M3 — Nr. 30 Samstag, -en 22. Februar M Z 8 U_! WW8W W ki tzWD Von Frühling zu Frühling. Roman von Erich Ebenstein. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) XIX anderen Morgen fuhr Meta wirklich nach Mödling. Während sie im Waggon saß, weilten ihre Gedanken immer noch in der Weberschen.. Wohnung, die sich ihr so überaus «gastlich geöffnet hatte. „Jst's nicht ein Bijou, unser Heim?" hatte Berta gestern beiui Schlafengehen gefragt. „Und ist er nicht ein goldiger Mann, ment Max?" Meta mußte beides aus voller Seele bejahen. Max Webet' war wirklich ent „goldiger" Mann. Mit welch offener Herzlichkeit hatte er Meta sogleich willkommen geheißen. Und wie er sich Konradchen gegenüber als „guter Onkel" aufgefpielt hatte. Es war ihnen beiden gleich heimisch geworden in der Luifenstraße. Freilich, mißbrauchen durfte man diese Güte nicht. Zwei, drei .Tage vielleicht. . . aber dann hatte sie ja sicher schon die Stelle in Raffs Sanatorium. Denn knapp ging es bei Webers zu, das hatte Meta auch gleich gemerkt. Um keinen Preis hätte sie den guten Menschen, die jede Andeutung von Bezahlung entrüstet zurückgewiesen, Ver- kegeuheiten bereitert mögen. Das Sanatorium „Fichtenwald" ivar bald gefunden. Schon von weitem leuchtete der Helle Prachtbau am Saume des Waldes dem Besucher entgegen. Meta zog die Glocke ain Gartentor. Ein livrierter Diener öffnete, nahm ihre Karte in Empfang und geleitete sie in Doktor Raffs Privaiwohnung, welche einen großen Teil des ersten Stockwerks einnahm. Die gnädige Fran sei noch bei der'Toilette, werde aber -bald erscheinen. Meta staunte heimlich über die verschwenderische Pracht, mit der hier alles eingerichtet war. Raff mußte sich hier wirklich glänzend stehen. Dann rauschte Herta herein. Sic war überaus geschmack- Voll gekleidet nnb umarmte Meta mit großer Herzlichkeit. „Wie lieb von dir, dich meiner endlich wieder einmal zu erinnern!" sagte sie. „Ich dachte so oft au dich! Wie hast Lu denn erfahren, daß wir hier sind?" „Bon Berta Weber." ' „'Ach, von der kleinen Berta? Wie kamst! du denn mit her wieder zusammen?" „Ich wohne gegenwärtig bei ihr." „Ah, wirklich'?" i Herta war sehr erstaunt. „Wer setze dich doch! Und entschuldige, daß ich dich warten ließ. Ich bin heute etwas im Rückstände, unsere Hausdame ist plötzlich erkrankt, da lastet alles aus mir. Es ist ein rechtes Kreuz bei so ausgedehnten Unternehmungen, bald fehlt da jemand, bald dort . . . nun werde ich wieder suchen können, bis ich für die Goldern einen Ersatz finde. Wer das kann dich ja gar nicht interessieren — entschuldige . , /< „Doch, liebe Herta, es interessiert mich sogar sehr." „Wirklich?" Herta lachte. „Ja — denn um ehrlich zu feilt, muß ich dir -gestehen, daß ich nicht bloß heraus kam, um dich zu sehen. Ich komme auch mit einer Bitte." „Jst's möglich? Willst du Aufnahme für eine» Kranken, oder was sonst?" „Nein. Ich wollte dich fragen, ob du in eurem Sanatorium nicht irgend eine Stellung für mich hast? Ich bin mit jeder zufrieden. . ." Es wurde Meta doch schwer, weiter zu sprechen unter den immer erstaunter und kühler werdenden Blicken der Hausfrau, und sie schloß hastig: „Aus Gründen, die ich -dir später einmal erklären werde, muß ich mir aus eigenen Kräften eine Existenz gründen. .• . könntest du mich nun nicht als Hausdame anstellen? Ich würd-e gewiß. . ." Herta schlug die Hände zusammen und lachte wie über einen Scherz. „Du, Meta, Hausdame bei uns im Sanatorium! Nein, das ist köstlich! Du redest doch nicht im Ernst?" „'Wer gewiß!" Jetzt nahm Herta eine überlegene, -gönnerhafte Miene an. „Ja, meine Liebe, das ist doch natürlich blanker Unsinn! Ich weiß nicht, wieso du in diese . ,. hm, merkwürdige und peinliche Situation gekommen bist — aber das ist sicher: zur .Hausdame in einem Sanatorium eignest du sich nicht! Mau verlangt da sehr viel: Zeugnisse, Er- fahrungen, Kenntnisse in der Krankenpflege und der Führung eines großen Haushaltes, Kenntnisse in der Buch- führung und noch allerlei anderes . 4 ■ kurz, ich möchte dir ja sehr gerne gefällig fein, aber es geht wirklich nicht! Willst du mir nicht lieber erzählen, was geschehen ist daß deine Verhältnisse sich so sehr veränderten? Es ist ja unbegreiflich." Meta stand auf. Etwas in Hertas Ton erkältete sie bis ins Innerste. Nein, das war die alte Freundin nicht mehr. „W hätte doch keinen Zweck, darüber zu reden- da du mir doch nicht helfen willst. . ." murmelte sie. „Nicht willst! Wer Liebste! Beigreife doch: ich kann ja nicht! Ich würde dich mit tausend Freuden ei.nto.beit, unser Gast zu sein, aber wir haben unglücklicherweise jedes Plätzchen besetzt." „Ich danke dir, ich wohne. ja schon bei Berta." 118 „Ja, -amr freilich . . .Herta War -nun doch ein wenig Verlegen; „aber bleibe noch! Willst du nicht die Kinder sehen? Ich werde Raff rufen —" „Nein, bitte, bemühe dich nicht. Ich muß wirklich gehen." „Nun, wie du willst," Herta begleitete ihren Besuch! bis an die Gartenpforte hinab. Etwas erstaunt blickte sie sich dort um. „Ja, bist du denn 311 Fuß gekommen?" „Ich fuhr ein Stück mit der Straßenbahn von der Bahnstation aus." „Aber, Liebste, wenn du doch noch ein wenig warten wolltest ich muß nachher ohnehin in die Stadt fahren wegen der neuen Hausdame, wir könnten so gut zusammen fahren, unser Kupee ist wirklich Bequem."' „Ich danke dir, Herta, aber ich habe Vormittag noch verschiedene Wege zu tun und möchte nicht gerne Zeit verlieren." In Wahrheit beherrschte sie nur der 'Drang, fort von da zu kommen, so rasch wie möglich. Allein zu sein. Nicht mehr dieses hübsche, "kühle Gesicht Hertas vor sich zu sehen mit dem 'konventionellen Lächeln und der Weltdamem grimasse. Es stand in so schreiendem Gegensatz zu dem Bilde der Herta Renner, mit der sie einst im Garten der kleinen Mietvilla ihre Mädchengeheimnisse ausgetanscht und Zu- kimststräume gesporiueu hatte. Meta legte den Weg bis zur Bahnstation zu Fuß zurück. Sie schluckte die Enttäuschung sehr tapfer hinunter und beschloß, anstatt zu Berta zurückzukehren, lieber gleich in die innere Stadt in ein großes Vernüttelungsbureau zu fahren, um womöglich noch heute etwas Passendes zu finden. , An Adressen solcher Bureaus fehlte es ihr uicht, denn sie hatte sie ja früher selbst mehrfach in Anspruch genommen. Meta stellte sich in drei Instituten vor. Ueberall wurde sie zuerst als vornehme Kundin angesprochen, welche eine Gesellschafterin oder Erzieherin suchte. Ueberall lautete der Bescheid daun so ziemlich gleich. Es werde schwer halten, irgend etwas Passendes für sie zu finden. In guten Häusern verlange man Zeugnisse, Prüfungen, Empfehlungen. Ihr Aussehen verriet viel zu sehr die „Dame". Ihr auffallend hübsches Exterieur würde ein bedeutendes Hindernis fein. Und zu alldem eine Frau, welch« von ihrem Mann getrennt lebe, ohne geschieden zu sein! Möglich, daß im Laufe der Zeit irgend ein Zufall etwas für sie Passendes brächte, aber es würde sehr schwer sein — man glaube kaum jedenfalls müsse sie Geduld haben und warten. । Sehr niedergeschlagen trat Meta endlich gegen Mittag den Heimweg an. Es war alles gekommen, wie Berta vorausgesagt hatte. Daneben hatte sie noch das Gefühl, als ob alle ihre Schritte kindisch und unpraktisch wären und sie sich dadurch halb lächerlich gemacht hätte. Aber sie mußte doch etwas finden! Sie konnte nicht warten! Konnte Webers nicht gitr Last fallen, es mußte doch irgend einen Weg geben, auf dem man sich anständig ernähren konnte. Zwecklos schlenderte sie die Ringstraße entlang. Es war schwül und über den Himmel hatten sich Dunstschleier gelegt. „Ich muß zurück," dachte Meta ein paarmal und konnte sich nicht -entschließen, iit einen Straßenbahnwagen zu steigen. Ihr graute davor, Berta ihre Mißerfolge zu schildern. „Sie werden mich heute trösten und morgen doch einander heimlich besorgt anseh-en und sich fragen, wie lange ich bleibe?" dachte sie verzweifelt. Seit gestern Abend hatte Meta, außer einer Tasse Tee äm Morgen, nichts zu sich genommen. Dazu die lange un- Wwohnte Wanderung. Die Beine begannen, ihr plötzlich zu zittern, sie mußte sich einen Augenblick auf eine zufällig leere Bank setzen. Schweiß stand auf ihrer Stirn und das Herz klopfte in lauten dumpfen Schlägen. Und aus einmal war ihr, als stände es ganz still in jähem Schreck. Eine hohe, schlanke Gestalt) die im Begriff war, vorüber zu. gehen, -blieb plötzlich freudig erstaunt vor ihr stehen und eine wohlbekannte, noch so lange nicht gehörte Stimme sagte: „Welch' glücklicher Zufall, gnädige Frau! Ich komme soeben aus ihrer Wohnung, wo mir niemand Auskunft über sie geben konnte, und nun finde ich Sie hier, wie vom Himmel gefallen!" „Herr v. Münster!" murmelte Meta und- wollte sich erheben, fiel aber kraftlos wieder auf die Bank zurück. „Sie waren bei mir?" „Ja, und weiß Gott, hätte mich nicht der Zufall in Ihren Weg geführt, ich hätte mich an die löbliche Polizei wenden müssen, um Sie aufzufinden." Fragend sah sie ihn an. Und während sein Blick ernst und to-arm auf ihr ruhte, stieg plötzlich langsam eine tiefe Röte in ihr blasses Gesicht. Einen Augenblick vergaßen sie b'eide Zeit, Ort und Umgebung. Sie waren wieder int Steinachtal und empfanden die unauflösliche Gemeinschaft, die ihre Seelen verband. , Alles, was dazwischen lag, war ausgelöscht. Und es schien ihnen ans einmal diese Zusammengehörigkeit so selbstverständlich, daß sie nicht begriffen, wie Jahre vergehen konnten, ohne daß sie etwas voneinander wußten. Es hatte ja immer in ihnen gelebt, immer! Und was das Schicksal auch darüber gehäuft hatte — sie fühlten es beide in dieser Minute: es war unverändert geblieben, weil es unsterblich war. Münster faßte sich zuerst. Er stand auf und nahm M!etas Arm in den seinen. „Wir wollen -diese Stunde des Wiedersehens nicht auf der Straße feiern. Wir haben einander viel zu sagen und! da Sie kein eigenes Heim mehr haben, schenken Sie mir vielleicht die Ehre, hier irgendwo in der Nähe ein bescheidenes Mahl mit mir einzuuehmen. Ja?" Meta folgte ihm ohne Widerstreben. Sie wäre ihm bis ans Ende der Welt gefolgt in dieser Stunde, die ähr gezeigt hatte, daß -er derselbe geblieben war, als der -er -einst von ihr gegangen. Sie traten in «in elegantes Restaurant am Step-Hans- platz. Wie Zeit, wo andere Leute zu Mittag speisen, war vorüber und es hielt nicht schwer, ein ruhiges Plätzchen zu sind-eu, w-o man ungestört sprechen konnte. Während Münster rasch das -Essen bestellte, suchte Metck ihre Geo-anken zu -ordnen. Eine fast mädchenhafte Verwirrung hielt sie gefangen, in der nur ein Gedanke Aar war: „Er ist gekommen! Endlich! Endlich!" War es nicht wie ein Wunder? Ihr war zumute wie der Prinzessin im Märchen, die nach langen, schauerlichen Leiden endlich von ihrem Ritter erlöst wurde . < . Auch ihm erging es ähnlich. Was war nicht mehr der ernste, maßvolle Münster, an dem Wort und Blick immer korrekt waren. Seine Augen leuchteten hell und freudig wie in der Jugend, und an Stelle- des Ernstes trugen sein« Züge den Ausdruck neu -erwachter Hoffnung. Auf einmal legte Meta ihre Hand auf Munsters ArM. „Warum haben Sie mich gesucht? Was wollten Sie von mir?" „Das Recht, endlich für Sie -eintreten zu dürfen! So lange ich Sie zufrieden und geborgen glaubte, mußte ich schweigen, nun ich aber weiß, in welcher Lage Sie sind —" Meta erblaßte, der frohe Schimmer in ihrem Gesicht erlosch. Sie erwachte aus dem Märchentraum und besann sich auf die Wirklrchkeit. „Sie wissen . < .?" „Alles. Darum bin ich gekommen, weil Sie einen wahren Freund brauchen." Sie begriff nicht, woher er wissen könne. War denn ihr Elend in aller Leute Münd? (Schluß folgt.) Aus der Zeit der Befreiungskriege. Kriegslasten der Stadt Gießen im! Jahre 1813.. (Nach allen Bürgermeistereirechnungen.) Von Dr. H. Bergär-Gießen. Die üblichen Vorstellungen von den Kriegsbedrückungen, die die Stadt Gießen mit Umgebung während der Napoleonischen Kriegsoperationen im Jahre 1813 habe erfahren müssm, beschränken sich gewöhnlich nur auf die Zeit nach der Völkerschlacht bei Leipzig. Nachforschungen in alten Gießener Bürgermeistereirechnungm ergaben, daß das ganze Jahr 1813 von Anfang bis zu Ende der Stadt Gießen, wenn sie auch fern vom Kriegsschauplatz, lag, Bedrückungen aller Art gebracht hat, Heimluchungen, wie sie wohl schlimmer schwerlich ein anderer Ort in Deutschland damals erfahren hat. 119 Aini 16. Dczenrber 1812 war Napoleon, als Herzog Don Piacenza reisend, in Hanau angekommen, von wo er nach kurzer Mast int Gasthaus „Zum Riese»:" schleunigst weiter fuhr. Ihm folgten Scharen kranker und verwundeter Soldaten. Aber nicht nur ans der großen Leipziger Straße über Hanau, sondern auf Men Heerstraßen bewegten sich die Trümmer der einst so stolz «usgezogcnen französischen Armee, die im elenden Zustande jetzt uns Rußland zurückkehrtcn. Auch Gießen passieren schon imJ Januar 1813 auf der Rückkehr befindliche Franzosen. Um 30. Januar wird hier schon rin „Q u a r t i e r a m-1" errichtet, um für die durchziehenden Fran- Aosen zu sorgen. Am 28. Februar erhalten Lollar, Heuchelheim und Wieseck französische Einquartierung; denn es werden nach der Rechnung Botengänge dahin vergütet, „nm1 Franzosen, 1 Kom- Pagnie Franzosen dahin zu leite::". Unter den ankommenden Franzosen befanden sich viele Kranke. Außer dem „Bürger- Ko spit al" am Selters weg müssen noch 3 Lazarette errichtet werden, vor dem Neustädter Tor, „ander Ziegel- Hütte" (Kaiserallee, hinter dem „Krokodil") und im Schultz a n s e „i nderHinterga ß" (jetzt Wetzsteingasse neben Metzger Sack). Während des Monats März kamen tagtäglich Wagen mit Kranken an, die so elend waren, daß sie „mit der Bortschaise" (Porte-Chalset ins Spital getragen werden mußten. So wurden am 1. März 30 Kreuzer bezahlt „vor 2 Mann, Franzosen mit der Bortschaise in daß Lazarett zu tragen". Gleiche Vergütung für dieselbe Arbeit wurde bezahlt am 3., 17. und 18. März. > Das Blufwarten und Wachen in den vier Lazaretten erforderte besondere Ausgaben, und nicht imMer waren die nötigen Kräfte zu haben, um, wie , es in den Randbemerkungen der Rechnungsbelege oft Heißt, „d i e eke lhafte" Arbeit zu verrichten. Auch dieKriegs- f ährten, die Gießener Fuhrleute am 2. Februar nach Wetzlar, MM 16., 20., 24., 25., Februar, am 4., 8., 14., 20., 27. und 30. März nach Friedberg zu unternehmen hatten, werden wohl meist der Weiterbeförderung der Kränken gedient haben. Anr 22. März wird ein Transport Kranker nach Kloster Arnsburg gebracht. Im März finden die Bewegungen der französischen Truppen von Friedberg aus über Gießen nach Norddeutschland statt. Es waren Truppen, die ans den deutschen Kantonierungen, hauptsächlich aus Mainz, Frankfurt itnb Umgegend kamen. Tag und Nacht treffen Franzosen in Gießen ein, und das Quartieramt hat vollauf zu tun, nur die Ankommenden durch besondere Boten nach den umliegenden Ortschaften zu leiten. Am 1., 2., 3. und 4. März erhalten Mainzlar, Wieseck, Daubringen, Staufenberg und Mten-Buseck französische Einquartierung. AM 5. März muß ein Bote einen Brief nach Großen- Linden an den ankommenden französischen Kommandanten bringen, „damit in Großlinden und Kleinlinden die Einquartierung zurückbleibe", jedenfalls, weil Gießen und Umgegend schon zu sehr belastet waren. Am 7. März müssen zwei Boten gestellt werden, die 1 fl. 30 Krz. erhalten, „um bei der Nacht französische Quartier- Macher nach Großbuseck zu bringen". In derselben Nacht müssen Boten französische Kompagnien nach Burkhardsfelden, Alten- buseck, Reißkirchen leiten. In Großbuseck befand sich das Standquartier des „französischen Kommandanten", dem 'in der Nacht vom 10./11. März durch einen Boten ein Eilbrief aus Gießen überbracht wird. Dorthin werde:: anch am 11. die ankommenden Pulvertransporte gebracht. Am 14., 16. und 17. März erhalten Heuchelheim, Wieseck, Ruttershausen, Burkhardsfelden, Steinbach, Daubringen Einquartierung. Am 16. Muß ein Bote gestellt werden, um des Nachts einen Tram französischer Artillerie nach Lollar zu bringen. Am 22. wird je eine Kompagnie Franzosen in Heuchelheim und Leihgestern emquarticrt. Am 19. und 24. März gehen Boten mit Briefen an den französischen Kommandanten in Laubach ab. Anr 29. wird ein Bote des Nachts nach Schotter: beordert, um Fuhrwerke nach Gießen zu bestellen. Am 28. März müssen Bürg erwachen gestellt werden zur Sicherung der französischer: Bagage im Zeughaus. Am 31. März Aussen Gießener EmwohUer die ganze Nacht wachen, um die an- i o mm end en französischen Tru p p e n zurechtzu- w c: l e n. Vom 2. bis 14. März werden Gießener Bürger beordert, um ÜB n gen zu stellen und Vorspanndienste zu leisten zu Kriegs fahrt en nach Marburg. Am 17. Werder: Wagen reqmriert zu Kriegsfuhren nach Lich und Laubach. 12 fl. werde:: an Anton Krailings Witwe bezahlt, „für eine Stube und Hand- werksgesch:rr pro 15 Tage vom 9./2G. März an die franzö- ,s:ichci: Büchsenmacher verliehen gewesen." Nachdem Napoleon im März seine neuen Aushebungen in .Frankreich beendet hatte, werden nun auch im April die Bewegungen der französischen Truppen in Deutschland lebhaft, namentlich gegen die Mitte des Monats. Am 16. April marschierte die französstche Kaisergarde, 16—18 000 Mann stark, durch Hanau. Napoleon selbst reiste anr 25. April über Hanau zum Kriegs- schauplatz Am 1 April muß, ein Bote nachts 2 .Uhr von Gießen nach Lechgestern nnt Wagen'abgehen, nm die Franzosen fortzu- schaffen . Am 9. April war eine Kompagnie „Westphälinger" nach Daubringen und Mainzlar zu leiten. Am 8. und 9. April fanden zahlreiche Durchmärsche französischer Truppen über Gießen statt, ö fl. 20 Krz. erhielten „Daniel Flett und Eonsorten, welche vom 1. bis 8. Llpril die bei Nacht angekommenen Truppen zurecht gewiesen haben". In der Nacht vom 8. zum 9. war außer im Quartieramt auch eine starke Wachmaunschafk ins Gasthaus „hum Schwa::" (Walltorstraße) nötig, „wegen des an- komnienden Militärs zurecht zu weisen". Am 9. April wurdeuj 4 ffi. verausgabt für Arbeitslohn, „um eine:: großen Transport Cf- fekteu von nachmittags 3 Uhr bis nachts 1 Uhr, da beständig Fuhrleute ankamen, abzuladen". 12 fl. erhält Peter Flett „für die Bestellung beim Fuhrwesen Von: 1. bis 30. April", ebenso 4 fl. 50 Krz. „Daniel Flett und Consorten, welche den in der Nacht Von: 9. bis 19. April angekvmmenen Militärs Personen frische Fuhren herbeigeschafft haben". Fuhrwerke mußten gestellt werden am 17., 18., 19. und 24. April nach Marburg. Am 14. April bekommen Heuchelheim, Kinzenbach, Gleiberg, Launsbach, Krofdorf französische, Einquartierung, die an: 19. ivieber Ordre zum Abmarsch erhielten. An: 17. April zeigen sich zum ersten Mal Polacken in Gießen. An diesem Tage muß ein Bote einem polnischen General bei: Weg nach Großbuseck zeigen. Am 19. kommen Polacken in Grvßlinden, am 30. in Wismar und Oppenrod ins Quartier. Vom Mai bis August sind die Polacken die Herren in Gießen. Am 1. Mai kam ein großer Transport „polnischer Effekten" au, der am 3. Mai nach Laubach befördert wurde. Am 7. Ma: mußte das philosophische Auditorium geräumt werden „zum Einnehmei: des polnischen Magazins". Am 11. Mai kamen 15 zweispännige Wagen mit polnischen Effekten an. Am 1., 5. und 7. Mai erhalten Reiskirchen, Dudenhofen, Wetzlar, Lützellinden und Wismar .Einquartierung. In Wetzlar uuo L a u b a ch waren Stationen für hie Oberleitung der polnischen Truppen; dem: es müssen von Gießen aus Boten gestellt werden für Ueberbringung Von dringenden Nachrichten. In Gieße:: befand sich eine polnische Kanzlei; 24 Krz. werden verausgabt für Ausbesserung eines Tisches „zur Canzleh der Po- lacken". In den Stallungen des Gasthauses „zun: Schwanen" und in dem Zeughaus waren Monate lang die Pferde der hier in Quartier liegende:: polnischen Soldatei: untergebracht, wodurch dem Quartieramt ständige Ausgaben für Besorgung von Stallwachen erwachsen. Das bis zu Ende des Monats Mai noch in Gießen ankommende polnische Militär wird meist nach Lollar, Staufenberg und Großbuseck, Klein-Rechtenbach, Dudenhofen abgeschoben. Die Monate Juni itnb Juli verliefen etwas ruhiger, insofern, als die seitherigen Truppeickmrchinärsche nach- lreßen. Um so größer war der tägliche Zugang Von Kranken.und Verwundeten. Nicht nur die bereits bestehenden Lazarette waren überfüllt, sondern auch das Rathaus war beständig mit 100 Mann belegt. Die Lieferung von gemischtem Brot und Weißbrot zu:n Frühstück, die Job. Heinrich Moll Wwe. übernommen halte, erforderte durchschnittlich eine Ausgabe von 3 fl. Für den Wärterdienst auf dem Rathaus waren täglich 15—20 Personen zu bestellen, die etwa 6 fl. insgesamt täglich erhielten. Da der Wärterdienst recht unangenehm war, so mußte auch die Vergütung dafür erhöht werden. So erhielten unter anderen: „Conrad Rinn und Consorten für Aufwartung bei den Verwundeten von: 17. bis 20. September 17 fl. 10 Krz". Nachdem sich im Aug u st die Polen aus Gießen verzogen hatten, kommen wieder vereinzelte Kolonne:: Franzosen an. Vom 13. August bis 18. Oktober werden beständig Gießener Fuhrwerke requiriert zur Beförderung der Bagage in der Richtung Marburg. Am 8, Oktober müssen Fuhrwerke nach Gladenbach gestellt werden, am 22. nach Friedberg. Anfangs Oktober kommt französische Kavallerie nach Lollar, Daubringen und Mainzlar ins Quartier. Am 28. Oktober sind Von Gießen ans französische Dragoner nach Königsberg zu leiten. Während der Monate November und Dezember, mit Ankunft der Truppen der verbündeten Armee, ist Gießen und Umgegend ein vollständiges Kriegslnger. Nicht nur Gieße::, sonder:: auch die umliegenden Ortschaften hatten schwere Em- quartierungslasten zu tragen. Heuchelheim erhielt am 2., 6. und 18., November russisches Militär, am 5. November preußische Artillerie., Am 2„ 5., 7., 13. und 16. November werden Russen in Rvdheim einquartiert. Am 2. und 14. kommen Russen nach Hohensolms ins Quartier, am 4. Kosaken nach Königsberg und russische Kavallerie nach Krofdorf, am 7. Russen nach Fellingshausen, an: 5. russische Husaren nach Steinberg, am 7. Russen nach Daubringen, am 16. nach Wieseck, am 17. nach Rödgen. Lollar erhielt am 20. November Kosaken als Einquartierung an: 7. Dezember preußische Truppen. Am meisten ivurdeu mit Einquartierungen heimgesucht die an den Straßen nach Wetzlar licgenben Ortschaften, weil die Marschroute der ankommenden Truppen über Wetzlar—Weilburg das Lahntal hinab führte. Sv kamen nach Kleinlinden ins Quartier am 2., 6., 11. und 16. November Russen, am 6., 7. und 8. preußische Truppen. Dudenhofen, Rechtenbach, Lützellinden, Hochelheim blieben gleichfalls nicht verschont. Am meisten litt Großlinde:: unter bei: Einquartierungslasten, das nicht nur 6e: dem Hinmarsch der französischen Truppen, sondern jetzt wieder bei, den: Zurückfluten der verbündeten Armee fortwährend belästigt wurde. Außer bei: erwähnten werden noch viele andere Ortschaften mit Einquartierungei: heimgesncht worden sein, die nicht durch das Gießener Quartieramt veranlaßt wurden. Das Quartieramt'befand sich in: Hanse des Ratschöffen Schmid, der während dieser Zeit bett Titel „Kriegsbürgermeister" 120 führte, Me Rcchmtugeu mußteir von ihm angclviesen werden. Im November wurde das Quartieramt „wegen der vielen hier tmnl) passiereirden Russen und sonstigen Truppen auf das Rathaus verlegt. Das Stelleir einer dauernden Wachmannschaft, dre stets bereit sein mußte, Botengänge bei den ankoinmenden Truppen zu versehen, leLte der Stadtkasse bedeutende Ausgaben auf. So werden ain 1. November 1,8 fl. 12 Krz. verausgabt an 3 Mann für Wachen im „weißen Roß" ioährend 7 Tage und 7 Nächte. Vom 1. auf 2. November müssen 10 Mann Wache „im Stern" und Zeughaus gestellt werden „ivcgett Kriegsunruhen". 4 fl. 40 Krz. werden verausgabt für „14 Mann Wache im Zeughaus bei den russischen Pferden", wie auch „im Stern wegen der Ordo- nanzen", am 5. NovemAer 8 fl. 20 Krz. für 25 Mann Nachtwachen im „Stern, auf dem Rathaus, bei Stallmeister Frankenfeld lUni- versitätsstallmeister) und ins Sprucke". Am 9. November waren „bei der außerordentlichen Einquartierung und der die ganze Nacht dnrchpassierenden Russen und Preußen 40 Man n als Boten auf das Rathaus bestellt". Vom 10. auf 11. November werden 20 Mann zur Nachtwache auf das Rathaus beordert und erhalten 6 fl. 48 Krz. Vom 11. auf 12. sind 16 Mann Wache nötig „wegen der vielen auf dem Rathaus gelegenen französischen Gefangenen und der deshalb notwendigen Bestellungen". Am 12. November waren wieder 7 Mann auf das Rathaus befohlen, um Kranke >und Verwundete zu tragen. Da das Geschäft äußerst unangenehm ist werden dem Mann 15 Krz. bewilligt. Am 12. mußten 3 Fuder Roggenstroh geliefert werden „zum Behuf der französischert Kriegsgefangenen in dein Rathaus". Am 26. sind Aufwärter nötig für die« russischen Kranken auf dem Rathaus. Am 3. November sind 1 fl. an Fährlohn verausgabt, „um Fourage für die Generale v. Sacken und Blücher in die Quartiere zu fahre n". (Blücher logierte im Einhorn.) 30 Krz. erhält Johs. Pfaff, „um Stroh bey der Pulvermühle vor die Russen zu fahren". 1 fl. 36 Krz. werden verausgabt, um Brot und Fourage für die Russen am Schießhaus zu fahren. 30 Krz. erhält Wilh. Frech, einen Wagen Hafer an das Schießhaus zu fahren. 12 fl. werden Johs. Moll vergütet für das Bestellen von Fichrwerken vom 1. bis 15. November. 2 fl. 18 Krz. werden an Fr. Frank und Lonh bezahlt, „welche am 3. und 4. Dezember bei Tag rind Nacht die 'Fuhren herbeigeschafft haben, ebenso an Joh. Hilgard und Wilh. Moll für gleiche Leistung anr 6. Dezember. Alle möglichen Anforderungen wurden an die Stadtkasse gestellt. Sie muß 54 fl. an I. Berger bezahlen für 180 Pfund Wagenschmiere für das russische Militärfuhrtoerk. Im November lieferte zu Lasten der Stadtkasse der Gastwirt „zum goldenen Hirsch", Joh. B. Müller, auf Befehl des Herrn Polizeirats Raiß an die Tafel des Herrn Prinzen General Whishilikow 2 fette Welschen ä 4 ft. 30 Krz. und einen fetten Kaprun a l fl. 30 Krz. Am 19. Nov. werden verausgabt 4 fl. für Lieferung von 4 Enten für die Generalstafel in Nr. 650, ferner 2 fl. für eine fette Gans an denselben General. Der Betreffende wohnte im -ehemaligen v. Gabertschen, jetzt Gailschen Hanse in der Neustadt. 2 fl. 30 Krz. erhalten 2 Personen, die die Aufwartung bei dein Herrn Grafen v. Schmettan gehabt hatten. 24 St;, erhält eine Person für Bedienung bei dem Prinzen Wilhelm v. Preußen (Bruder des Königs Friedrich Wilhelm III.). Für Wache bei demselben Mährend 2 Tage und Nachte werden 40 Krz. verausgabt. 48 Krz. erhält die Nachtwache „bei den russischen Kühen im Linkerschen Garten". Ms Dolmetscher bei den Polen und Russen dienten Friedrich Mohr imb Thomas Chovernsky. Mohr hatte schon im August bei der Anwesenheit der Polen die Verständigung vermitteln müssen; er bekam die jeweilige Dienstleistung mit 50 Kreuzern vergütet. Chovernsky scheint erst später mit dem Eintreffen der Russen zugezogeu worden zu sein. Er erhielt 30 fl., weil er „als Dolmetscher bei den Russen auf dem Rathaus gebraucht wurde". lieber 1000 fl. werden verausgabt für Branntwein. Lieferanten waren Hast u. Eckstein, Heinr. Wilh. Ferber, Waith. Wecker Wtwe., Gottfried Gilbert und Wilh. Hofmann von Dorf- Gill. Im ganzen wurden während des Jahres 1813 aus der Stadtkasse bezahlt: an B o t e n l o h n 1363 fl., für Lieferung an die Truppen 26 375 fl., für Kr iegssahrten 8875fl., insgesamt 3 6 513 sl. Die Rechnung wurde 1816 in Gegenwart des Bürgermeisters und der Ratsschöfsen geprüft, aber erst endgültig 18 2 7 nach stattgehabter Revision abgeschlossen. 22 642 fl. mußten auf die „Stadt-Schnlden-Tilgungskasse" übernommen werden; den übrigen Betrag übernahm die Landeskaffe. Den Schaden, den die Bürgerschaft während der Kriegswirren 1813 durch Einguartierungeic, Kontributionen, Schwierigkeiten im Erwerbsleben, Verteuerung der Lebensmittel, erlitten, läßt sich mcht ziffernmäßig feststellen. Immerhin wird er auch beträcht- lcch gewesen sein, und er mußte dauernd schwer empfunden Werden, da die Jahre 1814 und 1815 nicht nur nicht Erleichte- vungen brachten, sondern noch neue Anforderungen an die finan- Sielle Leistungsfähigkeit der Bürger stellten. Vermischter. kf. Wie weit Schwalben fliegen. Der HerausgEkS der englischen Zeitschrift „British Birds" hat im! vergangenen Jahre beinahe 12 000 Schwalben auf die gleiche Weise beringt, wie es unsere wissenschaftlichen Vogelwarten tun. Er hat nun aus den verschiedensten Gegenden Nachrichten über den Verbleib der gekennzeichneten Schwalben erhalten, und dabei hat sich ergeben, daß die englischen Schwalben bis tief nach Südafrika fliegen und den Winter dort zubringen. iSine der gekennzeichneten Schwalben ist beispielsweise in Turban (in Natal) gefangen worden. Der englische Vogelforscher hat seinen Versuch übrigens! hauptsächlich deswegen unternommen, um festzu stell en, wie weiß die Schwalben ihre alten Nistplätze toieder aufsuchen. --------- 1 ", Im Restaurant. „Sieh, nur, Max, der Unteroffizier! dort am Tische hat schon wieder ausgetrunkeii." -r-, „Hm, der ist wahrscheinlich vom Leerbataillon." Habt Mitleid! Ihr freut euch an des Ofens Wärme, Wenn's draußen stürmt, ge'riert und schneit» Gedenkt drum auch der armen Tiere In dieser harten, falten Zeit. Gönnt eurem Pferd die warme Decke, Wenn's warten muß in Wind rind Schnee^ Wie manchem arbeitsmüden Pferde Tut ost die Kälte bitterwey. Und stellt nicht an die Wetterseite Des treuen Hundes hölzern Haus, Bereitet ihm ein warmes Lager, Füllt gut mit Stroh die Hütte mls. Laßt nicht das Kätzchen draußen frieren, Wenn's Einlaß in das Haus begehrt, Bedenket, daß ihr selbst euch ehret. Wenn ihr Schutzlosen Schutz gewährt. Und wenn die Vöglein ztt euch fliegen, So «nacht das Futter gern bereit, O seid barmherzig mit'den Tieren, Schützt sie vor Hunger, Frost und Leid. E. Wüterich-Mudalt. (Züricher Bl. für Tierschutz). Vli-errätsel. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Kreuzrätsels in voriger Nummer \ A iS H I o a ahn Alabaster Sehafkopf Hauskatze tot e p z r f e — Ein Freund unseres Blattes schreibt tms: Sie brachten in Nr. 28 der Gießener Familienblätter vom heutigen Tage „die Auflösung des Geographischen Verschiebrätsels in voriger Nummerfl Ein eigener Zuiall hat es gewollt, daß das Rätsel nicht blos eine Auflösung, sondern zwei hat und zwar: Madrid Wien Arrrbien Madrid Borneo Borneo Italien Breslau Breslau Kuba Wien. Pr»g Kuka Budapest Prng Italien Budapest Arabien M a r i e n b a d. — Wiesbaden. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckeretz R. Lange, Gieße»