Montüg, den 29. september »ZU & ^htcfruc. j M A W L ■ Gsuernblut. No man von Gerhart v. A m h n t o r (Dagobert v. Gerhardt). (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Die Unterhaltung des Juweliers Lampert mit Herrn Just wurde durch den Eintritt eines Kunden unterbrochen. Es war ein großer, vornehm anssehender Herr int mittleren Lebensalter; er hatte ein scharf geschnittenes Gesicht, lebhafte, streng blickende Augen, an den Schläfen schon leicht ergrautes Haar, auf der Oberlippe und am Kinn aber einen pechschwarzen, wohl künstlich nachgefärbten Schnurr- und Knebelbart. Ein glänzender Zylinder bedeckte ihm die Stirn; sein modischer Sommerpaletot stand offen und gestattete den Anblick eines bunten, seidenen Bändchens, das aus dem Knopfloch des schwarzen Tuchrockes hervorlugte; die dunklen, feingestreiften, tadellos sitzenden Beinkleider fielen auf ein Paar glänzende spitze Lackstiefel hinab, die bei jedem Tritte leise knarrten. Im seidenen Schlips steckte ihm als Nadel ein goldener Scarabäus, dessen Kopf und Flügeldecken aus schimmernden Edelsteinen gebildet waren. Das Auffälligste an diesem sehr sorgfältig gekleideten Herrn war aber, daß e4 den rechten Arm seines Paletots nicht angezogen hatte; die rechte Hälfte dieses Kleidungsstückes war vielmehr nur über die Schulter gehangen, und man konnte sehen, daß der nur mit dem Rocke bekleidete rechte Arm in einer Schlinge ruhte, die aus einem breit angeordneten schwarzseidenen Knüpftuche gebildet war. „Sie haben Brillautringe?" fragte der Fremde mit nicht gerade unhöflichem Klange der Stimme, aber doch so kurz und gemessen, wie ein Mann, der durch stets beanspruchte und ihm auch unweigerlich gewährte Aufmerksamkeit der Bedienung ein wenig verwöhnt ist. „Sehr wohl, mein Herr," versetzte der Goldschmied, der sich sofort von Friedrich Just abwendete und sich dienstbeflissen dem Fremden widmete. „Ich will einer jungen Dame einen solchen schenken; zeigen sie mir, bitte, keine zu großen Exemplare." „Hier, mein Herr. Diese Ringe dürften von passender Weite sein. Ich habe deren auch noch mit zwei, drei und mehr Brillanten." Herr Lampert hatte einen Glaskasten dem Kunden hingeschoben und den Deckel geöffnet. Er kannte die Anzahl der Ringe in diesem Kasten — ein Juwelier muß immer Vorsicht tig sein >—; er sagte daher nur: „Treffen Sie gefälligst Ihre Auswahl, mein Herr," und wandte sich dann wieder zu Friedrich Just zurück, welchem er zuraunte: „Treten Sie dort in mein Kontor, Herr Just; Sie finden dort ein Adreßbuch, aus dem Sie sich die Wohnungen der beiden älteren Tellscheü Söhne ausschreiben können; aber vergessen Sie nicht, sie? heißen Dechner, Adolf und Peter Mehner; jener ist Instrumentenmacher, dieser vorläufig noch Maurerpolier. Dort aufs dem Schreibpult — Sie werden schon finden." Er schob ihn in das durch eine Glastür vom Laden getrennte halbhelle Hinterstübchen und kehrte wieder zu dem Ladentische zurück. „Was kostet dieser Ring?" fragte der Fremde, der seine Auswahl getroffen hatte und nist einen einfachen Goldreif mit einem prächtig funkelnden Solitär hindeutete. „Dieser hier? Es ist ein sehr schöner Stein von reinstem! Wasser — 560 Mark — fester Preis." Ohne ein Wort zu erwidern, zog der Kunde mit seinen Linken etwas unbeholfen ein Ledertäschchen hervor, entnahm demselben sechs Einhundertmarkscheine und legte sie auf den Ladentisch. Herr Lampert strich dann die sechs Papierscheine ein und gab darauf zwei Zwanzigmarkstücke mit einer neuen Verbeugung heraus. Der Fremde ließ die beiden Goldstücke achtlos in die Tasche seines Beinkleides gleiten, nickte mit dem Kopfe und wandte sich wieder zum Gehen. Schon in der Nähe -der Tür blieb er hinter der inneren Glasscheibe des Schaufensters noch einmal stehen, wies auf ein in demselben ausgelegteA Perlenhalsband und fragte, wohl überrascht durch die Schönheit des Schmuckstückes: „Was kostet dieses Halsband?" „Viertausend Mark, mein Herr." Der Juwelier öffnete das Jnnenfenster, langte nach dem Halsb-ande und übex- reichte es dem Fremder: zur Ansicht. „Es ist nicht teuer; die Perlen sind sämtlich bläulich und von seltener Regelmäßigkeit — sehen Sie nur diesen wundervollen Glanz!" ^Jn der Tat, dieser Schmuck gefällt mir; das lväre ein passendes Hochzeitsgeschenk für meine zukünftige Schwiegertochter. Nannten Sie den äußersten Preis?" „Den äußersten, mein Herr; ich schlage grundsätzlich nie vor; Sie werden bei Wilhelm Lampert nur mit der strengt sten Reellität bedient." „Nun gut, ich kaufe diese Perlen. Aber ich bin auf diesen größeren Einkauf nicht vorbereitet und muß mir die erforderliche Sunime erst aus dem Gasthof holen lassen, in dem ich mit meiner Fran abgestiegen bin." „Wie es Ihnen beliebt. Wenn Sie befehlen, sende ich Jhnen das Halsband zu." „Danke; ich will Sie nicht in Sorge und Ungewißheit versetzen. Sie kennen mich nicht und es kommen bei derartigen Einkäufen leider allerlei Unredlichkeiten vor; das einfachste ist, ich schicke meinen Diener, der draußen wartet, nach dem Gasthausc, der kann mir das Geld sofort holen." Der Fremde, der das Halsband Herrn Lampert zurückgegeben hatte, schritt an die Ladentür, öffnete sie ein wenig und machte „Pst! pst!" Auf dieses Zeichen trat ein junger Mensch in einfacher Livree über die Schwelle, zog den Hut und wartete in ehrerbietiger Haltnng auf die Befehle seines Herrn. „Fritz," sagte der Fremde, „ich werde dir einen Zettel geben, den bringst du der gnädigen Frau nach dem Kaifer- hofe." Er hatte, während er so sprach, ein ledernes Täschchen gezogen, durchblätterte den Papierinhalt, um die ihm seh- 606 lende Summe festzustellen, und fuhr fort: ,,Dte gnädige Frau foirb dir 3600 Mark für mich einhändigen; mit denen wmmst du so schnell wie möglich wieder hierher zurück. Verliere das Geld nicht! Und eile dich! Du kannst dir eine Droschke nehmen." „Zu Befehl, Herr Baron!" erwiderte der Diener in strammer militärischer Haltung. Der Fremde ivandte sich jetzt an Herrn Lampert, und auf ein Stehpult hinter dem,Ladentische deutend, das mit Tinte, Papier und Federn versehen war, fragte er kurz: „Sie gestatten doch?" „Ich bitte gehorsamst, Herr Baron," versetzte der Juwelier; er hatte durch die Worte des Dieners erfahren, daß der Fremde ein Baron war und gab ihm nun auch seinerseits diese Anrede; „es steht alles zu Ihren Diensten, Herr Baron." Der Fremde begab sich an das Pult, legte mit der Linken einen Briefbogen zurecht, lachte dann aber verdrießlich auf und kehrte sich wieder nach Herrn Lampert um. „Ich vergaß ganz, daß es mir unmöglich ist, mit der Linken zu schreiben; ich habe mir neulich drei Finger der Rechten an einer meiner Dreschmaschinen verletzt. Doch dem ist leicht abzuhelfen — gewiß haben Sie die Güte, nach meinem Diktat ein paar Morte zu schreiben." „Mit dem größten Vergnügen, Herr Baron; bitte, ganz Über mich zu verfügen." Schon stand Herr Lampert am Pult, tauchte die Feder ein und wartete auf das, was er niederschreiben sollte. „Liebe Frau," begann der Baron zu diktieren, „übergib dem Ueberbringer dieses sofort 3500 Mark von dem Gelbe, das du für mich verwahrst; ich kann zufällig sehr Wne Perlen kaufen. Besten Gruß von Deinem Wilhelm." — „So, haben Sie es? — Schön, das genügt vollkommen." Der Baron nahm den Zettel, den Lampert geschrieben und mit einem Löschblatt getrocknet hatte, durchflog seinen Inhalt, faltete ihn zusaminen und gab ihn dem Diener. „Hier, aber schnell, daß ich nicht zu lange warten muß!" Der Diener entfernte sich mit eiligen Schritten. Sein Herr hatte die schwere goldene Taschenuhr gezogen, um sich' die Zeit des Abganges des Boten zu merken; jetzt langte er eine kostbare Schildpattasche hervor, entnahm ihr eine Zigarette und fragte höflich: „Sie gestatten, daß ich rauche?" „Bitte sehr, Herr Baron; hier ist Feuer und hier ein Aschenbecher." Während dieses Vorganges im Laden saß Friedrich Just im Kontor und suchte in dem umfangreichen Wohnungsanzeiger die Namen der beiden Brüder Dechner. Aber während er las und das endlich Gefundene in sein Notizbuch eintrug, hörte er unwillkürlich mit seinem scharfen Ohr die Unterhaltung der beiden im Laden befindlichen Herren. Plötzlich hielt er im Schreiben inne, wandte sein Antlitz der Glastür zu und lauschte gespannt auf jede Silbe, die nebenan gewechselt wurde. Er legte die Feder aus das mit grünem Tuch überzogene Pult, stand geräuschlos auf, schlich an die Tür und lugte durch die Scheibe derselben nach dem Freniden. Da es im Kontor ziemlich dunkel war, so konnte man den Späher aus dem vom Sonnenlicht erhellten Laden durch die überdies teilweise matt geschliffene Scheibe unmöglich sehen. Mit vorgestrecktem Kopfe und angehaltenem Atem, die Augen starr auf beit Fremden gerichtet, stand er und überlegte, wo er diese Gestalt schon einmal gesehen, diese Stimme schon einmal gehört hatte. Eben war der Diener des Barons mit dem Zettel aus dem Laden geeilt, als über Friedrich Justs Antlitz ein Ausdruck flog, den man als Schreck, oder auch als freudige Genugtuung über das endlich in der Erinnerung Aufgetauchte hätte deuten können. Ohne sich erst lange zu besinnen, eilte der entschlossene Mann auf den Zehenspitzen zu der zweiten Tür des Kontors, die' unmittelbar nach dem Flur führte, öffnete sie geräuschlos und verschwand unbemerkt durch dieselbe. Auf der Straße sah er noch den Diener, der vorläufig keine Droschke gefunden hatte unb zu Fuß die Richtung nach der Hornstraße einschlug. Vor dem Nachbarhause des Juweliers rollte in diesem Augenblick eine Droschke erster Klasse heran, aus der eine Dame ausstieg, die den Kutschen entlohnte. Friedrich Just stürzte auf den freigewordenen Wagen zu und sagte dem Führer desselben: „Wenn Sie mich so schnell wie möglich nach der Hornstraße 200 fahren, erhalten Sie einen Taler Trinkgeld." Der Kutscher schmunzelte. „Das wollen wir schon machen. Man schnell 'rin, Herr!" Nach zehn Minuten hielt das verschnaufende Pferd vor dem bezeichneten Hause und Friedrich Just flog, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppen bis zum zweiten Stockwerk empor. „Wilhelm Lampert" stand auf dem blanken Messingschild neben dem Knopf der elektrischen Klingel eingraviert. Gott sei Dank! Er hatte das Ziel richtig gefunden und war dem Diener mit denr Zettel hoffentlich zuvorgekommen. Er drückte auf den Knopf und sagte zu dem Mädchen, das die Korridortür geöffnet hatte: „Ist Frau Lampert allein? Sehr gut! Dann melden Sie ihr, daß ein Abgesandter ihres Mannes sie in einer dringenben Sache zu sprechen hat." Die würdige Dame, die bald darauf den ungestümen Besucher in ihrem geschmackvoll eingerichteten Salon empfing, war von kleiner, zur Fettleibigkeit hinneigender Gestalt. Aus ihrem glatten, vollen und blühenden Angesicht funkelten zwei lebhafte freundliche Augen den Kömmling erwartungsvoll an; doch ehe sie noch fragen konnte, um was es sich handle und was ihr „lieber Mann" denn von ihr wolle, stieß Just, noch halb atemlos, hervor: „Sic haben noch keinen Zettel Yon Herrn Lampert erhalten?" „Nein, mein Herr, es ist niemand hier gewesen." „Das freut mich, Fran Lampert; so bin ich gerade noch zu rechter Zeit gekommen." „Mein Gott! Sie erschrecken mich. Was ist denn vorgefallen? Doch kein Unglück?" „Beruhigen Sie sich, verehrte Frau; Ihr Gemahl ist frisch und munter. Aber vielleicht bin ich in der Lage, ihn vor einem empfindlichen Verlust zu bewahren — das heißt, ich kann mich auch irren und meine Kombination kann falsch sein. Wenn ich mich aber nicht irre, dann dürfte hier sehr bald ein Diener mit einem schriftlichen Auftrage Ihres Gatten erscheinen, um eine größere Geldsumme von Ihnen abzuholen. Hören Sie? Da klingelt es schon! Das wird er sein! Geben Sie dem Boten keinen Pfennig, ich warne Sie! Es handelt sich um einen raffinierten Betrug. Ich werde Ihnen nachher alles auseinandersetzen." „Ein Diener möchte Sie gern sprechen, Frau Lampert," meldete das jetzt eintretende Dienstmädchen. „Was soll ich ihm denn aber sagen?" flüsterte die.Gold- schmiedsfrau dem Warner zu. „Suchen Sie ihn hinzuhalten. Ich werde inzwischen über die Hintertreppe zur Polizei gehen —" „Um Gottes willen! Verlassen Sie mich jetzt nicht! Ich mag mit dem schrecklichen Menschen nicht allein bleiben," erklärte die an allen Gliedern Bebende, indem sie Friedrich Just ängstlich am Arme festhielt. „Wie Sie wünschen", flüsterte Just zurück; „ich bleibe hier, es ist nur schabe, daß der Vogel entwischen soll." „Ich werde ihm sagen, daß ich eben im Begriffe sei, in das Geschäft meines Mannes zu gehen, und daß ich daher das Geld selber überbringen werde," entschied Frau Lampert, der es in diesem kritischen Augenblicke nur darauf ankam, den unheimlichen Boten auf gute Art loszuwerden. „Sehr gut, bitte aber bleiben Sie fest, lassen Sie sich nicht etwa umstimnten." Fran Lampert stand schon in der geöffneten Korridortür und hielt den Zettel in der Hand, den ihr der Livree-, bediente übergeben hatte. Sie prüfte die Schrift — kein Zweifel, es war die ihres Mannes. Nachdem sie gelesen hatte, sagte sie ebenso freundlich wie bestimmt: „Ich komme gleich selbst in den Laden und werde das Gewünschte mitbringen." „Herr Lampert hat mir aber eingeschärft," wandte der Diener höflich ein, „daß ich nicht ohne das Geld zurückkehreu darf; er schien es sehr eilig zu haben; es weilt ein Fremder bei ihm, mit dem er wohl ein Geschäft abschließen will." „Also ist der sogenannte Baron ein Schwindler und Sie sind feilt Helfershelfer!" tonte die scharfe, hohe Stimme Friedrich Justs, der hinter Frau Lampert in den dunklen Korridor getreten und dort für das Auge des draußen stehenden Boten unerkennbar geblieben war. Die Wirkung dieser Worte war die von Just erwartete. Der überraschte Diener prallte einen Schritt zurück, dann, ohne sich zu besinnen, machte er Kehrt nnd jagte bie Treppe in wildem Laufe hinab, als ob die Hölle hinter ihm her wäre! „Ha, ha, ha!" lachte ihm Just höhnisch nach, „um ehr« liche Leute zu begaunern, müßt Ihr es schlauer ansangen,^ Man hörte hoch die Tritte des unten durch den Haus- 607 |(ur nach der Straße flüchtenden Schwindlers, dann wurde es still im Hanse. „Nun lassen Sie uns, verehrte Frau Lampert, wieder hineingehen," sagte Just, dem die Genugtuung über sein erfolgreiches Dazwischentreten die Wangen tiefer gerötet hatte, „ich muß Ihnen doch noch berichten, wie das alles znsammen- hängt." Und er kehrte mit der dicken Dame in deren Empfangszimmer zurück. Im Laden des Herrn Wilhelm Lampert war inzwischen der Herr Baron, seine Zigarette rauchend, unruhig auf und ab gegangen. Von Zeit zu Zeit hatte er nach seiner Uhr gesehen. Als eine bestimmte Frist vergangen war und der Diener sich noch nicht blicken ließ, nahm er seinen Hut zur Hand und sagte zum Juwelier: „Meine Frau ist vielleicht schon ausgegangen und mein Diener wartet nun auf ihre Rückkehr. Es ist besser, wenn ich mich persönlich nach dem Gasthofe begebe." „Darf ich aber nicht gleich das Halsband mitsenden, Herr Baron?" fragte der dienstbeflissene Juwelier. „Ich danke Ihnen sehr. Ich komme im Laufe des Tages noch einmal wieder und mache unser kleines Geschäft perfekt." „Es wird mir eine Ehre sein, Herr Baron; ich lege die Perlen sofort für Sie zurück." Herr Lampert begleitete den Fremden, der es plötzlich lehr eilig zu haben schien, unter wiederholten Verbeugungen bis zur Ladentür, deren Klinke er erfaßte, um dem Scheidenden die Mühe des Schließens zu ersparen. Er sah, wie der vornehme Herr in der Richtung nach dem Kaiserhofe um die nächste Straßenecke bog. (Fortsetzung folgt.) was Merlau in der Mnzosenzett erlebte. Bon E r n st S i e b c ck, Pfarrer. Wer sich mit den Ereignissen vor hundert Jahren in der Absicht beschäftigt, die Erinnerung daran in einem kleinen Kreise zu wecken und für die Gegenwart fruchtbar zu machen, der möchte gern die damaligen Geschehnisse und Erlebnisse in eben diesem Kreise kennen lernen. In bezug auf das große Ganze des" deutschen Vaterlandes kommt er bnmit nicht in Verlegenheit; ältere und neuere Werke geben nutz einen lebendigen Eindruck von dem, was die Gemüter in jeuct Zeit bcivegtc. Zum Beispiel bietet das im Verlage vdn Will). Longewiesche erschienene Buch „Die Befreiung! 3.813—1815" eine Fülle tiefer Einblicke in den Geist der Seit. Fontanes „Vor dem Sturm", Schreckenbachs „Der wilde Baron Von Krosigk" führen mit lebendiger Anschaulichkeit in die Erlebnisse der nächstbcteiligten Kreise ein. Schwieriger wird die Sache schon, wenn wir nns mit einem Gebiete zn befassen haben, das nicht selbsttätig an dem „Deutschen Sturm" teilgenommen hat sondern erst in die Bewegnng mit hineingerissen wurde, nachdem die Entscheidung schon gefallen war, wie unser Hessenland; besonders schwierig, wenn es sich um eine einzelne Gemeinde dieses Landes handelt. Haben wir für Hessen immerhin noch eine Reihe von Aufzeichnungen geschichtlicher oder biographischer Art, die uns Kenntnis geben teils von dem Gleichmut, mit dem die Zeitgenossen den Zwang der politischen Verhältnisse auf sich nahmen, teils aber auch vdn der inneren Spannung, welche ans der Anhänglichkeit ans engere Vaterland und der Begeisterung für das -größere Deutschland" entstand, so fehlen uns solche Zeugnisse aus oem inneren Leben einer kleinen Gemeinde völlig; mir wenigstens ist es' nicht gelungen, auch nur ein einziges aus meiner Gemeinde Merian zn finden. Im Gedächtnis der alten Leute haben sich freilich manche Erinnerungen an die Zeit vor 100 Jähren erhalten. Mer sie alle knüpfen sich nur an äußere Ereignisse und geben uns Kunde von der großen äußeren Not, die auf dem Lande lastete, lieber die innere Stimmung der Zeitgenossen läßt sich nichts ausmachen, wenigstens was Merlau anbetrisft. Vielleicht liegen in anderen Dörfern Urkunden oder Erinnerungen vor, welche uns einen Einblick in die Seele der Leute ermöglichen, und ihre Veröffentlichung wäre wertvoll. Die Not und die Drangsale, unter denen unsere oberhessischen Dörfer litten, treten uns besonders deutlich auch aus den schriftlichen Urkunden jener Zeit entgegen, und deshalb muß ich diese Darstellung auf die Schilderung der Äußeren Lage der Gememde Merlau beschränken. Zu diesen schriftlichen Urkunden gehören außer den Kirchenbüchern vor allem die Gemeinderechnungen aus den Jähren 1805 bis 1816. Sie enthalten eine Fülle wertvollen Stoffes zur Beantwortung der Frage, was M erlau in der Franzosen zeit erlebte. Merlau, jetzt zum Ämtsgerichtsbezirk Grünberg und zum Kreisamt Alsfeld gehörig, unterstand damals in Recht und Verwaltung dem Oberamt Grünberg. Zum Kirchspiel gehörten, wie heute noch) die Orte: Kir.schgarten, Flensungen, Ilsdorf, Stockhausen und Weickartshain. Dadurch, daß Merlau in der Nähe der großen Verkeyrsstraße Gießen—Grüüberg—Alsfeld lag, wurde das Dorf besoudcrs häufig von Truppendurchzügen und Einquartierungen heimgesucht. Dazu bot das geräumige Schloß, das im Anfang des 19. Jahrhunderts noch stand, willkommene Unterkunft für größere Truppenmengen. Vollends zogen sich die Heeresabtei- lungen in hiesiger Gegend zusammen, nachdem die genannte Straße auch als eigentliche Heerstraße ausgebaut war, wovon später noch die Rede sein wird. Aber auch fn Zeiten, wo Merlau nicht unmittelbar von den kriegerischen Ereignissen berührt wurde, hatte die Gemeinde schwere Kriegslasten zu tragen. Von Grünberg ans ergingen unaufhörlich Forderungen zur Lieferung von Geld, Proviant und Pferden, so daß die Gemeinde schließlich an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit kam. Schon die Jahre, in welchen Hessen noch nicht dem Rheinbund angehörte, sondern unter seinem Landgrafen Ludwig X. noch ein Glied des „heiligen römischen Reiches deutscher Nation" bildete, hatte es schwer unter den von und mit Frankreich geführten Kriegen zu leiden. Bis ins 2. Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts hinein mußte es Kriegsschulden aus jenen Jahren bezahlen. Diese bestanden teils aus Geldleistungen an den Staat, teils aus Nachforderungen von Geschäftsleuten, welche damals für die Gemeinde den französischen Truppen Lebensmittel geliefert hatten. — Die Zinsen für frühere Kriegskosten betrugen 1800 bis 1810 durchschnittlich jährlich 80 fl. Am 18. November 1807. Wird der Gemeinde Exekution, d. h. zwangsweise Beitreibung,- angedroht, „weil sie von den Kriegsschuldenzinsen noch teilten Kreuzer bezahlt habe, die alltäglich vorkommenden Ausgaben aber vom Oberamt ohne Geld nicht bestritten werden könnten". 1810 ergeht an Merlan dreimalige Exekution wegen rückständiger Kriegskostenzinsen. — Bäckermeister Hofmann in Grünberg sendet 1805 eine Zahlungsaufforderung für 30 Mesten Hafer, die er im Jahre 1797 für Merlan an das französische Lazarett geliefert, hatte. Erst 1809 wurden dafür 42Va fl. bezahlt. Am 13. Mai 1805 empfing die Gemeinde folgende Verfügung: „Dem Merlauer Gemeindevorstand wird hiermit zum letztenmal befehliget, dafür zu sorgen, daß bis zu Ende dieser Woche das zur Bestreitung! der Metzger- und Becker- wie auch Berichtigung der Kommisiions- kosten ausgeschriebene Quantum anherr geliefert werde, widrigenfalls man sich genötigt siehet, mit Samstägiger Post Landgräfliches Militär zur Execution und Auspfändung sich zu erbitten, wodurch es alsdann ungeheure Kosten gießt, die sich die Amtsunter- thanen aber selbsten beigemessen haben. Landgräfl. Hess. Oberamt. gez. v. Schmalkälder." Vom 9. Dezember 1805 findet sich bann auch eine Quittung über 166 ft. 433,4 Kr., „welche zur Bestrei- tung derer Becker- und Metzgersorderimgen von 1798 bezahlt worden sind". Selbst noch 1813 erhielt Johannes Müller in Merlan aus der Gemeindekasse für Wein, welcher 1796/97 bei einer französischen Einquartierung verbraucht worden war, 38V" fl. Aber auch die Gemeinde stellte bis 1811 Ersatzansprüche wegen „von den Franzosen in 1797 genommenem Vieh", — scheinbar ohne Erfolg. Die Kriege des zum Kaiser erhobenen Napoleon fugten zu diesen alten Lasten eine Menge neuer hinzu. Der 3. Koalitionskrieg 1805 brachte Merlau französische Einquartierung, an welche Frucht, Heu, Stroh, Hufeisen und Schmiedearbeiten zu liefern waren. Zur Bagage des Füsilierbataillons wurde ein Karren von Grünberg nach Berstadt gestellt. Eine auf den 14. Oktober ausgeschriebene Kontribution wurde „wegen des französischen Lärmens" erst am 19. Oktober bezahlt; ob man wohl sür die Sicherheit des Geldboten fürchtete, oder bei der unsicheren politischen Lage im Zweifel war, wem das Land eigentlich gehöre, dem Landgrafen oder dem französischen Kaiser? Der Umschwung der politischen Verhältnisse, die Auflösung des römischen Reiches deutscher Nation und die Gründung des Rheinbundes, dem Hessen beitrat, wurde bet Gemeinde unter anderem auch dadurch bekannt, daß am 21. August 1806 der Schultheiß aufs Oberami befohlen wurde, „um den großen Tüttel mit anzuhören, daß unser gnädigster Herr Landgraf zu einem Großherzog gnädigst erhoben wurde". Die neue politische Lage brachte der Mmeinde keine Erleichterung, im Gegenteil, die Aufwendungen für französische Truppen mehrten sich. Für die Offiziere der von Mitte März bis Ende September 1806 in Grünberg liegenden Einquartierung wurden sogenannte „Tafelgelber" erhoben, die in hohen Beträgen und in rascher Folge, innerhalb 24 Stunden vom Zeitpunkt der Anforderung an, abzu- liefern waren. Merlau zahlte zehn Mal 24 12 Kr. am 18. März, 8. und 20. April, 9. und 27. Mai, 18. Juni, 4. und 14.Juli, 2. und 4. August, dann dreimal 48 sl. 24 Kr. am 23. Anglist, 13. September und 4. Oktober, im ganzen 387 sl. 12 Kr. Fm Dorfe selbst lag des Capitain Ullmers Kompagnie, welcher Der Schultheiß Reitz 4 Mesten Gerste für ihre Pferde liefern mußte und bei bereit Abzug am 29. September er auf dem Oberamt Befehle wegen Nachlieferung von Brot und Fleisch nach Friedberg erhielt. Für Fuhren von Kanonen und Bagage nach Lanbach, Gießen, Friedberg und Langen, sowie für einen Transport französischer Invaliden von Gießen nach. Marburg mußte die Gemeinde an die 50 fl. aufbringen. Alles in allem mögen die Kriegskosten in diesem Jähre 600 . sl. betragen haben. Um diese Zeit wurde auch der Abbruch des Schlosses erwogen und wohl auch vollzogen. Nur der Teil des Schlosses, in dem der Gottesdienst c;e- tzalten wurde, blieb stehen und mußte von der Gemeinde „im Dach erhalten" werden. Die Merlauer Kirche war wegen Baufälligkeit unbrauchbar, und der.Gottesdienst fand deswegen schon 608 Spanien. Merlau. (Schluß folgt.) deswegen vorläufig Zitatenrätsel. Aus jedem der folgenden Zitate ist ein Wort zu nehmen, sodaß sich ein neues Zitat ergibt: L Wer Allen Alles traut, beut kann man wenig trauen. 2. Das ist des Landes nicht der Brattch. 3. Ich gebe nichts verloren, beim die Toten. 4. Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, Der täglich sie erobern muß. 5. Lust und Liebe sind die Fittiche zu großen Taten. 6. Was ist das Leben, wenn die Ehre fehlt! 7. Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken, Was nicht die Vorwelt schon gedacht. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Charade in voriger Nummer: G a st Hof. Wirkung der erregenden Umschläge haben wir uns folgendermaßen zu denken. Wenn das seuehlkalte Tuch die warme Haut berührt, L«wlgt durch den Kältereiz zunächst eine Zusammenziehung der Hautblntgefaße und bannt ein Znrüekebben des Blutes nach dem Korpermnern. Dieser Zustand dauert indes nur ganz kurze Zeit: dann folgt die Abwehrbewegung (Reaktion) des Körpers gegen den Kalteemdruck: die Hautblntgesäße erweitern sich und auf die an- Ebbe folgt nun eine mächtige Flut arteriellen Blutes nach der Haut. Diese Blutflut verursacht eine Wärmestauung unter der wollenen Halle; aber indem das Wasser durch die Hülle hindurch langsam verdunstet, sinkt die Temperatur wieder. Aus diesem Wechsel von Abkühlung, Blutzufuhr, Erwärmung, Verdunstung usw. veruht,bte ständige erregende Wirkung lange liegender feuchter Umschläge. Tie geschilderten günstigen Wirkungen feuchtkalter Packnngen werben aber durch Einfügung eines undurchlässigen ^topes — Guttaperchapapier, Billrothbatist, Oelpapier usw. — . aufgehoben. Was ist hinsichtlich der Prießnilz-Nmschläge zu beachten? Jede Packung (Umschlag) besteht aus einer feuchten Einlage nnb einer trockenen Umhüllung. Die Einlage kommt direkt an die Haut. Als Einlage benützt man Rohseide oder grobe ge» vranchte üoasche von entsprechender Größe: Tafchentücher, Ser» Ule"en, Handtücher, Laken risw. Als Hüllen werden Flanell, i'-n rCI1; Sucher oder Teile von solchen verwendet. Einlage «Aff» m- r° fcillen, daß sie für die betreffende Person s- n A®r!c Zulage muß man gründlich auswinden, sonst wirb ote Umhüllung durchfeuchtet und damit das Eintreteii der Reaktion verzögert. Die Hülle überragt die Einlage so weit, daß alles gilt bedeckt wird und die kalte Luft nirgends zutreten kann. Jeuchtkalte Packungen onrfen nie ans kalte Körperteile kommen und niemals gemacht werden, wenn und so lange man fröstelt. In solchem Falle muß sich der Kranke erst durch Kruken, durch ein heißes Fußbad, ein kurzes Dampf- oder Lichtbad usw. erwärmen. Wird jemand in der Packung nicht bald behaglich warm, so liegt sie entweber nicht fest genug an, oder die Hülle ist zu dünn, oder der Körper reagiert nicht genügend auf den Kältereiz. Dann muß man Den Fehler verbessern oder die Packung vorläufig entfernen. Beim Avnehmen von erregenden Packimgen werben die bedeckt gewesenen Stellen kühl überwascheii. * Er will sich verbessern. „Nun, Johnny," sagt die Dame zu ihrem kleinen Besuch, „ich wünsche, du fühlst dich ganznvle zu Hause." „Na, das wünsche ich ganz und gar nicht," lagt ^ohnny abwehrend, „ich wünsche mich wohl zu fühlen." tzprachecke der Allgemeine» Deutschen Sprachverein;. * Spottnamen. Aus manchen Spottnamen sind Familien» namen hervorgegangen. Solche sind z. B.: Langbein, Hübnerbein, Panscback, Pimvel (— Schwächling), Unbehauen (= ungehobelt, Hopfensack (= Grobsack, weil der Hopsen in Säcke von ganz grober Leinwand gesteckt wurde), Schlöntilch (^ Schlegelmilch d.h. Buttermilch, als Lieblingsspeise des Benannten), Bratengeiger (— Bicr- ftedler, der um den Braten geigt), Wtßkott und Simmergott (^ weiß Gott I und so wahr mir Golt Helse! von Ausrnseii. die die Ahnherren stets im Munde führten), Musschenhöst (ndd — Spahenkops), Dörwand (von einem, der mit dem Kopf durch die Wand will.) Hierher gehören namentlich zahlreiche Salznamen wie Hassenpslug (— hasse den Pflug, von einem Bauern, der des Pfluges überdrüssig geworben ist), Schlagintweit (= schlag ins ■üseite), Bitdendüwel (— beiß ben Teufel, von einem Menschen, der Nch vor bein Gottseibeiuns nicht fürchtet), Hebenstreit (= erhebe ben streit, von einem Rauflustigen), Schneidewin (= durchschneide ben Wind, von einem Landstreicher), Suchemvirt, Jinbekeller, Schlnckelner, etorteheker (— stürz den Becher) u. ä. (von unmäßigen Trmkern), Renmschnssel (— räume die Schüssel; von einem tüchtigen Esser), Flengimtanz (von einem flotten Tänzer) usw Brele dieser Rainen tragen noch dentlich das Gepräge der ivilben Zeit des Faustrechts nnb der Lanbsknechtskümpfe an sich, die sie hervorgebracht Ont. So heißen bei Hugo von Trim berg (um 1300) Schnapphahne Nimmervoll, Schindengast (Gast ™ Fremdling). Leer-eil-beutel, Füll-en-Sack. I,n m e (Essen). seit längerer Zeit int Schlosse statt. Zur Erbauung einer neuen Kirche, die freilich erst 1857 eingeweiht wurde, begann die Gemeinde Merlau mit dem eingepsarrten Kirschgarten einen 'Kirchbaufonds zu sammeln. Im Jahre der völligen Demütigung Preußens nach seinem Zusammenbruch bei Jena und Auerstüdt, also im Jahre 1807, fallt der große Bedarf der Franzosen an Pferden auf. Falls die Gemeinden die geforderte Anzahl nicht selbst besaßen — in Merlau hat es damals nicht viele gegeben — mußten sie sich die Pferde von auswärts besorgen. Merlau verakkordierte die Vermischtes» ' M o d e r n e L y r i k z u r B e s ch w ö r u n g von Zahn- schmerzen. Im Dorfe Ostrowki war eines Abends — so wird in einer russischen Zeitung erzählt - die Lehrerin der Eparchial- schu e mit dem Lesen von modernen lyrischen Gedichten beschäftigt die so laut deklamierte, daß man es bis in die Küche hörte. Von' dort aus lauschte eine alte Bäuerin, die Aufwärterin, die an heftigem Zahnschmerz litt, dem seltsamen Wortgefüge moderner russischer Lyrik. Die hervorgestoßenen geheimnisvoll klingenden eluzelnen Worte klangen der alten Fran wie Beschwörungsformeln und sie war bald davon überzeugt, baß die Lehrerin, ber sie kurt' Avor ihr Leid geklagt hatte, auf diese Weise ihr Zahnweh „be- schwöre". Zum größten Erstaunen kam die Alte bald darauf ins Z,mm« gestürzt und dankte ihr unter Tranen für die gelungene Kur: das Zahnweh war vergangen. So sehr auch die Lehrerin protestierte, ließ sich die Bäuerin von ihrem Glauben nicht ab- brtngen: „Es hat geholfen, liebes Fräulein, es hat geholfen ! Mein ganzes Leben lang werde ich für Sie beten!" rief' die alte Frau und „bald wußte es das ganze Dori, über welch wirksame Be- schworungskunste bte Lehrerin verfügte. — Seitdem hat diese keinen Tag : immer wieder erscheinen bei ihr die Weiber des - chnen versuchen 2e6revm an' fie mö3e die Heilkraft an ., cr Prieß n ii; - Umschlag wirb vielfach int Volke a igewenbet, ohne baß man weiß, woher er stammt. Die Bezeichnung „Pt leßnitz-Umfchlag" rührt da her, weit Prießnitz (ber Be- bii1e ° volkstümlichen Naturheilkunde) der erste war, bphprft» t untr ‘ronEe Körperteile legte und mit Wollstoff bebecfte. Dr. Schönenberger gibt im „Naturarit" Anleitung wie unb wann man ben Umschlag anwenbet. Er warnt vor allem °r fehlerhafter Anwenbimg der Umschläge. Die physiologische meisten ihm zufaltenden Pferdelieferungen an einen Heinrich Stein in Beuern, der ein Fuhrgeschäft betrieben zu haben scheint. Zuweilen mußten Ortsbürger noch in der Nacht nach Beuern ziehen, um Pferde zu bestellen. Die Gänge wurden von der Gemeinde bezahlt. 1807 entfielen auf Merlau einmal 10, ein anderes Mal 15 angeschirrte Pferde für Fahrten nach Gießen und Friedberg. Dafür unb für andere Fuhrleistungen, z. B. einen Transport französischer Verwundeter, hatte die Gemeinde in diesem Jähre 117 fl. zu bezahlen. Dazu kamen auch noch in den folgenden Jähren, das Montierungs- und Exerziergeld für die hessischen Truppen und die Kosten für „Gießener Festnngsholz", zusammen etwa 200 fl. Kriegskosten. Die folgenden 2 Jahre stellten keine so hohen Anforderungen an die Gemeinde. Bei einer Einquartierung lag eine französische Wache im Schulhause, welcher das Holz gestellt werden mußte. Der Schultheiß Reitz erhielt 4 fl. für Getränke, welche die Soldaten gefordert hatten. Derselbe brachte eines Tages dem Johann Georg Rudolf einen Franzosen, damit er ihn beherberge und beköstige. Der Soldat erhielt abends: Suppe, Sauerkraut, Fleisch Und ein Maß Bier, des Morgens Brot, Butter, Käse unb Branntwein. —■ Die Kriegskosten ließen in dieser Zeit wohl nach, weil in Deutschland durch ben Pariser Vertrag Ruhe eingetreten war unb Napoleons Kriegskräfte in und anderwärts in Anspruch genommen wurden. Der spanische Feldzug forderte auch ein Opfer aus dem Kirchspiel Merlau. Nach Ausweis des Kirchenbuches starb am 9. Januar 1811 in Cordova in Spanien unter .ben Soldaten Johann Georg Dörr ans Ilsdorf. In Voraussicht künftiger Kriege ließ Napoleon in Deutschland die großen Militärstraßen bauen, welche heute noch Hauptverkehrsstraßen sind. Auf Merlau entfiel im Jahre 1809 em Teil der Straße Gießen—Grünberg bei Göbelnrod am Qucck- oörner Waldkopf. Cs verakkordierte die Arbeiten an den Schultheiß Wilhelm in Göbelnrod für 68 fl. Die Kosten wurden in der @e= meinbc dort ausgeschlagen, daß zu bezahlen waren: auf den Mann 24 Albus, auf ein Paar Ochsen 24 Albus, auf ein Pferd 13 Albus auf ein Paar Kühe 10 Albus 4 Heller. 1810 wurde gleichfalls im Straßendistrikt Reiskirchen—Grünberg gebaut, 1811 außerdem noch am Eisenhammer (Hessenbrücker Hammer) bei Münster, also an ber sogenannten „Hohen Straße" Grünberg—Hungen. Jahre 1810 stiegen die Kriegs kosten wieder auf etwa 340 fl. Häufig waren wieder Pferde zu stellen und Fuhren zu leisten (nach Gießen, Friedberg und Marburg). Ein blessierter Soldat aus Schotten erhielt aus der Gemeindekassc eilte Unterstützung von 4 Kr. K. Neurath. Rotationsdruck unb Verlag ber Brühl'fcben Universitäts-Buch- unb Steindruckerei, R. Lauge, Gießen»