Samstag, 4. März W WW-f 6 1922 — Nr. 9 ^Zs^W !i miLM WWMW 51 B KMWW 7L31 Aus neuen Erinnerungen an Kaiser Friedrich. Die tragische Persönlichkeit Kaiser Friedrichs tritt in er» greifender Weise aus den Erinnerungen hervor, die aus dem Nachlaß seines langjährigen Bitlivthekars und literarischen Beraters, des Kunsthistorikers Robert Dohme, von Max Springer in der „Deutsche Revue" veröffentlicht werden. Lieber sein Verhältnis >zu Bismarck schreibt dieser intime Beobachter: »Das Verhältnis des Kronprinzen zu Bismarck toar kein gutes. Der feinfühlige Prinz wurde durch die rücksichtslose Zielstrebigkeit des Ministers, der zivilisierte Mann durch dessen Mangel an Verständnis für internationale Kultur zurückgeflosten. Es waren zwei Naturen, die sich abstosten muhten. Der Prinz liest gelegentlich seinem Groll gegen den Fürsten die Zügel schiesten, sein Gerechtigkeitssinn aber verkannte auch dann nicht die Bedeutung des Mannes in historischer Beziehung: „es sei leider für ihn unmöglich ein innerliches Verhältnis zum Fürsten zu gewinnen: seit 1871 seien sie sich gegenseitig darüber klar". Er beklagte den Mangel an Aufrichtigkeit im Fürsten, dem unter dem Anstrich größter Ehrlichkeit die brutalste Lüge und infolgedessen jede Llnzuverlässigkeit im intimen persönlichen Verkehr zuzutrauen sei. Stets sei des Fürsten Betragen gegen ihn unaufrichtig gewesen." Ein unüberbrückbarer Gegensatz wurde im Attentatsjahr von 1878 geschaffen, als der Kronprinz annahm, während der schweren Krankheit seines Vaters die „Regentschaft" zu führen. Statt dessen aber überbrachte ihm Bismarck im Namen des Königs die Mitteilung, daß er nur eine „Stellvertretung" erhalten werde, bei der der verantwortliche Minister die ausschlaggebende Persönlichkeit war. Friedrich verlangte, der Fürst solle die Regentschaft für ihn beim Kaiser durchsetzen. „Der Fürst weigerte sich, es gab eine sehr lebhafte Auseinandersetzung, im Verlauf deren er plötzlich seinen Helm ergriff und das Zimmer verlassen wollte. Schon, hatte er den Türgriff in der Hand, als ich ihm zurief: „Halt, ich 'verlange, daß Sie hier bleiben, mir Rede und Antwort stehen. Wenn nicht mehr, bin ich jetzt der Stellvertreter meines Vaters und verlange von Ihnen als. dem Ministerpräsidenten Rechenschaft über den Stand der Dinge im Staatsleben." Ich sah ihm an, wie schwer es ihm wurde, stehen zu bleiben, die Wut trieb ihm Tränen in die Augen; ich tat, als sähe ich dies nicht, und lieh ihn über eine Stunde sprechen,. auf seine Darlegungen mit Aufmerksamkeit eingehend und ohne jedes Zeichen von Verdruß sachlich diskutierend: er hat mir das nie vergeben." So erzählte der Kronprinz selbst Dohnie diese Szene. Ein andermal sagte er: wenn jemand die Geschichte eines Prinzen schreiben wollte, wie ich sie durchlebt, es wäre ein trauriges Buch, und den Leuten würde die Sehn- sucht, Prinz zu sein, darüber wahrlich 'vergehen. Aber es müßte eben ein Prinz selbst schreiben." Der Kronprinz litt schwer unter dem Argwohn des Kaisers, der ihn von jeder selbständigen Tätigkeit bei der Regierung fernhielt; nicht minder schwer aber drückte auf ihn der Gegensatz zu seinem Sohn, über den Dohme den folgenden bezeichnenden Zug berichtet: Für seine kommende Regierungszeit dachte er lebhaft an einen Ausbau des Berliner Schlosses und ließ, verschiedene Pläne aufstellen, die er mit großem Anteil besichtigte. Als aber dann die Ausführungsmöglichkeiten näher besprochen wurden, da rief er seiner Gemahlin zu: „Wie wunderschön wäre das gewesen — vor 10 Jahren. Heute ist es zu spätl" „Aber nein, Fritz," entgegnete sie, „es ist nicht zu spät. Wir beginnen es und freuen uns dessen; und was tut es, wenn Wilhelm es erst beendet!" „Wilhelm?" rief er schmerzlich aus, „liebes Kind, vergib nicht, daß nach uns alle diese Interessen erlöschen. Nach uns werden nur noch Kasernen und Dethäuser gebaut; die Kunst, wie wir sie 'verstehen, ist dann tot!" Bon der Erkrankung des Kronprinzen an Masern schreibt Dohme eine deutliche Abnahme seiner Lebensfrische her. Der Prinz erklärte nun öfters, daß er früh sterben werde, daß er das „beste Teil seiner Kraft" schwinden fühle. . Der Gedanke an die Zukunft seiner so hochverehrten Gemahlin, an die Mißverständnisse mit seinem ältesten Sohn, von dem er wenig ihm sympathische Anschauungen erwartete, bedrückten rhn: „Komme ich noch zur Regierung, so bin ich ein alter abgebrauchter Mann, ohne die. Frische und Kraft, welche der Thron verlangt." Lieber das Wachsen der Krankheit erzählt Dohme, der im Winter 1886/87 den Kronprinzen fast regelmäßig wöchentlich zweimal sah, folgendes: „Schon im Herbst 1886 wurde er heiser. ES hatte diese leichte Heiserkeit aber wenig Auffälliges, da seine Stimme, so lange ich ihn kenne, keine recht sonore war. Die Heiserkeit aber wuchs im Laufe der Wintermonate; war sie wirklich einmal verschwunden, so kam schnell ein Rezidiv und bei einiger Inanspruchnahme versagte das Organ auffällig, schon im Dezember und Januar (1887). Zugleich war seit Monaten, eigentlich von den Masern an, ein Schlaffwerden seines ganzen Organismus zu beobachten .... Wir sprachen oft im Lauf des Winters über die Heiserkeit des Prinzen — der Prinz und ich. Daß Ernstes daraus werden könnte, muhte sich ein Mensch, der medizinisch Leuten kann, viel früher sagen, als die Leibärzte und Gr. Gerhardt es wenigstens offen taten. Bei 'der Eröffnung des neuerbauten Völkermuseums vertrat der Kronprinz seinen Vater. Es war, glaube ich, am.11. Februar. Wie war er da schon so müde wie schwer wurde ihni das Ablesen der Rede: inan fühlte wer ihn genau kannte, den Zwang, den die Feier auf ihn ausübte. Der Einzige. Von Richard Voß. 1. Im Mittelländischen Meere, nahe bei den wonnigen Gestaden Campaniens, liegt ein Felseneiland, kaum größer als eine Klippe. Es besitzt eine einzige Bucht, in welcher Barken landen können, und auch das nur bei ruhiger oder mäßig bewegter See. Der kleine Hafen liegt nach Süden, offen, ist 'also gegen den Nordwind durch mächtige Felsenmauern. geschützt. Weht ein heißer Süd, so schlagen die empörten Wogen hoch über den Strand hinauf und die Riffe empor. Zu solchen Zeiten kann keine Seele die Insel verlassen,' kann keine/Seele/hingelangen, und es können solche Zeiten durch Wochen dauern. Dann gleicht das Eiland einen: Aufenthalt von Gott und Menschen Verlassener. Es hat nur wenige Bewohner, die in aufgemauerten Höhlen hausen. Diese „Häuser" haben der" wütenden Stürme wegen flache Dächer, auf Denen die Leute die glühend heißen Sommernächte verbringen. Mann, Frau, Kind. Es gibt auf der Insel keine Quelle, und das Wasser 'wird jn Zisternen gesammelt, die antiken LlrsprungS: sind. Denn in alten Zssiten diente die Klippe Bem gewaltigen Rom als Derbannüngsort. Alles, was von jenen Geschlechtern übrig geblieben, sind die mächtigen Wasserbehälter 34 Und die in den lebendigen Felsen gehauenen, schon vor Jahrhunderten ausgeraubten Grüfte. Kein Daum gedeiht auf dem Eiland, nur stachliches, immergrünes Duschwerk, Myrte und wilder Oelstrauch. -Unö Ginster. Ginster in Mengen! Die Wohnstätten umschließen baumhohe Opuntien, die mit ihrem grauen, grotesken Blattwerk und ihren starren, bizarren Formen etwas Unweltliches haben, wie Bäume einer Gespensterstadt. Dicht der wütendste Sturm macht sie auch nur sich regen. Aber ihre säuerlich schmeckenden, saftigen Früchte dienen dem Jnselvolk im Sommer als hauptsächliche Dahrung. Dom Festlande, dessen schimmernde Küste. den Bewohnern der umfluteten Scholle wie ein verlorenes Paradies vor Äugen liegt, haben die Ahnen des heutigen Geschlechts dunkles, fettes Erdreich auf ihr wüstes' Gestein übergeführt und das kostbare Gut an geschützten Stellen aufgeschüttet, die sie zum Ueberfluß noch- hoch ummauerten, damit ja kein KrÜGlein Ackerscholle fort« geweht oder verloren werde. Die winzigen Stücklein fruchtbaren Bodens bedeuten die Getreidefelder der Insel. Sie nähren kümmerlich Kind und Kindeskinö jener seit langem Gestorbenen und werden von den Enkeln als teures Vermächtnis der Toten liebreich! gehegt. Dcrturgemäß sind die Jnselleute seit Urzeiten Fischer. Da sie nun für ihren Fang keinen Absatz finden, so betreiben sie hauptsächlich — und Las auch schon seit Generationen — die Korallenfischerei. Die Männer bilden eine Genossenschaft, die unter einem jedes Jahr neu gewählten „Capo“, einem Kapitän, steht. Dieser führt seine kleine Schar jeden Herbst auf den Beutezug in die afrikanischen Gewässer, und es bleibt dann kein kraftvoller Mann, kern blühender' Jüngling zuriick. Selbst die Knaben gehen mit auf die gefahrvolle Fahrt, gefahrvoll deshalb, weil sie auf einer kleinen Flotte gebrechlicher Fahrzeuge unternommen wird. Aus der Insel weilen dann nur Frauen und Kinder, Kranke und Greise. Die Zurückgebliebenen erwarten bangend den Frühling. Jeder aufbrausende Sturm kann den kühnen Fischern den .Untergang bringen! Bei jedem Unwetter laufen die Angstvollen am Ufer zusammen starren hinaus auf das wütende Meer, erheben flehende Hände, schreien zum Himmel empor, der sie oft, oft nicht hört. Dann gibt es im Frühling Jammer und Tränen, Witwen und Waisen. [ Trotzdem ziehen sie jeden Herbst auf kleinen, unsicheren Booten hinaus. Diejenigen aber, die wiederkehren, begrüßen mit Jubel die Heimat, die nur eine Klippe im ewigen Meer ist, die sie dennoch heißer lieben als Weib und Kind, als Gott und Vaterland. 1 „Heißer als Gott —" Sie haben kein Gotteshaus, haben also auch! keinen Priester. Dur ein alter Einsiedler haust neben einem tuinenhaften Kapellchen, der süßen Mutter des Heilands geweiht. Der fromme Greis darf die Kranken trösten, darf bei den Sterbenden beten, darf die Toten begraben. Wer er darf nicht Kinder taufen und kein Hochzeitspaar zusammengeben. Auch wenn die Jnselleute Gottes Wort hören und die Tröstungen ihres heiligen Glaubens empfangen wollen, müssen sie hinüber zur Küste, wo es — auch in einem armseligen Fischerdorfe — ein Gotteshaus gibt, einen Gottesdiener und Gottesdienst. Hier können die Mühseligen und Beladenen ihre Sünde und ihren Jammer zur Beichte tragen, können sie ihre Schuld sich, vergeben lassen, können sie des göttlichen Leibes teilhaftig werden und getröstet heimkehren auf ihre einsame Scholle, die sie für keinen Garten Eden hergeben würden, obgleich sie ihnen nur ihr knappes tägliches Brot schenkt. 2. Mattia Morgano war nicht nur der stattlichste und stärkste, sondern auch der glücklichste Inselbewohner; denn das schönste und tüchtigste Mädchen, Assunta Massa, wurde im Frühling, als die Korallenfischer, von der Küste Algeriens heimgekehrt waren, fein Weib. An der Vermählung und dem Glück der- beiden nahm das ganze Eiland teil, wie es auch- für die schier überschwängliche' Liebe', der zwei jungen Menschen und das heiße Werben Mattias um. die Geliebte leidenschaftliche- Teilnahme gezeigt hatte; waren doch! Glück-und Unglück, Freude und'Schmerz, Leiden, Krankheit und Sterben des einen der kleinen Gemeinde allgemeines Geschick . -„ . Als das Paar zur Trauung nach dem Festlande fuhr, gaben dem Drautschisf sämtliche Barken .das Geleit. Da ein günstiger Wind wehte, konnte man die Segel hissen, Dom Mast zum Mig und Heck eines .jeden ' Fahrzeugs waren Gewinde blühenden Ginsters gezogen und war dicker schöne Strauch des sonnigen Südens so recht die Blume-der Insel, die zur Blütezeit das trostlose Gestein Mit duftenden Gluten überschüttete,' so daß. es dem Azur der Wogen wie ein . märchenhaftes Golögebirge entstieg. Da die Klippe keine Orangenbäume trug,'hatte man der Braut einen Kranz aus goldgelbem Ginster geflochten. Es leuchtete auf dem jungen Haupt -wie eine Königs kröne, eine Krone königlicher Hoheit,-' jungfräulicher Herrlichkeit. In den Barken befanden sich Mandolinenspieler und Sänger so daß das Schiff der. Glücklichen von Sang und Klang umtönt wurde. Dazu war der Tag strahlend, waren Himmel, Küste und Meer eitel Glanz, was alle als eine Vorbedeutung für ein glückliches Leben der Liebenden ansahen. ®tne Schar den Wohllaut liebender Delphine, dieser Dajazzi des Meeres, schoß pfeilschnell neben den Barken her, mit Hohen Sprüngen aus den Wellen sich hebend, und Mövenfchwärme flatterten den Schiffen voraus. Der Trauung folgte in der einzigen Osteria des Fischerdorfes das Hochzeitsmahl. Es bestand aus Makkaroni, dieser großen, von dem Jnselvölklein nur selten genossenen Festspeise. Dazu krank man roten süßen Wein, ein Göttertrank, wie man ihn auf dem Eiland nicht kannte. So war denn die Feier wahrhaft königlich, und erst gegen Wend gingen die Barken wieder in See. Da die Dacht dunkel roar, brannte in jedem Dachen ein blutrotes Pechfeuer; und mit Fackeln, unter Spiel und Gesang, geleiteten die Gäste mitten in der Dacht die Deuvermählten zu der hochgelegenen Hütte des Gatten, auf deren mit Ginsterblüten bestreuten Schwelle die greise Mutter des Fischers die Ankommenden mit dem Segensspruch empfing der feit länger als hundert Jahren eine jede junge Tochter des alten Hauses bei ihrem Eintritt begrüßt hatte: „Wie Haus und Herd dein eigen sind, Ist auch des Hauses Ehre dein; Und wie das Haus bei Sturm und Wind Fest steht auf seinem Felsengrund, Steh du zum Gatten jede Stund' -Und halt des Hauses Ehre rein.“ Der Mutterfegen war ein Weihespruch und Mahnwort zugleich. , Auch einem uralten Brauch gemäß hob der junge Gatte fein geliebtes Eigentum zu feinem Herzen empor Und trug es über die geschmückte Schwelle in fein Haus, dessen Tür sich hinter den beiden Glücklichen schloß. Assunta schritt zum Herd, darauf die Mutter glühende Kohlen gehäuft, nahm den Brautkranz ab und entzündete damit auf ihrem 'Herde das erste Feuer. Dabei sprach sie mit lauter, feierlicher Stimme der Segnenden Nach; „Und wie das Haus bei Sturm und Wind Fest steht auf seinem Felsengrund, Steh' ich zum Manne jede Stund' Und halt' des Hauses Ehre rein. Und sie setzte hinzu; Sv muh es sein, so wird es (fein!“ Was im Munde der Mutter eine Mahnung gewesen, das lautete wie ein Schwur in dem Munde der jungen Frau, als ein Gelöbnis bei der fleckenlosen Ehre des Hauses, dessen Herrin sie jetzt war. 3. Und es drang die neue Zeit auch auf die einsame Klippe am Meer ... , Gleich an dem Tage nach feiner Hochzeit begann Mattia Morgano ein feit langem geplantes Werk auszuführen Er hatte es mit den klugen Aeltesten der Insel reiflich überlegt und auch mit den andern Männern eifrig besprochen, hatte die Billigung jener Weisen erhalten und fand jetzt die Mithilfe aller. Eine neue Barke wurde gebaut, eine große, geräumige starke, die Wind und Wetter Widerstand leisten konnte Widerstand auch dem wildesten Wetter, dem wütendsten Winde Kein Korallenfischer von Italiens Küsten und Inseln war imstande ein Schiss von solcher Größe und Stärke aufzuweisen. Seine Fahrten in den Meeren und nach- Afrikas Küsten sollten das Gespräch der Schiffer bilden, sollten die Ehre und der Ruhm des armseligen Klippenvölkleins werden, ihm zum Gedeihen verhelfen, mit der begründeten Aussicht auf zukünftigen mäßigen Wohlstand. - Die glückverheißende Zukunft der Insel sollte der kühne Bau bedeuten, — kühn für die Männer die ihn unternahmen, deren Väter und Wnen nichts anderes kannten, als auf schwankenden Bachen die Fahrten, die vielen von ihnen zur Todesfahrt wurden. Das sollte fortan nicht mehr sein . . . Wie Mattia Morgano der erste gewesen, der gedacht geplant und ins Werk gesetzt hatte, so war-er jetzt der erste bei der Ausführung des Werkes, der kräftigste, tüchtigste, unermüdlichste Arbeiter. War es erst vollendet, so brauchten die Frauen nicht mehr vier lange Wintermonate zu durch bangen; brauchten sie nicht mehr bei jedem drohend aufsteigenden Gewölk flehende Hände und flehende Seelen zum Himmel zu erheben. Es würde dann auf dem kleinen Eilande keine angstvolle Gattin, Verlobte oder heimlich Geliebte, keine sorgende Mutter mehr geben; und die Kinder konnten in den wildesten Dächten ruhig schlafen während ihre Mütter auf das Brausen des Sturms, das Branden der Wellen lauschten und dabei denken durften: „Sie schiffen sicher! Die Barke ist zu gut und stark gebaut, um unterzugehen. Aus dem ganzen Meere gibt es keine so 'große und starke Fischerbarke — dank dem Mattia Morgano. Er ist uns Und unfern Kindern zum Wohltäter geworden.“ Mit dem ersten und unermüdlichsten Arbeiter arbeiteten alle. Auch! die Frauen. Auch Greise und Kinder. Jeder tat, was er tun konnte, und jedem ward die Arbeit zum Fest Sie sangen dabei ihre sämtlichen Lieder, die sämtlich todtraurig waren, und von denen keines je ein Ende zu nehmen schien. Aber bei den todtraurigen Gesängen arbeiteten sie lustig; und wenn sie von der QfcfeU ausruhten, so ruhten sie nicht vom 88 Mewerpracht aus fernen Jahrhunderten. Die Geschichte der Kleidermode muh hauptsächlich mit Darstellungen der Trachten arbeiten, wie sie sich auf Bildern und anderen Kunstwerken finden. Solche Abbildungen können aber nicht die Origtnalkleider ersehen, die allein ein ganz zuverlässiges Material für den Forscher darbieten. Es sind nun aber aus fernen Jahrhunderten sehr wenige Kostüme erhalten, wie Hans Miitzel in seiner bei Richard Carl Schmidt & Co. in Berlin erschienenen „Kvstümkunde für Sammler" hervorhebt, die hauptsächlich Originalkostüme berücksichtigt. Merkwürdigerweise sind gerade die widerstandsfähigsten Kleider am meisten der Vernichtung ausgesetzt gewesen. War doch die Güte des Stoffes ein Grund dafür, den Anzug recht abzutragen oder ihn zu einem neuen Kleid umarbeiten zu lassen. Roch im 18. Jahrhundert waren auch vornehme Herren in dieser Beziehung sehr sparsam, und es ist unglaublich, in welch abgetragenem Zustand manche Männerröcke auf uns gekommen sind, wie grotesk Kavaliersröcke der Rokvkozeit zusammengeflickt wurden. Die Zeit fand darin nichts Anstößiges, und da es allgemeine Sitte war, Kleidungsstücke zu verschenken, so trug der Empfänger den Anzug eben auf, wie er ihn bekam, oder lieh ihn notdürftig umbauen. Zugleich aber ermutigte ein dauerhafter Stoff, besonders bei der Damenwelt, zur Weiterverarbeitung. Am häufigsten ist dies der Fall, wenn einer Mode mit weiten Kleidern eine solche mit engen! folgt. Die weiten Kostüme lassen sich sehr leicht zu engen umarbeiten, und so findet man denn vielfach Empirekleider aus charakteristischen Rokokostoffen; während die engen Empirekleider in groher Zahl erhalten sind, da die kleinen Jäckchen und engen Aermel nicht mehr weiter verwendet werden konnten. Auch bei den Diedermeierkostümen ist bas meiste verloren gegangen. Die Singen aus. Denn sie wollten ein Lied doch zu Ende bringen. Also muhten sie den ganzen Tag über singen bis spät in die Rächt hinein, und dann war das Lied — es hatte nämlich nur eine einzige Strophe! — noch immer nicht aus. Wenn Mattia und Assunta Morgano spät abends nach der langen Arbeit in ihre von allen Häusern am höchsten gelegene Hütte zurückkehrten, — der Mann auch jetzt noch nicht müde — und die Frau die einzige ordentliche Mahlzeit des Tages bereitet batte, setzten sie sich mit der alten Mutter Mattias vor die Tür, inmitten von wildem Thymian und Lavendel, und sprachen von dem einen, von dem groben Werk, von dessen erster Ausfahrt und erster Wiederkehr, von der Aussicht auf ein besseres Gedeihen auf eine glücklichere Zukunft. Dann rief der Mann aus: „Ein besseres Gedeihen und eine glücklichere Zukunft für unfern Knaben! Denn ich weih, wenn ich im Frühling zurückkehre, wirst du mich mit einem Knaben auf dem Arm empfangen, mit meinem Sohn!" Dann nickte die Frau dem vom Glück der Liebe und der Arbeit, vom Glanz der Jugend und Kraft strahlenden Mann in ihrer ernsthaften Art zu und sprach leise und feierlich nach: „Mit deinem Sohn!" Den ganzen Frühling, Sommer und Herbst arbeitete jung Und alt an der geliebten Darke ihrer Hoffnung. Denn jung und alt liebte das Schiff, welches der Stolz aller war. Dann war das schwere Werk vollendet, sollte geweiht werden, sollte einen Ramen empfangen, einen Kapitän erhalten. Die Weihe des Schiffes sollte — mit seinem kraftvollen .Willen wollte es so Mattia Morgano — nicht ein fremder Priester vom Fefllande, sondern der greise Siedler von der Marienkapelle vollziehen; des Schiffes Ramen sollte lauten: „Assunta", und sein Kapitän für die erste Ausfahrt sollte Mattia Morgano sein — so war es der Wille aller. Als ein „Künstler" unter den Fischern den wohltuenden Namen mit gewaltigen Buchstaben in dem strahlendsten Blau von Zweigen blühenden Ginsters umrankt, unter einem bunten Holzbildnis der Himmelskönigin — auch sie war eine Assunta, eine mim Himmel Auffahrende! — am Buge gemalt hatte, wanden die Frauen und Kinder aus Myrten Girlanden. Sie bekränzten die Assunta, Schiffsseiten und Masten, hißt en die heilige Flagge ihres Vaterlandes auf, kleideten sich in ihren besten Staat, bereiteten Festgerichte und holten aus seiner Zelle den frommen Mann. Dieser segnete, weihte, betete. Es beteten aller Lippen und Herzen. Lind sie beteten für das Heil und Leben ihres Schiffes so inbrünstig, als gälte es dem ewigen Heil ihrer unsterblichen Seelen. Nachdem sie genug gebetet hatten, feierten sie. Sie feierten und freuten sich bis tief in die Nacht hinein, führten Tänze auf, welche Llrahn und Llrahnin miteinander getanzt, sangen ihre uralten, endlosen, felbstgeöichteten Lieder zu den uralten, selbst- erftindenen Melodien, und je schwermütiger diese über Klippen und Wogen hinklcmgen, um so Heller die Lust. Hauptpersonen des größten Festes, welches auf der Insel jemals gefeiert worden, waren die süße Mutter des Herrn und der fromme Greis; waren Mattia Morgano und sein junges, schönes Weib, unter dessen Herzen neues Leben sich regte. Also auch sie eine Geweihte! ' (Fortsetzung folgt.) Mode hat zwar lange genug gedauert, aber gerade deshalb find dre Biedermeierkostüme bis auf den letzten Faden aufgetragen worden, und nicht viel anders ging es mit den prächtigen Stoffen der Krmoltnezeit, die in die spätere engere Mode hineingearbeitet wurden. So ist von der Privattracht der Vergangenheit verhältnismäßig wenig übrig geblieben, am meisten natürlich aus dem 18. und 19. Jahrhundert, sehr viel weniger schon aus dem 17., und die Kostüme noch früherer Zeiten gehören zu den größten Seltenheiten. Dies gilt aber nur für die profane Tracht. Kirchliche Gewänder sind in reicherer Zahl und guter Erhaltung auf uns gekommen, da sehr alte Stücke noch lange in Gebrauch gewesen sind und die kostbarsten Stoffe verwendet wurden. Der Zufall hat uns einige Kostümstücke aus vorgeschichtlicher Zeit geschenkt. Die Moore Norddeutschlands und Hütlands gaben primitive Fellkleider prähistorischer Epochen sowie ganz aus Wolle hergestellte Kleider der germanischen Bronze- und Eisenzeit her. Die ältesten Originalstücke, die wir besitzen, sind in ägyptischen Mumienfunden erhalten; da gibt es Männerhemden aus Leinwand in der uralten Hemdform, die noch heute in Tunis und Algier lebt; da fand man Wickelgewänder, und einen Lieberblick über die Entwicklung der antiken Tracht gewährten besonders die Kleider, die in Oberägypten zu Achmim und zu Antinoe in Mitteläghpten ans Licht gezogen werden. Solche Kleider aus hellenischen, römischen oder frühchristlichen Tagen sind aber nur ganz seltene Geschenke des Zufalls, und dasselbe gilt von den Kostümen des Mittelalters. Was aus diesen frühen Zeiten der neueren Geschichte vorhanden ist, gehört entweder dem Paramentenschatz der Kirchen oder dem Kleinodien- schatz der Herrscher an. Auch die Krönungsornate waren aber liturgische Gewänder, so das Krönungskleiö der deutschen Kaiser, die im bayerischen Nationalmuseum aufbewahrte weihseidene Tunika Heinrichs II. aus dem 11. Jahrhundert und der ungarische Königsmantel in der Ofener Burg. Kirchengewänder des Mittelalters sind noch vielfach erhalten; so besitzt z. B. die Danziger Marienkirche allein über 100 Meßgewänder aus italienischen Seidenstoffen, und ebenso sind Halberstadt und Brandenburg reich an solchen Kirchenkleidern. Aus dem 13.—15. Jahrhundert sind uns an weltlichen Kostümen nur ganz vereinzelte Stücke erhalten, so ein Frauenkleid aus dem Jahre 1400, das die skandinavische Königin Margareta der Domkirche von Roskilde schenkte und das heute in der Dvmkirche zu Llpsala aufbewahrt wird, dann das Samtkleid des letzten Maurenkönigs Boadbil von Granada und ein roter Atlasrock, der Karl dem Kühnen zugeschrieben wird und unter der Deute der Schlacht bei Granson 1476 im Berner Museum bewahrt ist. Verschwindend gering ist die Zahl von Kostümen aus dem 16. Jahrhundert: der Hochzeitsmantel des Herzogs Wilhelm V. von Bayern von 1568 im Bayerischen Nationalmuseum, einige geschlitzte Männerjacken im Germanischen Museum, zwei Landsknechtskvstünie in München und Bern und einige Wämser aus dem Besitz des Grafen Wilczek. Reichhaltiger ist erst das 17. Jahrhundert vertreten, und zwar find hier eine Reihe von Kostümen der sächsischen Kurfürsten und der schwedischen Könige die wichtigsten Stücke. Die, Kleider in der königlichen Leibrüstkammer zu Stockholm und die Sammlung der dänischen Könige im Schloß Ros^borg bieten eine fast lückenlose Liebersicht über die Entwicklung der männlichen Tracht im 17. Jahrhundert, freilich in dem glänzenden Rahmen der Hochzeits- und Krönungsgewänder. Außerdem besitzt das Vrvvinzialmuseum zu Hannover zwei kostbare Anzüge aus dem Nachlaß des 1612 verstorbenen Herzogs Moritz von Sachsen; einige Kostüme sind Gräbern entnommen, so die im Bayerischen Nationalmuseum befindlichen Samtkleider der Pfalzgräfin Dorothea Marie und eine weitzseidene Schlihtracht im Züricher Landesmuseum. Häufiger sind soldatische Lederkoller erhalten. Doch gibt es eine größere Menge von Kostümen erst aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts. Morphium. Don Kopernikulus. Weißt du, Franz, bei dem Worte Morphium beschleicht mich immer so ein Schauer mittelalterlicher Hexen- und Giftmischer- romantik, und es ist ja auch geradezu mystisch, was sich die Leute von sogenannten Morphinisten erzählen. Das liegt vor allem an dem geheimnisvollen Worte. Dabei muß ich immer an die Dichter Poe, E. T. A. Hoffmann und Verlaine denken. Wieso? Diese Dichter nennt man Dipfomanisten oder Alkoholisten, weil sie die Eigenart ihrer Schöpfungen dem .Alkvholgenutz verdanken, und diese Bezeichnungen weben einen geheimnisvollen Schleier um ihre Gestalten. Denn nimm einmal an, man würde sie einfach Säufer nennen. Ja, aber mit dem Morphium ist es doch etwas anderes,^ denke ich. Wieso? Es ist ebenso ein Stimulans wie der Alkohol, nur? bedeutend tolrtfamer. Ja, was ist denn das Morphium? Du bist doch Wtfsen- schaftler, lieber Franz. 36 Schon bah du Morphium sagst, zeigt allerdings, daß du Laie und kein Fachmann bist. Denn der Fachmann sagt Morphinurn oder Morphin. And dies Morphin, welches meistens als salz- saures (hhdrochloricain) Morphin in der Medizin verwandt wird ist einer der wirksamsten Bestandteile des Opiums, Opium ist der eingetrocknete Saft des Mohns. Aber in unserer kühlen Zone fabriziert der Mohn nur Spuren von Opium, im Orient dagegen reichlich. And Morphium ist in gutem Opium zu etwa 10 Prozent enthalten. Chemisch ist es ein Alkaloid. And was ist Alkaloid? Ein Wunder? t , Wie? Was? Möchtest du dich nicht ein wenig deutlicher ausdrücken. Wunder gibt es bekanntlich nicht. Hm, für mich fängt das Wunder dort an, wo meine Dorstellungskraft aufhört, z. B. schon bei der Transparenz des Glases. And was ist das Wunderbare an den Alkaloiden? Das will ich dir am Morphin erklären. Wie groß ist etwa die Menge Nahrung, die du zu deiner Mittagsmahlzeit verzehrst? Du bist ja wohl ein ziemlich starker Esser. Aun, sagen wir etwa ein Pfund. Schön. In jeder deiner Mahlzeiten sind genau dieselben Stoffe enthalten, aus denen das Morphin zusammengesetzt ist, und sogar noch viele andere. Da mühte ich mich ja vergiften. Statt dessen schlägt dein Essen dir, wie ich aus dem kleinen Bauchanfatz ersehe, sehr gut an. Aber mit einem Pfund Morphin könntest du mehrere hundert Menschen vergiften und 50 000 in einen allerliebsten Rausch versetzen, der etwa dem gleichkäme, als wenn jeder zwei bis drei Glas Südwein getrunken hätte. Wie ist denn das möglich? Das ist ja wunderbarer als die Speisung der 5000 Mann. Siehst du. Ein Hundertstel Gramm genügt für einen Menschen dazu: das ist der 7 000 000. Teil seines Gewichts. Hier hört für mich die Vorstellung der Wirkungsmöglic^eit auf;, das Wunder ist vollkommen. Wenn es fich noch um ein metallisches Gift handelte, also um eine Arsen- oder Blei- oder Kupferverbindung, dann wäre noch allenfalls folgende Erklärung möglich. Kupfer, Blei und Arsen behalten in allen ihren Verbindungen ihre giftige Eigenschaft, es wäre also, und sei die dem Körper zugeführte Menge noch so gering, immer ein fremder Stoff im Blute, den das Blut loswerden will. Aber beim Morphin oder anderen derartigen Alkaloiden beruht ihre ganze Eigenart doch nur auf dem Verhältnis, in welchem sich lauter an sich ganz ungiftige Stoffe miteinander verbunden haben, und da ist es nicht zu verstehen, dah nicht schon Speichel und Magensäure diese sehr empfindlichen Verbindungen so zersetzten, dah sie unwirksam werden. Das tödliche Gift Zyankali z. B. verliert schon dadurch, dah man es längere Zeit an freier Luft liegens läßt, jede Wirkung. Aber die Alkaloide bleiben wirksam. Ja, ist der Mvrphiumrausch denn eine Dergiftungserschei- nung? Der des Alkohols auch. Das Blut, Lieser „ganz besondere, Saft", dieser Baumeister des animalischen Leibes, versucht sofort, den Giftstoff unschädlich zu machen, indem er ihn aus dem Körper herauszubringen sucht. Das geschieht hauptsächlich durch die Nieren. Zu diesem Zweck muh also dem Blut Gelegenheih gegeben werden, die Nieren möglichst oft zu passieren. Das kann aber nur durch einen beschleunigten Kreislauf des Blutes erreicht werden. And dazu ist wiederum eine verstärkte Herztätigkeit nötig, die denn auch nach dem Genuh solch eines Stimulans oder Anregungsmittels automatisch eintritt. Nun besteht aber andererseits das Wohlempfinden des Gehirns, in welchem ja überhaupt jedes Lust- oder Schmerzempfinden des Leibes uns erst zum Bewuhtsein kommt, und das der Nerven in einer möglichst reichen Blutnahrung, die ihnen durch jeden Pulsschlag neu zugeführt wird. And während da zum Beispiel bei starkem Denken durch den Verbrauch der Gehirnnerven, welche der nor« male Pulsschlag nicht schnell genug ersehen kann, der Mensch geistig (und auch körperlich) ermüdet, ist bei dem Genuh eines Stimulans das Amgekehrte der Fall. Gehirn und Nerven erhalten infolge der verstärkten Herztätigkeit mehr Nahrung als sie brauchen, und gerate^ aus einem — allerdings sehr vorübergehenden — Kraftgefilhl von selbst in Tätigkeit, so dah, wie du es täglich beobachten kannst, Menschen, die sonst recht schwerfällig sind, plötzlich sehr lebhaft werden. Sie sind „animiert". Natürlich entsteht nachher, in der sogenannten Reaktion, die sehr unangenehm ist, die Sehnsucht nach dem köstlichen Kraftzustand, und sie wiederholen das Experiment, nicht ahnend, dah sie dabei körperlich vom Kapital leben. Weshalb ist denn die Reaktion eigentlich so unangenehm, lieber Franz? Alles Werden ist mit Schmerzen verbunden, das weiht du wohl von dir selbst, denn alles Werden ist Arbeit. Die Reaktion ist diejenige Zeit, in der der Leib die leichtsinnig verpufftes Kräfte wieder neu fabriziert. Jede heilende Wunde schmerzt. Wie kommt es.aber, dah die vom leiblichen Kapital Lebenden oft so alt werden und auch sehr gesund find? Schriftleitung: August Goetz. — Druck und Verlag der Brr Das liegt daran, dah bei gewohnheitsmähigem und nicht ' übertriebenem Genuh solche Stimulantien das Blut die Fähigkeit ' entwickelt, Stoffe in fich zu fabrizieren, welche das Gift zersetzen, i also in gewissem Sinne unschädlich machen. Bei den Morphinisten ' geht das so weit, dah sie, um die verstärkte Herztätigkeit zu er- : reichen, sich täglich mehrmals eine so große Menge Morphium- ; lösung einspritzen, dah ein nvrmalgesunder Mensch schon an einer • einzigen solchen Injektion sterben würde. Das ist dann ja so ähnlich wie beim Impfen. Ganz recht, auch die Impfung ist eine künstliche Blutvergif- ; tung, die aber in einem Zustande körperlicher Kraft und Ge- sundheit vorgenommen wird, in dem sich ein Mensch, wenn er sich diejenige Krankheit holt, gegen die er immun gemacht werden! - soll, gewöhnlich nicht befindet. Vielmehr ist er dann meistens erkältet und anfällig, und infolgedessen wird die Krankheit seiner Herr. Der Geimpfte hat aber das Gegengift im Leibe. Das Morphium ist also ein ganz besonders wirksames Sti- nmlans? And ist seine Wirkung durch seine chemische Formel gar nicht zu erklären? Nein. Strindberg, der ja nicht nur ein großer Dichter, sondern ; auch Forscher war, hat einmal auf die Aehnlichkeit der Morphium- . forme! mit der des Hämatins, des roten Farbstoffes im Blute, hingewiefen, aber Anhaltspunkte gab das nicht. Auch die Erklärung, die ich' dir gegeben habe, ist nur eine Theorie, keiq positives Wissen. Man weih von den meisten Alkaloiden nicht einmal die Formel ihrer Zusammensetzung, die allerdings auch außerordentlich schwierig zu beurteilen ist. And wie sieht das Morphium aus? Wie die meisten Salze. Farblos als Kristall, weih als Pulver. Es sieht aus wie Puderzucker, nur ist es bitter. And macht sein Genuh denn gleich so einen Späh? Keineswegs. Einem gesunden Menschen ergeht es wie dem Schuljungen, der die erste Zigarre raucht. And man kommt zum Morphinismus wohl meistens dadurch, dah man während einer Krankheit zur Schmerzenslinderung vom Arzt Morphium verordnet erhielt und es nachher nicht mehr missen konnte. Die Apotheker dürfen es wegen seiner Gefährlichkeit nur gegen ärztliche Rezepte verkaufen. Im übrigen läht sich wohl noch viel darüber sagen, mein Lieber, aber meine Zeit drängt. Lebewohl! Riesenkrane. Die Krane dienen zum Heben groher Lasten und zu deren bequemen Transport auf einen gewünschten Platz. Zur Konstruktion eines Krans, zur Bestimmung des Fundamentgewichts, der Spannungen der Fachwerkstäbe usw. ist eine genaue statische Berechnung nötig. Eine solche statische Berechnung stellt ein Musterbeispiel für die Anwendbarkeit der sonst als trocken verschrienen Mathematik dar, und gar mancher, der auf der Schule dieses Fach nicht liebte, würde Gefallen an ihm finden, wenn er sieht, welche Wunderwerke der Technik sich durch sie schaffen lassen. Aus der Physik sind für den Kranbau im wesentlichen nur die Sätze über die Standfestigkeit eines Körpers nötig; der Kran mutz so gebaut ; werden, dah sämtliche Drehmomente einschliehlich desjenigen der Last in bezug auf eine bestimmte Kippachse sich gegenseitig auf- heben, bzw. dah selbst ein mehrfaches der durchschnittlich durch ihn gehobenen Gewichte den Kran nicht zum Amfallen bringen würde. Sind alle an dem Kran angreifenden Kräfte in Rechnung gesetzt, dann schreitet man zur Ermittlung der Spannkräfte in den Fachwerkstäben, und bestimmt deren Dimensionen. In den Häfen groher Fluh- und Seestädte kann man die größten Exemplare der Krane sehen; von weitem nehmen sie sich aus wie langhalsige Vögel, deren Deine und Rumpf das Fundament und das turmartige Krangerüst bilden, während der Hals der Ausladung entspricht, die wie jener nach ver- : schieden en Richtungen drehbar ist, oder wie man sagt, ihr „Arbeitsfeld" bestreichen kann. Wahrscheinlich kommt auch die Bezeichnung „Kran" vom Kranichvogel. Deutschland leistet von allen Ländern wohl das beste im Kranbau; es baut Krane von der Höhe des Stadtkirchturms Giehen, und noch höher (50 bis 100 Meter hohe), mit Ausladungen, die Arbeitsfelder in der Ausdehnung von Oswaldsgarten besitzen. Es gibt sogarSchwimm- frane, also Krane, deren Fundament nicht am Afer sieht, sondern schwimmend und fahrbar eingerichtet ist; Schwimmkrane sind fast ebenso riesenhaft wie die Turmdrehkrane und Auslegekrane, und stehen diesen an Tragfähigkeit, — 5000 Zentner —, nichts nach. Das Triebwerk der grotzen Krane wird durch elektrische Kraft in Gang gebracht und erfordert zur Bedienung der Steuerung meist nur einen Mann. Ganze Dampfkessel, fertige Dampfmaschinen und Dampfturbinen können mit Hilfe der Aiesenkrane in die Handelsschiffe eingesetzt werden; man braucht nicht, wie früher, diese. Maschinen M zerlegen, um die Einzelteile erst nach dem Einbau wieder zusammenzusehen und zu montieren, Ch. __ l'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lauge, Gießen.