da war ein Stier dabei, so ein tückisches und halsstarriges Vieh hab ich meiner Lebtag nicht gesehen. Keiner ist ihm Herr worden, er hat mit den Hörnern gestoßen und mit den Hufen geschlagen, daß niemand sich hingetraut hat an ihm. Da fass' ich mir ein L^rz — will doch; mein Glück probieren, das zugebundene Glück am HalSl — und spring' hin davor und pack' den Stier vorn an den Hörnern und schau' ihm fest in feine bösartigen roten Augen. Da — hast mich gesehenl — ist er ganz zahm worden, und ich hab' ihn ins Schiff flößen können; und die andern haben grad' so gestaunt. Don der Stund' an war's ausgemacht bei mir: Dir kann nichts geschehen! Wind oder Regen, Tag oder Rächt, alles ist mir gleich gewesen, denn ich hab' an mein Glück geglaubt." — 1 Hier unterbrach ich den Vast. „®aS war ein Irrtum, mein Sieber! An sich selber, an Sfiyren Schneid und Ihre Tüchtigkeit konnten Sie glauben. Denn der Mensch trägt sein Glück und älnglück bei sich; niemand darf eS von außen erwarten. Lind waS zum Beispiel daS Eisenbahnunglück anbetrifft, so werden die Gläubigen Ihnen sagen: Gott hat Sie behütet! und die Materialisten: Der Zufall! Aber ein Hexensäckchrn am Hals — daS hilft nicht, das in keinem Fall." Er sah mich nachdenklich an. „AlSdann, so hätt' die Fanni doch recht," sagte er zögernd. „Ihre Frau? Ha richtig, wie ist sie denn hinter die Sache gekommen?" „Ja. sie hat das Ding auf meiner Brust gesehen, hat geeifert und gemeint: es ist irgendwas von einem früheren Schatz. Ich hab' nicht eher meinen Frieden gehabt, bis sie das Ganze gewußt hat, und dann ist die Hetz' erst angegangen. Don früh bis in die Rächt hat sie mir zugefetzt: so was ist eine Dummheit, ja, eine Sünd' ist's; ich foll das Ding wegwersen oder sie wenigstens hineinschauen lassen. Das hab' ich nicht wollen, denn die Alte hat'S mir noch besonders eingeschärft, daß niemand, ich selbst nicht, das Sackl aufbinden darf. Wir haben gestritten wie nie zuvor — 'was so ein Weib zäh ist, das glaubt der Teufel nicht." Heimlich mußte ich lächeln über diesen Stoßseufzer und das Stückchen Delila, das nun einmal feit alterS her in jedem Weibe steckt. (Mtt' um Derzeiung, meine Damen: die Anwesenden sind natürlich ausgenommen!) Jedoch in der Sache stimmte ich der Fanni bei und verheile eS ihrem Wanne nicht. „Wenn Sie ihr auS eheherrlichem Selbstgefühl nicht nachgeben wollen — meinetwegen! Aber daß die ganze Geschichte mit dem Amulett, ober was es sonst ist, etwas Kindisches hat und Ihnen nicht zur Ehre gereicht, müssen Sie selbst einfehen." Er meinte: ja, das würde wohl so fein. Trotzdem schien er etwas unschlüssig. „Immerhin!" dacht' ich und verließ mich auf die Fanni. Was in deren blondem Köpferl Dorgtng, erriet ich genau. Gin bißchen Enttäuschung, daß der Vast nicht aus sich selber seine 'herzgewinnende Keckheit haben sollte, ein bißchen Aerger, weil er ihr die Befriedigung ihrer Reugier verweigerte, und vielleicht eine ehrliche Abneigung gegen all solch abergläubisches Blendwerk überhaupt. Jedenfalls würde der Mann ihrer Beredsanckeit auf die Lange nicht widerstehen können. (Fortsetzung folgt.) Neue Düngerwirtschaft ohne Auslandsphosphate. Don Dr. Hanns Krafft (München). Von neuen Llntersuchungen soll in der folgenden Abhandlung berichtet werden, die für die Landwirtschaft von großer Bedeutung werden können. Die Untersuchungen Dr. M. von Wränge l l S *), der früheren Vorsteherin der Landwirtschaftlichen Versuchsstation in Reval, derzeitigen Privatdozentin in Hohenheim, fußen auf offenbar sehr exakten agrikulturchemischen Versuchen, die von Prof. Qlereboe**)-Hohenheim unterdessen schon be» trrebswissenscha tlich ausgewertet worden sind. Prof Aereboe kommt hierbei zu dem Schluß, daß eS unS möglich ist, den größten Teil _ *> Dr. M. von Wrangell, „Gesetzmäßigkeit bei der PhvSphvrsaure-Ernahrung der Pflanze" (1922, Berlin Verlag Paul Parey). **) Prof. Qlereboe, „Reue Düngerwirtschaft ohne AuS- landsphvsphate", Berlin, 1922, derselbe Verlag. 6er PyoSphorsäuredüngung und damit auch den Import von Ausündsphosphaten auf viele Jahre hinauS bei schnell steigenden Ernten und schnell sinkendem Kraftfutterbedarf entbehrlich zu machen, wenn wir nur die ganze BetriebSorganisation auf dieses Ziel einstellen und und die neuesten Forschungen Dr. M von WrangellS auSgiebig zunutze machen. Die von Aereboe vorgeschlagene Reugeflaltung der Düngerwirtschaft besteht der Hauptsache nach in folgendem: Die schmetter- lingSblütigen Futterpflanzen, wie Klee, Luzerne sowie unser« Hülsenfrüchte, wie Erbsen, Wicken, Pferdebohnen und Bupinen, sind die besten Aufschließer der im Boden vorhandenen erheblichen Vorräte an schwerlöslicher Phvsphorsäure. 3m ©egen* satze zu den bisherigen Anschauungen, nach denen gerade sie stark mtt PhoSphorsäure gedüngt roerben sollen, sollten diese Futterpflanzen niemals Düngerphssphorsäure erhalten. Statt sie mit PhoSphorsäure zu düngen, muß man sich ihre bodenauf- schließende Kraft mit allen zu Gebote flehenden Mitteln nutzbar zu machen suchen. Das wichtigste Mittel aber hierzu ist eine einseitige und starke Düngung mtt Stickstoff und Kali, deren AuSmaß hinter der Getreidedüngung nicht zurückflehen darf. Insbesondere bei Rotklee und Luzerne sind die bei Stickstoff-Kalidüngung im Vergleich zu einer Kaliphosphatdüngung erreichbaren Mehrerträge über atleS Erwarten groß; sie übersteigen oft noch eine Verdoppelung des Ertrages. I« größer nun aber die erzielte Grntemasse der Schmetterlingsblütler ist, di« man ohne PhoSphorsäure erzielt, desto größer ist di« Menge von schwerlöslicher DodenphoSphorsäure, die mit diesen Erntemassen in Form von Kleeheu, Luzernenheu, Wickfutter und Hülsen- sruchtstroh durch den Tiermagen dem Stallmist zugeführt wird. Die Vermehrung des im Betriebe umlaufenden Kapitals an leichtlöslicher Dünger-Phosphorsäure auf Kosten der schwerlöslichen BodenphoSphorsäure gelingt auf diesem Wege relativ schnell, so schnell, daß man bald zufolge der Möglichkeit starker Stallmistdüngung auch die Hackfrüchte ohne PhoSphorsäuredünger lasse» kann. Die Untersuchungen von WrangellS Tonnen weiterhin auch int Getreidebau ausgenutzt werden. Die Mehrerträge an Gras und befonberS an Eiweiß im JÖrafe, die so erzielt werden, sind so Ö. daß sie im Verein mit den gesteigerten Klee- und Hülsen- lernten eS dem Landwirt ermöglichen, sich vom ausländischen Kraftfutter größtenteils oder überhaupt ganz frei zu ptachen. DaS neue Düngersystem Aereboe-Wrangell tjfi also nicht nur den Weg zur EntbcHrlichmachung der Phosphoreinfuhr, sondern eS ist auch das Mittel zur Befreiung von ausländischem Kraftfutter. Es ist der Weg. den die älnabhängigmachung der deutschen Landwirtfchast vom Ausland« allseitig ermöglicht, dem. deutschen Volke deutsches Brot gibt. Wann ist der Gesang der Vögel am stärksten? Aus diese Frage gibt Hans Freiherr von Berlepsch auS dem reichen Born seiner Erfahrungen Antwort im letzte» Jahresbericht feiner staatlich anerkannten Versuchs- und Musterstation für Vogelschutz auf Burg Seebach Der Gesang der Vögel erreicht mit dem Beginn der dritten Maiwoche seinen Höhepunkt und zwar ist er am stärksten gleich nach Tagesanbruch von 3>/4 bis 4 Ahr. Sing» und Schwarzdrossel und Nachtigallen beginnen daS Konzert, es folgen Kuckuck und Laubvögel. Gleich darnach ist eS aber nur noch als ein geradezu wüstes ohrenverwirrendes Geräusch zu bezeichnen, in dem, außer mitunter Strophen der Rachtigallen, einzelne Stimmen nicht mehr zu unterscheiden sind. 2lber schon nach Verlauf einer halben Stunde schwillt dieser GesangSlärm wieder ab, sich allmählich in einzelne erkennbar« Schläge. Ruse und Gesänge auflösend. Don 4Vr bis 6 führ ist es verhältnismäßig ruhig. Die Vögel gehen ihrer Nahrung nach, bekümmern sich um ihre Bruten und nehmen Bäder. Erst gegen r älhr setzt wieder ruhiger, normaler Gesang ein. Futierarl unb Gidvttersarbr. Wie bei Schweinen, die mit Fischen gefüttert werden, das N«tfch einen spezifischen Geschmack und Geruch bekommt, und das Fett ber mit Maisschrot gemästeten Schweine dunkelgelb ver- farbt wird so ist auch bei Hühnern der Geschmack beS Gies und baS Aussehen des Dotters von ber Fütterung abhängig. Diese Tatsache geht auS den interessanten älnterfuchungen hervor die Dr. meb, »et Decker-Bevensen in der „Münchner Tierärzt- Wochenschrift * veröffentlicht, Geflügel, baS wenig, oder fein ©runfutter erhält, bekommt Eier mit Hellem farblosem ©otter, bei grünem Futter dagegen wird der Eidotter dunkel- ..^Ech. der Genuß von Maikäfern gibt dem Dotter eine dunkelgrüne Färbung. Wintereier find demnach hn Dotter Heller. Eier mit dunklem Dotter-sind schwerer, die Farbe entspricht auch bem Geschmack: Gier mit schwärzlichem Dotter (der vor allen Dingen vpn Frisch- und Schneckennahrung herrührt), schmecken widerlich, so daß fle für den Küchengebrauch untauglich finb. Eier mit Hellem Dotter schmecken fade. Hühner, die pflanzliche Rah- rung (Weizen. Hafer) und daneben auch durch freien Auslauf animalische Kost (Kerbtiere, Fleischabfälle) finden, haben die 5 besten Eier. Schriftleitung: August Goetz. - Druck und Verlag der Brühl'fchen Aniv.-Buch- unb Steindruckerei, R. Lange, Gießen.