MU LLLL $8811 WM firntnrauld). Roman von Paul Grabern- Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Wohl Waren aber diese Gefahren dem Toni bewußt ihtb schwer rangen daher in ihm die Empfindungen, wahrend! er, sorgsam jeden Tritt Gottliebes überwachend, mit ihr vom Grat des steilen Tabarettakamms durch die Felsen- risse zum Gletscher hinabkletterte. War es nicht eigentlich doch ein „unverantwortlicher Leichtsinn" — wie es der Stadler vorhin genannt hatte —, haß er diesen Nachtaufstieg mit einer Anfängerin unternahm ? Doch nein! Er kannte Ja hier jeden Schritt und Tritt. Und sollte sie ja straucheln, sein Seil war gut, und er hielt sie mit eiserner Hand; er hätte sie allein aus hundert Meter tiefer Eisspalte heraufgezogen — er hätte für sie Riesenkräfte gehabt. Er fühlte es, wie sich schon bloß bei dem Gedanken jede Muskel an ihm stählern straffte! i— Mer ein anderes quälte ihn viel mehr. Wem: der Stadler es nun wirklich in seinem gerechten Zorn über ihn fertig brachte und ihn wegen dieser „Gewissenlosigkeit" dem Sektioiisvorstand anzeigte und ihm vielleicht das Führerpatent entzogen wurde? Der Stadler hatte ja vorhin diese Drohung als letzten Trumpf ausgespielt, um ihn abzuhalten von dem Vorhaben. Dem Späng- ler pochte unruhig das Herz. Was dann? Wenn ihn diese Schmach träfe, wenn seiner Familie so der Ernährer genommen würde! Der Angstschweiß trat dem Toni auf die Stirn bei diesem Gedanken. War er nicht ein furchtbar leichtsinniger Mensch, ein erbärmlich schlechter Sohn, daß er seiner alten, schwergeprüften Mutter das vielleicht antun konnte? Wie mit eisernen Klammern schnürte es ihm die Brust zusammen, und eine dunkle, furchtbare Augst packte ihn, ein Gefühl, als gleite ihm der Boden unter den Füßen weg, er müsse ins Uferlose versinken. Wenn er doch lieber standhaft geblieben wäre, sich nicht durch ihre Bitten, ihren Zorn hätte erweichen lassen? Aber da traf sein Blick ihre schlanke Gestalt, wie sie da vor ihm gerade sich schmiegsam von einem Felsen schwang Und nun leuchtenden Auges, froh ihrer Jugendkraft, zu ihm auflächelte, ahnungslos, welche Zweifel ihn zerrissen. Vor diesem hellen Aufstrahlen stoben alsbald die düsteren Gedanken davon. Nein, nein! Er konnte nicht anders! Er wollte nicht anders! Und wenn es Leben und Seligkeit galt, ihr folgte er — bis ans Ende der Welt! Dann gingen sie auf dem Gletscher; nach WeniigeM Minuten standen sie vor einer ziemlich steilen Eis wand, die es 'schräg hinauf zu traversieren galt. Nun trat der Spängler en die Spitze, und es galt, die vielfach ausgebrochenen oder geschmolzenen Stufen mit dem Pickel auszubessern. Sausend fuhr die Hacke unter seinen Hieben nieder, daß, die Eis- splitter nur so spritzten. „Mein Gott, Toni, Sie hauen ja drauf los, als wollten Sie den ganzen Ortler einschlagen," scherzte sie. Und es wav so ähnlich. Er meinte die lodernde, quälende Glut in ihm fo ausrasen zu können. „Ich wünscht', ich könnt's!" gab er zurück, ohne innezuhalten. „Und ich meine, 's wär' Ihnen ganz recht. Nacher könnt' wenigstens all das andere Volk da hinter uns lümnter mehr 'nauf." „Großartig!" lachte sie hell auf. „Wie ©ie sich in meine Gedanken eingelebt haben! Wir passen wirklich famos zusammen, Toni. Unsertwegen braucht's auf den Bergen keinen Menschen weiter zu geben — gelt?" „Ueberhaupt nit aus der ganzen Welt!" Und ein ganz besonders sausender Streich fuhr hernieder. „Sie sind ja wahrhaftig noch ein größerer Menschenfreund als ich, Toni," staunte sie scherzend. „Den Zug hab' ja früher gar nicht an Ihnen bemerkt. Na, ein paar Leute wollen wir lieber doch noch leben lassen, meinen Sie nicht?" In einer halben Stunde waren sie oben auf der Wand'; nun ging es in der Eisrinne des unteren Ortlergletschers aufwärts. „Fetzt heißt's aufpassen," meinte ernster Werdend dtzr Toni, „'s gibt hier Spalten! Daß Wir im Neuschnee nit fehltreten." Wohl trug sie der während der letzten Regentage Ijier frisch gefallene und an der Oberfläche gefrorene Schnee: aber an den Schneebrücken der großen Spalten und sonst vielfach war Vorsicht geboten. „Hier!" Er hatte richtig die Stelle gefunden. „Bitt' schön, nun ganz genau in meinen Fußstapfen gehen und immer nach rechts treten!" Neugierig schaute Gottliebe vor sich hin auf den bläulich flimmernden Schnee. Eine feine, kaum wahrnehmbare Rille, einen Fuß breit von ihrer Linken, zog sich da vor ihr über den Schnee hin. Sie hätte von selbst gar nicht darauf geachtet. Wer allmählich ward sie Weiter, und plötzlich ging sie in einen klaffenden Riß über, eine dunkle Eisspalte gähnte sie an. v „ Ein leiser Schauder flog doch Gottliebe an, als fie jetzt dicht am Rande des verderbendrohenden Schlunds dahinschritt, gehorsam Fuß um Fuß in Tonis Fußstapfen setzendt Und doch packte sie das prickelndbange Verlangen, einmal da einen Blick hinunter zu tun. Sie sagte es ihm. Da trat er schweigend zu ihr, nahm ihre Hand fest in ferne Linke, und nun beugte sie sich Weit vor. Hellblau glitzernd stieg die gewaltige Eiswand zur Tiefe hinab, dann verlor sie sich im nachlschwarzen Schatten. , Gottliebe bückte sich — sie fühlte, Wie Toms Hand sie fester umklammerte und er ganz dicht hinter sie trat — und nahm einen Klumpen hartgefrorenen Neuschnees auf; den ließ sie in den gähnenden Schlund hiitabfallen. Dann hielt sie den Atem an; einmal, zweimal schlug der Klumpen 462 auf, dann ein dumpfer Fall aus der Tiefe. Er wär auf dem Grund der Spalte angekommen. Eine furchtbare Vorstellung schoß dabei in Gottliebe auf. Der Unglückliche, der dort hinabstürzte und nun halb zerschmettert in der grausigen Tiefe in Frostschauern lag — lebendig begraben! Ein Schwindel packte sie, und unwillkürlich krallte sich ihre Hand in Tonis Rechte, während sie den Oberleib zurückwarf, daß er seine Brust berührte. Es durchfuhr ihn wie ein elektrischer Schlag; aber die Zähne zusammen- beißend, stand er unbeweglich, ihr Halt gewährend — ein Augenblick, unbeschreiblich süß und doch qualvoll für ihn. Nun hatte sie den kleinen Anfall wieder überwunden. „Gut, daß Sie bei mir standen!" sagte sie, sich anf- richtend und ihn loslasfend. Nun erst merkte sie, daß seine Rechte eiskalt und feucht war. „Ist Ihnen nicht wohl, Toni?" fragte sie teil- nehmend. „Sie sind so kalt? Sie haben sich gewiß, neulich! 'toa[8 geholt beim Edelweißpflücken!" * „Ah, uit gar!" lachte der Spängler kurz auf, indem er sich schon wieder zum Weitergehen gewendet hatte. „Ich bin halt a bissel übernächtig."' Sie stiegen weiter, und das Plaudern verstummte, denn der Weg erforderte ihre Aufmerksamkeit. Wiederholt mußten sie Spalten auf fußbreiter Schneebrücke überschreiten oder mit Leitern durchklettern, dann sich wieder an einer Glet-- scherwarid im Zickzack auf Stufen hinaufarbeiten. So kamen sie endlich auf die Höhe des oberen Ortlergletschers. Eine Weile ging es hart am vereisten Grat entlang; der Blick S“"t zur Linken Tausende von Fuß tief hinab ins Suldeu- , wo im bläulich schimmernden Mondlicht schemenhaft die Hauf er erkenntlich waren. Wie ein Traunr schön war dies stille, einsame Wandern auf ragender Firnhöhe; wenn das hoch nie ein Ende nehmen möchte! Dann Namen sie endlich hinauf auf's untere Ortler- plateau; zwei Stunden waren verstrichen. Die gute Hälfte, wie der Spängler sagte. In allmählicher, aber steter Steigung ging es nun gerade das Gletscherseld hinauf, gefahrlos, aber lein wenig anstrengend aus der glatten Schneedecke. Gottliebe ward warm. „Einen Augenblick!" bat sie den vor ihr steigenden Tour. >,Ich will nur meine Jacke ausziehen." Und um es tun zu können, legte sie, sich bückend, ihren Bergstock auf den Schnee. IM selben Augenblick aber begann der Stock auch schon zu rutschen und wäre abgefahren, wäre her Spängler nicht schnell dazugesprungen und! hätte ihn noch beim Ende gepackt. Auch Gvttliebe hatte sich im gleichen Moment mit einem Keinen Aufschrei nach dem Stock gebückt, und so fuhren sie Heide mit den Köpfen zusammen, so dicht, daß Tonis .Bärtchen ihre Wange streifte. Lachend richtete sich Gvttliebe auf. „Nun hätten Sie bM «einen Kuß abgekriegt, Toni," scherzte sie übermütig. „Zum Lohn, daß Sie mir den Ausreißer da' so fix fest- genommen haben." Sie war so sicher im Gefühl ihrer vertrauten Bergkameradschaft mit dem Toni, daß sie sich nichts Arges bei den scherzenden Worten dächte. Sich gleich die Jacke aus- zieheud, sah sie nun auch sein Erbleichen nicht. «Er stieß mit einem scharfen Ruck die Spitze des Stockes ins «Eis. „So «— der reißt so bald nit toterer aus!" sagte er, «ohne nach ihr hinzusehen, fast grimmig. Ihr im gleichen Ton zu antworten, war ihm nicht mö glich mit seinen zitternden Lippen. Sie reichte ihm das Jäckchen hinüber, nun nur noch im kurzen Bergrock und weiß-wollener Golfblufe. „Da, bitte, Toni —। .kriegen Sie's noch in den Rucksack?" „Ganz «gewiß," versicherte er und« schnallte den Sack ab, chn aufschnürend. Im Augenblick, als er ihre Jacke Nahm, UM fte hineinzutun, schlug ihm daraus Parfüm, halb der zarte, süße Hauch ihres jungen Leibes. Die Vor- stellnüg, er habe da ein Stück von ihr in seinen Händen, thm anvertraut, ward so übergewaltig in ihm, daß seine großen Hände das Kleidungsstück mit zitternder Zärtlichkeit umfingen. Ein unbesiegbares Verlangen brannte in ihm äuf. Einen schnellen, heimlichen Blick warf er auf Gvttlrebe — sie stand gerade ihm abgewaicht und steckte sich den Lodenhut fester —, da riß er plötzlich das Jäckchen an ferne Lippen, und geschlossenen «Maes seinen Duft ein-» saugend, preßte er einen glühenden Kuß darauf. Wie er dann wieder aufblickte und« nach ihr hinspähte ■ sie stand zum «Glück rroch immer wie vorher — war ihm zumute, als, habe er eben ein Verbrechen begangen. Schnell kniete «er nieder, um den RUcksack packen zu können und barg die Jacke darin. „So,'—• nun kann's weiter gehen." Sich umwendend, schaute sie auf ihn herab«. Er wagte es nicht, ihrem Blich zu begegnen. Ein glühendes Rot der Scham war ihm ins Gesicht geschossen, und mit zitternden Händen schnallte er an dem Rucksack herum, um Zeit zum SichsaMmeln zu ge-i Winnen. „Sie kommen Wohl nicht damit zustande, Toni? Soll ich Ihnen helfen?" „Danke — tut nit not; es geht fchon!" Gewaltsam zwäng er fein wild pochendes Herz zur Ruhe. Ihren Bergstock aus dem Eis reißend — mit Gewalt, sv fest hatte ihn der Spängler vorhin dort hineingetrieben «—। schaute Gottliebe noch einmal zu Tal. Weit draußen, über den letzten Wellenlinien der Berge in verschwimmeuder Ferne, begann gerade der fahle Morgenschein heraufzuziehen, allmählich das Mondlicht znm Verblassen bringend«. „Es wird Tag." Gottliebe sprach es und ließ den Blick rückwärts schweifen, den Weg entlang, den sie gekommen waren. Da sah sie plötzlich unterhalb der letzten Eiswänd über den Gletscher menschliche Gestalten gleiten —■ zwei, vier! „Da kommen schon die ersten Partien!" Der Spängler schaute scharf hin. „'s ist der Platzer und der Th«öni ans Trafoi mit den beiden Herren, die gestern noch so spät aus die Hütt'n kommen sind." „Die müssen ja aber förmlich raufgerannt sein," ärgerte sich Gvttliebe. „Als wir ausbrachen, waren sie doch noch nirgends zu sehen! — Kommen Sie, Toni, daß die uns womöglich nicht noch Überholen." In schnellerem Tempo stiegen sie aufwärts auf der sich langhinstreckenden Gletscherebene. Immer näher kamen sie ihrem Ziel; nun überwanden sie auch noch den letzten Hang und waren jetzt auf dem oberen Plateau, auf das die Ortler- spitze aufgesetzt ist. Eine kleine halbe Stunde noch, nut) sie waren ans dem Gipfel. Das Bewußtsein, so nahe am Ziel zu sein, verdoppelte Gottliebes Kräfte. Sie trieb den Spängler zu immer schnellerem Tempo an. Der Alpinistenehrgeiz hatte auch sie gepackt: vier Stauden galten als die Normalzeit für die Besteigung von der Payerhütte aus; sie konnte es, wenn sie so weiterging, als Anfängerin mit drei Stunden machen/ obenein noch zur Nachtzeit — das mußte sie durchsetzen! Während sie so eilig weiterstiegen, ward der Himmel immer blasser, und der Mondschein wich ganz« dem fahlen Zwielicht des frühsten Morgens. Ein kühler Hauch strich ihnen «entgegen, aber sie achteten nicht darauf, erwärmt von der raschen Bewegung. Und endlich waren sie am Gipfel. In wenigen Minuten — zum letztenmal hieß es, Stufen sch«lagen — erklommen sie die letzte Steigung, und nun standen sie an dem schmalen, aber nur wenige Schritte langen Grat, der hinüber zur Spitze führt. Gvttliebe ergriff Tonis Hand, aber es hätte dessen nicht bedurft; in einem hochgesteigerten, fiebernden Gefühl des« großen Gelingens ging sie selbstverständlich sicher in ihrem Siegesbewußtsein über den fußbreiten Eissteg hin, zu dessen beiden Seiten sich der steile Berghäng in schwindelnde Tiefen stürzte. So, nun noch ein halbes Dutzend Schritte weiter vor-» wärts ans dem schmalen, länglichen Plateau, uud nun blieb der Spängler stehen, seinen Pickel einstoßend: AM Ziele! (Fortsetzung folgt.! Unter der Reichspoftflagge. Uugenblicksbilder von einem Ostasiendampser. Von Dr. Kurt Basch Witz (Hamburg). II. (Schluß). Es liegt eine feierliche Dämpfung über dem Treiben de« Munteren Gesellschaft, die oas Promenadendeck belebt. Aus dem leuchtenden Blau des sonnenbeglänzten Meeres scheint eine freundlich stille Traumstimmung aufzusteigen. Da taucht eine Neuig- rert auf. Sie zieht ihre Kreise von einer der plaudernden Mutz- 463 tet zur andern. An murmelnder Unruhe greift eine freudige .Erregung um sich. Was ist geschehen? Denken Sie nur einmal an, der kleine Horst hat heute lausen gelernt! ist ja gewiß richtig, daß die übrige Welt von diesem erschütternden Ereignis auch nicht int entferntesten so stark berührt wurde, wie wir auf dem Reichspvstdampfer. Aber man betontmt eoen auf diesen Schiffen einen ganz besonderen Ein- bltck ttt dte Dtnge. lieber welche gleichgiltigen Sachen erregte man sich doch tm alten Europa, während Horst, der Held im Kinderkleidchen, von einem staunenden Ring erwachsener Bewunderer umgeben unb behütet, über die sonnenwarmen Planken des Sonnendecks auf seine glückstrahlende junge Mutter zutappte. O, wir waren durchaus unterrichtet über das, was man in Berlin, London und Parts int Augenblick für das wichtigste hielt. Heutzutage strahlen die Gedanken, die die Massen bewegen, als elektrische Energie durch den Aether, „Herr Drahtlos", unser Bord- ielegraphtst, stülpt sich die das Hörrohr haltende Spange über den Kopf. Ein drehender Griff an einem Hebel. Wir sind aui die Wellen eingestellt, die von dem ragenden Mast vom Norddeich aus über Meere und Länder die wichtigsten Neuigkeiten ausstrahlen. Jeden Morgen hängt am Anschlag vor dem Speisesaal die Reihe der Nachrichten, die „Herr Drahtlos" den die Erdatmosphäre durchschwirrenden Sensationen abgelauscht hat. Aber daß in der Welt draußen etwas wichtigeres sich ereignet hätte, als daß Horst auf der Fahrt zu seinem Vater laufen lernte, das hat damals, solange wir im Hause des Schiffs lebteitz .niemand von uns gefunden. Und wirklich: es ist etwas ganz besonderes um diese jungen Mütter, die sich so selbstverständlich, als weilten sie an irgend einem Kurort, an Bord dieser Ostasiendampfer einrichteten, die ihren Kinder von dem Vater erzählen, der in Indien, China, in Japan auf sie wartet, seit damals, als seine junge Gattin in die Heimat zurückgekehrt ist. Um erst wiederzukommen, wenn der kleine Weltbürger die ersten, unter der fremden, heißen Sonne gefährdete Lebenszeit hinter sich hat. Zu dritt waren diese jungen Frauen an Bordi Sie waren alle am Wend ein wenig müde und abgespannt, wenn sie die springlebendige Jugend, die sie den ganzen Tag über in Atem gehalten hatte, in den Kabinen in ruhigem Schlummer wußten. Dann lagen sie am Promenadendeck ausruhend in den Streck- stühlen und ließen sich freundlich lächelnd ausfragen von den drei tatkräftigen jungen Damen, die sich stets zu ihnen geselltem Was hatten die nicht auch alles sich zu erkundigen und zu vergewissern! Draußen in irgend einem ostasiatischen Hafen wartete auf jede von ihnen der Verlobte. Vor dem deutschen Konsul wird die Trauung stattfinden. Und dann geht es fort vom Schiff, das doch immer noch ein Stück Heimatboden in der Fremde war, oft noch viel Tagereisen weit, bis das Haus erreicht ist, das der Verlobte draußen im fremden Lande errichtet hat. Mitunter ist es in langen Jahren schonungsloser Arbeit und treuen Harrens ein recht stattliches Haus geworden, so eine Art König- fitz für einen machtvollen Gebieter über tausende von Menschen, über weite Ländereien von der Ausdehnung deutscher Herzogtümer, das jetzt da draußen in der feucht brütenden Hitze Holländisch Indiens auf die neue weiße Herrin wartet, auf die brave Professorentochter aus .Stuttgart, die von Genua ab als vierte sich bett an Borb schon vorhandenen Bräuten zugesellte. Nicht jeder Ostasiendampfer beherbergt gleich auf einmal so viel erwartetes Familienstück. Die Unternehmungslust auf das Zukuitstvertrauen, das hier in Erscheinung tritt, wird bedingt durch geschäftliche Erfolge. Und die hängen ab vom Fließen oder Stocken in den vielfach verschlungenen Strömungen des Güteraustausches auf dem Weltmarkt. Und so zieht sich hier durch das nüchterne Gewebe der welt-wirtschaftlichen Zusammenhänge ein lebenswarmer Einschlag menschlicher Schicksale. „Das war also doch die Fortsetzung des Vortrages über die Handelsstatistik; nur in Romcmform," sagte die Frau mit lächelndem Vorwurf. .„Mau kann es auch das Thema „vom größeren Deutschland" nennen," verteidigte sich der andere, „oder sagte man vielleicht besser: von der größeren Heimat Europas?" Aber die Strafe für ihn blieb nicht aus. Man soll nicht heimtükisch wehrlose Damen über Statistik unterhalten. Denn während der junße Ingenieur sich auf diese seine Weise der Mutter des Backsischchens angenehm zu machen suchte, während dessen verjobte sich oben neben dem Turnsaal der Backfisch mit dem Kieler Privatdozenten. Diese Verlobung hatte aber nichts mit der weltwirtschaftlichen Lage zu tun. * So jeden zweiten, dritten Tag bekommt man zur anregenden Abwechselung eine andere Hafenstadt, ein neues fremdes Land vor die Türe hingestellt. „Schließen Sie ja die Fenster und die Türe Ihrer Kabine zu," Warnen die Offiziere. Ach, auf dem engen, stramm regierten Schiffsbezirk auf hoher See gibt es keine Diebstahlsgefahr, verlernt der verwöhnte Fahrgast allzu schnell Vorsicht und Mißtrauen, wie sie der Umgang mit Menschen erfordern, verlernt er fast den Gebrauch des elenden Geldes, an dessen Stelle ein hingekritzekter Vermerk auf einem Zettel das einzige Zahlungsmittel an Bord darstellt. In dem Augenblick, in dem man den Fuß auf das feste Land setzt, ist man nicht mehr Fahrgast, sondern ein ganz gewöhnlicher Sterblicher im Gewühle von Seinesgleichen. Und das tst em recht empfindlicher Unterschied. man gefrühstückt hat, hat man bereits einen großen Sack voll der landläufigen Münze und voll Ratschlägen und Dann geht es, ledig aller sonst üblichen Gepcick- Gaphofswrgeit, auf die Entdeckuttgswanderung. Und während- depen liegt unser schwimmendes Heim in ragender Massigkeit vraußen an der Hafeitmauer, stets aufnahmebereit für seine hungrigen oder ruhebedürftigen Ausflügler. An der Laufbrücke, die vom Kat herüberführt, hält der stämmige, blonde Bootsmann Wie vertraut blinkt hinter ihm der blaue Briefkasten, das Wahrzeichen der Kaiserlich deutschen Reichspost. Die Plan- ken, die wir wieder betreten, sind ein Stück Heimatboden. . dann bei hereinbrechender Dunkelheit iu irgend einem Mittelländischen Hafen, sei es nun Algier, Genua ober Neapel, bte einzelnen Trupps der Ausflügler zurückkehren und in lebhafter Unterhaltung beim Wendessen oder später in der lauen Wend- mft an Dock ihre Erfahrungen austauschen, da gibt es begeisterte Schilderungen von Landschaftsbildern, Kunstschätzen, da gibt es heiteres Gelächter bei den Erzählungen von komischen Erlebnissen. Und zaghaft erst angeschlagen, spinnt sich zum Schlüsse allgemein das Thema aus: „Bei uns in Deutschland". Ach, was ist bei uns daheim nicht alles besser, von der Post bis zur Straßenreinigung, vom Theater bis zu den Krankenhäusern. , Es sind an solchen.Tagen immer Gäste zu einem guten Glase Bier frisch vom Faß^ wie es int Rauchzimmer ausgeschenkt wird, an Bord. Irgend jemand von den Fahrgästen kennt einen Arz,t eine Lehrerin, einen Kaufmann aus der deutschen Kolonie der betreffenden Hafenstadt. Und die stimmen dann .heimwehkrank am, eifrigsten mit ein: ,Za, bei uns in Deutschland". Es hilft hier keine Beschönigung: Bis das Schiff uns nach Genua brachte, hatte es uns alle schon tzu Hurraschreiern der schlimmsten Sorte gewandelt. Ja, die radikalste Demokratin in unserer Mitte war in Neapel durch den gewalttätigen Straßeic- bettel so zermürbt an Bord zurüchgeKehrt, daß sie am liebsten „Deutschland, _ Deutschland über alles" angestimmt hätte. Am liebsten auf einem recht belebten Platz, versicherte sie. „Von der ©eefeite ist Neapel am schönsten. Bon Bord aus sicht man den Schmutz nicht," stellt der Düsseldorfer Fabrik- dierktor als Ergebnis seiner heutigen Erfahrungen fest. Er sucht vor sich selber eine Ausrede, um das Schiff nicht verlassen zu Utüssen. In der Schiffsgesellschaft hat sich eine Menderung vollzogen. Die meisten Vergnügungsreisenden find in Genua lauf den rückkehrenden Llohddampfer untgestiegen. .Dafür haben sich noch einige Passagiere nach ostasiatischen Häfen eingeschifft. Wem aber irgendwie die Zeit zu Gebote stand, der nahm am wehmütigen Abschiedsabend den Zahlmeister auf die Seite und sicherte sich seine Kabine zunächst bis Neapel. Und dann gab es noch einmal eine Galgenfrist bis Port Said. Daß dort der unvermeidliche Abschied auf uns harrte, darüber konnte sich Niemand himvegtäuschen. Denn durch den Suezkanal hindurchzufahreU, das konnte sich zum Vergnügen nur ein einziger Fahrgast leisten. Das war die Hamburger Dame, die wieder einmal ihre Schwester zum Tee besuchen wollte. Und die Schwester wohnt doch in Hongkong. Wer wenn matt Zeit hat, kann man es ja machen. Und teurer als ein gleich langer Aufenthalt in irgend einem Baderorte ist ja eine solche Schiffsreise nicht. Wo. . . < * Und bann steht nttot doch eines Tages am Kai in bent neuem Bewußtsein, daß jetzt das traute Zimmerchen, das mit uns durch die Welt fuhr, nicht mehr an der Hafenmauer auf uns wartete Born Schiff her, das mitten im Kanal liegt, grüßen winkende! Tücher zum Abschied. Wir wissen, daß im Indischen Ozean ein Schwesterschiff auf dem gleichen Reisewege in umgekehrter, nach der Heimat gewandter Richtung, unserem jetzigen Aufenthalt zn- strebt. In drei Tagen wird es fahrplanmäßig hier eintreffert. Dann wird über die niederen Holzhäuser Port Saids hinweg die Flagge des Norddeutschen Lloyd und die der deutschen Reichspost von hohen Masten uns künden, daß wieder das schwimmende Heim auf Uns 'wartet, daß alle kleinlichen, allzu menschlichen Neise- sorgen wegen Unterkunft, Verkehrsmitteln nicht mehr für Uns vorhanden sein werden. Mit ganzen Bergen voU Seidenballen und Teebündeln im Laderaum, mit heimkehrfrohen Menschen auf den Decks wird es dann auf derselben Seestraße zurückgehlen, die wir gekommen sind, durch die ganze Ausdehnung des Mittelmeeres, herum Um das westliche Europa bis in unsere sonnen- arme Heimat im Norden. Eine karge, unfreundliche Natur hat dort die Erdensöhne gezwungen, sich Au mühen. Und so haben sie notgedrungen unter dem kalten Hinimel gelernt, Kräfte zu entwickeln, die vom Norden aus ein eisernes Herrschaftsband um den Erdball schmieden. Unser schwimmendes Haus bewegt sich als lebendes Glied in solch einer Kette, die unser nordisches Nebelheim mit der Wunderwelt des fernsten Morgenlandes unlöslich verbindet, mit den uralten Märchenländern. Und eine neuzeitliche Art von Hexerei, aus bereit Banne sich aus freiem Willen niemand lösen zu können scheint, muß wohl auf diese Schiffe übergestrahlt haben. Wollte man sie einfach als vorzügliche Verkehrsmittel bezeichnen, — was sie nebenbei ja auch sind — so wäre das dasselbe, als stellte man den Geist von WodinH Zauberlampe sich in der Uniform eines 464 Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen« humoristisches. * Malice. „Was, der so nervöse Universitätsprofessor Meyer hat sich ein Telephon angeschafft?" — „Nun, er will doch wenigstens einen Hörer Haden!" königlich 'preußischen Eisenbahnschafmevs vor. Wir waren. alle der Ansicht, ein wenig nach fremden Meeren und Küsten spazrcren zri fahren. Das taten wir ja auch. Gleichseitig ging jedoch die Fahrt quer durch den kunstvollen Organismus der weltwirtschaftlichen Zusammenhänge, wirbelte uns durch einige Jahrtausende Völkergeschichte, führte mitten durch einige spannende Lebensdichtungen, niachte staimenerregende Abstecher in Unerforschte Gebiete des Seelenlebens. Und wenn man dann voll wehmütrger Reiselust zuhause ivieder norm Schreibtisch fitzt, als erdgefesselter Mensch inmitten des staubigen, wiistmelnden Ameisenhaufens Unserer Artgenossen, dann merkt man erst, wie tief die innerliche Wandlung geht, die man wahrend der kurzen, auf den Schrffs- planken verlebten Wachest durchgemacht hat- Arithmogriph. 16 5 flinkes Tier. 2 3 3 2 Fluß in Italien. 3 2 7 2 6 mythologischen Namen. 4 2 1 7 6 Zierpflanzen. 2 12 3 Stadt in Ungarn. 5 2 1 4 6 ein Musikinstrument. 12 3 Teil eines Wagens. 6 13 6 ein Planet. 7 2 5 6 Nebenfluß des Rheines. Die Anfangsbuchstaben der gefundenen Wörter ergeben der Reihe nach, von oben nach nuten gelesen, einen gesunden Sport. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Schach-Aufgabe in voriger Nummer: Weiß. Schwarz. 1. Se 6 —d8 Beliebig. 2, v, T, L, S, 8 + und Matt. Ein Zlgnalturm. Ms vor kurzem der neue New Barker Zentralbachchof einM weiht wurde, beschrieben die Zeitungen der ganzen Welt seiwt riesenhafte Ausdehnung, seine gigantischen Einzelheiten, aber jenen Teil, der als das eigentliche Gehirn des' gewaltigen Komplex^ anzufehen ist, der ihn ebenso in Bewegung sehen wie in einem Augenblick zur Ruhe bringen kann, ihn hat man vergessen oder Abersehen. Wir meinen die SigAalkadine der Station, die bitt größte ihrer Art, die größte der Welt ist. Ihre Tätigkeit erstreckt sich auf das ungeheure Gebiet post zweiunddreißig Hektar, die von achtundsechzig Bahnlinien durchzogen werden. Ein Teil davon, zweiundvierzig, ist über der Erde gelegen und bildet die Fernstrecken, der andere liegt unterirdisch und gehört zum Stadtgebiet. Die elektrische Kraft, von einige» wenigen Menschen bewacht und geleitet, beherrscht von der Signalkabine aus die Bewegungen innerhalb dieses großen Ganzen, sie kontrolliert die Astkunst und Abfahrt von den mehr als tausend Zügen, die im Laufe eines Tages gezählt werden, ohne ihre Zustimmung kann keiner davon in die Station einfahren, kein eiiu ziger zur Fahrt in die weiteste Ferne oder auch nur in die Stadt selbst auslaufen. Ihre Wirksamkeit bringt Ordnung in ein Chaos von dreiundfünfzig Kilometern an Schienensträngen, und garantiert die Sicherheit von 100 000 Reisenden... Der Turm, in dem diese Kraft gesammelt ist, ist der^größt'e dieser Art, obschon er nur vier Stochwerke hoch ist. Ter Signalapparat im zweiten Stoch vermittelt Signale und Weicheneinstel- lunaen lediglich für die Züge des Stadtgebiets; jeder seiner vierhundert Hebel ermöglicht ein Signal oder ein Weichenmanöver. Dreihundertsechzig derartige Hebel besitzt der im dritten Stoch untergebrachte Fernapparat. Die Tätigkeit im Innern des Signalturms stelle man sich folgendermaßen vor. Neunzehn, „Weichensteller" genannte Beamte, von denen jeder vierzig Hebel unter sich hat, arbeiten unter der Leitung zweier Chefs; diese beiden! sind die Herren des ganzen Bahnsystems. Es liegt vor ihnen« ausgezeichnet auf zwei großen Karten, auf denen die augenblick- liche Lage nnd Bewegung der einzelnen Züge durch kleine elektrische Lampen dargestellt ist. Im selben Augenblick, da ein Zug irgendwo draußen auf eine bestimmte Schiene kom'mmt, erlischt die entsprechende Lampe auf der Karte. Sie leuchtet erst dann toieber auf, wenn er sie verlassen hat und in eine andere eiuj- getreten ist. Hat innerhalb des Stadtbahnsystems ein Zug den Tunnel unter Park Avenue verlassen, so leuchtet eine bestimmte Lampe >auf; daraufhin gibt der Ches, dem das Ausfahren des Zuges aus dem Tunnel übrigens noch telegraphisch signalisiert wurde, einem der Beamtest die entsprechende Nummer an Und dieser hat dann den Hebel zu drücken, der die Weiche, die den Zug ausnehmen soll, bedient. Hat sich der Chef in der Nummer des Zuges geirrt oder hat ihn der Beamte falsch verstanden, so zeigen elektrische Kontrollapparate sofort den Irrtum an, und der Zug bleibt automatisch auf offener Strecke stehen, bis der Irrtum ausgeglichen ist. Im übrigen sind die Zugsbewegungen auf den Karten so genau in jedem Augenblick gegeben, daß ein besserer Ucberblick nicht gedacht werden könnte, auch nicht von irgendeiner Vogelschau aus. Erscheint das Bahnsystem des New Vorker Zentralbahnhofs an «Ausdehnung und Kompliziertheit ganz ungeheuer, so sind die Apparate, die es kontrollieren und beherrschen, verblüffend einfach. Drei Sekunden genügen, um von hier aus eine Weiche ein» zUstellen, eine Sekunde braucht es nur, um ein Signal zu erteilen. Verwirrung und Ermüdung unter den bedienenden Beamten sind somit ausgeschlossen, — jeder Mann sitzt gleichsank an einer Rechenmaschine, die ein Sichverrechneu von selbst ausschaltet. O. K. Die schärfsten Zähne. ' Die Zähne eines Löwen oder Tigers, die die stärksten Knochen Aersplittern, das «fürchterliche Gebiß eines Hais oder andern Raubfisches werden ebenso wie die Meißelzähne der Nagetiere 'als sehr scharf und kräftig angesehen werden müssen, aber trotzdem halten sie in keiner Weise den Vergleich aus! mit den Zerstörungswerkzeugen, die im Munde mancher kleinen Insekten zu finden sind. Die Larven einiger Käfer und Hautflügler bohrest mit ihren scharfen Kiefern lange Gänge und Röhren durch das härteste Holz unserer Bäume und ähnlich scharfe Beißwerkzeuge haben manche«Ameisenarten, vor allem die Termiten der heißen Länder, die gerade deswegen besonders gefürchtet sind. Diese Tiere, die sich selten an das, Tageslicht wagen, sonderit im «Finstern ihre zerstörende Arbeit verrichten, dringen in die Balken und anderen Holzbestandteile der Häuser ein, zerfressen ohne ein äußeres sichtbares Zeichen das ganze Innere der Balken und Pfosten derartig/ daß ganz plötzlich solche Häuser zusammenstürzen. «Tie unheimlichen Tiere bringen von der Wandseite unbemerkt in die Schränke und zernagen in kurzer Zeit den gesamten Inhalt derselben, möge dieser nun aus Kleidungsstücken oder anderen Gegenständen bestehen. Wer selbst die Zähne dieser Tiere sind nicht die schärfsten, vielmehr müssen wir das Gebiß der Holzwespe, eines bei uns vielfach vorkommenden Insekts als das schärfste in der ganzen Tierwelt ansehen. Es kommt zuweilen vor, daß im Sommer plötzlich in einem Zimmer große, stahlblaue, wespeuartige Tiere erscheinen, die unter lautem Gebrumm hin- und herschwirren und durch das geöffnete Fenster, davon fliegen. Wie kamen diese Tiere in das Zimmer? Gar so leicht ist die Beantwortung dieser Frage nicht, aber bei genauer Untersuchung werden wir in der Bedielung oder in den Balken des Zimmers kreisrunde Löcher vorfinden, aus diesen sind die Holzwespen ausgeschlüpft. Mit den Brettern und Balken sind die Larven aus dem Walde in die Häuser gelangt, unbe- kümm'ert um die Verarbeitung des Holzes graben sie ihre Gänge im Holze weiter, verpuppen sich schließlich, und wenn die Zeit gekommen ist, entsteigen den Puppen die Holzwespen, deren erste Arbeit es ist, sich aus dem engen Gefängnis zu befreien. Unermüdlichzernagt das Tiere mit seinem außerordentlich scharfen Gebiß das Holzwerk in einem langen Gange, der es schließlich an die Oberfläche des Balkens nnd damit in die goldene Freiheit führt. Es ist nun ganz erstaunlich, mit welcher Kraft und Zähigkeit sich die Holzwespen aus ihrem hölzernen Gefängnis herausgraben. Ob das Holz nur wenige oder viele Zentimeter Ticke hat, ist ihnen gleichgültig, sie bohren solange ihre Gänge, bis sie an das Tageslicht gelangen. Die ungeheure Kraft ihres Gebisses kommt aber erst zur vollen Geltung, wenn ganz besondere Hindernisse sich diesem Drang nach Freiheit entgegenstellen. Es ist öfter vorgekommen, daß Holzwesen in Holz eingeschlossen waren, das später mit einer starken Metallwand umkleidet worden Ivar. Wenn nun auch die Tiere nicht imstande sind, eine Eism- oder Stahlwand Kl durchbohren, so bietet doch eine Bleiwand ihren Zähnen kein unüberwindliches Hindernis, sie zernagen das Metall und bohren kreisiunde Löscher hindurch, um in Luft und Freiheit zu kommeir. Man hat die merkwürdigsten Beispiele dieser außer- vrdentlichen Kraft ihrer scharfen Zähne beobachtet und gesammelt. In Lyon war die Bleibedachung eines Krankenhauses undicht geworden, und als man näher nachforschte, zeigten die Platten zahlreiche, kreisrunde, von Holzwespen gebohrte Löcher. In der Münze in Wien tourben bie fünf Zentimeter dicken Bleiplatten vistes Kastens von Holzwespen durchlöchert und gleiches geschah mit den Wänden der Blei'kammern in den Schwefelsäurefabriken von Freiberg. Das merkwürdigste Beispiel wurde aber nach dem 'Krimkriege beobachtet. Tort war ein mit Patronen gefüllter Kästest vielfach von Holzwespen durchlöchert worden, und zwar hatten die Tiere nicht nur durch die Patronenhülsen, sondern selbst durch die Bleigeschosse in der ganzen Länge und Breite ihre Gänge gebohrt. Die Holzwespen verschneiden also sogar Metalle, Was.dem Gebiß unserer stärksten Säugetiere unmöglich ist, sie haben also zwei'fel- los die schärfsten aller Zähne, und wir finden hier in dem Reich der kleinen Insekten eine Körperkraft am stärksten und .astsgiv- prägtesten, die wir gar nicht bei ihnen vermuten.