Samstag, den 18. Januar W — Nr. 10 omw W Äon Frühling ;u Frühling. Roman von Erich Eb enst e in. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Hastig steckte Meta noch ein paar Kerzen an beit Baum. Es würde ja doch wieder nichts sein, aber ver- suchen mußte man «es doch. Die alte Frau erhob sich. „Ich will noch zu Konradcheu hinüber." An der Tür blieb sie stehen, auf ihren Stock gestützt, und wandte das gelbe, runzlige Gesicht nach Meta um.. Ein Schimmer von Mitleid lag darauf. „Wenn es dir bange ist. Meta, dann komme zu mir übermorgen, wenn das Kind schläft. Mir wollen dann nicht daran denken, daß Weihnachten ist, und von alten Zeiten plaudern." Meta putzte mechanisch an dem Baum weiter. Dabei dachte sie, wie Weihnachten wohl dort in Galizien begangen werden würde, ganz fern im Osten an der Grenze, wo Münster war. Und plötzlich, ganz unvermittelt, tauchte vor ihrer Seele wieder das Bild des kleinen Häuschens an der Friedau auf, mit bett, grünen Läden und dein Wald dahinter. Sie hatte lange, lange nicht daran gedockt. Dort würden sie wohl fröhlich sein. Vielleicht kam der Sohn auf Urlaub hin. Der Baum war fertig, keine Kerze mehr im Körbchen dunkel im Zimmer. Unter den duftenden Zweigen, die wie schwarze Arme sich in die Dämmerung streckten, saß Meta und weinte bitterlich. Eine halbe Stunde später öffnete sich die Tür und jemand rief ungeduldig in die Finsternis hinein: „Meta, bist du hier?" Hastig erhob sie sich. Es wär die Stimme ihres Mannes. „Fa," antwortete Meta und segnete die Finsternis, die ihr verweintes Gesicht verhüllte; denn Tränen waren Petermann verhaßt. „Zum Kuckuck, was machst du denn da im Dunklen? Ueberall suche ich dich schon." „Ich habe den Baum geputzt." „Unsinn! Als ob das nicht jemand von der Diener- schaft hätte machen können... übrigens-stehe ich gar nicht um einen Christbaum." „Für Konradchen." „Na, meinetwegen, wenn's dir immer noch Spaß macht, auf ein Fiasko hinzuarbeiten." „Wünschest du etwas von mir, Niki?" „Nein —• das heißt ja. Ich wollte dir nur sagen, daß ich heute abend noch nach Paris reisen muß. Geschäfte ... und daß du somit fiir die Feiertage nicht auf mich! rechnen kannst." Seine Stimme klang nicht ganz sicher. Meta atmete erleichtert auf. „Du hast doch nichts dagegen?" fragte er noch. „Gar nichts." „Lade dir Gäste ein — Freundinnen — wo steckst du denn eigentlich? Willst du mir nicht die Hand zum Abschied geben? Ich muß sogleich fort." Langsam trat Meta vor Und reichte ihm die Hand. Durch die offene Tür fiel ein Lichtschimmer auf beide. Es fiel ihr auf, wie blaß und elend er anssah. „Lebe wohl, Niki, und amüsiere dich gut in Paris." „Ach was, .amüsieren!" brummte er verlegen. „Geschäfte hab ich, leb wohl!" Er hauchte einen flüchtigen Kuß auf ihre Stirn und ging. Als Meta später in das Kinderzimmer trat, hörte sie unten den. Wagen äbfahren, der ihn zur Bahn brachte. Am nächsten Morgen zum Frühstück brachte ihr die Post nebst mehreren Ankündigungen drei Briefe. Der erste war von Berta Malchow, das heißt der jetzigen Frau Burkhardt. Sie schrieb sehr häufig, die kleine Berta, seit vor einem halben Fahre ihr Mann! seinem Lungenleiden erlegen war und sie mit ihren kranken Kindern ohne Subsistenzmittel dastand. Meta hatte ihr oft mit größeren Beträgen ausgeholfen, und zuletzt durch allerlei fürsprechende Mittelspersonen' eine Stelle in dem Bureau eines Advokaten verschafft, wo sie für 60 Kronen monatlich von 9 Uhr früh bis 6 Uhr abends mit zweistündiger Mittagspause an der Schreibmaschine beschäftigt war. Ein schreckliches Dasein! Meta schauderte, wenn sie an das ununterbrochene Geklapper der Schreibmaschine dachte und an Bertas seelische Verfassung, die daheim die kranken Kinder liegen hatte... Sie hatte ihr auch nun zu Weihnachten einen ansehnlichen Betrag gesandt. Wenigstens die Festtage sollte die kleine, fleißige Frau frei von Sorgen sein. Dieser Brief enthielt nun den Dank dafür. Aber Metas Augen weiteten sich beinahe entsetzt während des Lesens — was hatte die Aermste für das Geld gekauft? Eine Schreibmaschine? Eine klappernde Schreibmaschine anstatt warmer Kleiber und kräftigender Festtagsbrateu... Und dafür bedankte sie sich überschwenglich! Freilich, die 720, Kronen jährlich konnten nicht reichen. Das eine Kind laborierte fort an entzündeten Lhmpfdrüfen, das andere, kaum zweijährige, litt an hochgradiger Anämie. Arzt, Apotheke — alles kostete Geld. So war es denn eine heiße Sehnsucht der armen Berta, eine eigne Schreibmaschine zu besitzen, um, daheim noch Arbeit übernehmen zu können. ..Vier Stunden Schlaf täglich genügen mir vollauf," 38 Rieke Tweern. Skizze pon Albert Petersen. Es war zu der Zeit, da die Hütsumer Bürger stolz daraus wäre«, daß statt der rötlichen Petroleumflammen jetzt unruhige,- breite Gaszungen hinter dem Glas der Laternen die Straßen erleuchteten. In keiner Stadt der ganzen Westküste war man schon soweit. Mr einige geizige Nörgler .knurrten über Verschwendung und unerhörten Luxus. Wenn.von der Gasse her die Töne einer Drehorgel in die Werkstatt drangen, rief der Meister den Gesellen und Lehrburschen zu, man wolle auf die Straße gehen, um recht deutlich zu hören. Denn.die Frau Meisterin hatte dem Leierkastenmann sicher einen „Sößling" gegeben, und man wollte doch was für sein Geld haben. An den Bürgerstammtischen kannegießerte man nur noch, wann die Dänen wohl den Preußen die Herzogtümer wieder abnehmen tvürden. Nur im Houoratiorcn- zimmcr zeigte man schon Verständnis für die Politik des Norddeutschen Bundes. Das eleganteste Gefährt, welches Hütsnms holprige Gassen durchratterte, war noch immer die alte Staats- kutsche des früheren Amtmanns, und die interessanteste Persönlichkeit, ein Genie in aller biederen Bürger Augen, der englisch« Ingenieur Cunning, der die Messungen für die erste Dampfbahn vorzunehmen hatte. Und in jedem Sommer hatte Hütsum sein „Ereignis", wenn die .Kronprinzessin ans der Durchreise nach dem Bade Wyk auf Föhr in Hütsum übernachtete. Da riefen die Hütsumer brausend „Hurra", als wären sie nicht erst drei Jahre, sondern drei Jahrhunderte „gut brandenburgisch", und die liebenswürdige Fürstin dankte so herzlich, als hätte ihre Wiege nicht an der Themse gestanden, sondern M den Bnchcugestaden der Ostsee. „ , _ . Der gute Bürger trug Gehrock und gewaltigen Zylinder, Frau Doktor und Fräulein Propst stolzierten im rundlichen schrieb sie, „und- so bleiben mir noch fünf bis sechs Sinn- i den für Extraverdienst..." | Motas Herz- krampfte sich zusammen, wenn, sie sich dies Leben vorstellte: , r„ , . Arme kleine Berta '— der hatte die Ehe auch ctit schönes Glück gebracht! Meta schüttelte plötzlich energisch den Kopf. „Nein, nein," dachte sie, „das war ja kerne Ehe I alles sind Ehen rings um mich. Die Leute heiraten einfach, das ist alles. Aber Ehe...?" Sie hatte viel über die Sache nachgegrübelt und war I endlich zrl der Erkenntnis gekommen, daß Isa Nenners Worte, die ihr einst so verrückt erschienen waren, doch einen Sinn hatten. o Es war ivie 'bei den Berufenen rind Auvertvahlten. B-erheiratet fein war ein vom Staat gewünschter. und sanktionierter Zustand. Die Ehe ab-er ivar etwas Göttliches, Heiliges, das kein' Priester am Altar und kein Gesetzesvertreter schaffen konnte. Zerstreut griff sie nach dein Weiten Brief. Ah der I war ja von Isa! Und ans Genua? Wie kam sre denn dort I hin? Sie hatte lange nicht geschrieben: Meta öffnete neugierig und las die wenigen Zeilen: „Meine liebste Meta! -Diese Zeilen sollen Dir meine letzten Grüße aus Europa bringen. Morgen schiffeii wir uns alle ein nach Japan, wo mein- Rudolf einige größere Bauten leiten soll. Du staunst, nicht wahr? Ja, es kam sehr rasch, und wir I mußten uns sozusagen über Nacht entschließen. Wie es uns drüben gehen, wird, weiß ich natürliche nicht, aber da lvir alle vier beisammen sind, ist es ani Ende auch! gleichgültig. Ob- -es nun pekuniär der große Schlager wird oder nicht — Glück und Heimat nehmen wir doch! überall hin mit, wo wir vier er, ich und die Milder — beisammen sind. Die Scholle, mt der wir festkleben, ist- teilt Stuck Erde, sondern -die liebende Gemeinschaft, welche uns wie ein Sh,eres Schiff diirch- das Meer dieses Lebens trägt. Meine abhs, die kleinen, fröhlichen Zigeunerkinder, sind wohlauf, Mein Mann voll bester Hoffnungen, und darum mache auch sch mir. keine Sorgen. , Lebe wohl, liebste Meta, und vergiß nicht ganz Deine immer -getreue Isa Ellermann." Meta legte den Brief nachdenklich beiseite. Ein kleiner Seufzer stahl sich dabei über ihre Lippen. Eine wenigstens hatte keine Niete gezogen in dem großen Lottospiel des Lebens. . .. I Der dritte Brief trug- ein unsauberes Aussehen: Schlechtes Papier, eine ungeübte Hand —- wahrscheinlich 'ein Bettelbrief... Meta riß das Kuvert -auf. Nein, doch nicht. Ern bitteres', verächtliches Lächeln kräuselte ihre Lippen. Schon wieder -eine anonyme „Warnung". Wie viele hatte sie nicht in bei« paar Jähren erhalten, seit sie Nikis Gattin war! Anfangs hatte -es sie immer -erregt. Scham und Empörung! waren aufgeflammt, daß Fremde wußten-... Jetzt ließ es ste so ganz gleichgültig. „Gnädige-Frau! Wenn Sie wissen wollen-, mit wem Ihr Gemahl das Weihnachtsfest in Paris zubringt, so begeben Sie sich dorthin, und fragen Sie int „Hotel Metropole" nach rhm. Ein treuer Freund." Nein, sie wollte es wirklich nicht wissen. Eine Edith Torloni oder -eine andere... was lag ihr daran? Der „treue Freund" wär wahrscheinlich- eine ehemalige Freundin Nikis, die selber gern nach Paris gereist wäre. Gleichgültig ballte sie das Papier zusammen und warf es in die Flammen des Kamins. Die Hauptsache war: sie konnte den Heiligen Abend allein mit ihrem Kinde verbringen! Wenn dieses Mud hätte lachen und plaudern können wie andere Kinder, sie hätte sich nichts, gar nichts gewünscht ans Erden. Sie hätte ent Ziel gehabt und eine Seele, die ihr in Liebe entgegenwuchs zu treuer Lebensgemeinschaft. So freilich — ach, dis Einsamkeit wär so bitter. Dte>e völlige, riesige Einsamkeit... Am Nachmittag- ging sie zu $erta, um deren Kinder einige Kleinigkeit-en zu bringen-. Auch dort gab -es verstimmte Gesichten Es hatte einen Krach mit dem Dienstmädchen gegeben und der kleine-Erwin, hatte den S-uppentopf zerschlagen. Darüber war das Mittagessen, verdorben worden. Herta saß, die -einjährige Mimi auf dem Schoß, ver- w-eint am Fenster. Doktor Raff ging erregt im Zimmer auf und nieder. Beide- ergingen sich Meta gegenüber in leideitschaft- lich-en Klagen gegeneinander. Sie fucEjite zu beruhigen, aber es half nicht viel. Zuletzt brach! Herta in Tränen aus. „Und keinen Menschen habe ich, zu dem ich mich ans- sprecheu könitte!" schluchzte sie. „Die Müder sind noch zu klein und Adolf... o, Adolf hat mich nie verstanden!"' Meta fand, daß sie sich soeben genügend „ausgef- sprvchen" hatte, aber sie schwieg. „Nun noch die Geschichte mit Isa — was sagst du zu diesem Wahnsinn, M-eta?" „Nun, Isa scheint doch- sehr glücklich, trotz alledem!?"- „Glücklich? Unverantwortlicher Leichtsinn ist es! Hier hatte Ellermann sein sicheres Brot — Isa war versorgt. Statt dessen zigeunern sie nun in der Welt herum - -. ein Glück, daß Papa dies nicht mehr erlebte! Er glaubte uns beide gut versorgt... nun- ist es eine schöne Versorgung! -geworden!" Sie warf -einen vorwurfsvollen Blick auf ihren Mann, der schweigend -an seinem Schnurrbart kaute. „Aber so geht es, wenn man sich nicht zu ducken versteht und sich mit niemand verträgt! Adolf könnte auch noch -am Sanatorium sein, wenn er besser verstanden hätte, sich zu fügen." „Nun höre doch 'endlich- auf!" sagte Raff ärgerlich: „Immer kommst du mit derselben Geschichte! Obwohl du gut weißt, daß ich als ehrlicher Mensch keinen Teil habeit wollte an diesem Schwindel" — „O, wenn man Weib und Kind hat" — „Braucht man kein Schuft zu werden !" „Dazu heiratet man! Wirklich eine nette Versorgung!"- schluchzte Herta hartnäckig: „Ich denke doch, wir haben aus Liebe geheiratet? Lneh, Herta — deine Schwester dachte gewiß nicht an eine bloße „Versorgung"... und ich tue doch-, was ich kann..." .M-eta fand -es gräßlich, diesen Auseinandersetzungen länger zuznhören, gab ihre Geschenke ab und empfahl sich so schnell als.möglich-. Als sie zu Hause ankam, brachte ihre Zose ihr eine Karte. Der Herr wird 'morgen vormittag wiederkommen." Meta las erstaunt: „Viktor v. MouteM, Rittmeister a . D." Montelli war also wieder hier. Und außer Dienst? Wie kam das? (Fortsetzung folgt.) 39 mit dem jungen Luft versprochen? Gratulier, das glaub ich:— Schwiegermutter von einem Preester —" Die Witwe wurde kreidebleich über .den versteckten Hohn/ und die halbe Nacht hindurch mußte das weinende Mädchen die keifenden Scheltworte der.Mutter anhören. Als Rieke schließlich aber gar so herzzerreißend schluchzte und sich nicht beruhigen lassen wollte, siegte bei der Mutter das Mitleid, sie kletterte ans den: Bett und setzte sich zu der aufgeregten Tochter. „Aber, Rieke, so schlimm meinte ich es doch nicht. Sieh, ich tveiß ja, wie dse Familie Luft ist- Der.Alte hat mich genarrt/ o daß ich erst so unglücklich war. Und das will ich dir doch paren, Rieke. Es ist ja doch bloß Liebe, Deern." Tante Tweern nahm sich vor, so zu handeln. ^>u den nächsten Ferien sollte Johannes Lust ihre Tochter mcht in Dutum finden. , „Rieke, du mußt dich mal in der Welt umsehen, mußt mal ’n andern kennen lernen. Ich! habe an meine Schwester in Bors-, dörp geschrieben. Und sie will dich haben." Arglos willigte Rieke ein, und ihr Onkel, ein Kätner vom Heiderücken, kam eines Tages vorgesahren, um seine Nichte nach dem weltabgeschiedenen Geestdorf zu holen. , , , , r, „Aber eines versprichst du mir, Klaß, die Deern darf bloß au mich Briefe schreiben, und du duldest nicht, daß sie sonst von emandem welche kriegt." , „Ne, ne," versicherte der biedere Landmann erstaunt. — . Als Johannes Lust in den nächsten Ferren nach Hache kam, wunderte er sich, daß er die Rieke gar nicht zu Gesicht bekam. Er schlich an den Fenstern vorbei, spähte über den Gartenzaun, die Geliebte war nirgends zu entdecken. Eines Tages aber rief ihn Tante Tweern zu sich m den Laden. „O Johannes, du warst ja früher Mit meiner Rieke befreundet," erzählte sie scheinheilig, „da wirst du dich freuen, welch Glück sie hat; sie wird sich mit einem Landmann W- l06<®er junge Mensch starrte sie du Und! schlich dann verstört aus dem Laden. s , Tante Tweern aber meinte ein gutes Wert getan zu haben.. Der Student der Theologie ist in den Ferien Nicht Wieder nach Hause gefahren. Er müßte arbeiten, schrieb er an seinen Vater, und Meister Lust war so stolz,auf ,erneu fleißigen Sohu. Rieke hielt ein Jahr voller Sehn,acht bei ihren Verwandten aus. Daun kehrte sie in freudiger Hostmmg, den Geliebten bald wiederzusehen, nach Hütsum zurück. Die Zeit der Serien kam, immer ungeduldiger wartete das Mädchen, aber Johannes Luft blieb aus. Endlich konnte sicdie Ungewißheit und Qual des Wartens nicht mehr ertragen und „Oh, Johannes arbeitet fürs Examen," Prahlte er und dachte im stillen: Die Deern heiraten? Ne, ein Kastor kannchoch andere Ansprüche^mache! Mädchen. Still und bleich wurde Rieke. Aber — er arbeitet — er wird das Examen bestehen- W,lb Aber" in ihr war eine unbestimmte, quälende Angst. Und einmal rief Meister Luft über den Gartenzaun: „Rreke, Rieke, und hielt eine weiße Karte in der hoch erhobenen Hand, und da las das arme Mädchen, daß der Geliebte sich mit einer andern verlobt hatte. . Also hatte Mutter doch recht gehabt? Trotz ihrer Herzensqual hatte Rreke immer das Gefühl, als habe sie der Mutter etwas abzubitten, und sie wurde weich/ beinahe zärtlich gegen die harte Frau. Still und klaglos half sie im Hausstand Und im Laden, Reich und vor der Zeit welk, wurde Rieke Tweern zur alten Si,n6ft imch Jahren, als der Pastor Luft mit Weibsund Kirchern bei seinem alten Vater zu Besuch war, traf es sich,, daß Rieke sich mit ihm aussprechen konnte. Und da erfühl sie, wie schändlich die Mutter sie beide um ihr Lebensglück betrogen hatte. Eine leidenschaftlich erregte Szene zwischen Mutter undTochter folgte diesem Wiedersehen. So hatte bisher noch kern Mensch mit Taute Tweern geredet. Draußen aut der Strage blieben dre Leutck stehen und versuchten, einige der lärmenden Scheltworte auf- zusaiiqeii. Und die Gassenjungen druckten die schmierigen Geeichter gegen die kleinen Scheiben, um vielleicht zu entdecken,- was da drinnen vorging. ' Am nächsten Morgen meinte eine Kundin hämisch zu srante Tweern: „Nu, von jetzt hat deine Tochter wohl 's Regiment Me^Witwe bekam einen roten Kopf und wußte nichts zu o"^Das"Verhältiiis zwischen Mutter und Tochter blieb gettübt/ Da die Mte eilt schlechtes Gewissen der Tochter gegenüber hatte- sand sie nicht mehr den Mut, ihr wie bisher hart und herrschsüchtig entgegeuzutreten. Und allmählich suhlte sie sich alt und kraftlos. Tas Haar bleichte, und mit der Arbeit gmg e» nicht mehr vorwärts, so daß sie immer mehr auf Rieke.angetmesen war/ Dann und wann versuchte sie allerdings noch, die L.ochter zu schelten - * Ms nn einem Abend Mutter und Tochter sich ivieder cm° Reifrock, daS Haar im Netz, durch die, Stadt. Von der Marsch her kamen die Bauernfrauen und schrieen kreischend: „Böbber, scheune Grasbodder — Eier, grote Höhnereier." Unb ber Geest- fätnet rummelte mit seinem Wägelchen durch die Gassen und brüllte: „Sand, seine Schüersand." Ungestört balgten die Düngen auf bet „Mittelstraße", und die Mädchen saugen ihr ,,Ringel- rangel-reigen". Nur in der Gegend, wo Norderstraße, ~sterende. Plan und Kuhsteig zusauiinenstießen, lautete der Text anders: „Nadel, Garn nn Tweern Brukt jede fliedige Deern, Js ein Jung auch auch so grob, Brukt er mal ein Büxenknopp." . An der Ecke des Osterendes und Kuhsteiges stand ein graues, einstöckiges Haus, in dessen kleinen, gewölbten Fensterscherben sich das dichte Grün der alten Lmden, die zu selten der rot- gestrichenen Haustür ragten, spiegelte. Es wat ^ru altes Haus -- gegenüber dem früheren Stadtkerker - und wie manchen Verbrecher hatte es wohl im Laufe der Jahrhunderte-durch den Kuhsteig zum Galgenberg hinausschleichen gesehen. „Tante Tweern" wohnte mit ihrer Tochter in dem Hause. Sie hatte ein kleines Weißwareiigeschäst, verdiente ihr Brot „sößlingweise" an Nadeln, Garn und Zwirn, aber die Burger kauften sich bei ihr auch schöne, bunte Sonntags-Schnupftucher, und dann und wann ließ sich eine non der f„Hutwollee" im Laden sehen, denn Tante Tweern jnatfjte geschickte Strameiarbeiteu. Jedenfalls hatte Taute Tweern ihr Brot, und ihr Tochterlein Rieke lief mit dicken, roten Backen und lachenden Augen uuiher. Am liebsten tollte die Kleine zwischen den Obstbäumen GemMe- beeten und Blumen des länglichen Gartens, der auf der einen Seite durch eine Holzplanke vom Kuhsteig getrennt würbe, auf der andern mit einem niedrigen Zaun an des Nachbars Garten ^Mit dem „Nawer" war's solche Sache. Taute! Tweern mochte beu Schneider nicht leiden. In ihrxr Jugend sollen sie miteinander „versprochen" gewesen sein, dann aber war Theodor -utt einem andern Mädel nachgelaufen und hatte es geheiratet. Tante Tweern hatte schließlich ja auch noch einen rechtschaffenen Manu abgekriegt, der nur damals nicht nach seiner Frau Pfeife getanzt hatte, als der Tod an fein Krankenlager trat und ihm trotz der Frau Einspruch gebot, mitzukommcu. Abed ictnen „Puck hatte Tante Tweern immer noch auf ihren treulosen Freier, und „windige Kirl" murmelte sie jedesmal, wenn sie den letzt schon ergrauten Ritter der Nadel sah. Daher war es ihr eigentlich gar nicht recht, daß ihre Rieke am liebsten mit »dem gleichaltrigen Nachbarsohne spielte. Mochten sie sich schließlich Märchen erzählen, er sie wichtig belehren, daß zwei und zwei vier sind, ihr zeigen: dies ist 'n a, das ist 'n b. Aber wenn sie die beiden dabei ertappte, daß sie „Hochzeit" und „Mann und Frau spielten, rief sie ihre Tochter unwillig ins Haus. Taute Tweern war überzeugt, der Junge würde genau solch windiger Snieder werden, wie der Alte; Schneider waren alle unzuverlässige Kerle. Und bei dieser Behauptung und ihrem Vorurteil' blieb sie auch, als Theodor Luft seinen Einzigen stolz in .die Lateinschule schickte. . , „Na," wetterte sie, „ber Alte ’n windiger Schneider, der Sohu ein windiger Av'kat." , ,, „Aber, Mittler, Johannes Lust soll doch Pastor werden," verteidigte Rieke eifrig ihren Freund. „Man gut, baß ich schon kumfamiert bin," meinte bie Witwe da, „von dem hätte, ich mich nicht kumfamier'n lassen mögen. Aber die brannzöpfige Tochter war nicht zu überzeugen. Sic stand an lauen, traut dämmrigen Sommerabendeu mtt Johannes am Gartenzaun, im Winter schob er ihren Schlitten und spannte ihr auf dem Mühlenteich die Schlittschuhe unter. In der Kindertanzstunde War er ihr Kavalier, und selbst die Neckereien der Kameraden und Freundinnen vermochten sie nicht zu trennen. Als aber Rieke „aus der Schule kam" >uud bas lange Kleib trug, verbot die Mutter in ihrer bestimmten Art der Tochter, sich mit dein Sniederjung sehen zu lassen. „Machst dich ja zunr Gespött der Leute. Auch über n Zaun weg, das gibt es nicht mehr, verstanden." Heimlich nur trafen und sprachen die beiden sich. Johannes trug schon die rote Primauermütze, unb bann kam ber Tag, da Rieke stolz und doch! so traurig der Mutter sagte: „So, Mutter, was sagst du jetzt, Johannes Luft hat Abitur gemacht und geht auf die Universität." _ . . „Was ich sag?" fuhr die Witwe auf, „ich lag: em Doskopp war sein Vater auch nicht, aber windig, verstehst du, furchtbar windig." , .. . . , An einem lauen Frühlingsabend nahmen bie jungen Menfchen- kinder Abschied und sagten sich, daß sie sich nicht vergessen, daß sic sich lieb behalten wollten. Schreiben konnten sie sich nicht; Tante .Tweern hatte die erwachsene Tochter schlagen können vor Zorn. In ben werten,aber sahen sic sich, unter allen möglichen Ausreden stahl Rieke sich aus dem Hanse. Und jftanb in Hand schritten die beiden durch die blumenübersäten, von goldenen Kornfeldern begrenzten H-elb- toege der Heimat. . v 0 Bis eines Tages eine stiebe Nachbarin beim Nadeleinkaus zu Tante 'Tweern sagte: „Gratulier, deine Rieke ist ja wohl 40 mal arg gezankt hatten, schlich Tante Tweern mit entern unbeschreiblich wütenden Blick in die Schlafstube. Rtele sah, wie erregt die Alte ivar, wie sich ihre knochigen Finger ballten, als möchte sie die Tochter züchtigen. r Als Rieke später in die Schlafstube trat, antwortete die Mutter nicht auf ihren Gukeuachtivunsch. t , „Du maulst noch, "rief Riete, „dazti hast du .Ursache, v Aut nächsten Morgen lag die Mutter noch so still da. Die Tochter warf ihr kaintl einen Blick zu. Wettn sie sich beleidigt fühlt, rnag sie, dachte Rieke und ging an ihre Arbeit. c r, - Erst tut Laufe des Vormittags tvurde sie unruhig. Sre trat ans Bett der Mutter und fuhr mit einem Aufschrei zurück — die alte Frau war gestorben. ■ ■ Und dann hörte das Mädchen das Schrecklichste. Der Arzt stellte fest, daß der Tod bereits.am! vorhergehenden Abend emge- treten fei Also eine Tote hatte sie gescholten, neben einer Toten die ganze Nacht im Zorn gelegen! Rieke Tweerns hat den schrecklichen .Gedanken nie wieder loswerden können. Sie behielt zlvar ihr kleines Geschäft, iwch bis in die Zeit, da die flackernden Gasflammen ht Hütsums Strasten durch elektrisches Licht ersetzt worden waren, da von beit Bürgern ent Luft- zeugführer kaum mehr angestaunt war, als einst der Erbauer einer -Dampfbahn. Aber 'die Damen Hütsums könnten mit ihren Pleu- reusen kaum durch die schmale Ladentür. Die Nachbarn behaupten, an die Stirn tippend: „Die alte Schran ist verrückt."----- Wie vor Jahrzehnten aber singt die Gafsenjugend noch vor Rieke Tweerns grauem Häuschen: „Nadel, Garn und Tweern Bntkt jede flicdige Deern, Js ein Jung auch mich so grob, Brnkt er mal ein Büxenknopp," vermiscbter. * Das Ergebnis unseres Ingendpreis- rätsels teilen wir int Laufe der nächsten Woche mit. Da wir unter unseren Preisen auch einige Notenbücher für Lautenspieler besorgt haben, wäre es uns erwünscht, wenn unsere jungen Rätselfreunde, die Jnteressernn einem solchen Buche haben, uns dies umgehend mitteilten. Wer gern das Deutsche Fußball-Jahrbuch hätte, möge uns ebenfalls schreiben. ff. D a s P erlenhals band der Kö n ig iuwitw e. Italienische Blätter wissen eine reizende Geschichte vom Hofe der Königinwitwe Margherita zu berichten: die sich beim Nemahrs- empfange zugetragen haben soll. In den Salons des königlichen Palastes drängte sich eine große Schar, die der Königinwitwe die Glückwünsche zum neuen Jahre darbringen wollte. Welch Unglück, daß mitten während des Empfanges die Schnur des kostbaren Perlenhalsbandes, das die Königinwitwe um den Hals trug, brach und die kostbaren „Kügelchen" kunterbunt durcheinander in den Saal hineinrollten! Alsbald begann eine tolle Jagd nach den kleinen Ausreißern, und trotzdem die Königinwitwe bat, daß niemand sich bemühen möchte, schloß sich keiner von der Sucherei aus. In 2 Minuten waren alle Perlen wiedergefunden, und die Finder überreichten sie der Königiuwitwe. Doch diese bat sie mit einem huldseligen Lächeln, die Perlen als ein Gescheut zur Erinnerung an diesen denkwürdigen Neujahrsempfaug entgegeu- zunehmen. «Die Wiederkehr der Tasche. Nach langem Fernsein, heimlich herbeigesehnt van vielen Frauenherzen, verbannt durch das strenge Gesetz der Mode, doch stets wieder gefordert vom gesunden Menschenverstand, kehrt, wie Schillers Mädchen ans der Fremde, ein lieber Gast wieder in das Reich der Franenniode ein: die Tasche. Die Künstler der reinen Linie hatten ihr das Lebenslicht auZgeblajen. In der knappen Silhouette der modernen Frau mar kein Platz mehr für dieses so notwendige Anhängsel, das die von „jedem Zweck genesene" Toilette gleichsam an ihre irdische Unzulänglichkeit erinnerte. DaS Kleid ist ein Kunstwerk, fein Aufbewahrungsort für allerlei nicht dazu gehörige Gegenstände — so behaupteten voll Stolz die Meister der schönen Linie. Eine schlimme Zeit brach für die arme Tasche an. Im Futter wurde sie versteckt, mußte sich int Unterrock verkriechen und ward schließlich mit roher Hand überhaupt vom Körper der Dame entfernt, Sie trat nun selbständig auf, führte ein Eigenleben, wuchs mit ihren höheren Ziveckeu und entfaltete sich zu außerordentlicher Größe und besonderer Pracht. Die Blütezeit der Handtaschen und der Pompadours brach an. Die Röcke waren ja so eng geworden, daß auch die kleinste Tasche ihre ivohlberechnete Wirkung gesprengt hätte. Die Stosse legten sich so knapp um die Knöchel, daß selbst der Unterrock unzugänglich wurde. So war der Pompadoitr eine Notwendigkeit und Sie einfache Lösung eines schwierigen Problems. Uederatl sah man diese pompösen Gebilde, mit goldenen Stickereien und silbernen Schnüren, mit Fransen und Borten. Da gab es Taschen für die Promenade, elegant und doch einfach, Beutel für den Salon, verschwenderisch verziert, und Behältnisse für das Theater, bunt leuchtend mtb von auffälliger Pracht. Aber die alte Tasche war das nicht mehr, diele bescheidene Dienerin, die stets da ist, wenn man ihrer bedarf und nicht beständig verlegt ober verloren ist, wie fo ein Pompadour. Sie war verbannt und wartete geduldig, bis ihre Stunde wieber schlägt. Nun ist er da, der große Augenblick. Tas verstoßene Aschenbrödel der Toilette zieht wieber eilt tmb wer weiß, vielleicht wirb man es bald als Königin aus den Thron heben. Bvrläusig kommt die Tasche noch nicht als Triumphator, sondern ganz still und bescheiden schmuggelt sie sich in die Kleider ein, nistet in den faltigen Drapierungen. Zu Ehren haben sie vor allem die so beliebten Flauschmäntel dieses Winters gebracht. Die haben wieder Taschen, in die man etwas hineinstecken und sogar die Hände vergraben kann. Freilich sind sie noch vielfach schamvoll versteckt unter Besätzen und großen Knöpfen. Aber es sind doch wieder Taschen, richtige Taschen, und der Bann ist gebrochen. * Heizung u n d Krankheit. Die Tage sind da, in denen der Mensch die schwindende Sonnenwarnte durch eine künstliche Wärmeguelle, durch Heizung, zu ersetzen strebt. Diese Heizung wirb bei mangelnber Winterhygiene zur Ursache von emem Heer von Krankheitserscheinungen. Sie bestehen in hartnäckigen Katarrhen der oberen Luftwege, Rachenkatarrhen, Kehlkopfkatarrhen, Lnst- röbrenkatarrhen und Bronchialkatarrhen, die mit bem Beginn der Heizung einsetzen und mit wediielnber Stärke oft bis zum April anhalten. Dann verschwinden sie wieder bis zum nächsten Spätsommer und Herbst, wo das alle Spiel von neuem beginnt. Diese Katarrhe sind von den durch die Erkältung verursachten zu unterscheiden und müssen wegen ihrer langen Dauer als Heizungsschäden aufgefaßt werben. Wenn sie sich auch überwiegenb in Wohnungen mit Zentralheizung finben, so drohen sie doch auch in anbereit schlecht gelüfteten und unhygienischen, überheizten Wohnungen. Tie Gefahren ber Heizungskrankheiten, sowie ber Erkältungen wird natürlich eine gesunde Konstitution, ein abgehärteter Körper am besten überwinden. Man bildet sich ein, daß sich dec Körper von selbst an einen Ausgleich gewöhnen soll, ohne daß wir ihm einen besonderen Schutz zuteil werden lassen. Gewiß ist das möglich, aber nur dann, wenn bie Menschen so vernünftig sind, sich beizeiten abzuhärten, b. h. burrii eine Gymnastik ber Hautnerven und Haut« muskulatnr bie natürliche Körperbekleibnng, nämlich die Haut, so zu trainieren, baß sie sich ohne Nachteile für die Blutverteilnng im Körper plötzlichenTemperaturschivanktuigen anzupasseii im Stande ist. Die Grnudjätze einer vernünftigen Lebensweise, die in ber Hauptsache in einer richtigen, gemüse- und obstreichen Diät, einer vernunftgemäßen Anwendung von Licht-, Luit-, Wasserbäbern und kühlen Ganzivaschungen bestehen, werben von vielen Menschen nicht der Beachtung für wert gehalten. Diese sind cs beim auch, bie in ber Uebergangszeit vom Spätsommer zum Herbst unter beit oft sehr plötzlich eintretenden Temperainrichivankungen außerordentlich zu leiden haben, beim durch raschen Witterungswechsel usw. kann ber Wärmehaushalt > niereS Körpers in höchst empfindlicher Weise gestört werben. Man wirb sich also naturgemäß beit ueränberteit Verhältnissen ctnzupassen haben, und zwar einmal in Der schon an- gegebenen Weise, dann ober auch durch den Schutz einer wärmeren Kleidung. Nur dadurch entgehen wir Erkältungskrankheiten, ein Sammelname für eine ganze Reihe von Störungen, bie mit einer ungenügenden Durchblutung ber Haut zusammenhängen. AltäMptische Hieroglyphen. Jedes Bild bezeichnet beit Anfangsbuchstaben seines Namens, z. B, Sonne — s, Glas — g re. "Die Vokale imb v ergänzen.) .Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer: Ach, ein Tor nur kann Von heut' auf morgen feine Rechnung machen. Das Morgenrot gehört dir aber nicht, Bis diesen Tag bit glücklich überstanden. Sophokles. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck unb Verlag ber Brühl'ichen Universitäts-Buch- und Stemdruckerei, R. Lange, Gießet^