®8f W3 — Ur. 11 1 ji il Md: W M W^wW®@9& ■ . V k, F SW» Am stillen Herd. Von Richard Wagne r. Am stillen Herd zur Winterszeit, wenn Burg und Hof mir eingeschneit, wie einst der Lenz so lieblich lacht', und wie ec bald wohl neu erwacht', ein altes Buch, vom Ahn' vermacht, gab das mir oft zu lesen: Herr Walter von der Vogelweid', der ist mein Meister gewesen. Wann dann die Flur vom Frost befreit und iviederkehrt die Sommerszeit, was einst in langer Winteruacht das alte Buch mir kund gemacht, das schallte laut in Waldespracht, das hört' ich hell erklingen: im Wald dort auf der Vogelweid', da lernt' ich auch das Singen. Zwei Welten. Roman von Emma Merl. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Reichmanns junge Kollegen fanden sich gern ein zu einem Glas Bier, und manch einer, der .gerade Ebbe in der Kasse hatte, war froh, wenn er einen Teller Suppe von Mittag bekam und das bescheidene Abendessen teilen durfte. 1 > Bei feierlichen Gelegenheiten braute Papa Holst einen Punsch oder Reichmann gab, nach einer besonderen guten Einnahme, ein paar Flaschen Wein zum besteu. Dann freuten sich die jungen Leute wie die Kinder uub hatten die närrischsten Einfälle, kostümierten sich, saugen Schnadahüpfeln oder „Moritaten" und ulkten bis lange nach Mitternacht. ES war leicht, Feste zu feiern, wenn die Gäste soviel Humor mitbrachten. Oft, wenn die Stimmung so recht auf ihrem Höhepunkt war unb Hildegard mit glänzenden Augen und heißen Wangen lachte und plauderte,, dann machte sich ihr Mann) den besonderen -Spaß Und rief: „Hast du. nicht Sehnsucht nach den Familieneinladungen bei Bernhoblers, mein Herz?" Das Entsetzen, das 'sie hei der Erinnerung packte, gefiel ihm immer wieder. „Nein, war das ad'! Wjar daß langweilig! ' Dieses reichen Leute sind doch eigentlich arme Menschen! Warum) versperrten sie ihr Heim aber aüch so ängstlich vor jedein fremden Element? Wenn sie nur ein bißchen gast- freundschaftlicher wären! Wieviel GM könnten sie schaffen, wenn sie nur eine Ahnung hätten von allem', tvas nm sie her lebt und strebt und nm Hen Tag ringt. Mer sie schließen die Augen und die Ohren und verspevveir ihre Türen und gähnen vor ihren vollen Schränken und an ihren reichbesetzten Tischen!" ; . . Es wurde nicht bloß: gelacht und gescherzt an diesen lebhaft bewegten Abenden in dem jungen Heim. Es gab oft die erregtesten Debatten über moderne Fragen über Kun'st und Literatur, über Politik und Frauenbewegung. Wie ein mächtiger brausender Stroin flutete vor Hilden gards Augen das Leben. Es klang aber auch viel Trauriges an ihr Ohr. Sv manches Künstlergeschick bewegte ihr Herz, sie bekam so ernsten Einblick in Malerelend und Bildhaudrnvt, daß es ihr wie unermeßliche Seligkeit erschienet: wäre, helfen zu können, durch einen Mlderankauf, durch eine Bestellung eilten sinkenden Mut aufzurichten, durch ein bescheidenes Darlehn manchmal einen Schaffenden über Wasser halten zu dürfen, bis der Erfolg zu ihm! kam. Aber ihr waren ja die Hände gebunden. Ihnen selbst ging's während der ersten zwei Jahre leidlich,. i Holst hatte es allerdings nicht so leicht gefunden, eine fixe Anstellung als Zeichner zu bekommen, trotz der verschiedenen Anfragen, die an ihn gerichtet worden, so lange er sich nicht binden wollte. Nun, da er selbst als Suchender kam, boten die kleinen) Verleger und Unternehmer schlechte Bedingung, zeigten sich die großen von kühler Zugeknöpftheit. Schließlich war es ihm aber doch gelungen, sich wenigstens für Fahre eine bestimmte Entnahme zu sichern, da er mit einer Kuiistanstalt in Verbindung trat, die einen Zyklus von Postkarten jnit Ansichten von München und aus dem Gebirge herausgab, und deren Bedarf ja in stetem Steigen begriffen war. Er mußte allerdings malen, wie es dem Publikum gefiel, mit feiner Eigenart war's vorbei, und es blieb, ihm auch feine Zeit zum Feiern, denn die nötigen Studien und Reisen nahmen so manche Woche in Anspruch. Aber er konnte dem jungen Haushalt doch allmonatlich sein Sümm- chen beisteuern nnd sich sagen, daß er jetzt seine Vaterpflicht nach besten Kräften erfüllte, i Auch Reichmaim hatte als Zeichner ganz hübsch verdient, wenn er auch bei jeder neuen Arbeit vor der neuen bangen Frage stand: Wird sie auch einschlagen? Mrd! sie auch angenommen werden? Seit das Kind auf der Welt war ■ und so Manche nötig gewordene Ausgabe das Budget belastete, Mußte Hildegard ängstlich sparen und rechnen, um durchzukommen. Es lag auch Piel Arbeit auf ihren Schultern, und sie hätte doch so gern viel Zeit gefunden, zu lesen, zu 306 lernen, Anteil z-u nehmen an den vielen Interessen, für die nun ihr Verständnis erwacht war. Wenn sie nur 'alle die müßigen Stunden ans ihrer Mädchenzeit hätte zurückrufen Wunen, -uni sic nun .-ffo hörig auszuiiüHen! Manchmal, wenn sic, das Kinderwägelchen schiebend, in den Anlagen ging, fnirt eine oder die andere der jungen .Manien aus der Bernhoblerfchen Verwandtschaft an ihr vvrWer, schaute weg, öder nickte sehr wegwerfend auf ihren Muß. ' ■ . „.., r Hildegard aber hob 'stolz den Kopf mit einem Lächeln des Mitleids über die Geringschätzung, die sie erfuhr: Wie albern sie find, mich zu verachten, weil ich mein Kind selbst spazierenfahre, Und weil ich weniger schön an- gezvgen bin. Sie ahnen gar nicht, wie arm sie mir erscheinen, diese dummen Mädels! Einmal traf es sich auch, daß die Großmutter, die Heine Frau Walburga, die mit den Jahren immer mehr zufaminenschrumpfte, an ihr vorüberhnmpelte, so daß sic stehen blieb und die Greisin vorbei lassen wollte. >,No, iro, Ivie geht's?" fragte diese in ihrer brüsken Art und richtete ihre scharfen Augen ans Hildegard. Die junge Frau ward dunkelrot. „Recht gut," sagte sie warm. „Und hier ist mein kleiner Hans," fügte sie dann hinzu und zog den Vorhang zurück, Uin das rosige, schlafende Büblein zu zeigen. Es lag fo viel Mutterstolz, und Mutterglück in deut Ausdruck ihres Gesichts, in dem Ton ihrer Stimme, daß die alte Frau ihr 'wohlgefällig zunickte: „Das ist ja ein Prachtkerl! No, freut mich, daß du dich so neiufind'st in das, was dir einbrockt hast. — Ta muß man Respekt haben! Gelt, da vergehen die überspannten Ideen, wenn man einmal ein Kind hat? Adieu!" । Mit einer gewissen Freundlichkeit schaute sie der schlau- keu Gestalt nach. Die „Malerstochter" war ihr als Eindringling in die Familie erschienen. Sie halte Front gemacht gegen das fremde Element, das in die Verwandtschaft nicht hineingehörte. Nun aber schien ihr Hildegard wieder an ihrem Platz, und ohne, daß sie es sich vielleicht selbst eingestand, imponierte es ihr, daß diese in ihren sichtlich doch recht bescheidenen Verhältnissen keine bittende Hand ausgestreckt, bei der schwachen Mali und dem gutmütigen Adolf nicht längst um „gut Wetter" gebettelt hatte. — H — Im dritten Winter ihrer Ehe begann Reichmann ein großes Bild'. Er sehnte sich danach, endlich wieder zu malen, mit breiten Flächen rechnen, mit Farbe arbeiten zu dürfen. Er war so begeistert von seiner Aufgabe, so glücklich und zuversichtlich, daß seine junge Frau, die ihren Mann so Von Herzen lieb hatte, 'fein schönes Vertrauen auf die Zukunft um keinen Preis hätte erschüttern mögen, wenn ihr auch ein wenig bange war vor der laugen Zeit, in der er nichts verkaufte und doch für die nöligen Modelle eine ganz bedeutende Summe verausgaben mußte. Obwohl sie ängstlich vermied, sich irgend etwas anzuschaffen, und auch den Haushalt möglichst einschränkte, häuften sich im Laufe der Monate, während sie nur auf die Einnahmen ihres Vaters und ihre kleinen Ersparnisse angewiesen waren, die unbezahlten Rechnungen. Für Hildegard eine drückende Last, die sie manchen schweren Seufzer kostete. Ihr Mann tröstete sie freilich mit ihrer optimistischen Sorglosigkeit: , „Aber ich bitte dich .Schatz! Darüber brauchst du dir doch fein graues Haar wachsen zu lassen. Wenn ich mein Bild verkaufe, dann sind das doch bloß Bagatellen!" Sie aber schämte sich unbeschreiblich vor den Leuten, denen sie Geld schuldeten, sie ward dunkelrot, .wenn sie aus der Straße einem Menschen begegnete, der nur entfernt (einem der Lieferanten glich, der noch -etwas von ihnen zu fordern hatte. „Philisterseelchen!" lachte Emanuel. Aber als dann sein Wild in der Ausstellung hing und zwar lobende, -zum Teil begeisterte Besprechungen, aber keinen Käufer fand, (als e§' im Herbst wieder als „Krebs" in sein Atelier zurückkehrte, da lachte^auch er nicht mehr. 1 Er zeichnete und illustrierte 'wieder, ein wahres Fieber ergriff ihn, zu verkaufen, nur rasch zu verkaufen, wa'A seine geschickten Hände schufen. Aber gerade diese Ungeduld imachte sich in seinen Arbeiten geltend, und sie sanden weniger Beifall und Erfolg als seine früheren. . Holst sah ihn zuweilen, wenn er schweigsam, vergrämt, mit dem Ausdruck tiefster Entäuschung bei Tisch saß, mit ganz entsetzten Augen au. > Sollte sich sein Schicksal hier ein zweites Mal abspielen? Sollte fein armes Kind auch alle die Bitternisse und aufreibenden Kämpfe durchlösten müssen, die er seiner geliebten Frau nicht zu ersparen vermochte? Run, da Emanuel so niedergeschlagen war, zeigte sich Hildegard bewunderungswürdig tapfer. Obwohl die unbezahlten Rechnungen ihr allmählich zum Gespenst wurden, das in den friedlichsten Stunden hinter ihr saß, das sie erschreckte, wenn sie aus dem' Schlaf cr- wachte, so gab sie sich doch redliche Mühe, die Angst, die sie quälte, hinunterzudrücken und heiter zu erscheinen, uni ihren armen Mann aufzurichten. „Es wird schon wieder anders werden! Ein unglücklicher Zufall, daß sie dir jetzt gerade ein paar Arbeiten zurückgeschickt haben! Die neue Zeichnung ist so hübsch — und Bubi ist drauf. Das bvingt dir Glück, du wirst sehen!" Aber es war schwer, es war fast unmöglich, 'die versäumte Zeit nachzuholen um wieder in das Gleichgewicht zu kommen. Die alten Schulden, sie ließen sich nicht tilgen. ; Ach, und der gute Papa Holst konnte und konnte nicht Nein sagen, wenn ihn ein armer Teufel um ein Darlehen bat — er mußte ein paarmal reumütig gestehen, daß er von der Summe, auf die Hildegard schon mit Besorgnis gerechnet, einen Teil verliehen hatte, weil ihn ein Kol- lege so flehentlich ersucht, weil es eben nicht anders ging. So geschah es denn, daß', eines Tages ein ungeduldiger Rahmenhändler einen Zahlungsbefehl schickte, den Emanuel feiner Frau aus dem Gesicht räumte und dann vollständig vergaß. Er hätte die Summe ja auch unmöglich in den nächsten Tagen aufbringen können, ohne fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. Nach ein paar Wochen kam dann, während Hildegard allein zu Hause war, ein Gerichtsvollzieher, der mit einer Pfändung beauftragt war und klebte einen Zettel ans den schönen Rcnaissauceschrank im Wohnzimmer und aus den Marmortisch im Salon. Totenbleich, mit einem Gefühl, als müßte sie in den Boden sinken, hatte die junge Frau dieses Nicerlebte, Furchtbare, das ihr wie eine unaustilgbare Schmach erschien, über sich ergehen lassen. Sie hatte sich lange beherrscht, aber nun ließ sich die marternde Angst vor der Zukunft nicht mehr bannen, nun ließen sich die Tränen, gegen die sie sich so tapfer gewehrt, nicht mehr zurückdräugeu. ' Ihre Nerven versagten an diesem Tag, nach der monate-i langen, tnühsnmen Anspannung, und als ihr Mann hercin- kam, weinte sie wie eine Verzweifelte. Er versuchte umsonst, sie zu trösten, zu beruhigen. Allmählich aber bemächtigte sich auch seiner eine dumpfe Verstimmung. Er konnte dieses leidenschaftliche Weinen nicht länger mitanhören. Ihre Tränen brannten ihm auf der Seele wie quälende Vorwürfe, wie eine ätzende Aiillage gegen ihn, gegen das Schicksal, das er ihr bereitet. Er nahm seinen Hut und stürzte fort. Er mußte vergessen, sieh betäuben, er war in einer so unleidlichen Verfassung, daß er sich am liebsten sinnlos betrunken hätte, um nur nichts mehr von sieh zu wissen. Und so schlug er wieder den Weg ein, den er als Junggeselle oft gegangen war, in das Kaffeehaus, in dem feine alten Kameraden ihren Stammtisch hatten. (Fortsetzung folgt.) Richard Wagner. Von Dr. Adolf Weißmann. Hundert Jahre sind es her, daß Richard Wagner gehören wurde. Dreißig Jahre, daß sein Geist vhne den Lebenden in det Welt fortwirkt. Um ihn recht zu feiern, haben wir zunächst eines zu tun: alles, was von Hans von Wolzogen bis Emil Ludwig über ihik 0S7 geschrieben worden ist, zu vergessen. Denn dos Wort tötet den Geist. Wagner hatte seine Prosa höchst eifrig in bcn Dienst der eigenen Sache gestellt. Wer in der Poesie die Qnellcn seiner Musik sucht, wirb auch schneller zu dein Ausdrncksmittel des Dichters, dem Wort, greifen. Es hatte Tendenzen und Jnlcn- tionen zu erklären. Bald aber zeigte das Wort, das musikfremde, seine unheilvolle Macht. Tie Nervosität verdächtigte die Person, sobald die Sache nngezweiselt wurde. Man umgab den Meister mit Weihrauchduft, betonte seine Gottähnlichkeit und versuchte die Andersgläubigen oder aueh nur Zweifelnden zu Boden zu strecken. Das Signal also zu dieser fanatischen Wagnerliteratur hatte Richard Wagner selbst gegeben. Und konnte die Geister, die er gerufen hatte, nicht mehr bannen. Selbstverständlich aber musste der Fanatismus in sein Gegenteil Umschlägen. Wir haben es in der jüngsten Zeit erlebst daß. man den Halbgott ebenso wütend von seinem hohen Piedestal herunterzuzerren versucht, wie man ihn ehedem als die absolute Vollendung alles Erträumten begrisf und pries. So ist das Wort über Wagner, nicht nur sein eigenes und nicht nur seine Musik, zu einem Kulturfaktor geworden. So steht Fanatismus gegen Fanatismus. Uns aber bleibt nur übrig, gegen die Fanatiker der Begeisterung und des Hasses Wagner selbst als stärkste Macht auszuspielen. Wir sollen also Wagner als Gegenwarts- und Zukunstswert begreifen. Da tritt uns der eben verabschiedete Gedankengang von neuem eutgegeu. Es geschieht das Seltsame, dass den Massen als ein Allerheiligstes gilt, was den Gebildeten bereits als anfechtbar erscheint. Jene kennen ihn kaum und harren ihm sehnsüchtig entgegen, diese haben Wagners Musik und die Wagnerliteratur in sich ausgenommen, sich an ihm gesättigt und über-, sättigt; sie haben nicht nur das Wagnerepigouentum, sondern auch seine Ausläufer erlebt und sehen der Zukunft des Musik- dramatikers ohne Enthusiasmus entgegen. Ist das die rechte Stimmung für eine Wagnerfeser? Und doch ist es nicht eben schwer, sie zu gewinnen. Wir brauchen nur den einst über alle Masten Vergötterten in die Entwicklung einzustellen. Oder spricht eben die Tatsache, dast nun der Parteien Hast ihn stärker trifft, als man es je für denkbar gehalten hätte, gegen die Möglichkeit, ihn historisch würdigen zu können? Der Grund, weshalb die Leidenschaften in diesem Falle stärker ausbegehren als sonst, siegt in der aufwühlenden Macht der Erscheinung selbst. Zum ersten Male werden nicht nur die Musiker, sondern die Gebildeten der Nation zu Richtern in der Kache eines Musikers aufgerufeu. Zum ersten Male haben die Dilettanten zu entscheiden, wo die Sachkritik versagt. Versagt sie wirklich immer? Wir begreifen heute noch besser, als früher, warum sie sich gegen Wagner stemmte. Wir wissen, dast sie ihr ganzes Gebäude wanken fühlte und aus dieser Angst heraus zu offener Feindschaft gegen den Umstürzler schritt. Heute siud es aber Dilettanten, die ihm Fehde ansagen; dieselben, die zuerst pusgerüttelt worden waren. Die Musiker haben ihn nun gegen sie zu schützen. Ein nervöses Ich drängt plötzlich in die Musik ein. Nicht so plötzlich übrigens, wie es scheint. Bon dem letzten Beethoven über die Romantik zieht sich die Linie ganz folgerichtig zu Wagner Hin. In der Romantik ist die Herrschaft des Ich!, der Nerven idealisiert. In dem Deutschen Schuhmann vielen bereits die poetischen Vorstellungen befruchtend, aber auch als Hem- Iviungen gegen die Form; und der französierte Pole Chopin vermag bei allem Idealismus der KunstanschaUiiug nicht die Erotik in seiner Kunst zum Schweigen zu bringen. Ja, von ihr aus ist Wesen und Macht seiner Musik erst zU verstehen. Von Frankreich, durch Berlioz eingeleitet, ist indes auch die neue Jnstrumental- jmüsik heraüfgezogen. Die anspruchsvollere Poesie verlangt eine glänzendere inftrunientok Hülle. Die MUsik der Spannungen, die Vorhaltmusik also liegt vor; und dort sind auch die Mittel vorbereitet, den Nervemnenscheu mit beit Errungenschaften eines Wetten, reicheren Orchesters zu berauschen. Das Zentrum der Musikmenschen ist allmählich verschoben. Und es bedarf nur eines Universellen Geistes, uni alle Spannungen, alle Erregungsmöglichkeiten zusaminenzUfassen. Liszt, der geistvolle Kosmopolit, war äußerster Sammlung unfMg. Aber er begreift sofort das Genie Wagners, wie er das Chopins begriff. Von diesem hat er Anregungen Mtlichen, jenem hat er sie gegeben. TrotzalledeM beugt er sich vor dem Unbeirrbaren Willen dieses Menschen, der Uns dem Wege zu seinein Ziele hin alles aufhäuft. Also: diese Erscheinung, das sehen wir rückschauend jetzt, mußte kommen. (Aber sie mußte auch, da sie alle in Bereitschaft liegenden Mittel der Spannung mit innerer Glut und mit umfassendem Geist aufgriff, die stärkste Erschütterung Hervorrufen. Jin' guten und im schlimmen Sinne mußten erstaunliche Wirkungen von hier tzusgeheir. Sprechen wir von denk guten zuerst. Ahnen wir glücklichen Besitzendeit jetzt, was es um die Mitte, um das Ende des ueun- zch'nten Jahrhunderts hieß, einen deutschen dramatischen Komponisten zu besitzen, der die musikalische Bühne mit neuen und starken Bühneuwercken versorgte? Dem italienischen und fron« Wischen Opernimport ein eigenes Schaffen entgegensetzte? (Ich will nicht so weit gehen, es als national zu bezeichnen; biet Quellen dieser Musik sind trübe, mindestens nicht so „völkisch" klar, wie man annimmt. Wir haben ja gesehen, daß sie einen Teil ihres Glanzes aus Frankreich bezog.) Dieser Manu hat den Mut, die ganze musikalische Bühne von sich aus reformieren, den Schlendrian bekämpfen, den Primadonnenkult höhnen zu wollen. Er predigt ein Ideal von Kunst, die das Leben durchdringen soll. Er möchte das Theater vergeistigen und veredeln. Er theoretisiert wie ein echter Deutscher und wird darum verstanden; aber er schafft dabei wie ein echter Künstler, in bcn Nerven ein Kind feiner Zeit.und doch ein Beherrscher seiner Zeit. Eine Periode politischer Erhebung kommt ihm zu Hilfe. Der große Künstler wird zum Erzieher seines Volkes. So scheint es. Ein Rausch erfaßt die künstlerisch empsiudeu- ben Deutschen, die Vertreter der Schwesterkünste, die reinen lAestheten. Alles folgt dem Rufe des Meisters; alles sieht Welt, Wissen und Kunst von ihm äus. Die Musiker folgen nach. Sie können sich der Wirkung dieses farbenprächtigen und übermächtigen Orchesters nicht entziehen, sie müssen es nachahmen. Liszt hat im Hinblick auf Wagner die sinfonische Dichtung ausgebaut. Die ersten nachwagnerschen Komponisten, die Schöpfer sinfonischer Dichtungen, sind blasse Epigonen, unfähig, sich von der Wagner- scken Stimmung und Farbe zu befreien. Sie haben beit Sinn für Diatonik, für Linie, für die Zeichnung verloren. Wir sind bereits mitten in den schlimmen Folgen des Wagnertu.ms. Wir bemerken, daß niemals ein Musiker so berauschend und so verheerend zugleich wirkte, weil niemals ein Musiker soviel Menschen und Dinge außerhalb der Tonkunst umfaßte. Mer nicht nur Deutschland, die ganze künstlerische Welt wird vom Wagnerrausch ergriffen. Die Italiener betätigen ihn im Verismus; die Franzosen hindert ihr Formeugeist nicht, sich ihm zu ergeben; die Russen, die ihre nationale Frische für den europäischen Wettbewerb mitbrachteu, werden in den Strudel hin- ;eingeriffelt. Beweis genug, daß diese musikalische Sprache ans ihrem nervöse» Kosmopolitismus ihre werbende Kraft schöpft«. Alle haben sich nun mit dem Problem Wagner abzufinden. Keiner vermag ihn zu überwinden; nur einer, Brahms, hält sich mit Glück abseits uud folgt bühueufremd der klassischen Linie. Heute sind wir im zweiten Stadium des WagNerepigouen- tums. Teile seiues Werkes sind weiterentwickelt.. Stimmung und Kolorit suchen sich neben der Zeichnung zu behaupten. Die sogenannte absolute Musik wird eifrig bebaut. Neue Ausdrucks- gebiete sind bei alledem der Musik gewonnen. In der Oper ist das strenge Leitmotivische überwunden; man empfindet (wie im Liede), baff durch die Weiterentwicklung des Sprechgesanges die menschliche Stimme entweder vergewaltigt ober zur reinen Deklamation gezwungen wird, und man sehnt sich von der unendlichen nach der endlichen Melodie zurück. Mau, nicht wir. Sind wir demnach richtig im Birne, den Wagnerransch abzuschütteln? Noch find wir nicht so weit. Noch leben wir int Banne der Nerven. Noch fehlen die dramatischen Komponisten, die den Wagucrschcu Schöpfungen nur annähernd gleichwertige und zugkräftige entgegensetzen konnten. Ihr Gegenwarts- Und darum ihr Zukuuftswert hat sich wohl verändert, aber er bleibt unbestritten. Geben wir für die Opernbühne andere Möglichkeiten (als die des Musikdramas zu, dann bekennen wir Uns zu einer Toleranz gegen die Buntheit des Spielplans, die schon ans materiellen Gründen geboten ist. Tie Primadonna ist nicht entthront; von der Kunst als Zweck des Lebens haben sich weite Kreise wieder zur Knust als Spiel bekehrt. Wir sind duldsam gegen die Oper als ewiges „Kompromiß". Wer eine M- neigung gegen alles geradezu Sinnlose auf der Musikbühne ist uns als Gewinn geblieben. Ter Naturalismus hat uns freilich auch gegen alles Undramatische empfindlicher gemacht. Diese Stimmung wendet sich nun allerdings gegen Wagner. Allmählich ist uns klar geworden, daß eine Kunst, die mit der .Aufführung so steht und fällt wie die Waguersckx, Brüche zu verdecken hat. Wir dulden die lieberspanunug des Pathos nicht mehr, wenn es nicht Dingen gilt, die uns menschlich berühren. So ist der „Ring" in Gefahr; hier scheint uns die Unnatur bis ins Musikalische zu gehn; die Phantasie lehnt sich gegen das Leitmotiv auf; lyrische Schönheiten bezaubern, aber Längen ermüden. So stehen wir zum Ring. Aber die Masse wird sich zunächst von ihm blenden lassen; dann wird auch sie Striche fordern und vielleicht noch Mehr. Doch felbst wir Kinnen den „Siegfried" noch nicht aufgeben. An beit „Meistersingern" und am „Tristan" aber hängt Wagners Zukunft. Hier blüht jene wundervolle erotische Lyrik, die uns noch immer bezwingt. Hier hat die theatralische Poesie ihren Höhepunkt erstiegen. Wir werden mit geriffelt auch ohne die raffinierte Stimmung von Bayreuth, die allein den sonst für den Konzertgebrauch bestimmten „Parsifal" hält, und die auch den Ring halten kann. Wie sinkt überhaupt, Um es noch einmal zu sagen, alles seit Wagner Geschaffene vor ihm.in den Staub! Wo ist der Geist, der sich ihm nicht zu eigen gäbe, der seinen Bann ganz abgestreist hätte! Was Wagner, der Philosoph, Wagner, der Bvlkserzieher, erträumt hüt, ist nicht erfüllt, ja unerfüllbar. Und doch diese Ungeheuren Wirkungen! Dem Musiker Wagner ist noch rin Säkulum ungebrochener Lebenskraft zu prophezeien. 308 Bismarck und Richard Wagner. die beiden größten Genies ihrer Zeit, Bismarckuud v+hiin heu Minister eines verbündeten Staates zu oegrumn n UFsTZL Ä LkALNFMZ SÄ £s-«*wS:fe KL Tische sahen, um Bismarck die M n , » A genommen, W-ZNMM'WZ LLWZS-WM 8NK ä»tjÄÄ bie! SSctbältitiffc nid)t bimmÄ ctitgctcnt. < orifcfi ftfeift steWÄ -chUMLKSML- WLEMEEZ sff'8?iS35S •rss’sre 6ää LZAKs ääää? Äte L WEchaA daß ich nicht mit Euer Durchlaucht in inner Schdt wirken ka m!" Da soll Bismarck lächelnd erwiderthaben. Das Lrde auch kaum Möglich sein, denn ich habe ferne Aussicht, nach München versetzt zu werden!" Liebeslieder von Richard Magnev. An den Abendstern. Wie Todesahnung Dämmerung deckt die Lande/ Umhüllt das Tal mit schwärzlichem Gewände; Der Seele, die .nach jenen Hohn verlangt, Vor ihrem Flug durch Nacht und Grausen bangt. Da scheinest du, o lieblichster der Sterne, Dein sanftes Licht entsendest du der Ferne, Die nächt'ge Dämmerung teilt dein lieber strahl, Und freundlich zeigst du den Weg aus dein Tal. O dii, mein Holder Wendstern, Wohl grüßt' ich immer dich so gern; Boni Herzen, das sie nie verriet, Grüße sie, wenn sie vorbei dir zieht, — Wenn sie entschwebt bet» Tal der Erden, Ein sel'ger Engel dort zu werden! * Lenz u«d Liebe. Winterstürme wichen dem Wonnemond, In mildem Lichte leuchtet der Lenz; Auf lauen Lüsten lind und lieblich, Wunder webend' er sich wiegt; lieber Wald und Auen weht sein Atem', Weit geöffnet lacht sein Ang'. ■’rent Die bräutlu Zertrümmert liegt, was sie getrennt; Jauchend grüßt sich das junge Paarr Vereint sind Liebe und Lenz! Wolframs Liebeslied. Blick' ich umher in diesem edlen Kreise, welch hoher Anblick niacht Mein Herz erglüh'n! So viel der Helden, tapfer, deutsch und weise, ein stolzer Eichwald, herrlich, frisch und grün; und hold und tugendsam erblick' ich Frauen, lieblicher Blüten düftereichsten Kranz, M wird der Blick wohl trunken mir vom SchaUM mein Lied verstummt vor solcher Anmut Glanz. Da blick' ich auf zu einem nur der Sterne, der tot dem Himmel, der mich blendet, steht i es sammelt sich mein Geist aus jeder Ferne, andächtig sinkt die Seele in Gebet. Und sieh', mir zeiget sich -ein Wuirderbronnen, in den mein Geist voll hohen Staunens blickt; äus ihm er schöpfet gnadenreiche Wonnen, durch die mein Herz er namenlos erquickt. Und nimmer möcht' ich diesen Bronnen trüben, berühren nicht den Quell mit frevlen: Mut: in Anbetung Möcht' ich mich opfernd üben,- vergießen froh mein letztes Herzens-Blut! Ihr Edlen mögt' in diesen Worten lesen, tote ich erkenn' der Liebe reinstes Wesen! Mus sel'ger Vöglein Sänge süß er tönt, Holdeste Düste haucht er aus; , Seinem warmen Blut entblühen wonnige MÜMM Keim und Sproß entsprießt seiner Krass. Mit zarter Waffen Zier bezwingt er die WM Winter und Sturm wichen der starken Weht; -rt Wohl mußte den tapferen Streichest Die strenge Türe auch weichen. Die trotzig und starr uns — trennte von ihist. sa Zu seiner Schwester schwang er sich her» Tie Liebe lockte den Lenz; Busen barg s e sich tief; 5 selig dem Licht. e Schwester befreite der Bstuder; Steuermanttslied. Mit Gewitter und Sturm aus fernem Meer — mein Mädel, bin dir nah! lieber turmhohe Flut vom Süden her — mein Mädel, ich bin da! . Mein Mädel, wenn nicht Südwind wär', ich nimmer wohl käm' zu dir: Ach, lieber Südwind, blas' noch inehrl Mein Mädel verlangt nach mir. Hohoje! Hallohohol Jollohohoho! Hohoje I Hallohoho! Hohohoheho! Von des Südens Gestad', aus weilen: Land — ich hab' an dich gedacht; durch Gewitter und Meer vom MohrenslrcnF hab' dir 'was mitgebracht. Mein Mädel, preis' den Südwind hoch, ich bring' dir ein gülden Band . . . Ach, lieber Südwind, blase doch 1 Mein Mädel hält' gern den Tand. Hoho 1 Je! Halloho! Logogriph. Mit a ein schrecklich offnes Höllentor Fürs arme SDp’er, das sich drin verlor. Den Schlangen, Bären, Tigern isl's verlieh'». Uns Menschen auch, so lehrt die Medizin. Mit o statt a der Seemann cs wohl keimt, Das tiefe Weltmeer ist sein Element. Und wenn ihr's nicht mit e zu nennen wißt. Muß ich euch zeigen, was ’ne Harke ist. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des magischen Quadrats in voriger Nummer H 0 lL Z 0 B 0 E L 0 K I Z E I T Redaktion: ft. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch» und Steindruckerei, R. Lang«, Gieß»