Samstag, 11. November 1922 — Nr. 45 H ^MM|| MW W ME MMMIMLZ Das SchiÄsal der deutschen Sprache in der Gegenwart.*) Don Prof. Dr. Alfred TS he. QEeun sonst von den Sorgen der deutschen Sprache die Rede war, galt es in aller Regel den faireren Bedingungen ihres Mesens, ihrer Geschichte, ihrer Bewahrung vor .Un- geschmack und sprachlicher Zuchtlosigkeit. Diese Fragen sind wichtig genug und durchaus wert, den Gegenstand vaterländischer Sorgen zu bilden, wie sie es auch künftig stvieder sein werden. Aber sie müssen vorübergehend zurücktreten in der ernsten Zeit, La Bestand und Grenzen der deutschen Sprache selbst bedroht sind, da von West, Ost und Süd die Gegner sheranrücken sund „Deutsch oder Welsch", „Deutsch oder Slawisch" zum Kampfruf geworden ist. Da richtet sich der Blick von selbst auf die be- drehten Grenzen unseres Deutschtums, wir überschlagen die Grütze der- Meßuhren, die unsere Sprache von a-utzenher bedrohen, messen an den Erfahrungen unserer Sprachgeschichte ab, wie weit Gewalttat auf diesem Gebiet Erfolg erwarten kann, und prüfen die Mittel, die uns zur Abwehr noch schlimmerer Verluste geblieben sind. Don der Höhe stolzer Erfolge und der daran geknüpften Hvfsnungen ist die deutsche Sprache hinabgesunken in tiefes Leid und ernsteste Gefahr. Im Weltkrieg haben nicht nur Deutsche gegen Franzosen, Engländer, Italiener, Aussen und Serben gekämpft, auch Deutsch stand damals im Kamps gegen Französisch und Englisch, Italienisch und Slawisch. Ja. es schien siegreich zu sein. Bon Dünkirchen bis Warschau, von Aiga bis Bukarest wurde vier Jahre lang Deutsch gesprochen. Die Grenzbestimmungen unserer Baterlandsiieder waren zu eng geworden: nicht von der Maas bis an die Memel reichte das kriegführende Deutschland, sondern von der Warne bis an das Schwarze Meer. Fest und treu wie je stand die deutsche Wacht, aber nicht am Rhein, wie unsere Tapferen mit stolzer Bescheidung sangen, sondern am englischen Kanal und aus dem Libanon. Eine Ausdehnung des Deutschtums hatte stattgefunden, wie sie Europa seit den Tagen der Völkerwanderung nicht gesehen hatte, und sie schloß sprachliche Tatsachen ein von weltwendender Bedeutung: die Einigung von ganz Mitteleuropa unter den Klängen der deutschen Zunge. Das Land von Flandern und Brabant Hatte Anlast, sich auf sein altes Germanentum zu besinnen. Die guten deutschen Ramen belgischer Städte, dorther fast schon verklungen unter welscher Anmaßung, waren neu zu Ehren gekommen: wir sprachen wieder, wie die Jahrhunderte vor uns, von Lüttich und Löwen, Wecheln und Antwerpen. Staunend hatten unsere Feldgrauen wahrgenvmmen, wie leicht sie sich auf Grund ihrer Mundart mit den niederfränkifchwn Stammesbrüdern verständigen konnten. Das Schielen nach französischer und eirglischer Bildung als etwas üleberlegenem hatte einem besonnenen, seiner Würde bewussten Deutschtum Plah gemacht. Die Deutschen erführen, Last sie auch darin viel stärker waren, als sie gewußt hatten: auch sprachlich war es ein Geschenk des Krieges, daß er uns die eigne Stärke herrlich offenbarte. Das deutsche Wort war durch ihn viel kraftvoller und bewußter, wuchtiger und freier geworden. ) „Reuen Jahrbüchern für des klassische Altertum, Geschichte und deutsche Literatur" (Verlag von B. G. Teubner, Leipzig) entnommen. Bon lichten Gipfelhöhen haben Waffenstillstand und Friedens« schluh auch unsere Sprache in eine tiefernste, forgenumwölkto Gegenwart gestürzt. Jeder Tag, der seit dem Aovember 1918 ins Land gegangen ist, hat der deutschen Sprach» iund ihrem Gebiet schweren Schaden getan, tief« Sorge um ihr weiteres Geschick zur vaterländischen Pflicht gemocht. Zu keiner Zeit, auch in den vergangenen Tagen der Kraft nicht, hat das Deutsche Reich alle Menschen deutscher Zunge umfaßt. Seit dem Westfälischen Frieden waren dir deutsche Schweiz und die Ateder- lande vom Reichskörper losgeschnitten und in ihrem sprachlichen Bestand bedroht. Ludwig XIV. hatte Elsaß und Lothringen lvsgerissen und mit allen Mitteln zu verwelschen gesucht. Luxemburg. der einzige Staat der Welt, der ganz auf dem Boden einer deutschen Mundart errichtet ist, wurde von französischem Sprachleben umworben und umspült: so ist es gekommen, daß feine Bewohner in ihrer Gesinnung jetzt verwelscht sind. Seit 1806 und endgültig 1866 war die Trennung von Oesterreich- Ungarn vollzogen, seither taten die Tschechen in .Böhmen, die Madjaren in Ungarn, die Südslawen in Kärnten und Steiermark und die Italiener in Südtirol dem dortigen Deutschtum jeden möglichen Abbruch, redlichen und unredlichen. In den Ostseeprovinzen bestritten die Aussen den deutschen Herren des Landes sprachliches Leben, ja das Leben überhaupt. Draußen in der Welt gingen Jahr für Jahr Tausende von Deutschen im englischen, spanischen und portugiesischen Sprachleben für das Deutschtum verloren. Riemals aber hat das Reich verstanden, die Seinen in der Fremde auch sprachlich wirksam zu schützen, wie Italien seine Jrredenta, Polen seine auf drei Staaten verteilten Sprachgenossen, während Frankreich für die paar tausend Franzosen, di« unter fremder Herrschaft standen, fieberhaft arbeitete. Aber die Deutschen im Reichsverband waren doch sprach- lich sicher behütet, die Auswanderung ging zurück, die Fremdsprachigen innerhalb der Grenzen des Reichs nahmen nicht überhand. Dieser zuversichtliche Stand der Dinge hat 1918 ein Ende gefunden. Jetzt läuft die deutsche Sprachgrenze weit cwr der staatlichen durch fvenches Staatsgebiet, ja man muß heut« noch sagen: durch feindliches Land, und zwischen beiden Linie» liegt breit und ungeschützt schwerbedrohter, alter deutscher Sprachboden, bei dessen Ramen heute das Herz jedes guten Deutschen schmerzlich getroffen wird: Elsaß, Lothringen, das Saargebiet, Westpreußen, Danzig, Blemel, Posen, Oberschlesien, Siebenbürgen, Kärnten, Steiermark, Südtirol. Was geht sprachlich in diesen Gebieten heute vor. was ist von ihrer sprachlichen Zukunft zu erwarten, wie können wir helfen? Zunächst, auch unseren Herzen am nächsten, das Elsaß, das sich von unseren deutschen Bergen ganz überschauen läßt und breit vor unseren Toren liegt, das einst Mit der deutschen Schweiz und Oberbaden zusammen das alemannische Herzogtum bildete und nun mit einer Willkür, die jeder natürlichen, geschichtlichen und geographischen Einheit spottet, einem Fremd- staat zugeteilt ist, von dem es Art, Sprache Noch Sitte der Bewohner, Wirtschaft und Recht gründlicher noch scheiden als der doch wahrlich deutliche Grenzwali der Vogesen. Geschichtlich 'handelt es sich um rein deutsches Land: die Schädel- und Körpermaße, die Ramen der Orte und Fluren, die ausgegra- benen Zeugnisse ältester Ortsgeschichte, die Beobachtung von Sitte, Sage und Märchen, Volkstracht und Hausbau weisen alle in dieselbe Richtung: bas alemannische Gebiet rechts und links vom Oberrhein ist eine Einheit. Die Grenze der Dörfer mit deutscher gegen solche mit französischer Mundart ist völlig Neues von Schinkel. (©eine Briefe und Lagebücher.) Karl Friedrich Schinkel, der große Baumeister, lebt unter uns in der strengen Würde seiner Bauten und des Von ihm gegründeten Stils unsterblich fort. Aber der Mensch ist bisher viel zu sehr hinter seinen Werken zurückgetreten. Schinkel war nicht nur ein großer Architekt, sondern auch ein philosophischer Kopf, der tiefe Gedanken über die Schönheit ausgesprochen hat, und ein warmherziger vornehmer Mensch. Diese edle Menschlichkeit Schinkels erweckt zu neuem Leben die soeben im Prvphläen-Berlag zu Berlin erscheinende Ausgabe seiner „Briese, Tagebücher, Gedanken", die Hans vonMackowskhbesorgt hat. Eine Fülleungedruckter Briese wird hier aus seiner schriftlichen Hinterlassenschaft ans Licht gezogen. Vorauf geht eine bisher unveröffentlichte Selbsrbivgrnplne in der er seine künstlerische Entwicklung klar auseinanderseht, und es schließen sich ebenfalls unbekannte „Gedanken zur Baukunst' an. Den Geist der Befreiungskriege atmet ein Schreiben Schinkels an seinen Schwiegervater, in dem er diesem mitteitt, daß sein Sohn, Schinkels Schwager Wilhelm, mit der Post nach Breslau abgegangen sei, um sich den Lühower Jägern anzuschließen. „So sehr diese Ereignisse einen jeden, der näher dabei interesüert ist, im ersten Augenblick erschüttern," berichtet Schinkel hier ain 18. Januar 1813, „so müssen wir doch, wenn wir 'nur einen kleinen Rückblick machen auf unsere verlebten Tage, mit wahrer Herzenserhebung dieselben in unsere Empfindung aufnehmen. Die Aussichten für jeden Menschen in Deutschland waren nur düster und trübe und nirgend war Hoffnung. Aber das Leben unserer jungen Männer vor allem erregte immer in mir eine Rtedergeschlagenhech die um so größer war. je mehr man sich durch den redlichen Fleiß des einen oder anderen für ihn interessieren mußte. Denn wo war die Aussicht, daß auch nur der geringste Teil billiger Wünsche für ihr künftiges Glück realisiert werden konnte! und dies bange Gefühl hatten die jungen Leute selbst, und es tat ihren Studien großen Eintrag. Ein Entscheidendes mußte unternommen werden, und der Himmel scheint für die gute Sache Mitwirken zu wollen. Es ist seit langem beinahe das erste Mal, wo sich -je Stimme des Fürsten mit der des Volkes ganz begegnet, und die Wirkung aus die Stimmung Des Volkes läßt uns das Beste.MM- Wohl tan, der unmittelbar tätig mitwirken kann; ihm rst das Ganze die höchste Freude, uns, die wir jetzt zurückbleibend nur wartend dastehen, wird manches bange Gefühl umhüll«n, von dem jene nichts wissen können." 3n anderen Briefen, besonders an den Bildhauer Ehrrstran Rauch, erzählt Schinkel von seinen Reisen, unter Lenen seine Aufenthalte in Italien obenan stehen, und osfenbart seine tun tte- ' rischen Ideen. Aus Reapel berichtet der Erbauer' des Berliner Bresse de» Landes findet kräftige Worte gegen eine Politik, bie Wind sät und Sturm ernten wird, die SHeidemariern errichtet inmitten deS Volkes und nicht nur die Zungen scheidet, sondern auch die Herzen, gegen Beamte, die von den Geldern deS Landes besoldet werden und sich nicht dte Muhe geben, dessen Sprache und Art kennen zu lernen. Die Blätter weisen darauf hin, daß Frankreich auf dem besten Wege dazu sei, sich «ans um Vertrauen und Achtung der Elsaß-Lothringer zu bringen und verlangen mit Rachdvuck, daß die Elsaß-Lothringer selbst in den entscheidenden Fragen gehört werden, die bisher so gut wie nichts zu sagen hatten. . r Aste diese Erfahrungen sind schon einmal gemacht worden. Gerade am Elsaß hat man lernen können, daß staatliche Fremd- 'Herrschaft wohl die leitenden Kreise hart trifft, aber das Volk in seiner Masse und Tiefe nicht umgestaltet, ja kaum berührt. Gegen Ende der 200jährigen Franzosenherrschaft, im Jahre 1860, zählte Straßburg 21 Proz. französischer neben 76,5 Proz. deutscher Familiennamen: da hier alle Beamten und Offiziere mitzählen, die doch nicht bodenständig waren, war also kaum i/6 der hauptstädtischen Bevölkerung fremd geworden. Auf dem Lande hält sich aber die Ülebersremdung notwendig _ noch in viel engeren Grenzen. Ludwig Xl V. 'hatte schon 1684 im Elsaß den Gebrauch einer anderen Gerichts- und Verwaltungssprache als des Französischen verboten, der französische Freistaat hat hundert Jahre später das 'Verbot neu eingeschärft. 3n den elsässischen Schuten ist gegen die deutsche Sprache namentlich seit 1833 ein zäher Kamps geführt worden, danach hat Rapv- leon III. die zwangsmäßige Durchführung des Französischen in allen Vvlkskreisen mit scharfen Mitteln gefördert. Aber schon ihm bat der Bischof von Metz erklärt, daß 260 seiner Pfarreien nur Deutsch verstünden, wie schon 1838 der Straßburger THev- lvgieprosessor Reuß aller Derwelschang sein domierndes „Wir sprechen Deutsch!" entgegenries. Spärlich sind die Stimmen, die heute über den Rhein dringen, und so entschiedene wte die des alten tapferen Reuß sind bisher nicht darunter. Das unglückliche Volk ist müde vom überlangen Kampf und zermürbt durch welsche 'Brunnenvergiftung und Gewaltmaßnahmen. Auch fehlt es nicht an schwankenden Gestalten, und nach vielen bitteren Erfahrungen wird man sich in Deutschland vor jeder vorschnellen Zuversicht Hüten, in dem schmerzlichen 'Bewußtsein, daß jedes Eingreifen in den Sprachenkampf unseres alemannischen Aachbarstamms l uns und ihm zur Zeit nur schaden würde. lFortsetzung folgt.) test, soweit die sprachgeschichtliche Kenntnis zurückreicht, und I sie umfaßt, wenn wir die Urkunden und Flurnamen zu Mfe I nehmen, einen Zeitraum von über tausend Iahten. Rach amte I licher Feststellung sprach im Jahve, 1905 Vv" tar 1 ^0 000 Einwohnern des Reichslands genau ein Zehntel Fvaip>ösiich, das | waren zum größeren Teil Lothringer alte dem Gebiet von Metz und südöstlich davon, im Elsaß nur die Bewohner eines royalen Grenzstreifens, der etliche Dörfer, aber keitw einzige Stadt I umfaßte. Als 1887 die Mundarten des Deichslands für tat deutschen Sprachatlas ausgenommen wurden, da liesen nur aues 300 Orten Antworten in franzoslschem Patvte E, 1025 Srage» I bogen mm in deutscher Mundart austaüllt. Dre Swach arenze ist (ganz anders als im deutschen Osten) Haarscharf zu W; sie läuft seit den Tagen Karls des ^°ßen um dieselben Fluren' die 200 Jahre früherer Franzosenherrschaft haben sie I um keine Ackerbreite verschieben können. In einem Land von solcher Art suchen -am di« Franzosen I seit ihrem Einzug im November 1918 die deutsche Sprache mit I alle,, 'Mitteln auszurotten. In den zwei Jahrhunderten ihrer I frühri LN Herrschaft haben sie keine Volksschule zustande gebracht, I die haben erst die deutschen Barbaren ^71 einrichten mu sM. Aber nun benutzen die Franzosen die deutsch. Volksschule fzu I t&rein Kampf gegen die deutsche Volkssprache. Allen vorher | gegebenen Versprechungen zum Trotz wurde die deutsche -Unter- | ES; gleich aus der Unterstufe verdrängt. Die sechs- jätzcigen Dorskinder auch des rein deutschen Hauptgebrets müssen I Reliaivn und Rechnen. Anschauungsunterricht und alte Facher j in einer Fremdsprache über sich ergehen lassen, von der sie rm I Elternhaus kaum ein Wort gehört haben und die tm gE» Ort I vieileich' keine zwei Bewohner auch nur zu lesen verstehen. Die I Lchrträfte Erden aus dem Innern Frankreichs bezogen und I durch hebe Zusatzgehalter zum 'Aite'halten bei der in jedem I Sinn unerjrculichen Aufgabe bestimmt. Man muß sich etwa nur I eine Reck'-nsiuäde bei Siebenjährigen vorstelten, um dre geistige I >,nd reeljlch- Rot dieser elsaß-lothringischen Kinder ganz zu I ermessen. ’ Bezeichnenderweise sind die Geistlichen die e^ten ge° we-cn die gegen dieses System der Verdummung und Gntchrrst- I lichuna, wie sie es nennen, Einspruch erhoben haben, aber alte I Ein- -den l; >bcst bisher nicht viel genützt: die sprachliche Eigenart I d-s Lands wirb in den Schulen nach tote vor mit. Mite» getreten. I llnb wie gegen die Kinder, so richtet sich, über Kamsst I auch aeaen dte' Erwachse««». Sn allen Gemeinden sind fron- I zöstsch: Volksbüchereien errichtet worden, die die Ginwohüer I mit Letesiofs aus dem Innern Frankreichs überschwemmen, un I Posten von 40 000 Bänden erweitert ein eigens dazu errichteter I Bund Den Bestand dieser Büchereien. Wiederum wird nicht danach gefragt.' ob in einer dergestalt beglückten Gemeinde «uch nur ein Bewohner ein französisches Buch, zu lesen imstande ist. I Dis wehrpflichtigen jungen Leute werden in entlegene französische! Standorte gezwungen «nd in den Kasernen mit plumper Gewalt verwelscht." Bei allen Truppenteilen ist ein Borberei- tungsdienst für elsab-lvHringischs Soldaten eingerichtet. Wer Französisch lernt, wird rascher befördert uiti> erhält inehr Urlaub: um die Tressen oder um ein paar Wochen Urlaub sott den jungen Leuten Muttersprache und Volkstum abgepreßt werden' In dec Verwaltung des Landes Hat die tartsche Sprache keine Stelle mehr; z.B. tollen die Postbeamten in Metz und dre Zollbeamten in'Colmar nur Französisch sprechen und wenn sie das nicht können, Deutsch nur flüstern, der deutschsprechenden Bevölkerung gegenüber aber sich des Dolmetschers bedienen. Zum Amte des Schössen und Geschworenen toerben die Einwohner nur zugelassen, wenn sie Frairzösisch formen; damit ist aber der größte Teil der Staatsbürger von jedem Laienrrchter- tum ausgeschlossen. namentlich wird die Arbeiterklasse fast ferne Vertreter stellen können - und das im Zeichen der Freiheit. Gleichheit und Brüderlichkeit! Im lothringischen Moselland hat der Präfekt jede Aufführung deutscher Theaterstücke, jeden Vortrag in deutscher Sprache, jedes deutsche Lied verboten, wert all das dte öffentliche Ruhe gefährde. Als in Straßburg am 18. Dezember 1920 zum 1200jährigen Gedenktag der heiligen Odilie ein Festspiel aufgeführt werden sollte, tourbe es verboten, weil es in hochdeutscher Sprache abgefaßt war. Ein paar Monate später ist es dem Schauspiel „Dämmerung" der beiden Alt- elsässer Bopp und Bösch ebenso gegangen, das in der jüngsten Gegenwart spielt und besonders die politischen Wetterfahnen brandmarkt. Die einzige Wirkung dieses letzten Verbots ist freilich gewesen, daß das verbotene Stück gedruckt, massenhaft verbreitet und lebhaft besprochen wurde. Das führt uns auf die sonstigen „Erfolge" der französischen Gewaltmaßregeln. Der Elsässer, ist schwer zu leiten und leicht zum Widerspruche gereizt. Die sogenannte Bourgeoisie der größeren Städte, die in deutscher Zeit vorgab, nur Französisch zu verstehen, spricht heute mit Vorliebe Deutsch Männer treten heute als Verfechter der deutschen Landessprache auf, die vordem nicht müde wurden, ihre französische Gesinnung zu bekunden. Dte katholische Geistlichkeit sieht, tote erzählt, in der Bedrängung der Volkssprache zugleich eine Gefährdung der Dolksreligion und geht dagegen an. Die elsässi- schon Abgeordneten 'haben mit Ablehnung des Unterrichts- Haushalts gedroht, toenn in der sprachlichen Behandlung der Schule nicht andere Wege eingeschlagen werden. Dte deutsche - 179 — Museums über seine Beobachtungen in den dortigen Kunstsammlungen. „3n dem Meer vo-n Kunstwerken, in welches man hier eintaucht," schreibt er vom 6. September 1824, „können Sie denken, wie mir zu Mute lst. Stündlich werde ich erschreckt von ganz neuen Aufschlüssen über Kunst durch die Werke, welche in der vollendetsten Art die Ausgaben lösen... In Betracht der Beleuchtung und Aufstellung habe ich die Freude gehabt, daß tch beim neuen Museum im gongen das einzig Rechte getroffen habe. Lleberall wo in Museen Italiens nach diesem Prinzip beleuchtet und auf gestellt ist, hat man völlige Befriedigung; leider ist aber dies selten der Fall, in Mailand, Florenz und Neapel gsht man fast wie in Kellern umher, um die schönsten Wecke dürftig zu sehen." . , Wir finden Schinkel auch bereits vor 100 Jahren mit der heute so aktuellen Frage der Arbeiterfürsorge beschäftigt. Im September 1831 macht er dem Oberregierungsrat Beut Borschläge, über die beste Art, „bet den jetzigen bedrängten Umständen durch Bauten die arbeitende Volksklasse zu unterstützen. Er bittet, die fehlende Summe für die Vollendung des Lustgarten-Baues zu bewilligen. Aus den wundervollen Bekenntnissen über Kunst, die sich überall in diesen Aufzeichnungen finden, sei nur eine Stelle aus einer Niederschrift angeführt, die wahrscheinlich für den Kronprinzen Maximilian von Bayern bestimmt war: „Jedes Kunstwerk must ein ganz neues Element bei sich haben, auch wenn es im Charakter eines bekannten schönen Stils gearbeitet ist; ohne dies neue Element kann es weder für den Schöpfer, noch für den Beschauer ein wahres Interesse erzeugen. Dies neue Element aber ist es, was ihm das Interesse für die bestehende Welt gibt, welches das Mehr aus dem Bestehenden heraustreten läßt und dadurch das Bestehende mit einer neuen Farbe verschmilzt und den Neiz eines lebendigen Geistes darüber ausgiestt. Was aber zu einem solchen für Erfindung, für Verschmelzung, für Anknüpfungspunkte der verschiedensten Art gehören, ist nicht aus- zusprechen, und es bleibt immer das sicherste Mittel, sich nach einem Talent umzusehen, das durch beständiges praktisches Ar- beiten die Versuche zu einem Grad der Vollendung empvrwachsen lästt und dadurch das Bestehende mit einer neuen Farbe ver- der an diesem Gegenstand sich aussprechende Stil von der Art sei, eine fernere Vollendung zuzulassen." Schinkel hat hier sein eigenes Schaffein das in einer Neuschöpfung alter Stile so Großes leistete, schön charakterisiert. Aus Theodor Storms Jugend. Wie jeder graste Dichter etwas vom Kinde behält, so ist die Kindheit der Dichterquell, der das Werk des reifen Künstlers speist Wer den Dichter will verstehen, muh nicht nur in Dichters Lande gehen, sondern auch in die Seelenheimat feines Wesens, in seine Juaend. Solch fruchtbares Verständnis für die Eigenart unseres grohen Poeten Theodor Storm schafft die Biographie, die seine Lieblingstvchter Gertrud Storm unter dem Titel Mein Vater Theodor Storm" soeben bei Carl Flemming und C. T. Wiskott in Berlin erscheinen lästt. In ebenso volkstümlicher wie tiefgründiger Weise wird hier Leben und Werden Storms erzählt, und besonders sein Husumer Jugendparadies steigt aus alten Blättern und lebendigen Erinnerungen in vollster Anschaulichkeit empor. Von der ersten Berührung des Knaben mit der Welt der Dichtung kündet die Erzählung von seinem P u p p e n t h e a t e r, die die Tochter mit den eigenen Worten Storms wiedergibt: „Einen großen Zeitraum von mehreren Jahren habe ich meine ganze Freizeit auster der Schule mit der Direktion meines Puppentheaters ausgefüllt; zwei Schulkameraden, Krebs und Olhuus, waren dabei meine Gehilfen. Eine alte Jungfrau, bei der Olhuus wohnte, half uns die Puppen, die freilich nur von Papier waren, ausschneiden und eiserne Drähte daran befestigen. Sie liest in den Aufführungen den Papageno tanzen und sang dazu mit einer schönen Fistelstimme: „Der Vogelfänger bin ich ja, hops, heisa lustig, hopsasal , was mir die ungemischteste Freude machte. Das Theater hatten wir anfänglich mitten in der Stube, späterhin zwischen zwei Stuben in der offenen Tür. Alles war so verhangen, dast wir nicht dabei zu sehen waren. Das Geheimnisvolle hatte den größten Reiz für uns. Das Zimmer für die Zuschauer, die meist aus der lieben Nachbarschaft und den Dienstboten bestanden, blieb stets ohne jegliche Beleuchtung, damit das Aufrollen des Vorhanges einen noch zauberhafteren Eindruck machte. Das erste Stück das wir aufführten, war aus einer Gedichtsammlung eines gewissen Petzel aus Tönning und stellte die Geburtstagsfeier eines Grafen Rantzau vor. Obgleich die Puppen steif waren, so erntete doch eine jugendliche Figur, welche die junge Gräfin Sophie vvrstellte, besonderen Beifall. Ich erinnere mich, dast sie mir besonders lieblich porkam, so dast ich beinahe eine Art phantastischer Neigung für sie bekam. Meine verstorbene Schwester Luzie die ich von allen Schwestern am meisten liebte, sprach nach dieser Vorstellung auch öfters von der ^niedlichen Graftn Sophie". Das zweite Stück, das zur Aufführung gelangte, waren Schillers „Räuber". Bald aber genügten uns die fremd«- Theaterstücke nicht mehr; auch konnten wir so recht keine ftnden, die in unseren Kram patzten. Olhuus, Krebs und ich beschlossen daher, die dramatischen Sachen.selbst zu liefern. iln& wirklich, leder lieferte sein Stück. In meinem spielte Kasperle die Hauptrolle. Er hatte zwei durch den Eigensinn des Vaters getrennte Liebend« zu vereinen. Zur Aufführung dieser Stücke waren grobe Dor- kehrungen getroffen." Die jugendlichen Puppenspieler traten selbst als Schauspieler auf und — blamierten sich dabei recht heftig. Den ersten starken Eindruck empfing der achtjährige Knabe durch die grobe Sturmflut von 182 5. Das Brüllen des Sturmes, das ferne Brausen des Meeres, das Schreien der Möven, das ganze gewaltige Naturereignis wirkte so stark auf seine Phantasie, dast er diese Bilder später in seinen Novellen „Carsten Curatvr" und im „Schimmelreiter" verwertet hat. Theodor war ein wilder übermütiger Knabe, dem kein Baum zu hoch und kein Graben zu breit war. Aber er konnte auch still und sinnnend sein und besonders im Sommer, wenn die Heide blühte, ging er umher, wie im Traum. Mit einem seiner Spielkameraden „Hans Räuber", der sich diesen Beinamen durch seine ausgezeichneten Leistungen im Spiele Räuber und Soldatetr erworben hatte, richtete er sich ein geheimnisvolles Heim in einer leeren Tonne ein und hat diesem Leben in den „Geschichten aus der Tonne" ein Denkmal gesetzt. Den stärksten Eindruck auf seine Phantasie aber machte die eigentliche Märchenerzählerin seiner Kindheit Lena Wies, der er auch später eine Novelle gewidmet hat. Straßenbeleuchtung Lab es damals noch nicht. Die Kinder irrlichterten mit kleinen Handlaternen, die sie im Knopfloch ihrer Jacken trugen, abends durch die Straßen, und so rannte der Junge gern die „hohle Gasse" herunter bis zu einem Heinen Haus mit spitzem Giebel, weißem Kalkanstrich und grünen Fensterladen. Hier fand er Lena, und wenn sie mit dem Melken fertig war, setzte sie sich mit ihm in das kleine warme Wohnzimmer, wo im Deilegevfen die Bratäpfel vruyelten, und dann erzählte Lena, bis die alte Wanduhr die zehnte Stunde Verkündete. Dann ging’S im sausenden Galopp durch die finiteren Straßen heim. Die Dichtergabe des Knaben regte sich nicht nur in der dramatischen Tätigkeit für sei« Puppentheater, sondern auf der Schule auch bei der „Aedefeierlichkeit", die alljährlich stattfand. Als Printaner trug Theodor eine eigene, leider verlorene Dichtung vor „Matathias, der Befreier der Juden, und um diese Zeit bettraute er seine ersten lyrischen Gedichte einem kleinen Büchlein an, das sich noch int Nachlaß befindet. Ferientage in Neupolen. Von Hanna Honig m a n n. Wenn man Heute an Polen denkt, so werden gemischte Gefühle wach: Trauer über das verlorene Land, Empörung über alles, was man dort unseren Landsleuten antut, und Berwünde- rung über das wilde verworrene Gebaren dieses neuen Staates, dem all der ihm in seinen Schoß geworfene Reichtum nicht vor dem größten wirtschaftlichen Durcheinander und Elend' zu schützen vermag. So kann man sich leicht beuten, daß wir “mit einem Gefühl von Spannung und Befangenheit die polnische Grenze überschritten, um der Einladung einer lieben Freundin auf ihr Rittergut in der früheren preußischen Provinz Posen zu folgen. Freilich, bis wir an diese kamen, gab es noch Der Abenteuer genug zu bestehen! Zwar die sonst so schwer zu iertangenbe Einreiseerlaubnis Hatten wir dank der liebenswürdigen Vermittlung unserer hessischen Gesandtschaft in Berlin bekommen und waren nach nur fünfstündiger „Polonäse" im polnischen Generalkonsulat in Berlin — andere warten ebenso viele Tage — im Besitz unserer Visa (800 Mari für die Person, heut mag eS Wohl das Dreifache kosten!). Und so fuhren wir wohlgemut den kürzesten Weg, wie wir wenigstens glaubten, über Fraustadt; ohne zu ahnen, baf} dort die deutsche Bahn äushvrt und die polnische erst ungefähr 20 Kilometer weiter in Lessno (Sinn) beginnt. So waren wir froh, einen Landsmann zu finden, der uns mit seinem alten Gänschen bis an «den Schlagbaum fuhr, der die Grenze bezeichnet; wenn er uns auch, wahrscheinlich um uns an polnische Markzahlen zu gewöhnen, für die kurze Fahrt 200 deutsche Mark abnahm. Roch drei Visie- rungen im Vaterlande, und dann erreichten wir das Gebiet des Weißen Adlers, wo die Visitatioii zwar nachdrücklich bis in Geldbörse und Scheckbuch, aber wenigstens nicht bis aufs Hemd und int ganzen recht freundlich vorgenommen wurde. Aber unglücklicherweise war es inzwischen Abend getrorben, und nirgends eine Gelegenheit, in dem verlorenen, un Walde verstreuten Dörfchen, mit unserem Gepäck nach Sifin zu kommen. Mir hätten wohl im Freien übernachten müssen, wenn Nicht ein freundlicher Deutscher, der dort eine Fabrik betreibt, sich unserer Not angenommen und uns Quartier gegeben Latte. Am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang rollte fein Lochteichen unsere Koffer auf einem Kärtchen in das nächste Dorf, wo uns ein Obst wagen glücklich zwischen pflaumengefüllte Korbe auf- nahm und weiter beförderte. Endlich nach zweistündiger Bahnfahrt erreichten wir die Endstativ'.i, und von dort tzings mit gärigen Rappen durch Felder und schönen Wald an fünfer eifertet. Welch eine Gegend, welch seltsame Schönheit! Soweit das Auge reicht, nur Felder und Wiesen, dazwischen dunkle Kiefer- ünd Fichten-, Eichen- und Almenwälder und, für unser Auge fremdartig genug, entzückende Mrkenwäldchen mit grünem Waldboden! Hie und da ragen aus Feldern und Wiesen Der* einzelte mächtige Eichen oder Weiden empor. Und was für Felder! Ununterbrochen Hundert und mehr Morgen nichts als Kartoffeln oder Zuckerrüben — die andern waren bereits ab- geerntet —, dann wieder riesige Aecker voll Klee Und grünem „®«menge“; Verhältnisse von überwältigender Gröhe; nur da und dort die verschwindenden Häuser eines Vorwerks und sin ganz weiter Fern« der kleine Kirchturm eines Dörfchens. Darüber gespannt der graublau« Himmel mit den großen Wolken» gebilden der Ebene, ein Bild des unendlichen flachen «europäischen Ostens. Ist Las Nicht bereits Rußland, daS dem Land sein Gepräge gibt? Das Gut unserer Freunde ist für unsere mittel- und west- deutschen Begriffe von riesiger Ausdehnung, 4000 Morgen groß. An das schmucke Herrenhaus schließt sich der schöne Garten und an diesen der 'herrliche wohlgepflegte Park, der sich allmählich in den Wald verlort. Da konnte man bei schön«« Wett«« stundenlang spazieren gehen oder auf dem grünen Boden liegend lesen und träumen; regnete es, so gab es in Sem gastlichen Hause genug, sich die Zeit zu vertreiben. Man «konnte di« Kunstgegenstünde betrachten, die reiche Bibliothek durchstöbern oder 'Billard spielen. Bei den r den geräumigen, luftigen Ställen die gewaltigen Zuchtbullen, die täglich eine Stunde spazieren geführt 'werden. Die großen Aecker werden gerade umgepflügt. Es durchwühlt sie her Motorpflug mit spielender Leichtigkeit; in den nächsten Tagen durchfurchen zehn Gespanne hintereinander di« vorgearbeitete Erde, gefolgt von zahlreichen Frauen, die sorgfältig das .Unkraut bis auf die «letzt« Spur ausjäten. Aach sorgfältigem Vacheggen ist dann in ungefähr 8 bis 10 Tagen der Acker zur Saat fertig, eine fast gleichmäßig glatte Fläche, in die bann di« Drillmaschine regelmäßig ihre Körner streut. An anderer Stelle knattert die Dreschmaschine, unter ihrer rastlosen Arbeit wird der haushohe Getreideschober niedergelegt, um sofort als Strohschober auf- zuerslehen. Den schönsten Anblick gewährt aber das Kar- toff e laus machen. Hunderte von Mädeln (nur vereinzelte Frauen) lockern mit ihrem dreizackähnlichen Karst die Erde, reißen im Fluge die Kartoffelstöcke hevaus, werfen das Laub Hinter sich und im Vu fallen die Kartoffeln in die Körbe. Diese gefüllten Körbe werden sofort in die großen Feldbahnwagen entleert, in denen sich bald riesige Massen der lweißgelbell Knollen anhäufen. Gradezu ausfallend ist die Grazie dieser polnischen Mädchen, die feingeschnittenen Gesichter, die zarte wcWgebaute Gestalt und die fast durchweg schönen Füße. Alle barfuß, in derselben graublauen Arbeitskleidung, das ebenso gefärbte Tuch um den Kopf, schaffen sie wie im Takt, trotz des Durcheinanders der Gestalten, welch ein Rhythmus! Die jungen Arbeiter sind schlank und gleichfalls gut gebaut and, hvas besonders auffällt, sauber und sogar in der Arbeit ordentlich und adrett gekleidet. Für uns, die wir die pberhessischen ihn« gangsformen auf dem Lande gewöhnt sind, ist die höflich und gewandte, vielleicht etwas devote Form des Arbeiters gegenüber dem Brotherrn auffallend. Freilich ist das nur die Außenseite. So beantworteten die Leute das Arft, das ihnen der junge Herr anläßlich seiner Vermählung gab, auf dem sie in hochtrabenden Glückwunschadressen und Kundgebungen ihre ewige Treue und Anhänglichkeit beteuerten, ein paar Wochen später mit einem Streik mitten in drängender Erntezeit. Tüchtig sind die Leute alle, besonders die Vögte, die schon Jähre und Jcchrzehnte lang auf dem Gut schaffen. Wie unser« Freunde uns erzählten, arbeiten die Polen allerdings nur unter deutscher Führung gut und mich dann nur ungefähr drei Viertel so viel wie der Deutsche. Soweit wir die Wohnungen der Vögte zu Gesicht bekamen, waren sie trotz der vielen Kinder (einer hatte es in zwei Ehen auf M gebracht!) sauber und ordentlich an den Fenstern standen Blumen. Das ganze Dorf sicht noch so aus, als ob es deutsch geblieben wäre, von „polnischer Wirtschaft“ keine Spur. Darum halten sich auch diese Reupolen für etwas besseres als die „Kongreßler", für die sie weder Sympathie noch Achtung haben. Zur Kemizeich- nung dieser ihrer neuen Landsleute erzählen sie dort, daß die von Korfanth zum oberschlesischen Ausstand gemieteten Räuberbanden, als sie von ihrem Häuptlinge nicht genügend 'bezahlt worden waren, um ihn zu kränken und zu verhöhnen, so lange „Deutschland, Deutschland über alles“ und „Die Wacht am Rhein" gesungen hätten, bis ihre Forderung bewilligt worden war. Dieselbe Empfindung bringen sie größtenteils 'ihrer Regierung entgegen, mit der feiner etwas zu tun haben will; auch die gebildeten Polen zucken über sie größtenteils die Achseln. Wenn man das Land sieht und die Bevölkerung kennen lernt, die doch durchweg rwch gut deutsch spricht, während sie nicht imstande ist, polnisch zu schreiben, so fühlt man Nicht nur den Verlust dieses wertvollen Landes, sondern wird auch die brennende Empfindung nicht los, daß eine weise und versöhnliche Politik in den letzten Jahrzehnten hier ein Gefühl der Zugehörigkeit und des Wohlbefindens hätte erzeugen können, das uns später zugute gekommen wäre. ile&er di« polnische Valuta zu spotten haben wir wohl das letzte Recht, seitdem sich die unsere ihr in so verhängnisvoll«! Weise genähert hat. Aber es berührte uns doch damals etwas grotesk, wenn die Preise alle erst über 1000 Mark anfingen. Fast immer war gleich von Millionen oder Milliarden die Rede, wenn wirkliche Objekte in Frage kamen. Ob deutsche oder polnische Mark? man konnte sich wirllich nie recht ausrennen! Als unser junger Freund uns den Stolz seines Zuchtstalles. „AHamses", einen wahrhaft farnefischen Stier, vorführte und wir von dem Anblick überwältigt schüchtern fragten, was solch ein Vieh wohl ungefähr wert wäre, bekamen wir prompt zur Antwort: „Eine Million Mark!“ Als wir aber dann weiter fragten, ob deutsche oder polnische, blieb er ein Weilchen still, dann zuckte er die Achseln and sagte mit listigem Lächeln: „Das ist wirklich sehr schwer, genau zu sagen, das weiß ich nicht." Wespen, die Blei auffressen. Im vorigen Jahre errichtete der Verein chemischer Fabriken „Silesia' in Ida- und Marienhütte bei Saaran eine neue Schwefelsäuresabrik, die im Sommer in Betrieb gesetzt werden sollte. Als die Bleikammern vor Einleitung des Kammer-Prozesses geprüft wurden, ergab sich, daß ihre Bodenplatten Wasser durchliehen, und als Ursache der Undichtigkeit wurden Seine, kreisrunde Löcher erkannt, die sich von Tag zu Tag vermehrten. Im ganzen wurden schließlich mckhr als 60 Löcher in den Bodenplatten der Bleikammern festgestellt. Die Fabrik konnte daher vorläufig nicht in Betrieb gesetzt werden. Pros. Dr. Ferdinand P a x, der um die Erforschung der Tierwelt Schlesiens verdiente Breslauer Zoologe, konnte, als er zur Besichtigung der Fabrik aufgesordert worden war, einen starken Holzwespenbefall feststellen. Die zum Dau der Saarauer Schwefelsäurefabrik verwendeten Bohlen, Balken und Rundhölzer weisen in überaus großer Zahl charakteristische kreisrunde Fluglöcher von Holzwespen (Siri- ciden) auf, die teils von der Riesenhvlzwespe, teils von der KiefernHolzWespe herrührten. Von dem Holz aus hatte sich die Wespe durch die Bleiplatte der Bleikammer durchgearbeitet und hier der Fabrik einen in die Hunderttausende gehenden Schaden.zugefügt. Um die Fabrik in Betrieb setzen zu können, so erzählt Prof. Dr. Pax in einem vor kurzem zur Ausgabe gelangten „Iahresheft des Vereins für schlesische Insektenkunde zu Breslau", muhten zunächst die Löcher in den Bodenplatten der Bleikannnern beseitigt werden. Ihre Auffindung suchte man sich dadurch zu erleichtern, daß man den Boden der Kammer mit 'Wasser bedeckte. Dann machte sich sehr bald jedes Loch, in den Dleiplatien durch eine feuchte Stelle auf der hölzernen Unterlage bemerkbar und konnte nach Ablassen des Wassers von innen zugelötet werden. Die Bleikammern werden dann dadurch vor weiterem Befall durch Holzwespen geschützt, daß. zwischen die Holzkonstruktion imb die Bleiplatten eine Schutzschicht aus Eisenblech angebracht wurde, die sich bisher bewährt hat. Der Schaden ist darauf zurückzuführen, daß für die Holzbauten minderwertiges Holz, das nach dem Fällen noch lange im Wald gelagert war, Verwendung gesunden hat. Eine merkwürdige Speisekammer. Die Klasse der Würger unter den Vögeln ist durch den seltsamen Trieb ausgezeichnet, ihre Beute aufzuspießen. Doch wußte man bisher mir von den Raubwürgern, daß sie warmblütige Tiere erlegen; von dem viel schwächeren rotrÄckigen Würger war das bisher wenig bekannt. Bon der seltsamen Speisekammer, die sich solch ein rvtrückiger Würger angelegt hat, erzählt Walter Danzhaf in den „Mitteilungen über die Bogelwelt“. Er beobachtete in seinem Garten das Rest eines Würgerpärchens auf einem Mirabellenbaum und stellte fest, daß. diese Vögel eine große Menge Mäuse erlegen und sie in merkwürdiger Weise aufspeichern. Das Männchen benutzte nämlich als Speisekammer einen modernen Drahtzaun, der etwa 100 Weier vom Reste entfernt war. Dort waren eines Tages auf einer Strecke von rund 20 Meter neun junge Feldmäuse auf- gespießt, und zwar meist durch den Kopf. Fast allen Tieren war der wchädel zertrümmert. Die aufgespeicherte Beute wurde nur selten ganz verzehrt; vielmehr schrumpfen die Mumien allmählich zusammen. Seine Mahlzeit begann der Würger am Kopf und verspeiste zunächst das Gehirn, augenscheinlich, sein Lieb- lingsessen. Der Zaun war die eigentliche Speisekammer des Würgers; an anderen Stellen der .Umgebung fand man nur gang selten 1—2 Mäuse an einem dürren Aestchen aufgespießt. Riemais wurden aufgespießte Käfer festgestellt, obwohl der Vogel diesen eifrig nachstellte, teils trug er sie ins Rest teils verzehrte er sie gleich selbst. Diese Mäusespeisekammer hielt der Würger nur so lange, als Junge im Rest waren. 1 Schriftleitung: August Goetz. — Druck und Verlag der Briihl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.