iW JKr •niOTwrr MIÄL Samstag, den 20. Dezember * Der Weihnachtsonkel. Von L. Geist. (Nachdruck verboten.) Es war ein rauhes Lüftchen, das da pfiff und der Schnee fegte durch die Gassen und überschüttete die Passan- ten, daß sie gleich Schneemännern dahin schoben, in der bengalischen Beleuchtung, welche von den prunkvollen Schaufenstern ausging. Das Ungemach genierte heute nicht, es war ja Weihnachtsabend, paßte tn die Feststimmung und die Mocken hallten so gewaltig darüber, fröhliche, selige Weihnachten! Schob sich auch manche Figur unter die Fröhlichen, die keine Weihnachten hatten, die mit Bitterkeit die Fröh-» lichen wandern sahen, weil ihnen das Glück nicht den Zauberschlüssel ausgeliefert nut den Jauchzenden zu ziehen, gerade an dem Weihnachtsabend hat der Stachel des Leides seine härteste Spitze. Da kam eine Figur hoch beladen mit Pack und Päckchen, das war Franz Löhr, ein Junggeselle, der so seine vierzig haben mochte. Der „Onkel" für eine große Anzahl von Neffen und Nichtchen, die heute alle auf Onkels Bescherung harrten. Die Verwandtschaft nachzuweisen, wäre sehr schwierig gewesen, doch das tat der Liebe keinen Mtrag, es war doch ein Prachtexemplar von einem Onkel. Löhr steht und pustet. So groß und stark er auch ist, er hat sich doch mehr aufgeladen, als er bewältigen kann, gar einen Schaukelgaul in der Hand, und alle die Siebenfachen, die ihm bis an den Hals ragen. Da stellt sich ihin ein Freund in den Weg und lacht laut auf, aber auch ironisch, der Helle Spott. „Na Stadtonkel, Weihnachtsengel, gehst bescheren? Wieviel Neffen und Nichten hast du denn?" Ja, für den war der Hohn billig, Löhr musterte den Lacher zornig. Neffen und Nichten hatte der keine, wohl aber vier stramme Buben, die sein Eigentum und er konnte deren Bescherung seiner Frau überlassen, was hatte der zu höhnen? Unwillig trabte er davon. Ja, solche Eigentümer konnte er auch haben, wenn, ja wenn. Brauchte keine Neffen und Nichtchen, um deuj Raum auszufüllen, der so öde in ihm lag. Wenn! Franz Löhr läuft, so gut es in dem fußhohen Schnee eben zu laufen war, den er wie Sand schöpfen mußte, als lief eine Gestalt hinter ihm her, die sich nicht hohnlachend, wohl aber fragend vor ihn sich stellte, warum hast du es! so gemacht? O diese Auna, mit dem dunklen Flechtenkranz um das liebliche Gesichtchen, warum diese Verfolgung und zumal an dem Weihnachtsabend? Was wollte sie? O sie waren, ja auseinander gegangen, iuic zwei recht vernünftige Menschen, die nicht für einander passen. Er hatte ihr klar gelegte daß sechs,' ja noch sieben Jahre darauf gehen könnten bis er festes Brot habe und dann, ob die Reue nicht hinter her komme, daß sie die glänzende Partie um seinetwillen aus- geschlagen habe, eine Heirat, welche ihre Eltern sehr wünschten und von dem stillen Bündnis mit Franz Löhr absolut nichts wissen wollten. Ja, ja, darum gab er Anna, sein Lieb, frei, aber bäumt hatte sie diese glänzende Partie doch nicht gemacht. Warum? Löhr schleudert den Schaukelgaul tumultuarisch hin und her. Ja, wenn er an diesen Punkt ankommt, diese hohe Erregung folgt stets. Diese Anna hatte eine majestätische Haltung, eine Unnahbarkeit angenommen, seit der Trennungsstunde, mit herber Haltung zog sie an ihm vorbei, als ob er —_ Der Schaukelgaul flog und ein brüllender Schrei folgte. Was war das? Ein altes, mürbes Weib lag vor seinem! Blick. „Niedergeworfen hat er sie, der Unmensch", schrie eine Stimme. Löhr schleuderte Pack und Päckchen in den Schnee uitb half der Alten ans die Beine und drückte ihr seine Börs<ö in oie Hand. Es wurde jäh Frieden. Das Weibchen wackelte fröhlich! weiter und Löhr stmnpfte davon. Jetzt ging es leichter, Pack und Päckchen wurden durch den Zwischenfall total vergessen unb erst als der Laufende nahe seiner Wohnung entdeckte er den Verlust. Ja, wo lag die Bescherung? Vielleicht im Schnee begraben, vielleicht prunkte sie auf einem Weihnachtstisch, von kecker Hand hingeleitet. Wie es auch luar, Neffen und Nichtchen harrten umsonst, Löhr kam in miserable Stimmung. Das Unwetter stieg, daß gegen den Wind zu laufen schier eine Unmöglichkeit wurde, so ließ er sich den auf den Rücken weiter blasen und erreichte seine Wohnung. Kalt, lichtlos grüßte ihn seine Bude. Die Wirtiu wußte, daß Löhr nicht zu Hause Weihnachten feierte und war darum ausgegangen. Er steckte sich seine Kerze an und suchte einen Imbiß. Die Tischschublade offerierte ein Stückchen Wurst und das harte Ende eine Brotlaibes. Hu, wie kalt die Wurst auf der Zunge lag, er hörte auf zu speisen und rieb sich die Hände. Nein, fo ein Weihnachtsabend, der war doch schauderhaft. Er trommelte an den schneebedeckten Fensterscheibeu. „Könnte auch an den Stammtisch ziehen — hm — wie?" Seine Stimmung sagte „nein", sein leerer Magen forderte ihn auf. Geteilten Sinnes begibt er sich wieder in das Unwetter, Was Anna wohl an solchem Wend treiben mag? Die Frage lodert auf. So eine arme geplagte Musiklehrerin ? Ob sie zu Hause? Ob dort Licht? Der Schnee wälzte sich wie eine Saivine ihm entgegen und das Wetter grüßte höhnend sein Angesicht. Ja warum gab er seinen Rücken nicht dazu, her? Der Weg zum Stammtisch war hier jetzt gut gewählt, der Wind hätte ihn hingetragen. Wer nein! Gerade erst recht in den 794 tollen Wirbel hinein, hatte ihm die Stirne geboten. Sehen will er, ob Anna Licht hat, ob sie Weihnachten feiert, fröhliche oder traurige! Da ist er an den: betreffenden Hause gelandet uud starr richtet sich der Blick nach der dritten Etage. Wie lange ist es her, daß er dor ihrem Fenster Posto gefaßt? Was, schon fünfzehn Jahre? Was, schon so eine lange Zeit? Unmöglich! Der Schnee schleudert einen Wall um den Träumenden, aber er merkt es nicht. Es steigt der goldene Lenz,! der längst verwehte, in ihin auf, als er die junge, schöne Maid so brandend geliebt, ehe das besonnene Teil das ut ihm lag, sein Recht forderte, die Vernunft behauptete, du mußt davon lassen. Aber jetzt, was redete nun die Vernunft? Besinne dich nicht, wirf jede Erwägung beiseite, tritt vor dein alt heiß Lieb, bitte, flehe, ringe um Anna. Sie liebt dich ja noch, warum wäre sie denn noch allein. Hat sie nicht jüngst wieder eine recht vorteilhafte Partie ausgeschlagen, warum? Löhr macht einen Satz aus dem Schneewall und hat die Klinke einer Haustüre in der Hand. .Hu, wie die Schelle aufkreischt! Ganz erschrocken steht er. Aber nun weiter, so eine Art Hausmamsell steht schon da und forscht, wohin er will. Hatte er Anna Walter gesagt? „Dritte Etage," hört er reden. Die Mamsell starrt ihm nach. Mußte etwas merkwürdiges sein. Anna war nun elternlos, allein, wer kam da um die achte Abendstunde? - Ein feiner Mensch nicht. Brutal, rücksichtslos, ungezogen, war die Kritik der Mamsell. Sie murrt, nein sie knurrt ziemlich laut. Das Haus, die Treppenschlucht ist für das Fest gescheuert, nun bringt der späte Abcudbesucher den Schnee haufenweise hinein, ein jeder Schritt zeigt die Spuren des Wanderers. Löhr merkt das gar nicht. Er ist so hoch gefüllt von anderen Dinger: und weiß zur Stunde nicht, daß es Witt- ter ist. An der Vvrtüre hält er und liest das kleine Porzellau- schild, auf den: Anna Walter steht, das bringt sein Herz in tolle Wallung. Endlich streckt er den Finger nach dem elektrischen Knopf. Leise, ganz leise berührt er ihn. Da steht er wieder. Noch einmal. Das war wieder zu leise. Jetzt aber. Die Türe fliegt auf. Löhr schleudert seinen Hut ab. Er will reden, entschuldigen, er hatte Anna eine ganze Ladung Schnee abgegeben. Aber kein Wort kommt. Sie merkte dies ja auch gar nicht, eine Lawine hätte sie verschütten können, jede Muskel schien erstarrt. Er will, er muß doch etwas reden, keine Silbe kommt, wenigstens doch reden, „Guten Abend". So was, ach nein, unter diesen Umständen, wortlos eintreten das richtigste, einzig so. Da steht er !vie ein Hund, der sich bewußt, daß er einen nicht üblen Streich verübt und nun die Peitsche erwartet. „Los, los," redete sein Blick, „daß ich die Sache hinter mich kriege." Lautlose Stille. In majestätischer Haltung, unnahbar — wortlos — „Anna, nicht so. Wie habe ich gelitten, tief bereut," murmelt Löhr. „Ich habe dein Leben auf das ödeste gestaltet, dich unglücklich —" Ja, jetzt kam Leben in die Erstarrte. Die hohe Gestalt richtete sich noch höher auf, die Augen sprühten, Glut überzog das schmale Gesicht. „Mich unglücklich gemacht? Mein Leben öde? Ich bin sehr glücklich, Sie sind int Irrtum, Herr Löhr. Mein Leben hat sich gestaltet, gerade so wie ich es mir gewünscht, sch bin sehr, sehr glücklich!" Sie stützte die Hand auf die Tischplatte, daß die Tasse Und die Teller klirrten, der Abendtisch war gerichtet. „Tann, dann — — kann ich gehen —," er sagt das mit hoher Ruhe. Sein Ange bohrt sich in Anna, er spricht: „Es ist heute recht schlechtes Wetter, man soll keinen Hund vor die Türe jagen, eine eisige Luft. Aber doch, ich will noch ein bißchen promeuiereit, ich wandere gerne int Schnee, man ist ja auch kein Hund, man hat ja gute Stiefel au, dann lächelte er und schaute sich in dem Zimmer um. „Nette Einrichtung, ah, hier auch ein Kanarienvogel, pfeift er schön? Und hier einen Blumenkorb —" Da richtet sich Löhr kerzengerade auf, es wollte mit der Lügenzunge nicht mehr gehen, die Stimme kam in das Schwanken. „Rote Rosen — was?" Wer gab die, die Partie, von der man in der Stadt redete? Das Blut prallte nach dem Kopfe, sein Auge raste ou den Wänden hin und verschlang jedes Bildchen. Anna hatte sich vor den Teetisch gesetzt und strich sich' in anscheinend hoher Ruhe ein Butterbrot. Ein großer, ditukler Lampenschirm bedeckte schier ihr Gesicht, aber da — Löhrs Hand schleuderte die grüne Seide zu Boden. .. c „ Er hatte in der Ecke des Zimmers ent Portrat entdeckt, das mit einem Fichtenkranz umwunden, welcher auch noch die roten Rosen hatte, mit denen der Blumenkorb gefüllt. Da steht Löhr hochatmend vor dem geschmückten Btld, dann dreht er sich langsam um. Reden kann er nicht. Er nimmt sich einen Stuhl und läßt sich stumm neben Anna nieder. „Und warum sollte ich es nicht wissen, daß du mich heute noch so lieb hast wie vor fünfzehn Jahren? Keines Komödie mehr, Anna, dit bist überführt, mein Porträt, das gekränzte Bild redet stumm alles —" Nun war es vorbei mit der majestätischen .Haltung. Wie int Traum saß sie neben Löhr ttnd goß Tee in) seine Tasse und er erzählte die Begebenheit des Abends. „Uitd nun harren die Neffen" und Nichten," schloß er, lachend. . „Weißt was, Lieb, wir gehen morgen yt|ointcit Hut." „Und nächstes Weihnachtssest laden wir diese zu uns ein —", meint Anna. — Ja, das war ein fröhlicher, seliger Weihnachtsabend, —s Der schwarze Hund. Eine vberhessische Gespenstergeschichte vor 40 Jahren von K. M o h r in B. Wer von bett geehrten Lesern, wie ich, auf deut Lande! geboren und erzogen wurde ttnd dazu das mittlere Lebensalter längst überschritten hat, wird sich von seiner Jugend her noch mancher Erzählung aus dem Münde der alten Großmutter oder einer Base erinnern vom schwarzen oder feurigen Hunde, vom W ä r w o l f oder vott anderen gespenstischen Tieren des Aberglaubens, und wer irgend eine Dorfgeschichte schreiben will, dürfte unter dem Kapitel: „Aberglauben und Gespenstergeschichten" gewiß an irgend einer unheimlichen Stelle innerhalb des Dorfes oder in dessen nächster Umgebung von einem „schwarzen Hunde" zu erzählen haben. Es ist bemerkenswert, so schreibt „Dr. Adolf Wuttke" in seinem bedeutungsvollen Werke aus dein Jahre 18 '0, daß die einzelnen deutschen Volksstämme an den äußersten Grenzeit sowohl, als auch in der Mitte Germaniens, obwohl! in ihren Sitten ttnd Gebräuchen oft so grundverschieden, eine merkwürdige Uebereinstimmung in ihrem Aberglauben und ihren Gespenstergeschichten tundgeben, besonders auch, was die Tiergestalten ihrer Erzählungen anlangt. Vor 40 und mehr Jahren, als mein Heimatsdorf O. noch nicht wie heute eine verkehrsreiche Eisenbahn halten stelle besaß, mußte man auf der hier über, den Bahnkörper führenden Straße über das 10 Minuten entfernte Dorf N, nach der nächsten Bahnstation B. wandern. Da überdies das Eisenbahnfähren damals bei den Torf«! bewohnern sehr spärlich vorkam uud erwähnte Straße in der Hauptsache nur als Feldweg benutzt wurde, so ist es wohl erklärlich, daß sie zeitweise ganz still dalag und der einsame Wanderer auf ihr mit sich und setneu Gedanken allein blieb. Etwa in der Mitte zwischen dem Bahnübergang und dem Dorfe N. hatte man eine Brücke zu überschreiten, deren düstere, mit Erlen und Weidengebüsch wild umwachsene Umgebung dem phantasiebegabten Wanderer recht wohl als „Erlkönigs unheimliches Reich" erscheinen konnte, besonders itoch bei Nacht und Nebel. Und wir wollen es darum auch nicht gerade als Feigheit deuten, wenn en hier in mitternächtiger Stuitde seine Schritte beschleunigte, um möglichst rasch dein Bereich der „Unholden" zu entkommen. Wohnen hier doch die schwarzen Seelen verstör-' beiter Bösewichter, die im Grabe keine Ruhe finden. In allerlei Tiergestalten begegnen sie den Lebenden in der Geisterstunde, um durch das rechte Erlösungswort oder 796 die befreiende Tat einer itnschuldvokken Seele cntsündigt die Pforten der Ewigkeit überschreiten zu dürfen. Mag die -Gegenwart mit ihrer geistigen Neberhebnng sich über jene Zeit des grossen Aberglanbens und der Ge^ jpensterfurcht erhaben dünken (obwohl in. E. auch der Freieste noch nicht ganz- frei. davon ist), wieviel kindKche Naivität, welch feines Empfinden für Recht und Unrecht und zugleich Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber der göttlichen Gerechtigkeit liegt doch in vielen dieser Erzählungen verborgen! Ist mit jenem rohen Aberglauben, den wir gerne vermissen, nicht auch manches Fünkchen dieses Emp- findeus geschwunden? — Doch zurück von solchen Betrachtungen, die der Leser für sich weiter spinnen mag, z,u unserer Brücke und dem Beherrscher derselben, dem „schwarzen Hunde". In dem schwarzen Tiere wohnte eine ebenso schwarze Seele, die nach den Erzählungen aus dem Dorfe O. oder N. jedesmal einem anderen Bösewicht angehört haben mußte, der durch irgend ein Verbrechen des Betrugs, oes Meineids oder gar des Mordes Geld- oder Gut anderer an sich gebracht it.tb dadurch die Strafe des ewigen Wanderns auf sich herabbeschworen hatte, wenn ihm nicht obenerwähnte Erlösung kam. — Jener Hund war nun nicht lebensgefährlich ; denn er hatte noch niemand gebissen — nur unheimlich war er, wenn er sich dem späten Wanderer lautlos an die Fersen heftete, bis dieser die Grenzen seines Bereiches überschritten hatte. Mehrfach hatte ich nun auch schon, um während der Schulferien in dem erwähnten Städtchen B. im Freundeskreise einige fröhliche Stunden zu verbringen, in mitternächtiger Stunde heimwärts strebend, vielleicht auch in der Erinnerung an die zahlreichen Erzählungen unbewußt meine Schritte beschleunigend, jene Brücke überschritten, der schwarze Hund aber ließ sich- nicht blicken. War ihm meine Seele nicht unschuldvoll genug oder fürchtete er meinem Ziegenhainer, den nach damaliger Sitte oben ein Bleiknopf zierte? Doch nein! Der letzte Grund konnte es nicht gewesen sein; beim unser Hund wußte doch gewiß, daß ihm tote überhaupt seiner Rasse mit einem Stock nicht beizukommen war. So vergingen Jahre und Tage, ich kam im Laufe der Zeit in Amt und Würden, behielt aber meine alte Gewohnheit bei, näiülich die Zeit des Urlaubs zu Hause zu verbringen, und so kam es auch, daß ich in solchen Tagen! wieder jenen Freundeskreis aufsuchte, um ab und zu wieder wie ehedem in später Nachtstunde mutterseelenallein den Hei'mweg auzutreteu. Da in einer ivolkenschwarzen Herbstmitternachtstunde, als ich eben glaubte, die „schwarze Hundebrücke" wieder unbehelligt verlassen zu haben — was geschah? Ein leises Tippen von vier eilenden Hundefußen, ein Schnuppern an meinen Fersen, das plötzliche Ueberzieh-en! meines ganzen Körpers mit -einer Gänsehaut, die ich wohl nicht sehen, aber Um so deutlicher spüren konnte, einen verzweifelten Hieb mit meinem Tröster, natürlich in die Luft — das alles vollzog sich so blitzartig rasch, daß ich es nicht so schnell zu denken, geschweige denn mit Worten anzudeuten imftonbe bin. Wäre nun das schreckliche Tier verschwunden, so hätte das nicht nur meine Nerven wieder! ins Gleichgewicht gebracht, der Beweis für das Vorhandenfein des schwarzen Köters wäre dann -auch sehr einfach gewesen. Ich hätte als Kronzeuge um so gewisser gelten müssen, als meine geistige und seelische Verfassung -eben erst von ihm, dem Hunde selbst, als über jeden Zweifel erhaben anerkannt worden wär. So -erschien d-as dumme Kundevieh aber zum zweitenmal und beschnupperte mich immer wieder, ohne auf meine Abneigung zu achten nnd- uterftc auch nicht, daß ich mein ganzes Denken aus den; einen Punkt konzentrierte, wie ich ihm doch- noch eins! versetzen könnte, und — daß wir so schon über die Grenzen feines Reiches hinausgekoiumen waren. Unterdessen hatte ich meinen Stock fest in der Faust dicht an meine rechte Seite gedrückt und — wie Blitz und Schlag — saß ein kräftiger Jagdhieb dem Zudringlichen in den Rippen. Im Bogen an mir vorüber Reißaus nehmend, quittierte er in ganz gewöhnlichen Hundeklagetönen, wenn auch nicht gerade dankend, den Empfang. Diese Quittung enthielt aber für mich noch die Aufforderung, dein Davoneilenden zu folgen, wenn es auch übet Stock und Stein, über Eisenbahndamm und Gräben sein sollte. Die Behausung des Schwarzen mußte ich erfahren, könnte ich doch dabei gar in den Besitz großer Reichtümer gelangen, die er vielleicht zu hüten hatte. Zu meiner nachträglichen Genugtuung aber schlug er solche immerhin halsbrecherischen Wege .nicht ein, sondern bog wieder zur Straße zurück und über den stillen Bahnübergang ging es weiter im eiligen Lause, ich nur wenige Meter- hinter ihm drein. Obwohl ich es im Reißausnehmen glaubte mit einem Hunde aufnehmen zu können uno wohl dem bekannten „Holländer" noch über war, verlor ich ihn zuletzt in der Dunkelheit doch aus den Augen, als ich nach kurzem Dauerlauf aus dem Dunkel der Stacht drei fchwarze Männer auftauchen sah, die sich, wie ich näherkommend hören konnte, über eine Hundeangelegenheit lebhaft unterhielten. — War ihnen auch der „Schwarze" begegnet? Ja wirklich, da war er ja; aber nicht auf der Brücke, sondern eben im Augen-; blick sprang er freudig bellend an dem Sprecher in die, Höhe, als der zu seinen Genossen gewendet meinte, Hektor müsse wohl im Hause seines früheren Herrn in N. gewesen! und fortgejagt worden fein, oder das Tor verschlossen gesunden und sich so verspätet haben. Unterdessen hatte ich mich den drei mir wohlbekannten Landsleuten angeschlossen, wurde aber von unserem Geisterhunde keines Blickes gewürdigt. Hat er mich nicht wieder erkannt, wollte er edelmütig auf Rache verzichten, oder sollte sein Herr die erlittene Schmach nicht erfahren. Hätte! der „Schwarze", der übrigens, wie ich nachher erfuhr, nur in der Dunkelheit schwarz, sonst aber rotbraun war und! nur zwei schwarze Flecken über den Augen hatte, gewußt,^ daß ich bereits die ganze Geschichte, freilich in der ihm unverständlichen Menschensprache den Dreien . kundgetan hatte, wer weiß, ob er nicht noch nachträglich meine Niedertracht bestraft und mich seine Zähne hätte fühlen lassen. Seit Jahrzehnten ist von dem Erlengebüsch an der! Brücke und von dem schwarzen Hunde nichts mehr zu sehen und zu hören, ja man spricht in unserer poesie-armen Zeit nicht einmal mehr von ihm. — Hat ihn eine unschuldige Menschenseele erlöst? — oder hat ihn die „Eisenbahn" mit ihrem feurigen Lindwurm-- rachen verschlungen? VSNMlls^tL». kf. Das Volk der Einbeinigen. In dem deutsche» Volksbuche vorn verzog Ernst wird erzählt, wie der Herzog von seinen wunderbaren Reisen allerlei Wundernwnschen mitbringt, darunter auch einen von dem Balte der Einbeinigen. Etwas Wahres scheint nun an dieser Wundermär zu sein; der englische Missionar Lea Wilson, der soeben aus dem Gebiete des weißen Nils heimgekehrt iu, erzählt nämlich von einem seltsamen Neger- volle, den I i e >> a in der Gegend des Bahr e l Ghazal. Diese Leute haben freilich zivei Beine, aber die selisame Angewohnheit, sich nach Gtorchenweise aus einem Beine stehend aus- zuruhen. Tie Ficngs werben übrigens als lauter Riesen von kohl- schivarzer Farbe beschrieben. Sie sollen körperlich sehr schön sein und aui ein schönes Aenßere sehr viel Wert legen; sie frisieren sich sorgsältig, pudern sich und tragen Straußenfedern; sie haben die merkwürdiae Angewohnheit, sich sechs Zähne des llnterkicfers aus- zuziehen, ein Brauch, der übrigens bei anderen Naturvölkern Ceitensiücle bat. Die Swen der Jiengs stellt Wilson als sehr sanft dar; so hat er z. B. nie gesehen, daß die Jiengs gegen Frauen oder Kinder grausam sind. Tie Jiengs kennen ein höchstes Wesen, dem sie durch Zauberer oder ihre Häuptlinge Op-er barbringen. Sie sind außerordentlich geschickie Jäger, und Wilson hat miterlebt,, wie die Einwohner eines kleinen Dor es in drei Tagen 15 Flußpferde erbeuteten. Cie erlegen die geivalligen Tiere von gebrechlichen Kanoes aus durch Spcerwürü. * I il der Schule. Lehrer: „Es gibt also Augen von blauer, schwarzer, brauner und grauer Farbe. Wer von Euch hat schon einmal darauf geachtet? Z. B. Müller, was.hat dein Vater für Augen?" Der kleine Müller: „Für gewöhnlich sind sie grau, wenn er sich aber mit Muttern gezankt hat, ist eines blau!" * Unverfroren. Schneider (einen Schuldner bei einem feinen Tiner in einer Restauration treffend): „Wenn Sje allerdings immer so leben, dann sehe ich ein, daß Sie unmöglich Geld für den Schuster und Schneider übrig haben können!" Herr: „Gott sei Tank, daß Sie wenigstens so vernünftig sind und das endlich cimuat einsehen!" * Das kleinere Hebet Briggs : „Sie müssen doch eine Menge Sorgen damit haben, Ihre Frau so auf der Höhe der Mode zu erhalten?" — Criggs: „Oh, ja, aber nichts gegen die Sorgen, die ich hätte, wenn ich es nicht täte." * Kitt Gcmütsmeus ch. Richter: „Ja, sagen Sie mal, Angeklagter, warum haben Sie denn das gefundene Portemon- nuic um oen öo3 Mark nicht auf der Polizei abgegeben?" Angeklagter : „Ach, Herr Amtsrichter, ich bin .so bescheiden. Tas hätte ja ausgesehen, als ob ich mit meiner Ehrlichkeit prahlen oder Fin- derlolm haben wollte '' 796 Vüchertisch. __ Daudets Tartarin von Tarascon, der klassische humoristische Roman des neueren Frankreich, bringt der Gelbe Verlag in Dachau in einer trefflichen Verdeutschung von A G e r st m a n n heraus. Das anmutige Werk, das die schwächen der Franzosen aufs unterhaltendste geißelt, indem es von den wunderbaren Abenteuern des Herrn Tartarin von Taraseon erzählt, ist mit 45 Zeichnungen von Emil Plreetorius geschmückt, der für die lustigen Schicksale des ehrbaren Spießbürgers eine treffende Form gefunden hat. Das hübsche Buch kostet nur 1,80 Mark. — Die Gedichte Walthers von der Vogelweide veröffentlicht in einer wundervollen Ausgabe der durch seine geschmackvoll ausgestatteten Bücher vorteilhaft bekannte Verlag von Kurt Wolff in Leipzig als siebzehnter Band der Trugulin-Drucke. Die auf Grund des Lachmannschen Textes voir Dr. Hanns Berendt besorgte Ausgabe ist in einer prächtig geschnittenen Schrift auf feinstes Papier in Quartformat gedruckt und ist allein rein technisch betrachtet von hohem Reiz. Allen Freunden der mittelhochdeutschen Poesie wird diese Ausgabe viel Freude bereiten, weshalb wir sie ganz besonders empfehlen. , — Der Sänger der Landstraße, wie inan Hans Ostwald mit Recht bezeichnen kann, versteht es, seinen Gestalten die Blutwärme des Lebens zu verleihen. Diese Gestaltungskraft wird dem soeben in Kürschners Bücherschatz Nr. 925 (Hermann Hillger Verlag, Berlin W. 9) erschienenen Band „Hanna und ihr Kampf und andere Erzählungen" von Hans Ostwald einen großen Erfolg bereiten. ■ — „Tie Rampe". Mit Beiträgen von Hernt. Snder- niann, Max Dreyer, Georg Engel, Ludwig Fulda, O. Blumenthal, W. Bloem, Georg Hirschfeld, F. v. Zobeltitz u. a. Geheftet 2 Mk. (Johannes Baum Verlag, Berlin W. 30). Tie „Stampe", das Jahrbuch des Verbandes Deutscher Bühnenschriftsteller, ist jetzt zum vierten Male erschienen und präsentiert sich äußerlich in einem neuen Geivairde. Ein flott gezeichnetes Titelblatt zeigt den Autor vor der Ranipe. Hermann Sudermann leitet im Anschluß an das effektvolle Titelblatt den Reigen der Bühnenschrift- steller mit einem Gedichte, dessen Titel mit dem Buchtitel über- einstinnnt, ein. Mär Dreyer schließt sich mit einer reizenden Novelle „Bob" an. Ihm folgt Ludwig Fulda mit einem bisher unveröffentlichten Einakter „Feuerversicherung". Tas belletristisch- unterhaltende Element wiegt vor. Alfred Schirokauers Grundzüge einer „Technik des Filmstücks" müssen von allen dankbar begrüßt werden, die sich auf dem neuen, viel umstrittenen Gebiet betätigen wollen. Von den dramatischen Beiträgen seien genannt: Herbert Hirschbergs historisches Drama „Fatznar" und Hans Fritz von Zwehls sprachlich hervorragender Dramatisierung eines Märchens ans 1001 Nacht, die im Dresdener Hoftheater ihre Urauf» führnng erleben soll. Otto Ernst hat einen ebenso belehrenden wie amüsanten Beitrag „Der Schauspieler und der Dichter" bei- gesteuert, ein Thema, das auch Wilhelm! von Scholz in der ihm eigenen Weise originell behandelt hat. , _ — FünfSerien Chromopla st bilder und zwar Serie 32: Garda-See; Serie 33: Jerusalem III; Serie 37: Tunis- Karthago ; Serie 39: Schliersee und Tegernsee: Serie 42: Aegypten II, Theben-Edfu. Preis jeder Serie 2 Mk. Farbenphotographische Gesellschaft m. b. H., Stuttgart, Augnstenstr. 13. — Vor Weihnachten letzten Jahres haben wir die hübsch zusammengestellte Familienserie der Chromoplastbilder „Bon Nah unb Fern" samt Stereoskopapparat in unserer Zeitung besprochen. Inzwischen hat die Farbenphotographische Gesellschaft weitere interessante Serien herausgegeben. Eine Auswahl der neu erschienenen Serien sind die obengenannten. Die Farbenpracht wie Plastik dieser Chromoplastbilder sind wiederum entzückend und überraschend. Jedermann wird die Naturtreue, die feinen Farbennuancen und die famose Wirkung bewundern. > — Die Kultur des alten Aegypten. Bon Prof. Dr. Freih. W. v. Bissing. 92 Seiten Text und 22 Tafeln mit 66 Abbildungen. (Wissenschaft und Bildung, Band 121.) Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig. 1913. — Nur wenige Gebildete haben eine klare Vorstellung von der so vielseitigen und interessanten Kultur des alten Pharaonenresches. Wir begrüßen deshalb das Buch eines Mannes, der zu unseren hervorragenden Aegyptologen zählt unb burch eigene Forscherarbeit das ganze Gebiet beherrscht. Nur fo- konnte es dem Verfasser gelingen, uns in knappster Form die wichtigsten Elemente der verschiedenem Kulturformen darzustellen und die Punkte herauszuheben, die für die Entwicklung entscheidend waren. Ob er uns in die, Grundlagen des ägyptischen Staates unb der Gesellschaft, in Literatur unb Wissenschaft, Kunst oder Religion einführt, stets ist seine Darstellung von sprühender Lebendigkeit und überzengenber Plastik. — SB r i e g e r, Altmeister deutscher Malerei. Berlin, Verlag für Kunstwissenschaft G. m. b. H. — Altmeister deutscher Malerei ist eines von einer Reihe von Werken über nationale Kimst „Das deutsche Museum", die in knapper Form in das Wesen unserer nationalen Kunst cinführen sollen. Sie sind itm so eher mit Freuden zu begrüßen, als leider festgestellt werden muß, daß das Interesse an altdeutschen Meistern zum mindesten sehr geschwunden ist, wenn nicht von manchem als überwundener Standpunkt betrachtet wird. Hiergegen macht das vorliegende Buch Front unb zeigt in einer Auswahl von 96 .ganzseitigen Abbilbungen bie hohe Kunst eines Matthias Grünewalb, Hans Balbung Grien, Albrecht Dürer, Hans Holbein unb so manches anberen. Kurz und jebem verstänblich sinb auch bie einleitenden Erklärungen Lothar Briegers. Das Werk kostet kart. 2,40, geb. 3,60 Mk. K.B. — Peter Rosegger, Gesammelte Werke. Vom Verfasser neubearbeitete und neueingeteilte Ausgabe. 40 Bände in 4 Abteilungen zu je 10 Bänden. Jeden Monat gelangt em Band zur Ausgabe. Jeder Band geschmackvoll gebunden 2,50 Mk. (3 K.), in Halbpergament 4 Mk. (4,80 K.). Einzelne Bände werden nicht geliefert. Verlag von L. Staackmann in Leipzig. Soeben erschien von der ersten Abteilung Band 8: Der G o t t s u ch e r. Ein Roman aus dunkler Zeit. Die rüstig vorwärtsschreitende, prächtige Neuausgabe von Stoseggers Gesainmelten Wer »en bringt! im 8. Band den weltbekannten Roman „Der Gottsucher", von dem schon Carmen Sylva einst mit Recht behauptete, daß der Dichter seine ganze Seele hineingelegt habe. Das Werk ist eines der bedeutendsten und reifsten Roseggers und bildet —_ 1883 erstmalig erschienen — einen Markstein in des Dichters Entwicklung. Es ist gleichzeitig eine Bereicherung unserer Literatur um ein ethisch wie dichterisch überaus wertvolles Kunstwerk von bleibendem Wert. Rosegger hat es nicht nur verstanden, einen ihm von der Geschichte gebotenen Stofs meisterhaft zu gestalten; ev hat ihn auch mit einer Fülle von tiefen Gedanken ausgestatteü und seinem echt religiösen Empfinden herrlichen Ausdruck darin verliehen. Möge das Werk auch in diesem neuen Gewände recht vielen Menschen dichterischen Genuß unb religiöse Erbauung spenben. — Braunschweig, Hildesheim und der Harz, Berlin, Verlag für Kunstwissenschaft G. in. b. H. (kart. 3 Mk.). 110 Abbildungen nach Naturaufnahmen bietet das Werk, tue ein treffliches 'Bild geben von der Schönheit der alten Löwen- ftadt Braunschweig und ihrer näheren uno ferneren Umgebung, Mit künstlerischem Auge sind bie altehrwürdigen Denkmäler des Mittelalters geschaut, an denen besonders Braunschweig, Hildesheim und Goslar so reich sind, und fein künstlerisch sind sie wiedergegeben unb zu einem sehr wertvollen Buche vereint. Prächtig sind bie Abbilbungen des 1166 errichteten Burglöwen, der uralten Burg Dankwarderode, in der noch heute Hof;estlichkeften stattfinben, erhaben bie Bilder bes Domes zu Halberstabt. Auch bie Wiedergaben aus Quedlinburg, Goslar, Blankenburg und den anderen schönen Städtchen des Harzes sind von seltener Schönheit. Dr. Ernst E o h n - W i c n e r hat bas Werk mit einer geschmackvollen Einleitung versehen. K. B. > Weihitachtsglocke«. Ter traute, alte Klang der Westmachtsglocken tönt wieder durch die sternenklare Nagst; verkünden wieder uns die iel'ge Kunde, daß diese Nacht den Heiland uns gebracht. Unb wo ein Herz in sehnsnststsvolleu.Schlägen an längst vergangne fcböiv e Ze st n denkt, so ist's der weih volle Klang der Weihnachtsglocken, der in das Herz den süßen Frieden senkt. O Weihnachtsabend, voll von Iubeltönen, die aus den iroben Memcheuseelen geh'» — und leise klingt in unsre Träume wieder der trauten Weihnachtsglocken Lobgetön. A » h y R ü h l (Schotten). Silbenrätsel. a, ab, ar, ch, ch, ehr, en, ist, land, man, mo, na, os, rat, ri, tal, nr, zee, zi. AuS vorstehenden Silben und Buchstaben sollen sieben Wörter gebildet und derart untereinander gesetzt werden, baß die Ansanas- buchstaben von oben nach unten und bie Endbuchstaben von unten nach oben gelesen, ein Sprichwort ergeben. Es bedeuten aber bie einzelnen Wörter folgendes: 1. Niederländische Provinz. 2. Türkischen Sultan. 3. fligur aus einer Wagnerschen Oper. 4. Britische Kolonie. 5. Biblischen Namen. 6. Ein Gebirge. 7. Stadt in England. Auslösung in nächster Nummer. Auslösung der Schach-Aufgabe in voriger Nummert Weiß. Schwarz. 1. Se5 — d7 Beliebig. 2. gibt (durch entsprechenden Abzug) j- und Matt. Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck unb Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange. Siege»