Nr. 27 1922 Samstag, Juli SW h' ©ermania Romana. Unter diesem Titel erschien vor einigen Wochen ein 'Silber« atlas, der es unternimmt, auf 100 Tafeln die wichtigsten Denkmäler aus Deutschlands Römerzeit wiek-erzugeben. Es bedarf keines Wortes, von tote großem wissenschaftlichem Interesse und vaterländischer Bedeutung eine Rückschau auf jene erste Ausstrahlung der antiken Kultur in deutsche Lande ist. Die in Frankfurt a. 21t. wirkende Römisch-Germanische Kommission des Deutschen ,Archäologischen Instituts erwarb sich daher ein hohes Verdienst und Ansprn-ch auf die Dankbarkeit weiter Kreise von Geschichtsfreunden, als sie beschloß, diesen durch eine Auswahl aus dem überreichen Material einen großen Teil der auf uns gekommenen Schätze im Bilde zugänglich zu machen. Unterstützt vom Bunde für heimische Altertumsforschung und von vielen privaten Förderern ist es ihr gelungen, ein stattliches Heft herauszubringen*), das — dem greifen Archäologen Georg Wolfs gewidmet — in seiner schmucken Ausstattung bei erstaunlich billigem Preise alles Lob verdient. Ms Herausgeber unterzeichnet das 23©rtoort Pros. F. Koepp, Direktor der Kommission, der schon vor einem Jahrzehnt durch eine ebenfalls für weitere Kreise bestimmte Monographie über die Römer in Deutschland seine Vertrautheit mit dem Gegenstand erwiesen hat. Reben ihm steht F. Drexel als Mitherausgeber. Den Abbildungen steht ein 18 Seiten umfassender Text voran, in den sich beide Gelehrte teilen. Gr gibt für jede Tafel ober zusammengehörende Folge von Tafeln eine ganz knapp gehaltene geschichtliche Einführung, sodann für jedes abgebildete Denkmal die erforderlichen 2!achweise: Fundstätte, jetziger 2luf- bewahrungsvrt, 2lngabe der Veröffentlichung, der die wissenschaftliche Bestimmung unb die Wiedergabe verdankt wird. Doch nun zur Hauptsache, zu den Abbildungen. Der erste Eindruck ist, daß die Wiedergabe der etwa 800 Werke der Kunst und Technik die auf den 100 Tafeln großen Formats vereinigt sind, vorzüglich gelungen ist. Das glatte, leicht glanzende, starke Papier der Dogen verspricht dem Werke Dauer und muß jeden Bücherfreund erfreuen. Innerhalb der einzelnen, jeweils eine zusammen- fassende Unterschrift tragenden Tafeln ist jede der nach dem Zinkdruckvsrfcchren hergestellten Abbildungen numeriert, so daß die entsprechenden Angaben des Textes im 2lu zu finden sind. Durchmustern wir nun mit der hier gebotenen Kürze den Bildersaal, der sich uns auf diesen Blättern auftut. Jeder Betrachter tut gut, sich zuerst in die auf Seite 4 gebotene Karte von West- unb Süddauchchland (Obergermanien und Raetien) zu vertiefen, in die der Limes samt den zahlreichen Kastellen eingetragen ist, die seinen Lauf begleiten. Diesen und ähnlichen Wehrbauten gelten die ersten Tafeln, die an Hand von Grundriffen das römische Lager in seiner Entwicklung zur An» schaumig bringen. Dazwischen zeigen Ansichten der Ausgrabungsstätten die Spatenforschung bei der Arbeit. Unter den ganz oder zum Teil erhaltenen Bauwerken nahmen die von Trier den ersten Platz ein, allen voran die herrliche Porta nigra. Die herrlichen Mosaiken aus den Billen der Moselgegend sind ein reiner Genuß, stand doch diese heute fast ausgestorbene Kunst zu Beginn unserer Zeitrechnung in hoher Blüte. Es folgen technische Anlagen mannigfacher Art, bann das weite Gebiet der Grabkunst: Grabsteine *) Kommissionsverlag C. C. Buchner in Samberg. Zu beziehen durch die Röm »Germ. Kommission. Frankfurt a, M., Eschersheimer Landstraße 107, für Militär und Zivil, wichtig wegen ihrer Inschriften sowohl wie um des reichen ornamentalen und figürlichen Schmucks, den sie tragen. Zu Fuß ober zu Pferd, im Brustbild oder in ganzer Figur sind die toten Krieger dargestellt. Der künstlerische Wert dieser Reliefs ist meist gering, ihr kulturgeschichtlicher um so höher. Besondere Aufmerksamkeit verdient hier der berühmteste aller rheinischen Grabsteine, den nach der lateinischen Inschrrst ein überlebender Bruder dem im Baiuskrieg gefallenen M. CaeliuS errichtet hat. Im 2. und 3. Jahrhundert erlangt das befriedete Gebiet größeren Wohlstand, anspruchsvollere Grabdenkmäler begegnen, über die der Text lesenswette Auskunft gibt. Ms Weihe- denkmäler schasst die Plastik der Zeit Darstellungen der Götter, deren Heer und Bürger ein „bunt Gewimmel" verehren: neben denen der klastischen Bölker fleht der Perser Mithras, stehen allerlei germanische und gallische Gottheiten, die mit denen des Südens oft wunderlich verschmolzen werden. Bon Porträtkunst und Schmuckwerk, kunstvoll gearbeiteten Säulenkapitellen, Keramik und Waffen, militärischen Ehrenzeichen und Hausgerät zu berichten, verbietet der Raum. Zum Schluß nur noch zwei Hinweise: Unter den mehr als 50 Bronzen sind ganz herzerfreuende 2Lerke, und das Tafelgerät des Hildesheimer Silberfundes teilt mit ihnen den Anspruch auf ein oft mißbrauchtes, hier aber angebrachtes Prädikat: Klassische Schön'heitl Dr. Willh Morel. Der bunte Kreisel. Erzählung von Johannes Schlaf). An einem sonnenklaren Lenzmorgen, einem Tage, der einem da» Herz im Leibe lachen machte, tappelte der alte Herr, der in seinen Achtzigern stand, nachdem er sich erhoben und seine gewöhnte Frühtoilette bewerkstelligt hatte, in seinem schwarzen Schoßrockanzuge, die altmodische, weiche, weiße Binde um seinen bleichen, feinrunzligen, alten Hals, aus seinem Schlafgemach in fein Arbeitszimmer hinein. Seine matten Augen erhellten sich, als sie die viele, strahlende Sonne sahen und vor Freude stieg ihm ein seines Rot in die Wangen. Er trat an das Fenster heran, griff nach dem Wirbel, öffnete weit beide Flügel, dehnte den Brustkasten, so weit er vermochte, atmete tief die herrliche 'Morgenfrische em und ließ den Blick über den Platz unten schweifen. *) Im Mosaik-Verlag zu Berlin sind eine Reihe billiger Bändchen mit gediegenem Inhalt erschienen. Erzählungen von Johannes Schlaf füllen eines davon, und „Der bunte Kreisel" mag die Leser anregen, sich mit der feinen, inneres Erleben erfassenden Kunst des Dichters näher zu befassen. Geheimnisvolle Zusammenhänge des Seelenlebens mitten aus dem Alltag des Lebens herauszugreifen und künstlerisch zu gestalten, das ist dem Verfasser in dem vorliegenden, nach der EingangS- erzählung „Radium" genannten Büchlein vortrefflich gelungen. — Wer an dieser Mo Vellenliteratur Freude hat, wird dann auch zu andern Bändchen des Mosaikverlages gerne greifen. „Sturm und Sterne" von Kurt Münzer und „Die Locke" von Max Kretzer sind in gleicher QSetfe lesenswert. Münzer liebt romantische elegische Geschichten, die von dem dämonischen Eingriff fremder Gewalten in die Schicksale schwacher und beeinflußbarer Men» schen handeln: Kretzer ist dagegen bekannt durch seine reale, urwüchsige Gestaltungskraft und die packende Durchführung dramatischer Äonflifte. Dp brauste und lärmte mit ermunterten Lauten der immer erneute Lebensstrom. Rings stehen die Häuser mit ihren Farben, mit Schauläden, Firmenschildbuchstaben und vielen, vielen in der Sonne gleißenden Fenstern, alles hi einer überhellen Flut von Licht, von Licht. Und oben lacht tiefblau ein wolkenloser Himmel. In schönen Flugspiralen wendend, bewegt sich in ihm das blitzende Gefieder eines Taubenschwarmes. An den Dürgersteigrandern hin flehen in ihrem großen Viereck festlich wie riesige Strauße in ihrem munter krausen Junggrün, das unter der üppigen Pracht der Roidvrnblüie verschwindet, die Bäume. Aneinander öorwi bewegen sich- mit schallend belebtem Geratter und Gedröhn gemächliche die Lastwagen. Das Rauschen und gelegentliche Poltern der dicht besetzten elektrischen Straßenbahnwagen und ihr Geläut, Me melodisch- laute Tvnfigur eines in der Sonne blitzenden Auiomobit- hornes. ' Auf den Bürgersteigen, zwischen den Stammen der Rotdornbäume, drüben, zur Rechten, zur Linken unten vorm Hause über den Platz hinüber und herüber, aus den Seitenstraßen Hervor, und in sie hinein, das munter geschafttge Gewimmel der Vorübergehenden. s _ . x „ Die Glocke des Milch wagens, die tauten, singenden Rufe des Gemüsehändlers, sein Wägelchen mit der üppigen Fülle uno lachend grellen Buntheit der aufgeschichteten Gemüse und dem schmucken weißgrauen Eselchen davor. Der gelbe Poslparetwagen. Ein Stückchen vom Hause unten entfernt, dicht am Ranv oes Bürgersteiges, mitten in der Sonne, der fliegende Scherenschleifer, der seinen'Schleifstein dreht, das grelle Zischen der Messerklinge, die er schärft Die Spatzen in den Baumwipseln, zwischen ihnen hin und her, hinab zum Fahrdamm und wieder hmauf Aber da trifft der Blick des alten Herrn auf solch einen kleinen Hungen, Kleineleutsjungen, einen fechchäh-rigen Knirps. Eine lange, bis auf die Schuhe herabreichende, viel zu wette, drollig schlottrige, grüne Hose hat er an, in die ein tiefherab- hängendes Hinterteil aus schön hellblauem Tuch und vorn, an den sich sackenden Knien, je ein viereckiger, blauer Flick eingesetzt sind Ein geflicktes Jäckchen hat er an, hat ein rot-pausbackiges Gesichtchen'mit zwei treuherzig krillen Augen und einen blonden Strubbelkopf. ' , In per Hand aber Hält er einen dünnen Stab, an dem oben ein Stück Bindfaden angeknüpft ist. Än den Bindfaden ist unten — der alte Herr lacht, spricht etwas vor sich hin und iiickt bestätigend mehrere Male mit dem Kopf — ein Knötchen geknüpft. Drollig geschickt und sachverständig wickelt das -Kerlchen, langsam, während er umherschaut, hier und da den Blick auf etwas verweilen läßt wobei er dann seine Beschäftigung ein Weilchen unterbricht — wickelt er den Bindfaden um einen kleinen, bunten Holzkreisel herum, bis der Kreisel dicht an den Stab heran ist. Dann aber bückt er sich, drollig seine beiden, schlottrig weit langhvsigen Beinchen zu einem O breitend, Stab und Kreisel sorgfältig haltend, nieder, setzt den Kreisel auf den Boden auf, zieht die Schnur hurtig los, der Kreisel tanzt, und er haut mit der Schnur auf ihn ein und hält ihn im Gang. Ein schöner, neuer, grellbunt, rot, blau, gelb, grün und weih bemalter Kreisel. Bald saust er in prächtigen, weiten Dogen hier-, bald dorthin, bald geradeaus, hin und her, dicht am Erdboden hin, bald macht er schnell hinter einanderweg kurze, stuckende Hopser chen, und dabei leuchtet er mit seinen Farben in all der vielen Sonne lustig wie ein Stückchen Regenbogen, Anverwandt verfolgt der alte Herr dies muntere Hin und Her, lacht, spricht vor sich hin, nickt mit dem Kops, gerät in eine ernst gerührte Rachdenklichkeit und bleibt -doch in Spannung, wenn der Kreisel mit feinen Sprüngen mal dicht an die Bordsteine des Bürgersteiges herangerät, und wenn der kleine Kerl dann, selber genau aufpassend, mit feiner Schnur schnell, unablässig drauflos haut. And der alte Herr lacht und freut sich und seine Augen blitzen,, wenn die Spannung sich- löst und der Kreisel plötzlich- mit einem mächtigen Satz von dem Bordstein ab und auf das freie glatte Gebiet des Platzes hinausgerät. Dann kam aber mit einem Male was Sonderbares. Er selbst jawohl, ganz und gar er selbst! — ist der kleine Junge da unten. So'n drolliger, lichthaarig flrubbelköpfiger Knirps, in einem Anzug, kaum viel besser als der, den der kleine sonderbare Junge da unten anhat. And der Platz ist ja der Kirchplatz daheim, in seinem Ge° burtsflädtchen. And »um ihn herum ist -so viel herrliche, strahlende Sonne, und 'hoch über ihm so viel weiter, weiter, blauer Himmel. And rings stehen im Kreis mit ihrem jung und licht hervor- brechenden Grün die alten Linden, in -deren breiten Kronen wie nicht gescheit die Spatzen ihr Wesen haben. And es ist so still und freundlich und warm. Munter flüstert ein frischer Wind darein und raunt in den Lindenkrvnen. And er selber Hat den dünnen Stab in der Hand mit dem Bindfaden dran und haut auf den bunten Holzkreisel los, daß es nur so 'ne Lust ist, wie der hin- und hertanzt. So'n Kreisel! So'n kleiner, bunter Kreisel! Ja, wie das nur ist mit dem Kreisel? Manchmal, wenn er endlich doch- mal umgetorkelt ist, hält er ihn in der Hand, bevor er ihn wieder aufwickelt, und betrachtet ihn mit einem' nachdenklich verlorenen Gesicht. Die Farben! — Rot, gelb, grün, blau, weiß um seine eingedrechselten Kurven ringsum,' und oben, auf dem breiten Kopf, ftchöne, ineinandergefügte Farbenkreise. Ja, die wunderschönen, hellen, frischen '