Das verhängnisvolle Spiel mit der Hypnose. Denkschrift an die deutschen Gesetzgeber. Von Dr. med. Karl W. Gerfler, Gießen. Wir leben in einem Rechtsstaat, d. h. wir glauben in einem solchen zu leben. Das Gesetz schützt den persönlichen Besitzstand gegen fremde Liebergriffe, es bietet Schuh gegen Aötrgung, gegen Freiheitsberaubung, gegen Körperverletzung, eins peinlich ausgearbeitete Gewerbeordnung zwingt den Unternehmer, in seinem Betriebe Leben und Gesundheit der Arbeiter durch umfassende Vorsichtsmaßnahmen zu schützen. Hat nicht Justitia herrlich für jeden Deutschen gesorgt. Sind wir nicht vor allen unerlaubten Llebergriffen sicher? Lind doch klafft noch eine merkwürdige Lücke im Rechts- Wesen. Es darf noch heute jeder ungestraft mit Gehirn und Seelenleben des Mitmenschen spielen. Ich spreche von der Hypnose. Aach langen schwierigen Arbeiten und Kämpfen steht heute übereinstimmend fest, daß die Hynose ein dem Schlaf verwandter Zustand eingeengten Bewußtseins ist, in dem das Aerven- und Seelenleben durch den sogenannten Rapport den Einwirkungen des Hypnotiseurs unterworfen ist. Dieser kam also nach feinem Wunsch mit dem Gehirn des Hypnotisierten operieren. Erst in jüngster Zeit hat man Strafbestimmungen getroffen gegen das ^Hypnotisieren in öffentlicher Schaustellung, was allerdings nicht hindert, daß dort immer wieder am Publikum experimentiert wird unter dem harmloseren Titel der Wachsuggestion, die im Grunde nichts anderes ist als ein quantitativ leichterer Grad der Hypnose. Bis vor Kurzem konnte man noch in össentlichen Gxperimentalvorträgen Hypnosen bewundern, ein unwürdiges Schauspiel, wenn mit sonst ernsthaften Menschen auf dem Podium alberne Scherze getrieben wurden, die das Publikum mit widerlicher Gafslust verfolgte. Warum führte man nicht gleich auch Aarkvsen vor, um den gierigen Augen der Zuschauer zu zeigen, wie man einem Menschen ein Bein abschneidet, ohne daß er einen Schmerzenslaut von sich gibt! Erst zwei Jahre ist es her, daß ich in einer Jahrmarktsbude ein Hhnosemedium sah, ein 23jähriges erbarmungswürdiges, bis in die letzten.Aerven- fasern übersensibles Wesen. Der Manager zeigte 15—20 mal am Abend (!) in tiefer Hypnose der staunenden Menge die Phänomene der Katalepsie, mit denen er die Muskeln dieses abgema- gerten Körpers fanatisierte. Gr gab in Gegenwart der Hypnotisierten prächtige Erläuterungen: „Sie wird nicht lange mehr leben, das halten ihre Aerven nur noch einige Jahre aus, und," — schloß er mit schmalziger Stimme, — „so sehen Sie ein Wesen, daß sich int Interesse der Wissenschaft (!) aufopfert." Kein Wort der Empörung wurde laut gegen diese Szene, die des Mittelalters würdiger gewesen wäre. Wie schon erwähnt, sind solche Schaustellungen jetzt verboten. Wie aber steht es mit dem Hypnotisieren in Privatkreisen? Hier gibt es kein hemmendes Verbot, es sei denn, daß jemand, der dabei zu Schaden kommt, Strafantrag stellte Man verbietet doch auch das Glücksspiel und schützt damit materielle Güter, aber die Aervengesundheit genießt noch keinen genügenden gesetzlichen Schuht 3m allgemeinen steht dem Experimentieren, oder besser gesagt. Spielen mit der Hypnose, nichts entgegen. Erst kürzlich wurde mir ein fast ungeheuerlicher Vorfall befarmt. 3n einem Rauchklub wurde zur Llnterhaltung fleißig hypnotisiert. Ernes Tage« Samstag, 12. August 51 ■ijf 1922 — Nr. 32 ■Hill it® C/ N >/ M verfielen die Rauchbrüder auf den geschmackvollen Scherz, einem besonders suggestiblen Freunde in der Hypnose Suggestionen bezüglich seines Sexuallebens zu geben, deren Inhalt ich hier nicht näher schildern mag. Der Effekt war, daß das Eheleben des ManneS in einer sehr üblen Weise beeinflußt, ja geradezu bedroht wurde. Er mußte ärztliche Hilfe aufsuchen, deren mühevolles Ziel es war, die Gewalt dieser niederträchtigen Suggestionen zu brechen. Die Gefahr solcher Hypnosespielereien beschränkt sich nicht allein auf derart offensichtlichen Mißbrauch. Man braucht nur zu denken, daß ein übersensibler, vielleicht krankhaft veranlagter Mensch daS Opfer eines Laienhypnotiseurs wird. Woher sollte dieser den psychologischen Scharfblick besitzen, um zu unterscheiden, wer überhaupt eine Hypnose ohne Schaden verträgt? (Daß er sich dies in den meisten Fällen anmaßt, brauche ich nicht näher zu erwähnen.) Schon eine einfache Hypnose kann da schweren Schaden stiften. Mehr als einmal mußte solch ein Experimentator den Arzt herbeirufen, weil er die Geister, die er rief, nicht mehr loswerden und sein Opfer nicht aus dem Schlaf erwecken konnte. Aur ein generelles Verbot könnte dem Unfug steuern. Die Mißgriffe von Laienhhpnvtiseuren werden des öfteren bekannt, und die diesbezüglichen Berichte der Tages- Presse verwirren die Begriffe des Publikums über das Wesen der Hypnose, die zu Heilzwecken in ärztlichen Händen eine unschätzbare Bereicherung der Heilkunst darstellt. Man macht sich keine Vorstellung von den Schwierigkeiten, mit denen man als Arzt oft zu kämpfen hat, ehe ein Patient sich zu einer Hypnose zu Heilzwecken beveitfindet. Da tonnte man doch gegen seinen Willen in unangenehmer Weise ausgefragt werden, es könnten Verbrechen verübt, der Willen geschwächt werden, man könnte nicht mehr aufwachen, und was all die Bedenken noch sind. Ich bestreite nicht, daß das alles in ungeübten oder verbrecherischen Händen möglich wäre. Aber schließlich könnte man sich ja auch vor dem Chirurgen fürchten, weil man mit einem Messer anstatt den Blinddarm auch den Hals abschneiden kann, oder vor dem prakt. Arzt, weil er von einer differenten Arznei anstatt 5 Tropfen 3 Eßlöffel verordnen könnte, an denen man sich vergiftet. ' Olkin wird fragen, warum sich die Aerztewelt nicht gegen die Straflosigkeit der Laienhypnvse wehrt. Wer solche Fragen stellt, hat keine Ahnung, welchen Widerständen eine solche Beschränkung der von gewissen Kreisen so eifrig verfochtenen Kurierfreiheit begegnen wird. Zwar ist den Laienheilkünstlern das chirurgische Operieren und das Verordnen starkwirkender giftiger Arzneimittel verboten, aber das Hypnotisieren werden sie sich nicht leichten Kaufes nehmen lassen. Lind einstweilen darf jedermann mit Hirn und Seelenleben des Mitmenschen straflos in der Hypnose spielen. Man wird einwenden, wenn nichts passiere, so sei doch kein Grund zum Einschreiten gegeben. Ich aber frage: Wo ist die Gewähr gegeben, daß ein Laie keinen Schaden anrichtet? Daß der Eingriff auf feinen Fall gleichgültig ist, steht vom nervenärztlichen Standpunkt aus zweifelsfrei fest. Daher: Schutz der Aervengesundheit, Schutz dem Seelenleben vor gefährlicher Spielerei! E5 wird hohe Zeit, daß sich die Gesetzgeber mit diesem wichtigen Problem befassen. Die vorstehenden Auslassungen hatte ich bereits einige Wochen im Schreibtisch liegen. Die Vorgänge am vergangenen Donnerstag abend in Larsens Erperimental-Dvrtrag (Gießen, Cafe Leib) haben mich be- schönes Hotel „Spar- ltion, in oer ein gutes den das Hotel führt, soll augenscheinlich die rechtgläubigen Kom- munisten versöhnen, denn noch vor wenigen Monaten war die Duldung eines Hotels, als einer bourgeoisen Einrichtung, ein Ding der Anmöglichkeit. Wenn auch die offiziell registrierten Läden und Geschäfte dem europäischen Besucher wenig Interessantes bieten, so gibt es doch- unter der Hand tausenderlei schöne Dinge aus einer jetzt schon versunkenen Zeit gu kaufen. Da sind spanische und drüsseler Spitzen, die ein kleines Vermögen wert sein mögen und an denen lands gleicht. In der Gvgolstrahe gibt es sogar ein schönes Hotel „Spartakus" mit 100 Zimmern und einer Restauration, in der ein gutes Orchester spielt. Ein Zimmer kostet 15 Millionen, eine Mahlzeit 4—5 Millionen Rubel, eine Flasche Bier P/2 Millionen. Ein Milliardär oder Trllliardär kann also sehr wohl im Hotel leben und die ausgesuchtesten Leckerbissen verzehren. Aber in Petersburg gewöhnt man sich bald an diese astronomischen Ziffern, denn in Wirklichkeit bedeutet eine Million Rubel nicht mehr als 100 Mark; aber selbst in deutsche Währung umgerechnet, ist alles viel teurer als in Deutschland. Der Rame „Spartakus", lehrt, Latz meine Auffassung über die Wirkung des Derbstes von öffentlichen Hypnose-Dorstellungen viel zu optimistisch war. Don den „Phantomen der Toten" war leider nichts zu bemerken, außer einem ermüdenden, in aphoristischem Stil gehaltenen Dortrag. Zum Schluß jedoch entpuppte sich dieser schwunghafte Titel als Deckmantel für ein öffentliches Hypnotisieren am Publikum. Auch hier war autzer den alten, M 40 Zähren und mehr bekannten Mätzchen nichts neues, ms- besondere kein Fortschritt des Okkultismus zu erkennen. Erne plnaebeuerlichkeit war es jedenfalls vom Vortragenden, seine Spielereien immer wieder als wissenschaftlicheVersuche zeichnen und gleichzeitig die Smisationslust als etwas Verwerfliches zu geißeln. Wenn hier die Sensationslust nicht auf ihre Rechnung kam, so mutzte man geradezu behaupte^ daß esüber- Haupt keine gibt. Datz das Publikum sich «n der HtlflosigkÄt der Hypnotisierten weidete, war für den nicht verwunderlich, der die Bedürfnisse der Masse kennt und der beobachtet hat tote beispielsweise eine Zuschauermenge auf der Straße einen Vetunglückten bestaunt, anstatt ißm helfend ^Mspringen. Las einzige Erstaunliche an dem Abend war die Ronchalance, mit der Herr Larsen seine wahre Absicht unter einem hochtrabenden Vortragstitel verbarg und mit der er sich über em behördliches Derbot hinwegsetzte. Ebenso erstaunlich war es, datz ote Behörde keinen Grund zum Einschreiten fand. Der Dvlksmenge kann man nicht genügend tlrteilsfähigkett Mitrauen, datz sie solche Spielereien in ihrer Verwerflichkeit erkennt. von den Gesetzgebern aber dürfte man verlangen, datz sie endlich gegen ein solch widerliches Treiben Front machen. Fwnt machen muh ich unter allen Umständen als Arzt dagegen, datz ein segensreiches Heilmittel auf solche Weise in den Augen des Publikums zur albernen Farce herabgewurdlgt wird. Petersburger Eindrücke. Don Freiherr ®. v. Llngern-Sternberg. St. Petersburg, Anfang August. Schon in Stettin weht Luft aus Rutzland. Wenn nun gar der Dampfer das Haff passiert hat und in die Osts« hmaus- steüert so merkt man bald, datz man die grotze Strahe in eine fremde Welt betreten hat. Jeder Passagier scheint etwas vor d-nn andern zu verbergen, und er tut gut daran, denn dort wo wir hinausfahren, haben die gewohnten Begriffe von Recht und Änrecht aufge'hört zu bestehen, dort lauern unbekannte Ge° sichren und Möglichkeiten, Abenteuer und Hoffnungen, die in der fremdartigen Umgebung wurzeln. — Endlich, am 4. Tage wird in den unfreundlich grauen Wassern des Finnischen Meerbusens Kronstadt gesichtet und bald darauf der Hafen von Petersburg angelaufen. Die alte Pracht, der granitene Ernst und die Großartigkeit der Zarenstadt sind dahin. An ihre Stelle ist eine wilde üln- ordnung im Stratzenbilöe getreten, Petersburg scheint verlunipt Und trotz der Leere nervös und laut. Don den früheren zwei Millionen Einwohnern sind heute nur etwa über eine Halbe nachgeblieben. Diele der schönsten Gebäude stehen leer, sie sind einfach „entzwei" gewohnt, es sind nichts weiter als steinerne Mauergerippe mit Fassaden, aus denen das Leben geflohen ist. Sie erzählen von endlosen Tragödien der Bewohner, die erfroren, verdorben oder gestorben sein mögen. Niemand denkt daran' die verlassenen Hauser auszubessern, die Wasserleitungen sind im Winter im Frost geplatzt, die Oefen verdorben, die Hvlzdielen aufgerissen und zum Teil verheizt, der Verfall scheint unaufhaltsam fortschretten zu sollen, denn Petersburg, ebenso tote das ganze Ruhland, kann sich allein nicht mehr helfen. Der „Rev", das ist der für deutsche Ohren seltsam gewählte Name für die neue Wirtschaftspolitik der Sowjets, scheint aber auch das tote Petersburg teilweise zu neuem Leben und Luxus toi galvanisieren. Der Rewskyprospekt — das ist die Haupt- strahe — weift wieder eine Menge von Läden auf, in denen allerlei Herrlichkeiten feilgeboten werden, allerdings sind es meistens noch, alte Dorkriegsvorräte, die jetzt wieder Herausgeholt tooröen sind, so datz alles einem großen Selbstausverkauf Ruh- trotz der rohen Umgebung noch ein zarter aristokratischer Duft anhaftet Heiligenbilder in wunderbarer antiker Fassung, Emaille- Preziosen und Pastelraritäten, die alle für Lebensmittel verschachert werden muhten, sofern man es verstand, sie rechtzeitig vor den Spähern der außerordentlichen Kommission zu verstecken. Wieviel Herrlichkeiten mögen noch, unter Schutt und Steinen vergraben und verbogen liegen and auf die Wiederkehr der einstigen Besitzer warten. Petersburg und Moskau werden einst ein Paradies für zukünftige Schatzgräber fein. Das Sowjetgeld taugt bei allen Käufern gar nichts es ist nur da für das Volk, für die, die sich kein anderes zu beschaffen wissen. Die großen Herren, auch die ausländischen Spekulanten, rechnen nur mit „Gold", mit Dollar und mit so und soviel Karat Brillianten. Sogar über das englische Papierpfund wird leicht die Rase gerümpft, die deutsche Mark, von der es einen Hebersluh in Petersburg gibt, muß sich schon ganz bescheiden verstecken. Sie gehört zum Geldpvbel, die nur im Vergleich zur österreichischen oder polnischen Währung protzen kann. Ihr Ansehen ist ebenso wie ihr Kurs im Sinken. — Aber Goldgeld hat die Sowjetregierung nur sshr wenig, dafür besitzt sie andere Schätze. Rach offiziellen Meldungen hat die zum Teil gewaltsam und blutig durch,geführte Konfiskation des Kircheneigentums bisher 55 Kilogramm Perlen, 33 706 Brillianten, Smaragden und Rubinen verschiedener Größen, etwa 350 Kilogramm Gold und viele andere kostbare Gegenstände ergeben. Wieviel Herrlichkeiten, mögen außerdem den nicht offiziellen Weg gegangen sein und sich jetzt in den Taschen der Kommissare und Schieber befinden, um Heimlich über die Grenze geschmuggelt zu werden. Die deutschen Schieber können noch viel bei ihren weit brutaleren russischen Kollegen lernen! Aber nicht nur die Kirchen und Klöster, auch die Kaiser- g-Bet in der Peterpaul llsfestung in Petersburg wurden ihrer Reichtümer beraubt. Die Leiche Katharinas II. war mit einem Perlenarmband von unschätzbaren Wert geschmückt, man hat es ihr abgenommen. Die Särge der Zarinnen Anna und Elisabet bestandem aus massivem Silber und wurden zum Einschmelzen fortgenommen. Wunderbar erhalten waren die äleberreste Peters des Großen; als man ihm einen kostbaren Ring vom Finger zog soll sich plötzlich die Faust des toten Zaren gegen die Bolschewisten geballt haben. Die Rachricht durcheilte Petersburg und wurde vom Voll als ein böses Omen für die Sowjetregierun-g ausgelegt, jedenfalls haben die Bolschewisten von weiteren Graböffnungen abgesehen. Run sollen noch die alten Zarenkronen, die einen Wert von etwa 700 Millionen Goldrubel darstellen sollen, verkauft werden. Das sind gewiß große Summen, sie bedeuten aber wenig gegenüber den enormen Bedürfnissen und dem unbeschreiblichen Ruin Rußlands. Die neue Wirtschaftspolitik hat das kann man schon heute behaupten, keine neue Blüte geschaffen. Der Glanz und Luxus, den man sicht, ist Schein und mangelt jeglicher Aesthetik, nicht der Reichtum des Landes, sondern nur das Wohlergehen einiger Weniger hat sich gehoben. Trotz der neuen Reichen, die die wieder eröffneten Lokale füllen und ein Schlemmerleben führen, stößt man auf Schritt und Tritt auf ein so grenzenloses Elend, wie es die glücklicheren Länder des Westens nicht kennen. Wenn in Petersburg auch, nicht, wie es in den Hungergebieten an der Wolga geschieht, gepöckeltes Kinderfleisch genossen wird und Menschenleichenbraten als Leckerbissen gilt, so sterben dafür täglich, manche an Hunger und Hungertyphus. Die Arbeitslosigkeit nimmt zu und wenn wieder der Winter näßt, so ist trotz der besseren Grnteaussicht eine Katastrophe zu befürchten. Ein Arbeiter erklärte: „Wir kommen uns wie die Spieler vor, die ihren letzten Groschen gesetzt haben und nun plötzlich, bemerken, daß nur der Falschspieler gewonnen tjat.“ Die fahl-weiße Sommernacht senkt sich über die Stadt und Petersburg kann in den durchsichtigen Rebeln der Rewa und der Inseln von einer besseren, glücklicheren Zukunft träumen. Bildung und Fortschritt. Erlebnisse und Gedanken der Babette Fröschl, ehemals Dienstmädchen, später Pulverfabriksbeamtin, zur Zeit arbeitslos. Mitgeteilt aus ihrem Briefwechsel. Aus Ludwig Thomas Rachlaß hat der Verlag Albert Langen, München, ein überaus erfrischendes Büchlein zusammen- gestellt unter dem Titel „Die Dachserin und andere Geschichten". Alle schriftstellerischen Vorzüge Thomas', sein urwüchsiger Humor und seine lebensvolle Beobachtung erscheinen hier vereinigt. Als ergötzliche Probe geben wird den nachfolgenden Dienstmädchenbrief über „Bildung und Fortschritt" wieder, der an „Jozef Filsers Briefwexel" und ähnliches erinnert: Liebe Marih! Das du noch, in eirem geschshrten Orte siezen magst wundert mich schon, aber fieleicht wirst du auch noch gescheit und machst deinem Bauern nicht mer fir einen Pfifaling den Drampel. Ich, hätte schon anderne stehlen bekommen, das kan ich dir sagen, sogahr bei einen Viehendler und Ginkaufbeahmten, wo jetzt Die höchsten Deamthen sind und im Monath .mer haben, — IZ7 — om Schtattkomatant und wohren und jez ist er Man hat tert svrs geriecht gestehlt und ferurteilt und daS schafvth wahr schon Hergericht und halb hawe ich beth, das er aerethet wird und halb were ich doch neigirig gwesen, wie das wbfen ist, aber da hat sich wer gernelt, der wo ales gesähen had. Wer glaubs du, bas eS wahr? Ein anbernes mentfch fon bissem barohn, die wo aber schon elter wahr und zu iem had schlaichen wohlen und hat hinder einem forhang ales gsähen, daS es blvs ein ßvs wahr und der toth is zufelig dazu tehmen. Da war er gerethet und hat sie geheirat, aber nichd die elterne, wo ten ge reihet had sondern das junge Mütchen, wo alS dienz- anasangen had und is Lan barohnin Wöhrden mit einem gschlvtz. So was lehnte mahn schon auch braugen. Dem matrosten wo ich zufelig wider tropfen habe had es auch ser guth gefalen. Vibe marih kvhme bald und läse Dich nichd fon bissen bauern «uSntezen. Wegen dem das di zeid ferget brauch!.!« du nichd mec Fun arbeiten den jez Haven toter disse einrichtung, bas Man m Kienoh gehen bahn. Ts ist iemer gans fol und oft get mahn in zwei und in drei und was man da ahles derlebt ißt schobn waS anderneS als frieher wo mahn den boden buht hat und teler gewaschen. Mahn schleggt die stetzigkeithen und es stet auch in der zeidung, Has mahn dadurch das Folk bieldet und anfklehrt. Die alben Hübschen lasen wier in die Kirchen gehn und die jugenth get @8 itzt auch iemer muflkh dabei und oft ein ohrgch balz traurig astrd. Mahn tornt auch WaS, tote es auf der wetth zuget Äeben feiner Dension fier arbeizlosigkeit bedreibt er aufer- dem einen schlaichhandel dadurch das ich vom lande wahr und bei Erding gu hauste war. Fon den geschärten hohlen wir aler- dand, leuber das dieste rahmeln jez auch schon Höll auf der blathen sind und der Karie ergert sich oft driber. Ich hawe dier aber schreim Wahlen damit das du in die Gchtadt komst, den mit dem schlaichhandel kanzt du dier fiel verdinen und Wan du nichd gleich einen schaz finzt ban ich dier schon einen besorgen. Du klaubst nichd wie es jez lustig is und fil lustiger als tot zu for, too mähn als Dienzbothe gegnächtet wahr. Der ^Karie sagt vfö es reib ien jede stund wo er was garbeib hat und es wahr gewiss nichd fil aber es reib ien doch. Wich reid es ebenfahles. Ich gehe jeden Dag um fir Uhr in ein Kieno. Libe marih, frieher in der Zeid wo wir ahle unterdrikk wahren und Gschlafen fon dem kabidalismuS, und wie ich zuerscht ein Dienzbothe wahr, La hübe mahn gar nichz dafon gehabd bald ma'hn sich einen sreien nachmiedag herausgeschwiendelt hat, nufer Las mahn ins wierzhaus gegangen ist und da had mahn seinen schaz sil vier und esen zallen missen. Da hab mahn schon gar keine Freide dazu gehabt zum blau machen und ich hawe sogahr liber garbeid aus ferdrus. Aber jez ist es ganz anderst. Libe marih dadurch das mahn das Kieno had ist erst die arbeizlvsigkeit scheuer gewohrben und anaenähmer und bald man lang im bet ligen bleibt und im nachmwag inS Kieno geht ist es ein härliches leben, tote mahn es frieher nichd gekennt hab. Du hast neilich geschriem mid der arbeid ferget dier die zeid. Libe marih mit dem Kieno ferget sie auch und fil ange-- nähmer. Dadurch, ist dieste Kunzt. eine solchene wollthat fier das toerktetinge Volk, bas es iehm die arbeizlvsigkeit ferfiestt. Ich kauffe mier WaS zum schläggen und seze mich hinein und fuxle ganz gemiedlich meine Zetteln, derweil schaue ich dieste grasartige Kunzt an. Du klaubst nichd was man da a'fjfeg siechd, lauter scheue romahne und du brauchst nichd ein mahl zu läsen sontern blvs fchaugen und kanzt dabei schnuhlen. Forgestern wahr ich in einem da wahr ein mohrd in einem Kehler und es hat sich zwegen einer erbfchafd gehandekt, die wo einer mögen häd, Der gar nichd der bedrefende wahr svnterh er hat den andern in amerikha um bracht gehabt und ttzt mit seine babier als Erbe kohmen und wahr schon mithen in reich- vum und gÄst und had mit die scheu sten mentscher schambanniger tarnten. Da hab man sich gergert und es haz aber ein ameri- khantscher Debekfif aufbracht. Ich weis es nichd mer genau tote ers aufbracht had weil ein matrvste neben mir gsässen itzt, too ser fräch wahr aber ein ser nether mentsch. Testern wahr ein läbensbilö fon einem ahrmen mätchen in das too sich, ein barohn ferlibt der schön ein alther Dadetl ist Und er häth noch Kubi