Donnerstag, den 17.3uli H'lrgwg' r „Da sorgen's Jhna nur uet drum," mahnte der Alte, gemächlich weiterschreitend. „Die -Hauptfach' is, daß der Herr sich nit abstrapeziert. Es soll ja doch a Freud' sein, aus die Berg' zu gehn, nit L Quälerei. Nur a kleines Bissel no, nacher san ma droben auf'm Plateau. Do geht's dann halt immer eben furt, bis an die.Spitz 'nan. Do hol'n ma dann das Fräula scho leicht wieder ein." Es war Bessow sehr tröstlich, zu hören, daß der vermaledeite Hang bald ein Ende haben würde, und so stieg er denn mit neuer Hoffnung weiter, bemüht, mit dem Bergstock nach Stadlers Anweisung zu verfahren. Unterdessen war Gottliebe mit dem Spängler-Toni schon an den ersehnten Punkt angelangt. Noch ein paar letzte, rüstige Schritte, und nun standen sie droben auf dem. Plateau des Eben-Ferners. Er trug seinen Namen mit Recht: weithin dehnte sich das weiße Feld des Gletschers, kaum merklich weiterhin zur Geisterspitze ansteigend, die sich nun dem Auge hinten am Horizont als ein kleiner Kegel zeigte. Zur Linken schweifte der Blick hinein ins langgestreckte Trafoier-Tal und seine Quertäler; aber verwundert weiteten sich Gottliebes Augen: Was war das? Wo waren die vom gestrigen Ausstieg wohlbekannten grünen Hänge, wo die gelbe Zickzacklinie der Stilfser Jochstraße? War da nicht über Nacht plötzlich ein Meer entstanden, ein weiß-graues, dichtgewelltes Meer, das sich tief drunten das Tal entlang streckte, soweit der Blick reichte, und dem Zuge der Berge folgend in jedes Quertal, in jede Schlucht floß, daß die dunklen Flanken des Gebirges- scharf av- gezeichnet, direkt aus diesem weißen Meer aufstiegen? Fragend schaute Gottliebe auf ihren Begleiter: „Wolken?" Toni nickte nur stumm. Das ihm so wohlbekannte Schauspiel gewann, wie es sich so in des Mädchens staunend erregten Zügen-spiegelte, auch für ihn etwas Besonderes. So schauten sie beide schweigend in das Tal hinab. Wie schwer, wie wuchtig dies Wolkenmeer da drunten lastete! Wie war es nur möglich, daß Unter dieser massigen Decke die Menschen atmeten und nicht wie in einem riesigen, düsteren Grabe erstickten? „Wie groß! Wie wunderbar!" löste sich endlich Gott- liebes andächtiges Staunen in Worte. „Was seid ihr eigentlich zu beneiden," wandte sie sich an Toni, „daß ihr das tagtäglich genießen könnt!" Der Spängler-Toni wußte nichts recht zu erwidern. Gewiß, schön war das ja wohl, wenn er sich das so recht anschaute — es mutzte sogar gewiß sehr schön sein, weil das Fräulein so gar entzückt war — aber es lvar ihm bisher noch nie in den Sinn gekommen, daß er darum zu beneiden fei. Sein Beruf lvar doch eigentlich ein recht harter und armseliger. Die paar Wochen im Jahre, lvo Saison war, verregneten zum Teil auch noch immer; da reichte das bißchen Verdienst kaum hin, uin Mutter und acht Geschwister so durckzübringen. Er lvar ja zwar trotz- ffirnenraulch. Roman von Paul Grabein. 'Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) So schritten sie vorwärts, mit gleichmäßig ruhigem Schritt ansteigend auf dem Hang des Gletschers, der in bläulichem Schatten dalag. Mit leichtem Schlag des Pickels schlug Toni hier nnd da, ivo die Stufen versagten, einen Tritt für den Fuß Gottliebcs, daß es jedesmal einen hellen, harten, (metallischen Ton gab un.d flirrend die Etssplitter ' wegstoben. Schweigend tat er sein Werk, dann und wann den Kopf nach seinem Schützling zurückwendend. Der nickte ihm 'mit eifrig geröteten Wangen und strahlenden Augen zu. Wie famos das ging und wie leicht — der reine Spaß! Wenn weiter nichts dabei war! Much der alte Stadler sah prüfend zu Gottliebe hinauf, wie sie leicht mit sicherem, ruhigem Schritt anstieg. „Das Fräula steigt ja wie a Gamsl. Mit der hat's keine Not," lobte er, während er gleichzeitig mit fester Hand das Seil anzog. Sein Herr war schon wieder einmal in der Stufe ausgeglitteu und hielt sich nun krampfhaft am Seil fest, anstatt von seinem Bergstock Gebrauch zu machen. Geduldig hielt der Alte den plötzlichen Ruck aus; er stand wie auf stählernen Beinen. „Stützen Sie Jhna nur immer schön auf den Stock, mein Herr. Und immer den Stock hinter Jhna halten, am besten mit allen zwoa Händen — so! Da wird's scho bald ganz gut gehn!" ermutigte er gutmütig den Regierungsrat. Bessow lvar nichts lveniger als rosiger Laune. Das Steigen verursachte ihm bereits jetzt Herzklopfen, dazu dies elende Ausgleiten in den glatten Eisstufen es war, weiß Gott, kein Vergnügen. Mit sehr gemischten Empfindungen blickte er zu dem andern Paar oben hinauf, das schon einen ziemlichen Vorsprung gewonnen hatte. Das Teufelsmädel stieg lvahrhaftig ja, als ob es für sie eine Spielerei wäre! Ein Aerger überlief ihn, über sie und sich selbst. Es war ja im Grunde gar kein Wunder, daß ihn die Geschichte hier höllisch mitnahm. Wenn man ewig nur über den Akten hockte und dann sich die halben Nächte in den Gesellschaften um die Ohren schlug! Dazu der Tabak, der Alkohol — das sollte wohl nicht über die Nerven gehen! Aber gleichviel, auch das Mädchen da lebte doch das Leben der großen Welt und war Strapazen nicht gewöhnt. Daß nun sie, mit ihrer zarten Erscheinung, da spielend hinaufkletterte, wo er sich abquälte es war doch eigentlich ein Skandal, beschämend für ihn. Unid Bessow gab sich einen Ruck. Zum Donnerwetter! Er wollte sich nicht schlapv vor ihr zeigen. „Nur zu, Stadler!" drängte er. „Wir kommen sonst M sehr ins Hintertreffen." 438 dem nicht unzufrieden mit feinem Los — es war doch iminerhin eine Ehre, so feine Herrschaften geschickt und sicher zu führen und ihre warme Anerkennung zu ernten — aber so manchmal hatte er doch insgeheim gedacht: Ach, wär's auch so leicht hätte wie diese reichen Stadtleut'! Und nun erschien diesem vornehmen Stadtsräulein plötzlich sein Beruf, sein Leben beneidenswert! Uc'berrascht begann der Toni nachzudenken: Warum mochte sie so sprechen? Konnte einem Menschen wirklich das da — er sah auf das Wolkenmeer hinab' — so viel wert sein? Es ging dem Toni schwer in den Sinn, sich das v'orzustellen. So mußte das Fräulein doch eigentlich ganz anders empfinden als er. Heimlich schaute er nach ihr hin. Gottliebe hatte den Blick wieder in die Ferne gesandt, Wer die Firnen und Gipfel hin zürn blauen Aether, den die uussteigende Frühsonne zu durchleuchten begann. Halb zju sich sprach sie, in heimliches Sehnen verloren: „Wie klar und- groß müßte der .Mensch hier oben werden, weltenfern vom Staub des Alltags!" Dann besann sie sich wieder auf sich selbst, und mit einem leisen Seufzer riß sie sich aus ihrem Schauen los; soeben tauchten auch die Gestalten der beiden andern überm Rande des Gletscherhangs aus. „Kommen Sie," bedeutete sie Toni, weiterzugehen. Schweigend fetzten sie ihren Weg fort. Dem jungen Führer war ganz eigen zumute, fast traurig. Vorher dal hatten sie so lustig geschwatzt wie ein paar gute Kamee radeu. Da war es ihm gewesen, als wäre sie seinesgleichen; da hatte er gar nicht daran gedacht, was für eine vornehme Dame sie war. Nun aber war ihm das da eben in her Minute stillen Schauens deutlich wieder zum Bewußtsein gebracht worden. Ihre Worte hätten ihn einen Blick in eine ihm ganz fremde, unverständliche Welt tun lassen. Er war ja zu unwissend und grobgeschaffen, um das überhaupt zu verstehen, was sie gemeint Hatte. Nur das empfand er deutlich: Sie war ein Wesen feinerer, höherer Art, und es schickte sich gar nicht für ihn, daß er so mir nichts, dir nichts mit ihr drauflos schwatzte, wie er das bisher getan hatte. Er wollte das auch nicht mehr tun. Aber schade war's doch ! Es war so lustig gewesen vorher. Namentlich wäun ihn ihre Augen so angelacht hatten. Und still schritt der Toni seines Wegs weiter; ein Trost war es ihm nur, daß er in seiner Linken das Seil spürte, das sie mit ihm verband. So war doch etwas Gemeinsames zwischen ihnen. In Gottliebe hallte die große, ernste Stimmung noch leise nach. Trotz aller Sprunghaftigkeit ihres Wesens war sie doch nicht oberflächlich.. Ihrer Art fehlte nur das Einheitliche, Gefestete. Von Hains her aus widersprechenden Elementen zusammengesetzt, durch mangelnde Erziehung in Eigenwillen und Launen noch bestärkt, empfand Gottliebe im Innersten nur zu gut selber den Mißgriff der Natur bei der Prägung ihres Charakters. Sie war unglücklich darüber, versuchte durch Selbsterziehung einen Ausgleich der Gegensähe in sich zu bewirken, aber auch diesen Versuchen fehlte die Stetigkeit und Energie. So hatte sie es denn schließlich aufgegeben, sich anders zu machen, und mit geheimer Ssslbstironie ließ sie sich gehen, wie sie eben war, sich von Stimmung zu Stimmung treiben. Allmählich aber verdrängten dann die neuen, frischen Eindrücke der Wanderung die leise Melancholie in ihr wieder. Tie anregende, schier moussierende Gletscherluft, das Flimmern der Milliarden Schneekristallchen in der horizontal auffallenden Morgensonne, das allenthalben winzigfeine, gleißende, regenbogenfarbene Strahlen aufschießew ließ, nahm unwillkürlich die Sinne und bald aueh die Gedanken gefangen. So kehrte Gottliebe bald die frohe Lust an der Berg-, fahrt wieder und das Bedürfnis, sich mitzuteilen. „Hallo, Toni! Sie sagen ja gar nichts mehr!" Der scherzende Zuruf, von ihr nur als eine landläufige Redensart gebraucht, machte den jungen Führer aus seinem Sinnen auffahren. In seiner schweren Art hatte er sich noch immer nicht freigemacht von seinen ernsten Gedaukengängen. Zaudernd überlegte er, was er ihr auf diese gerade aufs Ziel schießende Frage erwidern sollte. Aber sie zog ihn selbst aus der Verlegenheit, die ihm sein gerader, eiytr- licher Sinn und seine Weltuilgewandtheit bereiteten. ist ja zü jchön, zu wounig hier oben! .Die Brust wird einem so weit — o! Hinausschreien möchte man vor Vergnügen, gelt, Toni? Können Sie nicht jodeln?" Er schüttelte den Kopf. „Jodeln tun wir hierzuland nit." „Was?" Sie sah ihn ungläubig au. „In den Bergen, wohnen und nicht jodeln? Was tut ihr denn hier, ihr langweiligen Menschen, wenn euch das Herz vor Vergnügen schier springen möchte?" „Dann tun wir nur juchzen." Gottliebe lachte hell auf. „Köstlich! Nur juchzen! Na, dann juchzen Sie mal los, Toni — aber recht forsch und schneidig, daß unser Freund dahinten," sie zwinkerte ihm ausgelassen mit Schelrnenaugen zu, „vor Schreck sich gleich hinsetzt!" Ihre sonnige Art scheuchte mit Siegergewalt dem Toni alle Grillen fort. In seinen Augen blitzte der Widerschein ihrer Blicke auf, und hell schmetterte sein Juhschrei durch die lautlose Einsamkeit, mehrfach von den Talwänden drunten zurückgeworfen. „Bravo!" klatschte Gottliebe. „Das wär ja großartig, Toni — famos!" Ihr Lob spornte ihn an, ihr weiter zu gefallen; ihre ganze sprudelnde Art riß ihn überhaupt mit fort, so daß er ganz die ihm sonst anhaftende ernsthafte Schwere des Wesens verlor und selber leicht und lustig wurde. Er scherzte und lachte mit ihr um die Wette; die geringfügigste Kleinigkeit, eilt Ausgleiten auf der ungefährlichen Schneebahu oder ein Rückblick auf den verdrossen hinter ihnen her- stampfenden Regierungsrat genügte, sie in größte Heiterkeit zu versetzen. Es war wie ein Rausch über den Toni gekommen, so schön war es ihm ja noch nie auf den Bergen vorgekommew Ein Glücksgefühl dürchströmte ihn, so daß sich ihm noch manch Juchzer von selbst auf die Lippen drängte. So waren die zwei nach einftünbigein Wandern, das ihnen aber wie im Flug dahingegangen war, an den Fuß des Kegels gekommen, der ihr Ziel war. Nun begann! ernstere Arbeit für den Toni. Es hieß für jeden Tritt eine Stufe in die ziemlich steil attsteigeitde Gletscherdecke zu schlagen, die den Kegel bis kurz unterhalb der Spitze um-! hüllte. Mit wuchtigen, kurzen Hieben schlug Toni zu, so kraftvoll und schnell, daß sie nirgends stehen zu bleiben brauchten, sondern sich in langsamem Tempo Schritt für Schritt immer höher schräg auf die Spitze hinaufarbeiteten. Tas Plaudern war nun verstummt ; aber sckwe geitd sah 6'oft iebe auf den jungen Führer vor ihr, wie er oyne Ermüdung feine kraftvollen Streiche führte. Sein schlank gewachsener, sehniger Körper bot bei dieser energischen Bewegung in der Tat einen prächtigen Anblick, ein Bild frischer, froher Jugendlraft. Zum erstenmal kam Gottliebe bei diesem Schauen die kraftvolle Schönheit des männlichen Leibes zum Bewußtsein. Was sie bisher auf Renn- und Tennisplätzen oder im Balb- saal gesehen hätte, das war nur geschmeidige Eleganz, nicht abeydie Entfaltung imposanter Kraft au der Erscheinung'des Mannes gewesen. Unwillkürlich drehte sich Gottliebe nach dem weit zurückgebliebenen Regierungsrat um, der sich offenbar nur müh- sam herausquätte. Wenn sie diese beiden Männer so verglich, so spielte der Vertreter vornehmer Eleganz doch eigient* lich eine recht tragikomische Rolle neben diesem einfachen Sohn des Volkes in seiner jugendstarken, sicheren Art. Wje ein Herrscher schritt dieser hier aufrecht durch sein Reich schneeverbrämter Hochzinnen, durch das der andere da nur ängstlich gebückt hinschlich! Wie doch hier vor der Hoheit einer großzügigen Natur die Maßstäbe menschlicher Wertschätzung sich verkehrten; wie h'ohle Ueberwertung in sich zusammenbrach! (Fortsetzung folgt.) Aus alten versröder Ariegsrechnungen, besonders der IahreiryZbis MSund andere mündliche Erinnerungen aus dieser Zeit. Von Lehrer Wolf- Bersrod. (Schluß.) Bor dem Friedensschluß mit Oesterreich 1797 waren deutsche Landeskinder hier und in der Umgegend einquartiert, die teils in französischen, teils in österreichischen Diensten standen. Von ihnen sind uns noch 2 Briefe erhalten, der eine ab-, der andre urschriftlich. In dem ersteren stehen folgende bezeichnenden Sätze; „Schon 5: Monate haben wir keine Bezahlung von unsxrm Solds' erhalten und ich weiß nicht die Ursach. DM meine Prüder M 439 Kaus^ sind und gchcnrath haben, ist nicht zu loben, tvarum, sie sind dem Land untreu gemeßen." Der andre Brief, an den Gerichtsschöffen Linncnstruth gerichtet, sei wegen seines eigenartigen Stils vollständig miedergegeben. „Ich kau nicht unterlaßen, Sic durch Einige Zeilen zu berichten, indem wir gestern atzrnhain verlaßen haben, und feind nach Lautern Capon i----Qucck- born) und gcbenroth (--- Göbelnrod) verlegt worden, ich habe vor- gcnommcn gehabt, die verflossenen Feiertage Sie zu besuchen, weilten wir aber zweymal Cantonierung schanschiert haben, (= die Ortsunterkunft gewechselt haben) nemlich von atzenhain nach grünbcrg und wiederum nach atzenhain, so befand ich mich gehindert, sonsten hätte ich mich bei Ihnen eingetroffen. Ich hoffe aber unverzüglich einen Besuch bch Ihnen zu machen, wann weiter nichts neues vorfält, und wann Sie solten einmal sich in der Gegend befinden, so werden Sie mir große Gefälligkeit bei) leisten und mich zu besuchen. Ich loschier beh Johann Michael Wilhelm Schultheiß in Gcbenroth. Hirmit wünsche ich Ihnen wie auch Jhreni gantzen Kaust gute Gesundheit, glück heil und fegen, und verbleibe Ihr getreuer Freund Hornberger Sergant." Hornberger hatte wochenlang hier in Quartier gelegen und cs hatte sich zwischen ihm und seinem Quartierherrn Linnenstruth ein freundschaftliches Verhältnis gebildet, Im Dezember 98 hörten die Kricgsfuhrcn und -lieferungen aus, die Franzosen waren abgezogen. In einer Bekanntmachung an die thalischen Ortschaften gibt das Amt Gr.-Buseck die „frohe Nachricht" den Bewohnern zn wissen mit dem Bemerken, „daß von nun an die hin und wieder befohlenen Fouragc-Licferungcn in die Magazine aufhören und kein Ort an das andre weiter etwas mehr zu leisten habe. Dieses ist sogleich von,Haus zu Haus bekannt zu machen". Sv war denn Ruhe in unserm Dörfchen cin- gekehrt, und die Einwohner atmeten erleichtert auf. Doch hatten die Jahre 1796 bis 98 der Gemeinde so übel mitgespielt, daß noch in den folgenden Jahren bis 1803 Kriegssteuern erhoben wurden. Und wie lange sollte man sich des köstlichen Friedens freuen? Bereits 1805 rückte Napoleon — seit 1804 Kaiser der Franzosen — mit 5 Heeren in Deutschland ein, besetzte deutsche Länder und erhob ungeheuere Kriegssteucrn. Wieder begannen die Kriegslasten und drückten unsere Gemeinde. Auch in den Jahren 1806—09 mußten Bagage- und Fouragefahrtcn geleistet und Naturalien in die französischen Magazine geliefert werden. Nachdem Napoleon 1805 die Oesterreicher und Russen bei Austerlitz besiegt hatte, stiftete er 1806 den Rheinbund, dem auch Hessen beitretcn mußte. Als nun 1809 Oesterreich den Kampf mit dem Korsen nochmals wagte, da benutzte Napoleon die Rheinbundstruppen als billiges Kanonenfutter. Auch aus unserem Dorfe mußten einige junge Männer das Gewehr für Frankreich tragen. Die Namen von 5 Teilnehmern, nämlich Johann Jakob Böcher, Faulstich, Bauernfeind, Ludwig Schneider und Chelius sind in einem noch int Original vorhandenen Feldbriefe des erstgenannten zn finden. Der interessante Brief lautet: „Dachau, den 26. April 1809. Liebe Eltern! Wir sind jetzt deut Feinde schon sehr nahe gekommen und stehen fast an der Spitze dieser Flanke, ohngefähr 16 Stunden von Tyrol. 2 Tage vor unserer .Ankunft sind die feindliche Batrouillen noch hier gewesen, wir aber haben bis heut noch keine gesehen, nur einige Transport gefangenen. Unsere Garde — Garde- und Leibfüsiliere, aber sind schon weiter, ohngefähr 40 Stunden vor, das heißt seitwärts. Die Throler Bauern sind sehr arge Spitzbuben, die haben den Bahern sehr großen Schaden getan, die Augen ausgestochcn, tobt geschoßen und noch auf mehrere Arten mißhandelt. Man spricht von 15 000 manu, welche die Bayern in dem garstigen Land cingebüßt hätten, ich kann cs aber nicht behaupten, ich glaub wenigstens, daß man was absetzen könne. Wir sehen aus dem Throlischen Gebürg noch alles mit Schnee überzogen, welches uns keine große Hitze auf den Vorposten verursacht. Tag und Nacht müssen wir bereit sein zum vorrücken. Denn die Throler Bande Batrouillirt stark in der Gegend von München, da haben wir nur 3 Stunden hin, die Kaiserlichen hatten es schon besetzt, aber jetzt sind keine mehr drinnen, sie schweben aber immer drum her, und wer weiß, ob wir nicht heute oder morgen dahin inüßen, um cs zn besetzen, oder wenn die Kaiserlichen wieder drinn sehn, cs ein zunehmen. Bis dato hat mich mein Gott noch Gesund erhalten. Er wird mich auch ferner hin beschützen, denn der Spruch sagt: Bau auf Gott in Kriegsgefahren, denn er weiß dich zu bewahren, Er kann machen, daß die Feinde werden deine besten Freunde. Hiermit wollen leit beschließen, der Faulstich, der Bauernfeind und der Ludwig Schneider sind noch Gesund, und der Chelius ist den 18. April vor Augsburg an uns vorbeymaschirt, da habe ich kaum ihm die Hand bieten, und ein Wort mit ihm sprechen können, und von den übrigen (also waren es mehr als 5) weiß ich. gar' tiichts. übrigens grüße ich euch alle vielmal was macht mein Kind und seine Mutter sehn sie noch Gesund, Ich schließe sie alle in diesen Gruß ein. Ledet wohl ich erwarte baldige Antwort und bin Euer getreuer Sohu Johann Jakob Böchcr 1. Bat: Lcib- regiment H. Zimmermanns Compagnie." Auch seinen letzten Sold hatte der Briefschreiber nach Hause gesandt. Kurz darauf sollte er ein beklagenswertes Ende finden. In mehreren Gefechten wurde Erzherzog Karl von Oesterreich an der Donau xurückgedrängt. In einem dieser Gefechte geriet eine Abteilung Lessen in der Dunkelheit in das berüchtigte „Dachauer Moos", i Me große Sumpfstrecke an der Donau, und kam elend um. Dabei befand sich auch Böchcr. Brief und Soldmünzen werden von der Familie Graulich als teures Andenken auf- bewahrt. Wer von den übrigen Kriegsteilnehmern nicht wiederkehrte, dessen kann sich niemand mehr im Dorfe genau erinnern, auch die Kirchenbücher zu Winnerod schweigen sich darüber aus. Nach knapp 3jähriger Pause unternahm Napoleon 1812 seinen kühnen Zug nach Rußland, der die Welt in Erstaunen setzte. Ein Heer von 600 000 Mann, darunter viele Rheinbundstruppcn, setzte sich int Frühjahre in Bewegung. Wie Meereswogen, schier unwiderstehlich fluteten die vielen Tausende durch die Wetterau und die Dörfer des Buseckcr Amts, durch den Ebsdorfcr Grund nach Marburg hinauf. Die gewaltigen Durchmärsche und das herausfordernde Benehmen der übermütigen Franzosen hatte unsere Bewohner so eingeschüchtert, daß sie sich in den Kellern Und auf den Böden versteckten und nicht wagten, ihre Häuser zu verlassen. Sie fürchteten auch, als Wegsührer mit Gewalt mitgeschleppt zu werden. Wieviele und welche jungen Männern aus Bersrod mit nach Rußland zogen, läßt sich leider mit Bestimmtheit nicht mehr feststellen, denn in der Leute Erinnerung wurden bald die Teilnehmer von 1809 und 1812 verwechselt, was sich aus der Nähe der beiden Daten und dem Umstande erklären läßt, daß einige, die 1809 glücklich zurückkamen, 1812 das Gewehr wieder schultern mußten. Mit Sicherheit lassen sich nur noch 3 Namen melden: Spaar, Schneider (schon 1809) und Damm, der erst 18 Jahre alt war. Es sind ihrer aber mehr gewesen. Zurückgekehrt find nur Spaar und Damm. Wo die andern geblieben, wo ihre Gebeine modern, locr vermöchte das zu sagen? Rührend war der Schmerz der Mutter des Schneider um ihren Sohn. Sie stieg ost auf den Boden des Hauses und schaute nach den Wolken, die von Osten zogen; sie kamen ja aus Rußland, wo ihr .Kind sein junges Leben gelassen hatte. Sie behauptete fest, einst fet ihr aus einer dorther kommenden Wolke ein Blutstropfen, gewiß von ihrem blutenden Sohne, aus die Hand gefallen. (Vergleiche hierzu: „Der tote Soldat" von G. Seidl.) Von diesem Glauben war sie nicht abzubringen. Wieviel Tausenden von Mütter» ist es wohl ähnlich ergangen! Und alles Elend, aller Jammer hatte als Ursache den einen Mann: Napoleon. Doch auch er sollte erfahren: Wer Wind säet, wird Sturm ernten. Er kam, der Sturm, der mit Allgewalt den „Schlächter der Menschheit" und das verhaßte Franzosenpack mit eisernen Besen zum deutschen Lande hinausfcgte. Die Völkerschlacht bei Leipzig ward geschlagen, Napoleons Macht zerbrochen. Zum Beweise, daß selbst Napoleons alte Soldaten seinen Untergang vorausfühlten, sei hier eine kleine Episode in unserem Dorfe wiedergegcben. Bekanntlich zog der Kaiser vor der Leipziger Schlacht noch junge, ungeübte Truppen aus Frankreich heran. Unterwegs wurden diese ein wenig exerziert, um sie einigermaßen zu Soldaten zu machen. Ein solcher Trupp war auf_bcm Hinmärsche in unserem Dorfe ein- guartiert. Ein alter Sergeant übte die jungen Leute auf dem freien Platze inmitten des Dorfes ein. Neugierig schauten die Leute zu. Nichts wollte klappen. Aergerlich drehte sich der Korporal nach den Zuschauern um und rief: „Es is nix mit de Buwe, is alles velorn!" Bald nachdem die Kunde von der Leipziger Schlacht hierhergedriingeit Ivar, erschietien auch die ersten Preußen in Bersrod, und nun folgte Einquartierung auf Einquartierung. In bunter Reihenfolge erschienen die glorreichen Streiter von Leipzig: preußische und österreichische Linientruppen, sächsische und Hreußischc Landwehr, Russen und Kosaken. Als die ersten Russen sich dem Dorfe näherten, , eilten die Weid- buben erschreckt heim und rieten: „Die Russen kommen! Die Russen kommen!" Sie leben in der Erinnerung als im allgemeinen gutmütige Leute fort. Ihr Lieblingsgericht forderten sie mit dem Wort „Kapustcr", ein Gemisch von Sauerkraut und Kartoffeln. Ueberhaupt waren sie int Essen nicht wählerisch und feinschmeckerisch wie die Franzosen, aber man sah mit Staunen, welche Branntweinmengen in den rauhen Kehlen, besonders beiten der Kosaken, verschwanben. Unsre Torfschrnicbe haben bamals, da bie Kosaken alle beritten waren, viel Arbeit mit dem. Beschlagen der struppigen Kosakeitpferde gehabt, wie die Kriegs- rechnung anführt. Hufeisen dieser Pferde, an ihrer kleinen, runden Form kenntlich, wurden und werben noch des öfteren hier gefunden. Wenn die Russen auch äußerlich rauh und borstig waren, so sollen ihnen die Preußen in der Grobheit doch über gewesen fein. So wäre cs mit 2 preußischen Untcrofsiziercn, die als Quartier- machcr hier zu tun hatten, beinahe zu einer blutigen Schlägerei gekommen. Sic waren bei dem Bürgermeister Stroh, im, heute Graulichschcn Hause, einquartiert und verlangten, in dem in der warmen Wohnstube stehenden Bett zu schlafen, was aber der Bürgermeister in Rücksicht auf seine betagten Eltern nicht dulden wollte. Er versprach ihnen eine gute Streu in der warmen Stube, die Preußen aber bestanden auf ihrem Wünsche. Doch Stroh hatte auch einen harten Baucruschädel und gab nicht nach. Drohend und fluchend drangen die beiden auf ihn ein. Stroh war kein Schwächling und wehrte sich, indem er die ihm zugedachten Hiebe auffing. Da schrie die Nachbarin zum Fenster heraus: „>chr Leut stürmt! stürmt'." „Das alte Aas!" rief einer der Preußen. Die Bauern aber kamen zusammen gelaufen mit Aextcn, Sensen und sonstigen bei einer Schlägerei nicht zu verachtenden Waffen. Der Bürgermeister jedoch rief ihnen zu: „Ich werde fchon fertig mit ihnen!" Angesichts der „Bürgerwehr" gaben bte Preußen klein bei und waren nun mit der Streu zufrieden. — 440 — An bett Kämpfen 1813 und 14 war aus unserm Dorf nie- mänd weiter beteiligt. Ntir der schon genannte Johs. Spaar, der die furchtbaren Strapazen des russischen Feldzuges — er erzählte Schreckliches vom.Uebergang über die Beresina — glücklich überstanden hatte, wurde noch zweimal eingezogen. Zwei Posten der Rechnung sagen darüber: „Dem.Phil. Kutscher von einem Gewehr zu butzen als Johannes Spaar nach der Mainspitz mußte d. 7. Nov. 20 Kreuzer/' Und 1814 heißt es: „Für Equipierung des Landwehrmannes Johs. Spaar als solcher auf die Rheinspitze tnarschieren müssen den 5. März 3 Gulden 30 Kr." Als 1815 das Ringen der Verbündeten mit Napoleon noch einmal und zum letztenmal begann, war auf dem Marsche auch schivarzburgisches, gothaisches und schlesisches neben preußischem Militär hier einquartiert. Aus dem Rückmärsche 1816 hatten unsere Dorfbewohner Gelegenheit, die beim Feinde so gefürchteten preuWchen Husaren in der Nähe betrachten zu können. Unternt 20. Mai 1816 verzeichnet nämlich die Rechnung: „Dem Konrad Sommerlad einen Gang nach Ettingshausen und preussische Husaren abgeholt zur Einquartierung 20 "Kr." Die letzte Einquartierung, ebeufalls preußische Husaren, hatten wir am 4. Junr 1816. Mit ihnen verließen die letzten Streiter einer schweren, aber auch großen und erhebenden Zeit, unser Dorf. Waffengeklirr, Pferdegewieher, Trompetensigttale und Kommandorufe Ivaren verklungen. Friede, traulicher Friede kehrte in Häuser und Hütten eint Die Bewohner konnten sich wieder frei und ohite Furcht bewegen und sich nach den mageren Jahren wieder des Segens ihrer Felder freuen, den sie seither zum großen Teil für rauhe Kriegsvölker gebaut und geerntet hatten. Zwar ivaren der Bevölkerung unseres Tales die schrecklichsten Schrecken des Krieges — mordendes Schlachtengewühl und rohe Vernichtung — erspart geblieben, aber es waren Wunden auf wirtschaftlichem Gebiete geschlagen, die nur langsam heilten. Noch heute wirken in manchen Gemeinden die Kriegsschulden der Franzosenzeit nach. Bersrod hatte sich durch weise Sparsamkeit verhältnismäßig rasch von denk großen Aderlaß erholt, aber die alten Leute wissen von ihren Eltern noch recht gut, wie arnt und schlecht die, Zeiten noch nach den großen Kriegen gewesen sind. Zum Schlüsse seien darum die jährlichen Kriegsrechnungen, die von dem jedes Jähr wechselnden Bürgermeister von Michaeli bis Michael: geführt und vom Amt Großen-Buseck geprüft wurden, in ihren Schuldsummen zusammengestellt. 1796/97 2218 Gulden, 1797/98 1969 Gulden, und laut einer Berechnung des Amtes des Anteils an der Talischen Gesamtlieferung (Buseckertal) 17 084 Gulden, 1798/99 411 Gulden, 1805/06 1207 Gulden, 1806/07 472 Gulden, 1807/08 107 Gulden, 1808/09 197 Gulden, 1812/13 120 Gulden, 1813/14 1680 Gulden, 1814/15 552 Gulden, zusammen 26 017 Gulden. Die Verzinsung dieser Summe zu 5 Prozeut ergibt diue jährliche Zinszahlung von 1300 Gulden. Welche Unsummen an deutschen Werten, an Volksvermögen und Volkskraft, sind doch in der Franzosenzeit verbraucht, vergeudet, vernichtet worden nm des Ehrgeizes eines Napoleon willen. Für den Volksfreund ist es darum schwer verständlich, wenn manche gebildeten Deutsche in ihm nur das Genie sehen nnd preisen und nicht den rohen, rachsüchtigen Korsen, den Mann der niedrigen Instinkte. So haben uns denn die 100jährigen Kriegsrechnungen unsrer Aemeinde im Verein mit unfern „lebenden Chroniken" ein an- schanliches Bild der Zeiten vor 100 und mehr Jahren gegeben. Gar manches Trübe zog an nnjerm Geiste vorüber, das unsre Vorfahren aber mit Würde trugen. Möge das Gehörte sich unsernr Gedächtnis recht einprägen und nachklingen, daß warme Heimat- liebe daraus erblühe und Liebe zu denen, die mit uns dieselben Wege tvallen, dieselben Berge und Wälder grüßen und ans demselben Friedhof einst begraben werden! Und wenn auch int Lärm und Streit des Tages die Charaktere und Meinungen oft scharf aufeinanderplatzen — denn Menschenlos ist's, daß wir nach Körper und Geist verschieden sind — so möge uns doch immer wieder das Gemeinschaftsgefühl des Dorfes und der Gedanke: Ich bin ein Deutscher! zusammenführen in dem Liede: Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt! Gefährliche Doppelgänger. K.-K. In jedem Jahre fordern Dopvelqänger aus dem Pflanzenreiche, ivie die den eßbaren Pilzen täuschend ähnlichen giftigen Pilze, oder die der Kirsche ähnliche Tollkirsche zahlreiche Opfer an Menschenleben. Aber Giftpilz und Tollkirsche sind nicht die ein- zigen Doppelgänger. In dem als Brotgeivürz und in der Likörfabrikation verivendeten Anis findet sich sehr hättsig der ihm an Gestalt und Aussehen sehr ähnliche giitige Schierlingssamen; es sind vorwiegend aus Rußland stammende Samen, die solche bedenkliche Verunreittigungen ausiveisen. Manches Umvohlseiii, manche ernstliche, bem Arzt nicht gleich klare Erkrankung mag aui solche Doppelgänger zurnckgefnhrt werden tonnen, wenn man hört, daß Anissamen 12 Prozent, ja sogar öO Prozent an Schierlingssamen enthalten haben. Vor etiva vier Jahren sind in Ungarn bei einer Reihe von Personen nach dem Genüsse von Speisen/ die mit Mohn zubereitet wurden, bedenkliche, z. T. sckuver verlattsende Bergiflungserschei» nuhgen ausgetreten, die die'.Aufmerksamkeit der Behörden auf dieses» and) bei uns beliebte Hilfsmittel der Küche und Bäckerei richteten. Um die gleiche Zeit sind in Schlesien — dem einzigen bekannt ge- roorbenen Falle in Deutschland — bei einer erwachsenen Person und einem achtjährigen Kinde nach dem Genüsse von Mohnklößen ernstliche Erkranktmgen erfolgt, die zwar mit der Wiedergenesung der erwachsenett Person, aber leider mit deut Tode des Kindes endeten. Als giftige Beiutengung des Mohnes ergab sich in den aus Ungarn gemeldeten Jällett, die den Gegenstand umfassender Untersuchungen bildeten, mit Sicherheit die Anwesenheit voit dem Mohne äußerlich sehr ähnlichen Btlsenkrantsamen: als Bezttgsland des gefährlich wirkenden Mohnes ivurde Rttßland ermittelt. Neuerdings ist es ivieder ritssische Mohnsaat, die in zwei Fällen Bilsen- kratttsamett in Mengen beigemengk enthielt, die sich gesundheitlich als nicht gleichgültig erwiesen. Das Gift des Bilsenkrautsamens ist das in die Gruppe der 'Alkaloide gehörende Hyoscyamiti, von dem 'A Milligramm genügt, um beim Menschen deutlich erkettnbare Gesmtdheilsstörtmgen hervorzttrnfett. Solche Alengen findett sich bereits in etiva 79—140 Bilsenkraulsamen, je nach Größe und Reifegrad. Da ein Bilsenkrautsantenkorn nur etwa 0,64 Milligramm wiegt, so kann sein Vorhandenseiii im Mohn, and) bei den als bereits giftig angesehenen Mengen nicht aus einer Absicht hergeleitet iverden, die eine Gewichlsvermehrung aus Getviitnsucht beabsichtigt. Es liegt feine gewollte Fälschung vor, ivie sie bei anderen Genußmitteln ztiiveiletr geübt wird, vielmehr ist anzu- nehnten, daß mangelhastes Saalgut, mtgenügende Kultur der Mohn- pflanze und vor allem eine nicht ausreichende Reinigung des geendeten Samens schuld an bieten beklagenswerten Mißständen sind. Die Ernte des Mohnes erfolgt in Podolien, Wolhynien und dem Gebiete über dem Dujepr, wo die Mohnselder stark verunkraulet sind, durch Absicheln, Abmähen und Dreschen. SDlit diesem Drusch des Mohnes dürste aber die Geiviunuug nicht abgeschlossen sein, sondern es müßte noch eine gründliche Reinigung durch Absieben erfolgen. Versuche, die mit stark Bilsenkraut enthaltendem Mohn auf Sieben mit 0,9 Millimeter Loch weile angestelli wurden, haben ergeben, daß ein Mohn, der anfangs 230 Stück Bilsenkrantsamen in einem Kilogramm enthielt, nach zweimaliger Durchsiebuirg nur noch 2 Stück davon aufwies, daß also eine Entgvtnng eintrat, die als genügend anznsehett ist. Diese nachträgliche Reinigungsarbeit könnte aber bei Verivendttng reinstetr Saatgutes nnd zielbetvußler AnSrottimg der Gistpflattze von vornherein überflüssig gemacht iverben. Dr. H-k. Vermischte». * S o l i n g e n s i e n. In der bergtjchen Stadt Solingen Hai kürzlich eine S'olingensieu ausstellrmg slaltgefuttden. Soliugeit- ften - ist das nicht hübsch? Aber märe nicht etiva Altsolinger Ausstellung oder Ausstellung Altsolingen doch hübscher und ein bißchen - deutscher gewesen? Wohin soll es beim sichren, meint wir diese lateinisch-deutsche Endung immer wieder und überall verwerten! Ist es wirklich schön, von Elberseldensicn, Wermels- kirchenensien, Rupperichlerothensien, Lüttringhausenensien, Blanken- stemensien, Radevormwaldensien zu reden? Oder, um in andere Gegenden einen Abstecher zu machen: von llntergruppenbacheusieu, Zusmarshauseneusien, Tiesenbrunnensien, Spichern-ensien, Sommer- feldensten, Oberingelheimensten, Preußischeylauensien, Badmünster- antfteinenfien "Rothenburgobbertauberensien, Homburgvorderhöheit- fien nsw ? Alles genau so berechtigt wie Solingensieu. Nun, leider steht ja Solingen damit eben gar nicht allein, und deshalb sei hierüber auch einmal aus Deutschtimt erinnert: man denke nur einmal ein wenig nach, und man wird viel reichere Namenauswahl finden für solche alten Erinnerungen, als sie uns die unseligen lateinischen -ensien zu bieten vermögen. Und schließlich noch eine Frage: wie heißt eigentlich die Einzahl zu diesen Mehrzahlforiiien? Sagt man „ein,Berlinense" ober etwa „ein Berlineusium" ? Rätsel. Fange ein Tier aus bem Walde, enthaupte e8, füg' ein paar Stückchen Kreide dazu, ein? vorne, dagegen das andre au's Ende: Saftig und süß wird es schmecken, ein Labsal bei drückender Hitze. Kein Vegetarier könnte die .fleischige" Speise verschmähen. Auflösung in nächster Nummer. Auslösung der Skat-Aufgabe in voriger Nummer: (Mit a, b, c, d Iverden die vier Farben bezeichnet: A — Aß, U = Unter, Aube, Wenzel; D — Dame, Ober.) Vorhand wendete cA und fand noch bZ; sie drückt nun aZ und a9. Mittelhand Halle aU, dU, aK, aD, bD, b9, cD, dK, d9, d8, Hinlerhaitb den Rest. Verlaus des Spieles: 1. V. c9 Ul. cD H. e3 --- — 3. 2. M. d8 H. dl) V. dA. 3. V. c7 M. dü H. oll — — 4. 4. H. dv B. dA M. d9. 5. 9>. cK M. all H. bü — 8. Tie übrigen Stiche erhält der Spieler, so daß also die Gegner im ©d)iieiber geblieben sind. Redaktion: K. N e u r a t ü. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Stemdrnckerei, N. Lange, Giege«,