Donnerstag» den Lj. Wt w tJT'J W 14 AM '-2 T I > firntnraufd). Roman von Paul G r a b e i n. 'Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) So wenig sympathisch Gottliebe auch die Gesellschaft war, beschloß sie doch, gemeinschaftlich mit den beiden Sachsen den Abstieg zn machen, um einem Alleinsein mit Toni zu entgehen. Sie /brachen denn also gleichzeitig auf. Schnell ging es bergab, im Hellen Schein der Frühsonne, aber leie anders als beim Aufstieg. Schweigend ging der Spängler hinter Gottlieve her, die auch tau in sprach, nur, wenn sie den voraufgehenden Herren Antwort geben mußte. Ein- oder zweimal — sie wollte ihm eben zeigen, daß sie ihm nichts nachtrage — richtete sie das Wort zwar auch an den Toni; aber man merkte ihr doch die Befangenheit an und eine Reserve, die ihr vorher fremd gewesen war. Er empfand es nur zu wohl, und eine namenlose Traurigkeit nahm immer mehr von ihm Besitz. Es war eben alles aus! Immer klarer ward es ihm. Wenn er dachte, wie sie damals von der Geisterspitze bergab igesprnngen waren wie ein paar tolle, lachende Kinder! Und jetzt? Heiß schoß es ihm in seine brennenden Augen. Vorbei das alles für immer — durch seine Schuld! Und es konnte ja nicht anders sein. Ehr- und pflichtvergessen war er geworden; an einer wehrlosen Frau, die unter seinem Schutze stand, hatte er sich vergessen! Ha, wie ihm diese ihre Worte im Herzen brannten wie glühende Schandmale! Kein Wunder, wenn sie ihn nun verachtete. Daß sie das tat, war ihm nicht zweifelhaft. Wenn sie ihm anch mit Worten vergeben hatte, innerlich war es nicht geschehen. Daß sie jedes Alleinsein mit ihm vermied, zeigte es ihm ja nur allzudeutlich. Sie scheute, sie verabscheute ihn sicherlich insgeheim, wie ein schlecht gezähmtes Tier, das schon einmal seinen Herrn hinterrücks überfallen hat. Und konnte es anders sein? Verabscheute er sich nicht selbst? Hatzte, verachtete er" sich, nicht, daß er den Makel auf seine Ehre geladen hatte, er, der immer so stolz auf seinen Führerruf gewesen war, dem sich jeder bisher furchtlos hatte anvertrauen können? Haha! Wenn das der alte Stadler auch noch wüßte, dies Allerschlimmste — er, der so schon ihm die Führerwürde abgesprochen hattel Was würde er dann tun? Keinen Augenblick würde er zögern, ihn anzuzeigeu, wie cs seine Pflicht war, auf daß man den ganz Unwürdigen seines ehrenvollen Amtes entkleidete! Also nur wie ein heimlicher Verbrecher durfte er fortab herumschleichen, von der Gnade des Mädchens da sein elendes Leben fristend; keinem Menschen durfte er mehr frei und offen ins Auge sehen. Immer würde er denken müssen: Wenn ihr wüßtet — wenn ihr wüßtet! In tödlicher Qual schrie es in Tonis Innern auf. Nein, nein! Das ertrug er nicht — das nicht! Ohne Ehre, ohne Achtung vor sich selbst konnte er nicht leben. Lieber tot sein! Tot! Dumpf brütete er vor sich hin, während er mechanisch weiterschritt. Ruhe haben vor den Gewissensbisse» fe* in der Brust! Ruhe auch vor all dem qualvollen SehnÄr, das sie so wundgerissen, das ihn zu einem Ehrlosen $6» macht hatte! Immer tiefer, mit einer geheimen Wollust, wühlte sich Toni in den Gedanken hinein. Ja, mit dem Tode, mit einem freiwilligen Ende alle Schuld sühnen und sich so wieder die verscherzte Achtung und Ehre erwerben. Ihre Ach? tung! Denn wenn er da still und leblos vor ihr liegen würde, um sie gestorben, dann würde sie ihm gelvitz im innersten Herzen verzeihen. Ja, vielleicht gab sie sogar dem Toten, ivas sie dem Lebenden niemals geben würde — eine kleine, stille Stätte in ihrem Herzen! Diese Hoffnung, die ihm immer mehr zü einer schwärmerischen Gewißheit wurde, verlieh dem Gedanken, mit dem er spielte, eine dämonisch lockende Gewalt. Immer fester schlug er die Krallen in seine tödlich wunde Seele. Was war ihm auch noch das Leben? Selbst wenn das alles heute gar nicht gewesen wäre! Er hatte, seitdem Gottliebe in seinen Lebenskreis getreten, einen Blick getan in eine fremde Zauberwelt, in die er nie hineinkommen konnte. Aber sein Herz war davon vergiftet mit hoffnungslosem Sehnen für immerdar. Ruhelos und friedlos würde er sich hingeschleppt haben — was war solch Leben wert? Nein, nein! Lieber ein rasches Ende mit all der Qual! Mes in ihm drängte ja dazu. Mein Ahnen von deni, was in ihm vorging, war in Gottliebe. Wohl glaubte sie, daß ihn Selbstvorwürfe bewegten, aber von dieser Todestraurigkeit und SehnsmM wehte kein Hauch zu ihr herüber. Auch sie beschäftigte sich in Gedanken immer noch mit dem Vorgefallenen; doch von ihrem Standpunkt aus. Gewiß tat ihr der arme Mensch aufrichtig leid, mit seiner unglücklichen Leidenschaft für sie. Aber sie konnte ihm doch nun mal nicht helfen; jeder Gedanke daran wäre ja 'schon lächerlich gewesen. So war es schon das beste, der ganzen Sache schnell ein Ende zu machen. Sie wollte die Tante bewegen, gleich morgen ans Trafoi mit ihr abzureisen. Dann war ja alles ganz von selbst aus! Und aus den Augen, aus dem Sinn! Mit der Zeit würde er sie schon vergessen, und nach Jahr und Tag mit einem Mädchen seines Standes glücklich werden. Er war ja noch so jung; da verwindet man so etwas schon. Diese Gedanken beruhigten Gottlieüe allmählich und gaben ihr die alte Sicherheit zurück. Dennoch aber hütete sie sich, den alten vertraulichen Ton gegen den Toni an- zmchlagen: Sie wollte jetzt nicht mehr — wie sie vorher ahnungslos getan hatte — znit dem Feuer spielen. Inzwischen waren ihnen zahlreiche aus dem Ausstiege befindliche Partien begegnet, wohl die meisten schon, und am Ausgang des unteren Plateaus trafen sie endlich auch Bessow und Stadler 470 Schweigend gingen sie auch diesmal; keiner spürte kt Lust zur Unterhaltung, am wenigsten Bessow, denn ihn hatte Gottliebes Botschaft eben ans den: tiefsten, todes- ähnlichen Schlaf der Ermattung aufgestört. Mißmutig stolperte er, von Stadler an der Hand geführt, den „elenden, halsbrecherischen" Weg von der Hütte am wild zerrissenen Steilhang bis zur Tabarettascharte entlang. Gott sei Dank, hier kam man endlich wenigstens wieder auf einen vernünftigen, ungefährlichen Weg. Schnell ging es nun bergab, und gegen Mittag, noch nicht ein Uhr, war man drunten im Tal von Trafoi wieder angelangt, am Bach, über den ein schmaler Holzsteg hinüber zur Straße und dem Ort führte. Hier blieb der Toni stehen. Wenn es dem Fräulein nichts verschlüge, so möchte er ihre Sachen jetzt dein Stadler in den Rucksack geben und hier umkehren. Er müsse noch inal zurück. Er habe, wie er vorhin bemerkt, seinen Kompaß verloren. Es war ein Erbstück von seinem Vater, ein wertvolles, schönes Instrument, das diesem einst ein Tourist verehrt hatte; der Stadler wußte es wohl, und richtig: es fehlte dem Spängler vorn an der Uhrlette, wo er es immer zu tragen Pflegte. „Da spring nur schnell wieder z'ruck und such!" riet er selbst. „I nehm' derweil die Sachen scho, das Fräula wirb jo nix dargeg'n hab'». Mirsan ja ohn'dies gleich da im Ort." „Aber selbstverständlich nicht!" versicherte Gottliebe. „Gehen Sie in Gottes Namen, Toni. Es wär' ja jammerschade drum!" Auch ihr war schon das schöne Instrument von ihm aufgefallen. Ter Toni war unterdessen schon schnell niedergekniet und reichte aus seinem aufgeschnallten Rucksack dem Stadler Gottliebes Sachen zu, die er bisher getragen hatte. Als er das Jäckchen herausnahm und ihn ivieder der feine Tust umschmeichelte, überflog ein jähes Erbleichen seine Züge: Ta fing es an! Als er das heute nacht droben auf dem Gletscher wie ein Toller an seine Lippen preßte! Und schnell gab er mit zitternder Hand dem Stadler das Klei- dungsstück hin. , Der Regierungsrat war schon eine Strecke vorans- gegangen, über den Bach hinüber; Stadler schickte sich jetzt eben an, ihm nachzufolgen, so stand im Augenblick Gottliebe allein vor ihm. „Grüß Gott, Fräula." Mit leisem Zittern in der (stimme entbot ihr Toni schen seinen Gruß. In seinem Innern wogte es. Todestraurigkeit rang mit einem letzten leidenschaftlichen Aufzittern seiner Seele. Zum letztenmal schaute er ja' ihr liebes Gesicht, ihre süße Erscheinung, die seine Seligkeit, sein Verderben geworden waren. Er hätte sich niederwerfen, schluchzend flehen mögen: Verzeih mir, was ich tot! Bewahr mir ein stilles Gedenken! Noch einmal hätte er ihr nur den Saum ihres Kleides küssen mögen wie einer Heiligen — aber nichts davon durfte er ja tun. Er durfte sich ja nicht verraten. Also fort denn! Mit einem Ruck richtete er sich auf, und sich zum Gehen wendend, zog er den Hut. „Ade, Fräula!" Gottliebe hatte unschlüssig einen Augenblick vor ihm gestanden, zu Boden sehend. Nun plötzlich drang ihr sein leises, wehmutdurchhauchtes Ade! ans Ohr. Ta schaute sie schnell auf und begegnete seinem stillen, todtraurigen Blick. Unwillkürlich reichte sie ihm da die Hand hin. „Ade, Toni!" Sie fühlte plötzlich, wie seine Hand in der ihren zitterte und feuchtkalt war wie die eines Schwerkranken. Ein tiefes Mitleid flog sie da an. Wie sich der Aernlste quälte nm sie! Mit leisem Truck ihrer Rechten sagte sie ihm halblaut, bittend: „Vergessen Sie doch, Toni, was geschehen ich will auch nicht mehr daran denken. Wir wollen wieder gute Freunde sein wie vorher — ja? Dsa fühlte sie ihre Hand wild gepreßt, zum Zerdrücken, aber er sagte nichts. Wie seiner nicht mehr Herr, riß er sich im nächsten Augenblick losh wandte sich hastig ab und begann eilends bergab zu steigen, bald ihrem Blick im Wald entschwindend. Langsam ging Gottliebe den anderen nach. Eine Wehmut senkte sich über sie. Wie lieb sie der arme Mensch hatte! Das war einer, bereit, für sie in den Tod zu gehen — in jeder Sekunde; das fühlte sie nur allzu deutlich. Und doch mußte sie au diesem treuen Herzen, wie sie es gewiß nie wieder finden würde, vorübergehen — aus rein äußeren Gründen. Lächerliche Welt! Lächerlich, und doch so bitter traurig. (Fortsetzung folgt). Die Begrüßung fiel allerseits ziemlich frostig aus. Gott- liehe und Toni fühlten nur zu deutlich, wie die beiden anderen mit Vorwürfen gegen sie geladen waren; aber die Rücksichtnahme auf die Zeugen verhinderte eine Aussprache. „Nun, da hat es gar keinen Zweck mehr, weiter hinauf- zulaufeu," wandte sich der Regierungsrat an Stadler. Er hatte gerade schon genug von dein bisher Erlebten. „Mich persönlich hat es ja nie auf den Ortler gezogen, und da das gnädige Fräulein schon oben gewesen ist, bin ich durchaus für Umkehren." , „Wie der Herr wünschen," fügte fich Stadler; auch ihm lvar nicht sonderlich daran gelegen, sich mit dem ängstlichen, beständig räsonierenden Manne im Schlepptau werter hinaufquälen zu muffen. „Also, dann zurück !" entschied Bessow, und miteinander, aber in eisigem Schweigen schritten die vier zu Tal. So kamen sie endlich wieder bei der Hütte an. Auch Gottliebe fühlte nun, wo die frohe Spannung gründlich jn ihr zerstört war, eine ziemliche Ermüdung; man beschloß daher, erst ein paar Stunden in der Hütte der Ruhe zu Pflegen, ehe der iveitere Abstieg nach Trafoi zurück erfolgen sollte. Mit kurzem Gruß zog sich Gottliebe in den Tamenschlafraum zurück, und Bessow verfügte sich in den Herrensaal, lvo jetzt alles leer war, so daß Hoffnung auf ein Stündchen Schlaf nach den Strapazen dieser Nächt war. Die Führer gingen in die Küche, und hier hielt der Städler allerdings nicht mehr zurück. Vor der Schaffnerin unid ihren Mägden polterte er gegen Toni los, ihm schonungslos Schande machend. Wenu's nicht um seinen Vater selig mär’, seinen alten Freund drunten im Grab, dem er oie Schmach nicht antun wollte, er brächte die Sach' sonst wahr und wahrhaftig vor die Sektion! Der Stadler hatte wohl, nach Tonis ganzer Art, auf einen heftigen Widerspruch gerechnet. Um so verwunderter war er, als jener ganz still all seine heftigen Ausfälle hinnahm und zum Schluß sogar noch sagte: „Jo, jo — hast scho ganz recht, Stadler!" ~ Konnte er seinen Ohren trauen? Hatte das der Späng- ler, der hitzige Bursch, da wirklich eben gesagt? Im Pfeisenstopsen innehaltend, blickte der Stadler ungläubig zu ihm hinüber. Aber der saß wirklich ganz regungslos und gleichgültig da, mit finster zusammengezogenen Brauen vor sich hinstarrend. Auch den Wein, den er doch sonst beim Disput so hitzig hinunterzuschütten Pflegte, hatte er noch nicht mal angerührt. Verwundert schüttelte der Alte den Kops: Was war denn nur in den Burschen gefahren? Nahm er sich die Sache wirklich so zu Herzen? Wenn noch etwas gefehlt hatte, den Toni zum letzten zu treiben, so wär es eben die Erinnerung an seinen seligen Vater gewesen. Wie Dolchstiche waren des Stadlers Worte in seine Seele gedrungen, von der Schande, die er Am Toten bereitet habe! Aber innerlich zerstört, wie er schon war, hatte diese neue Qual keinen heftigen Ausbruch des Schmerzes mehr bei ihm wachgerufen; stumm hatte er es Angenommen, nur im Innersten das erneute Auf- brennen der wunden Seele zitternd spürend. Ja, ja, sein armer Vater! Wie wenig Ehre hatte er seinem Namen gemacht, der als der einer der geachtetsten, zuverlässigsten Führer Tirols noch in aller Leute Munde war. Nein, er war nicht mehr wert, zu leben. Mit uuabweis- licher Gewalt drängte sich ihm die Erkenntnis auf, und er wollte nicht zögern, zur Tat zu schreiten. Nur das Wie war ihm noch unklar. Es durfte ja nachher niemand merken, daß er freiwillig aus dem Leben geschieden war, daß nicht etwa ein aufsteigender Verdacht dem wahren Grund nachi- spürte und alles ans Tageslicht brachte — sein ganzes Opfer nutzlos machte. Der Spängler erhob sich plötzlich und schritt hinaus. Draußen, allein mit sich, wollte er die Ausführung seines Entschlusses überdenken. — Eln»c zwei Stunden später erschien Gottliebe wieder unten in der Hütte. Sie hatte keine Ruhe gefunden; von den körperlichen und seelischen Anstrengungen wären ihre Nerven überreizt. Ihre quälend sich jagenden Gedanken hatten sie schließlich unerquickt vom Lager ivieder auf- getrieben. Sehr nervös und abgespannt erschien sie unten. Sie wär ärgerlich auf sich, den Toni, Bessow und alle Welt. Kurz ließ sie dem Regierungsrat hinaufsagen, sie »volle jetzt gehen. Wenige Minuten später ivar auch er zur Stelle, und lAr Abstiea bLQ 471 Blücher in Gietzen. 'Tie in Darmstadt erscheinende Monatsschrift „Hessische Chronik" brachte in den ersten Nummern dieses Jahres ein Gießener Tagebuch aus der Zeit vor hundert Jakftcu. Es stammt aus der Jeder des damaligen Professors Nebel, der Medizin dozierte, gleichzeitig aber auch starkes historisches Interesse bewies. Die interessanten Blätter versetzen uns sehr lebhaft,und anschaulich in jene schweren Tage, welche die hessische Universitätsstadt 1813 und 1814 durchzumachen hatte. Mit Spannung wird zunächst Napoleons russischer Feldzug verfolgt. Zu Neujahr 1813 wünscht mon sich bereits, daß die Russen und Kosaken nicht isommen mochten; die nächsten Monate bringen die .Heimkehr der traurigen Trümmer von Hessens Hilfskorps. Die Gießener Lazarette füllen sich erschreckend. Das neugcbaute Entbiuduugsinstrtut, bas Rathaus, die Stadtschule, ein Saal int Riesen, das Arresthaus — nue| wirb uach und nach mit Kranken belegt, beim aus den preußischem Lazaretten zieht Napoleon nach Möglichkeit seine L-oldaten zuruck', über den Rhein hinüber aber dürfen sie nicht gebracht werden. Der Rheinbund soll die ganze Last tragen. Auf ihn verlaßt sich Napoleon noch immer, und der Gießener Professor der «taats- wisseuschasten Cromc, muß in des Kaisers Auftrage eine eigene Schrift verfassen, die dessen letzte Siege feiert und den Rhetubuud- Tcutschcu vor Preußen und Russen Angst macht. Zu den neuen französische» Rüstungen muß Hessen wieder kräftig bcistcucrn. Hefsi- chc Bauernsöhne desertieren oder verstümmeln sich selbst, um nicht auch nach Rußland verschleppt zu werden. Mas an Pfcrdeit aufzutreiben ist, geht nach Frankreich. Die ersten Schlachten nach dem Waffenstillstand liefern wieder Hunderte von neuen Kranken nach Gießen. Noch aber macht man sich kein klares Bild von der militärischen Lage. Am 26. Oktober notiert Professor Nebel, daß das französische Militär aus Gießen uach Wetzlar zu abgerückt und abends, die sichere Kunde von dem großen Schlag, der bei Leipzig gefallen war,, emgetroffcn sei. Danach wäre man im Volk schon besser orientiert gewesen, als in den Zeitungen. Denn die im damals noch existierenden Großherzogtum ' Frankfurt erscheinende „Gazelle^ berichtet noch am 28. Oktober in ihrer Nr. 301 von Napoleons Sieg bet Leipzig Tic Franzosen hätten das Schlachtfeld vollständig behauptet uiw seien siegreich gewesen wie bei Wachau. Nur sei die Munition ausgegangen, Bayern abgefallcu und von seiten der Sachfen schimpflicher Verrat geübt worden. Deshalb müsse Napoleon eine weiter zurückliegende Operationsbasis wählen. Auch die groß- herzoglich hessische Zeitung ist nm 30. Oktober noch sehr vorsichtig. Sic zitiert nur andere Blätter, die von „großen Vorteilen * berichten, „welche die Alliierten nm 16., 17. und 18. in der Gegend von Leipzig erfochten haben sollen. Die offiziellen Berichte über diese Begebenheiten hat mau noch nicht". Am 27. Oktober wird Kanonendonner aus der Gegend von Fulda gehört. Hier hatte Tschernitschesf von der schlesischen Armee mit der jungen Garde ein Gefecht, das viele Gefangene cinbrachte und zur Zerstörung eines französischen Getrcidcmagazins sührte. Der genannte Offizier zog dann vor Napoleons Heer verwüstend die Straße nach Hanati' zu. Am 28. treffen in Gießen die ersten versprengten Franzosen und auch einzelne hessische Offiziere ein, die der Ge- fangeiinahme in Leipzig bezw. der Einschließung in der Festung Torgau entgangen sind. Noch aber ahitt man in Gießen nichts von dem schweren Schicksal, das sich heranwälzt. Der damalige Rektor der Universität, Major und Professor der Mathematik, der bald danach verstorbene Kämmerer, kündigt noch für den 8. November den Beginn der Vorlesungen an. Am 30. und 31. Oktober wird wieder Kanonendonner gehört. Diesmal kommt er aus der Gegend von Hanau. Es ist die Schlacht, durch die Napoleon Wredes Absperrung durchbrach. Mau konnte in Gießen glauben, wieder abseits der Hauptereignisse zu bleiben, umsomehr, als die heutige Landstraße nach Fulda noch nicht existierte, ihr Bau bis Grünberg sogar eben aus Furcht vor übermäßigen Militärdurchmärschen liegen blieb. Da aber erschien als erster Vorbote Sonntag, den 1. Oktober eine Kosakenpatrouille von 3 Mann, der am i. November bereits ein Offizier mit 10 Mann folgte. Und am 2. November rückt die schlesische Hauptarmee in Gießen ein, „zunr Teil mit schöner Musik", Blücher wird , mit Vivatrufen von Studenten und Einwohnern" emp- saugen,' alle Häuser, Stuben und Dielen liegen bald voll Einquartierung, auf den Straßen selbst wird biwakiert. Es waren vorwiegend Russen, von Sackens Korps, beiten am nächsten Lage Langerons Korps folgte. Das preußische Korps Yorcks blieb in der Umgegend, Yorck selbst in Großen-Linden. Für eine ganze Woche richtete sich diese Masse von annähernd 50 000 Manu nun häuslich ein. Keine kleine Last für Gießen und die umliegenden Dörfer! Wie war es zu dieser Marschrichtung der Blücherschen Armee gekommen? In dem Werke von Friedrich „Der Herbst- Bug 1813" finden wir das einschlägige Material. Blücher hatte oleou eigentlich auch auf der großen Straße nach Hanau im Rücken packen 'wollen. Da war ihm von Schwarzenberg dre Weisung zugegangen, über den Vogelsberg nach Gießen hin ab- Mschwenken. Man glaubte nämlich, daß. Napoleon den Zusammenstoß' mit Wrcde vermeiden und über Wetzlar zu entkommen suchen würde. Auch sollte die Hauptstraße im Interesse der böhmischen Armee entlastet werden. Das Generalstabsarchiv enthält die Befehle Blüchers an Sacken und Yorck vom 31. Oktober aus Fulda datiert, worin Napoleons Abschwenken über Wetzlar vorausgesetzt und Ulrichstein als nächstes Hauptquartier angegeben wird. Aber noch am gleichen Tage erhält man auch schon die Meldung von der Schlacht bei Hanau. Sehr ärgerlich schreibt dann Blücher am 4. November aus Gießen über „das große Versehe«", das stattgefunden habe. Hätte man ihn hinter Napoleon gelassen, so würde dieser bei Hanau vernichtet worden sein. Tie schlesische Armee befand sich bei ihrer Ankunft in Gießen in einem äußerst erschöpften und abgerissenen Zustand. Nebel rühmt die. „schönen Leute" Langerons, fügt aber auch hinzu, daß sic „ziemlich geschmolzen waren". Ntan mag beim sieges- frohen Einzüge noch nicht den vollen Begriff von der lieber» anstrengung dieser wackeren Armee, der bei weitem das Hauptverdienst an Napoleons Zusammenbruch gebührt, bekommen haben. Tic Berichte int Generalstabsarchiv geben ein umso deutlicheres Bild. Vor allem Yorck forderte von seinen Generalen Zusammenstellungen über den Zustand ihrer Regimenter ein. Sein Korps war auch immer am schwersten mitgenommen worden, zuletzt bei Möckern. Dabei war gerade Yorck für das Wohl seiner Leute besonders eifrig, ja manchmal pedantisch besorgt. Es gab das häufig zu Mißstimmungen zwischen ihm und Blüchers Hauptquartier Anlaß. Blücher nahm das mit gutem Humor hin. Yorck brummt zwar, meinte er, aber wenu's gilt, beißt er auch. Bei Eisenach freilich hatte er nicht gebissen. Er hätte dort Bertrands Armeekorps abschneiden können, unterließ es aber, um seine Leute ab- kochcu zu lassen, wozu sie seit Möckern nicht wieder gekommen waren. Alle Gewaltmärsche der nächsten Tage konnten das nicht wieder gut machen. Sie brachten nur die Truppe umsomehr herunter. Die genannten Berichte melden alle dieselben Tatsachen. Kein Transport hat der Truppe bei ihrem schnellen Vormarsch folgen können. Es fehlt an Kleidern, Schuhen, Hemden, Pferdegeschirr, Decken, vor allem auch au Geld. Die bünnert leinenen Hosen und Röcke, an sich schon für die Jahreszeit nnp genügend, sind zerrissen. Ein großer Teil der Soldaten geht barfuß. Man ist fast täglich 12 Stunden im Marsch gewesen^ abends todmüde in den Kot gesunken, von Regen unaufhörlich 'durchnäßt. Tie Kraft laugte oft kaum, um noch ein paar Kartoffeln zu braten. Yorck selbst hat schon früher an Blücher berichtet, daß viele seiner Leute vor Ermattung tot umfielen, Vogelsberg sind zahlreiche Geschütze und Wagen stecken geblieben, ober zerbrochen, die Pferde verloren gegangen. Nach Frtevirtchs Angabe war Yorcks Korps von 37000 Mann auf 9993 zurückgegan- geu Yorck mag daher in jenen Tagen in Großen-Linden auch wieder gehörig „gebrummt" haben über die schweren Zumutungen, dre inan an ihn stellte, an denen er selbst aber auch, wie wir sahen, nicht ganz unschuldig war. Gern wäre er selbst für die Ruhetage auch nocb nach Gießen gekommen. Daß Blücher tm Interesse der überlasteten Stadt das abwehrie, mag den Sieger von Warkai- burg und Möckern noch mehr verstimmt haben. Nur Prinz Wil- heliit von Preußen, der jüngste Bruder Friedrich Wilhelms dos Tritten, der Urgroßvater des jetzigen Großherzogs von Hessen, fand noch Aufnahme, nachdem er anfänglich in Bellersheim jtn Quartier gelegen hatte. Der Zustand der Truppen machte nicht nur ein paar Ruhetage, Umbern auch umfangreiche Requisitionen, zur Wiederherstellung ihrer Ausrüstung nötig. Nebel gibt bie Forderung- von 40 000 Ellen Tuch ttnb 10 000 Ellen Leinwand und Leder für bte Preußen, 10 000 Ellen Tuch und 2000 Ellen Leinwand und Leder für bte Russen au. Was es an Alkohol in der Stabt gab, wurde ziemlich restlos weggetrunken. Die Russen benahmen sich vielfach roh und rücksichtslos wie in Feindesland. Auf dem Laude wurde Heu und Frucht ruiniert, Vieh weggesührt. und manche Gewalttat verübt. Zum Schluß wanderten auch 20 000 Taler mit her Armee „als Darlehen" davon. Gneisenau verhändelti-wegen der englischen Waffen und llmsormcn für 40 000 bis »0 000 Mann. Tie Sachen lagen aber in Stralsund und konnten nicht in wenigen Tagen herangehölt werden. Er dachte deshalb auch daran, teil- seils des Rheins erst die Ausrüstung zu ergänzen, zumal diesseits des Rheins für die neu auszuhebenden Landwehrendas .vorhandene Material noch kaum ausreichte. Wie wenig selbst die Gleßeiter Ruhetage zur Ausfüllung aller Lucken im Material ausreichten, das beweist bie Ende November zwilchen _ Blücher und dem Freih.'rrn von Stein noch geführte Korrespondenz Jener als Leiter der provisorischen. Verwaltung in beit eroberten, Ländern bringt bie Klagen der Einwohner über zu weitgeh.nde Reguisitioncn und Repressalien vor. Blücher antwortet u. a. - , Wenn Euer Exzellenz sehen wollten, in welchem bejammernd würdigen Bcl'leidungsz ustand sich die braven .Gruppen bi finden bie nut so ungeheuerer Anstrengung jene Provinzen vom fremdes Joch befreit haben; wenn Sie zu bemerken Grlegenheitchatten, da,. Tausende derselben in dieser rauhen Jahreszeit ihre schuhe, ihre Mäntel und beinah.' von allen Kleidungsstücken entblößt, bea Dienst vor dem -Feinde versehen, so würde Ihnen das Herz bln.en. In so dringender Not könne man nicht jeden einzelnen Fan immer erst an das oberste Verwaltungsdepartemcnt berichten. Es waren die Folgen der überstürzten Rüstung des armen ausgesaugdew Preußen, die hier noch immer empfindlich zu Tage traten. Das sind Anhaltspunkte, die wohl erkennen lassen, wie schwer die Ein- guartierung auf der Bevölkerung lastete. 472 Im Stabe Blüchers beifand sich auch der Breslauer Professor Steffens als Leutnant. Er bekam mehrfach die Mission, geistige Eroberungen an die materiellen anzuschließen. So sollte er auch in Gießen durch eine öffentliche Vorlesung vor Studenten und Bürgern Stimnmng für die deutsche Sache machen. Wenn er damit feinen reinen Erfolg gehabt zu haben scheint (er selbst äußert sich über Giesten etwas enttäuscht), so ist das nach obigen Angaben wohl entschuldbar. Professor Nebel notiert in seinem Tagebuche auch sehr kühl; „Ter Professor Steffens aus Breslau hielt in dem juristischen Auditorium eine Vorlesung über den rnfsischen Feldzug mit der Tendenz, auch die hiesigen Einwohner zu freiwilligem Landsturm usw. zu begeistern. Aber dieses paßt schlecht zu dem eisernen Drucke der ungeheueren Einquartiernngs- last." Der preußische Feldgeistliche Dr. Rhesa zieht in gleichem Sinne einen wenig schmeichelhaften Vergleich Gießens mit Marburg, wo er Wächters patriotischen Aufruf zitiert. In Marburg tmirde auch Steffens begeistert empfangen, als Blücher ihn von Gießen aus dorthin und nach Westfalen schickte, um die Landwehr zu organisieren. Doch hätten sich für Gießen gleichfalls patriotische Stimmen sehr wohl nennen lassen. Gewiß wirkte etwas Cromes Geist bei den Gebildeten nach. Man hatte im Rheinbund Napoleon eben nicht nur als Unterdrücker kennen gelernt, wie in Preußen. Den Franzosenfreunden hatte Steffens zu.gerufen: „Für ein Volk gibt es kein größeres Elend, kein zerstörendersts Unglück, als sich von Fremden beglücken zu lassen." Ein tiefsinniger Gedanke, der aber doch unzweifelhaft agitatorisch weniger wirksam sein mußte, als die Äesreiungspredigt in Ländern, wo man Gut und Blut gegen die Franzosen zu verteidigen gehabt hatte. Crome selbst war bei Annäherung der Verbündeten in die Schweiz verreist. Dem akademischen Senat hatte Steffens in Blüchers Auftrage erklärt, daß dies gar nicht nötig gewesen sei. „Was ein solcher Lump denkt, kann uns sehr gleichgültig fein." hatte Blücher geäußert. Steffens fügt in seinen Aufzeichnungen die Bemerkung hinzu: „Eben diese Großmut war mir ein Beweis des tiefen Verdrusses, der mich doch, ich gestehe es, nach so bedeutenden Siegen fast in Erstaunen setzte." Man fühlt aus dem allen heraus, wie in den Rheinbundstaaten eine wesentlich andere Luft wehte, als in Preußen. Man mußte sich über die Unterschiede hinweg erst finden lernen. Aber freilich, man fand sich dann auch. Schon gleich am ersten Tage bei Blüchers Einmarsch hörten wir ja das Vivatrufen seiner Verehrer, der preußenfreundlichen Partei. Ihr geistiges Haupt war der junge Professor und Philologe Welcher. Um ihn scharten sich zahlreiche Studenten und Bürger. Unter ersteren die Brüder Fallen, deren einer ein begeistertes Lied auf Blüchers Sieg an der Katzba ch. verfaßte (äbgedruckt in „Fretze Stimmen irischer Jugend" 1819). Der Rektor der Universität, der gleich nach Blüchers Einmarsch ihm mit Professor Hauch zusammen seine Aufwartung machte, wurde freundlich ausgenommen. An die Truppe ergingen strenge Befehle, auch die Rheinbundbevölkerung als deutsch zu respektieren. Im Hauptquartier herrschte außer- dem Neigung, nach der furchtbaren Anspannung der letzten Zeit ** sich's für ein paar Tage auch einmal wieder wohl sein zu lassen. Zumal Blücher, als Feldherr unerschütterlich tapfer und wagemutig, war als Mensch, wie ihn Unger .in seinem großen Werk schildert, von naivster Genußfrendigkeit. So wurde denn in der Meßener Fejerwoche fleißig der Becher geschwungen. Es war ja auch die erste Rast, bei der man sich einmal in Ruhe des Erreichten freuen konnte. Das eine Mal waren die Offiziere im Rathaus Gäste der Stadt, das andere Mal gab es im Gasthaus einen Kommers, bei welchen Gelegenheiten der greife Feldmarschall dann gern von seiner besonderen Gabe kerniger und wirkungsvoller Ansprachen Gebrauch machte. „Gut deutsch, ober an den Galgen!" das toiar die Parole, die er in Gießen ausgab. Und als am 5. November bekannt wurde, was das Regierungsblatt am 6. bestätigte, daß Hessen der deutschen Sache beigetreten sei, da fielen die letzten ernsthaften Schranken und Zweifel, die den hessischen Patriotismus noch von dem preußischen getrennt hatten. Blücher konnte den Einwohnern Gießens zu diesem Wechsel der politischen Stellung ihres Fürsten gratulieren und seine Pläne jenseits des Rheins die deutsche Einheit und Freiheit völlig zu gewinnen, konnten nun auch in Hessen ungetrübten Jubel auslösen. In dem Buch „Aus einer kleinen Universitätsstadt", das. auch eine Arbeit über Blüchers Aufenthalt in Gießen enthält, gibt Alfred Bock ein Trinklied von Adolf Bube wieder, das die Stimmung treffend spiegelt. Von Blüchers Aufforderung, über den Rhein nach Paris zu ziehen, heißt es: Das schlug so tief wie Wetterblitz In's Herz der Generale, Sie sprangen auf von ihrem Sitz, Tie Hand am Schlachtenstahle. Sie tranken vollen Zugs den Wein Und stimmten alle jubelnd ein: Wir ziehen nach Paris hinein. Freilich stand hinter dieser fröhlichen Stimmung auch sehr ernste Arbeit; den heiteren Abenden gingen saure Tage voraus. Wir sprachen schon von der Sorge für die Truppen, lieber das Vergangene mußte jetzt Rechenschaft abgelegt werden. Zahllose Verachte laufen ein oder gehen von Gießen aus ins HauptquartiAS nach .Frankfurt. Mr die Zukunft waren neue Entschlüsse Ul fassen. Napoleon wär entkommen. Umfo verantwortungsvoller war nun die Frage nach dem, was jetzt zu geschehen habe. Und wieder war Blücher auch in Gießen die treibende Kraft, wie er'H vor Leipzig gewesen war. Metternich wollte sich die Lorbeeren des Friedensstifters verdienen. König Friedrich Wilhelm III. bezeichnete den Rhein als einen „Wschnitt", an dem man Halt machen müsse. Nur der Zar drängte vorwärts. Aber selbst wema's über den Rhein ging, war das Wo und Wie noch zweifelhaft. Es) tauchte bet Plan _ auf, die HaUptarmee durch die Schweiz nach Südfrankreich zu dirigieren, damit sie Wellington, der von Spanien kam, die Hand reichen könne. Die schlesische Armee sollte ihr dann als Nachhut folgen. Man begreift, wie unsympathisch gerade diese Ausgabe für Blücher sein mußte. In seinem Sinn stellt Gneisenan den Gegenplan auf: Direkter Vormarsch der böhmischen wie der schlesischen Armee nach Paris. Bis in alle Einzelheiten: hinein mit Rücksicht auf Holland, Schweiz, Italien, Spanien und England wird dieser Plan in Gießen ausgearbeitet. Gneisenan geht nach Frankfurt ab, um ihn dort in zähem Widerstreit gegen die Friedensfreunde zu verteidigen. Blüchers Generalquartier- meister Müffling schreibt treffend an einen Freund, wenn man nicht gleich über den Rhein gehe, fei für 1814 noch eine blutige Campagne zu prophezeien. Sacken rückt einstweilen schon nach Wetzlar weiter und von dort aus streifen seine Kosaken bis an den Rhein. Ehrenbreitstein wird von Rittmeister Apraxin besetzt und bereits Fahrzeuge für das etwaige Uebersetzen der Truppen requiriert. _ Und schließlich reißt dem Marschall Vorwärts ganz nnb gar die Geduld. Am Sonntag, den .7. November, morgens nach Gebet und Gottesdienst, bricht er aus eigene Faust auf. Das Biarschziel ist der Rhein. Nebel schreibt von dem „ersehnten Tage", an dem man die schwere Last los geworden sei. Aber noch,sollte die Sehnsucht auf allen Seiten harte Proben belieben müssen. Blücher wurde von seinem Vormarsch wieder zurückbefohlen, und mußte sich noch wochenlang gedulden lernen, ehe ihn die Neujahrsnacht wirklich über den Rhein führte. Uno die Stadt Gießen erlebte nach dem Durchmarsch Blüchers noch viele andere. Die Belegzahl ihrer Lazarette schwoll täglich an, und damit zugleich das Nervenfieber, das auch aus der Bürgerschaft Hunderte von Opfern forderte. Gießener als Soldaten fielen noch einmal bei Lyon. _ Tie freiwilligen Jäger, zu denen Gießen gleichfalls fein Teil stellte, kamen zwar nicht mehr zum Schlagen, aber ihr Ausmarsch hat doch auch manch bittere Abschiedsträne gekostet. So können wir's nachfühlen, wenn am Ostermontag bei der Feier der Einnahme von Paris unter den Sinnbildern an den geschmückten Häusern auch eines die Inschrift trug: Komm hernieder, goldner Friede, Wir sind dieser Zeit balo müde. Vermisste». ff. Eine Kirche, die im Jahre 2063 fertig m i r b. In La Paz (in Bolivia) ist soeben mit dem Bau einer Kirche begonnen worden, die voraussichtlich im Jahre 2063 — wenn nicht noch später — fertig sein wird. Täglich, so berichtet das „Technical World Magazine" über diesen eigentümlichen Rekordbau, wächst die Kirche um genau einen Stein. Die Kirchenbauer von La Paz holen diesen einen Stein, einen gewaltigen Block, aus einem Steinbruche in der Nähe der Stadt; dann fahren sie ihn eigenhändig auf einem karrenartigen Wagen zum Bauplatze, bringen ihn dort ebenso eigenhändig an [einen Ort und befestigen ihn mit Zement. Da die ganze Kirche ans ungefähr 45 000 bis 48 000 solchen Steinen bestehen wird und an etwa 300 Tagen im Jahre „gebaut" wird, nimmt der Kirchenbau tatsächlich 150 Jahre in Anspruch, falls nicht etwa die Nachkommen der heutigen Baumeister ein schnelleres Tempo einschlagcn sollten. Skai-Ausgabe. Hinterhand spielt mit: * * Q» ch ch ch ch ch ch ch ch^ch ch ch Pique-Solo. Kann das Spiel verloren gehen, wen» die übrigen Trümpfe verteilt sind? — Wie saßen die Karten und wie mußte gespielt iverden? Auslösung in nächster Nummer. Auslösung des Versteckrätsels in voriger Nummer: Einen Mohren kann man nicht weiß waschen. Redaktion: K. N e u r a t h. — Notationsdrmck und Verlag der Bruhl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei, R. Lauge, Gießen»