Montag, den 17. November !«! I:. Sil K ■< K' rjBVi WW? Laurrnblut. ßiontan von Gerhart v. A m y n t o r (Dagobert v. Gerhardt). (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Als der Freiherr die Depesche gelesen hatte, sagte er Mr Tochter: „Welch merkwürdiger Zufall! Denke nur, Ellen: Staatsanwalt Dell wird morgen mit dem ersten Zuge zu uns herauskommen; er bringt noch einen Kriminal- Kommissarins mit und bittet mich, ihm einen Wagen zur Station zu senden." Ellen erschrak und machte ein strenges, finsteres Gesicht. Der Vater bemerkt es und ergreift ihre Hand: „Setz' dich einmal hier ganz dicht neben mich, mein Kind!" Er zieht sie auf den nahen Sessel nieder und streichelt mit seiner derben, aderstrotzenden, behaarten Rechten ihre schlanken, rosigen Finger: „Wirst du morgen dem Staatsanwalt auch recht freundlich begegnen? Ja, mein Töchterchen? Wenn er sein Geschäft beendet hat, werde ich ihn bitten, mit uns zu speisen'; mir liegt daran, daß er sich in meinem Hause wohl fühlt. Darf ich auf deine Untere stütznng rechnen?" Er sieht sie prüfend von der Seite an und schmunzelt verstohlen, denn sie erscheint ihm heute lieblicher denn je, und dafür, daß sie dem Staatsanwalt grollt, möchte er sie am liebsten ans Herz ziehen und gerührt auf beide Wangen küssen, denn er weiß ja, sie grollt ihm nur wegen jenes Zweikampfes, in dem der Staatsanwalt, ihm, dem Papa, geg-enübergestanden hatte. „Nun?" wiederholt er dringlicher, da ihm noch immer keine Antwort wird. Endlich überwindet die Gefragte das trotzige Herz und stößt gezwungen hervor: „Er hat dir — doch damals — du weißt schon — nach dem Leben getrachtet." „Aber, mein liebes Kind —" der Freiherr hat ihr schnell einen zärtlichen Kuß auf die Stirn gedrückt, „das Umgekehrte ist eigentlich der Fall, denn ich, ich habe ihn ja leider durch einen Irrtum zu diesem Zweikampfe gezwungen, er konnte gar nicht anders, als mich vor die Waffe fordern; ich würde ihn sonst als einen feigen, ehrlosen Menschen verachtet haben." „Du, Papa, der du immer so überlegt und rücksichtsvoll bist? Wie konntest dil ihn denn so tödlich beleidigen? Was war denn vorgefallen?" Potztausend! Was so ein wißbegieriges Fräulein auch alles fragen konnte! Der ehrbare Herr Papa konnte doch unmöglich seinem Töchterchen von den Irrfahrten und Liebesabenteuern des einstigen Ulanen-Leutnants berichten! Er fuhr sich mit den wirbelnden Fingern durch den dichten, graugesprenkelten Schnurrbart und sagte mit dem erzwungenen Tone des Gleichmuts, aus dem aber ein leichtes Beben der Verlegenheit herausklang: „So gut wie nichts, mein Kind; ein unbedachtes Wort, ein geringfügiges Mißverständnis beim Glase Wein, die das ohnehin heiße Blut dieser jungen Leute noch mehr entzündet!. Er hatte irgend eine meiner Aeußernngen falsch aufgefaßt und verlangte eine Erklärung von mir; mich- ärgerte seine Ueberempfindlichkeit, ich weigerte das ausgleichende Wort, und die Differenz war fertig. Du darfst ihm dies wirklich nicht nachtragen! Er ist völlig unschuldig. Der Sünder, der allein einen Vorwurf verdient, sitzt hier neben dir!" „Jst's auch wirklich so, Papa?" „Wahr und wahrhaftig, mein Kind! Ihn trifft auch nicht der Schatten eines Vorwurfes." Ein Strahl der Freude brach aus ihren Augen. Doch schon wieder zog sie die schöne Stirn in Falten und fugte zärtlich besorgt: „Papa, das mußt du mir aber heilig versprechen, wenn dir einmal, was Gott verhüte, etwas Aehnliches begegnet, dann gibst du nach, ohne weiteres, schon aus Rücksicht für Mama und für mich! Ein zweites Mal, wenn man dich etwa wieder in deinem Blute herein- trüge —. ich glaube, ich würde den Schreck nicht mehr überleben!" Zärtlich bewegt streichelte ihr der alte Herr über das seidenweiche, dunkle Haar und suchte sie zu beruhigen: „Ellen! Du wirst doch nicht weinen? Ich verspreche dir, es kommt nie wieder vor." „Nie wieder, Papa?" Sie sah, wie erlöst von einem schrecklichen Alb, in seine Augen, und der Born ihrer Tränen war sofort versiegt. „Nein, gewiß nicht! Nun versprichst du aber auch mir, daß du dis dumme Geschichte endlich vergessen willst, und daß du gegen den Staatsanwalt wieder höflich und freundlich sein wirst, tote früher! Ich bitte dich darum!" „Gern, mein Herzenspapa! Du sollst dich über mich nicht zu beklagen haben." Sie hielt auch ihr Wort. Als am nächsten Morgen der Wagen mit dem Staatsanwalt und zwei anderen Herren in den wieder aufgeräumten Hof hereinfuhr, trat sie mit den Eltrnm in die Hallentür und empfing Herrn Dell mit freundlichem Gruße. „Willkommen, Herr Staatsanwalt! Aber — sehe ich recht? Wen 6ringen Sie denn da mit? Herrn Just?" „Ganz richtig — Friedrich Just", erklärte, sich selbst vorstellend, der Amerikaner, deut das Blut in die Wangen geschossen war, so daß das kleine, rundliche Männchen mit dem kurz geschorenen Graukopf und den dunklen, lebhaften Augen förmlich hübsch und rosig aussah; „habe den Herrn Staatsantvalt mit dem Herrn Kriminalkommissär ganz zufällig auf dem Bahnhofe getroffen, und da touren die Herren so freundlich und gestatteten mir auch ein Plätzchen im Wagen. Ich habe von dem Einbruch in der Zeitung gelesen und will mich doch persönlich überzeugen, ob der Schreck auch niemandem geschadet hat. Doch ich sehe, Ihnen, gnädiges Fräulein, hat er nichts angehabtz 718 Sie sind von der guten, altbrandenburgischen Rasse, bei der i es heißt: bange machen -gilt nicht." , William Dell hatte inzwischen der Frau vom Hause die Hand gereicht und ihr dann den Krrmumliomnnssar, einen in Zivil gekleideten, scheinbar gutmütig dreinschauen^ I den Mann in mittleren Jahren, vorgestellt. I Frau Klara von Braut dankte den: Kommissar, daß er sich ihretwegen bemiihen und den Spuren des Einbrechers uachforschen wollte; dann wandte sie sich wieder mit liebenswürdigem Vorwurfe an Dell: „Sie haben sich eine Ewigkeit nicht mehr bei uns sehen lassen, Herr Staatsanwalt t Nun hat der Verlust, der uns betroffen, wenigstens die eine angenehme Folge, daß er uns den ungetreu ste- I wordenen Freund wieder zuführt." I Der Staatsanwalt glaubte nicht recht zu Horen; grollend und verbittert war er einst aus diesem Hause ge- schieden. Er hatte gemeint, daß die Brücken mit Giersdors ein für allemal für ihn abgebrochen wären Und nun empfing mau ihn mit so viel Herzlichkeit, als wenn gar I nichts vorgefallen wäre. War es vielleicht nur, weil man ihn brauchte? Weil man tioit seiner Umsicht den Wiedergewinn eines vielleicht schmerzlich entbehrten Kapitals erwartete? Aber pfui! In solchen Verdacht die Familie Brank nehmen, hatte -er wahrlich kein Recht. Mochte sie möglicherweise auch eingebildet auf ihre alte, vornehme Slbstammung imr daher etwas hochfahrend und selbstbewußt sein, jedenfalls besaß sie iieben dem Adelstolz auch beit echten und niemand verletzenden Stolz der wahren Vornehmheit, der cs ihr unmöglich gemacht hätte, atis irgend einem nur materiellen Beweggründe jemandem ein freundliches Gesicht zu zeigen, I dem man nicht wohl wollte. „Sie sind sehr gütig, gnädige Frau", versetzte er, rm Herzen schon versöhnt, „und was an mir liegt, so will ich mit Hilfe dieses Herrn (er deutete auf den Kriminalb-eam- ten) versuchen, ob sich nicht noch der Raub oder wenigstens ein Teil desselben für Sie retten läßt." Die Herren waren in das Zimmer des Freiherrn gegangen, während die beiden Damen sich zurückgezogen hatten, um die Anordnungen für ein Frühstück zu treffen. Friedrich Just stand mit unterschlagenen Armen und stumm beobachtend in der Verbindangstür zur Bibliothek, wahrend Dell und der Kommissär im Zimmer umherforschteu, das noch offenstehende Schränkchen musterten und auch den Fensterflügel mit der zerbrochenen Scheibe, der nebsi dem anderen, wegen schlechten Schlusses ausgehobenen Flügel an der Wand lehnte, in Augenschein nahmen. Daun begaben sich beide nach dem Garten, betrachteten das Fenster von außen Und untersuchten sorgfältig den Erdboden vor demselben. , . „ , „Schade, daß es in jener Nacht geregnet und gestürmt hat," sagte der Kommissär, „die Fußspuren sind schon sehr undeutlich. Ist hier neuerdings schon jemand gegangen?" fragte er den Freiherrn, welcher nun auch in den Garten; gekommen war,"während Just sich immer noch im Zimmer aufhielt und zum Fenster hiuausschaute. „Nein," erwiderte Brank, „ich habe niemand hierher gelassen, selbst dem Gärtner habe ich verboten, diesem Teile des Hauses zu nahe zu kommen." „Dann sind es mehrere gewesen, die den Einbruch verübt hab-mi," erklärte der Beamte mit Bestimmtheit. „Merkwürdig! Hier führt auch eine Spur nach jener Ecke des Schlosses — was für Zimmer liegen denn da?" „Unser Schlafzimmer," versetzte der Freiherr , Aha!" fuhr der Beamte fort, „man hat gewusst daß es Ihr Schlafzimmer ist, und hat eine Schildwache dort aufgestellt." Er ging der Spur nach und fand an-ihrem Ende eine größere, fast kreisrunde Stelle, die vielfache, durcheinanderlausende Fußabdrücke, aber alle von derselben Art, enthielt. Kein Zweifel, hier hat einer „Schmiere gestanden". Er maß die schon ziemlich unkenntliche Fuß- spur, dann kehrte er zu den anderen zurück und sagte zum Staatsanwalt: „Jetzt werde ich selbst einmal einsteigen, um zu sehen, wie das gemacht wurde." Er kletterte «m Spalier in die Höhe, packte das Fensterkreuz und schwang sich durch das osfenstehende Fenster ins Zimmer. Der Freiherr war durch den Gartensaal wieder ins Haus gegangen. Tell, der allein noch draußen war, untersuchte noch einmal das Erdreich unter dem Spalier, indem er die Rosen- und Klematisranken auseinauderbog, und plötzlich schimmerte ihm zwischen den grünen Blättern etwas Weißes entgegen. Begierig bückte er sich danach, und schon wollte er freudig ausruf-en: Hier habe ich einen wichtigen Fund gemacht!— als er heftig erschrocken verstummte. Sein schnelles Auge hatte auf dem weißen Briefumschlag einen Namen erkannt, der ihm alles Blut zum Herzen drängte. „Herrn Maurermeister Peter Dechner" stand als Adresse auf dem Umschläge geschrieben. Wenn Peter diesen Brief hier verloren hatte, dann war er auch der Einbrecher gewesen, dann war er, der Staatsanwalt, als. Stiefbruder eines gemeinen Verbrechers so schimpflich gebrandmarkt, daß ihm Ellen, die sich gewiß nur mit großer Anstrengung heute zu einem so freundlichen Empfange bequemt hatte, wahrfcheinlich fortan mit zwiefacher Verachtung den Rücken zukehr-en würde. , , Hastig schob Tell das verhängnisvoll Papier in ferne Brusttasche. Die Hände zitterten ihm, er fühlte, daß er leichenblaß geworden sein mußte. Nach oben spähend, um zu ermitteln, ob nicht etwa jemand sein Verhalten bemerkt hatte, gewahrte er nur Just, der am zweitnächsteu Fenster stand und unbefangen zum Himmel emporschaute. . Tell rief ihm mit erzwungener Munterkeit zu: ,,^zch will doch auch einmal hier hiuausklettern." „Tun Sie das, aber seien Sie vorsichtig!" Teil trat dickt ans Spalier, und ehe er den Fuß auf die unterste Latte setzre. bückte er sich schnell noch einmal, weil er wiederum etwas bemerkt hatte: es war ein Knopf, den er aufhob und heimlich in seine Westentasche gleiten ließ; daun stieg er an dem Spalier in die Höhe und gewann ohne besondere Schwierigkeit das Zimmer. Das Herz schlug ihm bis an den Hals; ci hatte zwei l Gegenstände gefunden, du unzweifelhaft auf die Spur des Verbrechers iühren mußten, uud diese Gegcnstäude unterschlug er sowohl dem Kommissär als auch dem bestohlenen Schloßherrn. Der Hehler ist so gut wie der Stehler! rief ihm eine innere Stimme zu; aber getoaltsam verschloß er sich ujr und beharrte bei seinem Entschlüsse. Lieber wollte er die Folterqualen eines bösen Gewissens erdulden, als sich vor Ellen und ihrer Familie als Blutsverwandter eines trc;. gesunkenen und anrüchigen Menschen demütigen. „Ich glaube nicht, daß es Hausdiebe waren," sagte der Kommissär zum Freiherrn, „sie würden den Weg kaum durchs Fenster genommen haben, aber sie müssen ganz genau I mit der Oertlichkeit vertraut gewesen fein. Wann haben tote, Herr von Brank, das Geld in den Wandschrank gelegt?" „Erst am Tage vor dem Raube; ich begreife nicht, tote I man wissen konnte, daß ich so viel Geld im Hause hatte." „Nun, der Zahler muß es doch gewußt haben." „Allerdings, Herr Wilhelm Lampert hat in^eigener Per- I fon mir hier in dieser Stube das Gelt auf den Tisch gezählt) ein Glück, daß es nicht der ganze Kaufpreis wa" und tat er den Rest erst im nächsten Jahre begleichen wird!' „War Herr Lampert allein, als er zahlte?" „Ganz allein, es ist niemand mit ihm hier gewesen. „Und Sie haben sonst keinem Menschen mitgeteilt, daß Sie das Geld dort im Schranke verwahrt hatten?" Herr von Brank überlegte: „Außer meiner.Frau, die I gewiß nicht davon gesprochen hat, wüßte ich nicht.... halt! Einem habe ich es doch gesagt dem Instrumentenmacher Dechner, der zufällig hier war, um den neuen Flügel abzu- I liefern." „Dechner?" wiederholte der Kommissar, „ist dies Adolf Dechner, der Sozius von Haßlach?" „Derselbe ein äußerst zuverlässiger und ehrenhafter Mann..." . „Der freilich über leben Verdacht erhaben ist," ergänzte der Kommissar, „fragt sich nur, ob er nicht bona kicke zu anderen geplaudert hat." „Das ist wohl unmöglich anzuuehmen," erklärte mit I besonderem Nachdruck der Staatsanwalt, .der bisher schweigend zugehört hatte, jetzt aber in das Gespräch eingrist, da 6it Wendung die es zu nehmen drohte, ihm heimlia; den Angstschweiß aus die Haut trieb; „ein so erfahrener und besonnener Geschäftsmann tote Adolf Dechner schwatzt nicht von Geldsachen, bereit Kenntnis er nur dem ehrenden Vertrauen eines anderen verdankt." . „Davon bin auch ich überzeugt," stimmte der Freiherr ber. ,.Es war auch nur so eine Idee," meinte der Kommissar; „ich selbst bin ganz Ihrer Ansicht; immerhin kann man Herrn Dechner gelegentlich ja einmal fragen " (Fortsetzung folgt.) 719 Persönliches von Richard Dehmel. (Zu seinem 50. Geburtstag, 18. November.) Der 50. Geburtstag Richard Dehmels, des großen Lyrikers der heutigen deutschen Literatur, wird allenthalben von seinem weiten Verehrerkreis festlich begangen werden. Eine schöne Volksausgabe macht es sich zur Aufgabe, für die Verbreitung seiner Werke in noch stärkerem Maße zu sorgen, und ein aus persönlichstem Erleben und Verstehen ds Meisters geschaffenes Charakterbild bietet der Dichter E m i l Ludwig in der aus diesem Anlaß im Verlag S. Fischer erscheinenden Biographie „Richard Dehmel" dar. Viele intime Züge vom Werden und Wesen des sonst so verschlossenen, einem Bekennen außerhalb seiner Kunst abgeneigten Dichters werden hier mitgeteilt. In dem Kinde schon entfaltete sich ein geheimes inneres Leben; es war in sicht gekehrt, wenig mitteilsam, und „ein Schmerz mußte schon übergroß für mich sein, ehe ich damit zu Muttern ging." Dabei ivar er unbändig lustig, und die Jungen nannten ihn Kladderadatsch, weil er so viel lachte. Als Jüngling wurde er dann grüblerisch und „von allerlei krampfhaftem Spuk heimgesucht." Auch später noch hatte er sonderbare Sehkrämpfe, die er sich mit seiner eisernen Energie „aberziehen" mußte. Schwül/ schwer und düster war die Zeit, da er als Sekretär des „Verbandes deutscher Feuerversicherungsgesellschasten" das äußerlich so nüchterne Leben eines trockenen Rechners führte und innerlich der Dichter in ihm hervorbrach. An diese tragischen Jahre seines Ringens um den Künstlerberuf dachte er wohl zurück, wenn er einmal einen jungen Dichter staunend sragte: „25 Jahre sind Sie erst — und schon so heiter?" Die ersten Anzeichen seiner Schöpferkraft, die er als Jüngling empfand, war ein visionäres Schauen gewaltiger Symbole, das ihn überfiel. „Mit 18 Jahren kam ich zum ersten Mal aus der Fläche der Mark nach dem bergigen Süden," so erzählt er von diesem Erwachen seiner Phantasie. „Da sah ich auf dem Kamme Wolken lagern. Das war mir nett, ich dachte: Hier sind ja so viele Kohlenmeiler. Aber als die Wolken zu wandern begannen, auf dem Kamm: da fiel mir ein, wie Gott dem Volke in einer Wolke erschienen! war. Davon war ich erschüttert." In der Schule des peinlichen Bureaudieilstes lernte er Selbstbeherrschung und fand endlich die Form, um diese Visionen zu bändigen und zu gestalten. Er gab seine ersten drei. Gedichtbücher heraus: „Es war mir also wie den Singvögeln ergangen, die erst im Käfig ihre volle Stimme entwickeln." Kurze Zeit stand er völlig unter den: Einfluß Nietzsches, der in dem von dem kranken Philosophen selbst noch mit Freude vernommenen „Nachruf" seinen Ausdruck fand. „Nietzsche hat mich einmal", erzählt er, „acht Tage lang völlig berauscht, die Kampfeslust der Zarathustra-Rhythmen riß mich hin. Dann trat eine ebenso völlige Ernüchterung ein. Vergebens sucht' ich nach den neuen Tafeln, ich fand nur alte Gemeinplätze in neuen Uebertreibungen, fast unwert eines so heftigen Kampfes. In dieser Ernüchterung, die einer Erschütterung glich, schrieb ich den Nachruf." Ward er hier von dem Künstler Nietzsche fortgerissen, so hat ihn später der Denker Nietzsche noch oft beschäftigt und die Grundlage zu seiner eigenen Weltanschauung geboten. Doch ist Dehmel trotz seiner höchst eigenartigen Lebenserkenntnis kein Philosoph und Prophet, sondern vor allem Künstler. „Ich will überhaupt nichts predigen!" rief er einmal aus, „schöne Verse machen will ich! Weiter nichts!" Echt dichterisch vollzieht sich sein Schaffensprozeß. Unbewußt keimt in ihm die Dichtung auf; die Form klingt in ihrem bezwingenden Rhythmus gebieterisch an; manchmal schafft er dann außerordentlich schnell tote im Rausch: so entstand ein großer Teil seines gewaltigen Romans in Romanzen „Zwei Menschen" in wenigen Wochen auf einer Nordseeinsel, und sein Drama „Der M i t me n sch" schrieb schrieb er in 31 Tagen. Häufig bietet ein Bild die erste Anregung, an die sich dann die bewußte Ausgestaltung schließt. So stand auf seinem Tisch längere Zeit eine griechische Vase, und er vertiefte sich oft in die Stellung der Bacchantin. Plötzlich stand das schöne Gedicht vor seiner Seele: „Leih mir noch einmal die leichte Sandale ...." Oder Rembrandts „Flucht der Proserpina" nimmt ihn ganz gefangen, vor allem der Glanz des goldenen Wagens. „Diesen goldenen Glanz," berichtet der Dichter, „schaukelte ich, sozusagen, in mir, ich weiß nicht, wie lange: bis mir eines Abends der Rhythmus hoch kam. Ich sehe mich noch immer, vom Abendessen aufspringen, um an meinen Schreibtisch zu laufen und wieder eine Zeile zu schreiben. Aus der Proserpina machte ich den Apoll. Das ganze Gedicht ist also durchaus nicht aus einer Fieberstimmung entstanden, sondern kalt künstlerisch aus Bild und Rhythmus." Das so entstandene Gedicht war das berühmte „Der Bastard" aus den „Verhandlungen der Venus". Trotz dieser starken Eiitdrücke der Kunst ist doch die Natur für Dehmel stets das Höchste. „Eines Abends," erzählt er, „kam ich in die Stadt und ging in 'ein Konzert. Viele Wochen hatte ich am See verbracht, und die beschneite Kette der Berge, die Fläche umglänztend, hatte sich wie ein Naturgefühl mir eingegraben. Nun tauchte plötzlich, nach langer Zeit zum ersten Male, Kunst an mein Ohr: Bach und Beethoven. Und Mit einem Male fühlte ich: Was will das alles, nach der Kette der Berge? Das Ewig-Stille ist nicht auszudrücken. Wozu ahmen wir es nach?" Er sucht die modernsten Erfindungen in seinen Strophen festzuhalten, und wie er selbst ein eifriger Alpinist geworden ist, so verherrlicht er Zweirad, Auto und Flugschiff. Er verehrt im Kinde die leichte Anmut und fühlt doch die Größe in der Schwere seines Ausdrucks, um derentwillen er sich einmal „ein geniales Monstrum" nannte. „Ich weiß sehr gut," schrieb er einem jungen Freunde, „was euch junge Jbykusse („Götterfreunde") an mir verdrießt; vielleicht ist es aber grade das oder doch die schlackenhafte Mitgift von dem, wodurch ich Allzumenschlicher immer noch jünger bin als ihr, durch meine erzgründliche Jnbrünstigkeit. Eines Tages, als alter Knabe, werde ich hoffentlich so geläutert sein, daß meine menschlichen Liebesgaben ganz auf eurer: jungen Göttertisch passen; aber die Inbrunst ist 6am: zum Teufel!" Und er strebt, immer leichter und lichter zu werden, um ins ganze Volk zu dringen. „Wer kennt' uns?" sagt er einmal melancholisch. „Eine schmale Oberschicht. Was kann die bedeuten, wenn sechzig Millionen die deutsche Sprache sprechen. — Da liegen die vielen Orte, uüd überall neue und überall Schicksal, — und man denkt: Diese alle ahnen garnichts von dem, was man macht... Und fühlt doch immer: für Alle!" Des Deutschen Vaterland. Deutschland in landschaftlicher, geschichtlicher, industrieller und kulturgeschichtlicher Hinsicht unter besonderer BerücksikbUgung bett Volkstums, unter Mitwirkung hervorragender Schriftsteller heraus- gegeben von Hermann Müller-Bohn. Mit Originalzeichnuugetk und Kopfleisten von Franz Stassen und Georg Eichbaum, Federzeichnungen von F. Fennel, einem Gemälde von R. Hellgrewe> zarbenphotographischen Aufnahmen von Hans Hildenbranü und nahezi: tausend Abbildungen, davon 17 Dreifarbentafeln, 8Dup!ex- tafeln und 16 Doppeltontafeln. Verlag der Chr. Belserschen Ver- laqsbuchhandlnng, Stuttgart. 2 Bände; auch in 45 Lieserungent ü 80 Pfg. Der als Biograph sund historischer Schriftsteller bekannte Herausgeber dieses Werkes, Hermann Müller-Bohn, hat den glücklichen Gedanken gehabt, die Gauen unseres deutschen Vaterlandes durch hervorragende Schriftsteller behandeln zu lasset:, die in der betreffenden Gegend bodenständig sind. So weht uns aus jedem! Abschnitt dieses umfangreichen Werkes gewissermaßen Heimatlust an. Wir empfinden beim Lesen jedes Kapitels, hast der Verfasser mit ganzem Sinnen und Fühlen dabei gewesen ift als er diess Zeilet: nicdcrschrieb, die das Werden und Blühen seiner Heimat und seiner. Landsleute Branche schildern sollte. Der erste Band, der nahezu 700 Seiten in Groß-Format umfaßt, beschäftigt sich trach den geschichtlichei: und kulturgeschichtlichen Einleitungsabst schnitten von Hofrat Dr. C. Spiclmann (Zweitausend Jahre deut-! scher Geschichte), von Pros. Dir. O. Weise (Tie deutschen Volks- flamme) und von Pfarrer R. Reichardt (Deutsche Volkssitten und Festbräuche) in der Hauptsache mit Preußen und den norddeuti- schen Bundesstaaten. Eine sehr eingehende und liebevolle Würdigung erfährt — namentlich in den Kapiteln«, die der Herairs- geber Hermann Müller-Bohn geschrieben hat — die Mark, Brandenburg, -;die Wiege deS preußischen Staates", die in Poesie und Prosa wie in trefflich wiedergegebenen Bildern behandelt wird. Auch sein Berlin kennt der Herausgeber; in lebensvollen Schilderungen, in denen auch der Humor zu seinem Rechte kommt, entwirft er „einen Tag aus dem Leben der Reichshauptstadt", vom' frühen „Bolle"-Glockenzeichen bis zum letzten Zpitungsverkäusep aus der Friedrichstraße. „Berlin iuti> die B!erliner" hätte keinen! treueren und gerechteren Porträtisten finden können als den Herausgeber. > Auch die Provinzen sind geschickten Schilderern anäertraut Ostpreußen hat in Walter Hey mann einen tiefgründigen, sachkundigen Darsteller gesunde«, Westprenßen in dem bekanntet: Reise- schilderet: und Dichter Josef Buchhorn. Die glänzende Dar- stellungskunst Buchhorns Tommt aber erst recht zur Geltung tit der Schilderung der Rheinprovinz, die er gemeinschaftlich mit bent bekannten Rheinpoeten Arthur Rchbein (Atz vom Rhyn) in fesselnden Kapiteln verherrlicht. Der bekannte Literarhistoriker! Fritz Droop schildert das schöne, traute Schlesierland in gemütvoller Welse. Prof. Dr. Martin Kremmer, vormals Dozent an der Kaiser Wilhelms-Akademie in Pilsen, behandelt die Provinz Posen. Bon der Ostmark versetzt nns das nächste, von Paul .Schaumburg verfaßte Kapitel nach Sachsen; Westfalen hat in Dr. I. Wiese einen begeisterten Schilderer gefunden; das eigenartige westfälische Volksleben und die landschaftlichen Schönheiten der „roten Erde" können dem Leser kaum wärmer und eindringlicher vorgeführt werden. Dr. Arthur Obst, Redakteur des „Hamburger Fremdenblatts", hat in fesselnder Weise Schleswig-Holstein und die Hansestädte geschildert und dabei Land und Leute in den Liedern der Dichter und intz Volkstum dargesteiklt. Gin sehr interessanter Aufsatz über Helgoland von dem Universitätsprofessor Dr. Theodor Siebs-Breslau, dem bekannten friesischen Sprachforscher, gibt uns höchst wertvolle und noch wenig bekannte Aufschlüsse über das wogenumspülte Eiland. Das heidenreiche Land Hannover, dessen Schilderung Fritz Droop übernommen, findet in Gedichten von Theodor Storm, Detlev v. Liliencron und Hermann Allmers auch seine poetische Verklärung. Franz Poppe, der durch Oldenburger Dialektdichtungen sich einen bekannten Namen erworben hat, beschreibt seine oldenburgische Heimat mit warmer .Begeiste- Sj; Paul Heidelbach entwirft stimmungsvolle Skizzen von en-Nassau und Waldeck-Pyrmont; die Lippeschen Lande finden in Karl Wehrhan, Braunschweig in Mela Escherich Darsteller voll dichterischen Schwunges. Dr. Marx Möller schildert in der diesem Poeten von der Waterkant eigenen Weise die mecklenburgischen Lande. Das Königreich Bayern hat in Dr. Alois Dreyer, dem bekannten Münchener Schriftsteller, einen glänzenden Schilderer gefunden. Das Königreich Württemberg und die Hohenzollernschen Lande behandelt Professor Dr. Eugen Gradmann. Das Großher- zogtum Baden mit dem Schwarzwald konnte keinen geeigneteren Darsteller finden als den Herausgeber der „Zeitschrift für alo- mannische Volkskunde" Professor Dr. Friedrich Pfaff in Freiburg. Die düsteren Schlvarzwaldseeu und Hochmoore schildert Otto Ernst Sutter. Das Großherzogtum Hessen schildert Franz Eomo besonders nach der Seite des Volkstums in einer fesselnden Arbeit. Der Bearbeiter des Königreichs Sachsen ist Professor Dr. Sturmhoefel, Leipzig. In einer poesievollen, wie eine Dich- tu,ng sich lesenden Schilderung hat Geh. Hofrat A. Drinius, deh Altbekannte „Thüfriicher Wandersmann" von seiner geliebten/ Heimat ein treues Bild entworfen. Die Darstellung der Reichslande ist ebenfalls bodenständigen Kennern anvertraut. Wilhelm! Scheuerntann, ein Elsässer Landeskind, hat in fesselnden Bildern seine elsässische Heimat geschildert. Fritz Lienhard erfreut uns in der ihm eigenen, mit literarischen Reminiszenzen durchwobenen Darstellungsweise durch ein fesselndes Bild von der Hohkönigs- burg. Der Lothringer Fritz Hupfer schildert seine Heimat besonders in bezug auf die interessante Enttchcklstwg mtbi die Wandlungen, die Lothringen seit dem Kriege 1870—1871 durchgemacht hat. Arthur Fürst, Redakteur des Berliner Tageblatt, gibt eine interessante Studie über die deutschen Kanäle. Der jüngst verstorbene Ottomar Beta schildert die Deutschen Kolonien besonders nach der volkswirtschaftlichen Seite. Der Reichstagsabgeordnete Dr. Hugo Böttger gibt in einem umfangreichen Kapitel eine fes- selnde Darstellung der Entwicklung von Deutschlands Volkswirt- schaft und Sozialpolitik. Professor Heinrich Sohnrey behandelt den gegenwärtigen Stand der läudlichest Wohlfahrtspflege in Deutschland, lieber das Deutschtum int Auslände verbreitet sich Professor Tr. Hoeniger und bringt dabei die allerneuesten Daten. In liebenswürdiger Weise hat Peter Rosegger seine Feder in den Dienst des Unternchmens gestellt, indem er über die von ihm begründete Deutsche Schutzstiftung in Oesterreich interessante Mitteilungen gibt. Den Schluß des ganzen Werkes macht Fritz Droop in einem glänzend geschriebenen Epilog: „Die Kultur des gegenwärtigen Deutschland", welcher in meisterhafter Weise die geistigen und kulturellen Strömungen in Deutschland zusammenfaßt. Eine Fülle von prächtigen Bildern, darunter zahlreiche sar- benphotographische Aufnahmen, die diese neue Technik bereits! auf'der Höhe zeigen, tragen ziur Veranschaulichung des Rieserr- stoffes bei. Die Anschaffung wird dadurch erleichtert, daß neben der kompletten Ausgabe eine Lieferungsausgabe zum Preise von je 80 Pfg. erscheint. r Mit feinem Verständnis sind die Bilder ausgesucht, in denen! die ganze Schönheit unserer deutschen Landschaft, die Originalität Unserer Stammesarten und der von gesunder Kraft zeugende Hn- mor Unserer Gaubewohirer ihren Ansdruck finden. vüchertisch. — E. Stilge b a u er, Harr y. (Ein Heine-Roman.) Reuß «. Jtta, Verlagsanstalt, Konstanz. Stilgebauer dichtet seinem Helden keinen Nrmbus an und er läßt sich nicht aus einer blinden Verehrung für den Dichter zu einer Glorifizierung verleiten, sondern er bemüht srch, uns mit einem Menschen bekannt zu machen, der unsere Schwächen hat, der kämpft wie totr, aber durch dessen Menschlichkeiten man um so ergriffener seine Größe hin durchfühlt. Stilgebauer gibt aber mich mit diesem Buche ein Kulturbild der ersten Jahrzehnte des neunzehnten Jahrhunderts. 'Die politische»! und literarischen Bewegungen jener bedeutsamen Epoche läßt er vor uns erstehen. Die ersten Kapitel des Romanes spielen in der Rhemgegend tion Düsseldorf bis Bonn und erfahren durch einige prächtige Landschafts- und Naturstimniungen ein reizendes Kolorit. Die späteren Seiten führen uns bann an alle die Stätten, an die in fieberhafter Hast Heine das Schicksal führte, ohne ihn irgendwo Ruhe finden zu lassen. Er, der sein Vaterland über alles' liebte, mußte in Paris die beste Zeit seines Lebens verbringen, er, der Leben und Schönheit tote keiner verehrte, toar die letzten zehn Jahre seines Daseins in qualvoller Krankheit, an die dustere „Matratzengruft" gebannt. Deutsche Sprache. Deutsche Sprache, Mutterlatit, In der Wiege uns schon traut, Lichtstrahl in des Geistes Nacht, Brachte!! Wissen, reich an Segen, Warst uns Stern aus vielen Wegen, Halt auch weiler treue Wacht! DeutscheSprache.deutschesWort, Deutschen Wesens starker Hott, llrkrast deutscher Einigkeit, Sei gesegnet, sei gepriesen, Hits das Baud noch enger schließen, Heute und in Ewigkeit! DeutscheSprache, deutsches Lied, Eh'rue Kelte, Glied an Glied, Ewig grünend Ehrenreis: Blühe weiter und erklinge, Daß die Nachwelt einft noch singe Deutscher Treue Lob und Preis. Deutsche Sprache, deutsche Rede, Sturmerprobt in Kampf und Fehde, Urquell dem Gedankenmeer; Biegsam, weich tute laue Winde, Hart wie Eichenholzes Rinde, Königin, bleib stolz und hehr! H Deutsche Sprache, deutsche Art, Wie Geschwister eng gepaart, Eines läßt vom andern nicht. Temsch geboren, deutsch sich regen, Trett sein — auch aus sleileit Wegen — Führt zum Ziele, iührt zum Licht. DetttscheSprache, deutscheKunst Buhlen nicht um fremde Gunst; FreivonBeiiverk, schlicht und schön, Wuchtig, kräftig, deutsch im Schritte, Stni des Weges gold'ner Mitte Geht's bergan ztt lichten Höh'm ,Deutsche Sprache, deutscher Rai, Sie gebären deutsche Tat, Sind bekannt in iveiteut Land. Ernst im Wägen, kühn int Wagen, Trett, auch in den schwersten Tagen, Heil dir, deutsches Vaterland! DeulscheMänuer.deutscheFrauen Hellt am Werke lueiterbnuen, Hellt und wirket mehr und mehr l Stolz und kühn wie deutsche Eichen, So soll deutsche Sprache reichen Weithin über Land und Meer! ermann B ö n i n g, Wiesbaden. Humoristisches. * Erklärliche Wildheit. „Ja," erklärt der alte Seefahrer, als ich m Südamerika Schiffbruch erlitt, stieß ich auf einen Stamm wilder Frauen, die keine Zungen hatten." „Um ®otte§ willen, ruft eine Zuhörerin, „wie konnten sie denn sprechen. ,,^a, erklärt der Seebär, „sie konnten ja nicht und oas war es ja gerade, was sie so ivild machte." Auflösung des Ergäuzungsrätsels in voriger Nummer: Laßt euch nicht das Lob betören, Laßt euch nicht den Tadel stören! ent wirst was im lieh kaufen behr die be kau vieles tvohl lichei lich ver du los fen fonds wenn müssen denk ken behr und ver .lattfen schran führ ver ent taufen missen lich Ult früher ge Rösselsprung. Auflösung in nächster Nummer. 8iei'z>flion: K. N - urath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universität«-Buck- und Steindruckerei. R. Lange, Gieße»