■,/w’ry f! lifaä wi k MMW biL5fS^sa> MWW MTZFM M Ä |j || Die Llsmmenzeichen rauchen. Roman aus dein Jahre 1813 von Miax Karl Böttcher-Chemnitz. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Werner war unterdessen zu einem Marketender gegangen, um Papier zu kaufen, da er am Vorabend der ersten Schlacht noch einen Gruß, vielleicht den letzten, nach der Heimat senden wollte. Diese Zeit benutzte Wintzer, den Kries zu lesen. Der alte Etzinger schrieb: „Mein bester Junge! Noch immer keine Nachricht vom Feind! Die Sache dauert mir zu lange. Dreinhauen, zum Donner, dreinhauen! Warum fangen Eure Heerführer nicht an? Soll die Begeisterung erst wieder verfliegen? Wie mag Dir's iin .Felde ergehen und wie nnserm Schulmeister und dem lieben, verehrten Junker Werner und Euch allen aus uuserm Dorfe? Hier in Heidehorst sieht cs gar schlecht aus. Die Burschen sind alle fort, die Arbeit stockt, kein Geld im Hause, und der alte Freiherr schwer krank. Im Schloß "sitzt schon die neue Herrschaft! Du, wenn Du im Felde etwa mit französischen Leibhartschieren zusammentriffst, hau doppelt zu, vielleicht erschlägst du den Leutnant Emil von Bourgee, das ist der Besitzer von Heidehorst. Nur weil es der alte Freiherr will, dulden wir die Gesellschaft im Dorfe, sonst hätten wir sie längst zum Teufel gejagt. Und nun das schlimmste. Der Erbjunker Lint- hardt sitzt mit im Schloß! und will das Schloß ertrotzen. Bomben und Granaten, daß ein Mensch so aus der Art schlagen kann! Der alte Freiherr weiß noch nichts, es wäre fein Tod, aber in den adligen Kreisen der Umgegend spricht man viel davon, und fast täglich kommen Äuf- sagen der Freunde und Bekannten des Barons. Doch der Herr Pfarrer Tempel nimmt alle diese Sachen in Empfang und verheimlicht sie dem Freiherrn, weil er für sein Leben fürchtet. Baroneß Gisela, die allnächtlich an das Schloß schleicht, weil sie hofft, den Erbjunker einmal zu treffen, leidet furchtbar unter dieser Schande. Nun aber Schluß! Donnerwetter, Junge, soviel habe ich m meinem ganzen Leben noch nicht geschrieben. Seit 'drei Stunden sitze ich hier im Gemeindeamt bei nnserm Schultheißen und schwitze an diesem Brief. Ich bin nämlich jetzt Nachtwächter für Traugott Jmmerfroh, den Du, bitte, von mir grüßen kannst. Ich täte seine Sache fein versorgen. Dich aber grüßt am meisten Drin alter guter Vater." Paul Wintzer gab den Brief erschüttert an Etzinger zurück und bat den Landsmann, feinem Menschen, vor allem aber dem Junker nichts von den trüben Ereignissen in der Heimat zu sagen. Was Wintzer vorhin geahnt hatte, daß Graf Egbert von Singen durch irgend jemand, vielleicht in einem Quartier auf irgend einem Herrschaftssitz, von dem Verrat Erbjunkers Linthardt von Altenlohe erfahren hatte, war ihm nun zur Gewißheit geworden, und in ihren beleidigten Baterlandsgefühlen ließen sie den Vater und den Bruder die Schande des Erbjunkers entgelten. Unendliches Mitgefühl mit dem Freunde befiel den Schullehrer, und er befürchtete, daß für Werner durch Linthardts Verrat an der großen, heiligen Sache der Vaterlandsbefreiung noch manche schwere Stunde kommen würde, ivenn nicht ein ruhmvoller Heldentod in den werdenden Schlachten ihn davon erlöste. Werner kam vom Marketender zurück und ibollte eben am Wachtfeuer beginnen, zu schreiben, da tönte Alarm durch das Lager. Sie eilten an ihren Sammelplatz, und wenige Minuten später ging es in die Nacht hinaus. Werner von Altenlohs und Paul Wintzer marschierten Seite an Seite. Es war ein stiller, unheimlicher Marsch. Lange, schweigende Kolonnen stolperten mehr, als sie liefen auf den schlechten Straßen in stockfinsterer Nacht durch den Föhrenwald. Nur ab und Zu tönte ein leiser Kommandoruf, wohl auch ein Fluch, ivenn einer strauchelte oder anstiest sonst nur das gleichmäßige, dumpfe Stampfen von Tausenden von Männerfüßen und das schwache Klirren von Waffen. Schattenhaft huschten Reiter und Qrdonnanzen am Rande der Straße dahin, dann stockte wiederum der ganze Zug. An der Spitze sammelten sich die Führer bei schwachem Laternenschimmer und berieten über den weitern Vormarsch oder studierten die wenigen schlechten Karten oder besprachen sich mit den aus den Dörfern mitgenommenen einheimischen Führern. Dazu ertönte von ganz, ganz fern ein dumpfes Rollen: Das erste Geschützfeuer! — Da zuckte Wohl der eine und der andre zusammen^ Die Tatsache, daß hinter den Morgennebeln, die sich allgemach durch die Föhren spannen, der gierige Tod lauerte, mochte sie nachi- i)entlief) stimmen. Endlich, endlich lichtete sich der Wald. Frische, kräftige Erdluft lastete über den Feldern, und von den schwachen Hügeln in weiter Ferne huschten die ersten Sonnenstrahlen nieder in die Heide, und mit ihnen blitzten drüben die ersten Schüsse auf. Es begann ein Wettlaufen zwischen Pulverblitz und Sonnenglanz/ und die Kanonendonner rollten langsam, mit majestätischer Ruhe und Gewalt über die Ebene, und dumpf erdröhnten die Erdschollen unter dem Tritt der Truppen. Jetzt standen die Kolonnen. Adjutanten rasten an dem Waldrande dahin, Kommandos ertönten, und dann ging es über die Ebene, dem weitaus stärkeren Feinde entgegen. Altenlohes und Wintzcrs Kompanie kämpfte fast am rechten Flügel. Die feindlichen Führer hatten einen Umgehungs- verfuch "gewagt, und der ganze Druck des Kampfes lastete nun auf der rechten Flanke. 366 In breiten Reihen gingen sie vor. Werner, der von Wintzer getrennt worden war, sprang wieder in dessen Nähe rind dann dicht an seine Seite. Ein Hagel von feind- ichen Geschossen fiel über sie her, aber die Franzosen chossen schlecht. In der Nähe der beiden Freunde fiel vorerst 'einer, nur Erbstücke und kleines Gestein, von den Kugeln aufgewühlt, sprangen ihnen in das Gesicht. Da kam ein Sausen durch die Luft, schrill und pfeifend, und daun fuhr, zehn Schritt von ihnen, ein Rieseuklumpen in die Erde, und ein Loch starrte ihnen entgegen, und ein Hagel Von Erdfetzen und Steinen überflutete sie, dann ein Krach, :--ein wildes Feuersprühen, eilt gräßliches Schreien aus einem Dutzend Männerkehlen und dann blutige Flecke auf der grünen Heide. „Vorwärts! — Vorwärts!!" ertönte es aus den Hintern Reihen. Und maschinenmäßig, ohne Willen des Geistess, schritten sie weiter, noch erfüllt von dem, was sie vor wenigen Augenblicken geschaut hatten. Werner blickte sich scheu unr und rannte dann vorwärts. Er wagte nicht, nach links zu schauen, wo vorhin der Freund noch marschierte, er wagte es nicht. Wenn er nicht mehr da war, der Freund, — wenn er mit dort "lag, im Blute sich wälzend und zerrissen wie die andern! — Wenn er . . . „Werner!" ertönte da eine Stimme an seiner Seite, schwach und heiser. Werner nickte nur und vermied, den Freund anzusehen, als fürchte er, daß der andre sehen könne, was seine Seele erfaßt. Aber er atmete auf, ihm war es jetzt freier und Wohler, da die ersten Geschosse ihm den liebsten Freund noch gelassen hatten. Und nun lagen sie im Lehm. Eine Lerche flatterte scheu und iah gen Himmel, aber das war kein Morgengesang, lieblich und schön, der.ihrer Kehle entströmte. Und wieder fuhr eine feurige Kugel in die Erde und wühlte und mordete, und jetzt tauchten drüben am Feldrain Kohlköpfe auf, eine lange, lange Reihe, und dahinter wieder welche und noch mehr. „Feuern! Feuern !" kamen die Befehle von allen Seiten. „Wer wohin denn?" „Auf chen denn?" „Zum Teufel, wohin Ihr wollt! Aber trefft, trefft, Kameraden!" Und die Kohlköpfe drüben wuchsen und wuchsen und und trugen jetzt eine glänzende Kappe und bekamen Beine und liefen ihnen entgegen. „Auf, haut sie, — Kinder, haut sie!" lief ein Befehl eines humorvollen Offiziers durch die Reihen, und nun ging ein Rennen los, ein Rennen! „Was stolpert Ihr denn? — Zum Kuckuck, seht Ihr denn die Gräben nicht?" rief Werner von Altenlohe. — Wer da traf ihn ein Mick eines Gestolperten, ein Blick aus brechendem.Auge, und er wußte, den hat der Tod zu Fall Mracht. — Und jetzt hieb ihm eine unsichtbare Hand den Helm vom Kohf, aber er achtete dessen nicht. Dann wurde ihm warm Und heiß auf der Stirn und Wange; er griff hin und hatte eine blutige Hand. Da lachte er auf und nickte dem Freunde hu, der Noch immer, den Blick starr vorwärts gerichtet, an seiner Seite rannte. Jetzt sagte Wintzer etwas, aber der Geschützdonner fraß seins Worte auf und das Pfeifen der Flintenkugeln klang wie schrilles Höhngelächter. Nun waren sie dem Feinde ganz nahe, nicht hundert Schritt mehr, so daß sie die Gesichter erkennen konnten. Sie blieben stehen, erschöpft und breitbeinig, und holten Atem und luden ihre Flinten wieder und schossen abermals in die Reihen der Feinde. Hann sprangen sie vor und schrien in Kampfgier, und die drüben kamen ihnen entgegen und schossen und schossen. ’ ,M)as verfluchte Laden!" schrie Werner und drehte ferne Flinte um, und seine Nachbarn taten dasselbe, und nun standen sie Brust an Brust und schlugen mit Keulen um sich und die zerschlagenen Knochen knirschten und krachertd barsten Menschenschädel, unb' wo noch eben frisches, pulsendes Leben stand, lag jetzt blutiger, grausiger Tod. Der erste Sieg nach langer, langer Zeit! . — Und noch dazu gegen eine erdrückende Uebermacht. — Also geschehen am 5. April 1813 bei Möckern im Kreise Magdeburg.. 6. Teil. Am Abend desselben Tages sprengten drei Reiter in Heidehorst ein. Einer ritt nach dem Schloß, einer fragte nach dem Schultheiß und der dritte nach dem Pfarrer. Der erste, der in den Schloßhof einritt, fand im großen Hof einen Menschenhaufen. Sie schrien und zeigten nach dem Altan hin, auf dem ein junger Mann stand und anscheinend reden wollte, aber vor Lärm nicht zu Worte kam. Es war Linthardt von Altenlohe, der Erbjunker. Wie ein Einsiedler hatte er die letzten Wochen gelebt, kärglich und in steter Sorge. Sein Diener Anatole, der versucht hatte, im Dorfe für seinen Herrn und sich Nahrungsmittel ein- zutäufen, war mit Hohnlachen und Bedrohung abgewiesen worden und mußte nun alle Mei Tage in ein weit entferntes Dorf pilgern, wo niemand ihn und seinen Herrn kannte, um das Nötigste zu besorgen. Linthardt lebte, einem Gefangenen gleich, auf seinen beiden Zimmern. Mit Frau von Bourgee und Toinette war er seit dem Abend seiner Ankunft nicht wieder zusammen-- gekommen. Durch Anatole hatte er den Damen mitteilen lassen, daß er ihre Besitzergreifung vom Schloß zu Unrecht geschehen betrachte und sie ersucht, Heidehorst zu verlassen. Aber Frau von Bourgee ließ erwidern, daß sie nicht daran denke, zu weichen, da sie oder vielmehr ihr im im Felde stehender Sohn Emil laut Testament und Eheklausel die rechtmäßigen Besitzer von Heidehorst seien. Es war also offene Feindschaft ausgebrochen. Linthardt hatte kein Mittel, die Damen aus dem Schloß zu bringen, wenn er nicht Gewalt brauchen wollte. So lebten die beiden „Schloßbesitzer" nebeneinander in dem weiten, öden Hause; sie vermieden, sich zu begegnen, und erwarteten von der Zukunft, vor allem vom Ausfall des Krieges, Klärung der Dinge. In den Dorfbewohnern war aber die Empörung Und Erbitterung über des Erb- junkers Verrat an der vaterländischen Sache immer und immer gewachsen, angeschürt durch die Freunde der Nachbardörfer und umliegenden Herrensitze, nicht zuletzt auch durch die Freundschaftsaufsagen der adligen Herrschaften der Umgebung an die Familie Altenlohe, von denen freilich der alte Freiherr noch immer nichts wußte. Einige Hitzköpfe hatten sich durch ihre Begeisterung für die große vaterländische Sache soweit hinreißen lassen, zu versuchen, den Erbjnnker mit Gewalt zu zwingen, Schloß und Heimat zu verlassen. Der erbittertste Feind Linthardts war' der alte Hof- und Schloßschmied Johann Schwind, der wie Etzinger Invalide war und im Dorfe als hochgeachtete Persönlichkeit eine mächtige Stimme führte. Er sammelte seine Freunde um sich und rückte mit ihnen zwei Tage nach dem Gefecht bei Möckern in den Schloßhvf. (Fortsetzung folgt.) Der Mchüing. Skizze von K. T e v i e. Nach dem Englischen von Käte F r e l l e r (Kassel). ' . Nach der Hochzeit mietete Mr. Kepsy eine prachtvolle Billa m Skarbor am Hudson. Das Haus war mit großem Luxus ausgestattet, und Mr. Kepsy mietet es mit allen Möbeln und einem Teil der Dienerschaft. Die Villa stand auf einer Anhöhe, von drer Seiten durch einen großen Park umgeben, dessen Hauptretz em See war. Hinter der Villa führte die große Landstraße nach Albany. Das junge Paar war vollständig fremd in Skarbor — sie rannten niemanden, und niemand kannte sie, d. h. es wäre richtiger zu sagen, sie kannten die Familie Banworden nicht, und wenn man in Skarbor wohnte und die Vanwordens nicht kannte, so existierte man für Skarbor überhaupt nicht. Schon seit der Zeit Henry Hudsons lag das Besitztum der Vauworden am Fluße, und seit dieser Zeit sahen auch alle Vauwordeu auf widere Sterbliche vyn oben herab, ausgenommen vielleicht Harry Banworden, der etgentlich nur im Turfklub von New York lMe. Die Zeitungen berichteten fast täglich von ihm. Entweder hatte er es nut dem Gericht zu tun, wegen zu schnellem Fahrest fttu (erneut Automobil, oder sie berichteten von seinen gefähr- lichen Jagden oder seinen Siegen im Polospiel. . , „Wie gut wäre es, wenn du auch Jäger wärst, oder anstatt Golf, Polo frieren könntest," sagte Mrs. Kepsy, die sich zu langweilen anstng, „du könntest dich seinen Schwestern vor- tzellen, und wir wären gleich mit allen hier bekannt.." 367 Sie saßen auf der Terrasse Mer dem See, in dein Forellen gezüchtet wurden, die aber von italienischen Arbeitern fast alle aufgegessen wurden, was Mrs. Kepsy beständig erregte. „Das Bewußtsein, daß unser Haus von verdächtigen Leuten umgeben ist, und daß nur wenige Meilen von hier, in Sing- Sing, Tausende von Verbrechern leben, von denen jeden Augenblick einer davonlaufen und dann vielleicht sich in unser Haus einschleichen könnte — — macht mich- . . . „Noch nie hat sich jemand in das Haus geschlichen, das weiß ich," unterbrach sie ihr Gatte, „und ich wäre eigentlich gar nicht abgeneigt, mir einmal einen Verbrecher in der Nähe anzusehen. Und ist es denn wirklich, ein Unglück, Vanny, daß wir hier niemanden kennen? Können wir wohl irgendwo glücklicher sein?" fuhr Fredy Kepsy fort. .„Hier, ist es so still, so friedlich!" Aber, wie zum Spott, wurde die Stille von den durchdringenden Tönen einer Sirene unterbrochen. Es lag etwas Furchtbares, Anklagendes in diesen Tönen — dann aber trat wieder tiefe Stille ein. Nach einigen Sekunden aber durchschnitten wieder zwei scharfe Pfiffe die Luft, gleichsam als Antwort auf das Signal. Und dann ertönte wieder die Sirene, befehlend, eindringlich, schrecklich, wie ein Schrer lang unterdrückter Wut. „Mein Gott! Was kann das bedeuten?" rief Fredy. Aus dem Hanse kam der Hofmeister und sagte in demselben Tone, in dein er sonst meldete, daß das Diner serviert sei: „Aus Sing-Sing ist ein Verbrecher entflohen, Sir. Ich dachte, Sie würden vielleicht das Signal nicht verstehen, und für Mrs. Kepsy wäre es besser, ins Hans zu gehen." „Warum?" fragte Vanny. „Das Haus steht so nahe an der Straße," erklärte höflich der Haushofmeister, „und hier sind so viele Bäume und Sträucher .... voriges Jahr versteckten sich hier zwei und wurden auch hier von den Aufsehern ergriffen." Fredy nahm den Arm seiner Frau. „Es ist Zeit, sich zum Tiner anzulleiden, Vanny," sagte er. „Und was wirst du machen?" „Ich werde hier meine Zigarre zu Ende rauchen, was nicht lange dauern wird. Geh nur, ich komme sofort auch ins Haus." Wer Vanny zögerte noch, denn jetzt ertönte wieder der schreckliche Schrei, als wolle er alles durchdringen. Vanny erbebte und hielt sich die Ohren zu. „Oh, möchten sie doch aufhören! Wenn der Verbrecher doch entkäme!" murmelte sie, und ging ins Haus. Fredy rückte den Korbsessel näher an das Gitter. Der Mond beleuchtete die Gipfel der Bäume, und alles warf eigentümliche Schatten. Fredy sah unverwandt auf den See. Hier irgendwo in der Nähe verbarg sich der Verbrecher — vielleicht ein Mörder — ünd das Gefängnis, das er verlassen, verkündete mit schrecklichen Schreien sein Recht auf ihü, auf sein Leben. Alle hörten diese Erklärung: die Farmer, die ihr Vieh auf den Weiden hatten, die Menschen, die beim Scheine verschiedenfarbiger Lämpchen im Garten des Klubs saßen, die Städter, die in ihren prachtvollen Automobilen auf der Straße nach Albany spazieren fuhren. Wohin sich der Verbrecher auch wenden würde, immer würde ihn dieser Ton verfolgen, der seine Rückkehr forderte, der in jedem den Wunsch erweckte, an dieser schrecklichen Menschenjagd teilzunehmen. „Findet ihn!" schrie 'die Sirene, „er ist "hier. Er hat sich hier verborgen. Dieser Schatten ist sein Schatten. Hört ihr nicht das Laub unter seinen Füßen rascheln? Haltet ihn! Denn er ist mein!" Aber dort, hinter den grauen Mauern, woher die Sirene tönte, verwünschten Tausende ihre Töne. Dort zitterte jeder vor Freude und drückte sich an das Eisengitter und sürchtete den wiederzusehen, der so teuer den Augenblick der Freiheit bezahlen würde, wenn man ihn festbekam. -Alle Gedanken Fredy Kepsys waren bei dem Sträfling. Wenn nun dieser Mensch jetzt vor ihm erschiene und ihn um Hilfe bitten lvürde, was würde er wohl tun? Wer er wußte ja ganz genau, was er machen würde, und überlegte nur, wie er ihm helfen könnte. Die ethische Seite dieser Frage berührte Fredy nicht, und an seine Verantwortung der Gesellschaft gegenüber, dachte er nicht. Er erinnerte sich nur, daß man ihm gesagt hatte, es fei von sechstausend nur einem Menschen gelungen, aus Sing- Sing ju_ flüchten, ohne wieder ergriffen worden zu sein, und deshalb sah Fredy auf diese Flucht auch als Sportsmann. Ein Mensch, der so viele Hindernisse überwand, erregte seine Bewunderung. Nachdem Fredy fest entschlossen war, dem Verbrecher zu helfen, dachte er darüber nach, was er wohl an dessen Stelle machen würde. Natürlich würde er zuerst versuchen, sich seiner verräterischen Kleidung zu entledigen. Aber ein Mensch ganz ohne Kleidung würde vielleicht noch mehr Mißtrauen erwecken, als der grau» und rotgestreifte Sträflingsanzug. Aber woher einen Anzug bekommen? Er könnte ihn von einem Vorübergehenden nehmen, wenn dieser nicht davonlief oder sich stärker als er §cwies. Er konnte auch durch Drohungen von einem Farmer Kleidung erhalten.... Mer nicht etue dieser Ideen befriedigte Fredy. Wahren« br.Nch. diese Frage immer wieder vorlegte, trat aus dem Ge- bu,ch ein nackter Mensch — er war nicht vollständig nackt, da flch mit einem Stück Zeug zu drapieren, in dem Fredy chas Segeltuch semes Bootes erkannte. Aber außerdem hatte, der Mensch Nichts an. Er schien ungefähr in gleichem Alter mit Fredy zu fein, sein Haar war kurz geschnitten, sein Gesicht glatt rasiert Das Wasser tropfte von ihm, und er Zitterte vor Kalte und vor Angst. Fredy war erstaunt, daß er sich über das Kommen dieses Menicheii gar nicht verwunderte, ihm schien cs, als hätte er die ganze Zeit auf ihn gewartet. Er fürchtete nur zweierlei: daß seine Frau kommen könnte oder daß dieser Mensch, der doch von seinen freundlichen Absichten wußte, ihn ermorden wurde. Aber der Mensch rührte sich nicht von der Stelle, und sie sahen sich lchweigend an. Endlich, sich bemühend seine Stimme fester klingen zu machen, sagte der Fremde, dessen Zähne auf» cinanderschlugen: ar la^ete in Ihrem See und sie — sie stahlen mir meine Kleider. Daher erscheine ich so." Fredy ärgerte sich. Wie einfach und prosaisch erschienen ihm alle semc Ideen, sich der Kleidung zu entledigen. Wer wenn er innerlich ihm Beifall zollte, äußerlich niußte er zeigen, daß er nicht so leicht zu täuschen war. „Der Abend ist eigentlich etwas kühl, um zu baden," sagte er. Ein Anfall von Schüttelfrost zeigte deutlicher als Worte, daß der Verbrecher über diesen Punkt mit ihm einer Meinung war. „Es galt eine Wette." , sagte Fredy, immer entzückter von der Phantasie des Flüchtlings. . „Also Sie sind nicht allein?" „Jetzt bin ich allein — der Teufel hole die anderen," sagte der Mann im Segeltuch. „Wir sahen von der Straße, wie Sie hier mit einer Dame saßen, das Licht aus den Fenstern fiel auf Sie, und da wetteten sie, daß ich nicht wagen würde, in Ihrer Gegenwart über den See zu schwimmen. Wer alles war von ihnen verabredet, denn vom Wasser aus sah ich, wie sie meine Kleider ergriffen, und als ich das Ufer erreichte, waren sie mit dem Automobil verschwunden." Fredy lächelte aufmunternd. „Also Sie fuhren bei Mondschein spazieren?" , Der Fremde nickte bestätigend. Er wollte etwas sagen, da ertönte aber wieder das furchtbare Geheul der Sirene. Der Flüchtling stieß einen .Fluch aus und versuchte, sich fester in das Segeltuch zu Hullen, seine ünruhigen, flehenden Augen sahen auf 'Fredy. „Könnten Sie mir keine Kleidung geben?" fragte er. „Nur für heute — bann sende ich sie Ihnen zurück. Ich wohne hier in der Nähe." , Fredy erbebte und sah ihn durchdringend an. Unter diesem Blick wurde der junge Mann befangen und fuhr schon weniger sicher fort: „Ich nehme es Ihnen nicht übel, wenn Sie mir nicht glauben, aber ich wohne wirklich nicht weit von hier und mich kennen hier alle; vielleicht haben Sie in den Zeitungen von mir gelesen... Mein Name ist Vanworden. . . Sie haben wohl von mir gehört . . . Harry Vanworden." > . Auf dem Gesicht Fredys erschien ein gütiges Lächeln voll Mitgefühl, und er fühlte, daß er nicht imstande war, weitere Erfindungen seines Gastes zu erzwingen. „Mem Lieber — Sie sind mehr als Banworden — Sie sind ein Genie." Er erhob sich mit einer einladenden Bewegung ihm zu folgen. „Hier z!u bleiben, ist nicht ganz ungefährlich für uns beide," sagte er, „kommen Sie mit mir, ich werde Ihnen Kleidung geben und werde Sie dorthin schicken, wohin Sie zu fahren wünschen." Er wandte sich um und fügte leise hinzu: „Lassen Sie aber einmal von sich hören... ein Mensch mit Ihren Nerven interessiert mich." Tie Tür aus der Bibliothek führte in ein kleines Zimmer, in dem sich Mäntel, Jacken und alles befand, was man für Croguct, Golf, Automobilfahrten und Segelsport gebrauchte. Nachf- dem er sich überall vorsichtig umgesehen hatte, ob nicht Dienerschaft in der Nähe sei, trat Fredy auf den Fußspitzen in das Zimmer und zündete das elektrische Licht art. Ihm folgte der Manw int Segeltuch, hinter sich einen langen nassen Streifen lassend. Fredy zeigte auf die Kleider. „Ziehen Sie den Automobilmantel an, ich werde gehen und alles holen, !vas Sie brauchen. Sollte jedoch jemand von der Dienerschaft kommen, verlieren Sie nicht den Kopf, sagen Sie, Sie warten auf mich, Mr. Kepsy, ich bin gleich wieder ba," Oben in seinem Zimmer nahm Fredy aus seinem Schrank eintit blauen Anzug, ein Tennishemd, Stiefel und eine Krawatte. Tann nahm et ans seinem Schreibtisch hundert Dollar und steckte das Geld in die Tasche der Hose, die für den Flüchtling bestimmt war. Er lief rasch mit den Sachen die Treppe hinab, öffnete die Tür des Zimmers und reichte dem Fremden die Sachen. „Kommen Sie nicht heraus, bevor ich nicht anklvpfe, und auf keinen Fall, bevor Sie vollständig angekleidet sind." Fredy klittgelte Greedlh und befahl das Automobil, er wolle in einigen Minuten ausfahren. Ms der Hausmeister gegangen war. — 368 — e. „Und befehlen Sie, Geld." öffnete Fredy das Zimmer und sah, iure der Fremde sich sorg- fältig vor dein Spiegel die Krawatte band. „Rascher!" flüsterte Fredy, „das Auto ist gleich vor der Tur. Wohin wollen Sie fahren?" „Nach Nero Vork," tagt rasch zu fahren. Hier in de „Es ist für Sie." „Sie haben Recht!" rief der Flüchtling gerührt — „ach werde es Ihnen nie vergessen. Ich sende es natürlich mit den Kleidern zurück." . , .,. ~ rr Vor der Tür hielt das Automobil. Fredy trat aus die Terrasse, wo ihn sein Chauffeur James erwartete, auf den er sich vollkommen verlassen konnte, da er ihn von frühester Jugend auf fährst einen Mann nach Neuyork," sagte er, „oder wohin er will. Sprich nicht mit ihm, und stelle feine Fragen, dann kannst du wenigstens sagen, du weißt von nichts, wenn man dich später ausfragen sollte." Der Chauffeur nickte und ging die Treppe herunter, aber er war noch nicht unten, als wieder das Gebrüll der Serene ertönte, noch nicht befriedigt, ihr Opfer zurückfordernd. James zuckte zusammen und sah Fredy, an. , . „Stelle keine Fragen!" wiederholte dieser. In diesem Augenblick kam von oben seine Frau. Sie hatte ihre schönste Toilette an und erschien Fredy so bezaubernd, day er alles vergaß, und sie entzückt betrachtete. Aber Las dauerte nicht lange. Zn seinem unbeschreiblichen Schrecken öffnete sich die Tür und der Fremde trat heraus. Die junge Frau schrie erschreckt auf. Sich besinnend rief ihm Fredy zu: „Sind Sie fertig?" Dieser nickte, wandte aber seine entzückten Blicke nicht von Mrs. Kepsy. -„Gehen wir!" rief Fredy, „das Auto wartet. Aber der Fremde rückte nicht voll der Stelle, er starrte die blendende Erscheinung der jungen Fran an und sagte dann mit riner tiefen Verbeugung: „Mein Name ist Banworden — Harry Vanworden." Ohne zu fragen, woher er so plötzlich erschienen sei, trat Banny mit strahlendem Lächeln auf ihn zu und sagte: „Wollen Sie nicht mit uns speisen, Mr. Vanworden?", „Es ist gar nicht Banworden," rief ihr Gatte verzweifelt, 7,es ist ein Techniker, der sich das elektrische Licht ansah." Er ergriff den Fremden am Aermel und zog ihn zum Ausgang. Er zeigte auf die Golfmütze und die Automobilbrille/ die dieser in der Hand hatte, und sagte aufgeregt: „So fetzen Sie doch die Brille auf, sonst erkennt man Sie. Sprechen Sie nicht — ich habe schon alles angoordnet, was nötig war." Der Chauffeur wartete auf das Zeichen zur Abfahrt, und Fredy nickte ihm zu. James beugte sich herab, um die Maschine in Gang zu bringen ... da versperrte etwas Entsetzliches, Blutiges den Weg. Es mar eingewickelt in die Lumpen eines grau und rot gestreiften Anzuges und bemühte sich vergebens sich aufzurichten. „Ich ergeb' mich!" murmelte der Unglückliche, „ergreifen Sie mich." Und die Stille der Nacht unterbrach itneber der Schrei der Sirene. Der Fremde besann sich zuerst. Er stieß Fredy zur Seite, nahiu den Mantel von seinen Schultern und warf ihn auf den Armen, setzte ihm die Automobilbrille auf und schleppte ihn ins Auto. In die Hand des Chauffeurs steckte er das Geld. „So rasch Sie können! Bis zur Bahn sind es nur zwölf Meilen. Unterwegs kaufen Sie ihm »Kleider, auf dem Bahnhof rin Billet nach Boston." Das Automobil verschwand rasch in der Dunkelheit. Fredy dachte, der junge Verbrecher würde gehen, aber zu feinem Erstaunen blieb er neben ihm stehen. „Und Sie?" fragte Fredy. Aber der sah nach der Stelle, wo Vanny stand, und sagte bittend: „Vielleicht gestatten Sie wirklich, daß ich znm Essen bleibe?" „Wer sind Sie beim?" fragte Fredy ganz benommen. „Ich sagte doch schon, daß ich Harry Vanworden bin." In der offenen Tür erschien der Haushofmeister. „Es ist serviert." Der Fremde stieß einen Ruf der Befriedigung aus. „Greedly," rief er. „Sagen Sie, bitte, Mr. Kepsy, wer ich bin." Auf Greedlys Gesicht erschien ein Lächeln, dessen er nicht eimnal Fredy gewürdigt hatte. Er verbeugte sich lief vor dein jungen Mann. ^,,Wenn Mr. Harry Banworden zuin Essen bleibt, erlauben Sie, Sir, daß ich eine Flasche Paul Vibert 84 heraus!- bringe?" »Nicht eine Flasche, einen ganzen Korb," rief Mr. Kepsy. * Um 10 Uhr, als sie noch bei Tische saßen und den Grad vollständiger Uebereinstinnnung erreicht hatten, der sonst nur unter längst bekannten Menschen herrscht, brachte Greedly einen Zettel, auf dem eine soeben telephonisch eingelaufene Nachricht stand. Sie war vom treuen James. Laut las Fredy: „Ich .erhielt alles Notwendige, und setzte ihn in den Zug nach Boston. Auf dem Wege nach Hanse bin ich arretiert worden> wegen zu schnellen Fahrens durch die Stadt. Senden Sie Geld^ um die Strafe zu bezahlen." Vermachtes. ff. Die Mode bei Tische: wie man Früchte her« nm reicht. Nicht mehr die altehrwürdige Fruchtschale auf hohem Fuß wird bei großen Diners und Festlichkeiten aufgefahren, sondern wie Pariser Modeblätter berichten, werden jetzt die Früchte am Ende einer Mahlzeit auf neuartigen, silbernen, kristallenen ober porzellanenen Platten herumgereicht. Wohl nicht zuletzt deshalb, weil dadurch die kleinen Bergstürze und Unglücksfälle vermieden werden, die bei Heu kunstvoll aufgebauten Fruchtpyramiden nicht selten unausbleiblich waren. Jetzt wird jede Frucht, Trauben, Bananen, Aepfel, Birnen, Mandarinen, Nüsse oder Ananas, für sich serviert und zwar von dem Nachbar durch einen Wall von grünen Blättern sorgfältig geschieden. Natürlich hat sich auch die Industrie sofort dieser Moderichtung bemächtigt. Es werden neuerdings fein ausgeführte Fruchtplatten auf den Markt gebracht, die verschiedenartige Fächer aufweisen. Für das kleine, intime Diner gibt es einen hübschen Fruchtbecher aus Kristall. Der Henkel stellt einen Weinzweig bar, an dessen Ranken getrocknete Trauben ober andere Früchte aufgehängt werden können. * Der Fingerhut und bie Glockenblume sind bekannte Pflanzen■ und wurden schon in uralten Zeiten als Ziersiauden in den Gärten gezogen. Ihre Verwendung kann auf vielseitige Art geschehen, als Einzelpflanzung auf Randbeeten ober im Rasen, ober in ganzen Gruppen, ober vox ober zwischen Gehölzen. Die Blütezeit dieser beiden Stauden ist im Monat Juni und Juli, lieber ihre Kultur will ich' nur kurz erwähnen, daß der Fingerhut ausdauernd und winterhart ist. Die Anzucht erfolgt durch Aussaat im Frühjahr. Der Same keimt leicht, und es wachsen die Pflanzen im Laufe des Jahres zu kräftigen Büschen heran, welche im nächsten Sommer zur Mute gelangen. Der Fingerhut kommt in verschiedenen Arten unb Farben vor, in weißrosa, purpurrot, hellgelb n. a. Die großen, glockenförmigen Blüten sind außerdem im Innern verschieden gesprenkelt. Schön ist eine monströse Abart, bei welcher die oberste Blüte schalenförmig erweitert und sehr groß ist. Die genannte Glockenblume ist nur zweijährig. Die Pflanzen sterben nach der Samenreise vollständig ab. Die Glockenblume muß daher wie Lack, Nelken, Stieflnütterchen alle Jahre frisch durch Aussaat heran- gezoaen werden. Auch die Glockenblume kommt in verschiedenen Farben vor, besonders schön sind bie weißen, rosa und zartblauen Sorten. Eine Abart verbient besonders hervorgehoben zu werden, es ist bie Form calysanthema, bei welcher sich bie Kelche schalenförmig erweitern und die Farbe der Blüten angenommen haben. f ’i t i u p r t a i s * Unter Freundinnen. Er:, „Soll ich Ihnen etwas Eis bringen, während Fräulein Selldorf singt?" — Sie: „Ich danke, nein. Wenn ich bei diesem Gesang etwas nehmen würde, wäre es Chloroform." * Ist das eine Art unb Wei s e? Söhnchen eines Rechtsanwalts (nach einem handgreiflichen väterlichen Erziehungsakt) : „Für beit gemeinsten Raubmörder reißt er sich sämtliche Beine ans, und mich schlägt er wegen einer lumpigen Zigarette halb tot!" Magisches Dreieck. In bie Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben n a a c h h h h i i n n n n r derart einzutragen, baß die einander entsprechenden wagerechten und senkrechten Reihen gleichlautend folgendes bedeuten: 1. Asiatisches bleich. 2. Kampilusliges Tier. 3. Ein Fürwo.t. 4. Ist in Pennsylvauien zu finden. 5. Einen Buchstaben. Auflösung in nächster Nummer. Redaktion: K. Nenrat h. Auflösung des Geographischen Vcrschiebrätsels in voriger Nummer: Nanking 5lia«-Tfchon Heringsdorf Norcksee Spanien . Amerika Havana New Bork Nzunphenvurg Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen. e t s c t I i i l s 1 i i i j i 5 1 H : ii