sMWWN M i ÜiRk»® K i MW rW MM RZFÄD MRDM . <■! M freudigen Schreckens empfunden hatte. Dieses bartlose Gesicht kannte er doch? Das war ja derselbe Schaft, hey einst den Karl Dechner, alias William Tell, drüben in Amerika in betrügerischem Spiele aufs unbarmherzigste ausgeplündert hatte! £), wie sehnsüchtig hatte Inst auf den Moment gewartet, wo er dem Schurken Ivieder begegnen und ihn zur Verantwortung ziehen würde für feine Schandtaten! Nun war der Augenblick gekommen: sollte er ihm eine Kugel durch den Kopf jagen? Den Revolver trug! er seit seinen amerikanischen Reisen immer bei sich. Er griff nach seiner Brusttasche, aber er stutzte und zog die Hand langsam zurück. Pfui! Du wirst doch keinen Meuchel-» mord verüben? Und selbst, wenn du, um den Triumph der! Rache zu genießen, dich selber schuldig machen wolltest/ darfst du vom Schauplatz «6treten und dich hinter Schloß und Riegel setzen lassen, jetzt, wo der Sohn jenes William Teil der Hilfe bedarf, wo du ihm die führende Hand zu bieten hast, danrit er sich selbst nicht vom Pfade der Pflicht verirre? Just durfte sich zu keinen übereilten Schrrthqn hinreißen lassen, er wollte aber andererseits auch den so glücklich Wiedergesundenen nicht mehr aus den Augen verlieren. Er folgte ihm und betrachtete unausgesetzt die Gestalt, die da vor ihm im Scheine der Gaslater^en wandelte. Wo waren die Zeiten hin, als er noch im fernen Westen mit dem Prestidigitateur und Kunstschützen Tell abenteuernd umhergezogen war und jubelnden Beifall und goldene Ernten eingeheimst hatte? Aber — wie war ihm doch? Wenn der Mann da vor ihm jener Brasilier wach der einst den Vater des Staatsanwalts ruiniert hatte, so mußte er ja noch die Spuren von Dells Revolverkugel Ian der rechten Hand tragen, denn er hatte bei jenem Streite in der Spielhölle zwei Finger seiner Rechten eingebüßh. Just beschloß, dem Falschspieler nicht mehr von der Ferse zu iveichen, bis es ihm gelungen sein würde, auch dessen rechte Hand zu sehen. Die Gelegenheit Lot sich schneller, als Just zu hoffen gewagt hatte. Als Carvalho auf den Wagen der Pferdebahn gestiegen tvar, stieg Just hinter ihm her und stellte sich scheinbar unbefangen 'neben ihn. Er konnte bemerken, wie der Brasilianer mit der Linken seine Geldtasche zog und auch mit der Linken das Fahrgeld heraussuchte; an der Rechten, die das geöffnete Geldtäschchen hielt, fehlten, wie Just im Scheine der Wagenlaterne erkennen konnte, der Zeige- und der Mittelfinger. Das kleine Männchen hätte vor Genugtuung beinahe laut aufgeschrien: Kein Zweifel mehr, der grimmig Gehaßte und so lange vergeblich Gesuchte war gefunden! Und eine andere unsichere Vermutung wurde für Just plötzlich ebenfalls zur Gewißheit: jener Schwindler, der einst den Goldschmied Lampert hatte prellen wollen, und dessen schlau, angelegten Betrug er, Just, noch glücklich hatte vereiteln können, war derselbe Mann hier neben ihm! Er hatte ihn dainals nur nicht gleich wiedererkanüt wegen des dunklen Schnurr- und Knebelbartes, den der Hoch- _ ßaurrnblut. »wman von Gerhart v. Amyntor (Dagobert v. Gerhardt). (Nachdruck verboten.) • (Fortsetzung.) Aber schon in Charlottenburg stieg der Marquis wieder au.', händigte seinem sitzenbleibenden Diener schnell noch fernen Gep-ackschein eiir, flüsterte ihm heimlich noch etwas zu und verließ dann möglichst^unauffällig den Bahnhof, Um sich dem neuen StraßenzMe zuzuwenden, der sich längs des Bahndammes bis in die Gegend des Zoologischen Gartens hinzieht. Fritz fuhr inzwischen weiter nach Loudon. , In der Hardenbergstraße trat Carvalho iir eine neu mngerichtete Barbierftube und ließ dort den Schnurr- und Knebelbart abnehmen -- er mußte, wie er dem Bartkünstler komisch seufzend mitteilte, dies Opfer bringen „ivegen einer Theatervorstellung", in der er mitzuwirken hätte. Gänzlich veränderten Aussehens begab er sich nach der Berliner Straße, sprang dort auf einen Pferdebahnwagen, ließ sich bis zum Brandenburger Tore mitfahren, wechselte dort den Wagen und fuhr nach dem Potsdamer Bahnhofe. Er trug noch die Reisemütze, die er in der Eisenbahn auf- gesetzt hatte, und sein Paletotkragen ivar gegen die kühle Luft des inzwischen ioeit vorgerückten Abends hoch aufgeschlagen. Auf dem Potsdamer Bahnhof ließ er sich vom Pförtner ein dort für ihn lagerndes Köfferchen geben, ging mit demselben nach dem Bahnsteig, und als eben ein Fernzug augekommen >var, mischte er sich unter die demselben entstiegenen Reisenden. So verließ er den Bahnhof wieder, nahm eine Gepäckdroschke und fuhr nach einem Gasthofe ziveiten Ranges in der Nähe der „Linden". Den Portier des Gasthauses fragte er sofort, ob Briefe für ihn angekommen wären, und nannte dabei seine volle Adresse Karl Ritter aus New Pork. Der Portier versprach, nachsehen zu wollen, meldete aber nach weniger Augenblicken schon, daß nichts für den „Herrn Ritter aus New Pork^ eingegangen märe. Nun erst begab sich Karl Ritter, der in seiner schlichten Reisekleidung, mit seinem bescheidenen Köfferchen und seinem bartlosen, etwas schüchternen Gesichte den Eindruck eines echten Philisters machte, nach dem ihm hoch inr dritten Stockwerke angewiesenen Zimmer. Carvalho ahnte nicht, daß er beobachtet und sein Absteigequartier von jemand ermittelt worden war, an dessen Anwesenheit er in Berlin auch im Traum nicht gedacht hatte. Friedrich Just nämlich, der auf der vergeblichen Suche nach Peter Dechner (den er durchaus heimlich .sprechen wollte und an dessen Abreise nach Hamburg er keineswegs glaubte) einer falschen Spur bis nach Charlottenburg gefolgt ivar, hatte zufällig aus dem Laden eines Barbiers' »inen Mann treten sehen, bei dessen Anblick er eine Art 734 (Fortsetzung folgt) Dies ist der Staatsanwalt Teil, der sich der Sache Niik großem Eifer widmet und jedenfalls bessere Auskunft als ich geben kann." Sofort wandte sich der hohe Herr an Dell. „Ich freue mich- Sie kennen zu lernen, HeBr Staatsanwalt: tun Sie nur Ihr Bestes, daß Unser von Brant fern. Geld wiederbekommt! Wen haben Sie denn schon abgefaßt? Teil berichtete nun von jenem Hochstapler der fdjon unteifi den verschiedensten Namen der Hauptstädte der Welt un^ sicher gemacht haben soll,; der Kronprinz horte aufmerksant -• wie aber eine Uhr in der Nahe zu schlagen begmin,. rzählen. Sie kommen doch auch, Herr von Brank?" „Zu BefehE Kaiserliche Hoheit," erwiderte ich, „die Einladungskarte ast mar schon gestern zugegangen." „Ihre Damen sind doch, nicht verge sen?^ - ■ ' ^ wnprinz weiter. „Auch meine Damen werden " ' h zur Antwort. „Dann also au^ । zum Gehen wendend. „Und Sie geschlungen. t , < „War der Herr, der mit uns den Zug verließ, nicht der Staatsanwalt TM?" fragte Frau Klara von, Braiik. „Er war es", versetzte der Gatte, „ich lud ihn ein, mit uns diesen Wagen zu benutzen, er schien aber schon anderweit versagt zu fein." . v, r r, ... „Ist er denn den kronpnnzlichen Herrschaften naher bekannt? Ich denke, es ist heute nur ein kleinerer Kreis Pastler damals trug und den JUst noch nie Mi ihm.gesehen . hatte. Und wie auf einem Webstuhl das Schifflein hiu-- und herfährt, und Faden für Faden kreuzend verbindet, so entstandeil nun auch in seinem auf rechter Fährte befind- | liehen Geiste immer wieder neue Kombinationen, die, je । länger er ihnen nachsann, desto größere Gewißheit gewannen Vielleicht war dieser sogenannte Brasilier auch jene Linkhand gewesen, die in Giersdorf den Einbruch aus- Güdtalch- h-«--. -u-ih- I gÄTiVK .. . einen kleinen Knopf und verglich ihn heimlich mit d n I toenn ich weiter muß; ich habe keine Paletotknöpfen feines Nachbars. Beim wunderbareiiGot I f) 8 . ^^hr 'Was Sie mir da aber erzählt haben, ist Der Knopf, den er in der Haudhate paßte zu den anderen sr-a Fortsetzung begierig bin; Dieselbe Form und Größe! Dieselbe Steinnußmasse! Und interessant °^abend mein Gast im Neuen Palais; hier aus der Brustseite des Paletots, die uo^^lbar dem s Musik hören und es wird sich eine Pause ’VSf'Tt“ V'hiÄ T. I Md-», i» der Sie mir W W-M--.V»». «- '•-» jammerschade,'daß Peter Dechner wahrscheinlich nut tu die Einbruchsgeschichte verwickelt war! Welch ein Erntetag des Glücks wäre dies sonst heute für ^ust gewesen! m to Er hätte seinem Freunde, dem Staatsanwalt, auch .die fragte der Kronprinz w t verboraensten Fäden dieser Sache in die Hand geben und I die Ehre Mven, gav i ) so dessen Findigkeit und Gewandtheit für frie -Angch-r°n» msim-rstum paar Dutzend Herren und, Damen, deren festliche Anzuge gefolgt war, fand E Eud^ iüa§ ir[) in jetier Nacht aber durch schützende Umhänge für das Auge der neugierig I .AA" fragte sich Ellen, die die Erinnerung an lugenden Bahnbeamten fast ganz verhüllt blieben, ent I g! ^tikerbellte Erscheinung Peter Dechners nicht mehr stiegen dem Zuge und begaben sich nach den harrenden die bllvechellie^fcheinnng, Perer^ ^cy ^tLatsanwalt Equipagen, die sie nach dem Neuen Palais bringen sollten, ^os ^werd^rl ihren zierlichen, in Goldkäferleder „Habt Ihr auch eure sieben Sachen? fragte Herr Inenden Fuß auf den Tritt des vor dem Theaterflügel von Brank, der hinter seiner Frau und Tochter in euren | ' § Schlosses haltenden Wagens iind lehnte die Unter- geschlossenen, mit zwei Trakehner Rappen bespannten Lan- ftüfe b ibr 6eim Aussteigen Ritterdienste anbietenden dauer einstieg. Er mußte die Chapia abnehmen, um nn I ca„. beleidigt ab. Wagen aufrecht sitzen zu können; er trug heute feine I ^lber Papa! Gib nur Mama den Arm, ich folge euch. Ulanenuniform und hatte um den Hals das schwarze Seiden- I sie die Schwelle des Schlosses überschritt, war band mit dem weißen Emaillekreuz des Johanniterordeus | , wieder mitten im Nachsinnen über das, was ihr die Pflicht zu tun gebot. Durste sie länger schweigen? War es nicht ein Unrecht gegen den Papa? War die vermeintliche Schonung des Staatsanwalts nicht eine Torheit. Was ainaen den ehrenwerten Herrn Tell die Sünden eines anderen an, der zufällig mit ihm verwandt war? Sie be4 schloß, noch Henle abend dem Staatsanwalt zu sagen, was ie wußte. Gerade aus dem Umstande, daß sie ihm ganz un-i besangen die Mitteilung machen wollte, sollte er er feit nett, wie so gar kein Grund für ihn vorlag, zu erröten und sich durch die Persönlichkeit des Verbrechers bloßgestellt zu wahnen. Mit diesem Entschluß hatte sie ihren Umhang in entern der Vorräutue abgelegt und nun trat sie neben ihrer Mutter und vom Papa gefolgt in den Muschelsaal, wo die Versammlung der Gäste stattfand. befohlen —" .. , „Zu dem er sicher auch nicht hinzugezogen worden wäre", ergänzte der Freiherr, „wenn nicht eilt ganz eigentümlicher Zufall bett Vermittler gespielt hätte. Du weißt, daß ich schon heute früh in Berlin war, um Geschäfte zu erledigen. Wie ich auf einem meiner Gänge den Königs- platz kreuze, treffe ich zufällig den Staatsanwalt, Heu gerade nach Moabit will. Wir schlendern ein Stück Weges zusammen und plötzlich, ohne daß wir seine Annäherung bemerkt hatten, stehen wir vor dem Kronprinzen, der tu ”* ” *"'*• I Witter aus dem mittler. Krottvrinz mit seiner Leutseligkeit, nun, du kennst sie ja! I Teils der Bevölkerung des Mittelalters bestellt war Zu- er luftr ouch seinerseits stehen geblieben und bot mir wie stände, die mit der heutzutage )o oft beklagten u6erbanb einem alten guten Bekannten die Hand. „Haben Sie Ihren I nehmenden Roheit der Gesinnung in den ungebTtbeteren Schreck denn^schon überwunden?" fuhr er freundlich fort, Volkskreisen keinen Vergleich aushalten — dafür legen m ick habe zu meinem größten Leidwesen erfahren, daß I erster Linie beredtes Zeugnis ab die m jener Zeit von den man Sie ziemlich grob ^beraubt hat; ist der Täter schon Fürsten, Landes- und städtischen Behörden erlassenen V e r- ermittett?" — Man hat wenigstens schon eine verdächtige I boteunb Strafbestimmungen mit ihren beigegebe- fßerfon verhaftet kaiserliche Hoheit, erwidert« ich, und auf I neu Motiven. Auch im Gebiet der altheffischenLande den Staatsanwalt deutend, der barhaupt in einiger Ent- war es in dieser Beziehung recht übel bestellti nicht nur in serming von uns ebenfalls stehengMieben war, fügte hinzu: I den Städten, sondern auch in den kleinen Dörfern war 785 Uand in Hand mit einem verderblichen Hana zum Wohl- leben unb zur Faulheit eine grobe Zucht- und Sittenlosigkeit -eingerissen, an der auch das Personal der Kleriker und insbesondere der Klöster unrühmlichen Anteil genommen hatte. Unzweifelhaft waren diese Erscheinungen zum großen Teil auch die Folge des unseligen dreißigjährigen Krieges, der unter der verarmten, verelendeten und verrohten Bevölkerung jeden Sinn für -eine geordnete Lebensführung und die Hoffnung auf Wiederkehr besserer Zeiten untergraben hatte. Mehrere hessische Landgrafen, u. a. Ludwig IV. (von Marburg, 1567 bis 1604) und Ludwig V. (von Darmstadt, 1596 bis 1626) hatten zwar diesem Unwesen durch strenge Verordnungen abzuhelfen gesucht, allein wesentlichen Erfolg scheinen diese ebenso wenig gehabt zu haben, wie die von einzelnen städtischen Organen erlassenen Bestimmungen, die sich z. T. noch in den städtischen Archiven befinden und ein grelles Schlaglicht auf die damals herrschenden Zustände werfen. ,So enthält z. B. das wohlerhaltene Gerichtsbuch eines alt hessisch en Städtchens aus dem Jahre 1589 insgesamt 53 einzelne Bestimmungen teils öffentlich», teils privatrechtlicher und teils polizeilicher Natur, die in bunter Reihenfolge und fystemlos durchemanderstehen und die Zuwiderhandelnden mit z. T. strengen Strafen bedrohen. U. a. wurde darin auch die damals in manchen Gegenden! Deutschlands und- namentlich auch in der Wetterau verbreitete Gewohnheit des L e h e n s au s ru f en s für ab» geschafft erklärt/ wonach durch Schultheiß und Schöffen die Jungfrauen des Orts an den meistbietenden Burschen als „Lehen" ausgerufen wurden, mit der Wirkung, daß die auf solche Weise verhandelten Mädchen während des ganzen -Jahres nur mit ihrem Käufer tanzen durften. Bezeichnend sirr die damaligen Zustände auf beit Straßen, öffentlichen Plätzen und Kirchhöfen und für die Begriffe von Ordnungs- und Reinlichkeitssinn der Bewohner sind auch folgende Bestimmungen: (Nr. 37) „So sollen die Einwohner uff dem markt kein mist, keine Pflüge, Holtz und dergleichen über dreh Tage daroff liegen lassen bey straff 1 sl." (Nr. 38) „So sollen diejenigen, so an die Kirchgassen stoßen, dieselbe gassen nit mit Holtz, Mist, stein oder anderen vnrath versperren, noch Unreinigkeit darin schütten bey straff 1 sl." (Nr. 40) „Es sollen auch beide Kirchhoff rein und nit vn- sauber gehalten werden, kein mist noch vnrath daroff getragen oder geschütt werden bei straff 2 fl." (Nr. 41) „Es sollen auch weder Kühe, Schweine, Schaff, Böcke oder gense varoff gelitten werden bei straff V2 fl." (Nr. 47) „Demnach auch von Burgerssöhnen vud anderen jungen mutwilligen gesellen bey nächtlicher wei-ll vielt Mutwillens geschieht, oa dann solche gesellen je zu Zeiten ihr refugium vud flucht in die offenen Winkelt zu nehmen, mit stein vnd anderem vnrath daraus zu werfsen pflegen, so soll ein jeder sein Winkelt dergestalt zumachen, daß bey nächtlicher weilt nit darin zu kommen, bei straff 2 fl." (Nr. 5) „Sollen auch die vnzüchtige mutwillige Vollseuffer vnd Schwelger nach s. O. (fürstlicher Ordnung) gerügt werden." (Nr. 51): „Es ist auch v. gn. F. vnd H. (unseres gnädigen Fürsten und .Herrn) ernster Bevelch, so offt sich vff den gassen Tumult ereignet, das jeder Burger daselbsten seßhaft ohne besonderes erfordern beyspringen, den Lärmen stillen und die Verbrecher in Hassten liefern helfsen soll vnd wer daneben nachlässig sein würde, der soll 10 fl. zur straff erlegen." Auch in Ansehung der S0 nnt a g s h eilig ung waren sehr scharfe Bestimmungen erlassen: „Erstlichen soll sich ein jeder vff die Sonn und Bethtage zu Gottes Wort vfeistig finden, sich auch vnd-er der Prädicht vff dem Kirchhoff vyd Markt spatzierens vnd des Spielens hinter der Mauer vnd vor der Bonapforte enthalten bey straff in fürstlicher Ordnung einverleibt." (Nr. 2) „Vnd sollen die Eltiften die Verächter vnd vnfleißige Zuhörer göttlichen Wortes vffmerken, solche der Oberkei-t vnd Pfarrherrn anzeigen, damit man sie zur gebühr straffen kann." Bon ganz besonderem Interesse für die Beurteilung der sittlichen Zustände der Bevölkerung des Städtchens zu Anfang des 17. Jahrhunderts sind aber -auch die Kanzelreden des damals als theologischer Schriftsteller und Prediger hochgeschätzten Pfarrers Hartmann Braun (f 1624), die ein überaus düsteres Spiegelbild jener Zustände enthalten. Die recht derbe Art dieser damals auch im Druck erschienenen Predigten entspricht ganz dem damaligen Geist der Kanzelreden, unterscheidet sich aber doch von denjenigen seines Zeitgenossen Abraham a Santa Clara durch ihren sittlicheren Ernst und den Mangel an volkstümlichen Schnurren und Gleichnissen. In einer seiner Kanzelreden beklagt sich der Pfarrer über den Verfall der Religion und der Kirchenzucht, der Roheit und Unsittlichkeit der Bevölkerung in folgenden Worten: „Wie ist doch die Verachtung des göttlichen Wortes so allgemein! Wir haben einen Ekel daran, gleichwie die Jüden an dem Manna. Es sind viele so kaltsinnig, daß sie Gott und seinem Wort zu Eren kaum einen Fuß vor die Thür setzen mögen. Proximus eeelesiae semper vult ultimus esse. Mancher, der nicht den Leuten ein Auge zu verkleiden zum Schein in die Kirche ginge, d-ürffte wohl nimmermehr hineinkommen. Andere, wenn sie schon zur Kirche kommen, können sie doch kaum die Hälfte der Predigten erwarten. Etliche wischen darvon, so bald- nur der Text ist abgelesen worden. Andere bringen mit sich alte Brieffe, Quittungen, Schuldreaister, darinnen sie unter der Predigt sich ersehen und belustigen, Würffel und Karten dürfsten etliche mit sich bringen. Andere sitzen und schlafen oder sind mit ihren hertzen und Gedanken an frembden Oertern und daheim bei der Haushaltung. Etliche sitzen und lauern, ob sie etwas aus der Predigt mögen zwacken und nachmals übel auslegen." ... In einer anderen Rede heißt es: „Ach seyd gewarnt, daß ihr- euch nicht auf den großen Hauffen verlaßet, böses und Unrecht zu thun, -den Predigern. Obrigkeit und Rathsherren und anderen ehrlichen Leuten des Nachts die Fenster aus und einzuwerfsen, die Gespenge aus dem Kirchhoff und die Kellerthüren in dem Rathhaus auszuheben, daß fromme Leute darein stürtzen und Hals und Bein brechen möchten, mit bloßen Schwertern in ehrleche Gastereyen zu lauffen und auf dem Tantzboden herumbzu- springen, mit Degen und Schwertern für den Kirchenthüren zu stehen und Lernten anzuricht-en, mit Aexten, Beil und Barten in die Kirchen zu lauffen und ehrlichen Leuten die Stühle darinnen zu zerhauen, die Wagen und Karren zu zerbrechen, wie die jungen Teuffel zu schreyen und Mordio und Fourie zu rufen, wie es in bt-efeit und vielen vorigen Tagen allhier etzliche Nächte nach einander geschehen ist."... Mag man bei diesen Klageliedern des bekümmerten Seelsorgers vielleicht auch manches seinem geistlich-eit Eifer zu gut halten, so kann doch wohl kein Zweifel darüber bestehen, daß die von ihm öffentlich von der Kanzel herab beklagten Tatsachen auch der Wahrheit entsprochen haben. Nicht minder erscheint aber auch ohne weiteres die Annahme berechtigt, daß jene Zustände nicht allein unter seinen Pfarrkiudern, sondern mehr oder weniger in vielen GegeNf- den Deutschlands und besonders auch der Lande Philipps des Großmütigen verbreitet waren. Dafür spricht auch eine im Jahre 1579 von dem landgräflichen Statthalter, her Geistlichkeit und den Räten zu Marburg gefaßte Resolution, in welcher die Beamten aufgefordert werden, darüber zu wachen, daß vor und unter der Predigt kein gebrannter Wei n getrunken werde, weil in „gebrannten Wein^ schenken" eine große Unordnung sei und Aer-g-ernis gegeben werde, indem nicht allein die Einnehmer, sondern auch die, so von den umliegenden Dörfern zur Predigt kommen, vor und unter der Predigt sich „voll und toll sau ff en", die meisten die Predigt versäumen, etliche voll in die Kirche kommen und Aergernis geben. Zuwiderhandlungen gegen die vorerwähnten Strafbestimmungen wurden in der Regel vor den ans Schultheiß und Schöffen bestehenden „ungebetene n" Gerichten, die etwa unseren heutigen periodischen Forst- und Feldrügegerichten entsprechen, in summarischem Verfahren verhandelt und- bestraft. Daß bei diesen Verhandlungen ebenso wie bei vielen sonstigen Anlässen, in welchen Organe der staatlichen und städtischen Obrigkeit tätig waren, auf Kosten der Gemeinde oder der Beteiligten fleißig Wein gespendet wurde, entsprach dem damaligen allgemeinen Gebrauch, wie denn überhaupt diese edle Baechusgabe in dem gesamten wirtschaftlichen und kulturellen Leben des Mittelalters eilte hervorragende Rolle spielte-. Es leuchtet aber ein, daß diese Sitte des Weinspendens an die Beamten und Ratsmitglieder, für die man heutzutage schlechterdings kein Verständnis mehr hat, zu häufigen Mißbräuchen und Beschwerden der passiv Beteiligten führen mußte. So kam -es denn, daß int Jahre 1584 der Rat des obenerwähnten Städtchens zur Entlastung seines Budgets den hochherzigen Beschloß faßte, in Zukunft nicht über 9 Uhr abends auf dem Rathaus zu zechen, „-es sei denn, daß die Beamten oder fremde Leute dabei wären". Einen Anlaß 736 zur recht häufigen praktischen Anwendung dieses letzteren klugen Vorbehalts zu finden, wird wohl den altruistischen Herren vom Rat nicht allzu schwer gewesen sein! Die vorgeschilderten Zustände mögen eben auch die Ursache sein, daß das von Luther begonnene Werk der Reformation bei der niederen Mldungs- und Sittlichkeitsstufe fast aller Bevölkerungsklassen des Mittelalters, denen das richtige Verständnis für die Odeen und Lehren des großen Reformators fehlte, nur langsame Fortschritte machen konnte. O. Juvenrs. Die Grundlagen der MefothormmMrkung und der Ersatz des Mchchlrmmr durch Radium. Die aktuelle Frage der Wirkung der Mesolhorinmstrablung und anderer radioaktiver Substanzen bat in der lebten Zeit, so fuhrt Tr. Christoph Müller, Inuuenstadt, in einer vorläufigen MUicillmg in der neuesten Nummer der „Münchcner Medizinischen Ä^ochen- schriit' ans, die Wissenschaft und die Ailgeineinheit nt grobe ter- regung gebracht. Aus der einen Seite noch nie dageivesene Erfolge, publiziert von Autoritäten, deren kritisches Urteil nicht anznzwcneln ist, aus der anderen Seite Skeptiker, die die trüben Enttäuschungen, die s. Zt. die Tuberkulinbegeisterttng wachries, als warnendes Bei- spiel der großen Hoffnrnigsfreudigkeit gegenübersetzte». Wer^htn- gegen die Röntgentherapie, so führt der Verfasser aus, nrit Lach- verständnis und Ausdauer durchge'ührt hat inib viele Jahre hindurch an einer grossen Anzahl von Fällen die Wirkung der Rontgen- strahlen kennen gelernt hat, beit werden die mit Mesothorium erzielten Erfolge nicht weiter in Erstaunen sehen. Nach den Darlegungen Tr. Müllers sind nickt die Gammastrahlen, sondern die beim Turchtreten durch die Metalikapsel erzeugten Sekundärstrahlen (Betastrahlen) das Wirksame bet der Mesothorimnstrahlung. Diese Sekundärstrahluna entsteht aber auch, wenn harte Röntgenstrahlen ein Metalls lier von hohem Atomgewicht passieren. Läßt man also harte, stark abstlirierte Röntgenstrahlen auf ein derartiges, nm Crle der gewollten Wirkung angebrachtes Metallsitter mitten, so wird dort dieselbe Sekundar- strahlnng wie bei Anbringung einer Aiesothoriumkapsel entstehen. Damit ist der Weg klipp tn> klar vorgezeichnet, so führt der Verfasser nach seinen umfangreichen wissenschaftlichen Feststellungen hierüber aus, der beschritten werden muss, mit die Strahlenwirkung der radioaktiven Substanzen b.'5 Mesothoriums durch die billigere, genau dosierbare und in all ihren Eigenschaften besser erkannte Strahlung der Röntgenröhre zu ersetzen. Cs handele sich lediglich darum, mit der heute schon zur Verfügung stehenden Rontgcn- apparatur, die sicher in dem Sinne noch verbesserungsfähig ist, eine möglichst harte, stark abfiltrierte Strahlung zu erzeugen. An die Stelle der gewollten Wirkung ivird als Ersatz der Mesothoriunt- filterkapsel ein Metallfilter mit genau bestimmbarem Atomgewicht und genau bestimmbarer Dicke angebracht. Ans diese Art und Weise liegt in unserem therapeutischen Können, ivirksame sekundäre Beta-Strahlung im Erkrankungsgebiete zur Absorption zu bringen. Tie damit erzielten Effekte würden bestätigen, wie ihm auch heute schon eine Anzahl von Erfolgen zur Verfügung stehe, die er mit Ausnützung der sekundären Beta-Strahlen in diesem Sinne erreicht hat und die den bekannt getvordenen Erfolgen mit Mesothorinm- behandlung in keiner Weise nachständen — Wir werden tucitcre Untersuchungen in dieser ohne Ziveifel bedeutungsvollen Frage abwarten müssen. Vermutet hat man diese Feststellungen in der medizinischen Fachpresse schon lange, und darum hat bet Magistrat der Stadt München beschlossen, die für den Ankauf der radioaktiven Heilmittel bewilligten 75 000 Mark nicht zur allgemeinen "21 u- wendung in den städtischen Krankenhäusern zu bringen, sondern sie zunächst Professor Rieder zur weiteren Prüsung ihrer Wirksamkeit zu übergeben. Wie erinnerlich, haben auch wir wiederholt vor einer zu großen Begeisterung gewarnt und zur Vorsicht gemahnt. _________ Vermißtes. ' Ein Trost für die älteren Herren. Vor kurzem behauptete ein amerikanischer Gelehrter, daß die Arbeitskraft des Mannes mit dem 40. Lebensjahr ihren Höhepunkt erreicht hätte, ja er ging noch weiter und meinte, daß die Welt von einem Manne, der mehr als 40 Jahre zählt, nichts Großes und Wertvolles mehr erhoffen dürfe, so daß es am klügsten für alle Herren wäre, sich mit 40 Jahren zur Ruhe zu setzen. Zum Trosts für die älteren Herren, über die der Amerikaner so summarisch den Stab brechen möchte, veröffentlicht eine sranzöstsche Zeitung das Ergebnis einer originellen Statistik, die festzustellen versucht, in welchem Lebensalter der Mann im Besitze seiner höchsten geistigen L e i st u n g s k r a f t ist. Die Betracktung der Geschichte und der großen Männer der Vergangenheit führt, so behauptet jenes Blatt, zu dem Ergebnis, daß die meisten Menschen ihre größten Taten und Leistungen in der Zeit zwischen ihrem 40. und ihrem 5 6. Lebensjahre vollbringen. Tie Chemiker und Physiker haben ihre schönsten Entdeckungen durchschnittlich im Alter von 40 Jahren gemacht, die Dichter bringen ihr größtes Meisterwerk mit 44 Jahren hervor, dock gilt dies nur für die Lyriker und Dramatiker, der Romandichter braucht 2 Jahre mehr, um völlig auszureifen und schreibt sein bestes Werk im Alter von 46 Jahren. Wenn man ein großer Feldherr werden will, muß man zunächst 47 Jahre gelebt haben, der Musiker schreibt seine besten Ton- dicht migen im Alter von 48 Jahren, und vor Vollendung des 4s. Lebensjahres erreicht gewöhnlich kein Schauspieler die höchste Reiie seiner Kunst. Hat man sich das Ziel gesetzt, als Philosoph oder Moralist die Mitwelt zu bceinflussen, so muß man 51 Jahre an! dieser Erde leben, ehe man seine größte Tat vollbringt Ja, der < r i teile Statistiker will sogar fengestellt haben, daß ein Arzt erst int Alter von 52 Jahren zum Meister seiner Kunst wird. 9)iait hüte sich ferner, seine Stimme für einen Politiker abzugeben, dec noch nicht seine 53 Lenze zählt, und was die großen Humoristen anbelangt, so behau, tet die Statistik, daß ihr Humor erst nach Vollendung des 50. Lebensjahres im reinsten Glanze erstrahlt, woraus sich ergibt, daß man die Kunst, feine Mitmenschen zu unterhalten, am spätesten erlernt. Viichertisch. — Arndts Werke. Auswahl in zwölf Teilen, in 4 Bänden herausgegeben, mit Einleitungen und Anmerkungen versehen !von August Äesfson und Wilhelm Steffens. Deutsches Verlagshaus Kong & Ev. — Der ManU, den wir Ijeitte als einen der deutschesten verehren und feiern, ist als schwedisches Untertan zur Welt gekommen und hat lange Zeit mit seiner! Umgebung eine deutschfeindliche Gesinnung gehegt. Erst ganz allmählich, nach mancherlei Erfahrungen, wandte sich seine Hoffnung und sein Vertrauen auf Deutschland, als auf den Retter aus der Rot der Zeit. Und noch länger währte es, ehe er sich innerlich und bann auch äußerlich Preußen auschloß. Und noch Hine zweite Seltfamkeit birgt dieses Lebensschicksal: Der patriotischste (unter den Patrioten Mrde bald nach den Freiheitskriegen revolutionärer Umtriebe verdächtigt und seiner Tätigkeit als Lehrer der akademischen Jugend entsetzt. Wer er erlebte auch '.roch feine glänzende Rechtfertigung und Wiederciir- setzung. t~~ Die vortreffliche Ausgabe der Goldenen Klassiker- Bibliothek bsttet nun in vier Bänden die Früchte seines gesegneten Lebens vereinigt: feine Gedichte, und zwar neben den allbekannten patriotischen wie „Der .Gott, der Eisen wachsen liest" Mch solche persönlichen und idyllischen Inhalts; die politischen ßchriften, allen voran das köstliche Dokument „Geist der Zeit"; dazu die Märchen und Kindergeschichten und die wundervollen Darstellungen aus dem eigenen Leben. All dies ist von den Hevausgeberu durch Einleitungen und Anmerkungen aufschlußreich kommentiert worden, währetrd das Leben selbst im Zusammenhang lvon Wilhelm Steffens fesselrrd imb belehrend dargestellt wird. Beilagen in Kunstdruck und Tertbilder ergänzen den Inhalt in willkommener Weise; die bekannten Vorzüge der Goldenen Klassiker-Bibliothek: großer Druck, holzfreies Papier, geschmackvolle Einbände sind auch hier wieder zu loben. — Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung. Unter den schönen billigen Ausgaben alter und neuer Schriftstellerz die auch für den bescheidensten Geldbeutel erschwinglich sind, verdienen besonders die Veröffentlichungen der Deutschen Dichter- Gedächtnis-Stiftung .Erwähnung. In diesem Jahre sind wieder einige Werke bedeutender lebender Schriftsteller in der „Haus- bücherei" erschienen: „Bauernland" von Mfred Euggen- b e r g e r, dem Schweizer Dichterbauern, eine Sammlung der schönsten Novellen mit Zeichnungen von Rudolf Münger (1 Mk.) Ferner ein Band von .Müller-Guttenbrunn „Deutscher Kampf" (300 Seiten für 2 Mk. in Leder 4 Mk.), der die Röte und Kämpfe deutscher Stammesbrüder in Ungarn schildert. Endlich der 7. Band der „Deutschen Hnmoristen", der fröhlich« Erzählungen von bekannten leb nden Dichtern wie Enking, Thoma,- Grcinz enthält und mit lustigen Zeichnungen von Bexwald geschmückt ist (1 Mk.). Von älteren Werken erschien eine illustrierte Volksausgabe von Hebbels „Nibelungen" (2 Mk.), und ein Volksbuch Vaterländischer Dichtung (50 Pfg.). - Empfohlen sei -auch in diesem Jahre das beliebte „Deuts cha Weihnachtsbuch" (2 Mark, bisherige Auflage 30000 Exemplare. ______ Magischer Vuadrat. In die Felder nebenstehenben Quadrat? sind die Buchstaben AAEEEEGGGGLNS8 8 8 derart einzutragen, daß die ivagerechteu u. senkrecht.Reiben gleichlautend folgendes bedeuten: 1. Landwirtschaftliches Gerät. 2. Ein Gefäß. 3. Schwimmvogel. 4. Teil eines Hanfes. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer r E1 i f e, Liszt. Redaktion: K. N e u r a t ü. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitätr-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gieße»