Samstag, V. September sflkhil WM 1922 — Nr. 36 Die erste Erdumseglung. Zum Gedächtnis ihrer glücklichen Beendigung vor 400 Jahren am 6. September 1522. Gs war eine ungeheure Erregung, die ganz Sevilla durch- strömte, als am 6. September 1522 das Schiff des Weltumseglers Magallan die „CBltlouia“, nach mehr als dreijähriger Abwesenheit mit den: Rest von 28 Leuten der ehemaligen Mannschaft im dortigen Hafen vor Anker ging. Der kühne Mann, der die Expedition damals unternommen, war zwar ein Jahr vorher von tückischen Eingeborenen niedergemetzelt, aber sein Nachfolger in der Führerschaft, del Cano, hatte sie beendigt. Es war das erstemal, daß ein Schiff, gleich der Sonne, die ganze Welt umkreist 'hatte. Wir mit unserer technisch so glänzend durchgeführten Schiffahrt können es uns gar nicht vorstellen, welche Gefühle diese Tatsache der ersten gelungenen Erdumseglung in den Menschen der darnaligen Zeit Hervorrufen muhte, Lind es ist durchaus nicht Phrase, wenn der spanische Geschichtsschreiber Ferreira schreibt: „Seitdem Gott den ersten Menschen erschuf, war dies die größte Neuigkeit, die man auf Erden vernommen hatte." Wenn wir aber die Menge der Widerstände betrachten, die der Portugiese Ferdinand Magallan zu überwinden hatte, um seinen ehrgeizigen Plan, der erste Erdumsegler zu werden, durchführen zu können, so müssen wir der hohen Einschätzung durch die Zeitgenossen des Entdeckers beipflichten. Die Entdeckung des indischen Landes mit seinen Schätzen durch Albegnergue mit der Eroberung der Molukkeninseln hatte in Magallan ehrgeizige Pläne entstehen lassen. Bei seinem eigenen Landesherrn, dem König von Portugal, fand er kein Verständnis sür seine Pläne, er ging nach Lieberwindung verschiedener Hemmnisse nach Lissabon, und der spanische König Karl V. war bereit, dem Reisenden und Kriegsmann eine Flotte von fünf Schiffen auszurüsten: Zwei Schisse von je 130 Tonnen, zwei andere zu je 90 Tonnen und das fünfte zu 60 Tonnen. Die Flotte soll 34 Mann Bedienung haben, deren Sold zwei Jähre lang inklusive Beköstigung bezahlt wurde. Jetzt wurde der König von Portugal hellhörig und versuchte Magallan mit allen Mitteln zurückzugewinnen. Die „Trinidad", das Leutschifs, wurde von Magallan selbst geführt, das zweite, „St. Antonia", stand unter Inan de Cartagenas Befehl. Die „Vittoria", das einzige Schiff, welches zurückkehrte, führte de Mendoza, und die anderen beiden, „Eoncepciane" und „Dan Jago", wurde von de Queseda und de Acurw von Bermeo zerführt. Der Vollender der Expedition, Sebastian del Cano, war Leutnant auf der „Conoepciane". Am 10. August 1519 verliest das Geschwader Sevilla. Wir besitzen von Antonia Pigafetta, einem Teilnehmer der Expedition eine genaue Beschreibung der ganzen Reise, ist er doch einer der wenigen, die bis zum Ende am Leben blieben. Gleich zu Anfang der Fährt begann auf Seiten der Kapitäne eine Llnzusriedenheit gegen Magallan zu wuchern, weil dieser zu Hochmütig und selbst, bewustt aufgetreten sei. Doch trat er mit großer Energie jeder Auflehnung gegen seine Führergewalt entgegen. Leider war eS dem klugen Führer nicht vergönnt, trotz aller aufgewandten Energie die Lorbeeren zu pflücken er wurde 1521 von einem König der Insulaner ermordet, und del Cano vollendete die Reife. Schon an der Küste Patagoniens Hatte er eine Meuterei seiner Mannschaft zu unterdrücken, während er im Pierto San Julian vom 31. Mai bis 24. August 1520 überwinterte. Am 21. Oktober 1520 gelangte er bis an das Vorgebirge de laS Virgines am Eingang der von ihm entdeckten und nach ihm benannten Magallanstraste. Am 28. November erreichte er mit drei Schiffen die Südfee — eines von 'den fünf Fahrzeugen erlitt Schiffbruch, ein zweites kehrte auf eigene Faust nach Spanien zurück — die er ihrer Windfreiheit wegen „stillen Ozean" nannte. Am 6. März 1521 wurde er der Inselgruppen der La» dronen (Mariannes) ansichtig. Dann kam er zu dem Archipel von St. Lazarus (Philippinen) und fiel schließlich am 27. April 1522 gegen den Beherrscht der Insel Matan. Sein Geschwader ging unter der Führung del Eanos nach den Molukken. Gs ist charakteristisch daß die Zeitgenossen die Fährt Magallans mehr feierten, als die Fahrten eines Columbus oder eines Vascoda Gama. Dje Mühen des Odysseus waren nichts im Vergleich mit dem, was Fernando de Magallanes und seine Gefährten erduldet haben. Erst durch die Expedition erlangte man die Sicher- Hert von der Kugelgestalt der Erde oder richtiger: den Beweis, dast die Erdoberfläche in sich selbst zurückläuft. Für den Gang der Weltgeschichte und der menschlichen Kulturentwicklung waren die Expeditionen von unermeßlicher Wiickung. Der Schiffahrtsverkehr, der lange Jahrhunderte auf Küstenfahrten beschränkt gewesen, hätte sich mit einem Schlage zum Weltverkehr, der den ganzen Erdball umspannte, aufgeschwungen. Die früher im Handel die erste Rolle spielenden Völker des Mittelmeeres waren infolge der neuen Seewege in den Hintergrund getreten. An ihrer Stelle sehen wir die im Westen am offenen Mittelmeer liegenden Nationen, zunächst die Spanier und Portugiesen, später dann aber auch die Niederländer, Franzosen, Engländer und Deutschen. Naturprodukte, die vorher kaum dem Namen nach bekannt gewesen, wurden zu unentbehrlichsten Bedürfnisse!:, 'wie Zucker, Kasfee, Tee, Reis, Baumwolle usw. Nicht weniger trugen einige in Amerika aufgefundLne NaHrungs- und Genußmittel: die Kartoffeln, der Mais, der Tabak und der Kakao zu einer gänzlichen Veränderung der Lebensweise Europas bei, während die neue Welt die Haustiere: Rind, Pferd, Schaf und Schwein von der älteren erhielt. Die großen Schätze an Edelmetall verändern die Handelswerte in asten Ländern. Mit den Entdeckungen beginnt die politische und geistige Weltherrschaft Europas. An asten Meeren, in allen Erdteilen erhoben sich Besitzungen eurv- päischer Mächte, ein unermeßliches Feld für Auswanderung und Kolcniegründungen. Sv beginnt mit der Rückkehr der „Vittoria", mit der Vollendung der ersten Reise um die Erde, eine neue Qlera in der Geschichte der Menschheit. ^ulenspiege!. Br« Otto Anthe s*). Lieber Nacht war der frühe Sommer eingefallen, und die bunte Schönheit der alten Stadt Lübeck blühte mit Baum und Dusch um die Wette weit ins Land hinein. Schier lustig anzusehen war es auch, wenn die Sonne auf dem verfchabten baufälligen Gewand des Mannes herumsprang, der mit krummen Knien, nach Art der Landfahrer, dem Holstentvr zustapfte. Er war nicht mehr ganz jung und frisch, der wackere Till Eulenspiegel, als er zum erstenmal seinen Einzug in die vielgetürmte Hansestadt hielt. DaS linke Dein zog er ein wenig hinter sich her, der Kopf hing ihm seitwärts schief auf die Schulter, und waS die Ohrenkappe ') AuS dem Büchlein „Lübifche Geschichten" (Alex. Fischer, Verlag, Tübingen), in der der Verfasser die Chronik der Stadt Lübeck und die Berühmtheiten, die darin gelebt haben, mit Blüte» einer frischen Grzählungskunst verziert. - 142 — er» diej Mutz Viel Geld verdienen, Euere Stadt, tagte der Lrll und schüttelte den Kopf. Womit verdient Ihrs? Mit Handel, gab der Ratsherr zur Antwort und wußte selbst nicht, warum er also Rede stand. Mit Handel! sagte der Till und nickte. Ein schön Ding um den Handel! Mit wem handelt Ihr? Mit den Rordmännern, den Schweden, den Russen — - And verdient Euer Geld an ihnen, weil Ihr schlauer seid ist es allzu schwer dorten. Einmal glückt's, daß man die ganzs Stadt zum Lachen bringt, das andere Mal hängen sie einen. in Lübeck eingekehrt. Lübeck, sagte er manches Mal, ist eine schöne Stadt, und Unter sich hatte. Wer bist du? begann der Ratsherr. Till Eulenspiegel, Herr. Ein fahrender Mann. Was treibst du? Allerhand Kunst, Herr. Zum Beispiel? In jungen Jahren bin ich auf dem Seil gelaufen, sagte Till, nach seinem lahmen Dein schielend. And herunter gefallen, nickte der Ratsherr mit Befriedigung. Was tust du seitdem? Wie's gerade kommt, Herr. Rätsel aufgeben. Geschichten zählen, schöne Lieder singen in den Herbergen: alles, was Leute lachen macht und mir das Leben fristet. , ------ . And Bübereien nebenbei, wie die mit dem Weinzapf! fiel | man trinkt da guten Wein um billiges Geld. Aber unsereinem Der Weinzapf sagte kein Wort, nahm die Kanne und goß das Wasser oben zum Spundloch Hinein in sein Fatz. Der Till schnitt ein klägliches Gesicht und machte sich mit seiner Kann- wieder zum Keller hinaus, nicht anders als ein Bettler, den man von der Tür weggeschickt hat. Der Weinzapf aber, den eine Ahnung trieb, sah ihn gleich darauf droben auf dem Platz mit dem Lehrbuben trinken und unmäßig lachen. Er holte flugs einen Häscher, und da sich noch j um ein Rest Weins in der Kanne fand, kam der Betrug heraus. Man führte den Till vor den Ratsherrn, der auch den Keller her Ratsherr mit Harter Stimme ein. And dann begann er eine scharfe Rede zu tun von Lübecks strengem Recht, das keinen Gauch ungehängt ließe. in der Lade gelegen hätte so fahl und S^knittert und in Faltes schaute Das fl^r die SchuÜer: Feines Hölzchen! Dann gedrückt. Ehe er zwischen die beiden runden Holstenturme hinein» tmvan uno g Buckel heran, bückte sich noch tiefer und schritt, stockte ihm auf einen Augenblick der Gang. l^Mte d^s reichen Herrn Rock. - Braves Tuch! Dom besten! O Lübeck, hoch in Ehren, I ^„5 aut &en Weinkrug deutend: Wackeres Silber. — Machte Du führst ein strenges Recht — I au$ fangen Hals, um zu erschnüffeln, was für eine Sorte so fangen die fahrenden Leute auf den Landstraßen, und wenn I dannen sei- War aber ein Deckel darüber. der Till auch schon manchmal hart an dem Stockmeister vorbei- Was hat das mit deiner Schalkheit zu schaffen? sagte deü geraten war, vor dem Galgen hatte er doch noch eine ehrfürchtige Ratsherr, der über seiner Verwunderung seinen Ernst und seine Scheu. Aber dann faßte er den langen Grashalm, dm er quer I vergaß. hn Munde hielt fester zwischen die Zähne und schob sich, ein I hoi- Dill und wenig scheu zur Seite schielend, durchs Gewölbe. Das innere ~or batte er hinter sich, strich ein Stücklein die Trave entlang und schlug sich dann in eine der engen Gassen die Zwischen hohen, ernsten Giebelhäusern 8um Markt hinangestiegen. So kam er aus den Marktplatz. Eine Weile stand er still iind besaunte das große Rathaus. Aber als er oben hinter den Fenstern erne Dlechhaube vorübergleiten sah, befiel ihn em leichter Schrecken, und er zog sich unter die gewaltigen Bogen, wo die Gold- und | fie> ffe[ Till ein. . Silberschmiede ihre Stände hatten. Da verschnaufte er im Schat- Der Ratsherr zog die Augenbrauen hoch und war ein Weilten denn die Sonne brannte schon heiß auf das Pflaster des I ^ell unschlüssig, tote er sich halten sollte. Da, er aber nicht nur Platzes Seitwärts in der Tür zum Ratsweinkeller stand per l eilten pxhäbigen Leib, sondern auch ein behagliches Gemüt hatte, Weinzapf und schaute nach den Kaufherren aus, die zum üruh» I fo Ia(§te er furz und sagte: Wenn's schon so sein sollte — von: stück kommen sollten, nachdem sie drüben in St. Marren die Preise sicher Schlauheit besteht die ganze Stadt mit Mauer, Turm und beredet und die Schiffsgelegenheiten erkundet hatten. So breit ^Lall und mit sieben Kirchen zur Ehre Gottes und seiner und dickfällig stand er da, als ob all der Wein, den er austat. Heiligen: von solcher Schlauheit nähren sich viel hundert Manner ihm selber gehörte: und war doch nur ein geringer Diener des. mit Weib und Kind in Essen und Trinken, in Rock und Hut, in Rats. Den Till juckte es in der Kehle, in den Händen, vvrm 5^ und Gerät. He? Wie schmeckt dir das? Einen Zweck muh Wagen und überall. Er blieb vor einem Stand, dahinter der ! Schlauheit haben, einen großen Zweck. Das ist's. Mittagsstunde wegen nur ein Lehrbub zurückgelassen war. I @ut> sagte der Till. Es geht mir ein. Aber seht, Herr — was Durstiges Wetter heute, fing er an. I ist alles Sitzen hinter festen Mauern nütze, was alles Fahren Ja ja sagte der Bub. Der Weinzapf schänkt zu trinken. I zu Wasser und zu Land, was Essen und Trinkmi und Haus und LLL»**»“»«■ - er so ein guter Mann, daß er schenkt. [ unfy ^„es Tages stirbt er an dunkler Melancholie. Ich bin auf Der Bub lachte. — Gut ist er keineswegen. An der ganzen I &er ^elt daß ich die Leute lachen mache. And da sie über nichts Stadt ist kein Mensch, der ihn nicht haßt um seines hochmütigen I „ , fachen als über eine feine Büberei — und er breitete die und kargen Wesens willen. Selbst der Bürgermeister wuht ihn auseinaiider, als ob er sagen wollte: Das ist das Kreuz, gern wo anders. Aber der Rathausherr, der hält und schützt ihn, I n$jenn’g n<1(j mir ginge, ich täte nur Braves und Gutes. Aber weil er kiiapp mißt und voll rechnet. I sjeute! Der.Till beugte sich vornüber und sagte leise: Wenn du mir | $er Ratsherr gluckste in sich hinein, so viel Spaß hatte er zwei gleiche Kannen borgen tätest, wollte ich gleichwohl uns beiden I am Till und an seiner spitzbübischen Demut. einen rechtschaffenen Trunk von ihm beschaffen, daß es uns keinen ! ©ut, sagte er. Es geht mir ein. Rur. ms Große mußt du Pfennig kostet. I deine Kunst treiben, wenn du dich uns gleichmachen wulst. Darum Der Bub, der auch ein Schlingel war und sich- einen losen I tu ich dir diesen Spruch: Morgen unter Mittag laß ich dich zum Spaß vermutete, gab die Kannen. Till machte einen Schlenker | Galgen sichren. Gluckt s dir, daß die ganze Stadt über dich lacht, über den Markt, daß er wie von ungefähr zum Brunnen kam, j ehe du zum Baumeln kommst, dann sollst du frei fetn. Aber der füllte die eine Kanne mit Wasser und verbarg sie unter dem! I Bürgermeister muh auch lachen Wams. Dann trat er, die andere in der Hand, den Weinzapf an. I Ich will's versuchen sagte der Stil. — " , „,± . ' , , , „ ,I Ms er am andern Tag hinausgefuhrt wurde, war die ganze >jch mocht emen Wein, sagte er I Stadt auf den Deinen: denn alle Welt hatte von dem Handel Der Weinzapf guckte groh und verächtlich: aber da es seme I cßrt Auf dem Weg war er ganz still und sprach kein Wort, Schuldigkeit war, des Rates Wein an ledermann zu versanken, I » rl(f) männiglich verwunderte und meinte, er wäre gar verso stieg er dem Till voran in den Keller hinab und matz aus ! . er a5er unfer fx?m Galgen stand, tat er den Mund dem Faß, darin der gewöhnliche Wein war, ein Stübchen in | au- un5> großer Stimme hinüber zu der Stelle, wo die Kanne. Da er sich aber, daß Gemäß Hinwegzustellen, um» | <■ AatsHerren standen: Großmütige Herren, rief er, jedweder wandte, vertauschte der Till schnell die Kannen, stellte die mit I Sünder darf vor seinem Ende eine Ditte tun. So gewährt Wasser auf den Tisch und schob die mit dem Wem unters Wams. ,t^ eine foI(^ Was kostet das Stübchen, Zapfer? fragte er dann. 1 Was für eine Bitte es wäre? fragten sie ihn. Zehn Pfennig. j Er sprach: Ich bitte nicht um Leib und Leben, noch Geld O weh! sagte der Till. Ach habe nur sechs Pfennige. Kann | und Gut, noch um irgend etwas zu meinen Gunsten. Rur um ich den Wein nicht dasür tzsben? . I Das wollten sie ihm wohl gewähren, sagten sie. Er ließ sich Handschlag und Bersicherung geben und sprach alsdann: Dies ist meine Bitte, wenn ich gehangen bin, daß dieser Weinzapf dort drei Sage lang jeden Morgen kommen und mich nüchternen Mundes küssen soll. Der Weinzapf stand dem Till gerade gegenüber, ganz vorn, nm den hängen zu sehen, von dem ihm schon Tags vorher so viel Spott gekommen war. Als er diese Worte vernahm, fiel er vor Schreck und Wut die Länge nach in den Dreck. Der Lehrbub aber des Silberschmieds, der daneben stand und des Weinzapfs wegen von seinem Meister unmäßige Prügel erhalten hatte, schlug eine helle Lache auf. And alsbald lachte das ganze Volk und lachte immer lauter, und die Ratsherren lachten mit, und der Bürgermeister, der dem Weinzapf gram war, der lachte auch. Da sprach der Rathausherr zu den übrigen Herren vom Rat: Was sollen wir tun? Den Weinzapf kann ich nicht missen, und die Schande würde sein Tod sein. Wollen wir also aus der Schlinge kommen, die uns der Schalk gedreht, so müssen wir uns des Hängens entschlagen und ihn laufen lassen. Also geschah es auch. And der Till machte sich eilends aus der Stadt ins Mecklenburger Land. Ast auch nie wieder nachdem — 143 — *) „Dauerngeschichten aus dem Westerwald", so lalltet der Untertitel des bereits bekannt gewordenen Buches Philippis „Auf der Hohen Heide" (Verlag des Biblivgr. Instituts, Leipzig). Mit kraftvoller Darstellung zeichnet der Verfasser Landschaft und Menschen und gibt ein lebendiges Abbild ihrer Arbeit, Mer Sorgen und ihrer herben Kultur. ' Der gescheitste Pfarrer. Von Fritz Philippi.') Die Wildendorner 'Hatten einen neuen Pfarrer gekriegt. Ein kleines, schwächliches Männlein mit glattem Kindergesicht und zwei Brillengläsern. Sv klein war er, daß ihm auf der Kanzel ein Tritt gemacht wurde, damit man ihn überhaupt sah. . Da grölte die vierschrötige Herde: Das wär nur eine Hani,- 'Aach vier Wochen jedoch verkündete der Kirchenvorstand: Der könnt' einen Advokaten lehren! Kein Wildendorner aber weih für den Schlaukopf seines Sohnes einen höheren Ausdruck als: mer funnt ’n A'v'kat aus ’m mache. Und wiederum jeder Vater eines minderbegabten Kindes tröstet sich damit: wann se all gescheit wär’n, gäb's laute A’v'kate. Aach abermals vier Wochen schwur das ganze Dorf: Der Kleine wär’ der gescheitste Pfarrer, den sie je in Wildendorn gehabt hätten. 1 . . . , Wie kam der zu dem Lob? Wie einer zu einem Orden kommt, weih er oft selbst nicht. Der Vogel kommt geflogen und ist da und siht im Knopfloch. Aber wenn die Wildendorner einen Pfarrer übermäßig loben, dann 'hat das einen sehr starken Grund. Jedenfalls rührte das Lob nicht vom Predigen her. Das muhte einer verstehen, der „aufs Geistliche" studiert und soviel Bücher Hatte. Aus dem Preöigerseminar in der nahen Kreisstadt feinten sie zuletzt das „Zisfeln mit den Händen". Hatten sie das Gebärdenmachen gelernt, dann waren sie fertig. Aber bei der Fruchtlieferung erkannte jeder und „der Krischer vorweg die Gescheitigkeit des Pfarrers. _.r. . Zu Martini ist jeder rauchende Schornsteln in Wildendorn dem Pfarrer eine Meste Korn schuldig und jedes Ehepaar zwei Mesten Gerste oder aufs Wittum die Hälfte. Ganz Wildendorn lag auf der Lauer. Kaum, dah darüber gesprochen wurde. Höchstens fiel hie und da bei der Feterabend- pfeise eine Bemerkung über den Pfaffensack, der so tief war wie die Höll' Und dah öfter mit den Kirchenvorstehern ein Wort gewechselt wurde, doch ohne Erwähnung der Fruchtlieferung. Aber hochgespannt war jeder, tote es der Aeue machen werde. Der Aovember rückte an, sperrte die Aecker ab vom Dors und bestellte den Winter als Flurschüh. Jetzt wurde der Polizeidiener, wenn er alles nut der Ortsschelle gerappelt hatte, angeguckt als müsse er noch etwas vergessen haben aber der schüttelte den Kopf. Sonst war doch ui der ersten AovemberWoche die Lieferung wenigstens ausgeschellt worben, wenn's auch dann noch nicht eilte mit dem Dringen. Als aber die zweite Aovernbertooche kam, drei Tage vor Martini, läutete die Ortsschielle Sturm. Wer sonst nie ein Fenster aufnh, tat's jetzt. Am Märtestag, pünktlich zehn Uhr morgens, wenn em Zeichen mit der Glocke geschieht, ist Fruchtablieferung. Schöne, gute Frucht! Schlechte wird zurückgewiesen." Fahr einem mit der Faust unter die Aase, ob der nicht aufspringt und oho! schreit. Und hier war ganz Wildendorn unter Sie Aase gefahren. Aoch hatte auf keiner Tenne der Flegel geklappert Wie konnten die Wildendorner in der kurzen Zeit gedroschen haben? Das ging doch reihum gemeinsam den langen Winter hindurch von Scheuer zu Scheuer? Das Oho der ganzen Herde sollte der Kirchenvorstand dem Pfarrer zu Gehör bringen. , Am Abend dröhnten und kratzten ein Dutzend harter Stiefel aus der Haustreppe. Drinnen beim Licht schauten zwei Brillengläser aus. Der Pfarrer war sehr freundlich. Der Vorstand setzte sich und sah . . . und sah. Sine Stunde verging, und noch war von der Fruchtlieferung nichts geredet worden, aber zwischen den Worten wurde bereits die Streitmacht in Schlachtreihe ausgestellt, die feindliche Stellung nach schwachen Angriffspunkten Beäugt, und ein unsichtbares Ringen, die ersten Kampfeswogen waren schon zu spüren. Aber wer blies zum Angriff und gab den ersten Schuh ab? Ganz allmählich rückte Wildendorn vor. Man war noch nicht aneinander, aber die Brillengläser blitzten dann und wann auf tote Waffen im Licht, die Aägel in den Sohlen wurden unruhig. Und die Stuhlbeine ächzten vor Erwartung. Zum Greifen nahe war man sich, als von der guten, alten Welt geredet wurde, wo der Pfarrer noch das „Rasselvieh", Eber, Bullen und Bock, für die Gemeinde Hielt und wo der Pfarrknecht noch lebte. Es schlug zehn Uhr. Der Wächter stieh ins Horn, schaurig dumpf. — Jetzt oder nie! Im Au war die Schlacht eröffnet! Beileibe nicht hat sich der Wildendorner Kirchenvorstand an seinem Pfarrer vergriffen in dessen eigenem Hans. Ueberdies konnte jeder allein den Kleinen auf die Hand setzen. Aber bitterernst war der Kampf doch, und einer muhte unterliegen. „Herr Parier, das mit der Fruchtlieferung am Märtestag geht nit." Stoffels Hanjer, Bürgermeister und Kirchenvorsteher, drang mit aller Entschiedenheit vor. „Warum nicht?" parierten die Brillengläser. „’s hat noch niemand gedroschen!" Zweiter Borstoh. „Das ist doch eine Kleinigkeit", versetzte der Kleine uner- schüttert. „Eine Meste oder zwei." Verstärkung tat not, so taten die übrigen den Mund auf, kaum, dah eins das andere ausreden lieh. „'s ts noch nie nit Brauch gewest ..." — „Der Herr Parrer will doch ka neu Mode einführn" ... — „Aein! . . Sogar der Geist verstorbener Wildendorner Pfarrer wurde angerufen, verklärt schwebte ihr Andenken durch, die altbekannte Studierstube. O, wenn die alten Herrn diese Anerkennung hätten vernehmen können, die ihnen Bei Lebzeiten nie zu Gehör kam! Die Brillengläser senkten sich. Sicher konnten sie den Sturm nicht aushalten. Wiederum hörte man den Wächter blasen, das bedeutete: Steg! Aber jetzt hob sich der Blick des Pfarrers, ernst und fest. „Wißt ihr, ihr Männer, an wen die größten Anforderungen gestellt werden? — An den Pfarrer! Wißt ihr, wer sein Gehalt am mühseligsten sich selber holen muh aus hundert Händen? — Wieder der Pfarrer? Jeder Knecht empfängt feinen Löhn zu feiner Zeit unverkürzt; jedes Tier im Stall fein regelmäßig Futter, sonst leistet es. nichts. Aber der Pfarrer? Don der diesjährigen Pacht ist fast noch, nichts bezahlt, Bargeld ist rar, sagt ihr. Und Frucht? Euch, ist alles reichlich, zugewachsen auf den Feldern. Die Ernte füllt eure Scheunen, warum drängt ihr mich da, dah ich. jetzt mein Recht nicht fordern soll! Kann ich mit Frau und Kindern leben wie der Vogel unter dem Himmel?" Die Häupter der Männer neigten sich. Keiner tat den Mund auf, es war, als hätten die leisen Worte des Pfarrers ein Aach- flingen tote Glockengeläute hinterlassen, dem alle lauschen mühten. Konnte denn ein Pfarrer auch Not Haben, tote sie in Mißjahren? Er klagte doch nie! Sie schwiegen, toenn’s auch keiner begriff. Denn es ist auf der Hohen Heide ein stehendes Wort: der Pfarrer ist ein schwerreicher Mann, und jede Gemeinde insonder- Heit hält ihren Pfründner für den reichsten. Demi der Dauer, der alle Lebensnotdurft zieht, braucht Bar Geld nur zur Krämer- Ware oder zur Kleidung. „Au, nu!" murrte Stoffels Hanjer zweifelnd. Aber es war ein Rückzugsgefecht. Die Stille in der Stube Hatte griffige Hände, als die Brillengläser scharf um'ßeräugten. „Der Pfarrer wird alten tijalöen mihBraucht und wird gescholten, wenn er fein Recht verlangt." Aufs Recht ist des Bauern Welt gegründet, drum waren alle wie auf den Mund geschlagen. Dem abziehenden Vorstand gewährte der Pfarrer aus freien Stücken noch einen Tag Frist, damit die Wildendorner erst auf den Märtesmarkt gehen konnten, den kein Westerwälder versäumt, dem Dein und Deutel nicht krank sind. Die folgenden Tage zwischen Licht und Dunkel klopften einige Weibtein und auch ein Mann an die Tür des Pfarrers. Es war die Armut, die wirkliche und auch etwas verstellte darunter. Kein Wildendorner wäre Betteln gegangen, aber vom Pfarrer sich die Frucht schenken zu lassen, wäre bas halbe Dorf gekommen. Gerade so tote jfeiner den Aachbarn bestöhlen hätte, aber Holz aus dem Gemeindewald freveln? Je mehr, je lieber! Diesmal Baten merkwürdig wenige um Aachlah. Die Festigkeit des Kleinen 'hatte Eindruck im Dorf gemacht. Sonst kam unfehlbar jeder, der irgendwie seit letztem Martini ein älnglück gehabt; war ihm eine Kuh gefallen, ein Kind gestorben, hatte er den Doktor oft im Haus gehabt oder den Jud’, immer war die geschenkte Fruchtlieferung fein sicheres Schmerzensgeld, ilnb wer's sonst fertig brachte, sich zu drücken, fand achtungsvolles Verständnis. Man sagte dem Backesanton nach er habe sich im vorigen Jahr den dicken „Dotz", ein Dalggeschwulst, das ihm übers rechte Auge hing, erst nach Martini wegschneiden lassen, toeil’s einen unwiderstehlichen Eindruck machte, wenn er mit dem Finger den Dotz vom tränenden Auge hob, um zu Bitten: „Herr Pfarrer, ich bin ’n geschlagener Mann." Hn& er hatte sich nicht geirrt. Aber dem Advokaten war nicht zu trauen! So kam der wichtige Tag. Die Glocke rief, und die Tenne der Pfarrscheune wurde zur Bühne eines sehenswerten Schauspiels. Es drängte das Volk, Mann und Frau. Der Hatte seinen Sack gebuckelt, die ihre „Züg", einen Kopfkissenüberzug. Mitten im Gemeindeleben, tote man gern den Pfarrer hat, saß der Wildendorner an einem Tisch, neben ihm der Bürgermeister mit der Liste der Lieferangspflichtigen. Der Kirchenrechner hatte einen mäßig großen Kübel, die Meste, und achtete darauf, daß sie „gestrichen voll" war, e!h' sie in den Sack kam, den ein Kirchenvorsteher aufhielt. „Hier Gerst’I" . . . „Halt, in dem Sack is Korn drin!" . . . „Rechner, jetzt mach emal, daß ich auf den Weg komm!" . Hast du deine zwei Westen geliefert?“ . . . „Schwer Kränk, bet Sack hat e Loch!" . . . „Bürgermeister, jetzt könnt 'r mich austun." (Den Aamen in der Liste.) ... »Herr Pfarrer, ich will meine Frucht bezahlen, was tut’S?“ — Eine Meste Korn 2,10 Mark, eine Meste Gerste nur, euer Mann ist gestorben, L90 Mark. Macht zusammen 4 Mark." Die Frau wischte die Augen. Geld klimperte aus einem <5ad in den andern. Das Volk sah zu. „Da holt euch euern Schnaps!" ' Jedes Schauspiel hat seinen Höhepunkt. Am Eingang stand die Polizei von Wildendorn, eine große Schnapsflasche in Ler Rechten, in der Linken ein Glas. Feierliche Amtsmiene schloß den Mund, bis an die Ohren und die Aasenwurzel steckte das Haupt in der Dienstmütze. ■ Was wäre auch hier zu lachen gewesen, daß die Polizei Schnaps ausschänkte? Es geschah dienstlich! Denn der Pfainer von Wildendorn gab jedem, Mann wie Frau, als Quittung der gelieferten Frucht einen Schnaps. So war sRecht von altersher plnd wer wiese je eine Quittung zu ruck? Mann und Frau trank sein Gläslein, wischte den Mund und 3W ab Die Fruchtlieferung war beendet, die Schnapsflasche leer, und um die Säcke stand Pfarrer und Kirchenvorstand. Jetzt tat der Krischer den Mund auf. Länger konnte er s nicht bei sich behalten. Hnb heraus mußte es, denn dazu war er gewählt worden, damit im Kirchenvorstand dem Pfarrer gegenüber auch die Gemeinde zu Wort käme. „Herr Parrer, Ähr seid der gescheitste Pärrner, der noch zu Wildendorn gewesen te.“ Staunend empfing der Kleine seinen Orden. „Ähr laßt auf den Tag liefern, da müssen sie die Frucht bringen, wie sie die Garb' gibt, 's is noch nie nit schönere Frucht geliefert wor'n. Kein Dreck is drunter!" Wenn die Frucht durch die Fegmühle läuft, kommt das beste Korn mitten Heraus, seitlich das minderwertige, And das ist ö-er Sh*c(f. Sonst Hätten also die Wilöenöorner Dreck geliefert! Ader der Pfarrer lieh sich nicht „erwischen", sondern er erwischte sie, And wer die Wildendorner erwischt, vor denen selbst die Juden beim Handel Angst Haben, der ist gescheit, sehr gescheit! Deutsche Bergbahnen. Das Anglück auf der 1910—1912 erbauten elektrischen Wendelstein-Zahnradbahn hat wieder einmal den Mick auf jene Vielumkämpfte Art von Dahnen gelenkt, die von einem Teil des Publikums gepriesen werden, weil sie auch Alten und Kranken Gelegenheit geben, mühelos in Dergeshöh' zu gelangen und ein Stück herrliche Natur zu genießen, auf die sie sonst verzichten müßten, von einem anderen Teil der öffentlichen Meinung aber als Verschandelung der Gebirgslandschaft entschieden abgelehnt werden. Am 'heftigsten hat tiefer Kampf wohl in der Schweiz getobt, dem Lande der meisten Bergbahnen. Man wird sich noch erinnern, unter welchen Kämpfen dieser Art die Jung- fräubahn zustande gekommen ist, deren oberste Station „Jang- f-aujvch" in 3457 Meter Seehöhe liegt und damit Europas 'höchste Bergbahnstation ist. Dann die erhitzten Wortgefechte vor dem Zustandekommen der Bergbahn auf das Wetterhorn über die Schnhige Platte und mit dem schwindelerregenden Aufzug auf das Wetterhorn, die Borgeschichte der Rigibahn und der Pilatus- bähn. Aeberall hat schließlich der Bergbahngedanke gesiegt. In Deutschland ist man in dieser Hinsicht noch nicht so weit und auch erklärlicherweise nicht „so 'hoch hinaus" gekommen wie in der Schweiz, denn der Wendelstein ist Dew Mauds 'höchste Bergbahn und der Wendelstein ist nur 1840 Meter hoch Immerhin also 236 Meter höher als die Schneekoppe an der schlesisch- böhmischen Grenze, die es noch zu keiner Bergbahn gebracht hat, weil im Riesengebirge jedes Bergbähnprojett von einer zähen und einflußreichen Opposition bekämpft wird. Dafür hat aber der Schneekoppe norddeutscher Konkurrent, der Brocken, seit längerem eine Bergbahn. Die Station Brocken liegt 1139 Meter über dem Meere. Die sonst noch vorhandenen deutschen Bergbahnen sind eigentlich mehr Hügelbahnen, denn sie führen fast ausnahmslos auf mehr oder weniger sanfte Waldhöhen in der nächsten Nachbarschaft vielbesuchter Fremdenorte. Da sind z.D. die beiden Dresdner Bergbahnen im Vorort Loschwih, eine Schwebebahn hinauf zur Loschwitzer Höhe und eine etwas längere Dra'htseilbahn zum Louisenhof. Beide haben eben jetzt .wieder einen großartigen Verkehr zu bewältigen und bieten dem, der mit ihnen auf die Elbhöhen fährt, einen geradezu pompösen Ausblick über Groß-Dresden. Wer von den Rheinreisenden, die Heidelberg besucht haben, wäre nicht auch mit der Königstuhlbahn hinauf über das Schloß und die Mvlkenkur zu dem prächtigen Berggipfel gefahren, von dem aus man das Neckartal weithin übersieht und zu dessen Füßen Alt-Heidelberg, die Feine, ihre roten Dächer ausbreitet. And dann die Nervbergbahn in Wiesbaden mit ihrem unvergeßlichen Ausblick zum RhÄne hinüber nach dem „goldenen Mainz". Gar nidü weit von dieser Stätte die beiden Niederwaldzahnradbahnen, von Rüdesheim und von Aß» mannshausen, einst Deutschlands beliebteste Bergbahnen, jetzt der Ort schmerzlicher Betrachtungen über die Wandelbarkeit des Dölkerglücks. Andere bekannte Bergbahnen sind die Malberg- vahn von Bad Ems, die Zahnradbahnen im Sieben- g e b i r g e (auf den Drachenfels und den Peterskopf), die Kräh- nenbergvahn von Andernach die Zahnradbahn von Boppard a Rhein, die „Barmer Bergbahn", die Drahtseilbahn von Bad Reichen hall, die Herkulesbahn Kassel-Habichtswald, die zierliche Dra'htseilbahn Grdmannsdorf—Augustenburg t.Erzgeb. die Bergbahnen von Baden-Baden, Durlach und Karlsbad. Weit im Nordosten des Reiches gibt es noch eine kleine „Bergbahn", die auf die Höhe der Samlandküste führt: es ist die elektrische Drahts, i.bh.i vom O st s e e b a d Rauschen, die alle ihre Fahrgäste zu einem erhadenen Fernblick über die blaue Ostsee 'hinaufbringt. Anter den nichtdeutschen Bergbahnen ist bis zum Kriegsausbruch auch eine Norwegische Ba'hn diel von Deutschen benutzt worden: die Drahtseilbahn auf den Floien bei Bergen. Abbau der Schutzpockenimpfung? Von Amtsarzt Dr. Schupper t. Man wird sich noch der Debatten erinnern, die sich im März l. I. im Reichstagsgebüude im Anschluß an einen Vortrag der Ämpfgegnerin Frau Dr. Andrae über Ämpsung und Ämpfgesetz abspielten: dieser richtete sich vor allem gegen den gesetzlichen Impfzwang. Wie schon so manche Vorstöße der Ämpfgegner, der prinzipiellen Bekämpfer des staatlichen Impfzwangs, wird auch dieser Versuch, eine Aufhebung oder Aenderung des Ämpfgesetzes vom Jähr 1874 herbeizuführen, im Sand verlaufen. Die Nöte früherer Epidemien, unter welchen das deutsche Volk litt, und denen die Einführung der Pockenimpfung ein Ende bereiteten, find ja beNannt und jetzt gehören die Pocken (auch schwarze Blattern genannt) zu jenen Seuchen, die für uns ihre Schrecken verloren haben: aber wenn sie auch aus Deutschland so gut wie vollständig verschwunden sind, so droht doch immer die Gefahr der Einschleppung aus unmittelbar angrenzenden Ländern, die einen allgemeinen gesetzlichen Ämpfzwang nicht haben. (So wurden im vorigen Jähr in dec Isolierbaracke der hiesigen medizinischen Klinik zwei in Dad-Naäheim an Pocken erkrankte Ausländer behandelt.) In und nach dem Kriege haben die Pocken in Deutschland eine nur unbedeutende Rolle gespielt, was erst recht deutlich bei einem Vergleich mit den Verhältnissen in Oesterreich-Angarn zum Ausdruck kommt, wo ein Ämpfzwang nicht besteht und daher die Bevölkerung nur zum Teil durchgeimpft ist. Hier gab der Krieg Anlaß zu einer Pockenepidemie, wie sie in einem solchen Amfang Deutschland seit 1874 nicht mehr gesehen hat: so weist das Jähr 1915 eine ErkranLungsziffer von über 23 000 Fällen auf. Es ist bemerkenswert, daß trotz der engen wirtschaftlichen und militärischen Verbindungen, wie sie mit Oesterreich--Angarn während des ganzen Krieges bestanden, die Pocken nicht oder nicht wesentlich von jenen Ländern auf das deutsche Gebiet übergegriffen Haben. Die einzige ©rflärung hierfür ist in der hohen Immunität der deutschen Bevölkerung gegenüber dem Pockengift zu suchen, eine Folge der allgemein durchgeführtest Schutzimpfung. Denn eine hier und dort auftretende Erkrankung fand nicht den nötigen Nährboden, um zu einer gefährlichen Volksfeuche sich entwickeln zu können. Wie sich die Verhältnisse in anderen Deutschland unmittelbar angrenzenden Ländern, die den gesetzlichen Ämpfzwang nicht haben, gestalten, läßt der jetzt bekannt gewordene Bericht des schweizerischen Gesundheitsrats über die Pockenepidemie, die im Jahr 1921 in der Schweiz herrschte, in bemerkenswerter Weise erkennen. Än der Schweiz ist die Regelung der Schutzpockenimpfung den einzelnen Kantonen überlassen, und unter dem Einfluß impfgegnerischer Bestrebungen ist in verschiedenen Kantonen die zwangsweise Ämpsung und Wiederimpfung wieder abgeschafst. Nach diesem Bericht betrug die Zähl der an Pocken Erkrankte» 596, darunter 8 Todesfälle. Von den Erkrankten waren 23 geimpft, 16 wiedergeimpft und 359 ungeimpft. Anter den 8 Gestorbenen waren 7 nicht geimpft, 1 wiedergeimpft. Von 198 war der Ämpfzustand unbekannt. Mit Recht 'heißt es in dem Bericht: „Eine richtige Duvchimpfung der Bevölkerung würde die Pocken ohne weiteres zum Verschwinden bringen und den Gemeinden und Kantonen sowie dem Bunde die großen Ausgaben ersparen, die ihnen für Epidemien, wie sie das Jahr 1921 zu verzeichnen hatte, erwachsen." Nach Annahme des Eidgenössischen Gesundheitsamts haben die Gesamtkosten für diese Epidemie eine halbe Million Schweizer Franken überstiegen. Angesichts solcher der neuesten Zeit entstammenden zahlenmäßigen Tatsachen wird sich niemand der ernstesten Bedenken verschließen können, welche die immer wieder auftauchenden, auf eine Aenderung des Reichsimpfgesetzes hinzielenden Bestrebungen der Ämpfgegner Hervorrufen. Selöstverständlich sind außer der Pockeniinpfung die allgemein-hygienischen und gesundheitspolizeilichen Maßnahmen der Medizinalbehörden, deren Mithilfe bei den Feststellungen der Erkrankungen und deren Infektionsquelle. die sofortige Äsolierung der vereinzelt auftretenden Fälle u. dgl. eine unerläßliche Forde-» ntngjür rationellen Seuchenschuh: die Hauptforderung aber wirb die Beibehaltung der gesetzlich geregelten allgemeinen Dchuh- impsung sein und bleiben müssen. , Schristleitung: August Gostz. — Druck und Verlag der Brühl'fchen Aniv.-Buch- und vteindruckerei, R. Lange, Dießen.