iuSS e « VHlSmrraP ii. LMELMA ^S^88 sEAW d*n£»w i’i *1 » I WM Firnenrsulch. Roman von Paul Grabern. 'Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) " Mit einem inneren Ausjauchzen rief es sich, Gottliebe zu: Arn Ziele! Das, was sie sich vorgenommen, erst aus einer puren Laune, halb aus Eigensinn heraus, dann aber nach der Geisterspitzentour aus freudiger Begeisterung für die Bergwelt, aus dem edlen Wunsch heraus, einmal ihre Energie an einer großen Aufgabe zu messen — sie hatte es nun erreicht, und glänzend erreicht, das durfte sie sich ohne Selbstüberhebung sagen! Mit stolz erhobenem Haupt ließ sie die freudetrunkenen Blicke über das grandiose Alpenpanorama schweifen. Wahrlich, bei einem Könige der Könige war sie hier zu Gast! Huldigend scharten sich um des Ortlers Majestät die Großen seines Reichs, selber gewaltige Herrscher, über das Heer der eisgepanzerten Bergrecken: die Königsspitze, der Zebru, der Monte Cevedale, Cristallo und wie sie sonst hießen, die gekrönten Häupter der Ortlergruppe. In starrer, großer Ruhe lagen sie da, hoheitsvoll, Ehrfurcht heischend von den vermessenen Menschenzwergen, die sich erkühnten, neugierig hier oben einen Blick in ihre Titanenwelt zu tun. Und ein Schauer der Ehrfurcht zitterte wirklich durch Gottliebes Brust. Die unendliche Erhabenheit der Weltenschöpfung predigte aus diesen stummen Giganten. Wie vergänglich, wie Wurmhaft winzig erschien angesichts dieser Titanen, die noch Zeugen der Geburtswehen der uralten Welt waren, der Mensch. Und doch! Wie gewaltig, selbst wie titanenhaft, daß er es wagte, zu diesen Furchtbaren, Unnahbaren durch eine Welt von Schrecknissen zu dringen und ihnen kühn seinen Fuß aufs diademgekrönte Haupt zu setzen! Er in Wahrheit der König der Könige! — Und tote sie noch so stand, mit wogender Brust schauend, da zitterte leise ein rosiges Erglühen durch die Luft, über das Firmament, über die Berge hin — die junge Sonne kam. Dem Hernteltn der Eisherrscher gesellte sich der glühende Purpur. .Wie ein stummes Aufjauchzen ging es ringsum durch die Welt — die Majestät der Majestäten zu grüßen, die Allbeherrscherin — die Urzeugerin jeglichen Löbens! Mit angehaltenem Atem starrte Gottliebe verzückt in die Weite. Sie ahnte es nicht, wie der rosige Schein, sie selbst verklärend übergoß und um ihr loses Haar eine flimmernde Goldaureole wob. Aber der da neben ihr sah es, und seine Hände um das eiskalte Erz seines Pickels klammernd, verzehrte er sie mit weitaufgerissenen Augen. Was waren ihm Berge und Sonne, die ganze Welt? Hier,, hier —i das war der Mittelpunkt seines Seins, das war feine Welt, die Herrliche, Schöne, Unerreichbare, die jetzt, in ihre Andacht versunken, sonnenverklärt, ihm tote eine Lichtgestalt aus überirdischen Höhen erschien. Aber da machte sie plötzlich eine jähe Bewegung W ihm herum: „Toni, Toni, wie danke ich Ihnen, daß Sie mir drM verhalfen haben! Könnt' ich's Ihnen doch irgendwie zeigen!" Und plötzlich kam ihr ein Einfall: „Hier!" Sie löste sich schnell ein feines goldenes Kettenarmband vom linken Handgelenk und reichte es ihm hin: „Als ein kleines Zeichen meines Dankes, als ein Andenken an diese Stunde!" . Mechanisch lieh der Spängler das goldene Kettlein in seine Hand gleiten. Er wußte nicht, wie ihm geschah. Ihr unerwartetes Heruinfahren, ihre Worte — aber nun Plötzlich zuckte er zusammen. Ein Wort schlug an sein Ohr: Andenken! Das löste ein Echo aus: Abschied! Ja, ein, Andenken gab man einander beim Scheiden! Und nun, wo sie ihr Ziel erreicht, mit ihm hier auf dieser Höhe stand, nun brauchte sie ihn nicht mehr, nun würde sie Bald wieder von dannen gehen — hinaus in die Welt auf Nimmerwiedersehen! Und er blieb allein zurück. Was sollte dann aus ihr werden? In diesen ganzen letzten Tagen hatte er nur gelebt im Gedanken an sie, an die große Tour mit ihr, wo er um sie sein durfte, sie leiten, sie schützen! Und nun — aus. Alles, alles aus! Es würgte Toni plötzlich in der Kehle, ein Schleier trat vor seine Augen. Ihm war ja, als sänke da eben die ganze Welt in Trümmer. Jäh wandte er sich zur Seite. Mit höchster Befremdung sah es Gottliebe. „Was haben Sie denn, Toni?" Noch nichtsahnend fragte sie es, aber ihr schoß im selben Augenblick ein Verstehen aus. Sein verzehrendes Anstarren vorhin, dies Zusammenzucken jetzt — aber, wie ihm war, ein warmes Mitgefühl mit seiner Qual stieg zugleich in ihr auf. Der arme, gute Junge! — Sie hätte ihm, dem sie wirklich so unendlich dankbar war in dieser Stunde, ja, den sie hier in dieser Bergwelt, losgelöst von aller Konvention, wirklich wie einen lieben guten Freund gern hatte, sie hätte ihm ja so gern Liebes erwiesen, und nun feilt schmerzliches Zusammenfahren! ■ „Totti?" Noch einmal fragte sie leise. Aber als sie statt jeder Antwort plötzlich nur seinen starken, ihr abgewandten Körper wie in einem niebergemürgien Schluchzen erschüttert sah. als sich nun ein dumpfer, stöhnender Laut von seinen Lippen brach, da ward sie selbst ergriffen. Leise legte sich ihre Hand auf seine Schulter, und halb flüsternd kamen ihre teilnehmenden Worte: „So reden Sie doch, Toni! Schütten Sie doch Ihr - Herz aus." Ihre Berührung, der warme Hauch ihrer Lippen an seinem Ohr, es war zu viel für ihn. Die gewaltsam nieder- gekämpfte Leidenschaft seines Empsindeiis lohte auf einmal himmelaus, ihn verzehretid. Im nächsten Augenblick hatte er sie an sich gerissen, seiner nicht mehr mächtig — ohne ein Wort, blindlings dem Ansturm seines Empfindens sol- ■ gend. Wie ein Nerschmachteter, vor Durst halb Irrer traut 466 ter sich mit einem endlosen Kuß an ihr fesh Er mutzte —! muhte! Gottliebe entschwand- für einige Augenblicke das Be- tvntziscin. Der Sturm der Leidenschaft, der da so plötzlich, Mnz unerwartet, über sie hinbrauste, benahm ihr Atem und Besinnung. Willenlos, regungslos lag sie in seinem Mrm. Aber dann, als er Lust schöpfend sein Gesicht von denr ihren hob, kehrte ihr das Besinnen wieder, und instinktiv stieß sie ihn mit beiden Händen heftig zurück. Der Stoß traf ihn so unerwartet, daß er auf dem glatten, hartgefrorenen Schnee einige Schritte gleitend zu- rücktaumelte. Ein Schrei des Entsetzens entfuhr Gottliebe. Er wankte, fiel — in die schwindelnde Tiefe, zerschmettert — von ihrer Hand! Vorwärts stürzte sie, mit ausgestreckten Händen, ihn zu halten — aber da hatte er schon von selbst wieder Halt gefunden. Aufrecht stand er da, aber totenblaß im Gesicht, ohne einen Blutstropfen; nur die Augen starrten sie an mit einem unbeschreiblichen Blick, als wollten sie sagen: Töte mich, mir geschieht recht! Aber diesen Augenblick der Seligkeit kannst du mir doch nicht mehr entreißen! Er wiegt mehr als Tod und Hölle! Schlaff sanken Gottliebe die Anne herab, und ein Zittern lief durch ihren ganzen Seift — die Nachwirkung der Erschütterungen dieser Minute. So standen sich beide wortlos gegenüber. Dann hob Gottliebe langsam die Hand und strich sich über die Stirn. „Wie konnten Sie das tun!" Leise, tonlos kamen die Worte von ihren Lippen; aber sie trafen ihn wie Geißelhiebe. Er zuckte zusammen, als wolle er sich ihr zu Füßen werfen. Aber es geschah nicht; doch seine ineinandergekrampsten Hände hoben sich flehend gegen sie. Dies erschütternde, ftumme Bitten sprach mehr zu ihr als alle Worte. Ein Mitleid stieg in ihr auf mit denr Unglücklichen, den seine Leidenschaft so bis ins Mark aufgerührt Wtte, daß er ganz aus den Fugen seines Wesens verrückt war. Aber dennoch sprach sie strenge: „Sie haben mein Vertrauen schändlich geinißbraucht — Ihre Pflicht aufs schwerste vergessen! Wie konnten Sie sich so an einer schutzlosen Frau vergehen?" Da schlug er die Hände vors Gesicht, und in herz- -erschütternden, schluchzenden Lauten entrangen sich ihm die Korte: „Ich weiß! Ich bin halt a verlorner Mensch, ein elendiger! Aber ich könnt' ja nimmer anders, so wahr mit Gott Helf! Ich hab Sie zu viel lieb." Dies nur in der völligen Zerschmetterung seines Innern preisgegebene Geheimnis seines Herzens, dies rückhaltlose Bekennen feiner Schuld Hegt das letzte Auflehnen verletzten Frauenstolzes in sich zusammensinken. Sie mußte cs ihm ja Swen, sie sah es ja: er hatte wirklich nicht anders nnt. Die Macht in ihm war unwiderstehlich gewesen. Vein Verfehlen war nur der Ausbruch einer Leidenschaft, die sie entfesselt hatte; freilich, ohne es zu wollen. Aber gleichviel, war der Unseligtz, der da nun im innersten Wesen - vernichtet war, nicht zu entschuldigen? Lag schließlich nicht ygar in seinem Verfehlen eine Huldigung, die elementarste -Urmische Bekundung ihres unwiderstehlichen Zaubers über ihn? Sie hätte nicht Frau sein müssen, wenn das alles nicht allmählich sie versöhnlich hätte stimmen sollen. So richtete sie denn nach letztem, kurzem Kampfe das Wort an ihn: „Nun gut, Toni! Ich weiß jetzt, daß Ihre Handlungsweise nicht aus niederen Motiven entsprang. Ich will Ihnen daher verzeihen, was geschehen ist. Aber nun kein Wort mehr davon! Es ist selbstverständlich, daß es zwischen uns so sein Suh, als wäre diese Minute nie gewesen, als wären Ihre orte eben nie gesprochen worden. Verstehen Sie mich?" , Der Spängler nickte nur stumm, ohne sie anzusehen. Seine Mienen zeigten seit dem unglücklichen Vorkommnis «twas Verstörtes; es war, als sei etwas innerlich in ihm gebrochen. Sein Tun und Treiben fortab hatte etwas ganz Mechanisches an .sich, an dem seine Seele keinen Anteil Hatte, und seine Blicke starrten mit einem kälten, leeren Ausdruck ins Weite. Gottliebe merkte es wohl, und der Unglückliche dauerte he immer mehr; aber ihre weibliche Würde und zugleich! Hine natürliche Befangenheit — so allein mit ihm auf engem Raum nach dem Vorgefalleneu — nötigten ihr doch eine merkliche Zurückhaltung auf. Die Lage war höchst peinlich. Gottliebe trat daher an den Rand des Plateaus und spähte den Weg entlang. Sie wünschte jetzt aufs lebhafteste, daß jene beiden Partien, die sie vorhin gesehen hatten, recht bald heraufkommeu möchten. Wie verändert plötzlich die ganze Situation! Wo war der Zauber des Hochgebirges geblieben, der sie noch vor wenigen Minuten so berauscht hatte — wo das harmlos vertrauliche Kameradenverhältnis zum Toni? Der stand da an der anderen Seite, ihr abgewandt, auf seinen Pickel gestützt, hart am Abgrund, nud starrte regnngslos ins Weite hinaus. Wie schade, wie traurig dieser' Abschluß der herrlichen Bergfahrt! So war es wirklich eine Erlösung für beide, als nach einer Weile die erwarteten Partien von drunten hörbar wurden. Wenige Minnten später waren sie auf dem Gipfel. „Na, da hätten's mir's ja glicklich geschafft! N'u Mor- chen, meine Herrschaften!" Im breitesten Sächsisch begrüßte der vorderste Tourist gemütlich die Anwesenden. „Ach, sehn Se mal — nee, wie großardich! Die scheene Morchenrehde!" begeisterte sich der zweite der Touristen. Gvttliebe hätte sich unter anderen Umständen sicherlich kaum zu fassen gewußt vor Empörung über diese Banalitäten angesichts solcher Natur; jetzt aber hörte sie das alles gelassen an. Sie ging sogar ans die Unterhaltung ein, die die redseligen Sachsen alsbald mit ihr anknüpften. Währenddessen traten die beiden Führer zum Toni. „Grüß Gott, Toni!" Und der erste reichte ihm die Hand. „Bist also glücklich 'naufkommen mit deiner Dame! — Na, weißt, der Stadler hat aber no fchö angeb'n. Fuchsteufiwild ist er auf dich. Tu wärst scho nimmer wert, an Führer zu heiß'u, meint er, daß du dös serti bracht hast, und was er sonsten no verbracht." „Ist mir scho ganz gleich, was der Stadler daher red't." Mit starrer Gleichgültigkeit sagte cs Toni. „F weiß scho allein, was i tu." „Na," lachte der andere vor sich hin, sich ans dem Hartschnee niederlassend und seinen Rucksack aufschnürend, „wir hab'u 's jo a nit anders 'macht. Und 's sind verschiedene Partien no gleich nach uns aufbroch'n. Tie ganze Hütt'n is rebellsch word'n durch euch, sag i dir. A so was hat man no nit erlebt da drob'n!" Interesselos, nur mit halbem Ohr, hörte der Spängler zu, was der andere ihm noch weiter erzählte. Seine Gedanken waren bei ganz etwas anderem — was scherten ihn diese Kleinigkeiten? Das hatte aufgehört, Wert für ihn zu haben! Und in dumpfem Brüten starrte er, den Kopf auf die Fäuste gestützt, wieder vor sich hin. (Fortsetzung folgt.) Peter Rosegger. Zu seinem 70. Geburtstag — 31. Juli. Von Dr. Paul Landau. Als „der Peter" 50 Jahre alt wurde, da feierte mit ihm diesen Tag seine Steiermark und sein Alpenvolk. Als Roseggers 60. Gcburlskag kam, da war es ganz Deutschland, das ihm dazu seine Huldigung darbrachte. Heute, wo zum 70. Male der Tag wiederkehrt, da in der niederen Hütte des „untern Kluppenegger" zu Krieglach-Alpl der Erstgeborene in der Wiege lag, nimmt die ganze Welt herzlichen Anteil an dem Feste des „großen Dichters der steirischen Seele", und ein Weltruhm umgibt ihn und sein Werk. Nicht nur, daß er in allen germanischen Ländern viel gelesen wird; auch die Romanen beschäftigen sich eifrig mit diesem so urdeutschen Geiste, und die Franzosen haben ihr Interesse in einer ganzen Rosegger-Literatur kundgegeben, deren letztes und wichtigstes Werk, die große Arbeit von A. Vuillvd, die umfangreichste und am tiefsten schürfende Würdigung des Menschen, seiner Weltanschauungen und seiner Dichtungen ist, die wir besitzen. Der Ehrendoktor und Ehrenbürger, der zu einer geistigen Macht in unserer Kultur geworden ist, mag bei solch weltweiter Wirkung und weltweiter Huldigung wieder dem „Märchen seines Lebens" nachdenken, wie damals, da er der Gast des österreichischen Kronprinzenpaares war: „Vom Steinhaufen, aus welchem einst der barfüßige Halterbub sein eingedorrtes Stück Mittagsbrot gegessen, bis zur Tafel des Erzherzogs und Kronprinzen ist ein etwas umständlicher, aber ganz amüsanter Weg". Ein weiter Weg!! Und doch schließt sich der Ring so fest, der sein Leben umspannt, von der Jugend in der Waldheimak bis zu diesem erntereichen Alter. Es! gibt wohl kein Buch in denr 467 fDrervrertelhnndert seiner Schriften, in das nicht Kindheitserinne- Hingen verwoben sind, über den, nicht der Stern des Vaterhauses steht, das er stets so heilig gehalten als Wiege seines Dichtens, als urquell seiner Kraft. Von jedem Pccher, Kohlenbrenner und alten Weiblein hat das Mm-Peterl aus seinen Hirtenzügen, bei seinen Schneider-Wanderungen Geschichten erlausckt und sie in einem treuen Gedächtnis bewahrt. Eine echte „stoansteirische" Anekdote nach alter Bauernart zu erzählen, das ist Keim und Anfang seiner ganzen Tichtlünst gewesen. Dieser reich aufgespeicherte, im engsten Zusammenleben mit der Heimat stets wieder erneute Schatz aus dem Kindheitsparadies hat Rosegger tausendfältige Frucht getragen. Seine Anregungen stammen nicht aus Büchern; mag auch manches bei ihm an die Kalendergeschichte, wie er sic zuerst in I. N. Bogels Kalendern kennen lernte, anderes, vor allem die sorgsame Naturschildcrung der „Schriften des Wald- fchnlmeisters", an seinen Liebling Stifter gemahnen — letzten Endes ist bei ihm doch alles selbst erlebt, erwandert, „erfahren" auf dem „Pegasus Dampfbahn"; denn wie viele seiner Geschichten spielen im Eiscnbahnkripec! Bon solch' scharfem Blick der Beobachtung, der ganz persönlichen unmittelbaren Wärme rührt zum guten Teil das Urwüchsige, Kraftvolle seines Stils her. Etwas Primitives, Hinterwäldlerisches liegt in der Kühnheit und Naivität seiner Phantasie, in der Vorurteilslosigkeit und gesunden Robustheit seines Gefühls. Trotz der ausgebreiteten Bildung, die er sich in dem langen „Weltleben" erworben, hat Rosegger doch stets auf dem von der Kultur noch unberührten Boden des Waldbauernbuben gestanden, ist nicht beschwert von der Bürde einer alten Tradition, die die Kinder der Stadt und einer seit Geschlechtern empfangenen Zivilisation zu tragen haben. Daher die knorrige Absonderlichkeit mancher seiner Ideen, die Freiheit und Originalität seines Empfindens, die herbe Frische seiner Darstellung, die mit gutem Grunde an die kecke Nngebundenheik der Luther-Zeit und an den Holzschnitt-Stil des Hans Sachs denken lässt. Bauer ist er geblieben in dem tiefreligiösen Urgrund seines Wesens, in seiner unbefangenen Lust aur „Sinnieren" Und Philosophieren, in seinem schalkhaften Huntvr, in der gesunden Nüchternheit seines Instinktes und seiner stets praktisch zugreifenden Tatkraft. In diesem scheinbar so glücklich und harmonisch entfalteten Leben gab es eine schwere Krise, eine entscheidende Epoche, die über den Wert seines Schaffens entschied nnd seiner Persönlichkeit wie seinem Werk den Stempel ausgeprägt hat. Tas war, als der Dorssck neidergesell des Meisters Nah „entdeckt" wurde, als der interessante „Natur- und Volksdichter" in den verführerischen „Wcltwirbel" gezogen ward. Wie mußte der Waldsohn, den die Sehnsucht nach „dcnr Höheren", nach Stadt und Kultur von früh an in, Fesseln geschlagen, geblendet werden, als er, mehr als 20jährig, so jäh mitten hinein gestellt wurde in die ihm so fremde Sphäre! Daß er nicht verblendet wurde, mag ihn gewaltige innere, Kämpfe gekostet haben, von denen auch er, der so gerne von seinen Schicksalen erzählt, nie völlig den Schleier fortgezogen. Alle die anderen Lobredncr der Scholle, Verehrer des Banerntnms, von Rousseau bis Tolstoi, von Gotthelf und Auerbach bis zu Sohnrey, sic kamen aus der Stadt aufs Land, von der Kultur zur Natur. Rosegger allein ging den umgekehrten Weg, der unendlich viel schwerer ist, und daß er ihn aufrecht und siegreich gegangen, ohne die Heimatideale zu verleugnen nnd aufzugeben, das ist sein größter Ruhmestitel. Tie guten Geister, die ihn dabei geleiteten, waren das Heimweh des Älplers, das ihn selbst aus den Ruinen von Pompeji plötzlich forttrieb zü den Heumatten und dem Feldrain seines Äaldlandes, waren die Pietät gegen die geliebten Menschen und die Sitten der Kindheit, waren die Frömmigkeit eines reinen Herzens, Wie tief ihn aber dieser Gegensatz gepackt, wie dieser Konflikt, den er inr Innersten durchlebt, zum Angelpunkt seines Lebensgesühils Wrirde, des ist sein ganzes Dichten und Denken Zeuge. Der Wald ist das Heiligtum von Roseggers Poesie. Wie Vst bildet er den Rahmen seiner Geschichten! Bald idyllisch und schützend, wie in den „Schriften des Waldschulmeisters", wo er die Geburt einer ganzen sittlichen Gemeinschaft mit seinem tiefen Frieden behütet, oder grausig-gewaltig wie im „Gottsucher", wo er den Untergang eines entgötterten Geschlechts mit ansieht, oder gar finster drohend, wie in „Jakob dem Letzten", wo er dem Bauern sein Gut verschlingt. „Baum und Bauer gehören zusammen; stirbt der Baum, so stirbt der Bauer", heißt es in der Geschichte vom Lerchrinner in den prächtigen „Sonderlingen aus den Mpen". Und ebenso wie am Wald hängt er an der Scholle, die des Bauern „Tausender" ist, der nicht zerreißen noch ver- ibrennen kann. „Jakob der Letzte" ist das Hohelied dieser Liebe zum Acker, wie „Erdsegen" den Städter schildert, der inneren Frieden und wahres Glück im Bauerntum findet. Den Fluch aber bringt in dieses Paradies die Kultur, wie es „das ewige Licht" darstellt: Die Großstadt dringt in den Wald, die Habgier vernichtet den Glauben derer, die „das Weltgift getrunken haben". Wessen Seele aber vom Weltgift zerfressen, der ist unrettbar verloren; auch die ländliche Natur kann ihn nicht heilen, wie der tragische Untergang des Fabrikäntensohnes in „Weltgift" erweisen soll. „Die Menschheit steht nirgends so fest gegründet, als im Bauerntum, und dieses nirgends so tief als in den Bergen", sagt Rosegger im „Erdsegen". Und mit der Klage um den Unter» Saug dieses besten Menschentums eint sich der Jammer um den Verfall der Religion, dieses ewigen Granits, auf den alles Gute gebaut rst. Priester wollte der Kluppenegger-Petcr werden, und er ms nur nicht geworden, weil der Bischof am 28. Oktober 1858, als er ihm fürs soeminar vorgestellt werden sollte, auf der Weinlese rn Unterstcrer war. Vom Geistlichen aber hat er etwas behalten, „EMt „Bergpredigten" in 'die Welt geschickt nnd mit dem L . ?öenglockp geläutet. ■ Mit dem persönlichen Schicksal des Priesters hat er sich zuerst beschäftigt, hat wohl auch die Schwächen der Bolksrelrgion bekämpft, aber sein Glaube gestaltete sich ihm dann immer tiefer und freier nnd tritt als Grundproblem neben die soziale Frage. Tas Kind war einst „den Kaiser Joseph suchen" gegangen. und sand ihn nur im Grabe; der reife Mann nahm in ferne Weltanschauung als erster Ocsterreicher viel von der Toleranz uud dem edlen Idealismus des Josefinischen Zeitalters auf. E „Mein Himmelreich" hat er seine Religion bekannt, und es ist die eines Dichters, der seinem Heiland am Wegrain begegnet, in „unserer lieben Frau" „die zweite Mutter" verehrt, den Kranz von Festen nnd Heiligen als schönsten Schmuck des Jahres liebt und mir den Teufel, den „Wauwau", aus unserer Zeit austreiben möchte. Ein Dichter, das ist Rosegger nun einmal in erster Linie, obgleich er als „Mein Ehrgeiz" das Motto über sein Leben gesetzt: „Ein großer Dichter traun, Tas hört sich süß und feilt; Doch höher ist mein Stolz; Ein großer Mensch zu fein." Echt dichterisch sein Philosophieren, fein Reformieren; echt dichterisch ferne volkstümlichen Arbeiten, die eilt so reiches Material aus dem Volksleben der Steiermark in farbigen Bildern und Studien zusammentragen. Mag er predigen oder schelten, mag er plaudern vder belehren, stets wird er erzählen, denn Erzähler ist er mit Leib und Seele, eine epische Begabung vom reinsten Gehalt. Wohl, findet er als Lyriker frische und anmutige Töne, besonders im Dialekt, in dem er sich am ungezwungensten bewegt. Aber wie verblaßt alles, gegen die Verse eines wirklich großen Lyrikers gehalten, wie es der stammcsverwandte Stelzhamer war! Auch seine hochdeutsche Lyrik, erst jüngst als „Mein Lied" in einer trefflichen Auswahl gesammelt, spiegelt mehr den herrlichen Menschen, als den bedeutenden Poeten. Das einzige Drama, das er, abgesehen von ein paar Gelegenheitsstücken, geschrieben, das Volks- schauspicl „Am Tage des Gerichts", zeigt kein dramatisches, Wohl aber ein handfestes theatralisches Talent, nnd es ist ein Beweis für die weise Selbstzucht dieses nie durch den schönen Schein Bersührtcn, daß er nach dem starken Erfolg des Stückes für immer der Theaterwelt entsagte. Gottfried Keller, der sonst auf die poetischen Produkte seiner Seit meist nicht gut zu sprechen war, hat sich an den kleineren .Geschichten des „Petri Kettenfeierle" geradezu delektiert. Halb anekdotische Skizzen, erzählt Baechtold, wie „Ein Pfeiflein zur 'rechten Zeit", „Ums Vaterwort", „Wie ich mit der Theresel ausging", waren für ihn von allererstem Rang. Mit feinem gewohnten Scharfblick scheint uns der Schweizer Meister in diesem Urteil die Größe Roseggers fein erkannt zu haben. Sie beruht auf den einfachen Geschichten, die gleichsam die Zellen seines Werkes darstcllen, und nur bisweilen schließen sich diese Zellen zu einem umfassenden künstlerischen Organismus zusammen. Unübertrefflich und einzigartig ist cs, wie Rosegger ein Erlebnis berichtet, eine Anekdote mit sorgfältig zugespitzter Pointe vorträgt, eine Episode schildert ober eine Gestalt hinstellt, mag er das in geschlossener Novellenform tun oder in autobiographischer Darstellung oder im Plauderton seines Aeimgarten-Tage- buchs. Köstlich ist der trockene Humor dieses „Schalkes aus den Bergen", wundervoll seine unendlich reiche, stets das Charakteristische erfassende Beobachtung, das Schlagende seiner Vergleiche, das Lebendige seines Dialogs. Eine große Kunst liegt in seinen Naturschilderungen, eine feine Einfühlung in feinem Verhältnis zu den Tieren, die schon der Hirtenbub in ihren „Individualitäten" studiert, in seiner Kinderphilosophlie, deren warme Tiefe so rein aus dem Sammelbuch von den Meinen strahlt. Eine erstaunliche Fülle von Meisterwerken hat er in seinen zahlreichen Novellenbänden geboten, in denen der reifste und unvergängliche Teil seines Schaffens liegt. Andererseits tritt schon hier manchmal ein Hang zum plauderhaften Abschweifen, zN allzu persönlichem Mitreden hervor. Das mag in seinen Bekenntnisschriften und Feuilletons am Platze sein; die Form seiner größeren Werke schädigt es, obgleich er meistens sich mit der Tagebuchform hilft, die ihm Raum für seinen Bekcnntnisdrang gewährt. Bei allen seinen Romanen merkt man, daß sie aus einer Zelle gekeimt sind, und diese Urgeschichte läßt sich meistens Nachweisen. Oft ist sie besser als das große Buch; so übertreffen die köstlichen biblischen Geschichten im Dialekt aus einem feiner Erstlinge („Tannenharz und Fichtennadeln") Weit das.blasse, matte, ganz verunglückte Leben Jesu „I. N. R. I." Auch die Vorstudie zu „Erdsegen" in „Allerhand Leute" ist besser als dieser höchst unwahrscheinliche Roman. Andere Bücher, wie „Haide- peters Gabriel", die historische Erzählung „Peter Mayr", „Weltgift" fallen in einzelne, z. T. prächtige Episoden auseinander. Vollendet aber sind ihm drei große Werke gelungen: „Jakob der Letzte", die Tragödie des modernen Bauern, die man etwa mit dem „Büttnersbauer" von Potenz vcrgleicheir muß, um ihre ganze Schönheit zu verstehen, der grandiose „Gottsucher", in dem er über sich und sein Land hinaus in ewige Regionen, erwächst, und das tiefsinnige '„Ewige Lieht", dieser Hochgesang der Men- 468 schenliebe Tiefe Trilogie Mammen mit den besten Erzählungen wird das „Gepäck" bilden, mit dein Peter Rosegger in die Unsterblichkeit wandert. , Millionen, die in Klammen ausgehen. Zwei Milliarden Mark — diese Riesensumme bezahlen die Amerikaner alljährlich als Strafe für.den Lerchtsmn, mit dem sie brennende Streichhölzer und Feuerwerkskorper behandeln und für ihre leichtsinnige Art zu bauen: das ist die Behauptung, die Robert I. Lawrence im „New Nork American ausstcllt, und die amtlichen Zahlen, die er zuni Beweise hierfür ansuhrt, zeigen, dast die Bereinigten Staaten von Nordamerika wirtlich allen anderen Völkern in Bezug auf den Brandschaden weit voraus find. Tiefe 2 Milliarden enthalten dabei noch nicht den Verlust bet Waldbränden, sondern beziehen sich bloß auf Schadenfeuer in Gebäuden, außerdem aber sind die jährlichen Ausgaben für Bcr- sicherungen darin einbegriffen. Ganz verloren jmb freilich dieie 2 Milliarden nicht, denn tatsächlich iuitö ,a die Feuerwehr davon unterhalten, es werden Schutzvortehrungeu gegen Brande eingerichtet und ein Teil dieses Kapitals arbeitet im Vcrpcherung^- betriebe; dieser Aufwand für das Feuer entsprlcht^edoch nach Lawrence einem Kapital von beinahe 40 Msllrarden wollars, das sich mit 5 Prozent verzinst. Auf die Bevölkerung der Union verteilt, bedeutet das, daß jeder Einwohner 107 Dollars, al,o 430 Mark zu 5 Prozent verzinst allein für den Feuerschaden in Bereitschaft halten muß, und für >ede Fannlie (zu o »opstst angenommen fbedeutet dies entsprechend ein Kapital von o-jo -ol- ^^Tie .Hauptmenge des Riesenbrandschadens der Vereinigten Staaten kommt auf wirklich verbrannte Gebäude: 1911 beifpielv- weise verbrannten für 236 Millionen Dollars Hauser, und der Rest des Brandschadens kommt auf Möbel, Waren u,w. Daß alljährlich bei Feuern 2000 Amerikaner umkommeu und 10 000 verletzt werden, sei nur nebenbei erwähnt. Im ganzen und lau in den Bereinigten Staaten 165 250 Gebäude niedergebrannst Was das bedeuten will, zeigt Lawrence im Bilde: mau konnte aus diesen Gebäuden eine Straße von New York nach san Franzisko aufiühre«! Besonders lehrreich ist der Vergleich der amerikanrichcn Brände mit europäischen. Lawrence stellte da amerrkanstche Staote mit europäischen zusammen, die immer annähernd die gleich Etn- wohnerschast haben. Für London, das zwilchen 7 und 8 Acu- lioneii Einwohner hat, findet sich freilich in der Union keine Stadt zum Vergleich. London hat nach Lawrence einen durch- schnittlichen Brandschaden von 5,1 Millionen Dollars, auf den Kopf der Bevölkerung also 1,55 Mark. Bei der größten Stadt der neuen Welt, New York, die nur 4 bis 5 MUlwuen Einwohner hat, ist der ganze Brandschaden 8mal so groß, nämlich 42 Millionen Mark, so daß auf den Kopf der Bevölkerung annähernd 9 Mark kommen. In Paris beträgt der Brandichaven lahrlich 4,7 Millionen, 1,56 Mark auf jeden Einwohner. Für Berlin gibt Lawrence die Zahl 1,2 Millionen, oder 56 Pfennige auf den Einwohner, für das etwas kleinere Philadephia dagegen 10 Millionen, und 7 Mark auf jeden Einwohner. Ebenw |oll ,eder Dresdner jährlich mit 50 Pfennigen am Feuerschaden beteiligt sein, während jeder Einwohner von Boston, das nach der Einwohnerzahl Dresden etwas übertrifft, 20 Mark, al,o 40mal ,o viel bezahlen muß! Ties ist überhaupt die grösste Brandlchaden- quvte, die der Amerikaner in seiner Statistik aiiführt. Warum nun die Amerikaner den Europäern in Bezug auf Brandschaden so weit vorausstehen, sagt Lawrence seinen Landsleuten mit einer erfreulichen Offenheit: „Wir unterscheiden uns von den Europäern in der Solidität des Charakters, und uiiser Charakter spiegelt sich in unserer Bauweise wieder!" An anderer Stelle führt Lawrence diesen Gedanken ungefähr mit den Worten aus: Wenn Fachleute eine Art des Bauens ausfindig machen sollten, die besonders feuergefährlich ist, so könuten sie sich die Mühe sparen und brauchten nur eine von den vielen! Großstädten der Union herauszugreifen, bei denen offenbar der Untergang des Eigentums die letzte Absicht war. Worin die Feuergefährlichkeit der amerikanischen Bauwerke besteht, i|t schon Afters^ ausgeführt worden: die Amerikaner bauen so hoch, daß die Feuerwehr weder mit Leitern, noch mit Wasserstrahlen Brände in den oberen Geschossen erreichen kann, sie stapeln feuergefährliche Tinge unmittelbar neben Gasleitungen auf, bauen zwar zehn Zoll starke Zementböden, die dem Feuer Widerstand keiften sollen, legen dafür aber die Fenster so an, daß sich das Feuer keine bessere Ventilation wünschen kann und verschließen die Fenster außerdem mit dem dünnsten Glas, das zu beschaffen ist. Ihr vielgepriesener Zemenkbau, der oft als feuersicher hingestellt, wird, ist freilich nicht brennbar, aber unter der vereinigten Wirkung von Wasser und Hitze fällt er zu Krümeln auseinander. Strohwitwe und Strohwitwer. Wir stehen jetzt im Zeichen des Strohwitwertums. Reiselust und Erholungsbedürfnis haben ja in der Ferienzeit Tausende und Abertausende^ von Ehepaaren getrennt. Tie zu Hause geblieben sind, tragen die zeitfveilige Witwerschast, von seltenen Ausnahmen äbgesehcn, mit wundersamer Fassung, ja, gar oft mit heimlicher Freude, indem sie meinen, daß es manchmal auch gut sei, allein! zu sein. Wozu auch trauern, da man weiß, daß nach wenigen Wochen das Widersehen sicher erfolgt! Darum haben auch die Benennungen „Strohwitwe" und „Strohwitwer" einen heiteren Klang. Wer die Worte geprägt hat, das ist heute nicht mehr zu, ermitteln. Sein Name ist verschollen wie der der größten Erfinder. Sprachforscher konnten nur feststellen, daß die „Strohwitwe" zuerst am Anfang des achtzehnten Jahrhunderts auftaucht, so 1715 bei Amaranthes als scherzhafte Bezeichnung und 1744 in Zedlers Universallexikou, worin bemerkt wird: „Strohwittben heißt man aus Scherz in etlichen Orten diejenigen Weiber/ deren Männer verreiset oder abwesend seyu." Auch der „Strohwitwer" erscheint um jene Zeit, lieber die Bedeutung des Wortes hat man viel herumgestritten. Am nächsten liegt es dabei wohl, an den „Strohmann" zu denken. Er ist kein echter Manu, sondern nur eine Scheinperson, gehaltlos wie das Stroh, aus dem man die Körner gedroschen. Strohwitwe bedeutet demnach soviel wie Scheinwitwe. Mit dieser Erklärung geben sich aber nicht alle zufrieden. Früher kannte man „Strohbräute". Sie wurden so Benannt, weil ihnen bei der Trauung der grüne Kranz versagt wurde, und weil sie mit einem Strohkranz oder < mit Strohzöpfen vor den Traualtar treten mußten. Andererseits nannte man häufig ein gefallenes Mädchen spöttisch Graswitwe, und so meinen einige Sprachforscher, daß nach der Analogie dieser Spottnamen auch „Strohwitwe" gebildet fvurdc, und das Wort ursprünglich eine unschöne Bedeutung hatte. Es ist gewiß schon vorgekommen, daß Spitzwörter ihre Bedeutung im Laufe der Zeiten geändert haben, daß aus einem harmlosen Wort ein Schmähwort wurde und umgekehrt. Aber zum Trost der vielen „Strohwitwen" von heute muß hervorgehoben werden, daß trotz des eifrigsten Suchens in älteren Schriften seine Stelle ermittelt wurde, in der das Wort „Strohwitwe" eine üble Nebenbedeutung hätte. Ein harmloser Sinn lag ihm gewiß von Anfang an zu Grunde, und so kam es, daß es die allgemeinste .Verbreitung fand und in wenigen Jahren das 200jährige Jubiläum seiner Einführung in die Schriftsprache wird feiern können. vermischte». * Ihre Fräulein Tochter oder Ihr Fräulein Tochter? Der Zweifel entsteht überall da, wo zwei Wörter verschiedenen Geschlechtes mit einem Beiworte verbunden sind. Manche behaupten, das Beiwort müsse sich nach dem zunächst stehenden Wort richten; dann wäre zu sagen: „Ihr Fräulein Tochter". Andere sagen, das letzte Wort enthalte die Hauptsache, und darum inüsse dieses den Ausschlag geben, also: „Ihre Fräulein Tochter". Ganz denkgerecht ist beides nicht, wenigstens nicht di- Begründung; denn daß ein Wort an erster oder zweiter Stelle, Bent Beiworte näher oder ferner steht, ist ein äußeres Unterscheidungsmerkmal, das für eine sinngemäße, also innerlich begründete Sprrchfügung nicht in Betracht kommt. Und doch enthält die Begründung für die zweite Ansicht den Kern der Wahrheit und des Richtigen. Innerlich begründet ist die Beziehung des Beiwortes nur dann, ivenn sie auf den wichtigsten, den Hanvt- begriff geht; nur daß das nicht in jedem Falle das ztveite Wort ist. Wohl ist dies so bei „Fräulein Tochter"; denn ivenn ich mich bei jemand erklutdige, so frage ich nicht nach seinem „Fräulein", sondern nach seiner „Tochter", „Fräulein" ist bloß als Höflichkeits- sormcl eingeschoben und hat daher weder Kraft noch Berechtigung, die granunatische Fügung zu beeiiiflusseit. Niemand aber ivürde es wohl je einjallen, „'Dient Tante Gretchen" zu sagen. Diese Verwandte ist meine „Taute", nicht mein „Gretchen". Ter Name ist hier nur hinzngesügt zu näherer Kennzeichnung, gleichsam als Be- stimmungswort zu dem Grundworte „Tante". Wo aber Bestimmungswort und Grundwort eine Zusammensetzung ergeben, gilt für diese Zusammensetzung das Geschlecht des Grundivortes, zum Beispiel, „die Tür" Z- „das Schloß": „das Türschloß". Es heißt also in jenem Falle: „Ihre Fräulein Tochter" und in dem anderen „Meine Tante Gretchen". * Immer dasselbe. Der Anbeter: „Sag es mir, Liebste, hast bu nur mich allein lieb?" „Ach, es ist unerträglich, alch stellen sie dieselbe Frage." Versteckrätsel. Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind, wie die Silbe „an" in „Wanderer". Eisbahn — Fahnenweihe — Mohammed — Erdbeeren — Weinkanne — Regenmantel — Vergißmeinnicht - Schweißtropfen — Wanderbursche — Geburtstagsgeschenk. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Arithmogriphs in voriger Nummer: Bel) — Abba — Banne — Farne — Arad — Harfe — lind — Erbe — kiahe; Radfahre n. Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag her Brühl'schen Ninversitäts-Buch- und Stemdruck-rei, R. Lange, Gceßen.