zu Boden gesenkt, in schmerzlichem Schweigen verharrte. „Sie waren der Genosse des Herrn Tell." „Nur sein Diener, Herr Lampert, nichts werter; freilich auch gelegentlich sein Helfer bei den Vorstellungen. „Da werden Sie natürlich meinem Urterl über den Verstorbenen nicht beistimmen?" ,, r n, , „Nein, Herr Lampert, wenigstens nrcht so ganz. Auch Mrs. Tell war immer eine gütige Herrin gegen mich, und ich müßte mich sehr irren, wenn sie nicht alle die Jahre da drüben an der ungestillten Sehnsucht nach rhrem Sohne ernstlich gekrankt hätte. Die früher so hübsche und blühende Frau war zuletzt recht welk und häßlich geworden; Sie würden sie kaum wieder erkannt haben." „Warum kehrte sie dann nicht zu ihrem Sohne zurück, den sie uns als kaum zweijährigen Buben zu fernen beiden Stiefbrüdern hierher auf den Hals geschickt hatte? Ist so etwas schon dagewesen? Den ganzen Kindersegen dresesHerrn Tell, richtiger Dechuer, haben wir aufgezogen! Erne Mutter hätte sich nicht so leicht von ihrem Sohne trennen dürfen. „Sie war an den Gatten gebunden und dieser wollte von einer Rückkehr nach dem Vaterlande nichts mehr wissen; das arme Kind aber wäre bei dem unsteten Umherwandern der Eltern an Leib und Seele zugrunde gegangen. Ich selbst habe ihr zugeredet, die sich damals bietende Gelegenheit zu benutzen und den kleinen William nach Europa in geord- nete Verhältnisse zu schicken. Ach, es mag ihr schwer genüg geworden sein; die arme Frau hat so wie so unter dem rauhen und unversöhnlichen Wesen des Mannes wohl manches zü erdulden gehabt." t „Sie hat es nicht anders verdient, das heißt, ich rede hier als kurzsichtiger Mensch und urteile nach dem Scheine, verbesserte sich der Goldschmied, indem er seme scharf er- hobene Stimme zu einem sanfteren Tone herabmaßrgte. „Ich bin ein Christ, mein lieber Herr Just, und will meinen Nächsten nicht verdammen; der liebe Gott allein steht m die Herzen und kennt die Beweggründe unserer Taten. Meme Frau aber, die mit den Verhältnissen sehr genau bekannt war, meint, so skandalös, wie ihres Vetters Gattin, habe sich eine junge Ehefrau und Mutter noch nie in dieser großen Stadt benommen." , ~ „Ich weiß nicht recht, was man meiner armen Herrm eigentlich zum Vorwurf machte; ich erinnere mich nur, daß sie mir einmal zuraunte — es war auf einer unserer letzten Reisen, westlich vom Mississippi, und sie weinte damals heimlich sehr viel —: „Just, wenn Sie Europa noch einmal Wiedersehen und dort etwas Schlechtes von mir hören sollten, dann glauben Sie nur ein Viertel davon und verteidigen Sie mich; ich war besser als mein Ruf." So sagte ste zu mir, und, Herr Lampert, ich habe die Menschen kennen gelernt: in den Augen der armen Frau war ein Etwas, das mich an ihren Worten nicht zweifeln ließ." „Sie sind ein braver Mann, Herr Just, und treten für die ein, mit der Sie jahrelang gute und schlimme Stunden , geteilt haben. Das ist nur in der Ordnung; meine Fran Samstag, den 27. September ••t i I KMI ui i« I* Lauernblut. Roman von Gerhart v. A m y n t o r (Dagobert v. Gerhardt). (Nachdruck verboten.) Der Rang ist das Gepräge nur, Der Mstnn das Gold trotz alledem. Robert Burns. „Barmherziger Gott! Was wird der arme William dazu sagen! Und alle beide tot — erschlagen — beraubt?" Der Goldschmied Wilhelm Lampert faltete seine bis zur Brusthöhe erhobenen Hände uni) starrte mit leerem Blick auf die flimmernden, mit allerlei kostbaren Schmuckgegenständen angefüllten Schaukästen seines Ladens. „Ich habe die Totenscheine, sowie die wenigen in den Taschen der beiden Leichen gefundenen Papiere für Herrn William mitgebracht," versetzte der Ueberbringer der traurigen Botschaft, „wenn Sie nur seine gegenwärtige Wohnung angeben wollen." „Genthinerstraße 316. Ich denke doch, daß er dort noch wohnt, wir haben ihn seit fast drei Monaten nicht mehr gesehen; ein so fleißiger, strebsamer Assessor, wie unser William, hat nicht viel Zeit zu Besuchen. Ach, was hätten die armen Eltern für Freude an diesem Sohne gehabt, wenn ihnen die Rückkehr nach Europa beschiedeu gewesen wäre! Und was wird meine ahnungslose Frau dazu sagen! Aber nein — sie war nicht ahnungslos; sie sagte mir schon immer in der letzten Zeit, als gar keine Briefe mehr von Frau Tell eingingen: Gib acht, Wilhelm, in Amerika ist etwas passiert; dies lange Schweigen ist mir verdächtig. Und ein Wunder wäre es auch nicht, fügte sie dann wohl hinzu, wenn diese Leute einmal von der Nemesis ereilt würden, denn Frau Viktorine hat sich doch gar zu schlecht benommen, und mein Vetter Karl — eben Ihr Herr Tell, der eigentlich Dech- ner hieß — muß auch ein rechter Vagabund geworden fein, daß er gar keine Sehnsucht mehr nach seinen drer Söhnech empsindet und nun schon ein Vierteljahrhundert lang da drüben umherstrolcht und mit seinen Kunststücken den Leuten das Geld aus der Tasche gaukelt." Ueber das Gesicht des anderen, dem diese vertraulichen Mitteilungen gemacht wurden, flog ein Ausdruck herben Schmerzes. Er war von mittelgroßem, biegsamem, em wenig zur Fülle neigendem Wüchse; die nachtdunklen Augen, die ihm unter scharf gezeichneten Brauen glommen, senkte er, scheinbar peinlich berührt, zur Erde. Auf seinem kurz geschorenen, dichtem schon leicht ergrauten Haare saß ein weicher Filzhut mit ungemein breiter Krempe; der großgewürfelte graue Cheviotanzug und die an einem Lederriemen über die Schulter hängende, mit einem Stahlbügel verschlossene Tasche verrieten den Reisenden, der tatsächlich erst vorgestern in Hamburg vom Schiffe gestiegen war. „Sie nehmen mir meine Offenherzigkeit nicht übel, Herr Just," fuhr der Goldschmied fort, da der andere, den Blick 602 freilich wird nicht so leicht von ihrer Meinung ablassen können." Friedrich Just seufzte zu dieser Bemerkung;, dann nickt er langsam mit dem Kopfe und brummt unter seiner glatt rasierten, aber durch dunkle Bartwurzeln bläulich angehauchten Oberlippe hervor: „Das sogenannte schwache Geschlecht ist immer am stärksten in der Verurteilung unglücklicher Frauen." Und wieder in einen geschäftsmäßigen Ton übergehend, fuhr er mit einer etwas hohen Stimme fort: „Sis sprachen von drei Söhnen des Herrn Teil; ich kenne nur den einen, Herrn William." „Die beiden Brüder Dechner sind Söhne aus Tells erster Ehe, sie leben ebenfalls hier. Sie wissen doch, daß Mr. Teil eigentlich Dechner, Karl Dechner, hieß; er ging schon einmal als junger Mann nach Amerika und machte dort seine Kunststücke in den Schaubuden. Er mußte damit ein schönes Stück Geld zusammengebracht haben; denn eines Tages kam er hier wieder mit einer Frau an und äußerte die Absicht, fortan als Rentner bei uns zu bleiben. Seine Gattin schenkte bald darauf Zwilliugen das Leben, starb aber leider im Wochenbette. Er gebärdete sich erst wie toll; er schien sich in Schmerz und Verzweiflung ganz auflösen zu wollen; doch schon nach wenigen Wochen erklärte er uns, er hielte es nicht länget mehr aus, er müßte wieder reisen. Gegen alle Einreden meiner Frau blieb er taub; er beschwor uns, wir möchten uns der Zwillinge annehmen und sie so aufziehen, als wenn es unsere eigenen Kinder wären. Mit Eifer griff meine Frau äü; tvir haben niemals Elternfreuden genossen, und sie nahm daher nur gar zu gern die Kinder in unser Haus; auch redete sie nun Herrn Dechner selber zu, sein wild aufgewühltes Herz durch eine größere Reise wieder zur Ruhe zu bringen. Das Kostgeld, das er uns anbot, lehnte ich natürlich ab; wir hatten, Gott sei Dank, soviel, daß wir die beiden Buben aus eigenen Mitteln noch sättigen konnten. So reiste er denn ab und ließ lange Zeit gar nichts von sich hören. Erst nach drei Jahren kam er plötzlich wieder zurück und brachte seine zcheite Frau mit, Viktorine, eine geborene Albin, die er in Kanada geheiratet hatte. Diese Frau — nun, Sie haben sie ja lange genug gekannt — war eine sehr hübsche Er- schemung, sie hatte französisches Blut in den Adern, und der Blick ihrer schwarzen feurigen Augen hatte es uns allen erst angetan. Das Pärchen fing an, hier eine Art Haus zu machen; sie empfingen Gäste aus den gebildeten Gesellschaftskreisen, denen der Hausherr dann und wann ein Kunststückchen zum besten gab und denen die frische und natürliche Liebenswürdigkeit der jungen Hausfrau außerordentlich gefiel. Das ging so an die zwei Jahre fort, bis auf einmal das Verhältnis der Gatten getrübt erschien. War es, weil Frau Viktorine dem Gemahl keine Kinder schenkte, oder weil sie ihm Grund zur Eifersucht gab? Ich weiß es nicht. Eines Tages erfuhren wir, daß sie ein Verhältnis mit einem jungen Ulanenoffizier hätte. Wir waren empört und zogen uns von ihr und ihrem Gatten gänzlich zurück. Ich hatte auch gegen den letzteren ein Vorurteil, weil er sich um seine Zwillinge, die immer noch bei uns waren, gar nicht mehr kümmerte. In einer Hinsicht war das freilich recht erwünscht, denn meine Frau hätte die beiden Jungen gutwillig auch nicht Sehr hergegeben, sie hatte sich schon förmlich in sie vernarrt, aß er übrigens, als er bald darauf zum zweiten Male nach Amerika gegangen war und seine Frau, die Ursache dieses, jähen Entschlusses, dahin mitgenommen hatte, seinen ehrlichen Namen ablegte und sich drüben nur noch William Tell Kannte, das schien mein Vorurteil nur zu rechtfertigen — hatte er vielleicht etwas zu verheimlicheu? Hatte er sich seines Familiennamens zu schämen?" „Gestatten Sie, Herr Lampert," unterbrach Friedrich Just den gesprächigen Goldschmied, „das hatte wohl einen anderen Grund. Mein Herr trieb drüben eine Zeitlang auch das Geschäft eines Kunstschützen, und da sollte ihm wohl der Name William Teil als Reklame dienen." x_, "Nun, das mag ja sein; mir aber hat dieser abenteuerliche Namenswechsel nie gefallen und die traurige Folge ist auch nicht ausgeblieben; drei Söhne eines und desselben Vaters, die Zwillinge erster Ehe und der drüben ihm von Vik- lorme endlich geschenkte Sohn William, tragen jetzt verschiedene Familiennamen und sind einander so entfremdet, daß sie Bei ;eder zufälligen Begegnung sich absichtlich den Rücken kehren." r "Das ist gewiß betrübend," meinte Herr Just, der langsam fein Notizbuch hervorgezogen hatte, um sich irgend eine Aufzeichnung zu machen, „aber derselbe Fall tritt ja auch eilt, wenn eine Frau zum zweiten Male heiratet und Kinder aus beiden Ehen hat; daun führen die Geschwister auch verschiedene Familiennamen, ohne daß sie nötig haben, sich deshalb zu hassen. Uebrigens — Sie wollten mir noch sagen, was man meiner Herrin eigentlich vorgeworfen hat." „Undankbarkeit, Leichtsinn, Treulosigkeit — das schlimmste, was man einer Ehefrau vorwerfen kann." „Herr Lampert! Sie versündigen sich an dem Andenken einer Verstorbenen!" rief Just feierlich aus. „Ich möchte darauf schwören, daß man solchen Vorwurf der seligen Mrs. Teil zu Unrecht macht!" Der Goldschmied legte seine Hand auf die Schulter seines kleineren Gegenüber und sagte im Tone der Belobigung: „Sie sind ein warmer Fürsprecher der Verblichenen. Ich' richte nicht, ich erzähle Ihnen nur, was mir meine Frau gesagt hat und wovon damals die ganze Stadt voll war? Warum wäre sonst plötzlich der junge schmucke Ulanenoffizier versetzt worden? Warum hielt Dechner oder Teil, wie er sich später nur noch genannt hat, damals auf einmal seine gesellschaftliche Stellung für so unheilbar erschüttert, daß er zu uns gestürmt kam und uns himmelhoch beschwor, wir sollten seine Zwillinge aus erster Ehe noch ferner in Kost behalten, er müßte sein Zelt wieder abbrechen und mit seiner Frau, die ihn entehrt und beschimpft hätte, das Weite suchen?" „Sie mag unvorsichtig, leichtsinnig und gefallsüchtig gewesen sein; sie war ja damals noch blutjung und unerfahren, und die gesellschaftlichen Verhältnisse Europas, die ihr, der in der halben Wildnis Ausgewachsenen, noch völlig neu waren, mögen sie geblendet und ihr die Ueberlegung geraubt haben. Uber ich möchte meine Hand darauf ins Feuer legen, ettoaä' Schlechtes hat sie nicht begangen." „Waren Sie denn schon mit Tell assoziiert, als ihm drüben endlich ein Sohn geboren wurde?" Der Gefragte schien einen Augenblick nachzusinnen, dann' sagte er, wie einer, der das längst Vergangene stückweise aus den Schubfächern seines Gedächtnisses chervorkramt: „Gewiß, schon vorher. Wo war es doch? — Richtig! In Hamburg lernten wir uns kennen. Herr Tell erzählte mir dort, daß er zum zweiten Male über den Ozean fahren wollte, um in der neuen Welt sein Glück zu versuchen; ob ich Lust hätte, ihn zu begleiten? Er brauchte einen Helfershelfer bei seinen Vorstellungen. Wir wurden unschwer einig, und so wurde ich sein Diener, und, wenn Sie wollen, sein stiller Teilhaber am Geschäfte. Die Frau, die er bei sich hatte, genas, vielleicht ein halbes Jahr nach unserer Ankunft drüben, eines Sohnes, dem in der Taufe ebenfalls der Name „William Tell" gegeben wurde. Zwei Jahre lang hat sie das Kind auf allen Reisen mit sich umhergeschleppt und ihm die zärtlichste Pflege und Fürsorge gewidmet, bis der Moment kam, wo sie sich schmerzlich von ihm trennen mußte. Sie hat es bis zu ihrem Todei auch nicht mehr wiedergesehen. Doch Sie gestatten, daß ich mir die Wohnung dieses nunmehr zum Manne gediehenen Kindes notiere?" „Wenn ich, wie gesagt, nicht irre: Genthinerstraße 315." Während der andere schrieb, fuhr der Goldschmied fort: „Sie werden aber auch die beiden älteren Söhne aufsuchen müssen — Gott, wenn ich nur meine Frau hier hätte, die weiß alle Adressen am Schnürchen; ich habe gar kein Gedächtnis für Zahlen mehr. Bitte, Herr Just, gehen Sie doch erst noch zu meiner Frau: Hornstraße 200, sie muß die Kunde von Ihnen selbst erfahren." „Ich weiß nicht, ob ich heute noch so viel Zeit erübrigen werde." „I, das wird sich schon machen lassen. Sonst ist sie um diese Stunde meist hier im Laben; aber gerade heute hält sie die Wache im Hause. Wir erhielten heute morgen unerwartet eine größere Zahlung, die ich zu verwahren nicht mehr die Zeit hatte —. bitte, lassen Sie sich den Weg nicht verdrießen." „Morgen gegen Abend will ich kommen, dann habe ichj wahrscheinlich das Vergnügen, Sie ebenfalls vorzufinden." (Fortsetzung folgt.) 603 Vom Pikkolo zum Millionär. Heitere Erzählung von Harry Nitsch. (Nachdruck verboten.) (Schluß.) „Wenn ich nlich für Herrn Sanner verbürge," wandte der Hotelier ein, der nicht an eine Schuld seines Sekretärs glauben konnte. „Läßt sich die Verhaftung nicht vermeiden?" „Ich will meinen Vorgesetzten hiervon benachrichtigen, im Augenblick kann ich aber nicht anders handeln, Herr Leider. Haben Sie noch irgendetwas zu erledigen, Herr Sanner?" „Ich danke Ihnen, Herr Kommissar, nichts. Ich bin bereit. Ihnen zu folgen." Der Kommissar zuckte wieder die Achseln, dann wandte er sich zum Gehen. Auch Erich hatte seinen Hut genommen und schritt mit stummem Gruß hinaus. In diesem Augenblick kam atemlos, die schwarzen Locken wild um das geizende, schmal geschnittene Gesichtchen hängend, ein junges Mädchen, halb Kino noch, halb Jungfrau, angesprungen. Es stürzte auf die vornehme Dame zu und rief hastig etwas in fremder Sprache. „Messieurs, arretez, arrOtez, s’il vous platt!“ ries diese darauf erregt. Der Kommissar drehte sich in der Türe um und blickte die Dame fragend an. „Die Juwelen sind gefunden," fuhr die Dame in französischer Sprache hastig fort. „Meine Tochter sagt es mir soeben. Sie fand sie in meiner kleinen Schatulle, die ich ganz vergessen hatte. Sie xuhte auf dem Boden des Handkoffers. Ich erinnere mich jetzt, daß ich die Juwelen vor jnetner Hierherkunft aus der Kassette nahm und in die Schatulle legte. Das hatte ich leider aanz vergessen." 1 Darauf eilte die Dame aus den stumm dabei stehenden Sekretär zu: „O verzeihen Sie mir, mein Herr, ich bin ststtröstlich über das, was ich Ihnen angetan habe. Ich Qeoe Ihnen jede Genugtuung, dre Sie von mir verlangen. Bitte, bitte, verleihen Sie mir. Wir Frauen mit spanischem Blut in den Adern sind so schnell, so leichtfertig mit dem Wvrt, bitte, denken Sie daran und zürnen Sie mir nicht. Auch ich habe furchtbar leichtfertig gehandelt. Wie kann ich es nur wieder gut machen? Geh', Rosita, gib dem Herrn Sekretär die Hand und sage ihm, er soll wieder gut sein." Trotz der schlimmen Stunde, die Erich soeben durchzukämpfen hatte, mußte er Über den Eifer der eleganten, vornehmen, aber gewiß sehr gutherzigen Dame lachen. Als die reizende Kleine auf ihn zusprang, ihm die Hand reichte und ihn dabei mit ihren zwei nachtschwarzen Sternen anfunkelte, da wich der Groll von seiner Seele und er ergriff auch die hingehaltene Hand der Mutter. Diese schüttelte die etwas große, aber weiße, wohlgepflegte Rechte kräftig und sagte mit erlöstem Aufatmeü: „Ich danke Ihnen, Herr Sanner. Sie sind ein guter Mensch, Sie müssen mein Freund werden." Von dieser Stunde an entwickelte sich zwischen der reichen Mexikanerin, ihrer Tochter und Erich Sanner ein überaus freundschaftlicher Verkehr. Namentlich die reizende, sechzehnjährige Rosita suchte ihren Freund Erich Sanner auf, so ost dieser nur eine Sekunde Zeit für sie übrig hatte» Erich mußte oft über den Eifer des liebreizenden Mädchens lachen, dem er Unterricht in der deutschen Sprache erteilte. Und dann tauchte in seiner Erinnerung ein anderes reizendes Mädchengesicht auf: Mila Cernau. Wie merkwürdig der Zufall spielt. Die Situation war mit der damaligen so ähnlich und doch so grundverschieden. Mila Cernau hing an dem gutmütigen, aber dummen Jungen und gab ihm Sprachunterricht, trotzdem er nur ein armsKger Pikkolo war. Rosita Pinedo hing an dem großen, liebenswürdigen Menschen und ließ sich von ihm Sprachunterricht geben, trotzdem er nur ein simpler Hotelsekretär war, der erst für den Winter seine erste Direktorstelle angenommen hatte. Und auch Madame Pinedo ließ den Verkehr der beiden ungehindert geschehen, wie einst Madame Cernau in Frohwinkel. Das Kind der Millionärin, der Besitzerin riesiger Plantagen im fernen Mexiko, und der einstige Pikkolo, der sich nur durch Fleiß und Tüchtigkeit vom Kellner zum Sekretär und nun bald zum Direktor emporgearbeitet hatte. Erich Sanner mußte immer und immer wieder an die Uehnlichkeit dieser beiden, zeitlich so weit auseinander liegenden Ereignisse denken. Manchmal beschlich ihn etwas wie Wehmut, wenn er sich den bitteren Abschied von Mila Cernau ins Gedächtnis zurückrief. Und wenn er sich seiner Gefühle erinnerte, als er die Jugendgeliebte in Genf an der Seite des Gatten wiedersand. Wird mir der Abschied von diesem reizenden, natürlichen, liebenswürdigen Kind auch so schwer fallen? fragte Erich sich wohl zuweilen. Trotzdem er mitten in der Prosa des Lebens stand und er tapfer seinen Mann stellte, war doch noch ein Stück des alten Träumers in ihm lebendig. Madame Pinedos Kur war beendet. Sie wollte noch eine kleine Rundreise durch die Hauptstädte Europas machen und dann wieder heimkehren ins ferne Mexiko, wo ihr Gatte schon seit fünf Jahren unter der Erde schlummerte. „Er war so gut und hatte mich so lieb, mein armer Mann," sagte Madame Pinedo am Tage vor der Abreise zu dem ernst gewordenen Erich. „Ich lebte sorgenlos in den Tag und brauchte mich um nichts zu kümmern. Jetzt lassen mir die Geschäfte keine Ruhe und ich verstehe doch nichts davon. Ueberall werde ich betrogen. Sie ahnen ja nicht, Sanner, wie schwer es ist, ein großes Vermögen zu verwalten." Erich schwieg, er nickte nur langsam, wie znr Bestätigung. Plötzlich schlug sich Madame Pinedo an die Stirne: „Mein Gott, mir kommt da eben ein trefflicher Gedanke. Ich habe Sie schätzen gelernt, Herr Sanner — kommen Sie mit mir. Werden Sie mein Sekretär, übernehmen Sie die Verwaltung meines Vermögens. Sie sind ein guter Mensch, ich habe unbegrenztes Vertrauen zu Ihnen. Sie sind so ganz anders, wie unsere leichtfertigen Mexikaner, so ernst, so gediegen. Das gefällt mir. Wollen Sie?" Erich blickte die Dame im höchsten Grade überrascht an. Das Anerbieten kam so plötzlich, daß er nicht wußte, was er dazu sagen sollte. „Meine Karriere, mein Beruf," erwiderte er leise. „Ich würde aus allem herausgerissen, gnädige Frau." „Ich stelle Ihre Zukunft sicher, Herr Sanner. Wenn dies Ihre ganzen Besorgnisse sind, die hoffe ich leicht zu überwinden. Nun, schlagen Sie ein? Kommen Sie mit uns, zuerst als unser Reisemarschall, dann als mein Sekretär." „Ich kann nicht, gnädige Frau. Der Schritt wäre von einer zu großen Tragweite für mich, außerdem habe ich für den Winter bereits Verpflichtungen. So ehrenvoll Ihr Anerbieten auch für mich ist, ich kann es nicht annehmen." „Ist denn niemand hier, der mich bei diesem eigensinnigen Mann unterstützt?" rief Madame Pinedo in komischer Verzweiflung. „Daß Rosita nicht hier ist. Würden Sie unseren vereinten Bitten auch widerstehen?" „Ja, gnädige Fran," erwiderte Erich mit einem tiefen Atemzug. „Ich habe die Ueberzeugung gewonnen, daß es besser ist, Ihr hochherziges Anerbieten nicht anzunehmen — für mich und meine Ruhe," setzte er leise hinzu. Madame Pinedo sprang plötzlich auf: „Da kommt Rosita. Sie soll Sie mit überreden helfen." Leichtfüßig schwebte Rosita in den Salon, in dem das Gespräch stattfand. Ihre Angen glänzten nicht so fröhlich wie sonst, ein Zug stiller Wehmut war über das Gesicht gebreitet. „Rosita, hilf mir, unseren Deserteur hier einzufangen. Ich habe ihn gebeten, mit uns nach Mexiko zu kommen und die Verwaltung unseres Vermögens zu übernehmen. Der Trotzkopf will aber nicht." Die dunklen Augen des Mädchens weiteten sich, ihr Herz klopfte fast hörbar. „Er soll mit uns kommen? Wirklich, Mama?" „Und er will nicht. Geh, rede ihm zu. Vielleicht hast Du mehr Glück als ich." Zaghaft, was an dem sonst so kecken Mädchen doppelt auffiel, ging Rosita auf^ Erich Sanner zu und sagte mit sonderbar verschleierter Stimme: „Bitte, kommen Sie mit uns, Herr Sanner." Es klang fast kühl und gleichgültig, doch Rositas Augen sprachen eine beredtere Sprache. Erich kämpfte heftig mit sich selbst, dann sagte er mit tiefem Atemzuge: „Ich danke Ihnen, gnädige Frau, ich stehe zu Ihren Diensten." Ein leiser Schrei hallte durch deu Salon, dann flog Rosita ihrer Mutter an den Hals. Eine Träne fiel dieser auf die Hand. Befremdet blickte Madame Pinedo auf ihr Töchterlein, das ihr Gesicht in den seidenen Spitzen barg. 604 „Was bist Du für ein wildes Kind, Rosita. Du hast mich richtig erschreckt. Eine junge Dame — und das will» du doch jetzt sein — zeigt ihre Freude doch nicht in dieser Art." Dann wandte Madame Pinedo sich zu Erich Sanner und sagte freundlich, aber in merkwürdig kühlem Ton: „Ich danke Ihnen, Herr Sanner. Es freut mich, daß Sie sich so rasch entschlossen haben. Ueber das Geschäftliche sprechen wir wohl noch." * Wer das kleine Frohwinkel vor zehn Jahren zum letztenmal gesehen hatte, der kannte es nicht wieder. Das empfand auch der große, stattliche Mann mit dem braungebrannten Antlitz, in dem zwei leuchtende, kluge, gute Augen funkelten. An seinem Arm hing eine reizende, schlanke Dame, der man die Südländerin unschwer ansah. Sie gingen zärtlich aneinander geschmiegt, als wollte keines den Andern lassen. In beider Augen leuchtete heiße Zärtlichkeit auf, wenn ihre Klicke sich begegneten. „Ich hätte nie geglaubt, daß ich mich in meiner Heimat nicht mehr zurecht finden würde, liebste Rosita. Was die Zeit doch aus Menschen und Städten macht." „Freust du dich, deine Heimat wieder zu sehen, Erich?" fragte die junge Frau auf deutsch, aber mit einem fremden Akzent. ' „Ich freue mich, sie an deiner Seite, der Seite meines nach schweren Kämpfen mit deiner stolzen Mutter endlich errungenen teuren Weibes wieder zu sehen, Rosita. Nach zehn fahren stehe ich wieder auf heimatlicher Erde, als Hoch- Aitsreisender, der im fernen Mexiko ein neues Heim fand. Da bekommen die alten Erinnerungen wieder Leben und nehmen greifbare Gestalt an. Sie sprechen zu mir und sagen: Was bist du glücklich geworden! Und hier hast du dich manchmal so sehr, sehr unglücklich gefühlt." Rosita blickte zärtlich zu dem Gatten auf und sagte schelmisch lächelnd: „Also mache ich dich doch ein wenig glücklich?" „Ueber alles, mein Weib. Aber Rosita" — unterbrach Erich sich plötzlich lachend — „sieh nur dort den Pikkolo im alten Garten des „Grand Hotel goldener Schwan", wie er sich mit dem weißgekleideten niedlichen Mädchen neckt. Ein solcher Pikkolo war dein Mann auf dieser selben Stelle vor mehr als einem Dutzend Jahren." Lachend schritt die reizende junge Frau zu dem ahnungslosen Pikkolo hinüber. Dann blieb sie stehen und rief den erschreckt Auffahrenden an. Den Kopf ängstlich geduckt, kam er näher. „Wie heißt du, Pikkolo?" fragte die junge Frau freundlich. „Erich." „Erich," wiederholte die junge Frau leise, wie träumend. Ein nachdenklicher Zug huschte über ihr Gesicht. Dann nestelte sie mit einem plötzlichem Impuls ihre Börse aus dem Kleid, entnahm ihr ein Goldstück, und gab es dem verblüfft, mit offenem Munde dastehenden Pikkolo: „Hier, mein Junge, das ist für dich, weil du ein Pikkolo bist, und das" — dabei beugte sie sich, leicht errötend, nieder, und küßte den Jungen auf die Stirn — „das ist für -ich, weil du Erich heißt." Mathematische scherze. Unter dem Titel „Mathematische Ueberraschungen für Lehrer ünd Rechenfreunde" läßt der ehemalige Seminaroberlehrer A. Genau soeben im Verlage von I. Stahl in Arnsberg i. W em Büchlein erscheinen, in dem die ernsten Wahrheiten der strengen Wissenschaft in angenehmer und zum Teil Heiterer Form auf alle möglichen Dinge des täglichen Lebens, auf Spiel und Unterhaltung usw. angewendet werden. Allerhand merkwürdige Zusammenhänge im Reiche der Zahlen werden darin aufgedeckt, es werden Scherzfragen aufgeworfen, die jeder zunächst falsch beantwortet, es werden verwickeltere Trugschlüsse gezogen, die gar nicht leicht zu durchschauen sind, kurz, das kleine Werk bietet eine Fülle von Unterhaltung und Belehrung, wie ein paar Beispiele zeigen mögen. ,.,r »Em Araber" — so lautet einer der Trugschlüsse — „hinterlaßt seinen drei Söhnen 17 Kamele mit der Bestimmung, daß der ältere Sohn die Hälfte, der folgende ein Drittel, der dritte ein Neuntel der Tiere erhalte. Da sie die Teilung nicht vor- zunehmen wissen, ziehen sie den Kadi zu Rate. Dieser hilft in folgender Weise: er stellt von den eigenen Kamelen ein schlechtes zu den 17 und fordert jeden Sohn auf, den ihm zugesprochenen Teil der Kamele zu nehmen, wobei er jedoch dafür sorgt, daß sein schlechtes Kamel mit fortgeht. , Das übrigbleibende Kamel nimmt er schließlich Ur sich. Wie kommt es, daß jetzt jeder Sohn mehr erhält, als er nach der Bestimmung des Vaters beanspruche konnte?" Tatsächlich bekommt der erste Sohn anstelle Von 8pz Kamelen, die er zu beanspruchen hat, 9, der zweite anstelle von 5V?Kamelen deren 6, und der dritte nicht l’/? sondern 2. Der Fehler liegt nicht in der Verteilung, sondern schon in der testamentarischen Bestimmung des Vaters!, di« Aufgabe ist, mathematisch gesprochen, überstimmt: soll eine bestimmte Summe ttt gewissen Verhältnissen in drei Teste zerlegt werden, so ist der dritte Test natürlich schon festgelegt, sobald die ersten beiden bestimmt sind. Einen überraschenden Zahlenscherz kleidet Ä. Genau in Form einer Aufgabe: eine durch Subtraktion und Addition entstanden« Zahl anzugeben, ohne daß man die Zahlen, mit denen operiert wurde, kennt: man lasse von jemand eine dreistellige Zahl mit ungleichen Endziffern hinschreiben, darunter dieselbe Zahl mit vertauschter Endziffern setzen unh die kleinere Zahl von der größeren substrahreren. Im Ergebnisse lasse man wieder die Endziffern vertauschen und die so gewonnene Zahl zum Ergebnis addieren. Man kann dann, ohne die hingeschriebenen Zahlen zu kennen, das Resultat angeben. ES ist stets 1089. An einem Zahlenbeispiel durchgeführt lautet die Rechnung: 781 minus 187 gleich 594; 5^4 Plus 495 gleich 1089. Daß dies für alle dreiziffrigen Zahlen gstt, läßt srch leicht nachweisen, indem man mit allgemeinen Das Zahlenkunststück läßt sich auf vier- und mehrstellige Zahlen.ausdehnen. Bei vierstelligen Zahlen ist das Ergebnis stets 10 989, wie folgendes Zahlenbeispiel dartut: 7523 Aistus! 8527 gleich 3996; 3996 plus 6993 gleich 10 989. Bei fünfstelligen Zahlen ist das Ergebnis 109 989, und ähnlich gebaute Zahlen ergeben sich auch, wenn man das Zahlenkunststück mit mehrstelligen Zahlen ausführt. vücherlisch. — Modellierbogen. Reue Künstlerbogen von Otto Robert. Verlag von Otto Mater, Ravensbiirg. Modellbogen sind so recht dazu angetan, die Kinder znni Basteln, zur zielbewußten Arbeit zu erziehen. Ein fränkisches Städtchen z. B- (He!t Nr. 3007), Preis 40 Pfg., verfertigt von dem bekannten Maler P. F. Messerschmitt, lernen sie hier kennen, den Marktolatz mit seinen charakteristischen Giebelhäusern, dem Brunnen in feiner Mitte, seinem Leben und Treiben. Verkaufsbuden sind aufgestellt, Hökerweibcr bieten Obst und Gemüse feil, Bauern, feilschende Köchinnen, Kinder und sonst alles mögliche Kleinzeug bevölkern die Straße, über die eine altertümliche Reisekutsche rollt. Der schövferischen Einbildungskraft ist ein reiches Feld geboten, und noch ein anderes, erzieherisches Moment dieser wirklich famosen, künstlerisch erstklassigen Modellier- bogensammlung darf nicht unerwähnt bleiben: sie vermag den Grund zu legen zu einem späteren Verständnis für die Heimatkunst kann schon früh das Gedächtnis und den Blick schärfen für individuelle Bauart und kommt aus diese Weise einem Bedürfnis unserer Zeit entgegen. — „Der Greis", die neue Monatsschrift, von deren Gründung wir unseren Lesern seinerzeit schon Mitteilung machten, beginnt mit dem 1. Oktober zu erscheinen. Ter Lottasche Verlag hat ein kleines Werbeheft herstellen lassen, das Proben ans dem Inhalt der ersten Nummer zusammensaßt. Der Gedanke, unsere besten deutschen Dichter, Staatsmänner und Gelehrten sich zu verbünden und so in gemeinsamer Arbeit mit ihnen eine nette Zeitschrist von wirklicher Bedetttung zu schassen, scheint uns danach trefflich geglückt. — Jugenderinnerungen des Grasen Zeppelin stehen daneben Gedichten von ßutit von Strauß und Torney, soivie von Rudolf Herzog, neben Tagebttchblättern Hermann Sudermanns und einer Novelle des jungen Dichters Paul Enderling. Charade. Wer sich als Eins erblicken läßt. Den pflegt man bestens zu empfangen, Das Zweite liegt am Hause dicht, Mit Leichtigkeit kann man’S erlangen. Wer müd' ttnd htmgrig wird vom Wandern. Der eilt vergnüglich in das Ganze. Und wer ein Freund von Scherz und Spiel, Kann dort vergnügt sich dreh'n im Tanze. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Gitterrütsels in voriger Nummer: SST 8 e e o t t e r n e u a 0 t u 8 t u t t g a r t t g i e a n Trau ringe n t e Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schen UniversitätS-Buch» und Steindruckerei, R. Laug Gießen