W MW M'kM 1922 — Nr. 23 Samstag, 10. Auni jcheMMmiliey^ MjGießrmrZnzeizir (©tittnd-Jnjeijtrt. Der zweite EinfaA Herzog Christians von Braunschweig in Oberhsssen. Gin Gedenkblatt an die Drangsale unserer Vorfahren vor 300 Jahren. Bon Dr. August Bo «Scheu. Im November des Jahres 1621 war Herzog Christian von Braunschweig über Arolsen und Corbach in das Hessen-darmstädtische Gebiet eingefallen, um zur Anter- Pfalz zu gelangen, wo er sich mit Ernst von Mansfeld vereinigen wollte. Vereint wollten die beiden Heerführer sich sodann gegen L i! l h wenden und dem Kurfürsten F r i e d r t ch V. von der Pfalz entscheidende Hilfe bringen. Am 9.November zog der Herzog kn das Dusecker Tal und vereinigte seine Streitkräfte zwischen Großen- und Alten- Düse ck. Sn der Mitte des Dezember zog sich Christian jedoch veranlaßt durch umfassende Maßnahmen der bahrisch-ligistifchen Heeresleitung, nach der Gleen zurück bis in die Gegend von Kirtorf, Dei diesem Marktflecken kam eS am 20. Dezember zu einem Zusammenstoß zwischen dem Herzog und dem Generalwacht m e i st e r Freiherrn vvn Anhvlt. Herzog Christian erlitt eine empfindliche Schlappe und muhte am 23. Dezember seinen Rückzug nach Westfalen antreten. (Dgl. Gieß. Anz. vom 17. Dez. Nr. 296, 3. Dl., sowie „Mitteilg. d. Oberhess. Geschichtsv." Dd. XXIV). Sm Winter 1621/22 evhülte sich Herzog Christian von Draan- fchweig von dem mißglückten Zug gegen die Pfalz. Durch rücksichtslose Plünderung der reichen Bistümer Paderborn und Münster gewann er die Mittel zur Werbung für einen zweiten Zug. Sn L r p p st a d t verständigte er sich mit der Bürgerschaft, welche der spanischen Drsahung überdrüssig geworden tvar, bemächtigte sich dieser starken Feste und eroberte 12 Geschütze. Ein reicher Raub ward ihm im Bistum Paderborn zu teil. Er fand hier eine goldene Bildsäule des S t. L i b o r i u s, die ein Gewicht von 80 Pfund hatte. Er schloß den Schatz in seine Arme, Hieß den Heiligen willkommen und dankte ihm, daß er so lange Zeit auf ihn gewartet. Die bahrisch-ligistische Heeresleitung schickte auf Betreiben des Kurfürchen von Köln einige Abteilungen gegen den Herzog, die verschiedene Orte in Westfalen zurückeroberten. Es gelang Ghristian jedoch, sich zu. behaupten und feinen Verlust zu rächen. Gr setzte die fchweren Brandschatzungen in Westfalen fort gab die Juden preis und erpreßte gewaltig« Summen von D#tn Klerus. Die Stadt Münster muhte ihm über 10000 Reichstaler liefern; in Soest erlangte er einen Schatz von 130 000 Reichstaler und verschiedene Platten von ungarischem Gold. Aus dem geraubten Metall ließ er besondere Reichstaler prägen! die auf der einen Seite eine Hand mit Schwert zeigten, das aus einer Wolke ragt«, auf der anderen die Inschrift .hatten: „Gottes Freund und der Pfaffen Feind". Als sein Ziel bezeichnete er «Die Erhaltung Deutscher Frehheit". So hatte er sein Heer auf 12000 Mann Fußvolk und 82 Kompagnien Reiterei, insgesamt etwa 20 000 Mann, gebracht. Sm Frühjahr 1622 brach der Herzog aus Westfalen gegen die Weser auf überschritt diesen Fluß bei Höxter, zog durch thüringisch-sächsische» Gebiet, durch Sachsen-Coburg, die Werra aufwärts, über Kreuzburg, Vacha, die Hessen-kasseltsche Grenze entlang, nach dem Stift Fulda. Dieses muhte ihm 40000 Relchstaler Brandschatzung erlegen. Von dem Gebiet der Abtei Fulda au» nahm er Richtung gegen Frankfurt. Vorerst aber wandte sich der räuberische Heerführer gegen Alsfeld, dessen Bürgerschaft für die Teilnahme am Kampfe vom vorigen Jahve schwer büßen mußte. Das sog. Hess. O b e r f ü r st e n t u m wurde als feindliches Gebiet behandelt, wie der Landgraf von Hessen-Darmstadt überhaupt, da er Anhänger von Kaiser und Reich war, als Kriegsfeind betrachtet wurde. Auf Himmelfahrt (30 Mai alten Kalenders) rückte der Herzog in die Stadt Alsfeld ein. Die Stadt wurde der Plünderung preis- gegeben,' die Bewohner, die zurückgeblieben waren, wurdmi geradezu entsetzlich mißhandelt; kein Alter, kein Geschlecht wurde geschont. Dre Stadt muhte sofort, um sich gegen die gedrohte Einäscherung zu schützen, 6000 Reichstaler Brandschatzung zahlen. Das Hess. Staatsarchiv bewahrt noch Akten, worin die genauen Angaben über den damals erlittenen wchadrn verzeichnet sind. Diese Angaben muhten von den Untertanen beschworen werden, können also als zuverlässig gelten. Die Stadt Alsfeld erlitt damals einen Schaden von 76 700 fl. 6 Batzen,' bas Amt Alsfeld einen solchen von 23453 fl. 10 Batzen, bas Amt Grebenau einen solchen von 30266 fl. 5 Batzen 3 Kreuzer. Sm landgräflichen Schlosse zu Romrod wurde alles »kurz und klein geschlagen". Am 31. Mai verweilte Christian noch in Alsfeld und rückte am 1. Juni in Schotten ein; von der Feldkrücker Höhe aus sah er die brennenden Dörfer des Vogelsberges und den schauerlichen Feuerschein am fernen Horizont. Auch bas Amt II l r i ch st e i n mit den Gerichten Felda und Dodenhausen wurde hart betroffen; der Schaden der armen Gegend belief sich auf die Summe von 66,972 fl. 3 Batzen 31/» Kreuzer. Amtmann Kahßek zu ttlrichstein hat eine genaue „Designation der Marterund Pein, auch onzimlicher Worte, so da» Halberfl adisch« Kriegsvolk respictive an eh- lichen meinen Amts b evo l en en geubet und geredt (6t. v. 22. Juli 1622), uns hinterlassen. Wir lesen hierin u. a.; „Hans Rodern den eiteren hat ein Obrister mit einem Auge, so sein Quartier ufm Schloß gehabt, erstlich in eine Cammer ge- senglich gesperret, dah er sage solle, wo ich, der Renihmeister Meines gnädigen Fürsten und Herrn und mein gellt hatte, darnach hat er Ihm mit einer Büchßenformen ein Stück aus der Rechten handt gerißen, unnd Shm mit einem bloßen Wehr in die linke .Hand etzliche Schaidt get'han, hernacher hat er Ihm ein Seil umb den Leib werfen und Ihnen hencken laßen wollen, darvon hat er sich mit Geldt laßen müssen. Caspar Steuernageln haben sie gefangen geführt. Ihm Schrauben angelegt, Shm die Füße ausgeschnitten unnd fünften jämmerlich gepeinigt, nuhrn geldtgebens halben. Sein, Caspars Weib, haben sie gebrennet unnd darnach bis auf den Todt geschlagen. Heintz Guben Hain einen alten Rathsgenoßen, haben sie geldtgeben» halben durch einen Arm geschoßen, darvon er in wenigen Tagen hernach gestorben. Conrad Ah muhen haben sie geldtgeben» halber erschoßen. Henrich Scheffern haben sie mit bloßen Wehren jämmerlich den Kopf und eine Handt zerhauen, alßo. der ers sein Lebenlang nicht verwindet. Henrich Decker» Wittibe 'haben sie geldtgebens halben bis uff den Todt geschlagen und gar jämmerlich gemartert, ist fast ein achtig- järrges Weib. Curt Keiln haben sie zwen Finger geldtgebens halben zusammen gebunden, unnd Shm mit einem Stecken dazwischen bi» uss rohe Fleisch gegeiet, alßo daß es geblutet, darnach haben sie Shm mit Knütteln die Lenden blau und schwarz geschlagen, unnd zu ihm gesagt, dazu brächte sie Ihr Herr, unnd so al» er fk umb des lieben GorteS willen um Srlkchung gebeten, La haben sie gesagt, sie sein umb Gottes willen nicht va. Henn Heiderichen einem gantz Blinden und Lauben, so fast Uber 80 Qar alt, Haben sie geldtgebens halben ein HanLt beinahe gar abgcHauen " Die entmenschte Soldateska trieb die Unbarmherzigkeit und den gottlosen Mutwillen so weit, datz sie die armen Opfer am Skrotum lebendig aufhrngen und alte Priester kastrierten - Von Schotten rückte Herzog Thristtan am S Juni ab unb gelangte noch an diesem Tage bis Nidda. 3m Gebiet dieser Grafschaft tat er ebenfalls ungeheuren Schadm; fiter belief er sich auf 344 783 sl. 1 Batzen 1 Kreuzer. Auch die Bemter Durggemünben, Storn,felS Litzberg, Ober- Dvtzbach, Homberg vor der Höhe, Drünberg wurden schwer betroffen. Der gesamte Schaden tm »Oberfürstentum beitet sich auf 1 012 651 sl. 10 Batzen »/, KrMer. Man Hat mitunter angenommen, datz diese ^Men staick übertrieben seieir Es mag ja vorgekommen sein, datz die -Zahlen teilweise etwas hoch angesetzt wurden. Wir müssen tedoch bedmrken, datz diese Berichte eidlich beschworen wurden. Der Grd aber wurde früher sicherlich nicht weniger heilig gehalten, tote heutzutage. In der Hauptsache, das müssen wir wohl als sicher annehmen, werden die Berichte über die Schäden zutreffen. Dre Drangsale und Schädigungen der vberhessischen Bevölkerung sind jedenfalls geradezu ungeheuer gewesen. — Bon Nidda aus zog Herzog Christian im Lale des Niddaflusses weiter vr die Wetterau hinein Am 4. Juni nahm er Ober-Llrsel bei Homburg em, und am folgenden Tag standen seine Vortruppen schon vor Höchst am Main, schon im Gebiet von Kurmatnz. Hier ereilte den räuberischen Bandenftihrer schon am 10. Juni (alter Kalender) Las wohlverdiente Geschick einer völligen Niederlage. — Eine alte Vogelsberger Sage, die mir 1886 von Bürgermeister Weidner e«Wlt wurde (nach Mitteilung feiner Großmutter um 1850, hie sie „von den Altvordern gehört hatte"), meldet: Sin schwedisches Degiment lag in DermutShain. Dieses schickte eine Abteilung in den Obevwald. Hier fielen die Schweden einer überlegenen Anzahl von Schnapphähnen in die Hände. Nach einem kurzen, heftigen Kampfe lagen all« «Schweden totwund aus dem Rafen. Nur ein Trompeter war übrig geblieben. Dieter lletterte auf einen Daum und blies aus Leibeskräften LaS Lied: „Wenn wir in höchsten Nöten sind!" Da traf ihn eine mörderische Kugel, und er stürzte durch die Zweige zur Erde nieder mit zerschmettertem Leibe. Die Lüfte aber trugen den Schall der Trompete zu den Kameraden. Sofort sah eine Kompagnie auf unb eilte in eben Oberwald, itn dte Gegend, wo ste den Trompetenschall vernommen halten. Als sie an die Stelle d«S Kampfes kamen, fanden ste nur ihre gemordeten und ausgeplünderten Kameraden. 'Das Raubgesindel aber hatte sich geborgen. Aus Dache wurde nun das Standquartier eingeäschert. Dies« Sage wird in mancherlei Varianten und Lokalisierungen in den Orten deS Oberwaldes erzählt, so mit Bezug auch auf die Wüstung Schershatn im Oberwalb, auf Herbstein, Grebenhain Crainfeld. Die Sage erinnert in einer geradezu überraschenden Weise an das Rvlandslied. Gemeinsame Züge sind: Äeberfall der Nachhut in räuberischer Weise Ermordung aller Krieger bis auf einen, den Trompeter Signal an dte fernen Kameraden, Wiederkehr des Heeres und Rache an den Mördern. Die Gebirgler treten an ole Stelle der Basken, dte Schweden an dte der Franken; Roland verwandelt sich in den übrig gebliebenen schwedischen Trompeter. Pampelonas Eroberung ist die Besetzung von Herbstein oder Bermuthshain. Dte Sage vom gemordeten Trompeter im Oberwald, dte noch heute in allen Orten des Hohen Vogelsbergs lebendig ist, möchte ich auf den Einfall Christians von Braunschweig im Sommer 1622 zurück« führen. Geschichtlich ist, datz damals das Dorf Erainfeld, der alte Sitz eines besonderen Gerichts, in Flammen aufging, und datz auch DermutSHa in und Grebenhain mit Feuer und Schwert verheert wurden. Ebenso ist geschichtlich, datz eine parke Spannung zwischen Behörden und Bewohnern der Land- araf schäft Hessen-Darmstadt und der Grafschaft Isenburg-Büdingen vorhanden war. Wolfgang Heinrich I. Graf von Isenburg (1588—1635) befehligte unter dem Herzog Christian ein Regiment von 2400 Mann und zeichnete sich durch seine .Umsicht und Tapferkeit wiederholt aus. 3n der Schlacht bei Höchst deckte er den Rückzug, nahm persönlich am Kampf teil und geriet in die höchste Lebensgefahr. Mit dem Rest seiner Truppen blieb er bei dem unglücklichen Heerführer und begleitete ihn durch Lothringen bis in die Niederlande. Wegen des Rschtsstreites um das Amt Kelsterbach herrschte schwere Spannung noch damals zwischen Hessen-Darmstadt und Isenburg-Büdingen, ebenso wegen der Tatsache, datz dte beiderseitigen Behörden sich- bemühten, die Kriegszüge in das nachbarliche Gebiet zu leiten. Geschichtlich ist auch datz daS Isenburgische Regiment, mit roten Hüten ausgestattet, damals das Dorf Erainfeld geplündert und in Asche gelegt hat. Graf Wolfgang Heinrich I. von Isenburg- Büdingen wurde später, im Jahre 1630 auf dem Reichstag zu Ragensburg der halben Pön des LandfriedenSdruchS für schuldig erklärt und zum Ersah alles Schadens verurteilt, den er dem Landgrafen zugefügt. Der Graf 'mürbe durch den Landarafen aus Offenbach unb von Haus und Hof vertrieben. Er Wchtete nach Frankfurt. Da wurde Gustav Adolf sein Setter. Der Graf focht 8e< Leipzig tapfer unter dem Schwedenkönig, nahm auch an der Schlacht bei Nördlingen teil, starb jedoch Plötzlich qm 22, Februar 1635, Go erlebte er nicht mehr die Sequestration seines Landes durch das kaiserliche Dekret vom 7. Juli 1635, das er hauptsächlich veranlaßt hatte. Allen Umständen nach aber werden wir kaum fehlgehen, wenn wir den aeschichtlichen Hintergrund der „B o g e l s b e r - gerRvlandssage" in ber Einäscherung von Crainfeld und Grebenhain erlernten (worüber die Pfarrchronik von Crainfeld genauere Einzelheiten gibt neben Archivallen von Grebenhain). Datz jedoch das friihere Dorf S ch e r s h a i n, dessen Lage zwischen Herchenhaitt und Grebenhain wir durch seine Spuren (Mühlgraben, Hausanlagen) noch heute fest- Selfen können, durch ein Kriegsereignis zerstört 'wurde, wie le Bevölkerung des Vogelsbergs allgemein noch, glaubt, ist ganz ungeschichtlich Diese Wüstung entstand allem Anschein nach aus friedlichem Weg infolge Wegzugs ber Bewohner auf einen günstigeren Boden; schon 1578 erscheint Schershain (ScherShagin 1399) urkundlich als Wüstung. Die Bezugnahme auf die Schweden durch die Volkssage aber wurde wohl dadurch gefördert, datz Graf Wolfgang Heinrich I. durch dessen Kriegsvolk das Dorf Crainfeld eingeäschert wurde, ein schwedischer Parteigänger war. FriedrlchGotthard Herrchen zu Hohensolms vormaliger Feldscherer. (Lebenslauf und zeitgeschichtliche Bilder 1714—1786 nach seinen Aufzeichnungen.) Von Dr. H. Berger-Dietzen. Dte Pfarrei Hohensolms besitzt eine wertvolle Urkunde aus dem 18. Jahrhundert, das Tagebuch der Familie Herrchen, das ausführlich die Lebensschicksale seiner Mitglieder beschreibt und interessante Bilder aus der Zeit und ber Kriegsdrangsale von Hohensolms im 7-jährigen Kriege bringt. Es beginnt mit 167 3 mit der Niederschrift des Lebenslaufes von Daniel Heinrich Herrchen, der 32 Jahre als praeceptvr und Organist in Hohensolms wirkt«. Mit 16 Jahren trat dieser schon in Haiger bei dem dortigen praeceptvr kn dwt ’ Schuldienst^ um „das Orgelschlagen, Lesen, Schreiben unb Rechnen Und alles, was nötig war zur Verwaltung des Schuldienstes zu erlernen". Die Familie Herrchen flammte aus H a i g e r in der damaligen sürst- lich-Dillenburgischen Herrschaft, wo Friedrich Herrchen ein an- geseHener Bürger und Leutnant des Amtsausschusses gewesen. Sein Sohn^ fcet eben erwähnte Daniel Heinrich Herrchen. war nach wochfelnder Schultätigkeit in Selters und Runkel und nach einer entbehrungsreichen Wanderschaft um 17 00 nach HohenfolmS als praeceptvr und Organist gekommen, wo et nun dauernd blieb. Es 'war ein gottesfürchtiger und rechtschaffener Mann, der sich die Liebe der Einwohnerschaft und vie Gunst deS gräflichen folmsischen Hauses erwarb; denn er Wußte, neben seinem Schuldienst „in bürgerlichen Sachen das Meiste wieder in Richtigkeit zu bringen, hat auch Ihrv Hoch- gräflichen Gnaden dem regierenden Grafen Friedrich Wilhelm zu Solms unb Lich seine Chatulrechmne und Korrespondenz geführt und bei den damaligen Troublen unb Schuldenwesen vieles ausgepanden, Tag und Nacht schreiben müssen". Nach 32jähriger Amtstätigkeit in Hohensolms segnete er 1732 das Zeitliche. Daniel Heinrich Herrchens jüngster Sohlt, FriedrichGott- »ard Herrchen, ein viel gereister Mann zeitweise Feld- cherer, sammelte 1732 die losen Blätter der Aufzeichnungen eines Vaters. Dessen gewissenhaften Berichte gaben dem Dohne Änlatz, seinerseits auch seinen Lebenslauf zu beschreiben, „damit die nach mir Lebende ober meine Nachkömmlinge meine autz - gestandene und gethanene Reiv.e, Herkunft und Geburt erfahren mögen". Der „mühe seelige und jammervolle Lebenslauf' des Friedrich Gotthard Herrchen verdient, datz 'wir uns im Folgenden toegen der Kulturgeschichtlichen und Kriegsgeschichtlichen Bilder, die er bringt, näher beschäftigen. Am 9. Januar 1714 wurde Fried richGottharbHerr- chen als 2. Sohn des Praeceptors Daniel Herrchen zu Hohensolms geboren, Nach seiner Konfirmation kam er 172 9 in die Lehre zu seinem Schwager Friedrich Brade, ber Barbier und Hofchirurg.zu Hohensolms war, um dessen Profession zu lernen, Mit dem Barbievergeschäst war damals meist auch die Ausübung der Chirurgie verbunden. So war es auch Brauch in Gießen; denn Gotthard Herrchen wurde in Gießen in das „Lehrjungenprvtokvll" auf drei Jahre Lehrzeit eingeschrieben, GS wurde ihm aber ein Vierteljahr geschenkt, so datz fein Vater das Vergnügen hatte, khn vor seinem Ende (1732) als ausgelanten Gesellen zu sehen, Weil aber zu Hause „keine bleibende Stätte" war für den jungen Gesellen, wollte er fein Heil in ber Fremde suchen. Um in 'seiner Profession mehr zu lernen machte er sich mit einem Rekommandationsschreiben auf den Weg nach Dietzen. Hier fand er Beschäftigung bei dem Chirurgen Neuling gegen einen Lohn von 15 Kreuzern wöchentlich Gr hielt es aber Mur 4 Wochen bei Neuling au«, weil Bon der Zawvdvwski-Jnsel fuhren wir ostwärts und ge* Der Sadhu <8 ete «ch Mi st> datz sie Bto zum Eten und manche von er ihre Haltung, die id I erregte unter ihnen i» j unteren Rand deS ger Brav«, oer oem a-rum ergeoen war, ivutve Ausbildung versäumt. So bekam Gotthard nach 4 Wochen in Diehen seinen Abschied, Packte auf und kam nach Haus, wv seine Mutter ihn mit Thränen empfing, da sie alS Witwe außerstande war. wr ihn zu sorgen. Mit wenig Zehrgeld machte er sich aus die Wanderschaft nach Frankfurt am Main und fand Stellung gegen freie Kl langten unter beständigen Lotungen in ein Gebiet, das voll von iÄsbergen der verschiedensten Art, Gestalt und Grütze war. Manche waren flach und breit, grobe Stücke der Gisbarriere, die kürzlich abgebrochen waren und ins Meer schwammen andere waren wundervoll gestaltet und phantastisch geformt mir hohen Wällen, riesigen Höhlen, in denen das Meer gurgelte und brauste, mit spitzen Türmen usw. Es gibt einen bezauberten Anblick, diese majestätischen Gebilde dahingleiten zu sehen." Das schlechte >v— -—— ----------- u , Wetter, das nunmehr einsetzte rief eine Reihe von Llnglücks- len wechseln". 1733, am 3. März machte I hervor, infolge deren ein Mitglied der Expedition, Worsley, Weg nach Frankfurt und fand Stellung I s<^er verletzt wurde und viele Wochen zur Genesung brauchte, hausen bet dem Chirurgen Schl ich t gegen I Ende Januar gelangte man glücklich aus der Eisberggegend ins lerdings nur auf 1/t Hahr. Aber er hatte hier, wie j offene Meer, und Mele Tage lang war kein Eisberg zu sehen. • "* c"“' Anfang Februar setzte ein Ästiger südlicher Wind ein, und bald trafen sie nun wieder auf Gis in 85 Grad 18 Min. südlicher ,---- ----- Breite und 15 Grad 23 Min, östlicher Länge. Zunächst war es fahre bei der Witwe Reu ho ff als 2. Geselle I schwierig, sestzustellen, ob das der Rand des Packeises war oder finden wir Gotthard Herrchen in Stellung bet I nicht, aber allmählich erkannten sie, datz sie sich im Packeis be- > u t e r in M a i n z, al» 2. Gesellen, deren Mann I senden das durch den Südwind geöffnet worden war. Bei --------, -----fe,. gingen Widerstandskraft des Schiffes wollte Wild unter allen Umständen versuchen, aus dem Gis herauszukommen, aber nur unter den größten Schwierigkeiten. Das dichter die Schiffahrt immer gefährlicher. Bei Kost bei dem Chirurgen Reumann. Da diekr aber, als die Messe vorbei war. nicht mehr so viele GMlen brauchte, bekam er seinen Abschied. Da er sich aber schämte, nachhause zu gehen wollte er Sowat werden rmd die Muskete nehmen. Kn .chrtstliebender" Mann, ein Schlaffer, widerriet ihm und versprach ihm eine andere Kondition zu Ehrifitag, „5a die Gesellen wechseln" 1739 nm 9 mn(fytä er sich wieder auf den ----' in Sachsenh^^ , .— - Sä' * Die Abenteuer der Shackleton-ExpedMon. (Gin neuer Bericht.) Der Rachsolger Les verstorbenen Sfeckleton in fer Führer- Mbatt seiner letzten Expedition, Commander Frunk Wild er- Ä in eänem ausft^lchen Bericht die Abenteuer des Heinen Torlcherschistes „The Quest", das mitten unter dem ewigen Grs unddenwüsten Inseln des antarktisch«! Erdteiles sich mühsam fchte Dahn brach und schwere Gefahren glücklich ^überstand. WM> ein Veteran der Polarforschung, der seine fünfte Ex HeMt/eroÄfnfii-t mit fier Quest" glücklich überstanden hat, beginnt Elt Ä feMlfe v7n Leith Harbour in Sich- aeoraten nach Cooper Bai. die am 15. Januar M-in nahm ?en Geologen der Expedition DvuglaS und den Meteorologen Carr an Bord, nachdem sie in der Dai gEologchhe^tersuchungen rtiiÄA-füftrt hatten Dann ging es Werter nach Larsen Barovur, . -^aperoayn xcyov. nnt nuyncii um ««««■» o- wo mandie^ Rächt über vor Anker ging und weitere geologische I und doch hindurchzukvmmen. Rach rnelen Stunden v^wÄf elfer Arbeifen unternEmen wurden. Carr berichtete er febe von den ----------— - *«* °°r6el’ Aüaeln über Cooper Bai in der Richtung der Chnke-Fellen I gesehen, was ihm ein Vulkan während eines Ausbruche« | tu sein schien. Längeren Aufenthalt nahm man dann auf der I Nördlichsten den Sandwichinseln der Zawodowskh-Qnseln. Hier I entfaltete sich ein reiches Süöpolartierleben. von dem Will» I BerUtet: Tausende von Seevögeln sammelten sich, um uns. I TwSrn Albatrosse, und alle Arten von Sturmvögeln. R-md I um die' Küsten der Inseln waren zahlreiche Eisberge^ und alle I waren dicht bedeckt mit Ring-Pinguinen. Auch das Meer ^ngs um die Insel war lebendig von allem möglichen Getier. undsie I kamen zu Hunderten auf unser, Schiff | und au« ihm herauslugend, beständig ihre merkwurdrgm Rufe I ertfrnen lassend. Die Pinguine, die in ihrem Aussehen und ihrem I Benehmen so wunderlich menschlich wirken, boten uns eine un- I endliche Quelle deS Vergnügens, und wir konnten ihnen stunden- I lang »»sehen, ohne müde zu werden. Die Snsel ist felsig und I wüst überall außer an der Westsette mit Schnee bedeckt: sie | fleiat zu einer hohen Spitze empor, deren Gipfel aber infolge I feg tiefliegenden Rebels unsichtbar war und deffen genaue Hohe I wir nicht feststellen konnten. Den Saum der Insel bedeckte eine I rötliche Schicht vulkanischen GesteinS. Sm allgemeinen ist die I Insel unzugänglich und nur an zwei oder drei Stellm kmm I man bei gutem Wetter landen. Zahlreiche Höhlm strömten I Schweseldämpfe au«, deren Einatmung sehr unangenehm ist: wir I bemerkten, daß es in der RSHe dieser Höhlen keine Pinguine gab. 1 An der unteren Küste der Insel waren zahlreiche KbnigSpinguine, wahrend die oberen Teile mit riesigen Scharen von Rwgpmguinen I bedeckt waren, die hier gewaltige Brutstätteni besitze« wenn I auch nicht so groß wie auf der Maquarieinsel. AlS wir die imsel I verließen fuhren wir dicht an einem mit Pinguinen bebedten | fer^Wttwe^Kreuter in Mainz, alS 2. Gesellen deren Mann I Uirurg am kurfürchlichwi (bischöflichen) Hof «ewesm war. Hier j fe. tollte er die Tochter der Witwe heiraten und erhielt Aussicht | t auf Liebergabe der Darbierstube, wenn er die katholische Religion I fe6 gelang ihm nur unter den größten Schwierigkeiten. Das annebme. Er blieb hier nur V- Jahr. Der Obergeselle bat mtt I Eis wurde immer dichter, die Schiffährt immer gefährlicher. De» chanaier ung der Religion'^ die Tochter geheiratet und MangÄl an Kohlen suchten sie das Fett der erlegten Robben kft Hofchirurg geworden. „Mir aber schmegte daS nicht. I .ur Feuerung zu verwenden. Die Lotungen, dfe innerhalb von 1736 begab sich Gotthard Herrchen als Feldscherer in I Jo von 1555 Faden auf 1089 Faden zurückgingen, deuteten den Dienst der Kaiserlichen Arm« beim Dragonerregiment deS I 6ie Aähe von Land hin, Aber es zeigte sich nichts, und am Grafen Philipp das SfamaK in dem Krieg des Kaiser« Karl I Februar in einer südlichen Brette von 69 Grad 18 Min. und de« VI und der Krone Frankreich am RhÄn stand. Herrchen I Grad 11 Min. Länge waren sie im Packeis sesigefahren: die Echte am 11 Oktober die Schlacht bei Trarbach an der Mosel Demperatur fiel Plötzlich und es bestand die Gefahr, datz das mtt und wurde am rechten Dein verwundet. Rach erhaltenem । ---n-x- ffiofnfir fi-« 3er. Abschied versuchte er auf Rekommandation alS Feldscherer ^i fen fessischen Truppen in Kassel anzukommen, fand aber schon alle Stellen besetzt. (Schluß folgt.) 92 — Schriftleitung: 3. B.. Karl Walther. - Druck und Verlag der Briihl'schen Untv.-Buch- und Steindruckeret. R. Lange, Dießen. Daß ein ausgezeichneter Theologe, B. H. Streeter, und ein hochgebildeter indischer Christ, 21. I. Appasamy, die beide die Gelegenheit zu naher Bekanntschaft mit dem Sadhu wohl cms- genutzt haben, gemeinschaftlich den englisch sprechenden Christen einen Bericht über seine Persönlichkeit, sein Leben und fein Werk geben, ist an sich schon ein Versprechen, daf> das 'Buch eine seltene Bereinigung von mitfühlender Einsicht und kritischem Llnterscheidungsvermögen bieten wird. Dies Versprechen ist voll ersütlt. Das Buch ist sowohl biographisch tote auch hinsichtlich religiöser Fragen hervorragend interessant und bringt eingehende Deelenanalhse vereint mit Material von außergewöhnlichem theologischem Werte: alles in einfacher, allgemein verständlicher Sprache gegeben und ständig veranschaulicht durch die eindrucksvollen Gleichnisse und Bilder des Sadlms. Sadhu ©unbar Singh ist ein indischer christlicher Mystiker, dessen Leben von der Zrit seiner Bekehrung an dem Dienste seines Meisters gewidmet war mit einer Hnrgabe und Freude, die an Franziskus v. Assisi gemahnen. Gr ist wie ein Heiliger ohne jedes Besitztum außer den Kleidern, die er trägt, seiner Decke und seinem Reuen -Testamente durch ganz Indien gewandert und hat seinen Landsleuten Christus gepredigt, wie nur ein Inder es kann. Wiederholt hat er Missivnsreisen nach Tibet unternommen, einem Lande, das christ- lichen Missionaren verschlossen ist), und hat dort schwerste Verfolgung gelitten. Gr hat aud>, in Ceylon und China gepredigt und kam letztes Jahr nach Groß-Britannien, besuchte Birmingham, wo er eine Ansprache an die Studenten Hielt, Oxsurt und London, wo er den Erzbischof von Cauterbury und den Bischof von London traf und zu einer großen Versammlung sprach. Seine Persönlichkeit und seine Entwicklung bieten nach verschiedenen Seiten hin Interessantes. Gr ist ein Mystiker unserer Tage, des praktischen Lebens, und „gerade die Kraft seiner religiösen Erfahrung treibt ihn zu tätigem Dienste", Gin Studium seines Lebens und seines Werkes mnn daher ehre Flut von Licht verbreiten über Männer wie Paulus und Franziscus. Der Sadhu ist ein indischer Mystiker, dessen Mystik kein unbestimmter Pantheismus ist, sondern eine persönliche Konzentration von Leben, Denken und Andacht auf Jesus Christus. Als Orientale vermag er dem Geistesleben des Abendländers zu helfen, vieles in seinem eigenen, aus dem Orient überkommenen Glauben richtig zu schätzen, was er nicht versteht, ober vergessen hat. Ihm sind Gleichnis und Bild ebenso sehr die natürliche Art, die Wahrheit zu lehren, wie sie es Jesus selbst waren. Das Ziel der Verfasser ist, uns einen klaren und kritischen , Bericht zu geben von des Sadhu Erfahrung und Lehre etnschließ» lich seiner Mystik, seiner Visionen, Gleichnisse und Theologie. Seine Mystik ist kein gewöhnlicher indischer Pantheismus — den verwirft er entschieden — sondern sie Hat ihren Mittelpunkt in Christus. Wie Paulus, der große christvzentrische Mystiker, denkt der Sadhu, wenn er von Christus spricht, weniger an den Jesus der Geschichte, als an den ewigen Christus, da« Bild deS unsichtbaren Gottes. Einst hatte er eine Vision der Dreifaltigkeit, die sehr klar die Stellung zeigt, die Christus in seinem Denken und Erleben etnnimmt. Der Sadhu hat häufig Visionen und Verzückungen, doch ohne 'ich hineinzusteigern, auch legt er der Vision nicht ben hohen Wert bei wie viele mittelalterliche Mystiker. Sundar Singh denkt in Bildern und Gleichnissen, wobei er nicht zuerst den Grundgedanken sieht und dann sorgfältig ein passendes Bild zusammenträgt. Immer flammt in seinem Geiste der konkrete Fall al« lBendiges Bild ober al« Geschichte auf und das ist ihm das Wesentliche. So e erzählt er -z. B. die« Gleichnis über das Leben nach dem Tode: „Die Herme sprach zum Küchlein in der Schale: Kleine« in -wenigen Minuten wirst du diese Schale verlassen. Danrr wirst du mich, deine Mutter sehen. Du wirst auch-die Welt um dich sehen, voll von schönen Blumen und Bäumen. Aber das Küchlein behauptete hartnäckig das Reden über die Mutter und bte Welt fei Lüge. Bald jedoch brach bte Schale und das Küchlein kam heraus. Es sah seine Mutter unb die Welt umher und wußte, baß der Mutter Worte alle wach- gesprochen waren." Der Sadhu weiß nichts von mo° dem« Bibelkritik und dem Wechsel theologischer- Anschauungen, die sich tn der christlichen Welt des Abendlandes auswtrken Zrtrem hat er wenig ober krine Neigung für moderne Kritik und seine erste christliche Umgebung trug den Typus der Berbalin- Mration. Es ist daher sehr beachtenswert, daß er durch geistige bmfuhlung zu einer theologischen Stellungnahme gekommen ist, afsallend ähnlich der, zu der viele evangelische liberale Theologen ?omehmlich auf dem Wege der rationalen Kritek und Btbekrklarung. Instinktiv dringt er über das verderbliche Miß. verstehen paulinischer Ausdrucksweise hinaus, das in der christ- lichen Kirche solches Aichril angerichtet hat unb erfaßt ba« Wesentliche, was der Apostel veMndet." (Sine kleine Schrift über den Sadhu, von Schaerer verfaßt ift neuerdings erschienen. Der vorstshenbe Aufsatz beruht auf h^tJ£e^a^'cle W Streeter und Appasamh. da« soeben in deutscher Sprache erschienen ist.) Schiffe, Vie unter einer Stadt fahren. Da« technische Wunder, daß große Schiffe von 1500 Tonnen unter einer Stadt durchfahren wird zur Wirklichkeit werden, wenn der riesige Schweizer Plan der Verbindung des Rhein« mit der Rhone verwirklicht werden sollte. Unter der Stadt Genf werden dann Dampfer verkehren, bte Frachten von den Häfen der Nordsee und von London zum Fuß der Alpen unb weiter führen. Da die Rhone bei Gens sehr flach ist so soll ein tiefer Kanal angelegt 'werden der mit dem Genfer See in Verbindung steht und dieser Kanal soll unter 'der Stadt Gens selbst durch» geführt werden. Die Schweiz, ein Binnenland ohne Hasen würbe durch diesen projektierten Ausbau der europäischen Wasserwege einen ungeheuren wirtschaftlichen Aufschwung nehmen, denn wenn die großen Verkehrsadern des Rheins, der Rhone und der Dona« für Seeschiffe von 1000 Donnen fahrbar gemacht wird wird die Mittelpunkt und das Durchgangsland 'für eine« großen Teil de« ganzen, auf Wasserwegen geführten europäische« Handels. Wenn die von den verschiedenen am Rhein interessierten Regierungen geplante Regulierung des ©tromlaufe« durchgeführi fein wird, bann werden Schiffe von 1500 Tonnen Basel zu jeder Jahreszeit erreichen können. Von Basel wird ei« Schleusenshstem die Schiffe bis zum Konstanzer See Bringen, wobei für die Verbindung mit der Donau bei Htm durch eine« Kanal gesorgt wird. Dadurch erhält die Schweiz eine direkte Verbindung mit Rumänien unb den Weizenländern des Osten« Aber von noch größerer Wichtigkeit für die Schweizer biirfte die Rhone sein. Biele Millionen Franken werden freilich baiu verwendet werden müssen, um diesen Fluß bis Genf schiffbar zu machen. Aber wenn der Genfer See im Sommer als Wasserreservoir benutzt wird, wird man-dadurch zugleich billige Wasserkräfte für die Industrie erhalten. Am den Kanal vom Genfer See nach dem NeuchLteler See zu führen, wird ein sehr kompll, ziertes Schleusensystem nötig sein. Die Kosten für diesen TÄ der Kanalanlage allein werden auf etwa 175 Millionen Franken berechnet. Don AeuchStel wird der Kanal durch den Dienner See und die Aar entlang laufen, um bei Felsenau in den Rhein zu münden. Weitere Wasserwege werden Zürich mit Luzem und Bern mtt Thun verbinden. Auf diese Weise könnten Waren von London direkt bis zum Thuner See transportiert werden also nur 45 Kilometer mit der Bahn von der italienischen Grenze entfernt. Man schätzt die Kosten dieses Kanalplanes, der Rotterdam mit Marseille verbinden würde, auf 400 Millionen Franken: es 'würde aber damit ein bisher unerreichtes Wunder der Techn« von größter wirtschaftlicher Bedeutung geschaffen werden. Die Bekämpfung der Obstmade. Der gefährlichste Schädling unserer Obstgärten, dessen unheilvolle Freßsucht und alljährlich viele Millionen kostet ist die Obst- mode, die Rouve eines kleinen Schmetterlings, des Äpfelwickler« tod&renb man in Amerika schon seit längerer Zeit Bekämpfung«. nEvden diese« Schädlings ausgebildet hat, hat man bei uns di- Made ruhig teilten lassen, und erst jetzt macht Prof < tBrcßlau tn der „.Umschau" auf ein wirksames Mittel der Der- nichtung dieser Tiere aufmerksam. Das Weibchen des Apfek- ÄÄ"®? der Lleberwinterung im Frühjahr seine 20 bch 80 ©ter rinzeln an den pingen Früchten unserer Apfel- und Birnbäume ab,- nach 10—12 Tagen schlüpft die junge Obstmade auS und dringt bald in daS dimere der Frucht, wo sie sich »cn dem Kerngehäuse, dem Lebensmark der Frucht, nährt uich diese dadurch vernichte. Rach etaxi 3-4 Wochen ist die Obst- made erwachsen, verläßt durch einen von ihr angelegten Seiten- und spinnt sich nun in der Baumrinde zum Ueberwintern ein. Die von ihr beschädigten Früchte toerben "ach Verlust der Kerne frühreif und fallen meist ab. Jede« Jahr geht auf diese Weise ein großer Teil der Ernte oft o0 $vo3entunb mehr, zugrunde, unb Jo werden dem deutschen Obstbau attiehrlich viele Millionen Mark Schaben zugefügt/ D» zahllose Vorschriften auch zur Bekämpfung dieses Schüdling« bisher angegeben wurden, sv fehlte doch ein wirksames Vernich- tungsverfahven bisher bei uns vollständig. Erst durch die Arbeiten des Münchener „Forschungsinstituts für angewandte Zoo- lvgt« und der Neustädter „Versuchsanstalt für Wein- und Obst- bau ist ein einfaches Mittel gefunden worden, das den „schwachen Punkt in der Lebensgeschichte der Obstmade benutzt. Auf der Wanderschaft in das Innere der Frucht begibt sich nämlich der größte ~etl der frisch geschlupften Maden unmittelbar nach bem Verlassen des Eis zu dem Kelch der Frucht, um von W au« m das Kerngehäuse einzubringen. Vorher bleiben di« Räub> gen einige Tage im Kelch unb nehmen hier al« erste Mahlzeit die noch vorhandenen Reste der Staubgefäße und de« Griffel« zu sich In diesem Zeitpunkt können die Maden leicht obgetötet • werden, indem man nämlich die Apfel- und Birnbäume sofort. üE^I^^eblüt haben. mit Uraniagrün einem arsenhaltige«, Mittel, spricht. Es bleibt dann nämlich in dem Kelch ein wenig von dem Arsengist, durch daS die Made vergiftet ivird Damit [in6 «Ile gespritzten Aepfel und Birnen vor weiteren Angriffen der Obstmade geschützt, unb der Ertrag der Ernte an gesunden Früchten steigert sich um 30 Prozent unb mehr.