Samstag, S. Dezember 1922 — Nr. 49 n Liselotte von der Pfalz. Zu ihrem 200. Todestag«, 8. Dezember. Bon Dr. Paul Landau. Es gibt Figuren in der Geschichte, denen ein Volk seine besondere Anteilnahme zuwendet: sie sind bekannter und verehrter als viel bedeutendere Gestalten, die aber nichts Populäres an sich haben. Dies« historischen Lieblinge einer Nation brauchen in der Welt der Politik keine groß« Rolle gespielt zu haben, werden vielleicht von der offizielle Geschichtsschreibung nur flüchtig erwähnt; aber was sie über mächtige Staatsmänner und gewaltige Feldherren in dem Gedenien uec Nachwelt heraushebt, ist ein warmer Herzenston, der von ihnen ausgeht, eine eigene Mischung der Eigenschaften, in denen die Späteren einen Spiegel der guten Seiten des Bvlkscharakters erkennen. Zu einer solchen Lieblingsgestalt ist für uns die „Pfalzer Liselotte" geworden, die „Grande Mademoiselle" am Hofe Ludwigs XIV., die hier nicht mehr war als viele andere Damen an dem mit Prinzessinnen so reich gesegneten Hof des Sonnenkönigs. Aber nachdem sie im 18. Jahrhundert vergessen war, hat die Romantik sie mit dem Aufleben des deutschen Nationalbewusstseins nach den Befreiungskriegen entdeckt und als ein Sinnbild deutscher Treue und Ehrlichkeit gefeiert. Damals erschien im Jahre 1820 das Buch von Schütz. Sainte-Beuve, der unvergleichliche Kenner echter Persönlichkeiten, schuf in seinen „Montagsplaudereien" von ihr ein lebendiges Bild, und auch später tnoch hat die französische Forschung in den Werken von Gauthier-Villars und Arvede Bärin« sich mit feinem Derständnis in diese dem französischen Geist so fremdartige Natur vertieft. In Deutschland Letzten sich die Pfälzer W. ^. Riehl und Ludwig Häuher für di« Landsmännin ein, in der sich der Charakter ihres Bolksstammes so prächtig verkörperte, und nachdem die erste große Veröffentlichung ihrer Briese erfolgt war, nachdem Ranke ihr im Rahmen der französischen Geschichte den Platz angewiesen, konnte Häuher schon feststellen, „Elisabeth-Charlotte fängt fast an — was sie nie war und nie werden wollte — salonfähig zu werden." Seitdem ist immer mehr aus dem schier unerschöpflichen Briefschah der fchreiblustigen Frau ans Licht gekommen; ihre Gestalt wurde in Gedichten, in Dramen und Romanen gefeiert; ihre prächtigen Briefe sind in großen und kleinen Ausgaben verbreitet. Vortreffliche Lebensbilder, wie die von Jakob Wille und Gertrude Llretz, sind ins Volk gedrungen. Bei der 200. Wiederkehr ihres Todestages richten wir unsere Gedanken voll Anteilnahme aus den bescheidenen Sarkophag in der Kirche von St. Denis, der uralten Begräbnisstätte der französischen Könige, wo dieses deutsche Herz nun ruht, einfach und prunklos, wie ihr Leben war, auch im Tode noch fern von der geliebten Heimat. Wieder wie zu ihren Lebzeiten hausen Franzosen am Rhein, bedrücken die Pfalz und saugen sie aus. Die alte deutsche Wunde, an der sie so schwer getragen, ist neu ausgebrvchen und blutet frisch. Es ist der alte Jammer deutschen Schicksals, der uns zu ergreifend aus ihren Briefen entgegentönt, aus den Klagen um das Los des Daterlandes, an dem sie mit allen Fasern hing, dem sie Treue und Hingabe inmitten alles welschen Prunkes stets bewahrt hat. Tragisch wie wenige Lebenslose war das der Pfalzgräfin Elisabeth-Charlotte, der Tochter des Kurfürsten Karl Ludtrüg, des Wiederherstellers der Pfalz, der so schwer von den begehrlichen westlichen Nachbarn jenseits des Rheins bedroht wurde. Als Opfer der hohen Politik war das frisch« gesund« Mädchen mit dem klaren Verstand und der ehrlichen deutschen Gesinnung an „Monsieur" verheiratet worden, an den Herzog von Orleans, den weibische« verderbten Bruder des grohen Herrschers. Man kann sich keinen grelleren Gegensatz denken als die Erscheinung dieses urwüchsig trotzigen Naturkrndes an dem Versailler Hvs. an dem höchste Verfeinerung und strengste Hofetikette, imponierender Glanz und hochentwickelte Kultur sich mit Sittenlosigkeit und Falschheit vereinigten. Sie, die vorher nie Parkett gesehen — in Heidelberg „gab eS nur Bretter" — muh nun die ersten unsicheren Schritte auf diesem glatten Boden tun. In eine Welt, deren tiefe Verlogenheit unter der Maske großartiger Haltung verborgen war, tritt sie mit ihrer derben Wahrhaftigkeit, die nichts so verabscheute wie die Lüge, Wit ihrem guten Naturell findet sie sich zunächst geduldig hinein, so gut es gehen will, freut sich an der prächtigen Umgebung mit der naiven Freude eines unverdorbenen Kindes und erringt die besondere Gunst Ludwigs, dessen bedeutende Persönlichkeit in ihr den originalen Charakter spürte. Aber allmählich steigen die furchtbaren Schatten auf und verdunkeln das helle Bild. Der Gatte, einer der unmännlichsten unter den Männern, der sie betrügt und dessen frivole weichliche Umwelt diese männlichste ihres Geschlechtes mit Abscheu empfindet, wird ihr mehr und mehr entfremdet, und es gibt häßliche Szenen. Sie flüchtet sich zu ihrerr Kindern und kämpft wie eine Löwin darum, um ihren Sohn vor dem unwürdigen Erzieher zu retten, den ihm der Vater geben will. Aber sie setzt nichts durch, und der lasterhafteste Sproß der tugendhaftesten Mutter wird zu dem begabten, aber sittenlosen „Regenten" der nach Ludwig Frankreichs Geschicke lenkt«. Und kxum kommt das Schlimmste: sie wird unschuldig schuldig an der Tragödie, der ihre Heimat zum Opfer fällt. Gestützt auf di« Verwandtschaft mit dem Pfälzer Hause, die durch Liselotte bestand, erhebt Ludwig den ungerechten Anspruch aus einen Teil des Pfälzer Landes, um einen Anlaß zur Verwüstung und Vernichtung dieser blühenden Gebiete zu finden. Vergebens sind alle Klagen, alle Vorstellungen und Drohungen der Herzogin; mag sie auch entrüstet dem Hauptschuldigen, KriegS- minister Lvuvois, den Rücken kehren, sie ist machtlos. Die traurigste Zeit ihres Daseins bricht an; jetzt erst fühlt sie so ganz die Hohlheit und Gesinnungslosigkeit dieses Hofkebens, die grenzenlose Einsamkeit, in der sie 'lebt. „Ich habe einen solchen Abscheu vor alles," schreibt sie da, „daß alle Nacht, sobald ich ein wenig einschlafe, däucht mir, ich fei zu Heidelberg oder Mannheim und sehe all die Verwüstung, und dann fahre ich im Schlaf auf und kann in zwei Stunden nicht wieder schlafen. Dann kommt mir in den Sinn, wie alles zu meiner-Zeit war, in welchem Stand es nun ist, ja in welchem Stand ich selber bin, und da kann ich mich des Flennens nicht enthalten." Oder ein ander Mal: „Was mich am meisten daran schmerzt, ist, daß man meinen Namen gebraucht, um die armen Leute ins äußerste Unglück zu stürzen, und wenn ich darüber schreie, weih man mir's großen Undank, und man protzt mit mir darüber. Sollte man mir aber das Leben nehmen wollen, so kann ich doch nicht lassen, zu bedauern und zu beweinen, daß ich so meines Vaters Untergang bi \ und über daß alle des Kurfürsten meines Herrn Vaters seligen Sorge und Mühe auf einmal so über einen Haufen geworfen zu sehen." In all diesem Elend bleibt ihr nur ein Trost: sie schreibt, 3n der fremden Umgebung, unter Leuten, die ihre Sprache und ihr Herz nicht verstehen, schreibt sie an die Lieben daheim, stundenlang, tagelang. Sie schließt sich ein, und wenn sie notgedrungen aufhört, möchte sie nr/ch immer weiter fortsahren. „22 Seiten sind es schon," meint sie einmal, „aber ebensogut könnten es no>ch 22 fein." So hat sis ein ganzes Archiv zusammengeschrieten: tsik Korrespondenzen ihrer Tante Sophie von Hannover umtoben allem 22 Folivbänte, darunter einzelne mit mehr als 1000 Blättern, Und solcher Briefwechsel hat sie viele geführt. Diese gewaltige Leistung ist nicht nur eine wichtige geschichtliche Quelle die das Zeitalter Ludwigs XIV. unter einein ganz andern Winkel betrachtet, als etwa die gleichzeitigen Auszeichnungen des Herzcgs von Saint-Simon, sondern er ist auch der klare Spiegel ihres Wesens, ein schönes Denkmal kerndeutschen Wesens in einer Zelt grenzenloser Fremdländerei, und dadurch ist Liselotte unsterblich. Sie hat die Begabung, die engverknüpft ist mit ihrer schonungslosen Wahrheitsliebe, ein vollkommenes Abbild ihrer Natur und ihrer Stimmung zu gebAl. „Also ist man lustig, müssen die Briefe lustig sein schreibt sie ist man traurig, desgleichen, damit unsere Freunde teilnehmen'können an allem, was uns betrifft. 38^36 - solltet wie alles hier ist, sollt es (Luch gar kein Wunder nehmen, daß ich nicht mehr lustig bin...“ Sn eine Kultur bineingestellt, dm damals sich nicht nur die feinste dünkte, sondern ste auch wirklich war. in einer Epoche, in der alles „französierte , bleibt sie deutsch bis ins Mark. „Die anders als deutsch sein wollen und ihre Nation verachten," erklärt sie, „die so sein, taugen in der Regel nicht ein Haar." Ihr Deutschland hält sie hoch m Ehren: „Sch HÄte es für ein groheS Lob, wenn man sagt teö ich ein und mein Vaterland liebe: dies Lob werde ich so Gott wil^suchen. bis an mein Ende zu behalten." Wie hangt sie an ihrer Mutter- wracke: Sch kann es nicht vertragen, Deutsche zu fmten, die ihre Muttersprache so verachten, daß sie nie mit andern Deutschen reden oder schreiben wollen: das ärgert mich recht." prachtvolles Deutsch hat sie geschrieben, volkstümlich bodenständig. Sie war eine echte Pfälzerin mit dem lebensfreudigem Blut, der frischen Gesundheit und dem derben Humor der Pfalzer. Sie pflegt die Erinnerungen ihrer Kindheit, freut s,cy an Volksliedern und Volks tümlichen Wandungen, bleibt ein Kind ihrer Heimat bis auf die Biersuppe und das Sauerkraut, die sie Schokvlate und Tee vor» zieht Der Grundzug ihres Wesens und ihrer Gr^e war ihre Ehrlichkeit: sie nimmt „kein Blatt vor das Maul" Wassilon der ihr die Leichenrede hielt und in dem Pomp des Schönrednertums manch Hohles und Schiefes von ihr gesagt hat, trifft doch den Kern ihres Wesens mit den Worten: „Hier ist ein Furstenleben, von dem man ohne Furcht den Schleier wegziehen darf. Em edler Freimut den die Höfe so selten kennen, machte sie dem König lieb und werft er sand bei ihr, was die Könige sonst so selten finden: die Wahrheit," Der Sonnenfinsternistag. * Aon Selma Lagerlöf'). Da waren Stina vom oberen Eck und Lina vom Vogelhäusel und Kassa vom Movrhof und Maja von der Hochalp und lteda pom Finnenwinke! und Elin, die neue Hausmutter im alten Sol- datenquartier, und zwei oder drei andere alte Weiber. Die wohnten alle miteinander am äußersten Ende des Kirch- spieles unter der Hochalp, in einer Gegend, die so steinig und unfruchtbar war, daß keiner der Großbauern daran gedacht hatte, die Hand darauf zu legen. Eine der Frauen hatte ihre Hütte auf einer kahlen Derghalde liegen, eine andere am äußersten Rande eines Moors, eine dritte hatte sie auf einem Hügel stehen, der so steil war, daß es schon eine rechte Arbeit war, hinaufzuflettern, And wenn schon eine von den anderen ihre Hütte auf besserem Grunde errichtet hatte, so konnte man sicher sein, daß sie dafür so dicht unter der Hochalp lag, daß sie ihnen ganz die Sonne verdeckte, vom Herbstmarkt bis zu Mariä Verkündigung. And alle, wie sie da waren, hatten sie sich dicht neben der Hütte ein kleines Kartoffelfeld angelegt. Es war mit großer Mühe und Beschwerde geschehen, denn wenn es wahr ist, daß es dort unter dem Berge viele verschiedene Arten von Erde gibt, so ist es auch wahr, daß sie alle schwer dazu zu bringen waren, Frucht zu tragen. Manche der Frauen hatten erst so viel Steine aus dem Acker jäten müssen, daß es für einen herrschaftlichen Stall gelangt hätte, andere hatten die Deiche so tief graben müssen, wie Gräber, andere mußten die Erde Sack um Sack herbeischleppen und sie aus dem nackten Fels ausbreiten. Die es am besten hatten, mußten früh und spät gegen Ankraut und Disteln ankämpfen, die mit einer Kraft und Aeppigkeit in die Höhe schossen, als glaubten sie, daß das ganze Kartoffelfeld eigens für sie angelegt fei. Alle diese Frauen saßen allein in ihren Stuben, solange der Tag war. Denn wenn sie auch einen Wann hatten, so ging er doch jeden Morgen in die Arbeit, und die Kinder gingen zur *) Aus einem Bändchen Erzählungen der berühmten Dich-- terin entnommen: „Die Prinzessin von Babylonien, und andere Erzählungen", Aebersetzung aus dem Schwe- bischen von Marie Franzos. (Verlag von Albert Langen, München.) — Das sind seine, poesievolle Geschichten, um deren Verbreitung der Langensche Verlag sich wahrhaft verdient macht. In Selma Lagerlüfs dliärdjen und Sagen wirkt eine erquickende, seherische Naivität, die in den vorliegenden einfachen Erzählungen oft einen herzbewegenden Siimnmngszauber Mmnrnt, Schule Mntge vor, ihnen waren alt und hatten erwachsene aber die waren nach Amerika gezogen. Einige hatten kleine Kinder, und die blieben wohl den ganzen Tag daheim, aber die konnts man ja nicht als Gesellschaft rechnen. Sv einsam, wie sie in ihren Stuben saßen, war es beinahe notwendig für sie, sich ab und zu einmal bei ein paar Tassen Kaffee zu treffen. Richt, daß sie gerade Lmmer so eines Sinnes gewesen wären oder gar so große Liebe füreinander gehegt hätten. Aber manche von ihnen wollten doch gern wissen, was die anderen trieben, und manche, die ganz unter dem Berge hausten, wurden schwermütig, wenn sie nicht ab uns zu mit anderen Menschen sprechen konnten. Manche mußtM ihr Herz ausschütten und von dem letzten Brief aus Amerika! erzählen, und andere wiederum waren von Natur aus lustig und gesprächig, und sehnten sich nach einer Gelegenheit, so große und gute Gottesgaben zu betätigen. Es hot ja auch keine Schwierigkeit, ein Kaffeekränzchen zu veranstalten. Kaffeemaschinen und Tassen hatten sie alle, und Sahne konnte man im Herrenhof kaufen, wenn man keine eigene Kuh -um Melken hatte. Backwerk konnte man mit dem Meiereiwägelchen aus der Stadt vom Bäcker holen lassen, und Landkrämer, die Kaffee und Zucker verkauften, gab es überall. Rein ein Kafseefest auszurichten, das war die leichteste Sache der Welt. Schwer war es nur, einen Anlaß zu f inten. Denn alle, Stina vom oberen Eck und Kajsa vom Movrhof und Maja von ter Hochalp und Lina vorn Vogelhäusel und Beda vom Finnenwinkel und Elin, die neue Hausfrau im alten Sol-- datonquartier und die zwei oder drei anderen Alten waren einig darüber: Mitten am blanken Werktag geht es nicht an, ein Kafseefest zu geben. Wenn man die Zeit, die das Kostbare ist, das nicht wieterkehrt, so übel anwentet, kann man ja rein in schlechten Ruf kommen. And ebenso waren sie ganz einig, daß es nicht angehe am Sonntag oder an einem hohen Feiertag eine Kaffeegesellschaft abzuhalten. Denn da hatten die Verheirateten Mann und Kinder daheim Id daß sie ohnehin Gesellschaft genug hatten. And andere wollten M die Kirche oder ins Bethaus gehen, einige wollten gern Besuch (bei Verwandten machen, und einige wieder wollten es ten ganzen Tag mäuschenstill in der Stube haben, damit sie so recht das «Gefühl hatten, daß es Feiertag war. Desto mehr muhte man bestrebt sein, alle enteren Gelegenheiten wahrzunehmen. Die meisten pflegten an ihren Namenstagen einzuladen. Andere feierten das große Ereignis, daß das das Kleinste ten ersten Zahn bekam oder die ersten Schritte gehen lernte. Für die, die Geldbriefe aus Amerika zu bekommen Pflegten, war dies ja ein passender Anlaß, und ebenso ging es ja sehr wohl, die Nachbarinnen zusammen zu laden, um sich beim Stricken einer Decke oder beim Aufziehen eines Gewebes helfen zu lassen 2lber dessen ungeachtet gab es lange nicht so viele Anlässe, als nötig gewesen wären. And in einem Jahre begab es sich, daß eine ter Alten ganz und gar ratlos war und sich nicht zu helfen wußte. Sie wußte, j}aB nun an ihr die Reihe war, ihre Äachbarinnen zu sich zu bitten, sie wollte auch nur zu gern ihre Pflicht erfüllen, aber sie konnte sich rein gar nichts ausdenken, das sie Hütte feiern können. . , Ihren eigenen Namenstag konnte sie nicht feiern, denn sie hieß Beda, und das war aus dem Kalender gestrichen, und einen anderen konnte sie auch nicht feiern, denn sie hatte all die Shren auf dem Kirchhof. Sie war sehr alt. und die Decke, unter ter sie lag reichte sicherlich ihr Geben lang, und Briefe bekam sie keine. Sie hatte eine Katze bei sich in ter Stube, und die hatte sie freilich sehr (lieb, auch ist es wahr, daß sie ebenso gut Kaffee trafen konnte wie sie selbst, aber sie konnte sich doch nicht entfließen, ein Fest für die Katze zu veranstalten. Während sie so grübelnd umherging, las sie einmal ums andere in ihrem Kalender, denn sie meinte, daß sie daraus in so schwieriger Sage vielleicht einen guten Rai holen könnte. Sie fing beim Anfang an mit dem Königshaus und der Erklärung ter Zeichen, und las bis zu ten Märkten des Jahres 1912 und ten Postsendungen. Einmal ums untere las sie das Buch durch, ohne etwas zu finden, aber dann begann sie wieder von vorn, so als wüßte sie, daß die Hilfe doch von dort kommen würde. Als sie zum sechstenmal das Buch durchlas, blieben ihre Blicke an Sonnen- und Mondfinsternissen hasten. Das las sie, daß in dem Jahre des Heiles, das das neunzehnhuntertundzwölfte nach Ehristi Geburt war, am 17. April eine Sonnenfinsternis eintreten würde. Sie würde um ein Ahr zwanzig Minuten nachmittags beginnen und um zwei Ahr neunundvierzig Minuten nachmittags enden und neun Zehntel des Svnnenüurchmessers umfassen. Dies hatte sie schon mehrmals gelesen, ohne daraus zu achten. Aber jetzt wurde es mit einemmal schimmernd klar in ihr. „Nun weiß ich, wie ich es machen muh," dachte sie. Aber nur einen Augenblick war sie ihrer Sache sicher. Gleich daraus wies sie ten Gedanken wieder von sich. Sie hatte Angst, daß alle die anderen sie auslachen konnten. Aber in den folgenden Tagen erinnerte sie sich immer wieder daran, was ihr beim Lesen tes Kalenders eingefallen war, unö schließlich begann sie zu erwägen, ob sie sich nicht doch an die Sache wagen sollte. Denn wenn sie es so recht bedachte: was für einen Freund hstttz sie auf ter t’SeÜ, ten (le lieber mochte als die Sonne? ®ie — 195 — Geschichten, die Xaver Scharwenka erzählt. Der bekannte Pianist, Komponist und Klavier Pädagoge Xaver Scharwenka plaudert von seinem Levensgange in seinen soeben bei Ä. 5. Koehler in Leipzig erscheinenden .Erinnerungen eines Musikers" die er „Klänge aus meinem Leben" nennt. Unter der großen Anzahl hervorragender Komponisten, zu denen er in Nähere Beziehung trat, steht Liszt am Ansong und in erster Linie. Der junge Komponist war dem Meister ausgesallen, und Sr lud ihn zu einem Besuch ein, Scharwenka führte sich aus Zündhölzchen. Don Ernst Edgar Reimsrdes. Die kleinen, unscheinbaren Hölzchen, die früher so billig waren, sind heute derartig teuer, daß man sie zu den Luxusartikeln zählen kann. Dabei taugen sie nicht einmal elwaS und nicht selten muh man zehn anzünden, bis eins Feuer sängt. Bevor sie ihre heutige „Vollkommenheit" erlangten, haben sie eine lange Entwicklung durchgemacht. Bereits im Jahre 1812, das man als das Geburts« jahr des Zündhölzchens bezeichnen kann, wurden sog. Tauch-, Tupf« oder Tunlhölzchen hergestellk. Sie bestanden aus einem an der originelle Weife bei khm ein. Aks 'et in der „Hosgärtnerek* zu Weimar in der Liszt wohnte, angelangt war, wurde er zu» nächst von dem ungarischen Kammerdiener Spiridion empfangen. „Er fragte — in unverfälschtem Mikosz-Dialekt — nach Damen und Art des Eindringlings und bat um eine Karte" erzählt Scharwenka. „Leider hatte ich mein Visitenkartentäschchen nicht mit mir; aber halt — da kam mfir (ein genialer CedaiÄe! Isti meinem Klappzylinder 'batte ich an S.elle des üblichen Mono» gramms die Anfangstakte meines polnischen Tanzes geklebt, um so einer Verwechslung mit anderen ähnlichen „Behauptungen" vvrzubeugen. Schnell entschlossen klappte ich die Angströhre mit hörbarem Duck zusammen und überreiche den zum Präser ster» teller gewordenen Deckel dem etwas maliziös lächelnden Spirndion mit der Bitte, diese ungewöhnliche Visitenkarte seinem Herrn und Gebieter zu übermitteln. Er tat, wie ich verlangt, und bald daraus öffnete sich die Tür — Liszt stand mßt ausgebreiteteck Armen, 'herzlich lachend, vor mir; glückstrahlend flog ich ihm entgegen. Meine eigentümliche Visitenkarte hatte es ihm angetan. Er, der älnvergestliche, hatte nicht vergessen; er erinnerte sich bei dem Anblick der kurzen paar Takte im ZylinLer ganz genau meines Damens. bat mich vollends in sein Allerheiligstes und erkundigte sich mit liebenswürdigstem Interesse nach allem, was mich betraf." Gr erfüllte auch die Ditte des Besuchers, seine L-Mcll-Polonaise vvrzuspielen: „Wie tranmrerloren, improvisierend den Anfang, dann das süße Liebesduett des Mittelsahes mit bezauberndem, unnachahmlichen Ausdruck; darauf jäh und krachens 'hineinstürzend in die himne.,türmende Variante des ersten Themas. Staunen, fast Grauen erweckte dies elementare Toben der gewittergleich dahinjagenden Episode, die dann unter dumpfem, donnerälhnlichem Grollen allmählich in das blühe ide Gefilde der phantastischen, in den prächtigsten Farben schillernden Kadenz führte." Liszt blieb Scharwenka ein treuer Freund, wurde Pale bei seinem ersten Kinde und verfolgte seinen Aufstieg mit liebevollster Anteilnahme. Ein anderer Grober, der in feinen Freundeskreis trat. r>ar Brahms. Als Scharwenka mit der Familie Goussefs, deren Tochter er im Klavierspiel un'.errichtete, in Rügen weilte, begegnete er eines Morgens einem seltsamen Wanderer: „Aus geheimem Waldpfade, in dunklem Tannendickicht, auf schmalem Fußsteige traumerloren dahin wandelnd, bemerkte ich in einiger Entfernung ein menschliches Wesen mir entgegenfchreitend, mittel- grrb, untersetzt, bartlos, in einem Jackeüanzuz von unmöglichem Schnitt und unbestimmter Farbe; hervortretend war ein mattes Rötlichbraun, klein kariert. Beinkleider waren sehr ausgiebig, aber zu kurz, Kopfbedeckung in der Hand. Der einsame Wanderer ging lautlos vorüber. Dach einigen Schritten sah ich mich um, und auch der Braunkarrierte wendete sich im selben Augenblick, und! so sahen wir uns einen Moment in die Augen." Kurz danach wurde diese eheUüinllche Erscheinung Scharwenka als Johannes Brahms dorgestellt. Man freundete sich bald an, und Brahms erwies sich als Prophet. Bei einem gemeinsamen Mahl hielt er „eine anzügliche, humorvolle Rede mit bedeutsamem Augen» und gelinden Sticheleien aus die Tochter des Hauses und ihren Lehrer. Wirklich und wahrhaftig — es lag damals keine Veranlassung zu den allerdings ganz harmlosen Anzüglichkeiten vor. Aber dennoch — Brahms war ein ProphetI" Als ihm Schar» wenka nicht lange danach zugleich mit der Widmung eines Werkes seine Verlobung mit Fräulein Gvusseff anzeigte, antwortet« er ihm: „Sie haben gut lachen und andern eine Freude machen! Das bessere Teil haben Sie doch erwählt; ich kann nicht anders, als mich erst dessen freuen und Ihnen von Herzen Glück wünschen." Eine bezeichnende Geschichte von Schumann erzählte dem Verfasser sein Verleger Härtel. Schumanns Dovelletten lagen jahrelang bei Dreitkopf und Härtel als „Ladenhüter", und da das Werk gar keine AbneHmec fand, mubiten die Druckplatten schließlich eingeschmolzen werden. Schumann studierte dem Ge» wandhausorchester seine 8-Dur-Sinfouie ein, und wurde dabei von Robert Franz unterstützt. Er stand schüchtern und befangen am Dirigentenpult, und als am Anfang der Sinsonie eine- der Bläser Fis statt F spielte, dirigierte er doch unentwegt weiter. Als i'hn Franz anstieß., rief er nur ein schüchemes „F" ins Orchester, bis Franz ihn veranlaßte, energisch abzuklopfen und die Stelle zu wiederholen. Derselbe Fehler kam noch einmal, und nun dirigierte Schumann, ohne auf Robert Franz' Drängen zu achten, den Satz zu Ende und sagte bann nur mit traurigqm Ausdruck: „Er Hat doch Fis geblasen." Aütte lag so, vatz sm Winter kein Sonnenstrahl hineinfiel, da ging Iie herum und zählte nur immer die Tage bis zum Frühling, wo >ie Sonne wieder zu ihr zurückkehrte. Die Sonne war doch die einzige, nach der sie sich sehnte, die einzige, die immer sanft und holt gegen sie war, und von der sie nicht genug haben konnte. Sie fühlte sich a!i, und sie war alt. Die Hände zitterten ihr, als ginge sie in beständigen Fieberschauern herum. Wenn sie in den Spiegel sah, da sand sie sich so weih und sarblos, als hätte sie auf der Bleiche gelegen. Dur wenn sie in starkem, warmem, reich strömendem ^Sonnenschein stand, hatte sie das Gefühl, dah sie eine Lebende war und nicht ein wandernder Leichnam. Je mehr sie an die Sache dachte, desto sicherer wurde sie, daß es keinen Tag im ganzen Jahre gab, den sie lieber feiern wollte, als diesen, wo ihre "Freundin, die Sonne, mit dem Dunkel kämpfen und nach'herrlichem Sieg in neuer, strahlender Pracht ausgehen sollte. Es war nicht mehr weit bis zum 1k. April, aber sie hatte doch noch Zeit zu einem Kafseefest zu rüsten. Lind als der Sonnen» finsternistag kam, da sahen alle, Stina und Lina und Kajsa und Maja und all die anderen, bei Beda im Finnenwinkel und tranken Kaffee. Sie tranken zweiten Dachguh und dritten Dachguß, und sie «sprachen über alles mögliche, unter anderem auch darüber, dah sie gar nicht wüssten, warum Beda dieses Fest gab. Und unterdessen ging die Sonnenfinsternis ihren regelrechten Gang, aber sie dachten weiter nicht viel daran. Dur einen Augenblick, als sie auf ihrem Höhepunkt war, als der Himmel schwarzgrau wurde und alles in der Datur einen bleifarbenen Ueberzug zu haben schien und ein heulender Wind herangesaust kam, der den Klang der Posaunen des Jüngsten Gerichts und des Weltuntergangs .hatte, da wurde ihnen doch recht gruselig zumute, aber dann schenkten sie sich eine frische Tasse Kaffee ein, und es ging vorüber. Als das Ganze vorbei war und die Sonne im Kampf gesiegt hatte und so blinkend froh am Himmel strahlte, da sahen sie, wie die alte Beda ans Fenster trat und mit gefalteten Händen stehen blieb. Sie blickte über den sonnenbeschienenen Derghang hin, und dann begann sie zu singen: „Die goldne Sonne zeiget sich Am blauen Himmelszelt. Aus srohem Herzen preise ich Dich, Gott und Herr der Welt." Dünn junb durchsichtig stand sie am Fenster, aber während S! so sang, umspielten sie die Sonnenstrahlen so, als wollten sie r von ihrem Geben, ihrer Farbe und ihrer Kraft geben. Als sie den Psalmvers beendigt hatte, sah sie die anderen an und sagte gleichsam entschuldigend: „Seht ihr, ich habe doch keine bessere Freundin als die Sonne, und darum wollte ich das Fest am Sonnensinsternistag geben. Ich wollte, ffxifl wir alle zusammenkommen, um sie willkommen zu heißen, wenn sie aus dem Dunkel tritt." Dun begriffen alle die Absicht der Alten. Sie waren gerührt und fingen an, gut von der Sonne zu reden. Sie sagten von ihr, dah sie gleich gut gegen arm und reich sei. Wenn sie an einem Wintertag in eine Hütte komme, dann sei das ebenso schön wie ein Herdfeuer, und wenn sie nur scheine, sei es eine Lust zu leben, was für Sorgen man auch zu tragen habe. Als sie von dem Fest heimgingen, da waren sie alle miteinander fröhlich und vergnügt. Sie fühlten sich reicher und geborgener, weil sie auf den Gedanken gekommen waren, welch gute und treue Freundin sie doch an der Sonne hatten. Aber weil dies eine große Sonnenfinsternis war, bei der ganze neun Zehntel der Sonnenscheibe verdeckt waren, erregte sie überall, wo sie sichtbar wurde, großes Aufsehen. Gelehrte Forscher zogen mit ihren Instrumenten aus, um zu messen und zu rechnen. Gewöhnliche Leute schwärzten Gläser und Operngucker und standen lange da und guckten die Sonne an. Die Schulkinder dursten die Klassenzimmer verlassen, damit sie sich an der Sonnenfinsternis satt sehen konnten. Die Zeitungen brachten lange Berichte, wie der Himmel seine Farbe verändert hatte, wie der Vogelgesang verstummt war und wie dunkel es gewesen war, als sie ihren Höhepunkt erreichte. Aber wieviel Aufsehen es auch der Sonnenfinsternis wegen gab, so f>abe ich doch nicht gehört, baß irgend jemand ein Fest veranstaltet hätte, um die Sonne zu feiern, als sie siegreich aus der Verdunkelung trat — außer der alten Beda im Finnenwinkel. ----- 196 ----- Spitze znik einem Ueberzug von Schwefel, chlorsaurem Kalt und ©urnrnl versehenen Holzstückchen, dessen Kopf man durch Eintauchen in konzenkrierle Schwefelsäure entzündete. Man hielt dieselbe in Flaschm bereit, durch deren Stöpsel Asbestfäden gezogen waren, E>ie aus diese Weise von der Schwefelsäure durchkränkt wurden. An den Asbestfaden drückte man den Kopf des Zündhölzchens, das daraufhin Feuer fing notabene wenn es nicht versagte. Dies Verfahren war weitläufig, und als brauchbar konnte man solche Zündhölzer keineswegs bezeichnen. — Di« ersten Streichhölzchen kamen 1832 unter dem Namen Congrevesche Streichhölzer auf. Ihre Kuppe bestand aus Schwefel mit einem Ueberzug von grauem Schwefelantimon, Kaliamchlorat und einem Bindemittel. Man entzündete diese Hölzchen zwischen zwei Sandpapierblättchen; auch sie versagten oft Bereits f 1816 soll der französische Chemiker Charle» D e r o s n e als erster den Phosphor zur Herstellung von Streichhölzern verwendet haben; die ersten brauchbaren Phvsphvrhölzer aber find erst 1833 von Johann Friedrich Kammerer aus Ludwigsburg erfunden worden. Als dieser wegen eines politischen Vergehens auf dem Hohenafperg gefangen sah, wurde ihm vom Festungskommandanten gestattet, ein kleines chemisches Laboratorium einzurichten. Kammerer stellte Versuche mit Phosphor an, die von Erfolg gekrönt waren, so dah er, als feine Gefangenschaft zu Ende ging, ein gegen die Wand seiner Zelle gestrichenes Phosphorhölzchen entzünd«» konnte. Aach feiner Freilassung begründete er zwecks Ausnützung seiner Erfindung eine Fabrik. Da es aber damals noch keinen Patentschutz gab, machten Konkurrenten sich feine Erfindung zunutze, vor allem in Wien, wo unter Leitung von Römer und Prefchel die ersten großen Fabriken für Phosphorzündhölzer entstanden. Der unglückliche Kammerer teilte das Los vieler Erfinder, er verlor alles und starb 1857 im Irren- Hause. Sein einziger Erfolg war es, dah die Dachwelt ihn als den Begründer der Zündholzindustrie bezeichnet. Kammerers Zündhölzer versagten selten, weil der Phosphor sich selbst bei schwacher Reibung entzündete und das chlorsaure Kali zersetzte, welches den nötigen Sauerstoff zur Entzündung des Schwefels lieferte und eine ausreichend« Verbrennung ermöglichte. Ts haftet ihnen aber der Mangel an, dah die Mischung von Phosphor und chlorsaurem Kali häufig explodierte, so dah bei der Herstellung nicht seltM Unfälle verkamen. Wegen dieser gefährlichen Eigenschaft wurden die Zündhölzchen in verschiedenen deutschen Staaten verboten. Dem Wiener Fabrikanten Preschel gelang es 1837 dadurch Abhilfe zu schaffen, dah er das chlorsaure Kali durch braunes Dleisuperoxhd und schließlich durch ein Gemisch von Bräunst ein und Mennige ersetzte. Von dieser Zeit an datiert der große Aufschwung der Zündholzindustrie. Phosphorhölzchen sind bis in die Gegenwart hinein im Gebrauch geblieben, am längsten benutzte man sie in der Küche. Sie waren so praktisch, weil man sie ohne präparierte Reibfläche ent» !Ünd«n konnte. Aber auch ihnen hafteten Mängel an; manchen lörte der unangenehme Geruch des Schwefels beim Verbrennen, der zum Husten reizte, deshalb ersetzte man bei Salonhölzern den Schwefel Durch Paraffin. Ferner benutzten viele Selbstmörder wegen 'des stark giftigen Phosphors die Zündhölzer, von denen einige Köpfe zur Vergiftung eines Menschen genügten. Vor allem hatten die Arbeiter bei der Fabrikation unter den Phosphordämpfen sehr zu leiden, die Knochen des Ober* und Unterkiefer- starben ab, d. h. die sogenannte Phosphornekrose der Knochen entstand, an der jährlich einige Arbeiter zugrunde gingen. Die deutsche Industrie.setzte daher alles daran, die Arbeiter vor der gesundheitsschädlichen Wirkung des weihen Phosphors zu schützen, was jedoch erst gelang, nachdem man ihn durch unschädliche Chemikalien ersetzt hatte. Diese schwierige Aufgabe löste 1848 Professor Böttger in Frankfurt a. M., der Erfinder des Sicher- heitszündhölzer, Weist schwedische Zündhölzer genannt, weil sie anfänglich von Schweden aus in den Handel gebracht wurden. Um eine schwedische Erfindung handelt es sich also nicht! Die Böttgerschen Zündhölzer, die den Vorzug hatten, weder giftig noch feuergefährlich zu sein, bedeuteten den Beginn einer neuen Aera der Zündholzfabrikation, sie wurden in den fünfzigerJahren des verflossenen Jahrhunderts bereits in mehreren deutschen Fabriken hergestellt, vermochten aber die beliebten Phosphorhölzchen nicht zu verdrängen, weil sie sich ohne präparierte Reibfläche entzünden liehen. Erst 10 Jahre später kamen die Sicherheitszündhölzer mehr und mehr in Aufnahme und zwar infolge der Bemühungen des schwedischen Ingenieurs L u n d st r ö m, der den Wert der deutschen Erfindung erkannt hatte. Gr begründete die heute noch bestehende Fabrik in Jönköpping, die Weltruf erlangte. Dadurch, dah er die Hölzchen in kleinen Schachteln mit präpa» riert«i Reibflächen verpackte, trug er viel zu ihrer Verbreitung bei. Trotz großer Vorzüge haftet den Sicherheitszündhölzern der Mangel an, dah sie nur an Der präparierten Reibfläche der Schachtel Feuer fangen. Bislang ist es noch nicht gelungen, brauchbare giftfreie Zündhölzer herzusiellen, welche sich an jeder Reibfläche entzünden lassen. Zweifellos wird auch diese Aufgabe eines Tages gelost werden. Treibjagden mit dem Flugzeug. Einen neuen Jagdsport 'haben die Flieger der spanischen Flugstation Gelafe ausgebildet, und zwar betreiben sie die Jagd auf die große Trappe mit dem Flugzeug. Einer dieser Fiiegerjäger Leutnant Le ca, erzählt von den Reizen des neuen Sports in einem französischen Blatt. Die Erohtrappe, die sich ja auch in Deutschland findet, und ein schmackhaftes Wild- pret bietet, hat im Verhältnis zu ihrem schweren Körper nicht sehr große Flügel; sie fliegt daher nicht sehr gut, läuft abe« sehr schnell und leicht. 3n der Umgegend von Getafe finden sich große Mengen dieser Vögel, und die Flieger kamen daher in diesem September auf den Gedanken, eine Schar solcher Vögel anzugreifen, einen von ihnen von den übrigen zu trennen und so lange zu verfolgen, bis er ermüdet nieöerging. Der Flieger landet Dann ebenfalls und verfolgt nun den Vogel zu Fuß, den er dann ohne große Schwierigkeit erreicht. Diese Form des Trappenfanges wurde dann zu einer richtigen Treibjagd ausgebildet. Reiter arbeiteten mit den Fliegern zusammen. Der Flieger steigt auf und gibt den berittenen Jägern ein Zeichen, daß die Vögel aufgefpürt sind. Die Reiter sprengen dann zu den Restern der Vögel und beunruhigen sie so lange, bis sie sich in die Luft erheben. ©am» schießt das Flugzeug rasch auf die Trappen lo», während sich die Reiter in einem weiten Kreis verteilen. Der Flieger trennt di« einzelnen Vögel voneinander und verfolgt sie, während lie vergeblich dem Flugzeug zu entfliehen suchen. Die Reiter verfolgen diese Bewegungen in der Luft aufmerksam, und wenn Este Vögel müde werden, niedriger und niedriger fliegen dann eilen sie nach der Stelle, wo das Riedergehen des Tiere- zu erwarten ist. Der ermüdete Vogel wird bann von dem Reiter auf der Erd« weiter gejagt und gefangen. Unterdessen hat dag Flugzeug einen anderen Schwarm aufgespürt und treibt ihn den Jägern zu. Auch das Schießen der Trappen vom Flugzeug auS wird von den Spaniern gepflegt. Das Flugzeug schießt mitten in eine Schar von Vögeln hinein, und der Flieger erlegt dann di« aufslatternden Tiere von feinem Sitz aus. Zu der Treibjagd werden Maschinen bertoenbet, die nur etwa *5 Kilometer in her Stunde zurücklegen. Das ist gerade die Schnelligkeit, mit der man die der Trappe übertrifft. Die Tiere erheben sich nie höher als etwa- über 600 Fuß. Der neueste Jagdsport hat bereits zur Gründung eines spanischen Klubs von Flieger-Jägern geführt, Trost. Don Hans Dauer*), Dem Samuel Pfesferkraut fein Jüngster, der Erich, ist mit zwanzig Mark in den Spielklub gegangen. Der Erich hat sich gesagt: Was kann mir viel passieren: Ich kann zwanzig Mark verlieren. Ra, schön: Aber gewinnen kann ich mit den ztoanzig Mark, was das Zeug hält. Die Chancen sind also die günstigsten. Ich kann hunderttausend Mark verdienen und schlimmstenfalls mit den zwanzig Pleite gshen. Im Klub guckt der Erich erst mal eine lange Weile zu. Gr denkt: Setz' ich mein Geld gleich kann jch's gleich verlieren. Dann bin ich fertig. Dann habe ich keine Hoffnung aus dl« hunderttausend Mark mehr. Behalt' ich's, bleibt di« Hoffnung, hab« ich einen Fvstds, hab' ich die Möglichkeit. Behält Erich also da» Geld. 3m ersten Spiel gewinnt die Barck. Erich lächelt: Hättest du gesetzt, dann ... 3m zweiten Spiel gewinnt die Bank wieder: Erich schmunzelt und beschließt, vorläufig des weiteren theoretisch zu setzen. 3m dritten Spiel gewinnt die Bank noch einmal. Auch das inert« Spiel fetzt Erich in Gedanken. Auch das fünste. Erich denkt, jetzt hättest du hundert Mark verloren. Aach dem sechsten Spiel murmelt Erich zu feiner Seele, die Wahrscheinlichkeit sei nun recht groß, daß jetzt die Bank verlier^ denn einmal müßten die Spieler ja schließlich rauskvmmen. Wie die Dank achtmal hintereinander gewonnen hat faßt Erich einen jähen Entschluß. Knittert mit kerniger Sauft den Zwanziger auf das grüne Tuch. . . Di« Dank harkt wieder ein. Zum neuntenmaF. Erich ist ein wenig betäubt. Dann erscheinen die Gegenstände und Menschen wieder klarer, und seine Gehirntätigkeit setzt wieder ein. Achtmal 'habe ich nicht gesetzt und dadurch hunbertsechzig Mark gespart, dadurch daß ich nicht verloren 'habe. Glatt gespart habe ich sie. Sozusagen gewonnen. Verloren aber habe ich — bei dem Valuiastand — in Wirklichkeit zwei Mark. Wem, Wonnen"" nlmmt’ ®a6c hundertachtundfünfzig Mark ge- Erich nimmt es so und schlupft in Mantel, Hut und Hand« schuhe. •) Aus der Humoreskensammlung »Die fPurgetBaum* «nee“ von Hans Dauer lReclams Universal-Dibliochek). Gchristlsitung: August Goetz - Druck und Verlag der Brühl'schen Untv.-Buch- und Steindruck««!, R. Lang«, Gießen. *