Vom bauenden Geiste. Eine deutsche Pfing st betrach tun g. Don Dr. QI. Schröder, Pfarrer an St. Thomä in Leipzig. Dom fröhlichen, seligen Pfingsten singt man in der Christenheit, und in feiner Harmonie klingts dazu mit taufend Stimmen einer wunderhold aufblühenben Natur. Das „liebliche" Fest kann nicht gedacht werden ohne einen seelischen Freudenton, in dem es fort und fort von leuchtendem und kraftvollem Leben redet. Aber ist. das nicht eine schimmernde Romantik, die längst nicht mehr in unsere grau verhängten Tage hineinpatzt? Sind der fatalen Anzeichen nicht viele, daß wir in bitterbösen Verfallszeiten leben? Gegen den „.Untergang des Abendlandes" hat man mit einer gewissen und nicht bloß toijfenschäftsich-phtlo- sophifchen Leidenschaft Verwahrung eingelegt. Aber wie steht es mit Deutschland? Kommt nun allgemach doch vielleicht der grauenhaft letzte Akt einer Tragödie, auf deren Ernst und Schwere' ja gerade viele unserer Vesten und Treuesten immer wieder hingewiesen haben? Man wird solches Fragen begreifen. Und es wäre nicht angebracht, würde jemand mit ein paar flotten Redewendungen über die reichlich vielen schatten und Schäden des neuen Deutschland dahingleiten wollen. Und dennoch! Jawohl — hier mutz sich ein stärkstes, pfingstliches Dennoch dagegenstellen! Gin Dennoch, das alle müde, verzweifelnde Geste beiseite schiebt, und das dafür von einem lebendigen Schauen und 'Bauen verheißungsvoll Zeugnis ablegt, ein Zeugnis in wirklich sieghafter Geisteskraft! Wiederaufbau! Gewiß, es türmen sich diesem Hochziele äutzeve und innere Schwierigkeiten in einem Ausmatz« entgegen, datz eben bisweilen auch di« Willigsten und Tüchtigsten schier ganz verzagen möchten. Aber die deutsche Volksseele mit ihren tausendmal bewährten Edelkräften ist auch kein leerer Wahn. Wir müssen nur jenem Ungeiste wehren, der als brutal egoistische materialistische Lebensauffassung Unserem deutschen Wesen und Wollen garnicht entspricht. Wir brauchen Heute mehr denn je die lebens- und auch opferst arte Vollkraft eines deutsch-idealisti-- schen Geistes. Mögen die Toren und die Träger das bekannte Lächeln aufsetzen. Deutscher Idealismus hat schon oft gezeigt, datz er nicht bloß reizvoll zu träumen, sondern auch wacker zu bäum Weitz, und letztlich nicht etwa nur für einen liebten, auserwählten Kreis von Höhmmenschm, sondern zum wahrhaftm Wohle alter. Der Pfingstgeist predigt von einer innersten Gemeinsamkeit, ohne darum alles nur in Schablone und Masse auf- gehen zu lassen. Wollen wir ernstlich für Volk und Vaterland bauen, dann müssen wir uns über alles Parteitreiben hinweg immer von neuem auf die hohe Pflicht zur deutschen Gemeinsamkeit besinnen. Der Geist der Zeit starrt uns oft genug wie ein hämisches Rätselgebilde an,' Mut- und Kraftlosigkeit in ben glanzlosen Augen und ohne ein klares, führendes Wort auf den Lippen. Wir wollen ihm neues Leben durch einen Pfingst glauben wecken, der einen Geist freubigen, tapferen ‘Bauens kennt, und wir brauchen uns nicht zu schämen, solchen Glauben im tiefst christlichen Sinn zu erfaßen und zu bekennen: „O komm, du Geist der Wahrheit!" So heißt es in einem schlichten, frommen Pflngstliede. Und in gleichem Atem nennt der christliche Pfingst» glaube den Geist der Liebe. Man denkt dabei an den Groben, Treuen und Schlichtm von Nazareth, und ein heiliges Empfinden sagt es hoffend und tröstend, daß er wohl auch heute noch der Führer und Meister der Menschheit ist. Es ist ein gutes - % IW s! ä.,M MsM 1922 — Nr. 22 Samstag, 8. 3uni Zeichen für deutsches Zukunftsstreben, daß ftch unser Volk in seiner Mehrheft doch immer noch zu Religion und Kirche haft. Bewußt ober unbewußt sieht es hier bauend« Kräfte, die man weder zu Tode spotten, noch durch willkürliche Ersatz stücke überflüssig machen kann. Man mag dazwischmredrn, wie man will, — es kommt doch schlietzlich auf ben rechten bauendep G e i st an, wenn ein deutsches 'Vorwärts und Aufwärts werden soll. Wir bekennen uns mit Goethe gern zch dem Geschlechte, das ans dem Dunklen ins Helle strebt, und wir wollen es auch im frmndlichen Lichtkreise be8 Pfingstfestes tun, — ja dennoch, dennoch mft denr Rhythmus des Fröhlichen, Seligen, als bauende'' GegenwartK- und Zuftrnftsmenschrn! . . . Dsutschsr GolKsaberglauben in den Pfrngstdränchen. Don Waldemar Gröhn. Bon allen unseren Festen trägt kaum eines ein fo deutsches Gepräge, wie das Pfingstfest. Eine wundervoll« Lebensfreude durchflutet alle Kreatur, es will kein Keim unentwickelt, keine Knospe unerschlossen bleiben. Zugleich ist es eine heilige Zeit, eine Zeit voll banger Sorgen und fröhlicher Hoffnung, wenn sich die Felder mft verheißungsvollem Segen täglich immer rercher verleiden. Wen wollt« eS in Erstaunen setzen, wenn die Landleute, alt und jung aufs Eifrigste bemüht sind, nicht nur durch fleißige Arbeit sondern auch durch, allerlei übernatürliche Kräfte das Gedeihen der Saat nach Möglichkeit zu fördern. Der alte deutsche Dolksglauben läßt Feld und Wald von guten und bös«t Dämonen belebt sein. Eine Reihe von uralten Äeberlteferungen, die noch zu stark waren, um von der christlichen Lehre verdrängt zu werden, erhielten sich noch bis in unsere Tag«, und es liegt eine fo starke Volkspvesie in diesem mystischen Verweben natürlicher Vorgänge, die sie wohl wert machen, den Menschen unserer Zett immer wieder vor Augen gestellt zu werden. Zwei Faktoren machten von jeher ben Reichtum unserer Vorfahren aus: der Segen des bebauten Ackers und das Vieh Sv war es selbstverständlich, die Kräfte der Maitage in irgend einer Verkörperung, dem Dorf« und seinen Bewohnern zuzuführen. Vielfach ist.ja davon nichts weiter übrig geblieben, als das bloß« .Ginheimsen von Geschenken, aber die mannigfachsten Bräuche zeigen schlietzlich doch noch ben ursprünglichen Sinn der Handlung. In fast allen Gegenden Deutschlands wurde auf dem Lande der Dämon der Vegetation verehrt oder bekämpft, je nach- dem, ob er sich böse, ober gut zeigte. Mn origineller Brauch für ben nötigen Regen zu einem guten Wachstum zu sorgen, zeigt sich in bem symbolischen Spiel vom Pfingstlümmel. Dabei wurde nämlich ein Bursch« ganz in Laub und Blumen eingekleidet, der als Führer unter dem Namen „MaWnig'l, „Laubmännchen", „Fischermeister", „Wasservogel", Pfingstqua?" usw., möglichst zu Pferde, bet ben gagenheischenden Bittgängen funktionierte. ®r wurde mft einem lustigen Spruch den Leuten vorgestellt, und seine Rede wurde mit Peitschenknallen und Schellengetön begleitet. Hatte man genug an Giern, Würsten und anderen schönen Sachen von ben Dorfbewohnern erhalten, fo führt« man ihn an einen Mutz ober an ein anderes Wasser und zwang ihn. dort unter» zu tauchen. Das bedeutet« die Vollziehung jenes uralten Regen» und.Fruchtbarkeitszaubers, der bereits bei ben alten Germanen gut bekannt axxr. Er versöhnte damit symbolisch die göttliche 86 Defalt welche Legen und Fruchtbarkeit spendet. Aebrigens finden wir ähnliche Legenzauber in Tressalien und Mazedonien. Eine Miue Krappe von noch bis in unserer Zeit erhaltenen Bräuchen umrahmen den feierlichen Austrieb des Die^s, der tn den meisten deutschen Gegenden zwischen Himmelfahrt und Dfinasten erfolgt. Am Pfingstmorgen entsptnnt meist schon ein allgeineiner Wettstreit, die Weide möglichst früh Lach der Reihenfolge ihres Austreibens erhalten die Hirten eine besondere Bezeichnung, di« beim ersten, und öm Mnächft Folgenden als ihr Lame gilt. Das Vieh der Ai^M-ei^et«, wird mit Laub und Blumenschmuck reichlich.versehe, und im Triumph durchs Dors geführt. Es gibt dämm eine grob«Launig- saltigkeit der Formen, die alle auszunehmen ganze Bände füllen ^^Pfingsten ist überhaupt für die Hirten ein fröhliches Fest das ihnen viele Vorteile und Belustigungen bretet. MM folgen abends Gelage im Dorfwirtshaus, m denen beim Decherklang zn Ehren der-persönlichen Schutzpatronen uralte Lieder, gesungen toW®n liebenswürdiger Brauch, in dem wohl die im Frühjahr neuerwachten Pflanzendämonen, die sich unsere DoMhcm aG Schuhgeist jeder Pflanze dachten, eine symbolische Ehrung erhielten, ist die freundliche Sitte der niederdeutschen »Pffagst» blume". Das ärmste Mädchen 'wurde auf einem bstimmgeschmückten Wagen von Haus zu Haus gefahren und sang em schlicht^ Liechen vom Einzug des Lenzes. Sie erhielt reiche Gaben, &te dann unter die Armen des Ortes verteilt wurden Eine enge Vermischung alcheidnischer A«berlieferungen mit christlichem Geiste, zeigte sich in der Sitte der Flurumgang^ Schon beim Beginn der Landbestellung zog der Priester Weihrauch sprengend über die Felder, jetzt, im vollen Sichregen keimender Kräfte, erneute man diese Mu rumgä ng ein etwas anderer Form. Gin Dutzend jungerkäftiger Durschen durck^ schreiten unter Absingung volkstümlicher Lieder die Aecker und zündet an den Feldrainen kleine Feuer gleichsam W 'Bct6rennung der bösen Feldgeister, an. Wrr finden diese RetniAMg durch .Feuer in größerem Matzstabe am Pfingstsonnabend in den rheinischen Gegenden, wo auf allen Höhen die Psingstfeuer zum Himmel lodern Wie bei den Osterfeuern ist auch hier an eine Reinigung von Wald und Feld von Schaden bringenden Anholden gedacht. * Diese Reste volkstümlichen Aberglaubens, wie wir sie noch heute überall erhalten finden, d«ben fEch an jedem Ort be- sondere Formen. Es ist charakteristisch daß die Ps^ge der asten überlieferten Volksbräuche, gerade m der letzten Zeit, auch owie die Mahnung volkskundlicher Forscher, wieder bedeutend zsttze- nommen hat. Dies kommt wohl daher^ datz dw Grschütterung der Geister durch die Kriegsjahre unfern Volksgenossen erst rüe Poesie heimatlicher Kultur so recht zur Erkenntnis gebracht hat. Die Geschichte von den zwei Ringen. Aus dem Spanischen. Es war einmal «in Dichter. — And, so erzählt man sich — hleser Dichter liebte eine wunderreizende, blond« Mau und wurde von ihr wiedergeliebt eine ganze Lacht hindurch Das ist nun schon sehr lang« her, war zu der Zeit, als «S noch Dichter mit treuen Herzen gab und die Liebender Frauen viel, viel länger währte, als heutzutage. ©8 war einmal ein Dichter. — And als nun die Rächt ihrer Liebe vergangen, und statt der Rachtigall die Lerch« ihre Stimme aus den Wäldern erklingen lieh, da gähnte die wunderreizende, blonde Frau, und die Lieb« flog' aus ihrem geöffneten Mund. Wirklich, — der Sänger war ein wenig traurig darob, denn der Morgen dämmerte, und er mußte weiterwandern aus seinen ruhelosen Pfaden. — Da streifte die blond« Frau einen Ring von ihrer Hand und gab ihn ihm: Bewahre ihn als Erinnerung an mich — und niemand soll erfahren, wer ihn dir gab. Sie war eine fromme und wohlanständige Frau, und von ihrer Liebe zu dem Sänger durften die Menschen nichts wissen. Aber die Menschen sind verleumderisch, und die Sänger plauderhaft. Kühl war der Morgen, als der Dichter weiterzog, — And er war allein. Allein. — Aber die Lerchen sangen, der- ganze Wald sang, und an seiner Hand glänzte der Ring der blonden Frau. Oh — wie sunkelten die Strahlen der Morgensonne in dem köstlichen Stein und liehen ihn erglühen. Mit dem Funkeln leuchteten all seine sühen Erinnerungen in goldenem Lichte auf. — Ihm war, als trüge er einen anderen, strahlenden Reif auf dem Haupte, und empfand ein Gefühl der Seligkest, wie ein Heiliger eines alten Kirchengemäldes. Den Staub, aufge- wirbelt von den Schritten des beglückten Wanderers, erhob der Wind, zum Glorienschein. And so wanderte er bis zum Abend, ohne zu wissen warum und wohin. — Dann, als die Lacht kam, und er die Glocken aus dem Tal läuten Hörte und den Rauch aus den Hütten aufsteigen sah, da wurde er traurig. Er hatte kein Haus, kein Geld und dem Dichter, um ihn zu fragen: Willst du mir deinen Ring geben? Lein. Willst du mir sagen, wer ihn dir gab? Dein. Ich will dir dafür einen Kutz geben. Lein. Meine Hand. Lein. Mein Leben. Lein. Kein Dichter aus dieser fernen Zeit hätte den Traum seiner Liebe verkauft, auch nicht- dem schönsten Mädchen des Reiches." And sie weinte vor Zorn. Im Schlaf wollte sie ihm den Ring entwenden. Aber im Schlaf hatte er die Hand unterm Herzen, und um ihn zu entwenden, hätte sie ihn töten müssen. Was war mit diesem Stolzen zu machen? Eines Tages sand man einen Ermordeten, und der Dichter wurde des Verbrechens beschuldigt. — Gr war unschuldig, aber tausend Hände erhoben sich, ihn anzuklagen, und das schönst« Mädchen des Reiches schwor, ihn im Schein des Mondes gesehen zu haben mit von Blut roten Händen. — — And später, — als die Richter ihn befragten, da lächeste er, verwirrt, da er getreu seinem Liebesschtour verschwieg, von wem ihm der geheimnisvolle Ring ward, — Sicherlich, — solch« Verstocktheit muhte bestraft werden. Die Richter erkannten ihn schuldig, und der Dichter wurde zum Tode verurteilt. Die Trompeten erklangen, und die Trommeln wirbelten. Dein letzter Wunsch? fragte man ihn. Latzt mir meinen Ring. fühlte Hunger und Müdigkeit. - Aber da sah er sein«. Ring an und dachte an die blonde Frau, und das tröstete ihn. So kam die Rächt. — Qtuf den nackten Boden legte er sich nieder, über ihn wölbte sich Gezweig, dazwischen zählte er viele viele Sterne bis ihm die Augen zufielen. And träumend schien ihm dn Stern sich in die geschmückte Hand zu legen gleich einem leuchtenden Edelstein, «in Stern der Liebe. Der Hunger weckte ihn am Morgen, und so suchte er Arbeit. Aber die Dichter, — die Dichter aus der fernen Zeit, aus der ich erzähle, — wußten mehr vom Träumen als vom Leben und seine chände schienen nicht gemacht für Hacke und Schaufel. - Allzuoft sah man ihn unentschlossen in der Furche stehen, wenn sein Blick dem Flug eines Käfers folgte And seine Augen schärfsten lieber nach den Wolken in den Lüften, als nach den Lehren auf dem Boden. Oeffnete sich wie zufällig ein weitz-rosa Wölkchen, darin sah er das Bild der geliebten Frau, und in dem strahlenden Blau des Himmels leuchtete ihm ein unvergessenes Augenpaar entgegen. — Aber die Mensen murrten Über den Faulen. - Sänger sollen singen und nicht auf dem Feld arbeiten. — And wann sah man je einen Arbeiter mit solch einem Ring an der Hand? ~ r , Da nahm der Fremde wieder sein Bündel und Stab und ging, so wie er gekommen war: ohne zu wissen warum und wohin. And er wanderte und wanderte, — und weil die Sänger singen sollen, Hub er auf seinen weiten Fahrten an zu singen, datz ihn die Männer bestaunten und die Frauen weinten. Aber die Menschen, die er mit dem Reichtum seiner Phantasie beschenkte, gaben ihm kein Brot dagegen. , . , And er wanderte und wanderte, — wieviel Paar schuhe hatte er wohl schon verwandert? - Aber sein Los, trauriger als das des ewigen Huden, lieh ihn barfuß gehen. And er wanderte und wanderte, ermattet, mit blutenden Füßen, zerrissenen Kleidern, so klopfte er eines Tages an eine Tür, — bat um ein Almosen, — Gott totrb es lohnen. — Haha, — lachten die Menschen. And wirklich, war es nicht ein frecher Bettler, der solch geschmückte Hand auszustrecken wagte. Es war einmal ein Dichter ..... Der arme Sänger, nun hatte er niemand, der ihm half, nun hatte er nichts. — Sein einziger Besitz war die Erinnerung an jene blonde Frau, die sein gewesen, war der Ring von ihr. — Welch seltsamen Glanz gab der Juwel an dieser abgemagerten Hand, — war wie die Hände der tn tiefer Erde längst Begrabenen mit hochzeitlichen Ringen. Aber inmitten allen Glends war die kleine Reliquie seiner Liebe fein höchstes Heiligtum und sein einziger Trost — Ein Hude wollte den Ring erwerben und hätte ihm genug Gold gegeben, daß er sich ein Kleid, ein Pferd hätte kaufen rönnen und Brot für das ganze Hahr. Der Dichter aber wies ihn zurück und ging tn den döalö, seinen Hunger mit Wurzeln zu stillen. Setn Leben wurde ihm zum Fluch. — Die Menschen verstanden ihn nicht und haßten ihn, — haßten ihn, weil sie ihn nicht verstanden. Wie konnte ein Mensch so einsam sein, so zerlumpt und so stolz? Wer war dieser Vagabund, der solch königlichen Ring trug? Das ist der Ring der Mysterien, sagte ein altes Waldweib, das sich aus die Hexerei verlegt hatte, und murmelte eine Beschwörungsformel dazu. — Wirklich, er trug ihn an seiner fleischlosen Hand mit unvergleichlichem Stolz. Soviel Vornehmheit beleidigt die Geringen. Es fehlte nicht an solchen, die gerne um das Geheimnis gewußt hätten. Ein Mädchen, — das schönste des Reiches, — kam selbst - 87 Ein Märchen von einem Dlumenkind. Das Werther-FiebeL. Zum Wetzlarer Jubiläum. 150 Jahre sind In diesen Monaten Lahmgegangen, seit Goethe in Wetzlar jene Leidenschaft für Lotte Duff faßte, aus der der unsi erbliche Roman von Werthers Leiden hervorgegangen ist. Am 9 Juni 1772 ereignete sich jene erste Begegnung, die er uns so wundervoll anschaulich in wehmütig seliger Erinnerung ge- schildert. Die alte Stadt an der Lahn rüstet sich bekanntlich, oas Werther-Jubiläum gebührend zu begehen, und so steigt vor unserm geistigen Auge die Werther--Zeit wieder empor, die Werther-Mode, das Wert her-Fieber. Wohl kaum hat ie ein anderes Buch der Weltliteratur die innerliche und äußerliche Haltung einer Epoche so bestimmt wie der „Wertster . xetn anderer Roman ist so leidenschaftlich geliebt und gehaßt so verehrt und bekämpft worden, hat so weittragende Folgen im wirklichen Leben gehabt. Bezeichnend für seine weltgeschichtliche Wirkung ist eS, daß der junge Rapvlevn ein eifriger Leser des .Werther" war und ihn auf seinen Feldzügen stets mit sich führte. Auch er stand unter dem Zeichen dieses magisch glanzenden, aber duster flammenden Sterns, der so viele in seinen Bann zog. 3n einer neuen Au-gabe des Romans, die soeben M 3 3 Weber in Leipzig von Max Hecker herausgegeben wird hat Fritz Adolf Hünich die Werther-Zeit auf Grund eines rer^n neuen Material« geschildert und durch eine Fülle w>n Abbildungen erläutert, die die Beliebtheit des Buches in den zahlreichen Mlu- flrationen erkennen lassen. Die Werths-Mode nahm ihren Aus- ,ang von der Nachahmung der Tracht Wertster^ dem blauen Und wieder an einem Hellen Frühlingsmorgen kommen die Jüngsten des Blumenreiches, die kleinen Blumenkindchen, des Wegs gezogen: das zarte Anemönchen, das rotwangige Gänseblümchen, das stille Schneeglöckchen, Klein-Schlüsselblume, das niedliche' Dutterblümchen. das liebe Stiefmütterchen, das pausbackige Sumpfdotterblümchen, Klein-Vergißmeinnicht, das zierliche Maiglöckchen, und wie sie alle heißen. Bei ihren Spielen entdecken sie das Häuschen unseres Veilchens. Freundlich läd Dlumenkind die fröhliche Schar ein, einzutreten, und bietet dem kleinen, lustigen Völkchen erfrischenden Tau an. Der mundet ihnen prächtig. Tag für Tag besuchen diese Jüngsten des Blumenreiches unser Veilchen. Sie singen und tanzen miteinander, und wieder schallt Lachen und Fröhlichkeit durchs Häuschen. Dlumenkind sicht sich vor eine ganz neue Aufgabe gestellt die es mit fröhlichem Herzen zu erfüllen sucht: „Leben heißt geben, anderen Freude machen". H.R. Der letzte Wunsch des Verurteilten ist heilig. Die Trompeten erklangen und die Trommeln wirbelten, und der Henker warf seinen Strick über den Galgen. Heimlich süßte der Dichter den Ring der geliebten Frau. Der Tag der Strafe. — Auf allen Wegen strömte die Maste öerM — zu Taufenden und Tausenden. Denn schon in den alten Seiten war der Dichter Qual der gierigst ersehnte Anblick der Niedern Menge An diesem Tage aber fanden sich hauptsächlichst die Frauen ein. — Lind von sehr weit kam auch eine wunder- reizende, blonde Frau, strahlend und in einer prächtig geschmückten Karoste. Die Menge machte Platz vor den Pferden, und der Henker dckipfte den Strick, und Dienen umsummten die Rosen, mit denen die prächtige Karosse geschmückt war. Denn der Frühling war eingezogen. Der Dichter starb — mit vorgeneigtem Haupt, — und daher wohl erkannte ihn die wunderreizende Frau nicht wieder Die Raben senkten sich in Scharen herab, angezogen von der leuchtenden Lockung des goldenen, in der Sonne erglänzenden Rmges. Dem Toten lösten sie den Strick vom Hals. Und die blonde Frau, die von sehr weit gekommen war, ging hin zum Henker und bat ihn um ein Stück des Strickes. Wozu? fragte dieser. Um mir einen Ring davon unfertigen zu lassen, anttaortete Lie liebreizende Frau, den will ich sieben Tage und sieben Rächte an meinem Finger tragen, denn die Weisen sagen, daß der Strang des Gehängten Glück bringe. Der Henker gab ihr das Stück des Stranges, und die schöne Frau wußte gar nichts mehr von einem Wanderer, der für sie gestorben. Darm lauteten die Glocken...... Es war einmal ein Dichter...... Er starb, — die Beschicht' ist aus. für unser Veilchen, und manche Rächt liegt es schlaflos in seinem grünseidenen Mätterbettchen. Sein niedliches Gesichtchen aber bekam in diesen Tagen einen müden, verhärmten Ausdruck, geradeso, wie ein Menschenkind, das eine bittere Enttäuschung erlebt hat. Da eines Abends klopft ein müder Wandersmann — es war wieder ein Käfer, aber er war viel kleiner und schwächlicher wie das Hirschlein — an die Tur der kleinen Dlumenvilla „Einsamkeit", stellt sich als „Käferle" vor und bittet um einen Schluck Master, den ihm unser Veilchen in einer winzigen Muschel reicht. Die beiden kommen ins Gespräch; sie haben sich aus ein grünes Moossofa gesetzt, und bald schallt Lachen und Freude durchs Häuschen. Sie verstanden sich von dem ersten Augenblicke an prächtig und beim Scheiden verspricht Käferle, morgen abend wieder zu kommen. Veilchenkind ist selig über dies Glück und braucht am folgenden Abend nicht vergeblich zu warten. So geht das manche Woche hindurch. Blumenkind fühlt, daß da etwas in seinem kleinen Herzchen aufgeblüht ist, das es bisher nicht kannte, nur geahnt hat, und dieses Etwas macht es nun überglücklich. Immer besser verstehen sich Veilchsnkind und Käferle, und aus dem kleinen einsamen Häuschen ist ein fröhliches Sonnenhäuschen geworden, das für Traurigkeit nicht den geringsten Platz mehr hat. Aber eines Abends bleibt Käferle aus. Welche Gedanken macht sich unser Blümchen! Auch am nächsten Abend kommt „Käferle" nicht, auch nicht an den folgenden. Einmal begegnet er ihm, aber er tut, als ob er unser Dlumenkind nie gekannt habe. Weh, sehr weh, tut das unserem Veilchen, und es kämpft zum zweiten Male den Schmerz aus, den ihm Untreue bereitete. Am liebsten möchte es wohl sterben, so traurig und mißmutig ist es. Es weiß nun, „wen betrogen hat der Mai. dessen Aühling ist vorbei". Von einer Leserin und Freundin unserer Famllien- blätter wird uns die folgende anmutige Skizze zur Verfügung gestellt: Es war ein herrlicher Frühlingstag. Die Sonne lachte vom hvhen blauen Himmel, die Vögel zwitscherten und die Blumen- ftnber spielten fröhlich Ringelreihen in WäldernundAuenMm «item kleinen Veilchen will ich Euch erzählen Es blühte abMs vom Wege auf einer felsigen, unwirtlichen Hohe und war das einzige Dlumenkind in der ganzen näheren -Umgebung. Darüber war es oft sehr traurig, daß es so gar keine Gespielinnen hatte und gar nicht mal ein Plauderstündchen mit einer _ greunbtn halten konnte. Wohl kam ab und zu die alte Jungfer Grll!^ die nicht weit von unserem Dlumenkind unter einem Huflattichblatte wohnte. Ader die wußte auch nichts anderes als Klatschgeschichten zu erzählen und Nagte und stöhnte, gewöhnlich, so daß unser Dlumenkind immer froh war, wenn die alle Jungfer es wieder verlassen. Heute, an diesem herrlichen Frühlingsmorgen nun da die Welt ringsum jubelte und lauchzte, war unsere kleine Freundin recht traurig. Wie gern batte sie mit in benebel eingestimmt, aber die Einsamkeit ließ keine rechte Fröhlchkeit auikommen. Die Sonne stieg hohm: und hoher und ließ die Beinen und großen Steine immer schöner glänzen. Da nähert sich dem Häuschen unseres Dlumenkindes, das von einem dicken ©tein gebttbet wurde, ein stattlicher Käfer »Guten Morgen, rallein Blümchen," begrüßte er das Beilchen. -MAn Aame Hirschlein," fährt er dann fort „erlaubst du, daß ich dir ein wenig Gesellschaft leiste?" „Gewiö," sagte das Dlumenkind, bietet dem unerwarteten A^suche etn gepolstertes Stühlchen an, das aus einem moosbewachsenen kleinen Stein, besteht. Der Käser beginnt nun lustig zu plaudern und weiß «nferem Veilchen viel Reues und Interessantes zu erzählen. Er berichtet ihm von den Menschen, ihren großartigen Wohnungen, die man, wenn viele zusammenständen, Dörfer oder gar Städte nenne, don hohen (Bergen und großen Flüssen, auf denen mächtige Schiffe fuprra. Deilchensind kann dem Käfer allerdings nicht von solch großartigen Dingen erzählen. Es spricht mit ihm von der alten Jungfer ÄÄs*tt-sil I @XMSSWR ffiKKSäFE SÄ-«»»s Versprechen nicht, er bleibt aus. Da wird unter i >»anbei Ja man setzte sogar unter irgendeinen traurig und weint oft. Bis chm dann etne$ $agcä 3 gf | einfach ein hübsches Mädchen zeigte den (Hamen Grille erzählt der Käfer habe mit der ^önm roten Rose I ggetjjfc «Jg ver^ slich »u machen. Selbstverständlich lm Tale Verlobung gefeiert, und N« wurden gewiß bald heirat«, ßotte, um ihn lewer ^^rther. So entstand I wjsässk"«» ->--- wm m° — 88 — genannt wird Eine Tränenflut wurde durch die rührende Geschichte heraufbeschworen. „Ich war 17 Jahre alt." erzählt z. -B. Rehberg „als „Weither" erschien. Mer Wochen lang habe ich mich in Tränen gebadet, die ich Uber nicht über die Liebe und das Schicksal des armen Werther vergoß, sondern in der Zer- knirschung des Herzens, in demütigem Bewußtsein, daß ich nicht so dächte, nicht so sein könne, als dieser da." Wenn Blumauer in seiner' „Aeneis" die Beschäftigung der „Dame von Stand schildert so schreibt er: „Da sitzt sie schon, die arme .Frau und lies! in Werthers Leiden," und Chodvwiecki sticht ein reizendes Bildchen dazu 3u Werther-Bomanen werden uns richtige „Wer- ther-Rarren" geschildert, die ihr ganzes Leben nach dem hohen Dorbild einrichten, und man veranstaltet gefühlvolle Prozessionen nach dem Grabe des jungen Jerusalem, dessen Selbstmord das Urbild für Werthers Ende lieferte. Es fehlt sogar nicht an Monst re-Feuerwerken, bei denen Werkher-Szenen in bengalischer Beleuchtung erscheinen, wie ein solches in Wien 1781 abgebrannt wurde. ' Die tragische Seite dieses Weither-Fiebers zeigt sich in der Selbstmord-Epidemie, die durch das Buch hervorgerufen wurde. „Man kennt das Werther-Fieber!" heißt es in einer damals erschienenen Abhandlung über den Selbstmord. „Wie solches in deutschen Landen grassierte, wie Jünglinge ihre Äerven abstumpf- ten und empfindsame Toren wurden, wie Mädchen Werthsrinnen sein wollten — und das Leben gering schätzten. Das Lesen der empfindsamen schwärmerischen Schriften stiftete viel Unheil und verbreitete sich selbst auf die niederen Stände: zu Halle erhing sich ein Schustergeselle, man fand Werthers Leiden in feiner Tasche: bei Breslau stürzte sich ein Mädchen vom Giebel des Hauses herunter, weil des Pachters Sohn ihre romantische Liebe nicht erhören wollte. Ein Kieler Student namens Karstens erschoß sich auf seinem Zimmer: Werthers Geschichte lag aufge-, schlagen vor ihm. Kurz danach erschoß sich der Hauptmann von Arenswald, der den Mut zur Tat ebenfalls aus dem „Werther" gewonnen haben soll. Das meiste Aufsehen erregte der Freitod der Christel von Lahberg in den Wassern der Ilm, also in Goethes nächster Umgebung, und der Selbstmord des Fräulein von Jckstadt, die sich vom Turm der Frauenkirche in München Herabstürzte und deren Schicksal in einem schon im Titel an den „Werther" erinnernden Roman „Die Leiden der jungen Fanni" erzählt wurde. Ratürlich waren auch bald die Gegner des Buches auf dem Plan und wandten sich gegen die im Werther dargestellte Berechtigung des Freitodes. Besonders der aus dem Kampf gegen Lessing bekannte Pastor Gveze eiferte gegen „den Druck solcher Lockspeisen des Satans" und rief: „Welcher Jüngling kann eine solche verfluchungswiirdige Schrift lesen, ohne ein Pestgeschwür davon in seiner Seele zurückbebehalten, welches gewiß zu seiner Zeit aufbrechen wird!" Daraufhin verbot die Kommission sämtlicher in Leipzig anwesender Buchhändler und Buchdrucker 1775, durch den Dekan der theologischen Fakultät der Leipziger Universität dazu aufgefordert, den Verkauf deS Romans bei 10 Talern Strafe. Mchtsdesto weniger erschienen aber noch im selben Jahr drei neue Auflagen, zahllose Rachdrucke und Rachahmungen: selbst der Dänkelgesang bemächtigte sich dieser „rührenden Mvrität", in Volksliedern lebte Werthers und Lottes Liebe fort; überall im Ausland wütete das „Weicher-Fieber", bis es schließlich verschwand und der „Werther" als das reine und große Kunstwerk übrig blieb, dessen Jubiläum wir jetzt feiern. Wiedererwachte Antike. Im Theater von Syraknr. Don Curt Dauer. DaS größte Theatereveignis der Welt bildeten wohl auch dies Jahr die kürzlich veranstalteten Aufführungen griechischer Tragödien am antiken Theater von ShrakuS in Sizilien. Als dort zum ersten Male im Jahre 1914 der erste Teil der Aeceuylos- Trilogie Agamemnon vorgeführt wurde, glaubte die verzaubert lauschenden Zuhörer die Manen der versunkenen Welt des alten Griechentums wieder aufleben zu sehen. Ort und Darstellung wirkten zu einem gewaltigen Erfolg zusammen, der sieben Jahre später durch die Aufführung des zweiten Teiles der Trilogie noch erhöht wurde. Fremde aus allen Ländern wohnten diesem großartigen Schauspiel bei. dessen unvergleichlich schöne Mlder sich allen unvergeßlich einprägten. Riemals zuvor hatten sich Darstellung und Milieu zu einer so engen Einheit verbunden, um den Geist jener großen Jahrtausende ferner Zett von neuem erflehen zu lassen. Rur wer selbst unter den Ruinen von Syrakus weckte, vermag ganz zu ermessen, wie allein ihr Anblick unter dem t^-fblauen sizilianischen Himmel, in den Traum der Vergangenheit reißt und wie unwiderstehlich dort jeder Anklang trr wieder ins Leben zu rufen scheint. Darum 'E auch die Aufführung griechischer Tragödien im antiken Theater alliahrluh wiederholt werden, um von hier aus eine Reform von vielen großen deutschen Bühnen heute experimen- tierten Kunstgattung in die Wege zu leiten. Die« Jahr waren es Euripides, der mit den „Bacchanten", und So- phvkleS, der mit „Oedtpus" im griechischen Theater vor, Syrakus zu Worte gelangten. ShrakuS war im Altertum eine der mächtigsten Städte de» Griechentums und zur Zeit der Tyrannen Dionys die größt« griechische Stadt überhaupt. Richt nur an kriegerischer MoM stellte sie alles andere in den Schatten, sondern auch ihr geistig^ Ansehen war nicht gering. Weilte doch selbst Plato als Fürsten» erzieher in ihren Mauern. Die Erbauung des großartigen Theaters geht aus Zervnos I. (478—67), der Protektor des AeschyloL zurück. Der Durchmesser des Baues beträgt 134 Meter. Er ist ganz an den Felsen herausgehauen und hat 46 kreisförmig«, übereinanderliegende Sitzreihen. Die Gegend, in der er errichtet wurde, war das antike Reapolis, eine der fünf Vorstädte von Syrakus. Der Blick beherrscht von hier nach Süden das dunkelblaue Meer und nach Rorden daS Gebirge. Richt umsonst führt die Landstraße den Ramen „Paradies". Schönheit und Fruchtbarkeit strömt die Ratur mit ihrem Palmenreichtum auS. Schnee» weP erhebt sich das Theater zwischen Meer und Himmel. Dies- mal war der Platz von Theben in die Bühne gebaut. Seine flUlst ischen Vorbilder hatte das Antiken-Museum von Syrakus geliefert. Mächtige Mauern öffnen sich gegenüber der Königsburg Rach drei Posaunentönen erscheint Dionysos, dargestellt von Annibale Rinchi, um seinen Prolog, die Vorgeschichte der Tragödie, herzusagen. Dann ruft er die Mänaden herbei, deren Tan» beginnt. Dieser Tanz zieht alles sogleich in den Zauber bei antiken Milieus. Er wird von den Schwestern Lilly, Jeanmi und Leonie Braun ausgeführt, die nicht etwa gewöhnliche Ballets tänzerinnen sind, sondern ihre Bewegungen lange vorher ht den römischen Museen, nach altgriechischen Vasenbildern et®« studiert haben. Sie verstanden es,',die verstaubten Ueberlieferung« zu neuem Leben umzugestalten. Mit ihrem Auftreten beginn« Poesie, Musik und Tanz einander aufs engste zu durchdring«. Darauf fängt die eigentliche Handlung an. Dionysos will sein« Vaterstadt Theben mit den Bacchanten erobern. Theresias und der alte König Cadmvs schließen sich dem Triumphzuge der Silenen, Bacchanten, Monaden, Satyrn usw. an. Als der jung« König aber feine Ankunft erfährt, befiehlt er, den Dionysos ein» zukerkern die Bacchanten zu Sklaven zu machen. UeberwälttÄ jedoch von der wunderbaren Befreiung deS Gottes, tritt w.ich er verkleidet in sein Gefolge, wobei ihn die Rache ereilt, indem er von den Bacchanten zerrissen wird, die ihn für einen Wwe« halten. Die Mutter des unglücklichen Königs erkennt ihren und gibt sich ihrem Schmerze hin. Da erscheint Dionysos all Gott und schleudert den Trauernden den grausamen Sinn der Tat entgegen. Unendlich reich an malerischer Bewegung ist dies Spiel ausgelassener und trauernder Gruppen. Motive und Leidenschaften, die uns heute unverständlich erscheinen, gewinnen durch den ergreifenden Rhythmus des Ganzen Realität. Inzwischen ist der Abend angebrochen. Die Lichterpracht der sich dem Horizonte nähernden sizilianischen Sonne taucht Bühne und Zuschauer in phantastische Farbenglut. Jeder fühlt sich über Zeit und Gegenwart hinweggehoben in die Welt^ der Einbildung und Poesie. Mehr als 20 000 Zuschauer hatten sich im antiken Theater von Syrakus zusammengefunden. Tagelang twrher waren si« herbeigeeilt. Aus allen Städten 3taliens, Einheimische und Fremde aller Rationen. Alle Stände und Lebensalter sah mau burcheinandergemischt: Offizielle Persönlichkeiten aus dem politischen Leben, Literaten und Künstler, Gelehrte, Journalisten, Lebewelt und Volk. Eine wogende Menschenflut hatte sich über das stille Syrakus ergossen. Die Hotels und Pensionen reicht« nicht annähernd hin. Mau logierte zu dreien und vieren tfl einem .Zimmer. Korridore wurden durch spanische Wände in Stuben geteilt. Gleich einem lebendigen Strom ergoß sich bt« Menge längs der zum Theater führenden Straße. Automobil«, Equipagen und Gefährte aller Art eilten vorüber. Daneben auf begrünten Wegen das Heer der Fußgänger. Zahlreiche Fremde umstanden die Quelle der Aretusa urä> viele Maler hatten ihr« Leinewand aufgespannt. Alles atmete Fröhlichkeit und Erwartung. Roch einmal schien Syrakus in seinem alten Glanze aufzuerstehen, noch einmal die Blicke der Welt auf sich zu lenken. Wieder erfüllte die Straßen der Stadt ein dichtes, buntes Treiben und auf der Meerespasseggiata trieb sich ein internationales Olten- fchengewoge einher. Freilich ist es die schönste Jahreszeit in Sizilien. Unter bet hohen Palmen verbreiten blühende Orangenwälder betäubend« Duft. Die weiten Ebenen bilden ein vielfarbiges Blütenmeer. Selbst die Dillen der Stadt verschwinden unter üppigen Blüten» geranfe. 3m bläulichen Silberschimmer, nicht selten bis zu tiefem Kobaltblau sich steigernd, türmen sich die Berge empor Und hell leuchtend hebt sich die Erde mit ihrem zaubervollen FarbenfpÄ vom dunllen Himmel und vom dunllen Meere ab dessen grün- gestreifte, weißgescheckte Wogen schäumend von unterhöhlte Felsen- User schlagen oder gierig den glühenden Dünensand lecken Drohend jedoch erhebt sich hinter diesem berauschenden Anblick, hinter bleiern bluten duftenden Gaukelspiel der Erde ein hoher ernster Berg: der Aetna, den Sizilianer daran erinnert, daß oft schön ein einziger Augenblick bte Wogen aller Lebensfreude au vernichten vermochte. Schriftleitung: 3.D.: Karl Walther. - Druck und Verlag der Drühl'schen Univ.^Luch- und Steindruckerei, «.Lange, Gießen.