M5 - M. 52 Mittwoch, den 26. Februar frauenliebe. Roman von Horst Bodeme r. (Nachdruck' verboten.) 1. Kapitel. Mer letzte Tag' vom Kaisermanöver war's", die Entschci- dung nahte. Die Mittagszeit kam heran, glühend- brannte die Sonne vom Himmel, als wollte sie nach beit an* strengenden Tagen die letzte Probe aus die Manneszucht der kämpfenden Parteien machen. Nur noch einige hundert Meter lagen die Schützen- zöge einander gegenüber, das Kleingewehrfeuer knatterte ohne Unterbrechung, die Reserven traten mit fliegenden Fahnen unter den Klängen der Regimentsmusik zum Sturme an. Ein kurzes Signal lief die Reihen entlang: Seitengewehr pflanzt auf! - " , Bon den Höhen donnerten die Geschütze, von ferne grollte es tote Gewitter. Das kam von den schweren Haubitzen, die unsichtbar mehrere tausend Meter entfernt, ihren tiefen Bast sangen. , Einige Feldbatterien preschten nach vorn, dicht an den Schützenlinien protzten sie ab, um von dort aus den letzten Granateuhagel in die Feinde zu schleudern. Die Luft und der Erdboden schien zu zittern, ein Getose war's, daß man kaum sein eigenes Wort verstehen konnte. Auf einem Hügel, den eine Feldbatteris krönte, stand der Hauptmann mit seinem Oberleutnant zwischen den Geschützen; sie 'beobachteten den Fortgang der Schlacht durch die Glaser. „Gott sei Dank, Herr Hauptmann, dag ivir uns die Geschichte von hier oben ansehen können, denn unsere Pferde sind arg mitgenommen. Wenn wir auch 'ran müßten an die Schützenlinie der Infanterie, könnten uns die alte Senta und der Torrero liegen bleiben." „Die werden ja ausrangiert," erwiderte der Batteriechef und sah durch das Glas rechts seitwärts. Dann.kommandierte er: „Schnellfeuer!" „Jungens, rin mit den letzten Wanöversärtuschen,! rief der Oberleutnant. Das ließen sich die Kanoniere nicht zweimal sagen. Ein rasendes Feuer wurde auf der ganzen Front eröffnet, die Sturmkolonueu hatten die Schützenlinie» erreicht, die sich mit aufgepflanztem Seitengewehr erhoben, sobald die geschlossenen Verbände heran waren. Der Hauptmann ergriff den Oberleutnant beim Arme. „Sehen Sie da rechts" seitwärts!" Aus einer breiten Talsenkung brachen Mei Regimenter Kavallerie hervor, Husaren und Dragoner. Der Hufschlag von Tausenden von Pferden lieh den Boden erzittern, denn hinter diesem ersten Treffen spie die Mulde Regiment auf Regiment aus. „Herr Hauptmann, da, vor unserer glorreichsten Brigade die Kaiserstandarte!" Der Kaiser führte mit gezogenem Pallasch — er, trug Knrassieruuiform — die acht Regimenter starke Kavallerie* division gegen den Feind. Deutlich waren die Signale hörbar. In gestrecktem Galopp, mit eingelegten Lanzen, fegten die Reiter auf den Gegner. Die Sturmkolonnen der Infanterie erreichten ihn mit der Kavallerie fast M gleicher Zeit. Mit Hurra hatte man den ganzen Angriff bis auf hundert Meter herangetragen. Da ertönte das Signal: Das Ganze halt! Rach und nach schwieg der Geschützdonner, zu letzt bei den schweren Haubitzen. Gleich darauf ein neues Signal: Offiziersruf. Die Offiziere sprengten nach" dem Hügel, auf welchem die gelbe Kaiserstandarte mit dem Reichsadler wehte, unk die Kritik anzuhören. Bei den Mannschaften aber war im Nu alle Müdigkeit, die Anstrengungen der letzten Tage vergessen, sie saugen Reservelieder. -„Wer treu gedient hat seine Zeit, Dem sei ein volles Glas geweiht!" Roch während der Kritik, nach kurzer Ruhe, ertönte», bereits wieder Kommandos: An die Geivehre! —- An die Pferde! — Au die Geschütze! Die durcheinandergekommenen Verbände wurden wieder hergestellt, denn ein großer Teil der Truppen mußte noch heute mit der Eisenbahn verladen werden; nur die berittenen Waffengattungen und die in der Nähe stehenden Jnfanterieregimenter benutzten die Bahn nicht zur Erreichung ihrer Garnisonen. Die Kritik dauerte lange. Zu beiden Seiten der Land« straste, auf welcher der Kaiser mit seinen Gästen und dem glänzenden Gefolge die bereitstehenden Automobile bestieg, hielt abgesessen die Kavalleriedivision, die er zur Attacke geführt. In langen Linien standen sie, die Offiziere der einzelne» Regimenter kamen nach Schluß der Kritik angesprengt, übergaben ihren Bursche» die Pferde und setzten sich in den Straßengraben, um den letzten Rest des Früh-; lings zu verzehren. . ■ Da erschollen, brausende Hurras, der Kaiser kam int Schritt angeritten, zu seinen Seiten der Generalfeldmar- schall Prinz Georg von Sachsen und der österreichische. Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand. Beide trugen die Uniform ihrer Ulanenregimenter. Der Kaiser wandte sich an den Erzherzog und zeigte auf die Ulanen und Kürassiere. „Meine eiserne Brigade. Ihr war der Sieg von Vionville zu verdanken." Prinz Georg ritt zu seinem Regimente, den Ulanen, um von ihnen Abschied gut nehmen. Ruch der Kaiser rief den Reitern zu: „Adieu! Ulanen!" „Adieu Majestät!" schallte es zurück. Das Offizierskorps der Kürassiere stand au der Straße. Alle überragte ein blonder, bildschöner Hüne. Des Kaisers Blick ruhte mit Wohlgefallen auf ihm. „Adieu, Kürassiere!" 126 bin ich glücklich verheiratet. Ihre Mütter bat mich, iHv nicht gram zu sein; sie könne nach Hans Moreth keinem anderen gehören, aber wachen möchte ich über ihren wilden Jungen. Ich glaube, bis heute habe ich meine Pflicht erfüllt. Als ich soweit war, ein Regiment zu bekommen, fragte mich der Kaiser eines Tages: „Nein, Seinsheim, haben Sie besondere Wünsche?" Und ich antwortete: „Majestät, wenn ich das Regiment kommandieren dürfte, mit dem ich bei Bionville geritten." — Ich habe diese Bitte nicht allein um' meiner selbst willen getan, obgleich ich natürlich mit jeder Faser meines Herzens an unserem glorreichen Regiments hänge, sondern auch weil Sie, Hans-Wilhelm, bei ihm stehen und" mir Ihre Mutter mehr wie einmal Ihren Leichtsinn schriftlich geklagt hat, denn gesehen haben wir uns seit jener Zeit nicht wieder. Daß, eines Tages die Schlinge schon ziemlich fest um Ihren Hals lag, wissen Sie wohl noch?" Der -Oberst sah seinem Schützling in die Augen. Der war über und über rot geworden. „Na, reden wir nicht weiter darüber, nur Ihr Gedächtnis muß ich auffrischen, Haus-Wilhelm! — Also, ich wurde mit der Führung dieses Regiments, als es frei wurde, beauftragt; drei meiner Vordermänner mußten warten, bis andere Truppenteile ihre Kommandeure _ wechselten. Das war einer von den vielen schönen Zügen unseres kaiserlichen Herrn, mich hat er dadurch doppelt verpflichtet, und Sie, Hans-Wilhelm, sollten ihm auch recht dankbar sein, denn ob ein anderer Storni!taub cur so viel Nachsicht mit Ihrem Leichtsinn gehabt hätte, erscheint mir mehr wie zweifelhaft. Sie fröhnen der gefährlichsten Leidenschaft — den Karten! Ihre Verhältnisse sind mir bekannt, durch Ihre Passion ist Ihr väterliches Gut, das noch dazu Ihren Namen trägt, mit Hypotheken überlastet. Sie haben ja Glück gehabt mrd tragen jetzt ungefähr zwauzigtausend Mark in der Tasche herum, die Sie einem Gutsbesitzer abgenommen haben, der sie, Gott sei Dank, missen kann." „Herr Oberst —" . „Herr Oberleutnant von Moreth," erwiderte der Kommandeur sehr scharf, „bitte unterbrechen Sie niich nicht und beschwören Sie nicht von neuem meine Zweifel herauf, ob ich als Ihr Vorgesetzter oder als Freund Ihres Vaters handeln muß. Sie haben mein Gewissen mehr als einmal in heftige Konflikte gebracht." Der junge Offizier biß sich aus die Unterlippe. De« Kvmmandenr schwieg, als müsse er erst mit seinem Herzen einen Kampf anssechten. Schließlich fuhr er auf. „Der Teufel soll reinfahren, wenn Sie nicht endlich! Vernunft annehmen, Hans-Wilhelm! — Als ich das letztemal in Berlin war, traf ich im Kaiserhof mit dem Bruder Ihrer Mutter, Herrn von Korsing, dem Landtagsabgeordneten, zusammen." Moreth sah seinen Kommandeur erstaunt an. „Ha, Sie wundern sich wohl, daß ich Ihnen davon nichts erzählt habe? — Hatte seine gute Gründe. Hente,- nachdem Sie einen fünfundvierzigtätigen Urlaub in der Tasche haben — ich habe mich selbst dafür verwendet bei der Division — will ich Farbe bekennen. Also, Herr von I Korsing sagte mir, daß auf dem Nachbargut eine gervisse Komtesse Eva Relendorff lebe, die Sie, Hans-Wilhelm, obgleich Sie es gar nicht verdienen, ins Herz geschlossen! hat, daß sie Korb über Korb austeilt und auf Sie wartet, wenn Sie auch niemals die geringsten Anstrengungen gemacht haben, der bildhübschen und schwerreichen Komtesse den Kopf zu verdrehen. Ich bin der allerletzte, der Sre in eine Geldheirat hineintreiben möchte, mein lieber Hans- Wilhelm, aber ich meine, ein hübsches reiches Mädel, das ihre Fehler kennt und Sie dennoch liebt, wird nicht alle Tage für den Oberleutnant von Moreth in der Weltcherum- laufen. Deshalb ist mirs lieb, daß Sie den langen Urlaub bekommen haben. Prüfen Sie sich, Hans-Wilhelm, ein gutes Weib ist das beste, was uns unser Herrgottschenken! kann, und — denken Sie an Ihre Mutter!" t. Der Oberst reichte ihm die Hand. Moreth war ganz benommen, er legte nach flüchtigem Händedruck die Hand an den Helm und trabte zu seiner« Schwadron zurück, ohne mehr wie einen kurzen Dank gestammelt zu haben. ^Fortsetzung folgt.) - -<• „Adieu, Majestät!" „■ „Bitte einen Moment um Verzeihung." Mrt diesen Worten wandte sich der Kaiser an den Erzherzog. — „Oberst von Seinsheim!" „Majestät!" ' Im Nil schwang sich der Kommandeur der Kürassiere, eine hagere, hohe Erscheinung, mit schwarzem, am Kinn ansrasiertem Vollbarte, in den Sattel und setzte über den Straßengraben. „Wie heißt dort der große Offizier?" „Oberleutnant von Moreth, Majestät." „Moreth? Moreth? Den Namen habe ich doch schon gehört!" . , r . Sein Vater siel mit der Standarte tn der Hand bei der Attacke von Bionville." - „Richtig! — Ich bin zufrieden gewesen, Herr Oberst. Im Frühjahr auf Wiedersehen, wenn Sie sich 6ei mir als Brigadekommandeur melden!" Gnädig reichte ihm der Kaiser die Hand. Der Oberst öegab sich zu feinem Regiment zurück. Das glänzende Gefolge ritt an den Kürassieren vorüber, die berühmtesten Generale der Armee, jüngere Gene- ralstabsoffiziere, denen „ine Zukunft gehörte", die Militar- attachees der fremden Staaten, Russen, Türken, Franzosen, Chilenen, Oesterreicher, Nordamerikaner, Italiener, Engländer, Spanier, Bulgaren, Portugiesen, Japaner. Alte waren abkommandiert, nm von den deutschen Manövern zu lernen. Die Kürassiere waren nur fünfzehn Kilometer von ihrer Garnison entfernt. Sie traten sofort den Heimmarsch an, nachdem bas kaiserliche Gefolge die Straße freigegeben hatte. An der Spitze ritt der Oberst mit seinem Adjutanten. Hinter ihnen erklangen fröhliche Lieder. Aber des Kommandeurs Gesicht blieb ernst. Scharf hob sich von seinem Koller das eiserne Kreuz erster Klasse ab, die braunen Augen Blickten starr geradeaus, die Flügel der großen Adlernase zitterten leise. Eben noch war der Kaiser, so gnädig.zu ihm gewesen, und doch schien Sorge auf ihm zu lasten. „Lieber Graf," wandte er sich an seinen Adjutanten, torufeit Sie Moreth zu mir und lassen Sie mich, bitte, mit Hm allein!" „Zn Befehl, Herr Oberst!" Der Adjutant warf das Pferd herum und sprengte zur Britten Schwadron. Zwei Minuten später meldete sich der Oberleutnant Bon Moreth gehorsamst zur Stelle. Der Oberst legte einen Finger der rechten Hand an den Helm unb schwieg. Der lange Moreth schien lebt gutes Gewissen zu haben, demt er warf seinem Kommandeur einen flüchtigen Blick aus seinen blauen Augen zu, strich seinen hohen Braunen Lber die Mähne, klopfte ihm dann den Hals und rückte auch «och den Helm zurecht. Kein Wunder, daß er dem Kaiser ausgefallen war. Denn er war eine männliche Erscheinung, Aewachsen wie eine Tanne, das Gesicht ebenmäßig und braungebrannt, das Kinn breit, über deut kleinen Mund lag ein dtrzgehaltener Schnurrbart. Eine richtige Heldenfigur. Endlich brach der Oberst das Schweigen. „Hans-Wilhelm, ich muß mit Ihnen ein ernstes Wort Krechen. Sie wissen, ich bin lein Kommitzsoldat, habe es rmer für meine Pflicht gehalten, jeden meiner Offiziere »individuell zu behandeln. Und da muß ich weit ausholen, damit Sie mich ganz verstehen, auch auf Ihnen Bekanntes zurückareifen. Ich spreche jetzt zu dem Sohn meines besten Freundes. Als Ihr Vater den Heldentod starb, war er erst wenige Monate verheiratet. Wir hießen im Regiment die „Unzertrennlichen". Minmts Wunder, daß ich im Hause Ihrer Eltern verkehrte wie ein Bruder? Als Sie das Licht der Welt erblickten, deckte Ihren Bater die? kühle Erde schon wochenlang; nach ihm wurden Sie Hans, nach unserem Könige Wilhelm getauft. — Im Jahre dreiundsiebzig wars, da trat ich vor Ihre gute Mutter, mit der ich in steter Verbindung geblieben, wenn sie auch droben in Pommern auf dem Gute still ihrer Pflicht, Sie zu einem tüchtigen. Menschen zu erziehen, lebte, und bat um’ ihre Hand. Ich habe mir einen Korb geholt, Hans-Wilhelm undchabe lange daran zu tragen gehabt. Mm, Sie 1 viffen, seit zehch Jahren 127 Der Zpitalbruder. Skizze von Adolf Stark. Mm Sommer ist der alte Stadler Landstreicher und im Winter Spitals bruder, das heißt, wenn der Wind- kalt über die Stoppeln der Felder zu streichen beginnt und der Nachtfrost sich einstellt, sucht er das nächste Krankenhaus auf und läßt sich in den Krankenstand aufnehmen. Die Aerzte kennen den alten Stadtler längst, sie brummen und s chimpfen, wenn er kommt, aber die Aufnahme können sie dem elenden, schlecht genährten 70 jährigen Menschen doch nicht verweigern. Das weiß der Stadtler schon und aus ein paar derben Worten macht er sich nichts. Beinl Wartepersonal ist er nicht unbeliebt, denn er kennt dte Gebräuche und Sitten, die int Spital herrschen, ganz genau und weiß sich nützlich zu machen, so daß er nicht wie andere Patienten eine Last, sondern eine Stütze ist. Die Wärterin, welche Nachtdienst hat im Zimmer, wo sein Bett steht, kann ruhig schlafen, denn der alte Stadtler nimmt ihr die Arbeit gerne ab. „So ein alter Mensch hat ohnehin keinen rechten Schlaf," pflegt er zu sagen Auch heute ist er gleich in der Höhe, als er hört, daß der junge Mensch, der in der Ecke beim Fenster liegt, wieder seinen Hustenanfall bekommt, an dem er zu ersticken droht/ Ohne die Wärterin zu wecken, welche in ihrem Lehnstuhl sitzt und schnarcht, schleicht er zwischen den Betten hin, sucht beim schwachen Schein der niedrig geschraubten Gasflamme das Fläschchen mit den Tropfen, nimmt ein Stückchen Zucker aus der Schublade, zählt gewissenhaft bis 20 und schiebt das Medikament dem Kranken in den Mund. Dann bleibt er am Bettrand sitzen und wartet, bis sich die Wirkung eingestellt hat. „Na, ist dir schon besser?" fragt er teilnahmsvoll mit gedämpfter Stimme, um die anderen Kranken nicht zu wecken. Ter Gefragte, der schwer ermattet in seinen Kissen liegt, nickt stumm. Als der alte Stadler aber in.sein Bett zurückschleichen will, umklammert der andere mit den ab» gemagerten fiebernden Fingern seine Hand und läßt sie nicht lös. „Bleib noch ein wenig da bei mir," stöhnt er. „Bleib da, ich fürchte mich so." Der Alte kennt diese Zustände; man ist Nicht umsonst seit 20 Jahren Spitalsbruder. „Nu, nu, rege dich nur nicht auf, ich bleibe schon. Schlafen kann ich eh' nicht. So, jetzt liegst du besser, wenn man dir den Polster so in die Höhe schiebt, was?"' Der Kranke nickt. „Gut, sehr gut." „Nun siehst du, ich habe oir's ja gestern gesagt, daß dir bald besser sein wird. Am Ende war das jetzt die Mrisis, weißt du, so sagen die Herren Doktors, wenn es der Besserung zugeht. Wäre miet) nicht schlecht. So ein Mensch wie du, der wahre Riese. Eine Schande ist es Eigentlich, daß so einer überhaupt krank ist." Der andere macht eine heftige, abwehrende Bewegung. „Schweig doch mit deinem Geplapper. Mir kannst du nichts einreden, ich weiß, daß ich sterben muß, bald schon, vielleicht gar heute nacht." Der alte Stadler gibt keine Antwort. Er ist Philosoph. Den Kranken Mut Zureden ist guk, so lange sie daran glauben, aber wenn sie einmal wtssen, baß es zu .Ende geht, dann hat das Reden keinen Zweck mehr. Gr will wieder gufstehen, aber der andere hält ihn zurück. „Hör' mal, Stadler, ich hätt' eine Bitt' an dich. Aber du mußt mir schwören, daß du sie erfüllen wirst." „Wann ich es kann, recht gern- das schwöre ich dir. Was willst du denn?" Und der Kranke erzählt stoßweise, von Hustenanfällen Unterbrochen: „Ich hab' eilten Schatz zuhaus' — — Anna heißt sie — Anna Müller. Hübsch ist sie und brav! und lieb hab' ich sie auch, nur daß sie gerade so arm ist, wie ich. Derowegen bin ich eben fort vom Dorf, in die Stadt, wo man mehr Geld verdient. Aber sie hat mir nicht gut getan, die Stadtluft. Und jetzt lieg' ich da und —" Ein starker Husten anfall, der erst einer erneuten Gabe des Medikaments weicht, unterbricht seine Rede. Es dauert geraume Zeit, bis er fortfahren kann. «Ich habe gedacht, daß aus uns einmal ein Paar Wird. Das ist mm vorbei. Mer bekommen soll sie, was ich mir erspart hab', die Anna. 40 Gulden sind es, da, greif einmal unter den Kopfpolster. Hast du das Tüchel? In dem Knoten in der einen Ecke sind sie eingebunden, drei Zehner, ein Fünfer, und fünf Silbergulden. Die sollst du ihr bringen, wenn ich tot bin." Der Stadler hat das Tuch hervorgeholt, den Knoten! geöffnet und das Geld nachgezählt. „Stimmt alles. Auf mich kannst du dich verlassen." Jetzt, wo er den schwer erworbenen Schatz hergegeben hat, erwacht in dem andern das Mißtrauen. „Wer wirklich der Anna geben, stöhnt er. „Hörst du? Nicht etwa selbst behalten." Der Alte ist nicht beleidigt. Das Elend' ünd die Armut finden Mißtrauen so selbstverständlich. Er beeilt sich, seinen Schwur zu wiederholen, aber der Kranke ist noch immer nicht ganz bertrhigt. „Du hast geschworen, Stadler, du hast geschworen. Und wenn du das nicht hälft, so —i —" Ein neuer Hustenanfall, stärker als die vorigen, und diesmal weicht er nicht einmal den Tropfen. Der Kranke wird blaurot int Gesicht, der Atem pfeift aus der keuchenden Brust, Blut tritt auf die Lippen. „Wärterin, Wärterin!" Verschlafen fährt sie empor und blickt nach' der Gegend, aus welcher die Stimme des alten Stadler erschallt, der vom Bettrand nicht weicht, weil er weiß- daß es dem andern Erleichterung bringt, wenn er ihn stützt und den Kopf hebt. Dann dreht sie die Gasflamme hoch und eilt hinzu. Sie kommt gerade zurecht, um zu sehen, wie ein Blutstrom sich der kranken Brust entringt und die Bettdecke rot färbt. „Rasch, Stadler, lauf um den Herrn Doktor. Nutzen tut es zwar nichts mehr, aber es ist Vorschrift." Und der Alte eilt, den Wachhabenden Arzt zit holen. Als er in dessen Begleitung z,urückk.hrt, ist der Kranke vcx--, schieden. Am anderm Tag verlangte der alte Stadler zum Erstaunen des ganzen Spitals feine Entlassung. Im Feber, während draußen eine Bärenkälte herrschte. Der Primarius schüttelte den Kopf. „Was Ihnen einfällt, Stadler. Sie holen sich ja den Tod." Wer der Alte blieb bei feinem Vorsatz. Eine Stunde später wanderte er auf der verschneiten Latrdstraße dahin. Der Wintersturm blies ihm um die Ohren und die Nase, daß sie rot wurden, viel röter, als sie von Natur aus schon waren. Und der Schnee drang durch die vielen Kücken und Spalten der geflickten Kleidung bis auf die Haut. Aber Stadler marschierte vorwärts, von Zeit zu Zeit die Rechte auf die Brust legend, nm sich zu vergewissern, ob er das' Tuch mit dem Gelde nicht verloren habe. Endlich war er am Ziele. Spät abends war es schort und ganz dunkel. Aus den Heinen Fenstern der niedrigen Dorfhäuser schimmerte das Licht hinaus auf die leere Straße und die Hunde heulten in allen Tonarten den alten Vagabunden an. Endlich traf er jemanden, der ihm Auskunft geben konnte. „Die Müller Anna? Das ist die, welche im letzten Herbst den Kamelbauern geheiratet hat. Da drobert am Berg der letzte Hof, wo die Lichter herüberschauen." "Während der Bettler keuchend den verschneiten Abhang emporsteigt, simuliert er bei sich: „Also geheiratet hat das Frauenzimmer? Wenn das der arme Kerl gewußt hätte! Aber was geht es mich an. Ich hab das «Gvld abzuliefernj und damit basta!" Jetzt wär er ob en an g elangt. Vorsichtig und langsam tastete er sich durch den dunklen Hof, wegen des Hundes. Aber hier gab es keinen. Der Bauer war zu geizig, er wollte das Futter ersparen. Jetzt stand er vor der Türe und klopfte. Keine Antwort. Er klopfte abermals. Dann öffnete er leise die Tür. Mit einem Schrei des Schreckens fuhr die Bäuerin beim Anblick der zerlumpten Gestalt empor, worauf der Bauer, der in der Nebenstube gesessen hatte, herbeieilte. „Hincn^ da, wir haben nichts übrig ür Bettler." „Ich will kein Geld, ich bringe welches," beginnt der alte Stadler seine Botschaft. Und dann erzählt er alles und legt die 40 Gulden auf den Tisch. Das Gesicht der jungen Bäuerin wird! stolz und hochfahrend. „Nä, so was, was der sich gedacht hat, auf die paar Gulden steht die Kamelbäuerin nicht an." „Dann kann ich sie ja wieder mitnehmeit, wenn es euch beleidigt," meinte Stadler und schickte sich an, das 128 AssMsprung. ßTpfk (»ituuftreicficit. Mer der Bauer fallt ihm in den..Arm. Die Auaen, aus denen die Geldgier leuchtet, widersprechen seltsam beit salbungsvollen Worten, die über seine tippen kommen. „Das ist eine sündhafte Rede, was du da sagst, Anna Was von einem Toten kommt, darf man nicht zuruck-- weiseii. Er hat ja nicht gewußt, daß du inzwischen Kamel- bänerttr^tgew0hde^ vielleicht gar schreiben sollen, dem Habenichts?" höhnt sie. . -.. t Der Stadler wendet sich und geht, der Ture hort er noch, wie der Bauer zu ihr sagt: ,,Sei M, das Geld kommt uns gerade gut, können wir nächste Woche am Markt eine Stufi kaufen. Das ist wie gefunden. Der alte Landstreicher wankt durch den Hof und den Abhang hinab. Ein Zorn ist in ihm, er weih sews nicht warum „So ein Gesindel," brummt er. „So ein Gesindel. Dann kehren seine Gedanken wieder zu sich selbst zurück und während er der Schenke zueilt, murmelt er. „40 Gulden und nicht einmal einen lumpigen Kreuzer ^.ruikgeld. So ein Gesindel! Jetzt muß. ich schauen, daß ich diese Nacht irgendwo unterschlupfe und morgen geht nach K. ins Spital. Schade, in E. ist es viel besser, die Kost und alles, aber dorthin darf ich morgen nicht zuruck, wenn ich heute erst gegangen bin. Ob es das Gesindel wert ist. Aber ich Habs ja nicht für sie getan, sondern für den andern. Nun ja, wenn wir armen Leute nicht ehrlich zu- sammenhalten täten, die nix haben, die Reichen - — er wendet sich zurück, gegen den Berg, von welchem die,Fenster de« Kamelhofes heriinterleuchten — die Reichen sind alle zusammen ein Gesindel und die, welche arm waren und bann zu etwas gekommen s»nd, sind die schlechtesten. 40 Gulden und nicht einmal zwei Kreuzer ans einen Schnaps! lind scheltend wankt er weiter, der Schenke zu. Das Ende der Mauern von Paris. . .Fast einstimmig hat der Pariser Stadtrat den Beschluß gefaßt, bei der Regierung um die Schleifung der Befesttgungswatle einzükommen, und es steht außer Zweifel, das; die Regierung ihre Zustimmung geben wird. Damit hat denn eine Frage ihre Losung gefunden, die beinahe vier Jahrzehnte in der Schwebe gewesen ist. An humoristischen Zivischenfällen ist die ganze Angelegenheit sehr reich gewesen. Es braucht nur an das 1 vnrlose Berschwinden des gesamten Aktennmterials im Jahre 1878 erinnert zu werdm, das in jahrelanger Arbeit mühselig zusammengetragen war. Da hieß es denn von neuem beginnen. Aber daß die Sache sich noch 26 Jahre hinziehen würde, das hat sich damals wohl niemand träumen lassen. Kurz und gut, Paris wird „schuhlo» , wie französische Chauvinisten sich zu erzählen wissen. Aber die stattlichen Forts werden einem Belagerer gegenüber wohl eine beredte Sprache führen. . r Der Lage von Paris, die es zu cutem äußerst wichtigen strategischen Punkt macht, entspricht es, daß es von ieher eine starke Befestigung gehabt hat. Die verschiedensten Festungsgürtel, von der einfachen, alles beinahe hermetisch abschließenden Stadtmauer an, bis zum modernen Festungswall, hat Paris int Laufe der Jahrhunderte besessen. Philipp August Karl V., Heinrich IV., Ludwig XIV. und zuletzt Ludwig XVI sind von den französischen Königen jene gewesen, die Paris zu befestigen suchten. Ällerdmg-> hatte der von Ludwig XVI. angelegte BefestrgungSgürtel mehr einen fiskalischen, als einen strategischen Wert. 23 Kilometer war damals die Zollmauer lang. Für jene Zeit ein überaus stattlicher Umfang! Napoleon I. ist der geistige Urheber des heutigen H-estungs- walles gewesen, der jetzt sein Leben lassen muß. Man sagt, daß das Schicksal des fast unbefestigten Wien im Jcchre 1806-in ) Napoleon den Plan hat reifen lassen, die französische Hauptstadt vor einem ähnlichen Geschicke zu bewahren. Aber vorläufig blieb der Plan doch auf dem Papier, und dann drängten sich die Ereignisse derart, daß Napoleon keine Zeit zu einer gründlichen Befestigung von Paris hatte, ein Umstand, der ihm 1.814 den Thron gekostet hat. 'Erst 25 Jahre später wurde die Frage wieder aufs Tapet gebracht, und jetzt war es Thrers, der ich mit,seiner ganzen Tatkraft dafür einsetzte. Es gelang tönt, ap er Minister geworden, dem Parlamente die notwendigen Kredite avzurmgen, und im -Jahre 1840 konnte mit dem Bau begonnen werden. Für die damalige Zeit war es ein gewaltiges Werk. a0 000 Menschen schufen es in mehr als zweijähriger Arbeit, lind eine ganze Infanteriedivision war zur Ueberwachung herangezogen. Die Kosten stellten sich auf 140 Millionen Franks. Der Festungsgürtel war 33 Kilometer lang; er zählte im ganzen 94 Bastiome, von denen 67 auf dem rechten und 27 auf dem linken User der Seme lagen Mer was in den vierziger Jahren genügt hatte, das erwies sich in dem großen Kampfe des Jahres 1870/1871 als unbrauchbar. Die Reichweite der Kanonen war um das Doppelte, ja um das Dreifache gestiegen, und trotz des Walles und der Forts bestrichen Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Charade in voriger Nunimer Po, Blade; Pomade. die deutschen Geschütze weitaus den gröMen Teil der SM Nach 1874. legte man einen Gürtel von Forts rn gelingender -Tust« fernung vor den Festungswerken an und zog so die Lehren an» der fünfmonatlichen Belagerung. „ ,, _,, , In 38 Jahren, bis zum Jahre 1951, muß ine Schleifung! des Festungsgürtels vertragsmäßig beendet sein, und so wird> eA denn noch eine geraume Zeit dauern, bis Parts seiner Walle ledig ist und das gewonnene Terrain dem Allgememzwecke dienstbar gemacht ist. Die Stadt Paris aber muß gründlich in ihren Säckel greifen. Nicht weniger als 400 Millionen Franks wird ihr die ganze Umgestaltung kosten, 100 Millionen davon bekommt das Kriegsministeriilm, 120 Millionen wird die Mtragung dev Befestigungen und die Anlage von Boulevards und Parks ver- schlingen, und der Rest geht an „Kleinigkeitendrauf. Manch alter Pariser aber wird dem fallenden historischen Wahrzeichen mehr als eine Träne nachweinen. vermischtes. * Hundert Jahre F e l d m ü tz e. Das Jahr 1813 hat außer Preußens Erhebung und Befreiung auch die oeldinutze, wie sie heute bei unserem Heere getragen wird, hervorgebracht, a. teie Mütze, die aus dem Geschlecht der „Schliff-" oder „tffv eunntien hervorgegangen ist, mußte viele Wandlungen durchmachen, bevor sie ihre jetzige Form erhalten hat. Im Jahre 1714 belahl pried» rich Wilhelm L, um die damals kunstvoll nnsgeiuhrten Puder- srisuren seiner Soldaten nach Möali bkeit zu schonen, aus den verbrauchten Wollivesten der Unteroffiziere und Mannschasten „Schlasmützen" anzusertigen. Natürlich wurde der BeKHt aus- geführt und die Probe, die der Armee zuging, war eine regelrechte Zipfelmütze mit einer Quaste an der Spitze. ~a mut ‘te Farbe der Wollwesten bei de» einzelnen Regimentern verichteden war, so kann man sich denken, daß auch die Mützen in der Farbe die verschiedensten Variationen auizuweisen Halten. Auch Friedrich der Große hatte nichts gegen das Tragen der Ztwelmutze, uns die Sieger von Roßbach und Lentben Haben sicg, geschmückt nut der blauen, rosa, lila, gelben, weißen oder stroh'arbenen ^chlas- mütze, zur Ri,he begeben. Zur Zeit Friedrich Wilhelms H. scheinen diese Mützen auch am Tage getragen worden zu sem, - denn der König traf die Bestimmung, an dem unteren Mützenrand dw Regimentsfarbe anznbringeii. Weiter verordnete er, dag die Lipfel nur bis zu diesem Rand herunter reichen dunen, außer bet den Husaren, denen es gestattet war, die Zivsi-l bis an, d,e Achsel sasteii zn lassen. Ta diese Aenderungen ivohl kaum luv den Racht- gebraiich gemacht ivurden, so nimmt man wohl mit Recht an. daß diese Mützen auch am Tage getragen ivorden lind. Nach oein Regierungsantritt Friedrich Wilhelms III. wurden zu den Mimen statt der alten Wollivesten die alten Oberunvormeit verwandt und gleichzeitig wird ihr von jetzt ab die Bezeichnuiig „Ieltmutze bet- gelegt. Dadurch wurde erreicht, daß die Grenadiere, Musketiere, Artillerie und Jngenieu.rkorps Preußischblau, .sulmeie und Jager arün (nie ersten trugen damals ebeivalts grüne Uniformen, -ra» äoner hellblau, Kürassiere weiß mit Regimentsveiatz und dw pusaren ie „ach der Farbe ihres Tolmans das außerdienstliche Haupt bedeckten. Im Jalne 1808 wurde der „Zippel" abgeschafft und da- für eine hernnteiknöpfbare Ohrenklappe eingesuhrt. Sieie Art Alütze war nur den Unteroffizieren und Soldaten gestattet zu tragen. Aber erst der 18. Juli 1813 hat, nachdem die Ohrenklappen verschwunden, der Teckel breiter und ein lederner Schirm angesetzt wo,den war, unsere Feldmütze entstehen lassen, die zu tragen man auch den Offizieren erlaubte. 1842 hat lie als Schmuck die Kokarde erhalten und mit ihr zugleich ein Aussehen, das bis heute tm Wesentlichen dasselbe geblieben ist. . * Richtig. Herr: „Sie tadeln die Geldheiraten? Mer man braucht doch zum Fleisch etwas Sauce." -- Dame: „Ja, ja, aber Ihr Herren wollt die Sauce gleich mit Lofseln essen," ver das guten wir der oft iind men stehn ihnen dem sind murren nicht schönen scheu be höh die daß was sich gewohnt vor sie ist daß sie neu schwer Redaktion: K. R e n r a t h. — Rotationsdruck und Verlag der Brühlschen Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen»