61 jfirnrnraulch. Roman von Paul Grabein. Wachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Unmutsvoll sah Gottliebe nach der Haustür. Wirklich, da trat ein Mann über die Schwelle; nun aber sah sie ent der Kleidung, daß es einer der Führer war, und letzt erkannte sie den Späugler. „Toni — Sie?" Leise rief sie ihn an, nun wieder beruhigt. Der würde sie ja in ihrem stillen Genießen hier nicht stören. überrascht trat der Spcmgler zu ihr. „Ich hab' halt nimmer schlafen können. Da dacht' ich, wollt' ich lieber schon an der frischen Luft sein." „Recht so, Toni! Kommen Sie nur her." Sie lud ihn zum Sitzen bei sich ein. „Sehen Sie doch nur diesen wunderbaren Mondschein! Ist das nicht einzig — unbeschreiblich schön?" Der Toni trat zu ihr und lehnte sich mit verschränkten Armen neben ihr auf die Mauer auf. So schaute er eine Weile gleich ihr schweigend hinaus in den Silberdnft der Nachtlandschaft. „Da — ein Stern fällt!" wies er plötzlich auf einen schnell durch das Dunkel schießenden Lichtstreifen. „Nun könnt' man sich was wünschen." „Und was möchten Sie sich denn wünschen, Toni?" Einen Moment blickte er gedankenverloren vor sich hin, nach der Stelle des Sternschnuppenfalls; dann meinte er langsam, eine leise Resignation im Ton: „Das Wünschen hilft halt zu nix. Es ist schon besser, man denkt erst gar nicht dran." Ein Weilchen schwieg auch Gottliebe. Dann sagte sie: „Sie sind nicht zufrieden mit Ihrem Los. Sie möchten heraus aus Ihren Verhältnissen — hinaus in die große! Welt draußen, nicht?" „Ja. Das wollt' ich!" Fast heftig stieß es der Späng- ler hervor. Er richtete sich auf und stemmte die Hände aus die Brüstung. „Und reich und vornehm sein?" forschte sie weiter. Er nickte nur heftig, ohne nach ihr hinzusehen. „Und was dann, Toni?" Er gab keine Antwort, aber feine Hände, mit denen er sich aufgestützt hatte, zitterten. Und plötzlich wandte er langsam den Kopf nach ihr herum. Es war nur gut, daß fein' Gesicht so int Schatten des Mondlichts lag; so konnte sie das leidenschaftlich-sehnende Aufzncken darin nicht sehen, als sie jetzt sein Blick umfaßte. > Was dann? Es wirbelte ihm im Kopfe, wenn er sich dieses „Dann" ausmalen wollte. Er lvar ja toll, krank im Hirn, daß er ans solch wahnsinnige Gedanken kam! Er, der "stets so Ruhige, Nüchterne, der bisher noch nie vom Rausch der Liebe gekostet hatte. Aber nun hatte es ihn plötzlich gepackt, daß er schier nicht mehr dagegen au- kounte. Gerade weil sie ein Wesen aus einer ganz anderen, höheren Welt, weil sie ihm utterreichbar war, gerade darum schüttelte ihn dies Begehren nach ihr nur um so mehr. Wie sie ihn da eben fragte: Was dann? Aufschreien hatte er mögen in seiner Qual, sie an sich reißen wie ein Rasender und zitternd stöhnen: Dich, dich! Und nichts davon geschah. Wie aus Stein gehauen blieb seine Gestalt, unbeweglich, unb nur von seinen Lippen kamen leise die Worte: „Ich weiß selbst schon nit, was ich dann möcht'." Gottliebe vernahm den traurigen Klang, aber sie ahnte nicht, was das letzte Ziel seines Sehnens war. Sein beherrschtes, ruhiges Wesen hatte den neulich aufgeflackerteu Verdacht in ihr wieder ganz beschwichtigt. So tröstete sie ihn denn jetzt auch arglos: „Sehen Sie, Toni, Sie wissen es im Grunde selbst nichts was Sie wollen. Solch dunkles Sehnen nach etwas Unbekanntem, etwas geheimnisvoll Schönen und Großem ist eben töricht und unfruchtbar. Wohl jeder wird einmal davon befallen. Meinen Sie, ich wünschte mir bisweilen nicht auch irgend so ein Mädchenglück? Mer man muß das eben rasch wieder abschütteln, Toni; das Träumen taugt nicht. Mit offenen Augen und starken Armen muß man sich das Glück gewinnen — das ist das richtige, das uns nicht wieder zwischen den Händen zerfließt!" Der Toni hörte ihre letzten Worte nicht mehr. Ihm klangen nur immer jene vorangehenden in den Ohren: Mit offenen Augen und starken Armen sich das Glück gewinnen! Ja, das war besser, als nur davon zu träumen. Wild lohte es plötzlich in ihm auf, eilte rotglühende, verzehrende Flamme! Waren seine Augen nicht offen? Sah er nicht all den bestrickenden Zauber ihrer Schönheit? Waren seine Arme nicht stark? Hätte er sie nicht an sich reißen können, wie eine Feder? Warum tat er es nicht? Wer wollte es ihm wehren, hier in dieser einsamen, stillen Stunde, einmal in rasendem, taumelndem Kuß von ihren Lippen das wahre Glück zu trinken? Was dann nachher kam? Ganz gleich! Der Fieberdurst war gestillt, dieses verzehrende, qualvolle Sehnen! Und abermals durchlief den Toni ein Zittern durch den ganzen Leib bis hinab in die Fußspitzen. Seine Augen brannten in irrem Feuer, entzündet von dem Reiz ihrer schlanken, feinen Gestalt, wie sie da, vom Mondschein verklärt, tote eine zarte Elfenprinzessin vor ihm auf der Brüstung faß — so nahe, er hätte nur die Hand nach ihr auszustrecken brauchen. „Nun/ Toni, hab' ich nicht recht? Sie sagen ja gar nichts." Da riß er sich mit einem Ruck zusammen; fast rauh klang seine Stimme von der inneren Erregung. „Ja, Sie haben schon ganz recht, Fräula." Und zugleich tat er einen Schritt' von ihr zurück, sich so der Vei> fuchuug zu entziehen. 458 Im Haus drinnen waren inzwischen mehrfach Laute hörbar geworden, nun klangen Männerstimmen von der Tür her. Es mochten zwei der Touristen sein, die drinnen auf der. harten Bank der Gaststube ruhelos gelegen hatten und nun gähnend die steifen Glieder reckten. „Verteufelt kalt hier draußen!" schauerte der eine zusammen. „Aber immer noch besser als drinnen im Tabaksqualm." „Man muh sich ein bischen Bewegung machen." lind der erste schlug sich nach der Art der Fuhrleute im Winter mit den Händen unter die Achselhöhlen. „Tas beste wäre, man ginge gleich jetzt los. Es ist ja hell wie am Tage." Und Ausschau haltend, gingen die beiden ums Haus herum. Der Spangler hatte bei den letzten Worten seine Uhr gezogen. „Wie spät?" fragte Gottliebe, von ihrem Sitz herabgleitend. „Noch nit amol eins. Vor drei werden wir nit aufbrechen können." „Mein Gott! Noch zwei Stunden sich hier herum- driicken? Das ist ja fürchterlich." „Es helft schon nix," zuckte Toni die Achseln. „Es lvird halt nit eher Tag." „Aber bei dein Mondschein könnte man doch wirklich ganz gut gehen!" griff Gottliebe die Bemerkung des Tou- vtften von vorhin auf. „Da" — sie wies auf den Tabaretta- gletscher gleich hinter der Hütte — „ich sehe ja ganz deutlich den Weg — jede Stufe." „Es möcht' wohl gehn, aber man geht halt nit gern ohne Not bei Mondschein." „Warum aber nicht, wenn es so hell ist?" „Es ist halt so Sitte; kein Führer macht's anders. Es ist, ja auch nit das rechte Licht zum Gehn." „Mer nachher läuft inan doch wieder mit der ganzen Herde zusammen!" fuhr Gottliebe fort. „Denken Die doch, Toni, siebzig oder achtzig Menschen auf einmal — das wird ja die reine Sonntagslandpartie. Entsetzlich!" „J0 freili! Schön ist's schn nit." „Ekelhaft ist es einfach!" entrüstete sich Gottliebe. „Und ich mach' das auf keinen Fall mit! — Toni," ihre Stimme nahm einen schmeichelnden Klang an, „machen wir doch mal eine Ausnahine. Gehn wir bei Mondschein! Ich könnt' mir das ja gerade wonnig denken! Ja? Bitte, bitte!" Es ward ihm schwer, ihr länger zu widerstehen. ,^Jch tät's ja schon gern," schwankte er, „aber der Stadler wird nimmer wollen. Und der Herr Bessow wohl auch nit." „Ach, der kommt schon mit, wenn ich will. Sie haben's ja neulich gesehen! Also springen Sie rasch hinauf zum Stadler und bitten Sie ihn recht schön — in meinem Namen! Sie werden ihn schon rumkriegen." Mn en Augenblick zauderte der Toni noch, aber dann wandte er sich zum Gehen. IN gespannter Erwartung harrte Gottliebe. Etwa fünf Minuten mochten verstrichen sein, da kam er wieder zurück. „Nun?" Ungeduldig eilte sie khm entgegen. Der Toni machte nur eine verneinende Gebärde. „Wie?" Der Stadler will nicht? Was sagte er denn?" „Es wär' ane Verrücktheit, meinte er, ane offenbare Verrücktheit, jetzt mitten in der Nacht fortzulaufen. Und er tät's auf keinen Fall nit." Was er ihm sonst noch gesagt und gedroht hatte, verschwieg er. „So!" Verletzt richtete sich Gottliebe auf. „Also gehen wir allein. Kommen Sie, Toni, machen Sie alles zurecht!" Aber der Spängler stand unschlüssig vor ihr. „Wie? Sie wollen nicht, Toni? Auch Sie wollen mich im Stich lassend' _ In quälendem Zwiespalt zwischen Führerkameradschaft, Pflichtgefühl und Willfährigkeit gegen Gottliebe kämpfte er mit sich. „Ich möcht's dem Alten nit gern antun. Er war ein Freund von mein' Vater selig —" „Ah — auf den Stadler wollen Sie Rücksicht nehmen! Aber meine Wünsche, meine Bitten sind Ihnen ganz gleichgültig?" Verletzt, gereizt kam es von ihren Lippen. „Nun gut, so lassen Hie es! Wer das hätt' ich von Ihnen nichst gedacht!" Uyd sie wollte mit rascher Wendung von ihm weg, ins Haus hinein. * * v - Da vertrat er ihr den Weg. Es zuckte in seinem Gesicht, und schnell stieß er die Worte hervor: „Na, na, ich will ja! Ich geh' schon. Sie sollen sich nit in mir getäuscht haben!" Mit stummer Abbitte flehten sie seine großen Augen an, ihm nicht mehr zu zürnen. Einen Moment verharrte Gottliebe noch in ihrer Ungnade. Es hatte ihre Etilkeit ernstlich verletzt, daß er überhaupt zwischen ihr und dem Stadler hatte schwanken können; aber wie sie nun den flehentlichen Blick in seinen Augen sah — es war ihr fast im Mondenlicht, als schimmere es feucht drin auf — da wurde sie wieder milde gestimmt. Wie der große, starke Mensch da so bange vor ihr stand wie ein Kind, das um Verzeihung bettelt, dieser Beweis ihrer Macht über ihn, machte das von vorhin wieder gut; und ein leises Lächeln trat aus ihre Züge, als sie ihm nun die Hand bot: Gut, Toni! Wir sind also wieder Freund. Ich hole gleich meine Sachen — in fünf Minuten bin ich fertig." . Siie gingen jeder nach seiner Schlafstäkte zurück. Ihre Absicht, sich zum Aufbruch zu rüsten, blieb natürlich nicht unbemerkt und brachte mehrere Touristen auf die Beine, die nun gleichfalls die Frage erörterten, ob sie nicht auch jetzt schon hinauf sollten, und mit ihren Führern darüber zu verhandeln begannen. Das bewog Gottliebe, auch noch ans die Tasse warmen Kaffee zu verzichten, die ihnen die Schaffnerin wenigstens! noch rasch machen wollte. So nahm sie mit Toni denn nur einen guten Schluck von dem kalten Tee, der zu ihrem Proviant gehörte, und dann brachen sie schleunigst auf, um keine unerwünschte Begleitung zu bekommen. Ein halbes Dutzend Herren standen inzwischen bereits draußen vor dem Hause. Tas Gerücht von dem so frühzeitigen Aufbruch einer Partie hatte die Mehrheit der schlaflosen Mitinsassen alarmiert, unb es rumorte bereits allenthalben in den Schlafsälen und auf den Gängen der Hütte, sehr zum Aerger des alten Stadler uub einiger besonnener älterer Führer, die über die „Verrücktheit" dieses Mond-, scheinaufstieges, der ihnen noch die ganze Gesellschaft rebellisch machte, weidlich schimpften. Mit zudringlicher Neugier starrten die Touristen draußen auf Gottliebe, wie sie der Spängler ans Seil nahm und nun mit ihr zum Tabarettagletscher hinabzusteigen begann, der wenige hundert Fuß weit aus den Felsscharten bläulich-weiß heraufschimmerte. Manch halblaute Bemerkung des Staunens und der Mißbilligung folgte den beiden nach. „Gott sei Dank, daß wir von der Gesellschaft weg sind!" Erleichtert atmete Gottliebe auf, als sie einige Minuten später eine Biegung des Wegs den Blicken der Nachsehenden entzog. „Wissen Sie: Ich habe immer noch gefürchtet, daß der Regierungsrat im letzten Augenblick angestürzt kommen und mir vor allen Leuten eine Szene machen würde. Aber er scheint noch keine Ahnung von unscrent Ausreißen zu haben!" Gottliebe lachte vergnügt auf. „Nun holt uns nicht mehr zurück, Toni. Apres nous le deluge!“ IN prickelnder Abenteuerlust atmete sie auf. Welch wundervollen Reiz hatte diese Nachtwanderuug! Die bläulich-silbern überhauchte Eiswclt da vor ihnen lockte sie mit leisem, geheimnisvollem Schauer zu sich hinauf in dieser Stunde nächtlicher Einsamkeit, wo sonst keines Menschöir Fuß dieses Reich der Berggiganten betrat. Keine Spur von Müdigkeit war in Gottliebe und kein Hauch einer Furcht. Sie ahnte ja nicht, sfe dachte ja gar nicht daran, daß sie Gefahren auf diesem nächtlichen Wege umlauerten, daß ihr Fuß durch verwirrende Schatten getäuscht, aus dem Fels fehltreten, daß im Mondfcheingeflim- mer unter der Schneehülle verborgene neue Gletscherspalten sich leicht dem Auge entziehen konnten. (Fortsetzung solgt.j Karl Bernd. Skizze von Otto Neurath. Die letzten Strahlen der Abendsonne lagen über der RheHt- straße und tauchten den alten Holzturm in ein leuchtendes Meer lichtfroher Farben. Auf den Straßen pulste das Lachen und Treiben der Kinder, die in fröhlichem Spiel durch den hohen Turm- bogen liefen oder mit gellender Stimme die Wunder ihrer ZigarrenWstchen anprieicn, die sie stolz unter dem Arme trugen.: „Wer guckt noch emol?" und für ein Paar Kastanien ober einen Gltcker durfte man die gqnze Herrlichkeit, die sie sich aus buntem 459 Papier und schmutzigen Bildern zusaminengcflcbt hatten, betrachten. Andere verkauften Maikäfer für Messiugknöpfe, oder vertauschten Briefmarken gegen Liebigbilder. So trieb das jeden Tag in luftigem Durcheinander, bis es von der nahen Jgnazkirche den „Engel des Herrn" läutete. Tann imutc es rasch still in den holprigen Gassen. In dem schmutziggrauen Hause, das hart an der düsteren Tnrmwand lag, saßen oben in einem schmucken, niederen Zimmer- chen, in dem cs trillerte und pipte von kleinen und großen Ka- naricnvögclchen, drei weibliche Wesen in versunkener Zufriedenheit beieinander. Die Augen der ältesten hingen mit herzwehem Blick an einem schlichten Bilde, über das sich weicher, streichelnder Sonncnglast gebreitet^hatte, als wollte er die dünnen blassen Mangen der jungen Fran liebkosen, die mit großen, friedlichen Klugen ans, dem braunen Rahmen schaute. Es war ihre tote Schwester, die Mutter der beiden Kinder, die geschäftig an einem Nähtischchen hock-ten und farbige Perlen xinsahtcn zu Ringen pnd Ketten. - Das Leben der Straße klang nur wie fernes Rauschen; eine weltentrückte Ruhe sann über dem Raume, und das Brodeln eines kupscrnen Kessels einte sich dem Zwitschern der gelben Bögelchen zu trauter Harmonie. So saßen sie schweigend beisammen, bis die Dämmerung auf grauen Füßen durch das Zimmer schlich/ und ein dumpfes Rollen aus der Eisenbahnbrücke drüben die drei auffahren ließ. „Anna—Liefet—de Baba kemmt!" Mit hurtigen Sprüngen eilten die Mädchen die steile Treppe hinunter und warfen den dicken, rotbärtigen Bäcker Bender fast über den Haufen, der mit einem Korb Poll Brot durch den Hausgang schnaufte. „Aha, de Vatter Temmt!" rief er lachend. Sie gaben ihni gar keine Antwort, so sehr waren sic in Eile. Der Alte schaute ihnen kopfschüttelnd nach und freute sich ihrer Jugendlust. Tas waren zwei, jubelnd und froh, wie der junge Tag. Nur wär die Anna so groß, und schmächtig, und das dunkle Häar, das in schweren Flechten ihre bleiche Stirn umwand, ließ sie noch knöcherner scheinen. Wenn er die sah, mußte er immer an die Mutter denken. Tie ändere freilich war das Leben selbst. Unter den rostbraunen Locken glänzten ein Paar kecke Augen in die Welt hinaus, als wollten sie alles Schöne und Herrliche in sich aufsangen. Tie sang den.ganzen Tag und wußte nicht wohin all mit ihrer Freude und ihrem Glück. „Jä, ja," schmunzelnd nahm er den Korb und schnurrte in seinen schiefen, vom letzten Hochwasser noch feuchten Laden, über 'den eine alte, schwelende Lampe ihr trübseliges Licht ergoß. ' Unterdessen sprangen die beiden zum nahen Bahnhof und setzten sich auf die hübsche, grüne Bank, die der lange Damian hinter seinem Bahnwärterhäuschen zwischen Goldlack und Stiefmütterchen ausgestellt hatte. Dort lauschten sic aus das ratternde Rollen des Zuges und sahen das immer stärker werdende Leuchten der Laternen auf den blanken Schienen. Endlich ftihr die Maschine mit grellem Pfiff in den Güterbahnhof ein. In der Halboffenen; Türe des Packwagens stand ein starker, gesunder Mann in mittleren Jahren, mit rundem glattgeschorenen Kopf und gutmütig zivinkerndcn Augen. Ein rötlicher Schnurrbart lag über der Oberlippe und ein Halblanger Knebelbart ließ die festen Züge noch schärfer hervortreten. Die Mütze saß nachlässig auf dem linken Ohr und zwischen den breiten, weißen Zähnen qualmte ein kurzes' Oelpfcifchcn. Schon von weitem winkte er seinen Kindern zu, und als er mit seiner Mappe glücklich am Boden war, sprangen sie ihm an den Hals und küßten ihn, als hätten sie ihn jahrelang nicht gesehen. Dann hängten sie sich in seine Arme und führten ihn glückselig fort. Auch er war froh, seine Lieblinge wieder bei sich zu haben und ging gutgelaunt in ihrer Mitte. Als man dann fröhlich um den großen Tisch herumsaß und die Lampe summte traulich über den vollen Schüsseln, da erzählte er dies und das, was er den Tag alles gehört und gesehen hatte. Sie folgten aufmerksam seinen Worten, und als das Essen vorüber war, holten sie ihm Pfeife und Tabak, stellten Glas und Flasche vor ihn und gäben ihm seine Zeitung. Er sah, wie die Kinder sich um ihn mühten und freute sich. Ordentlich stolz war er auf seine Mädchen, wenn er auch immer gern einen Jungen gehabt hätte, und als sie nun „gute Nacht" sagten, herzte und küßte er sie, als wollte er ihnen ein Unrecht abbitten. Am anderen Morgen, wie sie aufwächten, stand er schon vor seiner großen Vogelhecke und fütterte die stinken gelben Tierchen, die ihm mit munterem „Tüp-tüp" auf den Arm flogen und sich die Körnchen aus der offenen Hand holten. Hatte er die kleinen Schreimäulchen versorgt, dann stieg er zum Gaubloch hinaus auf die alte Stadtmauer und goß seine Blumen, die er in einigen Kästen dort untergebracht hatte. Später, nach dem Kaffec- trinken ging er in die Stadt oder auf den Friedhof und holte feilte Kinder an der Schule ab. Bisweilen ging er auch aus den Markt und kaufte Obst oder Blumen, oder auf Versteigerungen und ramschte Dinge zusammen, die ihm gerade gefielen oder von denen er sich einen Gewinn beim Wiederverkauf versprach!. Denn das Profitmachen ging ihm sozusagen über alles. So schob er auch stets auf der Straße umher, als wollte er die Pflastersteine zählen. Ta fiel ihm manches unter die Augen, was er gebrauchen konnte, und er konnte eben alles gebrauchen. . Das wären so seine täglichen Arbeiten. Hätte er einmal Nachtdienst dazwischen, dann tat er sie zu anderen Zeiten, aber stets ui derselben Folge und mit derselben Pünktlichkeit. Abends saß er gern in der „Wanz" und trank seinen gemütlichen Schoppen Wenn Das hielt ihn frisch und munter.