ffraurnlirbr. Roman von Horst Bo dem er. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Graf Relendorfs setzt sich an seinen Schreibtisch und! stützt den Kopf jn die Hand, er ist in heftigem Widerstreit mit sich selbst. Wie gern gäbe er seinen Segen schon um Frau von Moreth eine Freude zu bereiten, aber sein Gewissen verbietet es ihm. Makellos steht er bis fyeute da. Hier handelt es sich uin das Wohl und Wehe seines! Kindes, er fühlt sich dem Himmel und seiner verstorbenen Frau verantwortlich, da glaubt er der weichen Stimmung seines Herzens nicht gehör geben zu dürfen; er fft auch fest überzeugt, sein Lebensabend wird von bitteren Sorgen getrübt sein. , Ma erhebt er sich und geht durch den Park, hinüber tu die stille Ecke, wo sein Weib ausruht von den Lasten dieses Lebens. Eva aber schreitet voller Unruhe in ihrem freundlichen, hellen, im Empirestil gehaltenen Boudoir auf und ab, der Bruch mit dem Vater trifft sie doch furchtbar schwer. Da tritt der Diener ein. . „Graf Norderoog möchte von der gnädigen Komtesse Abschied nehmen." Sofort hat sie sich wieder, in der Gewalt. ' .„Ich lasse den Herrn Grafen hierher Litten." Und er kommt schon im Reiseanzug. „Komtesse", ich danke Ihnen, daß Sie mich empfangen." Sie reicht ihm die Hand, aber fordert ihn nicht auf Platz zu nehmen. Es ist besser, der Abschied! ist kurz,, sagt sie sich. „Graf, Sie werden vielleicht meine Handlungswerse Uicht verstehen können!" „O doch!" „Ich mußte reinen Tisch machen, nicht Ihretwegen i—, Herrn von Moreth, meinem Verlobten tat es not!" Er nickte nur stumm. Sie sieht Norderoog an und ist schinerzlich berührt; sein Gesicht ist bleich, sie muß ihn schwer verwundet haben!. Da findet sie zum ersten Male ihm gegenüber den herzlichen Ton. '„Glauben Sie Mir, es geht mir nahe, Ihnen Wehs tun zu müssen, aber kein Mensch kann für seine Empfindungen. Ich werde ihnen immer ein gutes Gedenken bewahren und hoffe, Gott wird Ihnen recht bald die Ruhe wiedergeben. Sie gehen hinaus in die Welt als Vertreter Ihres Vaterlandes. Sie haben einen großen Pflichtenkreis. Sie dürfen wirken für das Reich und unsere! Landsleute — wahrlich eine beneidenswerte Aufgabe für dinen so tatkräftigen Mann wie Sie. Neue Eindrücke werden iiJr iti UN" (MW Kl nach und nach die alten verwischen, Sie lernen hoffentlich bald, an diese Tage zu denken ohne Bitternis!" Herzlich streckt sie ihm die Hand entgegen; er küßt sie und entfernt sich rasch. Sie hat den gesetzten Diplomaten doch nicht für einen so empfindsamen Menschen gehalten. Hans-Wilhelm läßt sich Drewel kommen. Er legt ihm die Hand auf die Schulter. „Sie gute, treue Seele, Was haben Sie für mich getan?" Der alte Mann stellt sich dumm. „Na, meine Pflicht und Schuldigkeit, Herr Oberleut-i nant!" < „Also, Ihrem Herrn Geld punipen, das nennen Sie Ihre Pflicht und Schuldigkeit tun! Ich muß! sagen, die Auffassung war mir bis heute fremd." „Daß die Weiber doch nicht den Mund halten können",^ denkt er. Er vergißt, daß er selbst aus der Schule ge- plaudert. „Gott, was ist da weiter dabei", sagte er. „Meiich Frau ist tot, meine beiden Töchter haben rechtschaffene Männer, was brauche ich alter Karrengaul?" Da fährt Hans-Wilhelm auf. „Jawohl, Ihre Töchter haben rechtschaffene Manner! Ich muß mich vor ihnen schämen!" „Aber Herr Oberleutnant, sie wissend ja gar nicht!" „Ist das vielleicht ein Milderungsgrund?" Er zieht seine Brieftasche heraus. „Also was bin ich Ihnen schuldig?" „Herr Oberleutnant, ich weiß! es wirklich nicht." „‘9hm, dann wird mir's wohl die Komtesse Relen- dorff, meine Braut, sagen können." Da fassen die riesigen gebrannten Arbeitspranken nach den gepflegten Händen Hans-Wilhelms von Moreth. „Ist das wahr?" fragt der Alte mit glänzenden Augen. „Diesmal stimmt's. Sie altes Haus! Ich häb's eigentlich gar. nicht verdient." „Die Freude noch auf meine letzte Tage — dis Freude!" Hans-Wilhelm tut das ehrliche Bekenntnis dieses em- fachen, treuen Mannes unsagbar wohl. Er klopft ihm vertraulich auf die Schulter. „Machen Sie dem Personal Mitteilung von meinem Glücke und, lieber Drewel, vielleicht besinnen Sie fich nun, wieviel ich Ihnen schuldig bin!" „Ich will mir's überlegen, Herr Oberleutnant, es eckt ja nicht." ! Er läuft davon. Hans-Wilhelms. Gewissen fängt wieder an zu pochen- an so viel Treue Ivar er vorbeigegangen. D!a holt er tief Atem, seine Brust dehnt sich, daß die Nähte krachen. Er glaubt Mc fühlen, wie nach und nach der Schmutz von seinem Leibe herunterfällt. Und er schlägt mit der Faust auf den Tisch. 170 „Moreth heiße ich, wie mein Gut! Ein treues Weck wird mir zur Seite stehen — nun fürcht' ich nichts' mehr auf! der Welt!" Am Nachmittag kam Eva. Man besprach die Zukunft und traf die nötigen Entschlüsse. Hans-Wilhelm sollte morgen in die Garnison fahren, feine Ueberführung zu den Offizieren der Referve des' Regiments beantragen und von nun an Moreth selbst bewirtschaften. — Als Eva am Abend davon ihrem Vater davon Mitteilung macht, entgegnete er nur: „Ich werde der Zukunft mit offenen Augen, aber sehr skeptisch entgegensehen." Graf Beerenburg war der nachgebörene Sohn einer sehr begüterten kurländischen Familie. Der Glanz des jungen Reiches, die Unterdrückung, der gerade damals die Balten ausgesetzt waren, ließen die jungen Leute in Scharen in Deutschland Dienste suchen. Die Oettlingen, Keller, Vor- fcmtof, Stryck und viele andere kehrten ihrer Heimat den Rücken. Graf Beerenbürg wurde mit offenen Armen tm Regiment aufgenommen; er war fast gleichaltrig mit Moreth, beide schlossen schnell Freundschaft. Oft waren sie freilich aneinandergeraten, aber der Graf war der ruhigere, klügere; da hatte am Ende noch jedesmal Moreth wieder um gut Wetter gebeten. Sie blieben Freunde, obgleich fast fein Monat verging, ohne ein Gewitter zu bringen. Dann hatte Beerenburg sich aus seiner Hein»at ein Weib geholt, wie viele gemütliche Abende hatte Moreth nicht in diesem Heim verlebt! Da war wohl hin und- wieder der Gedanke in ihm ausgetaucht: tue desgleichen; aber bei der nächsten besten Gelegenheit kam wieder sein bodenloser Leichtsinn über ihn. Zum Heiraten hatte er noch lange Zeit. Spät am Abend war's, Beerenburg saß mit seinem Weibe gemütlich plaudernd in seinem Arbeitszimmer, die Heiden Kinder waren schon zu Bett, da klingelte es. „Nanu, Grete, was mag denn da los sein?" Der Diener ging hinab, um die Haustür zu öffnen. -„Die Herrschaften sind wohl noch auf? Ich sehe Licht." „Moreth!" ruft die Gräfin. Beerenburg fährt auf. Da hat es wieder einmal ein Unglück gegeben! Ein Kreuz ist's mit dem großen Kinde!" Gr stürmt hinaus in den Korridor, ■' „Tag, Fritze!" „Komm' rein!" Er schiebt ihn in das Arbeitszimmer, nicht einmal Zeit zum Ablegen hat Moreth. „Guten Abend, gnädigste Gräfin! Wohl und munter?" Und Hans'-Wilhelm lacht über sein ganzes hübsches Gesicht. „Run sag' mir bloß, was machst du eigentlich für Dummheiten?" Ruhig zieht Hans-Wilhelm die Handschuhe aus und hält die linke Hand seinem Freunde vor die Nase. —| „Du Ring an meinem Finger, Du güld'nes Ringelein!" singt er. 1 „Bist du wahrhaftig vernünftig geivorden?" „Und ob mein treuer Fritze? Sie ist mein, die schöne Eva Relendorff!" Herzlich gratuliert man ihm'. „Aber nun ernst gesprochen, Herrschaften! Die letzten Tage habe ich mich gründlich titriert; ich hänge den Pallasch M den Nagel und werde Krautjunker!" Beerenburg legt ihm die Hand auf die Schulter und sieht ihn fest an. „Du kettest eine gläubige Seele an dich, Hans-Wilhelm!" „Bei diesem Ringe, den mjeiit Vater getragen bei, seinem! Todesritte, schwöre ich: Von nun an gilt mir nur noch meines Weibes Glück!" Gar feierlich hat er's gesagt. Da schließt ihn der gute Fritz in seine Arme. Der Diener kam den Abend sehr spät zu Bett; er mußte Sekt holen, immer wieder hieß es: „Bloh noch eine Flasche!" Am nächsten Mittag ließ er sich bei seinem Kommau- beitr melden; den hatte Beerenbürg! bereits vorbereitet. „Na, Hans-Wilhelm, da gratulier' ich schön! Das war wahrhaftig das Klügste, was sie tun konnten. Aber nun die Ohren steif gehalten mein Junge!" „Herr Oberst, keine Sorge!" „Wenn das Ihr guter Vater erlebt hätte!" Da werden die beiden Männer ernst. „Mittag wollen Sie gewiß mit Ihren Freunden int Kasino verbringen; aber heute abend essen Sie bitte 6eil uns, und wenn Sie mich zu Ihrer Hochzeit einladen, werde ich kommen, von Herzen gern." — „Darum wollte ich gehorsamst bitten, Herr Oberst, auch meine Mutter hofft —" :„Jch habe sie lange nicht gesehen. Die Zeit gleicht manchen Schaden aus, ich freu mich auf ein Wiedersehen.^ In wenigen Tagen hatte Hans-Wilhelm seine Angelegenheiten geordnet. Das Offizierskorps nahm bei feinem Liebesmahle offiziell Abschied von ihm. Der Oberst hielt eine Rede, er sagte dem Scheidenden sehr eindringlich, was der Name Moreth für das Regiment bedeutet und wünschte ihUt Glück für alle Zukunft. Zehntes Kapitel. Der erste große Herbstmarkt wurde in der Kreisstadt abgehalten; er war gründlich verregnet. Jochem von Tüsse- dau und Ackrecht von Püschkow waren die ersten, die sich in dem für die Großgrundbesitzer der Umgegend reservierten! Hinterzimmer des Hotels zum Schwarzen Adler eingefunden. Jochem ist ein Junggeselle, Ende der Dreißiger, Püschkow, zehn Jahre älter, hat vor längerer Zeit seine Frau verloren; seine beiden Jungen sind im Kadettenkorps. Er wird allgemein „Pichelkow" genannt, denn er „pichelt" einen gehörigen Stiefel zusammen, das sieht man auch seiner dicken, roten Nase an. Er streicht seinen langen, blonden Vollbart zur Seite und zwinkert seinem Freunde vergnügt mit den hellblauen Augen zu. „Na, Jochem, die Schweinepreise ziehen endlich 'mal an, der Hafer steigt auch. Wie wär's mit ’n er Flaschö anständigem Rotspohn!" Der Wirt, Herr Braun, steht schon bereit. „Meine Herren, Pflüg aus Lübeck hat mir wunder-i vollen Morgeaux geschickt." „Da bringen Sie in Gottes Namen zwei Bütteln," meinte Jochem Düsedau. „Der gute Hans-Wilhelm hat heute aus dem Markt sein Debüt gegeben. Wenn er kommt, muß, er sich mit ’nem anständigen Troppen einkaufen." Jochem streicht sich seinen dunklen Schnurrbart zur Seite und fährt dann schnell mit der rechten Hand über den kahlen Schädel, den sich die Fliegen zum Tummelplatz ans- ersehen haben. «„Ich glaube, mit dem wird in der nächsten Zeit nicht viel anzufangen sein." „Meinst DU?" Ich denke, lange wird's nicht dauern, kriegt er das Zuhausehvcken gründlich satt." „Lieber Pichekow, der nimmt vorläufig 'nen grund-- soliden Anlauf." „Unter uns, der alte Relendorff ist ein Schaf! Tie Eva turnt ihm doch nun einmal auf der Nase 'rum. Statt gute Miene zum bösen Spiel zu machen, geht er Hans- Wilhelm ans dem Wege, soweit er kann. --- Hast Du's nicht vorhin bemerkt?" !„Jch sehe die beiden noch lange nicht als Manu und Frau." „Oho, sie werden noch im Laufe dieser Woche aufgeboten." „Und der Relendorff?" „Beißt in den sauren Apfel." „Verwünscht eilig haben's die beiden auf einmal." —z „Na er hat die Eva. gerade lange genug wart«: lassen l" Andere Gäste kamen, das Gespräch über Hans-Wilhelnt wurde abgebrochen, man unterhielt sich über Preise, Leutes not und Politik- (Fortsetzung folgt.) Stürmer und Dränger in -er modernen Kauft. Neüe Probleme der Malerei. Bon Paul W e st h e i ml (Berlin). Von Hans ThoMa stammt das Wort, daß es für die künstlerische Entwicklung keine schliutmeren Feinde gebe als biejemgen, die nicht verstehen könnten, daß sie etwas nicht verstehen. Sich mit einem neuen Problem auseiuanderzufetzen, geht ja niemals ohne geistige Anstrengung ab. Es gibt wahrlich nichts Leichteres und 171 Bequemeres, als mit einer überlegenen Handbewegung jede neue Fragestellung abzulehnen. Wer wohl auch nichts Törichteres. Daher ist in diesen Tagen wohl feinem1, der Anteil an dem Geistesleben der Gegenwart haben möchte, die Frage erspart ge- blieben, was geht in unserer Kunstwelt, vor, was wollen jene vielen, die als Maler oder Literaten Tag um' Tag von einer „Neuen Kunst" reden? Der Impressionismus, von dem diese Entwicklung sich ablöst, klanimerte sich mit allen Sinnen an die äußere Erscheinung der! Dinge. Aus ihm spricht die Ueberzcugung, daß, jedes -Ting, wie es dasteht, eine Dokumentation des Weltengeistes sei, der alles gut iunt> vernünftig an feinen Platz, gestellt habe. Was unser Auge sieht, ist Teil eines Allunendlichen, ist Ausschnitt aus der einen einzigen Natur. Der Landschafter riintint ein beliebiges Stück von dem, iwas er vor sich sieht, Malt es wirklichkeitsgetreu nach und glaubt in dem Ausschnitt das Ganze, die Schönheit des Ganzen zu haben. Es gibt, um einen berühmt gewordenen Vergleich zu gebrauchen, keinen Unterschied zwischen einem gemalten Spargelbündel und einer Madonna. Alles durchschwingt die gleiche Gesetzlichkeit: den Schweinekober ebenso wie das von blitzenden Truppen besetzte Paradefeld. Alles wird in der gleichen Weise nMflutet von Luft iunb Licht. Nach demselben Gesetz werfen alle Körper das Licht zurück, srnd sie alle Träger der Farbe. Monet Malt ein Stück Hafen. Es ist das Licht, das Schiffe, und Wellen, Kais und Menschen zu einer koloristischen Einheit verknüpft. Trübner .malt einen Soldaten. Der bunte Waffenrock, blitzende Knöpfe, Epauletten, Orden, Waffen, das Fell des Reittieres, das Laub, der den Hintergrund ausMachenden Bäume fließt zusammen zu einer koloristischen Harmonie. Das Sinnliche der Erscheinung strahlt in schillernder Farbigkeit. Ein Eindruck ist in kostbarer Frische festgehalten. „Das ist es gerade, was Man noch immer Nicht versteht, nämlich, daß man keine Landschaft, kein Seestück, keine Figur malt, sondern daß man den Eindruck einer bestimmten Stunde des Tages in einer Landschaft, auf einer Marine oder auf einer Menschlichen Figur wiedergibt." ((Manet.) Aber es entsteht die Frage, ob dieser einmalige Eindruck das Letzte und Höchste ist, ob der Soldat denn nur solch bunten Farbfleck in der Natur abgibt. Ist seine Wesenheit wirklich erschöpft mit der schillernden Außenseite? Und bleibt es sich so ganz gleich, ob da vor dem Grün der/Zweige ein Postillion oder ein Dragoneroffizier steht? Das scheint doch nicht ganz der Fall zu sein. In dem Soldaten sehen ivir, wenn wir nicht gerade Backfische sind, außer der Uniform noch etwas anderes: nämlich den Vaterlandsverteidiger. Tapferkeit, Heldenmut, patriotische Opferbereitschaft erscheinen uns in ihm verkörpert. Vielleicht nicht in dem Musketier Müller, der weidlich froh ist, Kenn er seine Griffe geklopft hat. Aber jene Tugenden sind für uns mit dem Begriff des Soldaten verknüpft, dieser Begriff schwebt uns vor, wenn wir von dem! Soldaten schlechthin reden, und wer wollte es wohl dem Maler verdenken, wenn er dieser höheren Vorstellung Gestalt verleihen möchte. Das aber ist eines der Ziele, die sich die neue Malerei gesteckt hat. Sie will nicht mehr sich auf den zufälligen optischen Eindruck beschränken, sondern mit starkem Wsdruck das ganze Wesen einer solchen Erscheinung bloßlegen. Wenn Hodler zuM Beispiel in seinem Jenaer llniversitätsbild den Aufbruch der Studenten in die Freiheitskriege schildert, dann komMt es ihm nicht darauf an, wie der Studiosus S oder D bei der Gelegenheit ausgesehen ober si Wenommen haben mag, vielmehr wollte er bie patriotische Begeisterung, bie Hingabe an das unterjochte Vaterland, Kampfes- Mut. und Siegeszuversicht, bie damals die Studentenschaft auf das Schlachtfeld trieben, in Machtvollem Pathos flammen lassen. Er 'schreibt den Rhythmus hin, der jene Menschen durchwallte, und wir spüren den Geist der großen Zeit wieder auferstehen. Wenn ein Matisse die Musik darstellt, dann Malt er nicht eine Sängerin ab, auch nicht einen Konzertsaal Mit einer von den Klängen -ergriffenen Zuhörerschar, auch nicht, wie es Böcklin oder -Klinger getan hätten, eine Jdealgestalt mit einer Harfe oder sonst Pin em Instrument, sondern er ordnet wie Noten auf einem Notenplatt fünf von einem inneren Rhythmus beherrschte Menschen, die wie ein AKord in Farben nebeneinander auf der Fläche stehen. Wenn Barlach die Mutter schnitzt, so ist es nicht irgend eine Frau, die ein Kind bekommen hat, sondern die Mutter, das Weib, das durch die Geburt eines neuen Menschen seine NaturbestimMnng erfüllt hat. Diese Absicht, deut Wesen der Erscheinung Ausdruck zu geben, ist keineswegs neu. Die Renaissance hat das versucht, indem' sie zur 'Allegorie griff. Die Raffaelsche Sixtina ist solch ein Sinnbild der Mütterlichkeit. Das Barock stattete die Figur, nM sie bedeutender zu machen, mit Emblemen aus. Tie Historienmalerei des 19. Jahrhunderts, deren Abkömmlinge die Werner, Röch- lmg usw. mit ihren Schlachtenbilderu sind, halfen sich mit der 'n^wote. Tas sind nur die äußeren Merkmale, zu denen noch tut Gestaltungsgesrh hiuzukoMmt, die Komposition nämlich. Was dte KoUtpofition für die ältere Malerei bedeutete: diö Gesetzlichkeit innerhalb.des MldrähMens, eine Gesetzlichkeit, die sich nicht scheute, der Blldeinheit zuliebe die Wirklichkeit uMzumodelu, will die neue, bte expressionistische Malerei auch — aber auf ihre Weise. Allerdings ohne Allegorie, ohne Anekdote, sondern ganz allein durch den inneren RhythMüs, durch Darstellung des Wesens'gesetzes. Es ist klar, daß ein Geschlecht, daß die koloristischen Erk'ennt- ntsse des Impressionismus vorgefunden hat, hierbei in der Farbe ein wesentliches Ausdrucksmittel finden muß. Eozän n e hat lediglich mit Farbflecken eine ganze Welt aumebant. Die Farbe ist da nicht mehr nur Mittel, um den Gegenstand zu verdeutlichen, sie wird, wie es vordem! die Linie und die Komposition waren, zn einer Kraft. Der Künstler benutzt sie nun nicht mehr, um die bringe, die er darstellen will, gegeneinander abzuheben. Er sieht in ihr, um eine Formulierung van de Veldes zu gebrauchen, nicht mehr nur eine Eigenschaft vorhandener Stoffe. Sie umhüllt nicht wie ein Kleid den Gegenstand, sondern wird- selbst! .ju, einem Matertal, aus dem der Künstler seine Gestaltung aufbaut. , Wenn ein e ch ft e i n den Herbst Malt, dann schildert er nicht Erntewagen, gefüllte Scheunen, Weinlesen und derlei Vorwürfe, sondern sucht lediglich durch die Zusammenstellung der Farben die herbstliche Stimmung hervorzubringen. Ta gibt es von ihm zum Beispiel ein Damenbildnis: ein gelblich-grüner Mantel mit roten Aufschlägen, dazu ein Blau, dazu das Fell einer Katze.. Der Zusamtnentlang dieser Farben ist so, daß Man unwillkürlich etwas! verspürt vom herbstlichen Vergehen, vorn' Welken und Müdewerden der Natur. Theoretisch ist es ohne weiteres verständlich, daß der Maler, der da glaubt, sich und fein Empfinden lediglich durch Farbwerte ganz, zum Ausdruck bringen zu können, auf das Gegenständliche der Darstellung Mehr und mehr verzichtet. Es ist die -Lehre von der „reinen", der „absoluten" Malerei, deren letzte Konsequenz die Buntpapiere des Kandinsky sind. Dieser Kandinsky und die Leute Um ihn herum hüben auf alle Darstellung verzichtet, setzen nur Narbenflecke nebeneinander — UM damit schließlich dem erkenntnis- theoretischen JrrtuM zu erliegen, sich ohne Ausdruck ausdrücken zu tvolleu. K Genau das Gegenteil wollen die Theoretiker des Kubismus. Auch sie wollen hinaus Ü6'er die zufällige Außenseite der Erscheinung. Auch sie erklären, auf der Suche (nach bem1 Wesen aller Dinge zu sein. Hinter allem-, was wir sehen, fühlen und denken', steht eine höhere Ordnung. Ein Wesensgesetz, das wie eine Mathematische Formel alle in der Wirklichkeit vorhandenen Größen umfaßt. Wie Man ja wohl sagen kann, -daß-wir zwar das Gesicht eines Menschen, aber doch niemals seine so viel »wesentlichere- Seele sehen können, so begründen ein Picasso oder Derai n ihre Kuben, Drei- unb Vierecke mit bem Anspruch, in derlei niathe- Matischen Gleichnissen die Wesenheit der Dinge enthüllt zu haben. Vorab schmeckt diese Theorie, so hübsch sie auch klingen mag, doch noch recht stark nach spitzfindiger Sophistik. Wenn Man sich auch frei fühlt von der törichten Einbildung, daß ganz neuartige Aus- drucksMöglichkeiten undenkbar wären, so will doch bie hübscheste Theorie nichts besagen. Nicht die Erläuterungen, die zu einem! Bildwerk gegeben werden können, geben ihm Wert, sondern ganz allein die Macht des Ausdrucks, die selbst den Widerstrebend« zwingt, die den Menschen tief im Innersten bei seinem Menschentum zu packen weiß. Ob es! unter den jungen" solch begnadete Könner geben wird? Es wäre anmaßend, den Propheten zu spielen. Wer toarnm sollte die Frage denn zu verneinen fein? Die deutsche Tracht von RS. Eine große Zeit findet ihren Spiegel auch in der Mode. So haben beim die Freiheitskriege der Tracht allmählich! einen ganz eigenartigen Charakter verliehen, der bem! äußeren Bilde dieser! uns heute wieder so nahegerückten Periode ihren stimmungsvollen Stempel aufprägte. Zunächst machte sich der Geist der Erhebung in Kleinigkeiten bemerkbar, bis er langsam zu einer völligen Reformierung der nationalen Tracht vordrang. 'Die Frauen, bie am Kriege so lebhaften Anteil nahmen, liehen ben patriotischen Bildern, die vor ihrer Seele schwebten, einen bescheidenen ersten Ausdruck in ihren Handarbeiten. Da sah man das „Eiserne Kreuz" in Häkelarbeit an allen passenden Stellen des Kostüms; auf Arbeitsbcuteln und Börsen- erschienen Kosaken, Jäger und Landwehrmänner, bald reitend, bald fntenb, bald mit der Pike zur Schlacht stürmend-. IM Schmuck gaben die deutschen 'Frauen „Gold für-,Eisen";, es entstand eine schlichte und doch eigenartige Zierkunst aus Eise n, bie besonbers durch ben Berliner Medailleur L oos in glücklicher Weise ausgebildet wurde. Hals- und- Uhrketten waren aus schlanken eisernen Ringen zusammengesetzt und daran hingen eiserne Medaillons unb kleine Sieg'es Mü uzen. Diese Münzen, bie sehr beliebt waren unb auch zu Busennadeln und Ohrgehängen verwendet wurden, ließen auf der Vorderseite zumeist die geflügelte Siegesgöttin mit Schwert und Lorbeer sehen mit der Umschrift: „Gott segne die verbündeten Heere"; ans der Rückseite finben sich dann häufig Darstellungen einer Schlacht, eines bestimmten Sieges, der in der Schrift angegeben ist, wie z. B.: „Bei Großbeeren durch ben Kronprinzen von Schweden den 22. Und 23. April 1813" ober „Aucher Katzbach durch Blücher den 26. August 1813", „Bei Leipzig in der Völkerschlacht vom 16. bis 19. Oktober 1813". Viel getragen wurden Ohrgehänge in Gestalt von eisernen Ringen, die- aus zwei gekreuzten, von einem Lorbeerkranz umgebenen Schwertern und einer passenden Inschrift bestanden. Bald bemächtigte sich der kriegerische Zeitgeist nicht nur des. Schmuckes', sondern auch der ganzen Tracht. Der erste Vorllang dieser neuen Mode war die russische Kleidung, bervör- gerufen durch den enthusiastischen Empfang, den man Kosaken 172 intb Russen als dm Befreiern des Landes bereitete. Tse Tarnen schmückten sich bald mit spitzen Baschkirenmüden, die ein breitwogender russischer Foderputz umschattete; sie trugen oben ausgeschnittene russische Tschakos und huldigten der eleganten Erscheinung der östlichen Krieger noch in einer anbereit Weise, indem sie von ihnen — die Schnürbrust wieder übernahmen, die in der antikisierenden Tracht des Empire so streng verpönt gewesen war. Noch stärker verfielen die Männer der slawenfreimdlichen .Stimmung. Sie trugen die „russischen Pantalons", weite lange Hosen, die über den Knöcheln zugebunden wurden, aber gleichwohl mit ihren Bauschen noch den Boden berührten, legten dazu die mit Troddeln geschmückten engen und hohen Suwarow-Stiefel an, bequemten sich sogar zu dem damals höchst fremdartig erscheinenden Vollbart, der mit den hohen Vatermördern wunderlich kontrastierte. Bald erschien auch der lange mit Schnüren besetzte „polnische Rock". Ueberhaupt standen die Herren in der Betonung des neuen Zeitgeistes durch die Tracht hinter den Santen nicht zurück. Sie „Elegants" trugen Westen aus weißem Piqus, auf denen in gelblicher Farbe ein sog. „Vermicelle" prangte. Tiefe Westenverzierung wurde noch dadurch erhöht, daß auf bem Pique die Abbilder von Eisernen Kreuzen erster Klasse in symmetrischer Ordnung zugleich mit den Namm der Trager dieser höchsten Auszeichnung gedruckt waren. Die Frauen trugen ähnliche Garnierungen, bei denen das Luisenkreuz verwendet wurde. .An den Herrenuhrketten aus Eisen- oder Golddraht prangten patriotische Medaillons, auf den Tabakdosen die Brustbilder der siegreichen Feldherren in Eisenguß. Doch all diese Einzelheiten genügten nicht; bald schritt man dazu, eine „teutsche Na- t io naltra cht".zu schaffen. Der romantische Geist, rückwärts .gewandt nach den „alten Ritterzeiten", wollte auch die Kleidung, altdeutsch gestaltm, und so tauchte int Kreise der enthusiastischen Heldenjünglinge, zuerst von den Lützowern. ausgehend, eine der Militäruniform sich nähernde „altteutsche" Tracht auf. Ein samtenes Barett mit schwarzrotgoldener Kokarde und flatternder lieber zierte das Haupt. Der Leibrock von schwarzem Tuch ober Samt, der die Taille betonte und vorn mit Litzen nutz Knebeln geschlossen, wohl auch von einer breiten Schärpe, umwogt I war, ging mindestens bis zum halben Oberschenkel herab. An den Mermeln war er ziemlich weit und gepufft, am Hals mit einer Spitzenkrause versetzen, so daß der Hals entblößt war. Dieser offene Hals, der im! strengen Gegensatz zu den modernen Vatermördern stand, war ebenso wie das langfallende lockige .Haar, das dem sonst üblichen kurz geschnittenen Tituskopf widersprach, das Zeichen der Freiheit und des Deutschtums. Tie engen Hosen mit hohen Reitstiefeln verstärkten noch das Kriegerische, Kraftvolle dieses Kostüms, das später in der Restaurationszeit wohl seine Bedeutung verlor, damals aber als cjin echtes Symbol j der begeistert vaterländischen Stimmung erschien. Und ebenso schufen sich die Frauen ihre Tracht. Wilhelmine | von Chszi und Caroline Pichler forderten eine Volkstracht für deutsche Frauen; Ernst Moritz Arndt trat mit seinem fortreißenden Eifer dafür ein, und so ward denn der Mode das „echt teutsche Fey er kleid" geschenkt, nach dem Vorbild 'der Reformationszeit als eine 'Art Gretchen-Kleid ausgeführt, durchaus schwarz, mit weißen Schlitzen, Puffen, Kragen und Federn, bis auf die Füße fallend und mit schmalem. Gürtel umschlossen. Ueber dem unter der Brust gerade abgeschnittenen, sehr Hoch liegenden Leibchen tvölbte sich ein ritterlich romantischer Stehkragen; über bem! gescheitelten Haar, das hinten in einem schneckenförmig gelegten Neste zusammengenommen war, Hrhol» sich eine faltige Toque mit weißen wallenden Febern. Meses durchaus nicht schöne, aber ernst feierliche Kleid wurde in der Zeit der Befreiungskriege von sehr vielen Frauen angelegt. Um allen diese patriotische Mode zu ermöglichen, brachten findige Kleidermacher Leibchen auf den Markt, durch die jedes Kostüm sofort in ein „altteutsches" umgewandelt werben konnte. Als der Frieden ins Land zog, feierte irtait ihn durch solch ein Kleid aus himmelblauem Saint, und von den Hüten nickten wetzende Pal'menzweige. Selbst die Pariserinnen huldigten auf btefe Werse den verbündeten Heeren. Vermischte». — Neid. „Neid" ist ein allgemein und ausschließlich germanisches Wort; althochdeutsch: nid, mittelhochdeutsch int; vielleicht eines Stammes mit dem lateinischen Zeitwort nitb*— nach I ctma§ eifrig streben. Tatsächlich bedeutete das Wort ursprünglich Anstrengung. Eiter, Wetteiier; so noch im Heliand, dem altsächsischen Gedicht des 9. Jahrhunderts, wo nid der Eiter int Kampfe, oer Liitgeftitnt gegen den Feind, der Kampfgrimm ist. Daraus ent- wtctelte sich die Bedeutung der teindseligen Gesinnung, des Hasses, r r