Donnerstag, den A Oktober O W - Ur. 162 'ft ä » W M *äÄ Bogt rau beiden Sekmidanten zur Seite und winkte auch den beiden Aerzten zu, sich weiter zn entfernen. Die Duellanten standen jeder hinter einem der beiden Säbel und hielten je eme ge- Mdene Pistole in der gesenkten Hand. , . - „Ich werde bis drei zählen", tonte wieder Gotenbergs deutliche Stimme. „Auf das Kommando drei erst dürfen die Herren die Waffen erheben und feuern.", Tell hatte die rechte Schulter soweit vorgenonnnen, daß er nur die Seite seines Körpers zum Ziele bot. Der Freiherr stand mit der ganzen Breite seines hohen Wuchse^ al^ Scheibe da. Beide sahen blaß aus, aber keme Muskel rührte sich an ihnen; in fester, strammer Haltung schauten sie kühl und gefaßt dem Tode ins Angesicht. , - Eins!" kommandierte Gotenberg, „zwei — drei. Zwei Schüsse knallten zu gleicher Zeit. Man sah den hocherhobenen rechtendes Freiherrn der senkrecht über sich in die Luft gefeuert hatte Tells Waffe hatte wagerecht im Anschläge gelegen, seine Kugel hatte dcm linke Ohrläppchen Branks gestreift. Die Aerzte waren hinzugetreten, wuschen die: kleine Wun de, die reichlich blutete, mit dem Schwamm und verklebten ste mit einer Kompresse. Das dauerte ein paar Minuten. „Ich frage die Herren," hob Gotenberg wieder an, „ob sie sich für befriedigt erklären." , ,, f Brank zeigte auf sein bepflastertes Ohr nnd fagw achselzuckend: „Ich kann diese Schramme kaum für erne Verwundung halten; mein Herr Gegner allem hat zu entscheiden^ Die Sekundanten schauten nach dem staatvanwalt, der einen Augenblick zu überlegen schien, dann aber fest erklärte. Ich bestehe auf Fortsetzung des Kampfes. Ich verlange aber, Herr von Brank", fügte er mit etwas verschärfter Stimme hinzu daß Sie auf mich zielen, eine fernere Schonung meiner Person würde ich als einen neuen Schimpf empfinden Der so Angeredete schwieg, indem er erne kaum merklich verneinende Bewegung mit dem verbundenen Haupte machte. Braver Kerl!" brummte er tu den Bart, als er wieder hin ter den Säbel des Rittmeisters trat. _ . , Die Waffen waren aufs neue geladen worden. Dw Duellanten hielten sie in der Hand und harrten letzt, beide ander die volle Brust darbietend, des Kommandos. Scheinbar nn"ein einziger Schuß hatte getönt, aber auf beiden Seiten ringelte sich eine, leichte Rauchwolke tu bte stifte Luft empor. Brank hatte diesmal wagerecht angeschlagen aber unverkennbar ein Meter neben seinem Gegner,vorbeigezielt. Er ließ die Pistole fallen und faßte nach feinem linken Arme, der ihm gelähmt am Leibe hing. Seine linke Hand war von Blut überrieselt, das aus dem Aermel her- voranoll und in kleinen Bächen auf die Erde rann. Tell stand abgewaudt; sein Antlitz war weiß wie Kalk» er unterhielt sich mit Völker, ohne zu wissen, was er sprach. Beide Aerzte waren um den Verwundeten beschäftigt Sie hatten ihn auf einer moosbewachsenen stelle nrederge- setzt, ihm den Rock ausgezogen und den, linken Hemdarmel ausgeschnitten. Die Kugel hatte dle Fleischteile des Unterarmes dicht unter dem Ellbogengelenk durchbohrt. „Eine tüchtige Blutung , sagte emer der Aerzte. „D )Vena mediana cephalica — ich dachte tnirs. Nun, das wollen totr gleich stillen." . . Er nahm aus der Hand seines Kollegen, der Verbandszeug zurecht gelegt hatte, eme Druckkompresse und verband mit derselben das verletzte Blutgefäß. „Ent richtiger Aderlaß!" meldet der zweite Arzt den m banger Erwartung harrenden Sekundanten. Glücklicherweise : feine Knochenfraktur. Ich denke, die Wunde wird Ui kurzer Zeit geheilt sein." E (Fortsetzung folgt.) 647 MgUr, bei Gustav Frenssen, ist die Entwicklung gerade umgekehrt gewesen. Dreißig Jahre lang hat Frenssen, dessen Vorfahren um 1600 herum als große Bauern in der südlichen Marsch saßen, träumend in den dunkel und unbewußt überkommenen Empfindungen uralten Bauerntums gelebt, bis diese eingeborenen Empfindungen und Vorstellungen in dichterischer Form einen ganz merkwürdigen Ausdruck fanden. So verhüllt, so unbewußt, so uu- gewollt vollzieht sich die Dichterwerdung dieses Bauernnachkömmlings, daß es in der deutschen Literatur nicht ihresgleichen gibt. Man braucht nur immer einen Dichter zu nennen: welch bewußte literarische Entwicklung, welch bunte, oft abenteuerliche Jugend, welch ein Aufwachsen Brust au Brust mit dem heißen Leben, welch frühes Sich-Herumschlagen mit allerlei großen Problemen, welch Greifen nach höchsten Kränzen! Bei Gustav Frenssen nichts davon: eine Entwicklung bis zum reifen Mannesalter in vollständiger innerer und äußerer Abgeschlossenheit von allem, was man Welt und Wcltleben nennt, ein vergrübeltes Träumen, ein beinahe schmerzliches Hindämmern. Man kann ihn noch heute durch die Straßen Hamburgs gehen sehen, mit suchenden Augen, in denen immer die gleiche Verwunderung zu lesen ist über die Dinge, die wir Städter und alle Leute, die mit zwanzig Jähre anfangen, Literatur zu machen, als selbstverständlich hinnehmen. Wir sind eben alle mitten aus dem Weitgetriebe herausgewachsen. Gustav Frenssen aber ist ganz von außen an das alles herangetreten, zaghaft, sich wundernd, wie aus einem fremden Traumland kommend, begabt mit einer ganz reinen, köstlichen Naivität, mit einem ganz und gar unverbildeten Verstand, mit einer weitgeöffneten, unbefangenen, unverstörten, empfangsbereiten Seele. Seilt Leben lang hat sich Gustav Frenssen gegen alles rein Wissenschaftliche unb alles rein Aesthetische gewehrt. Er saß zu tief in der alten niedersächsischen Kultur der Bauernvorfahreu, zu tief in der Tatsächlichkeit des Daseins, als daß er sich irgend eine geistige Sache vorstellen konnte ohne Bezug auf den Manschen oder auf rein menschliche Dinge. Die Lateinschule mit ihrem kalten Klassizismus, ihrer strengen Orthodoxie und ihrer Last unfruchtbaren. Wissens schreckte , und verwirrte ihn. Es ist, als hätte sich seine junge Seele instinktiv gegen alles gewehrt, was geeignet war, seinen reinen, unverbildeten Geist zu verwirren und die Urtümlichkeit seiner Kraft zu bedrohen. Er wollte von früh an Menschenleben durchforschen und Menschenseelen ergründen. Was kümmerte ihn da die große Wissenschaft, was ging ihn die große Kunst an? „Ich sehe wohl auch gern allerlei Kunst," sagt Kai Jans in Hiliigenlei, „aber viel mehr als Kunst gilt mir Menjcheu- schicksal!" Als er, in Tübingen, Berlin und Kiel, auf der Universität war, erschien ihm die Arbeit der Professoren und ihre Resultate unglaublich gering. „Ich dachte," schreibt er in einer noch unveröffentlichten Selbstbiographie, „wenn ich aus dem Kolleg herauskam, was ist das gegen die Schönheit eines jungen Mädchens oder gegen eine Ptanderstunde mit einem alten Nachbarn im Heimatdorf!" Es ist ganz seltsam, wie dieser wunderliche, versonnene und vergrübelte Mensch seinen Dichtungen entgegengewachsen ist. Er war mit heißer Freude Pfarrer in Hennstedt und Hemme in Dithmarschen. Denn der Beruf des Pastors schien ihm die wundervolle Möglichkeit zu bieten, sein ganzes inwendiges Leben den Menschen geben zu können und für alles Gute unter ihnen wirksam zu sein. Er hatte den Ehrgeiz, der erste Prediger des Landes zu werden. Er war sich bewußt, weil er selber einfachen Geistes war und tief in den Seelen des Menschen zu grabeu vcrstaud, die Menschen viel tiefer begreifen zu können, als andere Pastoren. Aber sehr bald mußte er erkenneu, daß er innerhalb der engen Kirchlichkeit nicht so frei und weit wirken konnte, wie seine Sehnsucht ging. Er wollte aus der Religion herausschlüpfen — und mußte erkennen, daß er mit dem Glauben, den man ihn gelehrt hatte, und mit seinen Amtshandlungen keine großen Dinge tun konnte. Das schlug ihn tief darnieder. Mühselig quälte er sich schwunglose Predigten ab. Die heiße Freude am Beruf war dahin. Nun versuchte er, sich in einen anderen Beruf hiuüberzuretteu. Er dachte daran, Gärtner zu werden, er wollte Lehrer werden, oder, um ganz ins Große wirken zu können, ein Politiker im Sinne Friedrich Naumanns. Aber zu allem fehlte die Begabung. Besonders zum Politiker. Bis er ganz plötzlich, wie int jähen »Erwachen, erkannte, daß man glauben und predigen dürfe, was man selbst an seinem inneren Menschen erfahren habe, daß man das Bild des Heilandes herauslösen dürfe aus dem Dogmatischen, daß man von ihm reden dürfe wie von einem Menschen. Und nun kommt das frohe und schöne Erkenntnis aus der erwähnten Selbstbiographie: „Ich war entzückt und begeistert von den weiten Bilderreihen, die sich mir auftaten. Ich riß diese große Geschichte an mid) und verarbeitete sie: ich bog sie sicher nach meinem Wesen um; ich malte sie aus. Ich fing nun an, mit Lust an meinen Predigten zu arbeiten. Ich bildete, zeichnete, malte in gold und blau und dunklebraun in der Tiefe, wie am alten ,Holzaltar in der Hemmer Kirche. Es war, als wenn. Feuer und Geist in meine Seele gekommen war. Ich wollte ein großer Prediger, ich wollte Bischof meiner Landeskirche werden. — Indem ich ian den Bildern des Heilandlebens .malte und dabei eine starke Freude faud, als wenn meine Lebenskräfte gestärkt und erhöht wären, kam ich von selbst dazu, diese Freude des Bildeus, die meine Seele ausblühen ließ, diese Begabung, die mir allein das Gefühl gab, mitzuleben und mitleben zu dürfen, auch auf andere Lebensläufe und auf alles Menschenleben auszudehnen. So fing ich an zu erzählen!" So wurde, 32 Jahre alt, bet Dichter Gustav Frenssen geboren. Daß die Erzählung, die er schrieb, der Roman von der „Sandgräfin" etwas mit Kunst zu tun haben könne, dieser Gedanke kam ihm nicht in den Sinn. Was kümmerte ihn die große Literatur! Er wollte etwas schreiben für die Menschen seiner Gemeinde, ein Buch für die Mutter, ein Buch für die Bauern, aber auch ein Buch, das der Landrat in Meldorf lesen könnte. So entstand ein wunderlich romantischer, bunt formulierter Familienblattroman, der gleichwohl hie und da starke dichterische Qualitäten ausweist und mit einem, hohen ethischen Willen vor die Menschen tritt. Erst als Frenssen an feinem zweiten Buch, an den „Drei Getreuen" arbeitete, spurte er, welch ein mächtiges Werkzeug da in seine Seele gelegt war. Nun wagte sich seine Seele hinaus. Nun merkte er mit grenzenlosem Erstaunen, daß er hier auf dem Wege war, auf dem er den Menschen all den Reichtunl seiner Seele viel heißer und tiefer anbieten konnte als in seinen aus noch »so freier Kirche lichkeit gewachsenen Predigten. Nun schilderte er eigene Not und Sehnsucht, nun saß er mit hochfliegenden Gedanken hinter denk kleinen Schreibtisch im Pfarrhaus zu Hemme, schaute weithin über die Marsch und schilderte den Menschen in hohen Bildern Wert und Tiefe des Lebens. Er sprach aus dem Volk f ü r das Volk und suchte mit heißen Augen und brennender Liebe ein neues Land und eine neue Zeit der herzlichen Frischje und der gesunden Natürlichkeit. Er war kein sorgloser Geschichtenerzähler Mehr, bitter ernst rang er unt Volk und Weltanschauung. Mit einer Entschlossenheit sondergleichen verfocht er hohe ethische Ziele, suchte er den großen Zug des Lebens, suchte ihn in den starken, frischen Menschen seiner Heimat. So entstanden in seinen Büchern Männer wie Heim Heide- rieter, wie Andrees Strandiger, wie Jörn Uhl, die, stark im Volkstum, stark im Deutschtum, nach Not und Kampf und Jrrelaufen im kleinen Bezirk treu das Gute wirken. Der sehr starke Erfolg der „Drei Getreuen" — der Roman brachte es vor dem Erscheinen des „Jörn Uhl" auf acht Auflagen — löste alle Kräfte des Dichters. Heiß arbeitete er am „Jörn U h l", es war ein Ackern auf eigenstem Boden. Ans das innigste lebte seine Seele mit den Menschen seines Buches, die ja nichts anderes waren, als. phantasievoll umgestaltete Menschen seiner Umgebung. So mächtig war seine Jllusionskraft, daß es ihm passiette, daß er von dev Arbeit ansstand und ganz versonnen sagte: „Ich will mal zu Heim Heiderieter gehen oder zu Jörn Uhl" — und dann war er, erwachend, bitterlich enttäuscht, daß diese Menschen nur in seiner Phantasie existierten. Der ungeheure Erfolg des „Jörn Uhl" ist noch in aller Erinnerung. Wie ein Sturmwind fuhr in die Seele des deutschen Volkes dies Buch, das nichts Artistisches hatte, ganz und gar Anschauung gewordene Volksseele war und auf die einfachen, reinen und großartigen Verhältnisse des Bauerntums zurückging, aus dem das deutsche Volk gekommen ist. „Mir ist oft," jagte Frenssen einmal, „als wenn ich in einer besonderen Weise in einer tieferen Schicht deutschen Volkes und Wesens wurzle, da unser Volk noch in Höfen und kleinen Dörfern der einfachen Natur nahe lebte',- in einheitlicher, rein deutscher Bildung. Da war nicht allein die Seele, da war auch der Geist zu Hache. Da toaft breites, gegenwärtiges Leben, da war die Stätte starken epischen, deutschen Erlebens." Das starke und reine Deutschtum, der heiße Wille, dem Volke und dem Vaterlande zu dienen, lebt in allen späteren Büchern Gustav Frenssens. S o stark und f o erhitzt von dem mächtigen Trieb, helfen und wirken zu wollen, daß man der Persönlichkeit! des Dichters nur bann gerecht wird, wenn man ihn zunächst als kulturell wirkenden Volksprediger hinnirnrnt. Erst dann dürfen wir bei diesem Menschen, auch der ganzen Art seines Werdeganges nach, die Frage nach dem künstlerisch bildenden Dichter stellen. Frenssen hat in seinen Büchern Bilder und Schilderungen von hinreißender dichterischer Kraft — aber nie schrieb er um der schönen Erzählung willen. Immer trieb ihn eine Not und ein Zorn, eine Sorge: wir lausen in die Irre — und darüber hinaus die blühende Hoffnung: es wird alles gut! Mit welcher Leidenschaft flammt fein Zorn in dem großen Bekenntnisbuch „Hiliigenlei", das vielleicht, ■— man merkt die Rückwirkung des gewaltigen Jörn Uhl-Erfolges — etwas lärmend geworden ist. Aber wir spüren den heißen Atem eines tiefsten ehrlichen, durch und durch ethisch gerichteten Menschen, der sein großes deutsches Volk aus Druck und Dumpfheit befreien, ihm ein heiliges Land der Reinheit und der frischen Natürlichkeit zeigen und geben möchte. Mit welcher ergreifenden Liebe gibt er den Feldzugsbericht Peter Moors, getrieben von der Furcht, der erschütternde Zug der kriegerischen Begebenheiten im fernen Südwest könnte dem deutschen Volke verborgen bleiben und so ein ungeheurer sittlicher Wert verloren gehen. Mit starkem Eifer gibt er in „K lans Hinri ch Baas" in einem Buche das in seiner innerlichen sittlichen Kraft noch längst nicht genug erkannt ist, das Bild eines großen Kaufmannes, der sein Gut und damit das Gut des Vaterlandes in harter, zäher Arbeit mehrt. Und loer die Entwicklung des Dichters aufmerksam verfolgt hat, wird auch im vorläufig letzten Buch, im „Untergang der Anna Hollmann" das tiefste Wesen des Dichters erkennen. Mit einer schönen Ruhe versucht er, die harten Widersprüche des Lebens mit der gütigen Vorsehung eines 648 gnädigen Gottes in Einklang zu bringen. Er zeigt uns den Menschen, der die Kraft findet, in der großen, inneren Freiheit Gott und der Welt gegenüber zu leben. Gott ist da, abjer fern — Gott ist nicht der nahe Vater: er hat den MenschkN die Welt in eigene Verwahrung und Verantwortung gegeben, sie sollen in Freiheit und Natürlichkeit ohne ihn fertig werden. Die Befreiung des Menschen aus seelischer Not, die innere Gröhe seines Volkes, die schön wachsende Krgft seines deutschen Vaterlandes — das alles ist dem Dichter des Jörn Uhl wichtiger als künstlerische Wirkung. Wer daS als Bedingtheit seines Wesens auffassen will, mag's tun. Vor allen, die ihn lieben, steht er mit seinen fünfzig Jähren als ein Volksdichter-, der ohne alles Artistentum, ohne Ehrgeiz nach Ruhm und Berühmtheit, ohne eigentliche Vorbilder ganz airs sich selber und aus seinem Volkstum gewachsen ist. Das, was er künstlerisch bildete, kam — und darin liegt wiederum ein besonderer Wert und eine köstliche Echtheit — n »bewußt auch aus den Tiefen seiner Seele. Was ihn zrim Schaffen treibt, ist einzig und allein der hohe Wille, Wert und Tiefen des Menschendafeins zn öffnen, ein Diener seines Volkes und seines Vaterlandes zu sein. Er traf den Kernpunkt seines Wesens, als er einmal seinen Gegnern, die ihm die Liebe zum Volkstum absprechen wollten, in Kellen Zorn entgegenrief: „Ich habe mitten unter den Menschen meines Volkstums gelebt, mit ihnen gelebt! Meine Neigung ging zu diesen Menschen und mein Temperament! Ich habe mit ihnen geritten, getanzt und getrunken — ich war nie Gymnasiast, nie Student, nie Pastor, nie Dichter — ich war immernurdermitleidendq M en s ch , der auf das Menschliche au § g ing," Die neue Richtung in der herrenmsde. Wohl seit einem Jahrhundert hat England in dem Reich der Männerkleidung eine unbedingte Vorherrschaft ausgeübt. Bri- tanien war und blieb der arbiter elegantiae für jeden, der auf vornehme und moderne Kleidung Wert legte. Wohl hat man öfters versucht, sich dieser Despotie aus dem klassischen Lande der Dandys zu entziehen, aber stets vergeblich. Eine Zeitlang versuchten die Amerikaner eigene Wege zu gehen und fanden auch in der alten Welt Nachahmung, aber dann richtete sich das elegante Jung- Amerika wieder sklavisch nach den Vorschriften der Engländer. Nunmehr scheint sich jedoch endlich ein Umschwung zu vollziehen. Wie ein Aufsatz der „Dame" zu verraten weiß, lassen sich in den neuesten Herbstmodellen der englischen und amerikanischen Hcrren- kleidung deutliche französische Einflüsse verspüren, und Paris entwickelt sich zu dem Zentrum der Eleganz, nach dem nicht nur die Modedamen, wie stets, sondern jetzt auch alle die Nachfolger des großen Brummel ihre Blicke richten. Diese „französische Herrenmode" ist wohl durch einige französische Maler und Zeichner hervorgerufen worden, die der Aesthetik der männlichen Kleidung mit viel Geschmack ihre Aufmerksamkeit znwendetcn und in den von ihnen inszenierten Theaterstücken und Revuen, sowie in ihren Zeichnungen für die Modeblätter und Zeitschriften der ganzen Welt einen bestimmten, rein gallischen Typus des eleganten Herrn ausprägten. Hand in Hand arbeiteten diese Künstler, die Bautet de Monvel, Touraine, Fabiano u. a. mit einzelnen führenden Herren der englischen Gesellschaft, die den neuen Stil, die neue Silhouette lancierten, und so ist heute das Französische zum dernier cri der Herrentracht geworden. Die Richtlinien der neuen Mode zielen darauf hin, der Erscheinung des eleganten Herrn etwas Schlankes, Zierliches, Graziöses, zu verleihen. So wirkt der neue Frack mit der neuen Weste, die nicht mehr in die zwei Spitzen der verflossenen Saison ausläuft, einen spitzen langen Ausschnitt besitzt und mehr Knöpfe hat, als die früher vorgeschriebenen vier. Das Sacko ist eng und hat eine auffallend hohe Taille, wobei die Taschen nicht selten aufgesetzt „sind. Der Rückenschlitz ist bei diesem kurzen Kleidungs- ftttck unnötig geworden. Der Cutaway wird mit einem oder zwei Knöpfen geschlossen und mit schmaler Borte eingefaßt. Auch der Gehrock, der ganz auszusterben drohte, taucht wieder auf. Die Hosen firtb sehr eng und gerade. Als schickster Winterpaletot wird ein im Rücken ziemlich anliegender Chesterfield erscheinen; auch kurze schicke Paletots werden ihre Triumphe feiern, und der schwere Rückengurt ist völlig aufgegeben. Als eigenartiger Abend- ntantel erscheint das weite Cape, zum Frack unbedingt notwendig. Mit ihm rivalisiert der weite schwarze Raglan mit nmonoartigen Äermeln. Die Herbstfarben für Sakkoanzüge sind Dunkelbraun, und besonders Dunkelgrün; der vornehme Winter- tot wird in Blau gehalten fein. Als feschste Krawattenform gilt ^erineierplastron und auch die zweimal um den Hals gefcomngene Ballkrawatte taucht wieder auf. Beim Hut wird man in Dreiem Winter zu den ein wenig geschweiften Krempen zurück- kehren; neben dem so beliebten weichen rauhhaarigen Filzhut steht noch immer der Zylinder, Stiefel und Schuhe haben sich von den log. amerikanischen Formen völlig emanzipiert; sie sind lang und haben medrrge Absätze, so daß sie sehr flach wirken und für die große Attraktron des Salons, den Tango, besonders geeignet sind. . Vermischte». kf. Kochschulen für Männer. In London ist soeben mit großem Pomp der Kongreß der weiblichen Arbeiter abgehalten worden. Die Reden gingen unaufhörlich wie Landregen nieder. Alte und neue Weisheiten des Frauenftimnirechts wurden verschwenderisch verzapft. Besonderen Erfolg hatte Fräulein Dr. Mary Murdoch, die sich eingehend mit dem Manne im zukünftigen Frauenstaate beschäftigte. Der Mann muß viel mehr als bisher im Hause arbeiten. Er muß sich den Arbeiten, die bisher die alleinigen Lasten der Frau gewesen sind, unterziehen; er muß über alle Schwierigkeiten und Unberechenbarkeiten der weiblichenPsychelunter- richtet werden. Was aber in erster Linie gefordert werden muß, sind : Unterrichtskurse in der Kindererziehung für Männer und obligatorische Kochkurse für Männer. Tie Männer müssen mit allen Lehren der Hygiene, der eugenischen Wissenschaft, des Malthusianismus, der Kinderpflege, der weiblichen Hand- und Hausarbeiten — ganz besonders aber der Kochkunst bekannt gemacht werden. Der Mann gehört in die Küche und nicht die Frau. Seine kräftigere Natur erträgt die Küchenatmosphäre, die Hitze, den Rauch und die schlechten Düfte (I) besser, als die -zartere Frau. Ihre ganze Kraft muß für die Aufzucht einer gesunden, kräftigen Rasse aufgespart werden. Dies alles ist schön und gut und steht über jeden Einwand erhaben. Vielleicht wären die überspanntesten weiblichen Suffragetten von ihrer Seuche zu kurieren, wenn sie einmal einige Wochen lang das Futter aus einer solchen von ihnen geplanten Männerkochschule beziehen müßten. * D i e Sch w'i e r i g t e i t d e r deutschen Sprache. Haben die Ausländer recht, wenn sie das Deutsche als eine schwere Sprache bezeichnen? Fast scheint es so, wenn man sieht, wie schweres dem — Deutschen wird, Deutsch zu reden. Wir meinen natürlich nicht das übliche Kauderwelsch, bei dem uns in jedem Satze einige Wörter aus fremden Sprachen entgegenklingen — dieses traurige Erbe aus den Zeiten bewußter Verleugnung deutschen Wesens kann bloß Gedankenlosigkeit als „Deutsch" bezeichnen — sondern ein reines, unverfälschtes Deutsch, das nur die wenigen Fremdwörter duldet, für die ein guter deutscher Ersatz fehlt. Ja, es mutz wirklich schwer sein, reines Deutsch zn sprechen und zu schreiben, denn selbst solche, die den guten Willen dazu haben, suchen ost vergebens nach dem passenden Wort, oder sie bilden in ihrem gutgemeinten Eifer die ungeschicktesten Verdeutschungen und geben dadurch dem Gegner einer gesunden Sprachreinigung nur neue Waffen in die Hand. Und doch gibt e§ einen Weg zu dem Ziele. Was man uns einst im Sprachunterricht so oft gesagt hat, — wir sollten, wenn wir die fremde Sprache sprechen wollten, auch von vornherein darin denken —, das gilt auch hier: D e n k e d e n t s ch, bau» f a n n ft b it auch deutsch reden. Dazu kommt ein zweites: Habe Liebe zu deiner Muttersprachei Oder sollte der Liebe, wirklicher, echter Liebe zu dem Besten, was unser Volk besitzt, die Ueberwindung von Schwierigkeiten schwerer fallen als dem Streben, vorwärts zu kommen, das alljährlich Tausende befähigt, sich allerlei fremde Sprachen anzueignen? Ist das Ziel, die Muttersprache gut zu sprechen, weniger der Mühe wert, als die Erlernung eines reinen Französisch ober Englisch? Und ein drittes tut not: Festes Vertrauen auf die Möglichkeit des Gelingens. Wer das gewonnen hat, der wird nicht, wie die andern, bei den ersten Hemmnissen die Flinte ins Korn werfen, sondern so lange weiter ringen, bis er am Ziele ist. O, ihr Deutschen, es gilt die sprachliche Wiedergeburt unseres seit Jahrhunderten dem Fremden zugewandten Volkes, es gilt, die verborgenen Kräfte, die im Gebrauch einer reinen, unvermischten Sprache liegen, aufs neue zu erschließen und unserem Volke nutzbar zu machen! Was kann, was darf euch hindern, tätige Mitarbeiter an der Erreichrmg dieses hohen Zieles zu werden? Deutsches Denken, deutsches Wort — Deutschen Volkes bester Hort! R. Palleske (Landeshut i. Schl.). __Magisches 3ah!enqua-rat. In die Felder nebenstehenden Quadrats ———------ sollen die Ziffern 15 134 245 338 ---------— viermal derart eingetragen werden, daß die Summe der Zahlen in jeder der senkrechten, | wagerechten und Tiagonalreihen stets 732 I__________ beträgt. Auflösung in nächster Nümmer. Auflösung der Skat-Ausgabe in voriger Nummer: (Mit a, b, c, d werden die vier Farben bezeichnet; A — Atz, ü = Unter, Bube, Wenzel; D — Dame, Ober.) Mittelhand erhielt bü, aA, aZ, aD, a9, aö, a7, bA, cA, dA, tut Skat lag b8 und b7; Hinterhand bekam die übrigen. Spielgang: 1. V. aU 3)i. bU H. d8. 2. V. dD M. dA H. d9 — 14. 3. SOL aA H. aK V. dU. 4. V. b9 M.bä H. bK = — 15. Der Spieler braucht jetzt irichts weiter abzugebeir; inithin sind die Gegner Schneider geworden. Redaktion: K. R e « r a t ü. — Rotationsdruck und Verlaa der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R, Lange, Gießen»